Winnetou im Cyberspace

07. November 2010

 

Ikonen des amerikanisierten Medienzeitalters, Peanuts wie Snoopy, Charlie Brown, Lucy, Schröder & Co. haben längst den Platz von Winnetou und seinem Blutsbruder Old Shatterhand aber auch von Kara Ben Nemsi und seinem Diener Hadschi Halef Omar eingenommen. Karl May, alias Charley, ist seit bald hundert Jahren tot. Charles M. Schulz, der Schöpfer der Peanuts, starb vor zehn Jahren. Beide haben mit ihren Figuren messiashafte Gestalten erschaffen, die den Menschen in einer Welt voll Kampf, Einsamkeit, Lieblosigkeit, Rücksichtslosigkeit, in der das Fremde und Andersartige nur noch Angst auslöst, existentielle Werte vermitteln wie Freundschaft, Treue, Verlässlichkeit, Daheimsein-in- der-Fremde, aber auch Versagen, Niederlageneinstecken, Verlieren…

Auch die Welten, in denen die Ikons leben, kämpfen, siegen, verlieren haben sich verwandelt. Aus der weiten Prärie, den Plains, wo einst die Bisons weideten und von den Sioux, Mescalero, Lakota gejagt wurden, wo die Kojoten und Waschbären zuhause waren und der scheue Berglöwe ab und zu auftauchte, sind galaktische Landschaften geworden. Zum Beispiel Outer Rim, die grösste Region der Galaxis, wo der Klonkrieg und die Belagerung der Stadt stattgefunden haben. Was können da Sam Hawkins, der Hobble Frank oder gar Tante Droll noch auszurichten?

Die Reisewege von Kara Ben Nemsi durch Wüsten in Tunesien, Libyen, Ägypten, Saudi-Arabien, Oman und Irak sind inzwischen einerseits traurige Schauplätze der Weltgeschichte geworden, andererseits gängige Ferienziele, wo kaum mehr Platz ist für geträumte Abenteuer eines Kara Ben Nemsi, in der sich Gefangenschaft, Befreiung, Gefahr, religiöse Konflikte, Gerichtsverhandlungen immer wieder wiederholen; meist begleitet von dem kleinen Hadschi Halef Omar, der schliesslich „nur noch äusserlich“ ein Moslem ist und zum Christentum übertritt.

Nein – da findet Karl May, Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi wohl keinen Platz mehr. Oder doch?

Noch 1998, schreibt Yvonne Stringel in einer Arbeit an der Humbold-Universität in Berlin: „Ich stellte mir während der Vorbereitung des Referats des öfteren die Frage, warum Karl May noch heute so viel gelesen wird - im Gegensatz zu anderen Kolportageschriftstellern, die heute weit weniger bekannt sind“.

Noch 1998, schreibt Yvonne Stringel in einer Arbeit an der Humbold-Universität in Berlin: „Ich stellte mir während der Vorbereitung des Referats des öfteren die Frage, warum Karl May noch heute so viel gelesen wird - im Gegensatz zu anderen Kolportageschriftstellern, die heute weit weniger bekannt sind“.

Was hier eine Deutsche – nach umfangreichen Umfragen in Deutschland - an einer amerikanischen Universität wissenschaftlich erarbeitet hat, beschäftigt uns Karl-May-Fans schon lange: „Muss Winnetou (nochmals) sterben“ und warum? Natürlich habe auch ich keine verbindliche Antwort auf diese Frage und leider auch keine Patentlösungen. Doch ich versuchte die Gründe aufzuspüren: sie sind recht vielfältig und auf ganz unterschiedlichen Ebenen zu suchen: in der Gesellschaft, in der Sozialisation der jungen Menschen, bei den Medien, im Bildungsgut und, und, und…

Meine Präsentation - unterstützt mit Surfen im Internet, mit Bildern, Filmen, Videos und Dokumenten - ist ein Versuch, der Frage etwas näher zu kommen: Was passiert mit Karl May und seinen Figuren im Zeitalter des Cyberspace? Das Lamentieren allein nützt wenig, es verändert kaum die Situation. Auch die vielen gutgemeinten und auch nützlichen Versuche, Karl May in unsere Sprache in unsere Gesellschaft zu integrieren, genügen nicht (mehr).

Es braucht ein Umdenken, eine grundsätzliche Bereitschaft, den Cyberspace (hier als Ausdruck für die moderne Informationsund Unterhaltungswelt) ernst zu nehmen und für das zu nutzen, was uns am Herzen liegt: die Welt eines Autors zu erhalten, der vor bald hundert Jahren gestorben ist. Auch im Cyberspace wird nämlich nicht so schnell gestorben.

Peter Züllig