Weinrallye Gastbeitrag:

“Riesling, Riesling, nur du allein…

 

Gastbeitrag des schweizer Weinautors und Wein-Plus Kolumnisten Peter Züllig zur Weinrallye #43 Riesling-Spätlese: …sollst stets der Wein meiner Träume sein!”

Ja, die Weinrallye ist endlich angekommen, dort wo die deutschen Herzen schlagen, beim Riesling. Zugegeben, als „Ausländer“ bin ich nicht zuständig für eine objektive Betrachtung, eigentlich bin ich nur Randfigur, der das Wunder Riesling nicht versteht, nie verstehen wird. Meine deutschen Weinfreunde vermitteln mir diesen Eindruck, immer und immer wieder, vor allem wenn ich bei deutschen Winzern fast schüchtern – oder eingeschüchtert - nach Rotweinen - oder noch viel schlimmer - nach Chardonnay oder Weissburgunder frage. Nein, Riesling muss es sein und zwar – wenn man nicht gerade an der Mosel ist – trockener. Wenn ich mit meinen deutschen Weinfreunden gar in andern als deutschen Weingebieten unterwegs bin, zum Beispiel in Frankreich -  dann reisen in ihrem Gepäck auch immer Rieslinge mit: Reparaturweine!

 

Und wenn ich ab und zu – ob all der Rieslinge-Euphorie – den Absolutheitsgrad in Frage stelle, dann werde ich in die Schublade: „Der mag halt keine Rieslinge“ abgelegt. Es kommt mir vor, als würde man mir immer wieder die modifizierte Gretchenfrage stellen: „wie hast es du mit dem Riesling?“ Erwartet wird ohnehin nur ein Ja oder Nein, denn was meist folgt gleicht eher einer Inquisition, denn die Scharfrichter stehen überall bereit.

Nun ja – ich habe es überlebt, bis heute. Obwohl ich Peter heisse, habe ich die Petrus-Sünde nie begangen, den Herrn und Freund Riesling nie verleugnet. Auch nie in Frage gestellt, dass es in Deutschland die besten Rieslinge gibt und dass der Riesling ein ausgezeichneter Wein ist, sozusagen das Weinaushängeschild Deutschlands.

Wenn nun die Wein-Rallye endlich wieder einmal dem Riesling nachspürt, zeigt sich die Popularität der Fahrt schon bei den Anmeldungen: Es sind bereits 24 Zusagen und es werden noch mehr, davon bin ich überzeugt. Bei andern, vielleicht etwas sperrigeren Themen – zum Beispiel „Wein und Humor“ oder „Autochthone Rebsorten“ – waren es die Hälfte oder ein Drittel, die schliesslich in die Blogs eingestiegen sind. Dies soll keine Schelte sein, sondern ein Hinweis auf die Popularität des Themas.

Nun denn – so bin auch ich in den Keller gestiegen. Habe als Weinliebhaber mit schlechtem Riesling-Ruf nach einer Spätlese geforscht und bin – wer hätte es gedacht – fündig geworden.

Drei Weine – zwei aus dem Rheingau, einer aus der Schweiz. Nehmen wir zuerst den Exoten, den Schweizer. Auch hier gibt es nämlich (wenig) Riesling, sogar so etwas wie eine Spätlese, oder vielleicht besser - Beerenauslese. „Flétri“ nennt sich der Wein, er wird nur im grössten Weinkanton der Schweiz gekeltert, im Wallis. Vielleicht ist er doch nicht zu vergleichen mit der Spätlese, obwohl es den mi-Flétri (etwa halbtrockenen) und natürlich den süssen Flétri gibt; Botrytis ist meist nicht im Spiel (obwohl es diesbezüglich keine Vorschriften gibt!). Die Trauben werden meistens sehr spät gelesen (flétri = verwelkt - verwelkt am Rebstock):  

Mein Riesling Flétri, 1998,  hat einer der besten Walliser-Winzer, Simon Favre-Berclaz, in Venthône in die Flasche gebracht. Es ist nicht nur eine köstliche, sogar eine kostbare Flasche, denn irgendwie will der Wein gar nicht in die Flétri-Linie passen. Meist sind es traditionelle Walliser Rebsorten, wie Ermitage, Heida, Amigne, Johannisberg, Arvine, die zu Flétri-Weinen ausgebaut werden. Aber Riesling? Tatsächlich habe ich im Wallis noch nie etwas ähnliches angetroffen: eine Beerenauslese, die so frisch, vielschichtig und noch mit viel Fruchtsäure, die eine wunderbare Harmonie  in die Süsse bringt. Trotzdem, – das gebe ich zu – der Flétri ist und bleibt ein Aussenseiter, auch wenn die Rebsorte Riesling heisst.

Der zweite Wein ist wohl wenig aussenseitig, wenn auch wenn er bereits älter ist: Fürst Löwenstein, 1990er Spätlese, rosagold. Vielleicht doch etwas, das eher in die Schatzkammer gehört und nur bei besonderen Anlässen ins Glas kommt. Ich versuche es trotzdem: der Wein entwickelt eine ausgeprägt Nase von tropischen Früchten, natürlich etwas Honig, und was mich am meisten erstaunt, eine ganz Ladung an Säure. Ist dies nun ein grosser, deutscher Riesling? Ich bin verunsichert, besonders in Bezug auf die Reifetöne. Mir fehlt als fast Riesling-Greenhorn die Erfahrung und die Möglichkeit des Vergleichs.

Da gibt mein (fast) rieslingfreier Keller aber doch noch eine weitere Flasche preis: Franz Künstler, 1997, Hochheimer Hölle, halbtrocken. Wir bleiben also im Rheingau und ich bleibe bei meinem letzten Versuch, den „Königswein“ der Deutschen halbwegs zu begreifen, auch wenn es auch diesmal kein trockener Riesling ist, halbtrocken eben, oder halbsüss… Nun, was sagen Auge, Nase, Gaumen? Zuerst einmal zarte Farbe, leicht verwelkte Nase, dann im Gaumen rassig, mit einem eleganten, längeren Abgang.

Inzwischen habe ich wohl begriffen: Da mache ich also eine ganze Reihe von Fehlern. Meine deutschen Weinfreunde, die Jahr für Jahr geduldig mit dem bordeaux- und pinot-verseuchten Schweizer zu Spitzenwinzern in Deutschland pilgern, schütteln den Kopf. Nicht halbtrockene oder gar süsse Weine sind eines echten Weinliebhabers würdig und nicht Weine, die zehn, zwanzig und mehr Jahre alt sind.

Trocken, jung und frisch müssen sie sein. Erst dann darfst Du über unsere Spitzenrieslinge schreiben, erst dann bist Du in unseren Augen wirklich rieslingtauglich!

Danke – ich habe es begriffen! Die zwei deutschen Rieslinge haben mir Spass gemacht, auch wenn ich nicht rieslingtauglich bin. Sie haben mir eine Fülle von Aromen und viel Eleganz vermittelt – auch wenn sie die Jeunesse dorée (Goldenen Jugend) verlassen haben und eher eine Jeunesse Flétri (Verwelkte Jugend) geworden sind. Ich verspreche, oder ich gelobe, beim nächsten Riesling-Thema an der Wein-Rallye werde ich junge, trockene Weine ins Glas bringen. Bis dann heisst es üben, üben, üben….