"Nur ein Verdingbub" von Peter Surava in "Die Nation"

03. August 2015

 

Zeitdokumente: Die Nation
vom 22. Juni 1944

 

Peter Surava: „Nur ein Verdingbub“
Photos: Paul Senn


Noch heute tun sich die Schweiz und die verantwortlichen Institutionen schwer, ein trauriges Kapitel schweizerischer Sozialarbeit aufzuarbeiten, Fehler einzugestehen und (soweit dies noch möglich ist) Wiedergutmachung einzuleiten. Erst in den letzten Jahren ist das Schicksal von Heim- und Verdingkinder ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Vor allem Fernsehdokumentationen haben dazu geführt, dass die Mauer des Schweigens endlich durchbrochen wurde. Schon vor 60 Jahren hat Peter Surava die traurige Geschichte vom Verdingbub „Chrigel“ in der Zeitung „Die Nation“ (1933-52) publik gemacht. war. Am Schluss dieser gesellschaftskritischen Reportage mahnte Surava: "Chrigel ist ja nicht der einzige!" Der Fall wurde in zwei weiteren Nummern weitergesponnen, zumal Behörden und Gemeinde die Vorwürfe zunächst zurückgewiesen hatten.

Um dieses Zeitdokument richtig einzuordnen, braucht es zwei Informationen.

 

1. Welchen Stellenwert hatte die Zeitung „Die Nation

2. Wer ist Peter Surava?

 

Zur ersten Frage:

„Die Nation“ war eine Schweizer Zeitung, die von 1933 bis 1952 bestand. Sie wurde von einer Gruppe von Persönlichkeiten gegründet, welche sich über Partei- und Klassengrenzen hinweg einsetzten für Unabhängigkeit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die Nation prangerte den Faschismus in Italien ebenso an wie den Nationalsozialismus in Deutschland und wurde zu einem antifaschistischen geistigen Bollwerk in der Schweiz.

Der Schweizer Journalist Peter Surava war von 1940 – 1944 Chefredaktor der Wochenzeitung. Bevor er zur «Nation» stiess, hatte die Zeitung eine Auflage von 8'000 Exemplaren. Suravas Artikel erwiesen sich als wohlinformiert. Sie berichteten über die Opfer des Nationalsozialismus und über die Situation in den Judenghettos. Sie wandte sich gegen politisch motivierte Tendenzen in der Schweiz, die Nachrichten über die Weltpolitik durch die Zensur zu filtrieren und zu schönen.

 In Hunderten von Zensurentscheiden leugnete die Schweizer Pressezensur unter dem damaligen Bundesrat Eduard von Steiger, der vor dem Krieg Vertrauensanwalt der deutschen Gesandtschaft in Bern war, die Judenvernichtung. In den Zensurentscheiden finden sich Ausdrücke wie etwa «Deutschland, eine mit uns befreundete Macht». Die Schweizer Pressezensoren hatten die Judenvernichtung als «Greuelpropaganda», «Greuelmärchen» oder «reine polnische Propaganda» bezeichnet. Es finden sich in diesen Akten im Schweizerischen Bundesarchiv handschriftliche Randbemerkungen, die teilweise von Eduard von Steiger stammen, wie etwa: «“die Nation“ ist ein Dreckblatt, das man raschestens einstellen sollte» oder «Surava – ein Schweinehund!». Der damalige «Die Nation» wehrte sich dagegen und wurden dafür laufend gemassregelt.

So wurde der Name Peter Surava und «Die Nation» für viele Schweizer der Weltkriegszeit zu einem klaren Wegzeichen. Die Auflage der Zeitung stieg auf 120'000 Exemplare. Damals steckten viele Schweizer «Die Nation» sichtbar in ihre Westentaschen, um zu zeigen, was sie denken, nachdem sie es zuvor vorgezogen hatten, sich nicht öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen. Die «Nation» war auch ein Pionierblatt für Sozialreportagen mit Texten von Peter Surava und Fotos von Paul Senn. Dazu gehört die Reportage „Nur ein Verdingbub“.

 

Zur Person Peter Surava

 

Surava, Peter

1912-1995. (Bürgerlicher Name Hans Werner Hirsch)

Nach einer kaufmänn. Lehre 1928-30 und einer Ausbildung zum Grafiker in London 1931 arbeitete er 1936-39 in Valbella als Hausvater der Jugendherberge und Leiter der Skischule. 1939 nahm er seine publizist. Tätigkeit auf. Zunächst benutzte er den Namen Peter Surava als Pseudonym, 1941 bestätigte der Regierungsrat des Kt. Zürich die offizielle Namensänderung. 1940-44 war S. Chefredaktor der Wochenzeitung "Die Nation", die er zu grossem Erfolg führte. Trotz Konflikten mit der Zensurbehörde schrieb er gegen den Nationalsozialismus, die offizielle Asylpolitik des Bundes sowie anpasser. und antisemit. Tendenzen in der Schweiz an. Bahnbrechend waren seine anwaltschaftl. Sozialreportagen mit Fotografien von Paul Senn. Nach Auseinandersetzungen mit den Herausgebern der "Nation", arbeitete Surava 1945-46 als Redaktor am kommunist. "Vorwärts" und an der satir. Kulturzeitschrift "Grüner Heinrich". Von links und rechts angefeindet, verbot ihm das Bundesgericht 1946 auf Betreiben der bundner Gemeinde Surava den Namen Surava. zu tragen. Nach einer Strafklage der "Nation" wurde er wegen Vermögensdelikten inhaftiert und 1949 vom Amtsgericht Bern zu einem Jahr Gefängnis bedingt verurteilt. Surava. zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und publizierte unter versch. Pseudonymen (Ernst Steiger, James Walker, Thomas Quinton) mehrere Lebenshilfebücher, schrieb Hörspiele und leitete 1950-91 die Redaktionen der Zeitschriften "Bewusster leben", "Reform und Diät" und "Volksgesundheit". 1991 veröffentlichte er unter dem Namen Peter Hirsch seine Autobiografie "Er nannte sich S.", welche die Grundlage von Erich Schmids gleichnamigem Dokumentarfilm (1995) bildete. In der Folge erhielt S. zahlreiche Ehrungen, u.a. 1995 den Nanny-und-Erich-Frischhof-Preis und das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde Surava. (Informationen: Wikipedia und Historisches Lexikon der Schweiz)

 

 

Dokumentation

Dokumentarfilm, Schweiz 1995. 35mm, Farbe, 80 min.

Regie Erich Schmid. Kamera: Pio Corradi. Schnitt: Wilma Sieber-Panke. Ton: Dieter Meyer, Andy Sigg, Pavol Jasovsky.

Buch:

  • Verlag: Staefa : Rothenhaeusler (1991)
  • ISBN-10: 3907960467
  • ISBN-13: 978-3907960462


Dokumentation:

"Das gibt es in der Schweiz!"
Sozialreportagen in der
"Nation" 1939-1952

Semiminararbeit von Annetta Bundi
und Andi Jacomet
1997

Ausführliche Dokumentation (Seminararbeit von Annetta Bundi und Andi Jacomet)
Seminararbeit.pdf
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