Auf zu Big Banana

 In diese Welt fahren wir, in einen Kontinent, wo vor 40‘000 Jahren nur die Aborigines lebten. Vor 40‘000 Jahren? Wir bewegen uns in einer vorgeschichtlichen Zeit, in der 1‘000 oder 10‘000 oder gar 100‘000 Jahre nicht von Bedeutung sind.

Doch die Archäologen streiten sich. Sind die Aborigines Nachfahren von Menschen, die vor 100‘000 bis 130‘000 Jahren aus Afrika „ausgewandert" sind. Australien war zu dieser Zeit mit Neuguinea über eine Landbrücke verbunden. Doch wie kommen Afrikaner nach Neuguinea – schwimmend wohl nicht und 60‘000 v.Chr. sind Boote sehr unwahrscheinlich. Ich komme ins Grübeln. Was bedeuten zweitausend Jahre in unserer christlichen Zeitrechnung?

Der Regenbogen ist nicht nur ein mythisches Symbol, auch ein physikalisches-optisches Phänomen, das durch Sonne und Wasser entsteht: eine Regenwand vor dem Betrachter, die Sonne hinter ihm, dazwischen der Regenbogen. Wir fahren also von der Sonne in den Regen. Von den Regenfällen und Überschwemmungen an der Ostküste Australiens haben alle gehört; wer immer uns in Australien wähnt, erzählt von den Verwüstungen um Brisbane. Was erwartet uns da? Die Zuversicht obsiegt: Lara unsere Reiseleiterin, ist kaum beunruhigt, jedenfalls zeigt sie es nicht. Alles geht nach Programm. Men Go West! Vielleicht besser: People Go West, denn es sind nicht nur Männer.

Reise-Handbücher können so schön schummeln, das Blaue vom Himmel holen, auch wenn dieser bedeckt ist. Sie müssen ja nicht befürchten, rot zu werden. Wir fahren im Regen. Von der viel besungenen wilden und romantischen Küste sehen wir nichts, oder sehr, sehr wenig. Dies liegt nicht nur am Wetter, vielmehr am Highway, der sich den kürzesten Weg durch die Landschaft bahnt. Highway? Es ist eine gut unterhaltene Strasse, oft mit richtungsgetrennten Spuren, aber ein Highway nach amerikanischem Muster? Das wohl nicht! Australien ist halt doch anders, vor allem viel weniger bevölkert.

Es sind zwar zuerst Vororte von Sydney, die wir durchqueren, wo Menschen hinziehen, die nicht in der Stadt leben wollen, aber in der Stadt arbeiten. Vororte von Paris, von Marseille, die Banlieus ihrem zweifelhaften Ruf kommen mir in den Sinn. Hier, vor oder hinter Sydney ist alles anders, ganz ländlich, „Wohnen auf dem Lande". So jedenfalls habe ich den Eindruck. Und dann der historische Glücksfall, die Landreserve für die Olympischen Spiele 2000. Ich erinnere mich noch gut, wie ich am Fernsehen mitfieberte, als Cathy Freeman, eine Aboriginie, das Olympische Feuer entzündete. Die Welt des Sports war bei den Ureinwohnern Australiens angekommen.

Das Olympische Dorf, das Aquatic Centre, (Juan Antonio Samaranch: „the best swimming pool I have seen in my life"), der Horsley Park – alles findet nur in der Erzählung der Reiseleiterin statt. Zu erkennen sind nicht einmal die Spuren davon. Jedenfalls nicht von unserem Reiseweg aus. Es liegen aber noch so viele Kilometer vor uns, nicht nur hundert, nicht bloss Tausend, später einmal 700 am einem Tag. Da ist das Durchfahren – Durchrasen – einer Landschaft angesagt, zumindest verständlich, zumal der Reiseprospekt kaum Hohepunkte angekündet.

Irgendwann – ich bin überhaupt nicht gefasst – sehe ich einen Wegweiser: Vineyard. Da führt wohl eine Strasse ins Hunter Valley, nehme ich an. Von Weinhügeln aber ist weit und breit nichts zu sehen. Was in den Aussagen der Australier „nahe gelegen" ist, ist für mich weit, weit weg. Zu gerne hätte ich etwas von den Reben erhascht, die am Anfang des australischen Weinwunders standen, als der Schotte James Busby 1923 die ersten Reben an den Ufern des Hunter-Rivers pflanzte.

Ein Trost, wir fahren ja noch nach Adelaide, in den Süden, wo heute das grösste australische Weingebiet liegt. Verschoben ist nicht aufgehoben. Innerlich muss ich zur Kenntnis nehmen, dass Wein – zumindest in den ersten drei Viertel der Reise kaum eine Rolle spielt. Ich nehme mir vor, heute Abend eine besonders gute Flasche australischen Wein zu trinken.

Die Blue Mountains sind so schön beschrieben. Nationalpark, „Schluchten, Wasserfälle, schattige Täler, Eukalyptusbäume". Davon sehen wir nur die Bäume, mehr nicht. An die „Pinkelpausen" auf den Autoraststätten – sie sind auf allen Autostrassen der Welt in etwa gleich: gleiches Angebot, gleiche Anlage, gleiche Unkultur – muss man sich erst gewöhnen. Es geht nicht viel anders: gesetzlich verschriebene Ruhepausen für den Chauffeur. Wir sind ja dankbar, denn wir vertrauen ihm unsere Sicherheit an, während Tagen, über vieltausend Kilometer.

Port Macquarie – aufatmen – wir sehen die Küste. Kilometerlange Bade- und Surfstrände – hurra eine Stadt, und nicht bloss ein Rastplatz an der Autobahn. Es hat Menschen, die den Sommer geniessen, die baden und surfen, wir sehen sogar den berühmten Leuchtturm – untrügliches Zeichen für den Blick ins weite Meer hinaus. Endlich habe ich auch innerlich die Wandlung von der „Gefangenen-Insel" zum heutigen Surfer-Paradies vollzogen. Wir sind doch in Australien angekommen.

Ein Wolkenbruch verkürzt das Strandgefühl. So fällt der Abschied nicht schwer, rein in den Reisebus, rein ins Trockene. Vorher fragte mich noch eine nette ältere Australierin, die genau so wie ich dem Regen zu entkommen suchte: „machen Sie hier auch Ferien, es ist ein wunderschöner Strand und kein allzu regnerischer Sommer!" Dass ich dreimal leer geschluckt habe, hat sie wohl nicht bemerkt.

Angekommen in der „Bananen-Republik", Coffs Harbour. Nein eine Republik ist es nicht, ein Fischerhafen, jährlich von 100‘000 Touristen besucht. Warum eigentlich, das habe ich in der kurzen Zeit nicht herausgefunden? Vielleicht wegen der grössten Bananen-Plantage von Australien, die dem Gebiet den Namen gegeben hat: Big Banana. Mehr als 100‘000 Tonnen Bananen – soviel wie es jährlich Touristen gibt – sollen hier geerntet und grösstenteils verarbeitet werden. Es sind wohl doch nicht die Bananen, es ist der Strand.

Aber die Koala-Bärchen, wo sind sie? Ihr Spital haben wir gesehen. Nun warten wir auf das Original! Es wird noch kommen, versichern uns die Reiseleiter, sowohl Marco Polo in schriftlicher und Lara in unglaublich lebensfroher Form.