Das Grab von Karl May

31. März 2016

 

KARL-MAY-NEWSLETTER vom 30. März 2016

 

Die sterblichen Überreste des Dichters

 

Aus dem Forensisch-anthropologischen Gutachten. Hier im Wortlaut die Mitteilung der Karl-May-Stiftung, welche die Obduktion und den Bericht in Auftrag gegeben hat.

Untersuchung der sterblichen Überreste Karl Mays

Radebeul, 30. März 2016: Nachdem im vorletzten Jahr statische Schäden am Grabmal Karl Mays auf dem Friedhof Radebeul-Ost entdeckt worden waren, bestand nach der vorübergehenden Entfernung der tonnenschweren Marmorplatte zur Gruft die wohl für lange Zeit einmalige Möglichkeit, die beiden Särge von Karl May und dessen Gattin Klara zu begutachten.


Insbesondere galt das Augenmerk den sterblichen Überresten Karl Mays. 1942 waren sein bester Freund Richard Plöhn und seine Schwiegermutter Wilhelmine Beibler ausgebettet und anderweitig bestattet worden. Um auszuschließen, dass in den Wirren des zweiten Weltkriegs irrtümlich Karl May eine andere Ruhestätte fand, er das Schicksal von Mozart und Schiller teilt, die sich nicht in ihren Gräbern befinden, wurde am 20. Oktober 2014 sein vermeintlicher Zinksarg im Auftrag der Karl-May-Stiftung von Ärzten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Leipzig geöffnet und die darin befindlichen sterblichen Überreste direkt in der Gruft obduziert.

Die Untersuchungen nahmen Herr OA Dr. med. Carsten Hädrich und Herr Dr. med. Benjamin Ondruschka vor. Unterstützt wurden sie von Frau Fotografenmeisterin Angela Huffziger, ebenfalls vom Institut für Rechtsmedizin in Leipzig. Anwesend waren Frau Claudia Kaulfuß (Geschäftsführerin der Karl-May-Stiftung und geschäftsführende Direktorin des Karl-May-Museums), Herr Ralf Harder (stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Karl-May-Stiftung) und Herr Hans Grunert (damaliger Kustos des Karl-May-Museums).

Bei dem fast vollständig von Weichteilen befreitem menschlichen Skelett auf einer Schicht von groben Sägespänen und Stroh handelt es sich tatsächlich um den sächsischen Dichter und Volksschriftsteller. Reste der Bekleidung und Sargbeigaben wiesen auf eine ungestörte Bestattung hin.

Da u.a. die Todesursache Karl Mays von der Forschung nicht beweiskräftig geklärt werden konnte, die Darstellungen zwischen seriösen Forschungsansätzen und geschmacklosen Spekulationen variieren – zwischen natürlichem Tod und Gattenmord –, sah sich die Karl-May-Stiftung veranlasst, die Wahrheitsfindung mit allen Möglichkeiten zu unterstützen.

Um der Wissenschaft umfassend zu dienen, wurde die Erstellung eines Forensisch-anthropologischen Gutachtens durch Herrn Dr. med. Carsten Hädrich beauftragt. Folgende Fragen sollten insbesondere beantwortet werden:

1. Können Aussagen zu Erkrankungen (z. B. Rachitis, Lungenkrebs) und zur Todesursache getroffen werden?

2. Können Hinweise für eine Vergiftung festgestellt werden?

Die Karl-May-Stiftung veranlasste die chemisch-toxikologische Untersuchung der sterblichen Überreste von Karl May auf Medikamente, Drogen sowie Schwermetalle, ferner die molekulargenetische Untersuchung zur Bestimmung des DNA-Musters für eine evtl. Abstammungsbegutachtung.

Die notwendigen Proben wurden Karl May direkt in der Gruft entnommen, bevor er noch am selben Tag in seinem Zinksarg würdevoll erneut bestattet worden ist.

Aus dem Forensisch-anthropologischen Gutachten:

„Die Identifizierung der sterblichen Überreste […] erfolgte durch […] einen Fotovergleich des Schädels mit einem Porträt von Karl May.“

„Es fanden sich keine verheilten oder frischen Knochenbrüche und keine Hinweise für krankhafte Knochen- oder Zahnveränderungen, die z. B. auf eine zurückliegende Rachitis-Erkrankung oder sonstige Mangelernährung hinweisen würden. Die auf einigen zeitgenössischen Fotos angedeutet erkennbaren ‚O-Beine‘ sind als Fehlinterpretation infolge von Körperhaltung und Aufnahme-Perspektive zu betrachten, denn am Skelett fand sich keine entsprechende Bein- bzw. Gelenkdeformation.“

„An den Knochen fanden sich keine Hinweise für Absiedlungen eines Tumors, wie sie z. B. in 30-50% der Fälle von Lungenkrebs […] zu erwarten sind.“

„Im Mai 1911 erhielt May im Badekurort Joachimsthal radioaktive Bäder – bei der physikalischen Untersuchung der Knochen- und Weichteilproben wurde die Aufnahme von Radium nachgewiesen, was auf o. g. Kur zurück zu führen sein dürfte.“

„Die toxikologischen Untersuchungen […] ergaben auffällig hohe Konzentrationen von Blei und Cadmium […]. Mögliche Quellen wären z. B. bleihaltiges Brunnen- oder Leitungswasser (Trinkwasser aus Bleirohren) oder die Verwendung bleihaltige Emaille-Kochgeschirre […]. Cadmium war/ist enthalten in z. B. Wasser aus Brunnen oder Heilquellen in Joachimsthal, Nahrungsmitteln […] sowie im Tabakrauch.“

„Als Vergiftungsquellen sind am ehesten Trinkwasser, Nahrung bzw. Tabakrauch zu diskutieren. Der gleichzeitige Nachweis erhöhter Konzentration von Blei und Cadmium spricht eher gegen eine absichtliche Vergiftung, da diese Metallverbindungen kaum gemeinsam in handels- oder gewerbeüblichen Produkten vorkommen.“

„In Anbetracht […] der Laborergebnisse und dem fehlenden Nachweis konkurrierender Todesursachen kommt eine chronische Blei/Cadmium-Vergiftung als Todesursache in Betracht.“

Die DNA-Analyse verlief ohne auswertbare Resultate.

Die Karl-May-Stiftung erwägt die Veröffentlichung eines ausführlichen Forensisch-anthropologischen Berichts an geeigneter Stelle.

 

 

Karl-May-Stiftung
Karl-May-Str. 5
01445 Radebeul
redaktion@karl-may-stiftung.de