Rolf Hochhut: Der Stellvertreter-Skandal 1963

11. September 2015

 

Zeitdokumente:

 

Die „Stellvertreter-Debatte“

 

Es sind gut fünfzig Jahre her, da hat ein junger Schriftsteller, zweiunddreissig Jahre alt, einen der grössten Theaterskandale des vergangenen Jahrhundert ausgelöst. Rolf Hochhut (84) mit seinem Theaterstück „Der Stellvertreter“. Etwas, von dem vorher niemand gewagt hat zu sprechen: Das Schweigen der Hierarchie in der römisch-katholischen Kirche zur Judenvernichtung im zweiten Weltkrieg, zum Holocaust.

Rund 50 Zeitdokumente habe ich in meinem Archiv gefunden (teilweise noch gesammelt von meinem Vater). Bis 1975 sollen, laut Wikipedia, gar 7500 Veröffentlichungen zum Thema aktenkundig sein. Heute, gut fünfzig Jahre später, mag man den Kopf schütteln. Die Skandalisierung von Zuständen, von Handlungen, von politischen Entscheiden und Meinungen sind aber – spätestens seit den SVP-Kampagnen – zum politischen und gesellschaftlichen Alltag geworden.

Damals demonstrierten noch, wie der Spiegel schrieb: „Animiert von der Basler katholischen Gemeinde und einer ‹Aktion junger Christen› für den konfessionellen Frieden rund 10 000 Schweizer mit einem Schweigemarsch und Fackelzug vor dem Basler Stadttheater gegen oder für die Aufführung des Anti-Pius-Schauspiels.» Heute wird kaum mehr wegen eines Theaterstücks demonstriert

Das „christliches Trauerspiel“, wie Hochhut es nennt, machte in seinem Stück "Der Stellvertreter" den damals hoch angesehenen Papst Pius XII. (1939-58) für das Schweigen der Kirche verantwortlich. Uraufgeführt wurde das Theater-Stück am 20. Februar 1963 in West-Berlin am Theater am Kurfürstendamm (Schweizer-Premiere fam 24. September 1963 in Basel). Dazu schrieb das deutsche Magazin „Der Spiegel“: «In Basel trieb der Streit um Hochhuths ‹Stellvertreter› seine bisher wildesten Blüten. In der Eidgenossenschaft brodelte, teils komisch, teils makaber, ein Kulturkampf mit faschistischen Nebengeräuschen…“

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Es sind ganz andere Themen, welche die Menschen zur Ablehnung, Verunglimpfung, Beschimpfung – ja bis zum Protest auf die Strasse treibt. Zum Beispiel der Umgang mit dem Fremden, die Ausländerpolitik, die Mitverantwortung der Schweiz an Konflikten und Kriegen in der Welt… Hochhut hat auf die harsche Kritik damals geantwortet: „„Das Theater wäre am Ende, wenn es je zugäbe, dass der Mensch in der Masse kein Individuum mehr sei... Das ist doch eine der wesentlichen Aufgaben des Dramas: darauf zu bestehen, so unpopulär das momentan auch klingt, dass der Mensch ein verantwortliches Wesen ist.“

Es ist nicht nur eine wesentliche Aufgabe des Dramas, auch heute, in der Politik, in Gesellschaft bleibt der Mensch „ein verantwortliches Wesen.“

Dies belegen in aller Deutlichkeit die fünfzig Dokumente zum „Fall Hochhut“, die ich im Rahmen der Räumung meines Archives jetzt „entsorge“. Damit ist aber das Problem Verantwortung und Hetzkampagne noch lange nicht entsorgt. Interessant ist auch, wie schon damals die Skandalpresse,mit dem Theama umgegangen ist.

 

Darum ging es im «Stellvertreter»

Hochhuths Theaterstück schildert die Versuche des Jesuitenpaters Riccardo Fontana, einer Figur, die verschiedene katholische Nazigegner verkörpert, Papst Pius XII. von der Vernichtung der Juden in Kenntnis zu setzen. Während der Deportation der römischen Juden nach Auschwitz drängt Fontana den «Stellvertreter Gottes» zu einem öffentlichen Protest. Da er scheitert, wählt der Geistliche das Märtyrium und schliesst sich den Deportierten an.

 

Das Thema wurde auch vom Hessischen Rundfunk als Hörspiel bearbeitet. Erwin Piscator (Der Regisseur der Berliner Aufführung) war damit einverstanden, eine Radiofassung seiner Inszenierung mit der kompletten Besetzung der Uraufführung in einem Berliner Studio aufzunehmen. „Eine Protestwelle bisher unbekannten Ausmasses überschwemmte daraufhin den HR. Als der Rohschnitt der Studioaufnahmen in Frankfurt eintraf, stand das Funkhaus am Dornbusch wegen einer Bombendrohung bereits unter Polizeischutz. Dennoch gab der Intendant Werner Hess grünes Licht für die Sendung.“ Hier auf YouTube zu hören.

Wichtige spätere Beiträge zum damaligen Skandal

 

„Mit Fackeln gegen die Ketzer“ in TagesWoche (28.02.2013)

«Stellvertreter»-Skandal" in NZZ (24.09.2013)

Theaterskandal in Basel  SRF (24.09.2013) – Tondokument einer Kultursendung von SRF 


Radiobeitrag von 1963: Peter Wyss über die Hochhuth-Premiere

Nachzug anlässlich Hohmuths nächstem Theaterstück "Soldaten". Kommentar des Chefredaktors in der "Thurgauer Volkszeitung" vom 11. Juli 1967
Nachzug anlässlich Hohmuths nächstem Theaterstück "Soldaten". Kommentar des Chefredaktors in der "Thurgauer Volkszeitung" vom 11. Juli 1967