Weinrallye #52 - Klimawandel

29.06.2012

 

Weinrallye #52

Thema: Klimawandel

 
Gastgeber: Torsten Goffin

 

Bordeaux-Blends vom Zürichsee

 

von Peter Züllig

 

Die Klimaerwärmung bringt uns bessere Weine. Dies ist die feste Überzeugung all jener Winzer, die bereit sind, auf die klimatischen Veränderungen zu reagieren und Neues zu versuchen. Allein die Tatsache, dass seit einigen Jahren immer früher geerntet werden kann und immer schneller mehr Oechsle-Grad zu erreichen sind, bringt noch keine „besseren“ Weine. Im Gegenteil: beim Kampf gegen zu hohe Alkoholprozente, zu üppiger Struktur, zu kräftigeren Weinen (die aus dem Gleichgewicht geraten) gibt es mehr Verlierer als Sieger. Viele einheimische Weine aus den eher kälteren Gegenden der Schweiz verlieren ihren eigenständigen, oft filigranen Charakter. Es gibt auch hier immer mehr plumpe „Powerweine“, die aus den einst eher dünnen, aber fein strukturierten „Landweinen“ hervorgegangen sind. Kraft und Farbe allein bringen es nicht. Da muss gefeilt und geschraubt werden, vor allem beim weit verbreiteten Pinot Noir, der dominierenden Rebsorte (bei den Rotweine) der Deutschschweiz.

Föhnstimmung
Föhnstimmung

Sogar die Regionalsendung des Schweizer Fernsehens („Schweiz aktuell“, eigentlich eine Politsendung) hat das Thema im vergangenen Herbst thematisiert: Guter Wein vom Zürichsee - der Klimaerwärmung sei Dank? Hier der entsprechende Link. Der informative Beitrag hat einen entscheidenden, kleinen „Fehler“. Die ganze Sendung (nicht nur die Interviews) sind „schwizerdütsch“ und deshalb wohl für die Mehrheit der Deutschsprachigen kaum verständlich.

Erich Meyer, Uetikon
Erich Meyer, Uetikon

Doch der interviewte Winzer, Erich Meier, – sozusagen der Kronzeuge – ist glaubwürdig, denn seine Weine (der fünften Generation einer alteingesessenen Winzerfamilie) überzeugen, nicht nur dank oder wegen der Klimaerwärmung. Der Winzer registriert (im Film) anfangs Oktober 105 Oechslegrad und meint: „Normalerweise hat man diesen Zuckergehalt Ende Oktober. Wir sind also rund drei bis maximal vier Wochen früher als sonst. Der Klimawandel ist etwas, das wir Winzer gerne nehmen. Die Temperaturen bewegen sich immer noch im angenehmen Rahmen. Es wäre deshalb falsch, wenn wir uns beklagen würden“. 

Guter Wein vom Zürichsee - der Klimaerwärmung sei Dank? (Photo: Schweizer Fernsehen)
Guter Wein vom Zürichsee - der Klimaerwärmung sei Dank? (Photo: Schweizer Fernsehen)

Tatsächlich belegt die Statistik der Forschungsanstalt Acroscope in Wädenswil die Folgen der Klimaerwärmung in Bezug auf die Reben. In den vergangenen dreissig Jahren ist der Zuckergehalt der Blauburgunder am Zürichsee (und nicht nur hier) kontinuierlich gestiegen. Sieht man einmal von den wetterbedingten Schwankungen ab, ergibt sich ein recht einheitliches Bild. Auch spätreifende Rebsorten haben hier eine Chance bekommen und werden zunehmend auch angepflanzt: vor allem Cabernet Sauvignon, Merlot und Chardonnay... Sie sind hier vor 15 Jahren noch kaum gereift, jetzt aber werden sie immer häufiger angepflanzt, denn die Chance daraus einen guten Wein zu keltern ist beträchtlich gestiegen.

Dadurch verändert sich aber auch das Angebot „einheimischer“, oder sagen wir regionentypischer Weine. Der Zug fährt Richtung Mainstream, nicht nur in Bezug auf Rebsorten, auch beim Charakter der Weine. Ich formuliere es einmal krass: austauschbare Gefälligkeitsweine, kaum mit Individualität behaftet, vollmundig, wenig Säure, wenig Unter- und Obertöne, sehr oft simple Blender.

Da setzt meine Kritik ein: Die Natur ermöglicht, etwas in die Flasche zu bringen, was wärmere Gegenden längst kultiviert, ausgelotet und im besten Fall mit Erfolg produziert haben. Im Augenblick, wo ich dies schreibe, sehe ich durch das Fenster die Föhnstimmung, etwas typisch Schweizerisches (Föhn gleich warmer Südwind aus den Bergen). Er beeinflusste bisher das Klima in bestimmten Gegenden weitaus am meisten.

Aus dem Fenster
Aus dem Fenster

Die wunderbaren Blauburgunder aus der Bündner Herrschaft verdanken wir ihm, dem Traubenkocher. Er macht sie einmalig, unverwechselbar. Andere Gegenden haben andere klimatische Besonderheiten und damit – im Verlauf der Jahrzehnte, ja Jahrhunderte – eigene – den Gegebenheiten angepasste – Rebsorten bewirtschaftet und unterschiedliche Keltermethoden entwickelt, damit auch immer wieder spezielle, unverwechselbare Weine erzeugt.

Ist dies eine altmodische, traditionsgelenkte Auffassung, die längst zu revidieren ist?

Oder – anders ausgedrückt – „Wer hat die Seele des Weins getötet?“ Diese Frage stellt der Weinautor Stuart Pigott in seinem 2009 erschienenen Buch „Wein weit weg“ (Scherzverlag, Fischer Frankfurt am Main). Sie treibt Pigott, als Rechercheur, in die ganze Welt hinaus: „Expeditionen von Norwegen über den Kaukasus nach China“ um immer wieder die Frage zu stellen: „Wurde die Seele des Weins wirklich getötet, wenn ja, wer ist der Mörder?“

Ich habe das Buch von vorne bis hinten und von hinten bis vorne gelesen. Eine eindeutige Antwort aber nicht gefunden. Es sei denn beim fast apodiktischen Schluss des Buchs: „. Wenn wir glauben, dass ein Mord begangen wurde, dann ist es eine Art optische Täuschung, weil wir uns an ein völlig überholtes Bild des Weins klammern. Aber wenn wir die Gegenwart wahrnehmen, ohne nach einer heilen Welt des Weins zu suchen, stellen wir fest: Die Seele des Weins ist nicht tot, sie ist sogar höchst lebendig und wandelt sich immer weiter.“ Pigott ist – zumindest in seinem Buch – radikal. Er beschreibt Weingebiete (die zum Teil weit weg liegen), er beschreibt Situationen, er beschreibt Winzer, er beschreibt Weine, er beschreibt Techniken – und kommt immer wieder zu einer ähnlichen Schlussfolgerung: „Die alten Regeln des Wein-Spiels sind offensichtlich längst überfällig geworden. Alles hat sich geändert oder wird sich bald ändern.“ Spurensuche nennt er seine Reise durch die neue und alte Weinwelt.

In einer etwas frotzelnden Art werden Fakten aufgetischt, die fast immer in einzelnen Begegnungen, Beispielen oder Verkostungen enden. Nach der x-ten Reise habe ich das System begriffen, glaube ich. Totale Liberalisierung (wirtschaftstechnisch ausgedrückt), jeder kann Wein machen, alle Mittel und Techniken sind erlaubt, der Weintrinker allein entscheidet, wie sein Wein „schmecken“ soll und der menschliche Erfindungsgeist macht möglich, was bisher unmöglich schien (zum Beispiel Reben in den Tropen). Nur so kann wohl das letzte Kapitel über die „Hobbits“ an der Mosel verstanden werden, mit dem das Buch – nach 544 Seiten – schliesst. Originaltext: „Jeder kann Winzer werden: Yes, you can! Vor der Haustür, genauso wie ganz weit weg, ändert sich alles….“

Mosel
Mosel

Natürlich kommt der Autor auch auf die Klimaveränderung zu sprechen, immer mal wieder: „Dagegen ist die globale Klimaerwärmung eine ganz neue Entwicklung, die für den Weinbau an vielen Orten eine echte Bedrohung darstellt. Bis jetzt schienen die Auswirkungen in Nord-Europa allerdings vorwiegend positiv, deshalb zählt sie noch nicht offiziell zu den Mordverdächtigen. Ich stoße in den Medien sogar immer wieder auf die Meinung, dass die Ausbreitung des Weinbaus in Richtung der immer wärmeren Erdpole zu den wenigen positiven Seiten der globalen Klimaerwärmung zählt.“

Auch hier findet Pigott den passenden Kronzeugen, diesmal in der Pfalz: „Diese klimatische Veränderung bedeutet, dass die Winzer hier zunehmend mit den Problemen konfrontiert werden, die ihren Kollegen in Kalifornien nur allzu vertraut sind… .

Pfalz
Pfalz

Es gibt keine Zweifel mehr daran, dass die Pfälzer Weine, wie fast alle Weine der Welt, sich durch die klimatischen Verschiebungen bereits wesentlich verändert haben, und es bringt überhaupt nichts, dies als Winzer einfach abzustreiten. Die Probleme warmer Überseegebiete, des Mittelmeerbeckens und der Iberischen Halbinsel werden allmählich auch zu den unsrigen. Der Alkoholgehalt liegt heute mindestens ein Volumenprozent höher als vor einer Generation, die Säure entsprechend niedriger. Die Weine schmecken voller, weicher und mächtiger als früher. Ein Winzer, der diese Wahrheit ignoriert, wird mit ziemlicher Sicherheit schwere, stumpfe Weine im Keller haben, die wahrscheinlich auch übermäßig alkoholisch wirken. Wer als Winzer jedoch darauf reagiert und diese Veränderungen als Chance sieht, kann spektakuläre Weine erzeugen, die unbestreitbar neu sind und doch ganz klar ihre Herkunft erkennen lassen.“

Zürichsee
Zürichsee

Genug der Pigott-Zitate, zurück an den Zürichsee, zu meinen eigenen Erfahrungen, zu meiner (geografisch) nächsten Weinwelt. Nicht nur, dass der filigrane Blauburgunder (oft leicht verächtlich als „Landwein“ bezeichnet) hier eine ähnliche Entwicklung durchläuft, also voller, mächtiger, schwerer, geworden ist, er hat auch an Charakter verloren. Ob dies seine Seele ist, weiss ich nicht. Was ich aber weiss: Diese Weine sind immer „austauschbarer“. Bekömmlicher, wie man sagt, weniger Säure, mehr Einheitsfrucht, keine Ecken und Kanten mehr, Aromenvielfalt schrecklich reduziert. Weine mit 14% Alkohol-Gehalt sind beim Pinot Noir fast schon die Regel. Sogar die Weissweine kommen gut und gern auf 13% und mehr…

Was mich aber weit mehr skeptisch stimmt, das ist die Tatsache, dass auch immer mehr der bisherigen Rebsorten durch Merlot, Cabernet Sauvignon und Co. ersetzt werden. Die Klimaerwärmung macht es möglich. Mein Nachbar, der weinliebende Coiffeur, erzählt mit Begeisterung von den Bordeaux-Blends, die er so gerne trinkt. Bordeaux-Blends bald auch vom Zürichsee, dank Klimaerwärmung. „Orbitweine“ sagt Pigott, sie „kreisen im Nichts, beziehungsweise es besteht keine echte Verbindung zwischen ihnen und einem bestimmten Punkt auf der Oberfläche von Planet Wein.“ Innovative Winzer trotzen dieser Entwicklung. „Yes, we can!“ Doch wie viele innovative Winzer gibt es, wenn es darum geht, Weine auch gut zu vermarkten? Diese Frage stellt sich nicht nur hier am Zürichsee

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