Müller-Thurgau - Weinrallye #49

09. März 2012

 

 

Wein-Rallye #49

Veramstalter:  http://cucina-casalinga.blogspot.com/

 

 

Das ungeliebte Kind:

 

Müller-Thurgau

 von Peter Züllig

 

„Oh Thurgau, Du Heimat, wie bist Du so schön…“. Wie oft habe ich als Kind dieses Lied gehört, jedenfalls die erste Strophe. Meine Mutter hat es spontan gesungen, wenn sie besonders glücklich war. An die zweite Strophe kann ich mich kaum erinnern: „O Land, das der Thurstrom sich windend durchfliesst, dem herrlich der Obstbaum, der Weinstock entspriesst…“ Erst viel später – meine Mutter war schon lange tot – hat sich der Weinstock des pathetischen Thurgauerliedes für mich mit der Realität verbunden.  Der Kanton Thurgau war einst – vor mehr als hundert Jahren – ein Rebgebiet. „Das Bodensee- und Rheinufer von Arbon bis Diessenhofen war ein nahezu geschlossener Rebberg“, hält die Chronik fest. Davon ist wenig übrig geblieben. Von weit über 2000 Hektaren Reben sind es keine 200 mehr. Davon etwa ein Drittel weisse Rebsorten, zu 90 Prozent Müller-Thurgau, oder eben Riesling x Silvaner.

Riesling x Silvaner? Wie oft wurde ich schon von meinen deutschen Weinfreunden korrigiert. Seit 15 Jahren weiss man, dass in diesem Fall der Silvaner bei der Züchtung des Schweizer Rebforschers Hermann Müller nicht mitgewirkt hat, der Vater war Madeleine Royale. Trotzdem nennt sich der Wein aus dieser Neuzüchtung in der Schweiz weiterhin Riesling x Silvaner, wohl deshalb, weil Herr Müller damals, vor 130 Jahren, erfolgreich verhindert hat, dass man seinen Namen in der Schweiz mit dieser Rebsorte verbindet. Weltweit hat der Thurgauer mit seiner Züchtung seine Heimat, den Rebkanton Thurgau, erst bekannt gemacht. Man kennt heute die Rebsorte fast überall, kaum aber Weine aus dem Kanton Thurgau.

 

So richtig glücklich aber ist man aber heute nicht (mehr) über den Müller-Thurgau. Zu lange hat man daraus so etwas wie einen „Massenwein“ gekeltert, meist viel zu hohe Erträge und oft ungeeignete Standorte, eben dort, wo anspruchsvollere Rebsorten nicht mehr richtig gedeihen wollten. So wurde der Riesling x Silvaner, oder eben der Müller-Thurgau, zum „ungeliebten Kind“, vor allem in Kreisen von Weinliebhabern. Offensichtlich gehöre auch ich dazu, denn bis heute habe ich nicht eine Flasche Riesling x Silvaner in meinen Keller gelegt. Getrunken habe ich ihn allerdings schon oft, denn an jedem Fest, bei jedem Anlass, wird er – zusammen mit dem noch populäreren Chasselas – als tyspischer Schweizer-Wein aufgetischt.

Reben am Zürichsee. Ein typischer Rebberg in der Schweiz. Bestockt mit Pinot Noir und Müller-Thurgau
Reben am Zürichsee. Ein typischer Rebberg in der Schweiz. Bestockt mit Pinot Noir und Müller-Thurgau

Vielleicht hat meine Zuneigung zum Rotwein hier ihre tiefere Ursache. Wer weiss es? Ich kann nur spekulieren. Nun wurde aber in meinem Haus eine Premiere gefeiert. Der Postbote brachte erstmals einen Karton Müller-Thurgau, geordert, um ihn in den Keller zu legen und bei Gelegenheit ins Glas zu bringen. Noch wage ich nicht, ihn meinen Weinfreunden aufzustellen. Das ungeliebte Kind trägt seinen Ruf mit, auch wenn er längst nicht mehr gerechtfertigt ist.

 

Gestern aber war es so weit. Ich habe die erste Flasche geöffnet Ein Versuch, sagte ich mir. Und? Der Versuch hat sich gelohnt. Die Flasche steht noch auf dem Pult – sie ist leer. Wow, hat offenbar ganz gut geschmeckt. Die flüchtigen Notizen sind eindeutig: aromatisch, knackig, süffig, feingliedrig, lebhaft, nervig, würzig, voll, anhaltend... Was habe ich denn da getrunken? Welche Trouvaille ist meinen Keller entstiegen. Ich reibe mir die Augen: vielleicht doch etwas zu viel getrunken?

 

Nein. Ich habe den ganzen Abend gearbeitet. Texte geschrieben, Fotos sortiert, meine Homepage neu gegliedert, ein Ausstellungskonzept entworfen… daneben aber immer wieder den Weisswein verkostet. Langsam, sorgfältig, bedacht. Ich wollte es ja schliesslich wissen. Ist der Müller-Thurgau „salonfähig“ geworden? Auch in einem Rotweinhaushalt? Er ist es! Die Bekehrung ist nicht ganz so spektakulär wie jene von Paulus, aber hiermit dokumentarisch festgehalten.

Gächlingen im Kanton Schaffhausen. Das Weingebiet des Klettau
Gächlingen im Kanton Schaffhausen. Das Weingebiet des Klettau

Ein Riesling-Silvaner aus Gächlingen, der „Räckedorn“ von der Kellerei GVS Schachenmann, Schaffhausen, hat es geschafft. Es ist ihm gelungen, mich zu überzeugen. Und dies sei – sagt meine Frau – in Sachen Wein nicht ganz so einfach. Meine Vorlieben und Abneigungen sässen tief, meint sie. Warum ich gerade diesen Wein ausgewählt habe – ich kannte ihn vorher nicht – kann ich sagen: Der 2009er „Räckedorn“ hat vor zwei Jahren den „Grand Prix du Vin Suisse“ in der Kategorie reiner Müller-Thurgau gewonnen. Im Glas war jetzt der 2010er. Ob er so gut ist, wie der einstige Siegerwein, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass er gut ist. Und so versuche ich zusammenzufassen:

 

Herkunft: Gächlingen im Kanton Schaffhausen Name: „RäckeDorn“

 

 

Produzent: GVS Schachenmann

 

 

Rebsorte: 100% Müller-Thurgau Preis: 15 SFR.

 

 

Nase: schöne Fruchtaromen, von Aprikosen über Kiwi bis zu floralen Noten, leicht salzig, ein Hauch von Lindenblüten. Gaumen: leicht nervig, jedenfalls lebendig, finessenreich, voll, samtig, harmonisch im Abgang: verführerisch, mit schöner Säure und elegantem Fluss, erstaunlich lang.

 

 

Die elektronische Karteikarte – etwas was ich sonst nie veröffentliche, denn ich schreibe lieber „Weingeschichten“ und behalte die Degustationsnotizen in der Regel für mich – darf sich sehen lassen. Es ist die erste – die einzige veröffentlichte – in meinem „Weingedächtnis“. Das muss gefeiert werden. Heute Abend, mit einem Riesling-Silvaner.

 

Der gleiche Beitrag ist auch auf der frei zugänglichen facebook-Seite eingestellt, in meinem Blog "Wein im Gepäck"

www.facebook.com/sammlerfreak

Gastgeberin:

http://cucina-casalinga.blogspot.com/

Organisation:

http://weinrallye.mixxt.de/networks/events/index

Spielregeln:

http://weinrallye.mixxt.de/networks/wiki/index.Regeln

0. März 2012

 

Zusammenfassung:

Glücklich angekommen!

 

 

Die Wiederaufnahme der Weinrallye (herzlichen Dank, Thomas) ist aus meiner Sicht unglaublich erfolgreich verlaufen. 25 Bloggerinnen und Blogger haben sich ans Steuer gesetzt und mit viel Engagement das Ziel im Auge behalten: Müller-Thurgau oder Rivaner oder (in der Schweiz immer noch) Riesling-Silvaner.

Hier also die Liste der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und der Link zu den Beiträgen:

Ein ganz besonderer Dank und ein höchstes Lob geht an Nathalie, die als Erste angetreten ist und eine perfekte Organisation mit einem – wie sich gezeigt hat – guten Thema – hingelegt hat.

Iris, vom wunderschönen, abgelegenen Weingut Lisson in Südfrankreich (meiner zweiten Heimat) hat tüchtig mitgeholfen und blitzschnell verlinkt: übersichtlich, attraktiv, sogar mit Bildern. Danke!

Nachdem ich nun alle Beiträge zweimal gelesen habe, möchte ich drei davon besonders erwähnen. Keine Angst, ich erstelle keine Rangordnung und vergebe keine Punkte (weder beim Wein noch an der Rallye). Aber jeder hat so seine Vorlieben, seine Aha-Erlebnisse, seine spontanen Eindrücke à la „gut, dass ich dies gelesen habe". Ich weiss, dies hat alles mehr mit mir zu tun, mit meinem Hang zu „Geschichten“, mit meiner Freude an schönen Bildern und – sicher nicht zuletzt – mit meinem Unterwegssein auf verschiedenen Weinblogs. Was vertraut ist, findet bedeutend schneller den "Weg zum Herzen". Trotzdem – ich werde dies auch in Zukunft wohl so halten – drei besondere Empfehlungen:

Perinweinbau

Eine Geschichte – aus dem Alltag gegriffen – in „Ich-Form“, die trotzdem mit einer interessanten Empfehlung endet – mit einem Literwein.

 

25cl - Thomas

Als Altweintrinker hat mich die feine Analyse begeistert. Ja, so ist es auch mir – nicht selten – ergangen. Altersschwäche und trotzdem ein Erlebnis.

 

Glasklare Gefühle

Es war die kurze, prägnant formulierte Geschichte eines eher seltenen (und deshalb gewagten) Vergleichs. Möchte ich es eigentlich „nachspielen“!

 

Ich kann es nicht lassen, einen vierten (schon wieder inkonsequent!) Beitrag zu erwähnen. Grund: die Originalität. Dr. Frankenstein – bestens Vertraut aus Film und Literatur – besucht Müller Thurgau! Diese Begegnung konnte ich mir (bis heute) nicht ausdenken.

Superschoppen

 

Nun aber auf - zur nächsten Rallye am 27. April mit dem Thema: Naturwein.