Weinrallye #62: Grenzen des guten Geschmacks ?

26. April 2013

 

Täume soll man ernst nehmen


Von Peter Züllig


Drei Träume sollten mich einst (vor mehr als fünfzig Jahren) in die Welt der Erwachsenen bringen.

 

1. Einmal allein in die grosse Welt verreisen. Diese Welt war für mich die Grossstadt, genauer: Paris.

2. Einmal Nscho Tschi – die Schwester von Winnetou – küssen. Ich konnte nicht begreifen, dass der smarte Old Shatterhand sie nicht in die Arme genommen hat.

3. Einmal ein Glas Wein ganz allein trinken, nein eine ganze Flasche, anstatt nur verstohlen am Messwein zu nippen.

Mit knapp sechzehn war ich wild entschlossen, diese Träume wahrwerden zu lassen. NschoTschi war nicht in der Grossstadt zu finden, schon eher im Wald in der Nähe unseres Dorfes (sie hiess übrigens nicht NschoTschi sondern Rita!). Paris erreichte ich per Autostopp. Ich bin zuhause sozusagen ausgebüxt (unter Tränen der Mutter und Drohungen des Vaters). Und in Paris – auf der Treppe des Trocadero (der Eifelturm vor meinen Augen) trank ich dann den ersehnten ersten Wein (meine Eltern konsumierten sozusagen nie Wein).

Natürlich war es die billigste Flasche, die ich mit Clochards Hilfe auftreiben konnte (ich hatte ja praktisch kein Geld). Der Wein kam wohl aus Südfrankreich, vielleicht aus Algerien, ein sogenannter Arbeiter- oder Clochardwein.

An den Geschmack des Weins kann ich mich nicht erinnern. Er war eher sauer, denn süss, wie der Messwein. Doch an den Duft erinnere ich mich noch genau, er sitzt mir noch immer in der Nase und vermischt sich mit dem – heute würde man sagen – Gestank der Grosstadt, der schon damals verschmutzten Seine und dem aus dem Smog sich erhebenden Eifelturm.

Seither weiss ich, dass der Geschmack keine Grenzen kennt, weder der gute, noch der schlechte Geschmack. Schon gar nicht ist er an einen Preis gebunden. Seither habe ich auch ein besonderes Flair für Billigweine, die ich heute als Fusel bezeichne. Seither ist mir auch klar, wie viel letztlich – auch bei der Weinbeurteilung – von der Stimmung abhängt, von der Atmosphäre, den Umständen, einer bestimmten Situation.

Dies alles steigt in mir hoch - beim Start zur 62. Weinrallye. Der Weg führt nicht weit, kaum hundert Meter - bis zum Dorfladen, wo ich so ziemlich  alle Lebensmittel einkaufe für den täglichen Konsum – ausser dem Wein. Zum ersten Mal hole ich hier drei Flaschen, sie dürfen nicht mehr als sechs Franken kosten, denn es gilt die Grenzen meines „guten“ Geschmacks auszuloten.

Hier das protokollarische Ergebnis, unwissenschaftlich, subjektiv, von der Stimmung und Atmosphäre abhängig. Die Erinnerung an die Treppen des Trocadero begleitet mich.

1. Casa Vinicola, Botter Carlo: Bardolino, 2010, Vino Rosso Veronese   5.20 CHF.
In der Nase ansprechend, weich, sogar rund, angenehm; im Mund suche ich die Frucht vergeblich, dünn, nicht unangenehm, eher belanglos, „süffig, apart“, steht im Prospoekt, ob er auch „köstlich“ ist, wag ich zu bezweifeln. Ich denke an den „Arbeiterwein“: der war ungestümer, eckiger, aber auch „köstlicher“ (für mich), im Abgang ein leises Winken, fröhlich angenehm, nicht säuerlich Es scheint, dass sich die Weltläufigkeit auch im unteren Segment der Weine durchgesetzt hat. In einfachen Restaurants – so scheint mir – habe ich diesen Wein schon öfters getrunken, für rund 5 CHF das „Einerli“!

2. Crea Classic Wines : Follare, 2012, Primitivo Salento, Casoli, Italia   5.95 CHF
In der Farbe gar kein Primitivo, eher rosa, denn rot. In der Nase deutlich nichtssagender als der Bardolino; im Gaumen aber facettenreich, charmant, durchaus mit Frucht. Doch eine gewisse Eintönigkeit kann er nicht ablegen. Der Wein erinnert mich schon eher an einen „Arbeiterwein“, wobei auch hier sich Ecken und Kanten auflösen, sozusagen weichgespült sind. Ein angenehmer Wein, doch keiner, der im Gedächtnis haften bleibt. Man kann sogar die Herkunft erkennen: Apulien.

3. Cave Duprée, Perroy : Chasselas de Romandie, 2012, Vin de Pay

6.90 CHF.
Der einzige Schweizer unter den drei Weinen und erst noch (je nach Währungsumrechnung) leicht über der Grenze des Geschmacks. In der Nase prägnant, sogar blumig, sauber, dann im Gaumen stark adstringierend. Unverkennbar: Chasselas, so wie man sich den Schweizer „Gutedel“ vorstellt, bevor er sich immer mehr zu einem ab und zu gepflegten Top gemausert hat.

Im Nachtrag möchte ich noch anfügen. Der „Volg“ ist kein „Billigladen“, eher eine teurere Lebensmittelkette für Alltagsprodukte, er hat sich vor allem auf dem Land durchgesetz, ein Kleinverteiler, der fast in jedem grösseren Dorf anzutreffen ist, stark in der Landwirtschaft verankert, führt auch ein durchaus populäres und preislich attraktives Weinsortiment und (dies weiss man kaum) beliefert offenbar viele (kleinere) Restaurants.

 

Ehrlich gesagt, bisher habe ich – obwohl fast täglich im Laden bin - die Weine hier noch nie angeschaut. Es ist nicht mein Ort des Weinkaufs. Doch die Erfahrung ist durchaus positiv., für Alltagsweine, als Ausnahme.

 

Und noch etwas. Einen schweizerischen Rotwein zur geforderten Geschmacksgrenze, habe ich nicht gefunden. Diese liegen alle deutlich über 8 CHF. Wir sind eben im "Hochpreisland" Schweiz!

 

Abschliessend: Es hat Spass gemacht!

 

Der gleiche Text erscheint auch auf dem frei zugänglichen Blog von facebook:
"Wein im Gepäck"


Die Weinrallye ist ein Blogevent, das jeden Monat einmal stattfindet (in der Regel am letzten Freitag im Monat). Einer der teilnehmenden Blogs übernimmt die Führung, bestimmt das Thema, lädt ein, verlinkt die Beiträge und erstellt eine Zusammenfassung

 

Diesmal wird die Weinrallye vom Blog drunkenmonday durchgeführt.


Sinn und Zweck einer Weinrallye ist einzig und alleine der Spass und die Motivation, schöne Themen aufzuarbeiten. Bei der Weinrallye darf jeder mitmachen, egal ob Weinblogger oder nicht. Auch Nichtbloggern bieten die Gastgeber immer die Möglichkeit ihre Beiträge auf ihrem Blog zu veröffentlichen. Allgemeine Informationen und Logos findet man auf den entsprechenden Seiten von Thomas Lippert (dem Gründer des Events) auf Winzerblog: http://winzerblog.de/weinrallye/ Wer gerne einmal selbst als Autor/Themengeber mitmachen möchte, findet alle Infos und die kommenden Themen auf der Weinrallye Seite bei mixxt (Registrierung erforderlich). http://weinrallye.mixxt.de/

24. April 2013

 

Die Weinrally #62 ist vorbei!

 

Zusammenfassung

 

Grenzen des guten Geschmacks ?

Weine weniger als 5 Euro die Flasche

                                                          ausgerichtet von Drunkenmondy
                                                          (Nico Medenbach)

 

Eine tolle Beteiligung - Billigweine machen Furore! Zumindest die Gedanken dar¨über.
Hier die Zusammenfassung (und Verlinkung)

 

Auch auf meinem Blog "Wein im Gepäck" (der gleiche Beitrag, mit Diskussion).

24. April 2013

 

Vorschau:
am Freitag, 26. April 2013

Weine unter 5 Euro die Flasche

 

Die Diskussionen, ob unter 5€ anständiger Wein produziert werden kann, haben einen Bart von Frankreich bis nach Paris und wurden in der Vergangenheit in diversen Online-Wein-Medien oft genug durchgekaut. Diese Weinrallye bietet für euch die Möglichkeit zu zeigen, ob (und wo) es “guten Wein” unter 5€ gibt. Somit habt ihr die einmalige Chance, alle Kritiker von dem Gegenteil zu überzeugen. Packt euren Liebling vom Weingut Tradition und Söhne aus, oder schreibt über eure Entdeckung des Jahres aus dem Lebensmitteleinzelhandel. Bei maximal 5€ Flaschenpreis darf man bei größerem Geldbeutel z.B. auch gerne über mehrere Weinen einer Rebsorte berichten. Ein Aldi vs. Lidl Vergleich kommt mir hier spontan in den Sinn. Seit kreativ und scheut nicht vor Wein-Universen, die der Otto normal Weinliebhaber eher selten bereist. Ich freue mich auf eure Berichte und Wünsche viel Erfolg bei der Auswahl des richtigen Weines.

Möge der Genuss mit euch sein!

Nico Medenbach