Das Rätsel Karl May

Zeitschrift "Wissen" Nr. 4, 2004 - Autorin: Sabine Goertz-Ulrich


Die alte Kladde im Radebeuler Museum ist vergilbt, aber gut lesbar. Ein Wörterbuch, geschrieben von Karl May. Penibel in Spalten unterteilt, hat er dort indianische Sprachen ins Deutsche übersetzt. Auch das Wort "Iltschi" kommt vor, daneben steht als Übersetzung "Wind" und in der Nachbarspalte: Winnetous Pferd. Neben "Hatatitla" schrieb er "Blitz" und ergänzte: "mein Rappe': Das war 1875, May stand unter Polizeiaufsicht, und von fernen Ländern konnte er allenfalls träumen. Doch in seiner Fantasie waren real: der Wilde Westen Amerikas ebenso wie der geheimnisvolle Orient und Nordafrika. Die Notiz neben "Hatatitla'; in den späteren Büchern der stolze Hengst Old Shatterhands, bezeugt zudem, dass er in dem unfehlbaren Westmann von Anfang an sein zweites Ich sah. Lange bevor die Abenteuer Winnetous und seines sächsischen Blutsbruders zu Papier brachte, Jahrzehnte bevor er sich im Netz seiner Fantasien verfing und behauptete, alles selbst erlebt zu haben, hatte er diese schcksalhafte Gleichung aufgestellt.

  Sie soll sein ganzes weiteres Leben bestimmen. Karl May steigt vom bitterarmen Weberjungen zum erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands auf. In seinen Werken inszeniert er sich als Kara Ben Nemsi und als Old Shatterhand. Und Millionen Leser kaufen ihm das ab. Dabei bereist May die Schauplätze seiner Geschichten in Wirklichkeit erst, als seine Bücher vollendet sind. Wieso wirken sie dann so authentisch? Woher nimmt er all die Details - zumal in einer Zeit, in der es weder Internet noch Fernsehen gibt? Fragen, die zu neuen Forschungen reizen. Im Doku - Film "Karl May - Das letzte RätseI'; der in der Wissensreihe "Terra X" läuft (8. August, 19.30 Uhr, ZDF), wird er als Mann porträtiert, der zahllose Tiefschläge überwindet und in den Kulissen seiner Romane eine zweite Heimat findet. Dazu rekonstruieren Wissenschaftler die Methoden, mit denen der SchriftsteIler seine "Reise erzählungen" schuf.

 

Wie überzeugend er dabei war, erfuhr Filmautorin Luise Wagner am eigenen Leib, als sie mit dem Team am Rande des Salzsumpfs Chott el Djerid in Tunesien drehte. May hatte im ersten Band seines Orientzyklus "Durch Wüste und Harem" (später: "Durch die Wüste") die Gefahren einer Durchquerung des Chott el Djerid eindringlich beschrieben. Wagner durchfuhr es am realen Schauplatz wie ein Stromschlag: "So sehr fühlte ich mich in die Welt von Karl May hineinversetzt." Dennoch scheiden sich an ihm, selbst 100 Jahre nach seinem Tod, die Geister.

Der Mann, der für seine Anhänger ein genialer Fabulierer ist, für manche Literaturkritiker jedoch bloß ein hochstapelnder Kolporteur, wirkt bis heute rätselhaft. Für Johannes Zeilinger, Arzt in Berlin und Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft, spiegelt sich in Mays Entwicklung "das Drama des begabten Kindes':

Das sächsische Ernstthal (heute: Hohenstein-Ernstthal), wo Karl May am 25. Februar 1842 geboren wird, sei beispielhaft für das soziale Elend des 19. Jahrhunderts. Der Vater ist Heimweber, Karl das fünfte von 14 Kindern. Die meisten sterben. Übrig bleiben vier Töchter und Karl als einziger Sohn. Geld ist knapp, Hunger allgegenwärtig. Wie schwer und entbehrungsreich seine Kindheit war, wie der Vater ihn zum Lernen prügelte, das beschreibt May anschaulich in seiner späten Autobiografie "Mein Leben und Streben': Für Zeilinger ist es eine Verteidigungsschrift, die viel Wahres enthält, aber mit Vorsicht zu behandeln sei. "Die Abwandlung von Erinnerungen gehört zum Menschen"; erklärt der Mediziner. "May hat geschrieben, dass er als Kind vier Jahre blind war und dann geheilt wurde. Unmöglich. Aber ich erkenne darin eine wunderbare Allegorie seines Lebens: aus dem Dunkel ans Licht:"

May ist wohl ein kränklicher Knabe, doch er besucht die Volksschule und liebt es, Geschichten zu erzählen. Eine Chance, der heimischen Not zu entkommen, bietet die Ausbildung zum Volksschullehrer. Unterstützung dafür kommt vom Pfarrer und dem Grafen Schönburg-Glauchau, der dem aufgeweckten Jungen den Besuch des Lehrerseminars in Waldenburg ermöglicht. Dort ereignet sich dann die erste "Katastrophe'; der einige folgen sollen: Karl entwendet im Seminar Kerzenstummel und fliegt von der Anstalt. Später darf er sein Studium in Plauen fortsetzen und schließt es 1861 mit der Gesamtnote "gut" ab. Sein erster Arbeitsplatz: Hilfslehrer an der Armenschule in Glauchau. Alles scheint glattzulaufen. Doch Karl, inzwischen 19 Jahre alt, beginnt beim gemeinsamen Klavierspiel eine Affäre mit der Frau seines Vermieters. Der Job ist weg - aber wieder bekommt May eine neue Chance, diesmal an der Fabrikschule einer Spinnweberei in Altchemnitz. Er beweise "kein übles Geschick" zum Lehrer, heißt es.

 

Dann begeht er erneut einen fatalen Fehler: Als er Weihnachten 1861 nach Hause fahren darf, entwendet er seinem Zimmergenossen die Taschenuhr. Die Folge: sechs Wochen Gefängnis. Zudem wird er aus der Liste der Schulamtskandidaten gestrichen - für einen Mann ohne Einkommen eine verzweifelte Situation. Karl vergisst alle bürgerlichen Tugenden und konzentriert seine Intelligenz nun ganz auf Trickbetrügereien. Er gibt sich als Dr. med. Heilig aus, lässt sich wie die vornehmen Leute beim Schneider Keidungsstücke anmessen. Als Herr Seminarleiter Lohse plant er einen Coup mit Pelzen. Der misslingt. Einträglicher ist seine Maske als Polizeileutnant von Wolframsdorf. Als solcher gibt er vor, nach Falschgeld zu suchen, das er selbstredend konfiszieren müsse. Karl Mays notorischer Hang zum Rollenspiel tritt hier deutlich zutage, seine Sucht, immer etwas Besseres darstellen zu wollen. Forscher der Karl- May-Gesellschaft errechneten, dass er so 27 Taler erschwindelte. Ein verschwindend geringer Betrag. Der Schaden, den er sich zufügte, ist dagegen immens. Er wird geschnappt und hart bestraft: vier Jahre Zuchthaus und Isolationshaft.

Letztlich wird es seine Rettung sein. Denn im Gefängnis gibt es Bücher. May beginnt zu lesen, entwirft in einer dünnen Kladde eigene Gedichte und Geschichten. Für den Prof. Hinderk Emrich, Psychiater aus Hannover, der im "Terra X"- Film Mays seelisehe Abgründe erläutert, ist es eine logische Entwicklung: "Die Fantasie bedeutete für ihn die Möglichkeit, die Gefängnismauern zu öffnen. Durch die Lektüre, seine Schreibfähigkeit und Tagträume bewegte er sich in eine Wirklichkeit hinein, die für ihn wirklicher wurde als die Realität im Hier und Jetzt".  May hatte seine Begabung entdeckt, seine Berufung gefunden.

Nach seiner Entlassung geschieht ein Wunder - es gibt seinem Leben die entscheidende Wende: Der Dresdner Verleger Münchmeyer bietet ihm, dem Kriminellen, eine Stelle als Zeitschriftenredakteur an. Münchmeyer, der familiäre Kontakte zu Mays Geburstort Ernstthal hat, erkennt sein schriftstellerisches Genie und begegnet ihm vorurteilslos. Zudem ist es eine Zeit, in der alle, selbst Dienstboten und Hilfsarbeiter lesen und schreiben lernen sollen. In der Folge explodiert der Printmarkt - und giert nach immer neuen .Geschichten. Im  Frühjahr 1875 erscheint Mays erste Erzählung: "Die Rose von Ernsttal". Für die Wochenzeitschriften "Schacht und Hütte" und "Deutsches Familienblatt" schreibt er Fortsetzungsromane: Heldensagen und Liebeshändel, in denen ab und an auch mal ein wogender Busen vorkommt - was abgrundtief unsittlich ist, aber doch zu gern gelesen wird.

Ende 1875 skizziert er erstmals Winnetou, der noch kaum Ähnlichkeit hat mit jenem edlen, guten Häuptling aus den 18 Jahre später gedruckten Bänden "Winnetou I bis III. May wechselt den Verlag, veröffentlicht im "Deutschen Hausschatz" Kolportageromane und Reiseabenteuer. 1879 taucht in der Erzählung "Unter Würgern" erstmals Old Shatterhand auf. May ist ein beliebter Autor, viele abonnieren die Zeitschriften seinetwegen. Öfter schreibt er unter Pseudonym, was ihm später hilft, als er über seine Jahre als Zeitschriftenredakteur einen nebulösen Schleier legt. Zu wenig passen sie zu seiner Legende vom reisenden Abenteurer.

1880 heiratet er Emma Pollmer, die er vier Jahre zuvor kennengelernt hat. Emma, hübsch, doch wenig gebildet, versteht weder seine Sehnsucht nach Freiheit noch seinen Drang, mit immer neuen Geschichten die Gespenster seiner Jugend zu vertreiben. Wie besessen schreibt er oft Tag und Nacht. Karl-May-Forscher Zeilinger sieht darin "eine Art Selbsttherapie. In der Fantasie konnte er nach eigenen Gesetzen leben und handeln und Gutes vollbringen." Die Prärie und die Wüste faszinieren May besonders. Sie sind für ihn ideale Fluchtpunkte, an denen es keine Grenzen und keine Richter gibt. Stattdessen besitzen seine Protagonisten Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi das beste Pferd und das beste Gewehr und entscheiden sich stets für die gerechte Seite.

Viele halten das bis in die 1980er-Jahre hinein für wahr. Lange Zeit hegen selbst Fachleute keinen Zweifel daran. Dass seine "Reiseerzählungen" derart  authentisch wirken, ist vor allem einem Umstand geschuldet: Mays übergroßer Wissbegierde. Es gibt kaum einen anderen Schriftsteller. der mehr fremde Texte gelesen hat. Für ihn Imren sie "Quellenmaterial': Die Beschreibung des Salzsumpfes Chott el Djerid etwa, den Kara Ben Nemsi in "Durch die Wüste" durchquert, kupfert er in großzügigen Teilen bei dem Reiseautor Joseph Chavanne (,,Von Oase zu Oase") ab. Johannes Zeilinger, der sich in mehreren Schriften mit Mays Schaffen auseinandergesetzt hat, beurteilt den geistigen Diebstahl weniger streng: "Er war wie ein Schwamm, der Literatur, Reiseberichte und alles Lexikonwissen, dessen er habhaft werden konnte, in sich aufsog und so den Wissensstand seiner Zeit in Romanen wiedergab." Weil er oft parallel an mehreren Werken arbeitet, ist er nicht selten mit einem seiner Zeitschriftenromane in Verzug. Also schickt er im Namen seiner Frau Entschuldigungsbriefe an die Redaktion: Mein Mann ist auf Bärenjagd in Tobolsk. Oder: Er hat sich im Apachenland eine schwere Verletzung zugezogen.

Es ist der Beginn der "Old -Shatterhand - Legende". Auch wird er nicht müde zu behaupten: "Ich spreche mehr als 1000 Sprachen: Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Griechisch, Lateinisch, Hebräisch, Rumänisch, sechs arabische Dialekte, Persisch, zwei kurdische und zwei chinesische Dialekte, die Indianersprachen der Sioux, Apachen, Komantschen, Snakes, Utahs, Kiowas (...). Lappländisch will ich nicht mitzählen."

Inzwischen werden Mays Erzählungen als Bücher gedruckt, damals wie heute erkennbar am grünen Rücken. Der Sachse fühlt sich auf dem Höhepunkt, unterzeichnet seine Korrespondenz mit "Dr. Karl May': Er ist quer durch alle Gesellschaftsschichten populär. 1896 macht er Werbefotos in Wildwest- und Orient-Kostümen. Damit passt er gut in das Wilhelminische Zeitalter. Auch Kaiser Wilhelm H. kostümiert sich gern. Zeitweise gehen gar Gerüchte um, Karl May wäre bloß ein Pseudonym des Kaisers. Ohne Frage: Die Leser lieben May für seine Rollenspiele, lieben den deutschen Tausendsassa, der mit seinem Gewehr, dem Bärentöter, das Böse bekämpft.

Psychiater Emrich: "Dass Karl May in der Öffentlichkeit als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi auftrat, war eine geniale Vorwegnahme der Gegenwartskultur, der Popkultur, wo jemand wie Michael Jackson eben nicht nur sein Leben lebt - sondern auch als Ikone.
Irgendwann werden Leben und Ikone eins." May ist zum Grenzgänger zwischen Fiktion und Realität geworden, der es mit seinem Authentizitätsanspruch übertreibt - und den Weg zurück nicht mehr findet. Von Mutmaßungen, May sei darüber schizophren geworden, vvill Emrich nichts wissen: "Seine Schrift ist in sich so ausgewogen, klar und widerspruchsfrei. Es ist also ehr unwahrscheinlich, dass er eine multiple Persönlichkeit hatte."

Umso härter trifft es Karl May, als 1901 erste Gerüchte auftauchen, alles sei erlogen. Während der ebenfalls populäre Autor Peter Rosegger ihn verteidigt - "May schreibt so packend, dass er es selbst erlebt haben muss" -, beginnt vor allem der Journalist Rudolf Lebius mit einer Gegenkampagne. May zieht vor Gericht, es gibt Klagen und Gegenklagen, am Ende fühnt er über 200 Verleumdungsprozesse.

Bis zu seinem Tod 1912 aber lässt er sich eines nie entlocken: dass er alles erfunden hat. Obwohl der Skandal ihm, der es vom armen Webersahn zum Millionär gebracht hat, die letzten Lebensjahre vergällt, hält er an der "Old-Shatterhand-Legende" fest. In unserem Jahrhundert, in dem Fantasy-Romane regelmäßig zu Bestsellern werden, wäre man sowieso gnädiger mit ihrn umgegangen, hätte sein universelles Wissen hoch geschätzt. Unsere Fluchtwelten mögen andere sein - außerirdisch, gigantisch wie in "Star Wars" oder "Avatar". Doch Karl Mays Traum vom guten Menschen. seine Vision, dass selbst in einem verkorksten Leben die Wende zum Besseren möglich ist, das alles bleibt modern. Da ist die Fiktion stärker als die Wirklichkeit.