Stadt vieler Träume

Eine Stadt ist nicht einfach nur eine Stad, nur ein Ort, wo viele Menschen nahe zusammen leben, arbeiten, sich vergnügen. Nein – eine Stadt ist viel mehr, kann viel mehr sein. Visitenkarte einer Gesellschaft, eines Landes, einer Region. Schmelztiegel wird sie oft auch genannt. Hier verschmilzt das, was eine Gesellschaft prägt: das Zuhause, die Arbeit, das Leben, die Kultur, das Vergnügen, das Eigene und das Fremde. Der enge Raum zwingt zum Leben, zum Zusammenleben.

Auf dem Land aufgewachsen, habe ich immer von der Stadt geträumt, schon als Bub. Mit 15 bin ich zum ersten Mal mit meinem Vater nach Rom gereist, mit dem Zug, das Velo im Gepäck. Eine Grossstadt mit dem Fahrrad zu erobern, das war damals noch möglich.

Die Stadt meiner Träume aber war Paris. So bin ich denn mit 16 für ein paar Wochen abgehauen, mit 40 Franken in der Tasche, um Paris zu sehen. Was ich meinen Eltern angetan habe mit meinem städtischen Verschwinden, realisiere ich erst heute. Damals war es die Erfüllung aller Sehnsüchte und Träume.

Dann kam das Autostopp-Abenteuer nach Kopenhagen. Ich verliebte mich in den Norden. Die erste Reise nach Russland, der eiserne Vorhang rasselte noch schrecklich. Leningrad war mein Paris des Ostens. Nicht Moskau, nicht alle die Städte, die ich später – im Verlauf eines Berufslebens – kennen gelernt habe. Meine Traumstädte blieben Paris, Kopenhagen und Leningrad (pardon: Petersburg).

Es ist sinnlos, eine Bilanz zu ziehen, welche Stadt nun schöner ist, welche die schönste. Es gibt immer genügend Gründe und Argumente: die Geschichte, die Menschen, die Strassen, die Kultur, die Baudenkmäler…. Eigentlich ist die Stadtliebe so etwas wie ein „Coup de foudre“, Liebe auf den ersten Blick.

Meine Jugendlieben sind – zwar flankiert durch andere schöne Städte – nie wirklich aus meinem Herzen gestossen worden. Bis – ja bis ins Alter und der damit verbundenen Sehnsucht, das Verpasste irgendwann noch nachzuholen. Viel Zeit bleibt ja nicht mehr.

Und so habe ich drei neue Alterslieben erfahren, drei neue Städte ins Herz geschlossen. Mag sein, dass nicht mehr die gleichen Eigenschaften den „Coup de foudre“ entzündet haben. Zum Verlieben braucht es nicht mehr unbedingt das Einmalige, das Besondere, das Unverwechselbare: den Eifelturm, das Tivoli oder Peters Sommerresidenz, gepaart mit russischer Revolutionsromantik.

Alterslieben sind stiller, abgeklärter, vielleicht auch gewöhnlicher, alltäglicher. Aber nicht weniger leidenschaftlich. So haben sich – in den letzten Jahren – zu den drei Jugendliebe-Städte – drei Alterslieben gesellt. Naturgemäss liegen sie weiter weg von meiner Heimat. Dort, wo ich bisher noch nie hingekommen bin: San Francisco, Kapstadt und jetzt nach Sydney.

Fragen Sie mich nicht, warum gerade diese drei aus hunderten, die ich im Leben besucht und erlebt habe. Warum nicht Venedig, Berlin – warum nicht Saigon, Osaka? Warum?

Ich weiss es nicht. Eigentlich kann ich nur zu der jüngsten Liebe etwas sagen. Stümperhaft, wie alle Verliebten ihre Geliebte beschreiben: einmalig, vital, faszinierend, charmant…. Nein – Eigenschaften sind da die falschen Begriffe. Gefühle lassen sich schwer in Worte fassen.

Sydney habe ich nur zwei Tage erlebt, dann ging es auf Reisen. Natürlich kannte ich die Stadt aus dem Fernsehen: Olympiade, 200-Jahr-Feier, Feuerwerk zu Jahresbeginn… Sydney, das ich jetzt auch von einer Stippvisite kenne, bleibt ein ferner Traum. Es ist gut möglich, dass sich die Stadt, im Zusammenleben ganz anders präsentiert, dass ihre Schwächen und sperrigen Eigenschaften erst im gemeinsamen Alltag sichtbar würden. Dies ist sogar sicher, denn Heilige taugen nicht als Geliebte. Ich will und muss auch nicht mit ihr zusammenleben, auch wenn ich es – in meiner aktuellen Verliebtheit – wohl noch einige Zeit ertragen hätte, ohne dass der Traum zerbrochen wäre.

Dies ist ja das Schöne, dass man Traumstädte nur im Traum besuchen kann; dass man verschont ist vom Verkehrschaos, verschont von den Umweltlasten, der Unmenschlichkeit der Wohnsilos, dem Verfall von Gebäuden, Strassen, geliebten Orten, den Brutalitäten des Business….

Eine Traumstadt bleibt ganz einfach ein Traum, ein Refugium, in dem das Schöne und Gute, das Interessante und Bildende, das Einmalige und Alltäglich ihren Platz finden. Sydney hat dies geschafft, bei mir. Sydney ist nicht Australien, vielleicht aber seine schönste Visitenkarte. Sicher sind auch Melbourne, Perth, Adelaide, ja sogar Darwin und Alice Springs interessante, schöne Städte; auch sie haben ihre Eigenart, sind Visitenkarten Australiens.

Für mich aber ist – und bleibt – Sydney – die Stadt zum Verlieben. Dafür braucht es keine Begründung: ist es die einmalige Architektur des Opernhauses, das Miteinander von Alt und Neu, die Central Station, Chinatown, King’s Cross oder Padington? Von allem etwas und alles zusammen und auch alles, was in der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft an Unbedeutendem zu sehen, zu erfahren und zu erleben war.

Bitte lassen Sie mir den Traum! Ich möchte nicht einfach nur durch Australien reisen, ein paar Tausend Kilometer zurücklegen, mit Bus, Bahn, Flugzeug, Schwebebahn und zu Fuss. Ich möchte auch – Sydney ist der Ausgangspunkt – durch Australien träumen. Mein Vorschlag: machen wir uns auf gemeinsam auf den Weg.