Die Enttäuschung - Great Barrier Reef

Wir sind am 13. Tag unterwegs, – nomen et omen - da hat sie mich erreicht, die Enttäuschung. Sie besteht aus einem Floss, schätzungsweise 100 auf 80 Meter gross und liegt knapp zwei Schiffahrtstunden vor der Küste von Cairns. Angekündigt das „Naturwunder“ Great Barrier Reef, das grösste „Weltkulturerbe“ der Welt, mit einer Länge von über 2000 Kilometern. Ein farbiges Kaleidoskop aus Korallen mit einem einmaligen, prächtigen Meeresleben.

Angelegt haben wir auf einem Floss, auch Plattform genannt, dem „perfekten Ort zum Schnorcheln und Tauchen und um spektakuläre Korallen und exotische Fische zu sehen“. Da schwant mir Böses. Schnorcheln? Seit Jahren nicht mehr gemacht und eigentlich nie geliebt. Tauchen? Wäre mal was Neues. Aber bitte nicht hier - in Australien, 30 Kilometer vom Strand entfernt, inmitten einer Taucher- und Schnorkel-Chilbi! Vorsichtshalber haben wir uns – um doch noch etwas vom weltberühmten Korallenriff mitzukriegen – für einen Helikopterflug angemeldet. Aber auch da sind wir nicht die einzigen.

Anfänglich ist es ja noch schön, dem munteren Treiben auf der Plattform zuzusehen. Schneeweisse Gesichter, die mit stieren Augen einen Fixpunkt suchen - schwarze Gestalten, die sich in leuchtend-grüne oder orange-kitschige Flossen quälen - gelangweilt herumsitzende Passagiere, die beginnen die Zeit totzuschlagen - gehetzte Sportler, die von einem Termin zum nächsten rennen - zögernde Gäste, die nicht wagen, das Glasbodenboot zu betreten - hungrige Menschen, die auf öffentliche Fütterung warten.

Ich bin einer dieser Menschen, vier oder fünf Stunden lang. Abwechselnd gelangweilt, amüsiert, genervt, erstaunt – aber kaum einen Augenblick entzückt. Trotz Korallen, die grün-weiss, ab und zu sogar farbig, am schmutzigen Glasboden vorbeitümpeln. Trotz kleinen und grösseren Fischen, die vor dem trüben Bugfester defilierten. Trotz strahlender Sonne mit Aussicht auf einen Flug übers Korallenriff.

Die Erwartung des Flugs kann die aufkommende Enttäuschung nicht zu bändigen. Endlich ist es so weit. Wir sind an der Reihe: Matthias, Cornelia, Heide und ich. Eine spritzige Fahrt zum nahen, kleinen Begleitfloss, auf dem der Heli soeben wieder gelandet ist. Wir werden herein geschupst: vorne eine Person, hinten drei. Heide in der Mitte hat halt Pech. Links und rechts sich ausbreitende fotografierende Männer, da ist nicht mehr viel zu sehen vom Korallenriff. Wir haben noch Glück: unser Flug dauerte die versprochenen 15 Minuten; die nächsten Flüge nur noch 10 – zu gross ist der Andrang, zudem kündigt sich ein Unwetter an.

Die ersten Taucher und Taucherinnen sind zurückgekehrt. Das erwartete spektakuläre Farbenspiel sei zu einem hellen Einheitsgrau verkommen, bemerken die einen. „Tote Hose“ andere und schwärmen von anderen Riffexpeditionen in anderen Meeren. Es gibt aber auch solche, die zum ersten Mal „unten“ waren und von einem grossen Fisch erzählen oder von einer Wasserschildkröte oder farbig leuchtenden Korallen. Es ist alles zu haben an Meinungen, Beschreibungen und Erlebnissen. Auch wenn es nur die Beschreibung der Enge im ungewohnten Taucheranzug ist.

Inzwischen habe ich mich abgefunden mit meinen fünf Stunden Zwangsaufenthalt auf der Plattform. Abgefunden mit der Tatsache, dass ich vom 2000 Kilometer langen Weltwunder so gut wie nichts gesehen habe; dass das Great Barrier Reef weiterhin in allen Reiseprospekten zum Höhepunkt einer jeden Australienreise erkoren wird. Es hilft auch nichts, dass ich im mitgenommenen Buch „Islands of Australia’s Great Barrier Reef“ blätterte und die farbenprächtigen Bilder bewundere: Das Riff bleibt eine Enttäuschung. Wehmütig lese ich: „…it’s one oft he most fascinating places for anybody with an interest in wildlife whether it’s strange and exotic see creatures or the many species of birds…“ Ich zähle wohl doch nicht zu diesen Anybodys.