Zeitdokument 28:  Filmzensur und Karl May

25. Januar 2017

 

Zeitdokument 28:

 

Weg mit dem Zopf!

Glosse zur Filmzensur, die 1965
noch aktiv war und Filme verbieten konnte

 

Aus der NZN (Neue Zürcher Nachrichten) im Mai 1965
"Aus dem Mittelalter des Films."

 

"Früher gehörte Karl May zu jener Sorte Literatur, von der besorgte, engbrüstige Erzieher vermuteten, sie verderbe die Jugend und führe sie geradewegs auf den Pfad der Untugend. Er gehörte zu den/verpönten Literaten. Man las ihn trotzdem unter der Schulbank oder unter der Bettdecke. Wenn man bei dieser verbotenen Lektüre ertappt wurde, dann wurde der arme Karl May konfisziert und als entartete Literatur verbrannt. In der Guten Stube durfte man nur die Bücher von Johanna Spyri und Ottilie von Wildermuth lesen.

Unterdessen hat es sich- bis ins Kämmerlein unserer löblichen Zensur herumgesprochen, dass Karl May vielleicht nicht gerade salon-, wohl aber kinderstubenfähig sei. Sie hat deshalb die Karl-May-Verfilmurigen bisher für die Jugend freigegeben.

Bei der letzten aber, bei „Schut“, hat sie ein Veto eingelegt und sich störrisch gezeigt. Nun ist unsere Zensur eine Institution, die in der Dunkelkammer tagt. Sie ist niemandem Rechenschaft schuldig und muss ihre Entscheidungen nicht begründen. Wie bei einem päpstlichen Konklave kann man nur an dem Räuchlein, das aufsteigt, erkennen, was sie entschieden hat.

So kann man nicht erkennen, was an diesem Film jugendverderbender sein könnte, als an den andern. Die Tugendsamen sind gleich weiss und die Bösen gleich schwarz, Die Damen sind alle zugeknöpft bis oben und werden Von den Herren jugendschonend ängstlich gemieden.

Diese, Woche liefert das Fernsehen in jede Wohnstube den Film «Rashomon». Es ist ein Film, in dem es nicht gerade zimperlich, sondern rechtschaffen brutal zugeht, so brutal, dass kein Kinobesitzer gewagt hätte, zu verlangen, dass er für die Jugend freigegeben würde. Aber diesen Film kann nun jeder Häfelischüler am Familientisch ansehen.

Das ist eine groteske Situation. Es 'gibt daraus nur zwei Wege:

Entweder verbietet der Bundesrat dem Fernsehen, Kinofilme zu zeigen, oder man fährt ab mit der Kinozensur, diesem Zopf aus dem Mittelalter des Filmes."

bu.