Mediale Präsenz

10. Juni 2012

 

Karl May war auch ein "Medienstar", allerdings in den Medien des ausgehenden 19. Jahrhunderts. "Medien", das waren damals noch nicht Radio und Fernsehen, schon gar nicht Internet mit Facebook und Twitter, sondern Bücher, Zeitschriften und natürlich Zeitungen. Der Autor hat seine Popularität auch genossen; er hat sich während fast zwanzig Jahren als Star präsentiert, nachdem er es bis dahin im Leben nicht ganz einfach hatte. Dann hat ihn - in seinen letzten Lebensjahren - das erreicht, was vielen "Stars" passiert: Neid, Kampf, Missverständnis, Verachtung und schliesslich sogar das Vergessenwerden.

Doch "verschwunden" ist er eigentlich nie, dafür war sein Werk zu populär, die Werke  zu lebens- und auch traumnah, als dass ihn so einfach beiseiteschieben konnte. Es gab ein Auf- und Ab, die Popularität löste das Vergessen ab und umgekehrt. Tatsache ist, dass kaum ein Autor so lange und so intensiv mit seinem Werk präsent geblieben ist. In Zeitspannen ausgedrückt: hundert Jahre (und mehr!).

Sein riesiges Werk (heute verlegerisch umgesetzt in etwa 100 Bücher, die er geschrieben hat!) liess sich immer wieder "vermarkten", vor allem in den "neuen" Medien wie Film, Fernsehen und Radio.


In den 60er Jahren erreichte der "Star" Karl May - durch unglaublich populäre Filme - einen wahren Höhenflug, postum, fünfzig Jahre nach seinem Tod. Inzwischen hat auch die Vermarktungsindustrie ganz andere Dimensionen angenommen, als zu Karl Mays Zeiten, wo fiktive Helden, Bücher - überhaupt das Lesen - noch zum Luxus gehörte. Jetzt bekam Karl May neue Gesichter: Pierre Brice, Lex Parker, Marie Versini, Mario Adorf und, und, und...

Aber auch die Bilderwelt nahm sich seiner an. Die vielen, einst fremden, von ihm so präzis beschriebenen Welten, erstanden in Comics zu neuen Phantasiewelten. Seine Helden durchstreiften neue Landschaften, gezeichnete, erdachte, bildlich neu gestaltete.

Der Weg von der Jugendzeitschrift "Der gute Kamerad" - wo Karl May seine ersten Texte veröffentlichen konnte - führte zum "Bravo", von wo seine wichtigsten Gestalten lebensgross in die Zimmer der Teens eindrangen und wieder zu Traumfiguren wurden.

All dies wird in der Ausstellung dokumentiert. Von den ersten "Lieferungsheften" seiner Romane - über die Popularität und den Fall - bis zur Neuvermarktung im Film und der "Vergessenheit" im kurzlebig gewordenen Zeitalter von Harry Potters.

Das Startum produziert halt mitunter kuriose und seltsame, aber auch interessante und einmalige Phänomene. Zum Beispiel Jahr für Jahr neue - auch neu erdachte - Abenteuer auf den rund zehn Freilichtbühnen, die ausschliesslich May-Gestalten auftreten und sterben lassen. Oder in der Neuauflage von Kolportageromanen wie das "Waldröschen", Werke, die lange Zeit unter Verschluss blieben und offensichtlich heute ein Gegenstück zur technisierten Welt darstellen.