Zeitdokument 20: Montredon: Le vin et le sang

05. März 2016

 

Zeitdokument:

 

Der Wein und das Blut

 

Eine traurige, bei uns fast unbekannte Episode im Kampf der Winzer im Süden Frankreichs um ihre Existenz. Das tragische Ereignis ist auch ein Markstein der in Agrarpolitik der Languedoc, wo seit mehr als hundert Jahren der Rebbau die wichtste finanzielle Grundlage der ländlichen Bevölkerung ist. Trotz Tourismus hat sich dies bis heute wenig verändert.

"Für mich war dies kein Akt der Gewalt, es war der Ausdruck der Hoffnungslosigkeit", sagt noch heute einer der Winzer, der damals dabei gewesen ist. Was ist passiert?

Gedenktafel für den erschossenen Winzer
Gedenktafel für den erschossenen Winzer

An der Brücke von  Montredon-des-Corbières ist es passiert, im Winter vor vierzig Jahren, da wollten die Weinbauern einmal mehr für ihre Existenz kämpfen. Sie blockierten die Schienen, die nach Toulouse führen, bewaffnet mit Jagdwaffen.

Gedenktafel für den an Verletzungen verstorbenen Kommandanten


Bilder: Midi Libre, Regionalzeitung
Bilder: Midi Libre, Regionalzeitung

Das Languedoc ist nicht nur das grösste Weinbaugebiet Frankreichs, es ist auch eines der ältesten. Hier im Süden hat der Rebbau für die Landbevölkerung noch heute existenzielle Bedeutung. Es sind vor allem "vin de table" oder "vin de pays" - Landweine eben, oder "Tafelweine" die hier seit mehr als hundert Jahren produziert wurden. Massenweine, würde man bei uns wohl sagen, wie sie aber immer und überall gefragt waren (und heute noch sind). Billigweine, die aber durchaus als "Landweine" ihre Qualität haben. Ein wunderbares Klima, eine alte Tradition, Wein als einfaches, alltägliches Konsumgut. Noch heute hat - zu unrecht - die Languedoc dieses Image. Obwohl sich in den letzten dreissig Jahren viel verändert hat.

1976, als jene fatale Manifestation tödlich endete, wurden hier im "Midi" jährlich noch 32 Millionen Hektoliter Wein produziert, heute sind es nicht einmal mehr die Hälfte, nämlich knapp 14 Millionen Hektoliter. Es ist weniger die Reduktion der Rebfläche (auch die gibt es), als vielmehr die Ertragsreduktion zum markanten Abbau geführt hat. Dadurch soll das riesige Weingebiet weniger Krisenanfällig sein. 

In der Massenproduktion haben andere Länder immer wieder die Führung übernommen, auch Frankreich kaufte immer wieder "Billigweine" ein, aus Spanien, aus Algerien, aus Italien.... Damit aber wurde die Existenz der Kleinen Weinbauern - meist in Genossenschaften zusammengeschlossen massiv bedroht Dieser Kampf bricht noch heute immer wieder auf. Für eine vollständige Umstellung auf Qualitätswen fehlen weitgehend die Mittel (und die Absatzgebiete). Selbst das weit berühmtere Bordeaux leidet heute - mit Ausnahme der Prestige-Weingüter - am Preiszerfall des Literpreises von Wein.

1976 war es wieder einmal so weit! Die Grosshändler kauften Billigweine diesmal aus Italien, en masse, als Konkurrenz zur enheimischen Produkton. Die Folge: Kurszerfall der Weinpreise, "die Winzer wurden in die Enge getrieben; sie konnten nicht einmal mehr ihte Familien ernähren." Die Situation spitzte sich zu, bis zum 4. März vor vierzig Jahren ein "Comitté d'action vinicole" (CAV) zur Blockade in Montredon aufriefen, zu der mehr als 1000 Winzer kamen. Viele von ihnen nahmen ihr Jagdgewehr mit. "Eine unbeschreibliche Hoffnungslosigkeit führte dazu, dass so viele Winzer zum Blockade kamen." Der Staat reagierte - wie gewohnt - auf eine potentielle Gewalt mit Gegen- gewalt. Die CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité) rückte an und es kam zur Schiesserei: "Montredon, c'est une scène de guerre," erinnert sich noch heute einer, der dabei gewesen ist. Die Polizei "avaient des ordres et le devoir de défendre les lois de la République. Nous, on defendait le dreit de travailler et de vivre au pays"

Dann, als es vorbei war, hatten beide Seiten ihren Toten. Die Polizei einen Kommandanten, die Winzer ihren Mitstreiter. Noch heute ist dieser "Weinkrieg" nicht vergessen. Zwei Tafeln - auf jeder Seite der Brücke - soll daran erinnern, fast unversönlich stehen noch heute - auch in der Erinnerung - die beiden Seiten einander gegenüber, markiert durch zwei Erinnerungs-Tafeln, je auf einer Seite der Brücke.