Die Sprache der Liebe (Dokument aus dem Nebelspalter 1962)

13. April 2014

 

Abgekartete Sprache
für den vertraulichen Umgang

 

Es gab vor 50-60 Jahren noch keine Taschenbücher. Und keine Lautsprecher. Und keine filmischen Abglanz davon, wie Antonius und Cleopatra sich in Liebesstzunden unterhalten haben.
Die Dialoge zwischen Liebenden mußten äußerst rustikal geklungen haben, weil sie ganz und gar noch nicht geprägt waren von - Bonjour tristesse -, von Clark Gable oder von der BB oder vom gesungenen Liebesgurren einer jener saccharintrunkenen Schlagersängerinnen, deren Wortschatz uns im Rahmen vormittäglicher Staubsaugermusik berieselt.
Man war einst wirklich ohne jede Anleitung, wenn man von den Dialogen der Hedwig Courths-Mahler absieht, die sich aber vorwiegend in .den Sphären des höheren Adels abwickelten und sich für den Gebrauch in einem bürgerlichen Torbogen schlecht eigneten. Hier nun sprang die Ansichtskarte in die Lücke.

Man war einst wirklich ohne jede Anleitung, wenn man von den Dialogen von Hedwig Courths-Mahler absieht, die sich aber vorwiegend in den Sphären des höheren Adels abwickelten und sich für den Gebrauch in einem bürgerlichen Torbogen schlecht eigneten. Hier nun sprang die Ansichtskarte in die Lücke.
Der an seine Liebste Schreibende hatte kein Bleistiftende zu benagen, bis die Worte gefunden waren, die seinen Gefühlen entsprachen. Er brauchte nur zu wählen.
Und vielleicht wählte er "Selige Stunden" und schrieb auf die Rückseite nur <Mit Gruß, Fritz> - aber welche Ausdrucksfülle ergab das zusammen. Ich brauche nicht näher darauf einzutreten.
Und der .Umstand, daß der Fritz sich selbst und die angebetete Berta ihn durch ein faltenreiches griechisches Gewand geadelt sah, adelte gleich auch die Beziehung. Das kann oft nichts schaden.
Und glauben Sie, jener Maid vom Jahrgang 1891, die nach Absolvierung insgesamt nur dreier Volksschulklassen sich dem Ernst des Lebens gegenübersah und als Magd vom Brunnen Wasser holte - glauben Sie, dieser Frieda seien an die Adresse eines bewunderten Dorfburschen Worte in die Feder geflossen wie: Lieber Anton, ich bin versunken in Liebe, und an Dich, Du treugeliebtes Herz, denk' ich in wundersel'gem Schmerz, von süßem Traum umflossen ... ?
Ach, nicht die Bohne! Sie wählte sich die entsprechende Karte! So gab es für jede Situation, die zwischen Verliebten eintreten kann, ganz gewiß ein passendes Stück, meist in anspruchsvollen Rosatönen. Wir haben heute viele Karten: Fahrkarten, Terrminkarten, Ausweiskarten, Nachnahmekarten und sonstiges Abgekartetes. Aber wir haben keine so schöne Ansichts-
karten mehr wie früher.
Man sollte einander mehr mit solchen Karten statt mit Autokarten beschenken!
Blasius Kitchener