Gedanken

Meine Beziehung zu Karl May

 

von Peter Züllig

 

Es gibt viel Literatur, es gibt sogar gute Literatur, es gibt auch viel bessere Literatur, als das literarische Werk von Karl May. Doch es gibt nur wenige Autorinnen und Autoren, die mit ihren Gestalten so viel bewirkt haben, wie Karl May. Dies ist eine Leistung. Seine Gestalten verblassen zwar, wie es jede literarische Gestalt mit der Zeit tut. Winnetou 2011 ist nicht mehr Winnetou des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts, in dem er „erschaffen“ wurde und Hadschi Halef-Omar-Ben-Hadschi-Abul-Abbas-Ibn-Hadschi-Dawuhd-al-Gossarah kann im Zeitalter des Minarettverbots und der Ausschaffungsinitiative nicht mehr jener liebenswürdige Kerl sein, der dem fast missionarisch christlichen Kara Ben Nemsi ein treuer Diener ist.

Eigentlich wünschte ich mir, Blocher und Co., die Demagogen der aktuellen Schweizer-Politik, hätten wenigstens einmal im Leben Karl May gelesen, wären Winnetou und Co. wenigstens einmal wirklich begegnet, es sähe so vieles anders aus in unserem Land. Wünschen, was andere zu tun haben oder zu tun hätten, kann man nicht.

Diese Erfahrung ist oft schmerzlich. So bleibt eben mein Wunsch in bezug auf Blocher und Co. utopisch. Ich muss – wie viele andere auch – damit leben, sogar mit dem Verdacht, die „Heilslehren“ von Blocher und Co wären – trotz Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi – nicht viel anders ausgefallen. Santers gibt es überall, nicht nur bei Karl May. Der Geist von Santer – nicht nur seine Taten – ist genau so lebendig geblieben, wie das ewige Hoffen auf unwirkliche Heilsgestalt, wie sie auch Winnetou dargestellt.

Dies hat mich bewogen, nach jahrzehntelanger Absenz, Winnetou und Co. wieder hervorzuholen, ihm wieder zu begegnen. Nicht mehr im verklärten kindlichen Geist, wie ich ihn einst gekannt und geliebt hatte. Vielmehr als literarisches Phänomen, das Generationen – über hundert Jahre lang – begleitet und wohl auch beeinflusst hat.

Es begann mit einem Buch, Format Taschenbuch, das ich aus Zufall, irgendwo in der Schmökerecke einer Buchhandlung in Köln oder Hamburg in die Hände bekommen habe. Eigentlich suchte ich etwas Spannendes für einen langweiligen, beruflich bedingten Hotelabend.

Es kam anders. Ich entdeckte einen neuen Karl May. Nicht den nach der Kindheit verlorenen. Nun hatte ich viele Fragen, kritische, ungebührliche, provozierende… Ich begab mich auf den Weg der Spuren eines schon ordentlich vergessenen Erfolgsautors, der verfemt und bejubelt, kopiert und abgelehnt, verboten und empfohlen, verherrlicht und gehasst, verleumdet und idealisiert worden ist – bis heute.

Auf diesen Spuren begegnete ich immer wieder neuen Phänomenen. Ich bin auf Vergessenheit gestossen, genau so wie auf noch immer lodernde Liebe; ich habe Kurioses gefunden, genau so wie Rührendes, Nutzloses und Nützliches, Schönes und Hässliches, Einmaliges und banalen Kitsch.

Irgendwann wurde meine Freizeitbeschäftigung mit Karl May zum Sinnbild des Lebens. Auch im Leben – in meinem Leben – gibt es all das, was ich rund um Karl May und seine Gestalten gefunden habe. Ich begann zu sammeln, einzuordnen, zu katalogisieren, zu hinterfragen und zu entdecken…

 

Das Sammeln rund um Karl May wurde zur Leidenschaft. Nicht nur zur Sammler-Leidenschaft, auch zur Leidenschaft, die Welt, das Leben – auch mein Leben – besser kennen zu lernen, neu zu entdecken. Kenn ich es jetzt? Vielleicht etwas besser, aber noch lange nicht so, dass ich aufhören könnte, die Leidenschaft des Entdeckens und Findens aufzugeben.

Meine Sammlung rund im Karl May ist wohl eine der umfassendsten in der Schweiz, nicht der wertvollsten. Denn meine Sammeln, Horten und Ordnen bezieht sich nicht auf Güter, auf Wertgegenstände oder Sammlerwerte. Ich suche die Vielfalt, den Geist, „der immer wieder neues schafft“. Vielleicht suche ich letztlich darin auch den Sinn des Lebens. Wer weiss? 

Wie – um das Sinnbild wieder aufzunehmen – Old Shatterhand, bin ich eher der Einzelgänger, jedenfalls nicht der Vereinstyp, nicht der im Gleichschritt Marschierende. Soviel habe ich bereits herausgefunden. Es brauchte dazu nicht einmal die Figuren von Karl May.

Deshalb habe ich die Sammlung ganz im Stillen aufgebaut, unterstützt und tatkräftig begleitet von meiner Partnerin, die sich rühmt, noch nie ein Buch von Karl May gelesen zu haben. Wenn sie sogar ab und zu mehr weiss über Karl May als ich, dann ist dies nur der Beweis, dass es beim Wissen und Erkennen nicht um Buchstaben geht, sondern um Interesse, Haltung und die Bereitschaft Fragen zu stellen, zu hinterfragen.

  

Darum stelle ich nun – nach langem Zögern – Gedanken, Texte, Erkenntnisse, Sammlererfolgen und –misserfolge hier ins Netz. Ich orientiere sporadisch über den Fortschritt der Sammlung – sie umfasst weit über 3‘000 Exponate – und gebe interessante Links, Verbindungen und Adressen bekannt, welche Sammlerfreunde interessieren könnten. Meine Sammlung ist inzwischen so umfangreich und meine Beschäftigung mit dem Thema Karl May mitunter so intensiv, dass das „stille Kämmerlein“ nicht mehr der einzige und einzig richtige Ort sein kann, wo eine Leidenschaft und ein Interesse Platz hat und gedeihen kann.

 

Hier auf meiner Sammler-Homepage findet deshalb Karl May fortan seinen ihm gebührenden Platz.

Herzlich

Peter Züllig