Medien als Klageweiber. Zum Tode von Kickboxer Andy Hug

05. Juni 2016

 

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"Medien als Klageweiber"

 

Muhammad Ali, "der grösste Boxer aller Zeiten" ist tot. Was jetzt über den Boxer Cassius Marcellus Clay - der zum Islam konvertierte und sich fortan Muhammad Ali nannte - geschrieben und gesagt wird, und wer sich jetzt zu Wort meldet, wirft einmal mehr die Frage nach der medialen Vermarktung auf: "Medien reagieren nicht nur auf Ereignisse mit hohem Nachrichtenwert, sie erzeugen auch zusätzliche Nachrichtenfaktoren. Deutlich wird dies zum Beispiel bei der Schaffung von emotionaler Nähe, die eine kollektive Trauer erst ermöglicht." Dies hat Vinzenz Wyss (schweizerischer Medienwissenschaftler) vor
16 Jahren in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) geschrieben, anlässlich des Todes von Kickboxer Andy Hug. Den Artikel habe ich aus aktuellem Anlass - Heiligenverehrung eines Boxers -  aus dem Archiv gezogen. (Aus dem Archiv, das ich im Augenblick auflöse).

Es ist keine Medienschelte der üblichen Art. Es sind vielmehr Gedanken über eine "Selbstbeobachtung" der Gesellschaft. Wenn Wyss schreibt: "Gerne beruft man sich auf Quoten und Verkaufszahlen und ignoriert die Tatsache, dass durch die Konstruktion von Nachrichtenfaktoren Nachfrage erst geschaffen wird. Redaktionen orientieren sich zudem stärker an anderen Medien als an den möglichen Interessen des Publikums."


Die kritische Medienbetrachtung von Vinzenz Wyss erschien in der NZZ vom 9./10. September 2000. Der ganze Artikel ist hier zu lesen

Quelle: Neue Zürcher Zeitung
Quelle: Neue Zürcher Zeitung

05. Juni 2016

 

Der stille Tod eines Helden

 

So titelte damals - im Jahr 2000 -  "Die Welt", als der Schweizer Kampfsportler Andy Hug überraschend an  an Leukämie gestorben ist. "...Andy Hug war ein Muskelpaket. 1,80 Meter groß, 93 Kilo schwer, mindestens sechs Stunden Training täglich. Einer, der jeden Tag aufs Neue kämpfte. Der nicht so enden wollte wie sein Vater der Fremdenlegionär, der irgendwann irgendwo in Thailand starb und sich nicht um seinen Sohn kümmerte. Er war besessen von der Idee, stärker zu sein als der Rest der Welt. Ein Mann von der Sorte, bei der man als Frau sofort das beruhigende Gefühl hat: "Den wirft bestimmt nichts um. Niemals." Ein Mann, dem man alles zutraut. Aber nicht, dass ihn Leukämie binnen weniger Tage hinwegrafft."
Die schöne Geschichte vom "starken Mann" endete tragisch. Heute - 16 Jahre später - ist sie fast vergessen, obwohl damals - rund um seinen Tod - ein Medien-Hype inszeniert worden ist. Es ist eine klassische "Tellerwäscher" Geschichte mit allen dazu gehörigen Ingredienzien, wie sie eben das Leben (und der Boulevard) schreiben.   

Quelle: Spiegel online
Quelle: Spiegel online

 

Der grösste aller Zeiten ist tot!

 

So titelte "Blick", als die Box-Legende Muhammad Ali vor zwei Tagen starb: In Leserbriefen wird kommentiert: "Kein Sportler hat die Menschen mehr zum Nachdenken gebracht als Mummamad Ali, denn er war nicht nur ein fantastischer Boxer, er war eben auch ein grossartiger Mensch. Er wird uns fehlen."
Spiegel online dazu: "Muhammad Ali hat dieses Land verwandelt und die ganze Welt mit seinem Geist beeinflusst", sagt der langjährige Promoter Bob Arum über den "Größten der Welt": "Sein Vermächtnis wird für immer Teil unserer Geschichte sein."

Anlass für ein paar Gedanken zum Umgang der Medien mit solchen Ereignissen. Sie spielen sich - vor allem auch im Verbund mit den Social-Medien - als "Klageweiber" auf, noch weit mehr als früher. Vinzens Wyss schrieb schon vor Jahren:

"Wer ständig die Geister der Rundfunkliberalisierung ruft, darf nicht mit Kopfschütteln reagieren. Der Forderung eines Beitrags an die Selbstbeobachtung der Gesellschaft richtet sich an alle Medien. Das Messen mit unterschiedlichen Massstäben etwa bei Boulevard- und Qualitätsmedien oder bei kommerziellen und öffentlichen Medien greift zu kurz. Alle Medien sind Teil eines Systems und reagieren ständig durch Anpassungs- und Positionsprozesse aufeinander."