Medien

14. April 2015

 

Der Aufmacher

 

Der Aufmacher ist gleichsam die Visitenkarte einer journalistischen Präsentation. Da gab es die ganz konservativen Presseprodukte, zum Beispiel die NZZ, die bis in die 70er Jahre kein Bild - nur Text, fast ausschliesslich Ausland - auf der Titelseite hatten. Da gab es aber auch - seit den 50er Jahren - die bei uns aufkommende Boulevardpresse, die mit Bildern und fetten Schlagzeilen um Aufmerksamkeit buhlten. Seit den 60er Jahren versuchte auch das Fernsehen - vor allem die Newssendungen - mit geschickten Aufmachern (die Reihenfolge wurde da wichtig) das Publikum zu erreichen. So hat sich bis heute beim Schweizer Fernsehen in der Tagesschau ein Aufmacher mit den vier wichtigsten Themen (in kurzen Flashs) durchgesetzt, wobei der letzte Flash immer das Wetter betrifft (Die Wetterprognose ist ein festes Ritual und bräuchte eigentlich keine Ankündigung. Trotzdem wird es getan, Tag für Tag, eigentlich nur weil das Wetter sowohl attraktiv als auch relevant und glaubwürdig ist.)

Ausnahmsweise fünf Aufmacher - zweimal Wetter (einmal indirekt: Sechsileuten)
Ausnahmsweise fünf Aufmacher - zweimal Wetter (einmal indirekt: Sechsileuten)

Das Beispiel zeigt auch in der Reihenfolge eine Mischung von Relevanz und Attraktivität, von Alltagsnähe und besonderen Ereignissen.

Wird dieses Prinzip allzu fest tangiert, spricht man von Boulevard. Ein Begriff, der leicht und anklägerisch über die Lippen kommt. Boulevard ist eine Fokussierung auf Attraktivität und gehört im Kampf um Aufmerksamkeit zu jedem Medium (will es überhaupt wahrgenommen werden)

Was sich aber das News-Portal watson an diesem Tag geleistet hat (siehe Bild ganz oben: das Skandälchen gross, zuvorderst, Grass weit hinten in der Rubrik Kultur), ist nicht Boulevard, schon gar kein guter, es ist schlicht Unvermögen, fehlendes journalistisches Können oder Unfähigkeit, geschichtliche Bedeutung richtig einzuordnen. Vielleicht ist es auch Verliebtheit in das selbstkreierte System von Attraktion und Provokationslust. Was dabei auf der Strecke bleibt: die Glaubwürdigkeit und die Ehrlichkeit im Journalismus. Eine erbärmliche Visitenkarte.