Zeitdokument 22:  Tell 66 (Zum 1. August 1966)

01. August 2016

 

Tell 1966

"Zürcher Woche"

29. Juli 2016

 

Vor fünfzig Jahren befassten sich 8 Schweizer Autoren mit dem Thema Schweiz und Wilhelm Tell. Es entstanden in der Zürcher Woche (Ausgabe Nr. 30, 18. Jahrgang) fünf Seiten amüsanter und nachdenklich stimmender Geschichten, welche de Schweiz vor fünfzig Jahren beleuchten und die Hoffnungen einer damals jungen Generation von Autoren formulierten. 

Die Frage ist: Was ist aus all den Hoffnungen, Träumen, Ängsten, Gedanken geworden?

 

Hier die 5 Seiten:

Auszug aus dem Essay: "Was soll der Hut auf der Stange? Man wisse es nicht, man habe ihn zu grüssen, erwiderten die Umstehenden.Einem hohen Beamten namens Gessler.....Ich komme aus dem Ausland, sagt der Fremde.Sie sind kein Schweizer? Auslandschweizer. Wie heissen Sie? Tell.... Gessler ist es, der gesagt hat: Kinder Aus Vietnam sollen wieder gehen. Wir sin ein zu kleines Land, um alles aufzunehmen, was krank ist.... Gessler ist  vor allem der Wächter der Neutralität, erklärte ein hoher Offizier. Man muss ihn umbringen schrie Tell. Was* schrien die meisten. Pardon ich bin... Tell stotterte, verstummte. Neutralität sei das heiligste Gut." 

Auszug aus dem Essay: "Den Hut auf der Stange? Aber das war doch - Das war eine monumentale Dummheit. Wir hatten gute Kontakte zu Gessler. Mit dem mann liess sich durchaus reden. Goethe hätte ihn als behaglichen Tyrannen geschichildert. Sehen Sie: Gessler war unser politischer Glücksfall. Ein Romantiker ohne echtes Verhältnis zur Macht. Sein Hobby war der Burgenbau. Wenn wir seinen Zwing-Uri fertig bauern und ein wenig repräsentieren liessen, so konnten wir auf sein Entgegenkommen rechnen, was die Erweiterung gewisser genossenschaftlicher Rechte betraf... "

Auszug aus dem Essay:"Der Zivildienstvorkämpfer P. Annen verbüsst eine schwere Zuchthausstrafe in Witzwil. Wer, wie er, eine Wiederholungskurs versäumt, lehnt sich gegen die bestehende Ruhe und Ordnung auf: Dafür wird er bestraft. Mit Zuchthaus, wo die Heimkehrer aus der Fremdenlegion bloss Kasernenarrest bekommen... Ich sehe Parallelen zwischen Annen und Tell; Annen ist ein tragischer Held; er ist bei uns nicht tragbar, weil er uns unsere Geschichte einhämmert: Helden sind Sieger. Diese Geschichte ist es, die uns am Aufbau einer der Wirklichkeit angepassten Gegenwart hindert; als eine solcher Geschichtem ist sie für uns unglaubhaft und gefährlich. Sie verlangen, dass wir handeln.".

Auszug aus dem Essay: "Sehr geehrter Herr General. der Vortrag, den Sie aus Anlass des diesjährigen Rapportes vor Ihren Offizieren gehalten haben, ist in allen bürgerlichen und rechten Zeitungen in extenso publiziert worden. Darum habe auch ich Kenntnis von Ihrer Rede erhalten. (Ich bin - bekanntlich von wegen des Tyrannenmordes zu lebenslänglichem Museumsarrest verurteilt - ein mächtiger Leser geworden, ja, ich darf wohl sagen, ich sei heute ein Intellektueller). Ihre Rede, so will mir scheinen, ist nichts als eine scharfe Abrechnung mit den Pazifisten,. Ich bin zwar nicht Wortführer der Pazifisten, aber ich bin Pazifist...." Gezeichnet: "auch Ihr Wilhelm Tell (Anarchist)"

Auszug aus dem Essay: "...mit den Uhren und Mutters Schreibtisch verschwand die Tellenuhr mitsamt den Tells. Seit da sind wir uns nicht wieder begegnet. Zwar stiess ich ab und zu auf Bilder uns Standbilder, die sich dasselbe Motiv vorgenommen haben mochten, allem Anschein nach. Aber sie hatten für mich  keine sonderliche Ähnlichkeit mit den Tells. Sie waren eben Bilder, Bildversuche, Deutungen... Tell gehörte zu uns, er war Hausgenosse, er ging seinen Weg da auf der Nagelfluh mit Sohn, auf Mutters Schreibtisch, er störte nicht. Seit da habe ich ihn aus den Augen verloren, unsere Wege kreuzten sich nicht mehr..."

Auszug aus dem Essay: "Übrigens ist mir auf dem gestrigen Markt aufgefallen, das die meisten Äpfel gelb oder grün sind, dass ich mir den Walterschen Apfel aber rot vorstelle. Dass das spätere Zentrum einer Schützenscheibe schwarz wurde und nicht rot, ist beweis genug, dass es noch andere schiessende Völker gibt, dass also obige Scheibe keine Schweizerische Erfindung sein kann. Im übrigen wäre ja rot falsch, weil die meisten Äpfel grün oder gelb sind, ganz rund sind sie auch nicht..."

Auszug aus dem Essay: "Nehmen wir einmal den Mythos beim Wort: Bevor der Tell den Landvogt erschoss, lag eine überaus gespannte, verästelte und vernestete Situation vor. Da gab die einen, die sagten: Wir müssen mit diplomatischen Mitteln eine Linderung herbeiführen. die anderen: Private Resistenz, vielleicht sogar wirtschaftlicher Boykott. De dritten: Das ist ein juristischtiches Problem. Die vierten: So schlecht sind wir bis heute auch wieder nicht gefahren; was nachher kommen kann, kann ärger sein. Die Armbrust des Tell hat diese Optik der Dinge völlig (wenn auch gewaltsam) verändert..."

Auszug aus dem Essay: "Das Original der (Tell) Figur spricht sich auch in ihrem wichtigsten Attribut, der Armbrust, aus. Interessanterweise spielt sie im Gegensatz zu der für den Handhaber  weit gefährlicheren Hellebarde in den kriegerischen Auseinandersetzungen jener Zeit kaum eine Rolle, obwohl sie doch ihrer Treffsicherheit wegen strategisch bdeutsamer gewesen sein müsste. Viel wichtiger ist ihre Rolle als Symbol. Auch abgelöst von Tell ist sie4 ein Zeichen für Qualität."