20. Dezember 2012

 

Jubiläumsabschlussfeier

derSchweizer-Karl-May-Freunde am 15. Dezember in Luzern

 

„Ein großer Mensch ist derjenige, der sein Kinderherz nicht verliert“

 

An diese Satz des Sinologen (Chinawissenschafter) James Legge muss ich unwillkürlich denken, wenn sich etwa dreissig Karl-May-Freundinnen und –Freunde heute in der „Liedertafelstube“ in Luzern versammeln. Es gilt Abschied zu nehmen. Abschied vom Karl-May-Jahr, das in wenigen Tagen zu Ende gehen wird. Abschied aber auch vom Elmar Elbs, dem Gründer und langjährigen Leiter der „Schweizer-Karl-May-Freunde“, der – wie sagt man so unverbindlich – in den Ruhestand treten will.

Doch alles schön der Reihe nach: Einst stellten hier im Süsswinkel, mitten in der Altstadt von Luzern, „säumende Entlebucher ihre Maultiere ab“. Das war noch im 18. Jahrhundert. Seither heisst der Ort - und das Haus Nummer 8 - Eselstall. Natürlich ist es längst kein Stall mehr, vielmehr ein stattliches Gebäude, wo sich im Dachgeschoss das Vereinslokal des Luzerner Männerchors buchstäblich „versteckt“. In diesem Lokal – es ist auch eine wunderschöne Gaststube – versammeln sich die Schweizer-Karl-May-Freunde. Jahresabschlussfeier nennt sich der familiäre Anlass.

Abschluss bedeutet immer auch Abschied. Ein unglaublich intensives Karl-May-Jahr neigt sich dem Ende zu (wie bildlich ist doch die deutsche Sprache!). Höhepunkt – wenigstens für uns in der Schweiz – war zweifelsfrei die Karl-May-Ausstellung im Gutenbergmuseum in Fribourg. Sie kam nur zustande, weil Elmar und seine Frau Charlotte, - nicht zum ersten Mal in den letzten zwanzig Jahren - unglaublich viel Fronarbeit geleistet haben, um dem Ansehen und der Bedeutung des sächsischen Erfolgsschriftstellers gerecht zu werden.

Draussen – in der Stadt - vorweihnächtliche Stimmung, Weihnachtsmarkt, die Seebrücke in ein Lichtermeer getaucht, drinnen – im Dachgeschoss - Warmherzigkeit, Gemütlichkeit, ein gutes Essen, ein lockeres Programm, an dem man auch – aber nicht ausschliesslich – über Karl May spricht.

In den Reden zum Rücktritt des Leiters Elmar Elbs werden – im Wesentlichen – zwei Botschaften vermittelt: Ein riesiger Dank für zwanzig Jahre unermüdlichen Einsatz für eine Sache, die – wenigsten uns – am Herzen liegt: Karl May. Für viele nur nicht viel mehr als eine nostalgische Erinnerung an die eigene Jugend und ihre Helden Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und – man darf es ruhig sagen – Hadschi Halef Omar. Wie heisst er nun schon wieder, der kleine, quirlige, treue Begleiter des Ich-Erzählers Kara Ben Nemsi (alias Karl May), mit seiner grössten Schwäche, dem Hang zum Aufschneiden und zur Prahlerei? Natürlich: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. Aber dies muss man die Anwesenden nicht fragen, sie wissen es, wohl seit ihrer Jugend.

Die zweite zentrale Botschaft des Abends hat Gerhard Zbinden (Geru) formuliert – nicht im direkten Auftrag, vielmehr im verbindenden Karl-May-Geist der Anwesenden – „es muss weitergehen“. Ein Rücktritt – eine sogenannte Pensionierung – ist noch lange kein Grund, etwas aufzugeben, was vielen ans Herz gewachsen ist: die Freundschaft, die Vertrautheit und der lockere Umgang mit dem Werk eines Dichters, der immerhin Monumente wie Winnetou und Old Shatterhand geschaffen hat, literarische Figuren, die schon mehr als hundert Jahre überlebt haben und noch ein paar weitere überleben werden.

Die unbarmherzig dahin rinnende Zeit bringt nicht nur – wir alle wissen es – Erinnerungen, gute und schlechte, auch das Vergessen. Dieses Vergessen bereitet vielen von uns Mühe. Wie kann man einen Schriftsteller vergessen, der ein so riesiges Werk geschaffen und mit seiner unglaublichen Fantasie Generationen von Menschen beeinflusst hat. Es ist auch dieses Vergessen, welches Elmar zunehmend Mühe bereitet hat. Karl May nur noch als – immer kleiner werdender – weisser Fleck in der Literaturforschung der Germanisten, das ist nicht „unser“ Karl May.

Über „unseren“ Karl May braucht man in dieser Runde nicht zu reden. Alle kennen ihn, die einen besser, die anderen weniger; die einen durch seine Wildwest-Fantasien, die andern als Begleiter auf seinen fiktiven Orient-Reisen, und die ganz Treuen haben sich schon längst auch mit seinem Spätwerk befasst, sie sind Gäste von Marah Durimel auf Sitara geworden, wo auch in Dschinnistan eine Friedensmission zu erfüllen ist.

Aber was erzähl ich da? Dies alles (und noch weit mehr) wissen die Gäste, die sich hier, in der „Liedertafelstube“ eingefunden haben. Für die meisten ist Karl May längst ein Freund geworden – sie sind nicht nur Leser, Sammler, Nostalgiker, Cinéasten… - sie sind auch gute Kenner der – erst in den letzten Jahren tiefer und gründlicher erforschten - Karl-May-Welt.

Natürlich gibt es an diesem Abend auch hochoffizielle Handlungen. Zum Beispiel die Ehrung jener vier Anwesenden (drei Männer und eine Frau!), welche sozusagen von Anfang an beim Freundeskreis mit dabei waren. Oder die Belohnung der Gewinner eines (abschliessenden) Wettbewerbs, der mit der Einladung zum Fest einhergegangen ist. Jetzt wäre auch der Augenblick gekommen, um Namen zu nennen, um zu Personalisieren, um zu zeigen, wer da alles mitmacht, wer Karl May liest oder gelesen hat.

Ich erspare mir diese – zwar berechtigte – aber immer heikle Aufgabe (oder überlasse sie der Bilanz von Elmar). Namen sind sicher wichtig, vor allem wenn es weitergehen soll. Doch in diesen Stunden obsiegt die Erinnerung an schöne Stunden, schöne Tage, schöne Anlässe und schöne Reisen mit und um Karl May.

Es gab einmal einen Film, welcher vor mehr als zehn Jahren in Luzern und auf der Rigi gedreht wurde, um sich erfolgreich für die Durchführung der Jahrestagung 2001 der Karl-May-Gesellschaft zu bewerben. Den sehen wir uns schmunzelnd (amused!) nochmals an. Ein verstohlener Blick zu den Protagonisten – ja, auch sie sind älter geworden.

Ein nächster Programmpunkt: Elmar führt in Bildern und Erinnerungen zu wichtigen Orten, an denen Karl May gelebt, gearbeitet und sein Werk geschaffen hat, nach Sachsen. Dort sind viele Karl-May-Freunde in den vergangenen Jahren aufgetaucht, so wie jetzt ein Gast, den ich doch noch namentlich erwähne: Charles J.P. Helbling, der Direktor des Hotels Bellevue au Lac in Lugano. Auch er ein Karl-May-Freund, der jetzt jenes Hotel leitet, in welchem Karl May – vor 113 Jahren – auf seiner realen Orientreise abgestiegen ist. In diesem Hotel steht heute noch eine Vitrine mit Karl-May-Werken und Bildern, die – so hat man uns versprochen – noch etwas erweitert werden soll.

Nostalgie ist – wenn es um Karl May geht – immer wieder ein zentrales Thema. Dies kann nicht viel anders sein an dieser Jubiläumsabschlussfeier. Elmar, der Unermüdliche – wir glauben es kaum – ist müde geworden. Er gibt uns die dritte Ausgabe des „Karl-May-Boten“, illustriert und gedruckt mit auf den Weg. 1992 – 2012 – „Was geschah in all den Jahren?“. Ja, es ist viel geschehen – fein säuberlich dokumentiert – in einer Festschrift.

Es bleibt nur die Frage: Was wird weiter geschehen? Keine Angst, die 38 Leute, die heute nach Luzern gekommen sind, lösen sich nicht einfach auf. Auch wenn sie – unbestritten – zwanzig Jahre älter geworden sind, als im Jahr, in dem der Freundeskreis gegründet wurde. Es ist nicht nur das „Kinderherz“ das wir nicht verloren haben. Es ist der ausgesprochene Wunsch, dass wir uns wiedertreffen. Und Wünsche soll man sich erfüllen, besonders jetzt in der Weihnachtszeit. Es ist deshalb ein gutes Omen, dass ein paar Tage vor Weihnachten die „Die Schweizer Karl-May-Freunde“ in Pension gegangen sind. Wir alle wissen, viele Pensionisten sind weit über ihre Pension aktiv. Oft aktiver noch als zuvor. Deshalb ist ein Satz in der überreichten Chronik gründlich falsch, der da heisst „Auflösung der Schweizer-Karl-May-Freunde“. Man kann nicht etwas auflösen, was noch da ist. Man kann allenfalls versuchen, etwas zu entsorgen. Doch das will kaum jemand von denen, die an Abschlussfeier dabei sind. Und es gibt noch einige die es auch nicht möchten, auch wenn sie jetzt nicht nach Luzern gekommen sind. Sie haben wohl etwas verpasst, wir nicht. Wir sind dabei gewesen beim denkwürdigen Übergang zu den „neuen Karl-May-Freunden“. Herzlichen Dank Elmar – auf baldiges Wiedersehen.


Peter Züllig