Weinrallye #50 - Naturwein

27. April 2012

 

Weinrallye ≠ 50: Naturweine

 

Ein Unikat - zwanzig Jahre jung

 

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Bereits vor vier Jahren stand diese Flasche neben dem Computer auf meinem Pult. Ich wollte über den Wein schreiben, zögerte dann aber die Flasche zu öffnen. Es ist ein Unikat - in doppelter Hinsicht. Der Wein gehört zu den ersten Bio- oder Naturweinen der Schweiz, in die Flasche gebracht von einem Winzer, der heute als Bio-Heiliger geradezu verehrt (oder belächelt) wird.

Guido Lenz aus dem thurgauischen Islikon (Schweiz) begann schon 1980, also vor 32 Jahren, mit seinen Experimenten im Anbau und der Weinproduktion nach ökologischeren und ganzheitlicheren Methoden. Nach einigen Misserfolgen war es dann – nach fast 10 Jahren – so weit, dass auch wirklich gute, eigenständige, mitunter auch eigenwillige Weine entstehen konnten. Aus dieser Periode stammt die Flasche auf meinem Pult. Aber auch sie, die Flasche selber – zumindest das Etikett – ist ein Unikat.

 Vor vier Jahren schrieb ich in meiner Kolumne bei Wein-Plus: „Die Flasche ist mit einem handgemalten und signierten Bild des Künstlers Luciano Capello geschmückt. 1020 Bilder hat er gemalt und damit die Ernte 1991 des Ostschweizer Kleinwinzers zum Unikat gemacht: „Die Farben sind wasserfest, so dass die Etikette abgelöst und gerahmt werden kann”, steht auf dem Begleitblatt. Dieses Ablösen habe ich nicht übers Herz gebracht. Die Etikette gehört zum Wein, der Wein zur Etikette, denke ich und lagere beides weiterhin ungetrennt in meinem Weinkeller.“

Nun aber ist der „Tag der Wahrheit“ gekommen. Das Thema „Naturwein“ ist zu attraktiv, als dass ich darauf verzichten möchte, einen 21jährigen Wein vorzustellen, der aus „einem Naturrebberg, der nicht auf Maximalertrag ausgelegt ist, sondern das ökologische Gleichgewicht und Harmonie aller Lebewesen ins Zentrum des Wirtschaftens stellt.” (aus dem Leitbild des Weinguts). Heute wird die Flasche also geöffnet. Was erwartet mich? Ein längst abgebauter oder gar oxidierter, vielleicht sogar untrinkbarer Wein?

Untrinkbar ist er nicht. Wir beide – meine Frau und ich – haben ihn getrunken. Die ganze Flasche. Das will etwas heissen, denn unser weinverwöhnter Gaumen verweigert ab und zu den Zugang. Wir haben dem Wein Respekt gezollt, sogar Achtung. Mehr aber nicht. Da sind zuerst einmal die etwas gewöhnungsbedürftigen Aromen der eher seltenen Rebsorte Marechal Foch, die etwa vor etwa hundert Jahren im Elsass gezüchtet wurde. Sehr viel Zimt würde ich sagen, nur noch eine leise Spur von Kirschen, die Würze abgeschliffen, in der Harmonie von leisen Reifetönen aufgesogen. Ein gealterter, runder, aber nicht aufregender Wein.

Nein – zwanzig Jahre kann man, soll man ihn nicht lagern. Vielleicht ist es auch die ungewohnte Aromatik, die zusätzlich verwirrt. Die Schweiz hat – verglichen mit andern Ländern – ein wohlwollendes Weingesetz. Da werden interspezifische Sorten (PIWI) wie Maréchal Foch, Léon Millot, Cabertin, Monarch etc. kaum eingeschränkt oder gar verboten. Viele Biowinzer haben deshalb ihre Rebberge neu bepflanzt, fast ausschliesslich mit pilzresistenten Sorten. Nur so ist es möglich – sagen sie – in den doch eher kühleren Gegenden ohne Pestizide naturnah zu arbeiten.

Die entscheidende Frage aber ist: lassen sich diese Weine – die meist ausserhalb der internationalen Weingeschmacksnormen liegen – auch vermarkten? Guido Lenz, der Bio-Pionier hat kaum Mühe. Seine Weine transportieren auch ein gutes Stück Ideologie. Als selbsternannter Schamane wendet er sich an „Menschen, die sich für gesunden Boden und Schönheit in der Landwirtschaft interessieren. Menschen, die sich für Rituale im Weinberg und Heilarbeit interessieren.“ Aus diesem Grundgedanken sind interessante Projekte entstanden, wie Engelwurz (ein soziales Projekt mit Jugendlichen), Vogelgespräche (Wohnen im Zirkuswagen und Vögel vom Traubenfrass abhalten), Froschtage (24 Stunden in der Natur leben) und, und, und….

Ich begreife all die, denen da zu viel Ideologie dahinter steckt. Mir jedenfalls geht es so. Ich möchte einen guten Wein trinken, mit viel – um den Modebegriff zu verwenden – Terroir, Eigenständigkeit, Authentizität; ein Produkt, das gewachsen, gereift ist, die Natur noch spüren lässt. Einen ideologischen Überbau brauche ich eigentlich nicht. Im Gegenteil: er stimmt mich skeptisch, lässt mich zurück, drängt mich zum Aussteigen

Deshalb habe ich mir wieder einmal drei Rotweine aus dem Weingut von „biolenz“ besorgt und getrunken. Ja, getrunken und nicht nur verkostet: „Isslisberger Assemblage“, „Muscat bleu“ und „Cuvée Barrique Isslisberg“. Und? Ehrlich gesagt: irritiert war ich schon, als ich zuerst die Isslisberger Assemblage im Glas hatte. Er war einfach so ganz anders. Im Hinterkopf tickte es: „naturnah, naturnah, naturnah….“. In der Nase aber hatte ich wenig, der „fruchtige Gesamteindruck vom Isslisberg“ wollte sich mir einfach nicht mitteilen. Bin ich schon so an gängige Nase von Pinots, Bordeaux, Merlots etc. gewöhnt? Hat sich die Vorstellung, wie ein Wein sein muss, schon so tief in mir eingenistet?

Verunsichert habe ich den Wein dem Gaumen zugeführt, getrunken… Und? Es sind wohl vor allem die Rebsorten, welche die Andersartigkeit ausmachen. Alles „Piwie“, pilzresistente Sorten: „Baco Noir“ eine junge, kanadische Züchtung, „Leon Millot“ und „Maréchal Foch“ beides alte Züchtungen von Kuhlmann aus Frankreich. Vielleicht ist es dieses „andere Geschmacksbild“, das mir den Zugang zum „naturnahen Wein“ nicht gerade erleichtert.

Mit der Zeit – im Verlauf des Abends – habe ich mich daran gewöhnt. Doch ich gebe zu, es fällt mir nicht leicht, zur Beschreibung des Weins die richtigen Begriffe zu finden. „Paranuss“ steht in Detailbeschrieb einer Önologin. Hilfe! Was ist Paranuss – vor allem: wie riecht sie? Keine Ahnung. Auch googeln hilft da nicht viel weiter. Eigentlich bin ich eher mit dieser Andersartigkeit beschäftigt, als mit der Naturnähe.

 Nicht viel anders geht es mir beim zweiten Wein, dem „Muscat bleu“. Bisher noch gehört, noch nie getrunken. Eigentlich eine Tafeltraube, die nur selten gekeltert wird. Und der Wein? Die Önologin muss mir helfen: „In der Nase begrüssen Rose, Muskat und Marzipan wie aus 1001 Nacht – Amaretto, Süss- und Sauerkirsche und schliesslich trumpft der Holunder auf. Im Mund schmeichelt ein leichter fruchtiger Cassis, die rote Johannisbeere und eine Überraschung aus Lavendel….“ „Tausend und eine Nacht“, ich muss es gestehen, ist mir vertrauter, in die Nähe des Weins habe ich die legendäre Märchensammlung bisher noch nie gestellt. Doch der Schamane sagt: „Es ist ein Meditationswein und öffnet das dritte Auge. Die Gaben vom „Muscat bleu“ sind Transparenz und Erhöhung.“ Das dritte Auge hat sich bei mir noch nicht geöffnet. Und Transparenz? Lass der Meditationszeit, die sicher noch kommen wird. Beim dritten Wein, der „Cuvée Barrique“, sind mir zumindest die Holznoten vertraut. Auch für die übrigen Aromen finde ich eher wieder vertraute Begriffe, wie Kaffee, rote Früchte, schwarze Schokolade….

Himmel, auf was habe ich mich da eingelassen? Auf Naturweine, auf Ideologie, auf „Bio“, auf interspezifische Rebsorten, auf „neue“ Weine? Ich weiss es nicht. Wohl von all dem etwas. Doch ich bin dankbar für die Erfahrung. Ob ich ab und zu bei diesen Weinen bleibe, noch mehr Erfahrungen mit anderen „Naturweinen“ suche, weiss ich nicht. Jedenfalls habe ich einen gewaltigen Sprung gemacht, vom ersten „Naturwein“ bis zum jüngsten Wein des gleichen Winzers. Heimlich freue ich mich, dass ich von jedem der drei Weine nicht nur eine, nein drei Flaschen gekauft habe. Sechs stehen also noch im Keller. Dazu drei weisse Weine, die ich noch nicht angetastet habe. Es steht mir also noch einiges bevor. Vielleicht wächst – wie so oft im Leben – die Liebe mit der Gewöhnung.

Herzlich

Peter

Hier die Links:

Das besprochene Weingut Biolenz 

Diskussion zum Thema Naturwein auf Wein im Gepäck

Federführender Blog: Weingut Lisson

Alles über die Weinrallye: Winzerblog

Auf Facebook: Weinralley

 

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