Eigener Beitrag zur Weinrallye #83

27. Februar 2015

 

Wein ist mehr als „Sideways“

 

von Peter Züllig


„Sideways“ war ein Film, der den Wein nicht zur Staffage degradiert hat, sondern ihn zum wichtigen Handlungsträger aufsteigen liest und erst noch – fast schon ein Wunder – den Kinobesuchern richtig Spass machte. Fast gleichzeitig kam auch Jonathan Nossiters „Mondovino“ ins Kino, ein Film, der mit Global Playern wie Robert Parker und Michel Rolland hart ins Gericht ging, und als Dokumentarfilm, so spannend war Freude, dass er bis heute diskutiert wird. Doch es sind bereits zehn Jahre her, seit diese beiden Filme ins Kino kamen. Wein ist inzwischen beinahe wieder – zumindest im Spielfilm – zur vernachlässigbaren Nebensächlichkeit geschrumpft.

Sideways
Sideways
Mondovino
Mondovino

Dabei haben die beiden Filme – zumindest während einer gewissen Zeit – das Verhältnis der Menschen zum Wein stark geprägt und auch verändert. Parker und Rolland – aber auch andere Player im Weingeschäft – haben einige Zacken ihrer Kronen verloren. Es gab auch den sogenannten „Sideways-Effekt“ (inzwischen untersucht und bewiesen), bei dem der Pinot Noir von den Konsumenten neu entdeckt und der Merlot zu einem „rustikalen Absteiger-Wein“ wurde. Die herrliche Szene, in der der „Fast-tu-nicht-gut“ einen Cheval Blanc (aus Cabernet Franc und Merlot) aus einem Plastikbecher trank, blieb den Weinliebhabern im Hals stecken.

Cheval Blanc als Fastfood
Cheval Blanc als Fastfood

Seither ist es wieder ruhiger geworden um den Wein im Spielfilm. Auch die Dokumentationen über Wein und Weinherstellung, über Trinken und Geniessen, über Menschen, die den Wein lieben oder Verachten, über Bräuche, Sitten, Weingegenden und Weinlegenden sind eher langweilig, schrecklich belehrend und meist filmisch ideenlos. Sie tauchen zwar regelmässig - sogar häufig - im Fernsehen auf.

WDR - Senung Wein zum Fest. Vorkoster Björn Freitag  bei der Weinlese in Südbaden.
WDR - Senung Wein zum Fest. Vorkoster Björn Freitag bei der Weinlese in Südbaden.

Die Programmübersicht zum Thema "Wein im Fernsehen" listet allein für diesen Monat (Februar 2015) siebzig Sendungen auf, die von den deutschsprachigen Sendern ausgestrahlt werden, vorwiegend in den Lokalprogrammen, am frühen Morgen, am Nachmittag und in nächtlichen Randstunden. Die Sendungen werden auch x-mal wiederholt.

Wein findet also statt, sowohl im Kino als auch im Fernsehen. Aber – es ist ein Wein, der nicht bewegt. Sideways und Mondovino – zwar bereits so etwas wie Dinosaurier – sind noch immer Ausnahmen. Man greift auf sie zurück, man diskutiert sie, man lacht, ärgert oder freut sich in Erinnerung an die eine oder andere Szene.

Damals war man im Film noch unzimperlich. Die legendäre Bardot durfte noch rauchen und trinken. Auch im Film.
Damals war man im Film noch unzimperlich. Die legendäre Bardot durfte noch rauchen und trinken. Auch im Film.

Warum Wein so oft nur ein Stiefkind im Film?

Es gibt Gründe: Wein wird in Film und im Fernsehen fast immer nur dargestellt: als: Produkt (meist namenlos), Statussymbol, Angebot (das gekauft werden kann), Landschaften (geprägt von Reben), Winzern (die im Weinberg oder im Keller arbeiten), als Ursache für Rausch (oder Kater), als Requisit beim Essen, als Inhalt eines Glases, und, und…

Die Stars: Sie trinken häufiger Whisky, mitunter Sekt, oder – wenn schon Wein – dann einen „guten Tropfen“ (meist rot, denn er soll ja in den Gläsern strahlen) und unter dem Niveau eines Cheval Blanc darf es auf keinen Fall sei…
Dazu kommt: wenn über Stars und Wein geredet wird, taucht fast immer Gérard Depardieu auf (als abschreckendes Beispiel), der angeblich 14 Flaschen pro Tag trinken trinkt.

Da ist auch noch die „Gesundheitspolizei“: „L’abus d’alcool est dangereux pour la santé. A consommer avec modération“ (Der Missbrauch von Alkohol ist schädlich. Mit Zurückhaltung konsumieren). Dies steht in Frankreich (vorschriftsgemäss) auf jeder Werbung für alkoholische Produkte, ja bald einmal auf der Etikette einer jeden Weinflasche. Da ist auch noch der Jugendschutz, der in vielen Ländern die Alkoholwerbung im Fernsehen untersagt; nicht einmal das Trinken von Wein erlaubt, wenn dies nicht zwingend zu einer Handlung oder Erklärung gehört.

Sicher - dies sind alles löbliche Anstrengungen, begreifbare Bemühungen, aber mehr oder weniger untaugliche Instrumente zur Erziehung Unvernünftiger, notabene, Massnahmen, die den Staat nichts kosten (eher entlasten und deshalb rasch und wenig reflektiert eingeführt werden). Kein Wunder, dass da Wein als Handlungsträger fast immer auf der Strecke bleibt – oder sich in rührende Kitsch-Geschichten und verzwickte Krimis verkriecht. Im einen Fall zu schön, im andern zu dramatisch um echt und wahr zu sein!

„Englischer Wein“, ist dafür ein typisches Beispiel, der Fernsehfilm von Rosamunde Pilcher (90 Min). Da geht es zwar um eine begabte, schöne und erfolgreiche Weinexpertin aus Frankreich, da geht es um Wein und Weinberge. Doch da geht es auch um grosse Erben, Intrigen, uneheliche Kinder, eine reiche Tante, um die grosse Liebe, um Treue und Untreue, Rennautos und Schlendriane, um Liebeskummer, Läuterung und Heirat. Auf Hochglanz poliert, keine Haarsträhne dem Zufall überlassen. Und natürlich bleibt da kein Auge trocken, wenn sogar Schiller (Friedrich) das seine dazu beiträgt: „Trink ihn aus, den Trank der Labe, und vergiss den großen Schmerz! Wundervoll ist Bacchus Gabe, Balsam fürs zerrissene Herz.“ Natürlich läuten da – wie könnte es anders sein - die Hochzeitsglocken und der Wein wird wieder - wie so oft im Film - zum blossen Requisit einer rührenden Geschichte. 

Für Neugierige: Hier die Rosamunde-Folge "Englischer Wein" mit viel Herz und Schmerz

Der gleiche Beitrag ist auch in meinem Blog auf der offenen Facebook-Seite "Wein im Gepäck" - hoffentlich - mit Diskussion zu finden.