Schweizer Wein (Rallye ≠ 53)

20. Juli 2012

 

Weinrallye 53

Gastgeber: Peter Züllig ("Wein im Gepäck")

 

Schweizer Rekorde

 

Zugegeben, sie stehen nicht im Guinessbuch der Rekorde; sie sind auch nicht amtlich beglaubigt. Und doch sind sie Besonderheiten im Weinbau der Schweiz.

Weinbau in der Schweiz? Gibt es den überhaupt? Tatsächlich werden in der Schweiz jedes Jahr etwas mehr als eine Million Hektoliter Wein gekeltert, etwa zur Hälfte Weiss- und Rotweine. Knapp 15‘000 Hektaren Reben gibt es in der Schweiz (zum Vergleich: Deutschland 100‘000 ha, China 450‘000 ha). Exportiert werden jährlich gerade mal 1,3 Millionen Liter Schweizer Wein, dies entspricht 1 bis 2 Prozent der gesamten Produktion. Kein Wunder, dass im Ausland die Meinung vorherrscht: „Die Schweizer trinken eben ihren Wein selber!“

Schweizer Wein: mehr als nur Folklore? Tatsächlich spielt die Exklusivität eine wichtige Rolle. So etwa der höchste Ort, an dem Reben für Wein angebaut werden oder der kleinste Weinberg mit internationalem Ruf oder die seltenste Rebsorte, aus der Wein gekeltert wird, der auch im Handel ist. Mit der Masse kann die Schweiz nicht mithalten, auch beim Wein nicht. Bei einer Grösse von ca. 41‘000 km2 (davon 30‘000 km2 Siedlungs- und Landwirtschaftsfläche, auf der 7,7 Millionen Menschen leben) bleibt für den Rebbau nicht mehr viel übrig.

Dafür hat es – wie gesagt – Platz für Spezialitäten. Zum Beispiel für den höchsten Rebberg Europas. Er liegt im Bergkanton Wallis, bei Visperterminen, und reicht hinauf bis auf 1150 Meter über Meer. Informationen und das Video dazu.

Kürzlich hat zwar eine Meldung aus Frankreich die schweizerische Weinwelt erschüttert. In den Pyrenäen soll es einen Weinberg geben, der noch ein paar Meter höher gelegen sei. Bewiesen ist noch nichts.

Auf dem höchstgelegenen Weinberg in Visperterminen wird der Heida (französisch Païen) angebaut, eine Rebsorte, die eigentlich so nur noch im Wallis vorkommt. Sie ist identisch mit „Savagnin“, beziehungsweise „Savagnin blanc“ aus der man im französischen Jura den berühmten «Vin Jaune», keltert.

Inzwischen ist Heida als Rarität schon fast eine Berühmtheit geworden. Sie wird nicht mehr nur in Visperterminen angebaut, sondern an vielen Orten im Wallis. Doch ein wirklich guter („originaler“) Haida kostet noch immer zwischen 20 und 30 Franken die Flasche.

Vor über zehn Jahren waren viele Parzellen des Weinbergs nicht mehr gepflegt worden. Nach der Instandstellung der verfallenen Trockensteinmauern und der Gründung der Heida-Zunft wurde der Weinbau wieder aufgenommen. Jetzt wird der Heida-Weisswein, der als "Perle der Alpenweine" gilt, wieder produziert.

Mein „Heida“ – den ich im Glas habe – stammt wirklich vom höchsten Weinberg Europas. Seine Farbe ist goldgelb, er erinnert mich stark an Quitte, hat wunderbare mineralische Noten, ein Hauch von Zitrusfrüchten, ist edel und hat Charakter, genau so wie man sich den „Idealschweizer“ vorstellt (den es nur beim Wein gibt!)

Eine zweite Exklusivität:

Wir finden sie auch im Wallis, aber viel weiter unten im Tal, in der Gemeinde Saillon. Da liegt Farinet begraben: „Er war ein Unterwalliser Rebell und Falschmünzer (1845-80). Die Behörden verfolgten diesen Freund des Volkes unerbittlich. Die tödlichen Kugeln der staatlichen Landjäger zerstörten damals die Hoffnungen des Volkes nach schnellem Geld. Heute singen sogar die Behörden das hohe Lied des Falschmünzers. Nur tote Rebellen sind eben gute Rebellen„. Dort also, wo Farinet begraben ist, liegt – ihm zum Gedenken – ein winziger Rebberg – der „Weinberg des Friedens“, – in welchem jedes Jahr eine andere Persönlichkeit die wenigen Trauben erntet. Unter ihnen: Abbé Pierre, Dalaï-Lama, Gina Lollobrigida, Gilbert Bécaud, Peter Ustinof, Jacques Piccard, Yvan Rebroff, Danielle Mitterrand…

Farinet wurde 1880 hier in „ungeweihter Erde“ verscharrt, ausserhalb des Friedhofs, dort wo sonst Mörder begraben werden. 100 Jahre später ist er rehabilitiert worden, zur Symbolfigur für das eigenständige unabhängige Wallis erkoren. Etwas Anarchisches hat er, dieser Farinet, wie ihn der Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz beschreibt. „Ein Verführer ist er, einer, der keine Grenzen anerkennen mag, der mit Blick auf die Berge ausruft: «Aber, was ist Freiheit? … Freiheit ist: zu tun, was man will, wie man’s will, wann man Lust hat.» Farinet, nach dem der kleinste im offiziellen Wein-Kataster registrierte Weinberg der Welt (nur 3 Rebstöcke) benannt ist, wird heute fast wie ein Heiliger verehrt. Die sieben Deziliter der drei Rebstöcke werden mit dem besten Walliser Traubengut gemischt und jedes Jahr 1000 Flaschen als „Farinet-Wein“ verkauft. Der Erlös kommt ausschliesslich sozialen und kulturellen Werken zu Gute.

Im Glas Domaine de la Paix (Farinet-Wein), 2009: unbeschreibbar, ein Mythos, die Qualität des Weins ist Nebensache, eigentlich belanglos, vielleicht sogar pietätlos gegenüber dem verehrten Rebellen von einst.

Eine dritte Besonderheit: Lafnetscha.

Schon um den Namen zu entziffern, braucht es ein Lexikon. „Der Name ist der Mundart der deutssprachigen Walliser (Oberwallis) angelehnt. Da die spätreifende Rebe fast immer zu früh und die Beeren somit in einem unreifen Zustand geerntet werden mussten, benötigte der Wein wegen seiner Säure und Herbheit einen langen Ausbau und konnte deshalb nicht jung „gelafft“ (getrunken) werden. Laff-nit-scha heißt daher sinngemäss trink nicht schon.“

Die autochthone Rebsorte wird gerade noch auf gut einem Hektar Rebland angebaut und sicher nicht mehr aus „unreifen Trauben“ vinifiziert. Sie ist – zusammen mit Himbertscha und Gwäss ein wunderbares, exotische Beispiel der Weinschweiz. Weine, die nur in und aus den Bergen so schmecken können.

In meinem Glas: Caveau de Salquenen (Salgesch): Lafnetscha 2010. Ein Wein, der wirklich anders ist, exotisch aber frisch, viel Säure, aber auch viel Schmelz, würzig und wohl noch kaum reif, abgeklärt und eigenständig. Ein Walliser Hartkäse würde dazu bestens passen.

Vinothek in Sion (Walliser Weine)
Vinothek in Sion (Walliser Weine)

Dies also ist meine Weinschweiz am heutigen Wein-Rallye. Eine Schweiz, die nicht im Cabriolet zu erfahren ist, sondern – wenn immer möglich – zu Fuss zu erlaufen: Also heute hier in „Wein im Gepäck“ quasi für einmal ein Zu-Fuss-Rallye (NB. In der Schweiz ist die Rallye sächlich, also ein Rallye!)

Herzlich

Peter

 

 

Mein Beitrag zur Weinrallye 53 auch hier auf Wein im Gepäck:

20.Juli 2012

 

Weinrallye ≠53

 

Gastbeitag von

Markus Bommer

 

  

Schweizer Wein

 

Man kennt sie nicht, und man hört nur selten etwas darüber…… aber sie existieren: Schweizer Weine. Und das schon über 2000 Jahren.

 

Die Römer haben bei Ihren Kriegszügen auch ihren Fingerabdruck, zumindest Weintechnisch, in der Schweiz hinterlegt. Heute kann die Schweiz auf einen einzigartigen Rebsorten Spiegelschauen: Über 200 verschiedene Varietäten sind in der Schweiz beheimatet. Von den eher „kühlen“ Sorten wie Pinot Noir oder Riesling, wie auch die „warmen“ Sorten wie Tempranillo, Grenache, Nebbiolo.

 

In der Schweiz wird auf 15000 Hektaren Weinbau betrieben und ca. 100 Millionen Liter Wein produziert. Die Schweizer selber trinken aber 3-mal mehr als das produziert wird. Dies ist mitunter der Grund, wieso der Schweizer Wein selten im Ausland anzutreffen ist. Zudem ist der Schweizer Wein auch preislich nicht in der gleichen Kategorie wie die billigen Weine aus Spanien, Italien oder Übersee. Dies hat einerseits mit den höheren Produktionskosten und Immobilienpreisen zu tun, anderseits aber auch das die Reblagen teilweise in schwindelerregenden Höhen sich befinden.

Einer der bekannten Weine, der Heida, wird auf über 1200 Meter angebaut und gilt heute noch als höchstgelegener Rebberg in Europa.

Der wichtigste und grösste Anbaukanton ist mit einem Drittel aller Rebberge das Wallis. Hier werden auf 100 Kilometer Länge über 60 verschieden Sorten angebaut. Die klimatischen Bedingungen sind mehr als hervorragend, da das Wallis nur ca. 400 Sonnenstunden weniger als Athen hat, aber durch die hohen Berge (über 40 Vierstausender) kühle Nächte vorzuweisen hat. Hier wachsen auch noch annähernd 20 autochthone Traubensorten wie Humagne Rouge, Cornalin, PetiteArvine, Amigne u.s.w..

Zweitwichtigster Kanton ist das Waadtland. Hier ist der Chasselas (Gutedel) zu Hause. Und das Lavaux mit seinen Terrassierungen gegen den Genfer See gehört seit 2005 zum Unesco-Weltnaturerbe.

Die Schweizer produzieren heute qualitativ Top Weine, die sich dem internationalen Vergleich durchaus stellen dürfen. Unter anderem haben wir Weine, die sich ohne Probleme mit einem Petrus messen können (siehe Video mit Hendrik Thoma und mir).

Ein Produzent, der auf dem internationalen Parkett seinen Tanz beherrscht ist sicher Daniel Gantenbein. Mit seinem Pinot Noir ist er in den weltbesten Restaurants anzutreffen. Aber es gibt viele Entdeckungen und sehr viele Topproduzenten. Und es gibt heute auch den Schweizer Wein auf dem internationalen Markt zu beziehen, aber immer noch als Spezialität und Nischenprodukt. Dies wird sich, durch die Kleinstmengen, auch nicht ändern.

 

Markus Bommer

16. März 2012

 

Ankündigung:

 

Weinrallye # 53 Schweizerwein

 am 21. Juli 2012

von 0.00 Uhr bis 24.00 Uhr

 

 

auf www.facebook.com/sammlerfreak

 

Auf den ersten Blick vielleicht ein etwas exotische Thema. Doch es gibt ihn, den Schweizerwein, allen Unkenrufen zum Trotz. Die Schweiz ist mit knapp 15‘000 Hektaren Rebland ein kleiner und wenig bekannter Weinproduzent, vor allem im Vergleich mit Nachbarn wie Frankreich und Italien. Nur ein ganz kleiner Teil der Gesamtproduktion von Schweizerwein wird exportiert (gerade mal 2-5 %). Schweizerweine sind also ausserhalb der Schweiz nur schwer erhältlich. Sozusagen eine Rarität.

Quinten am Walensee. Rebberge "ennet" em See, nur mit dem Schiff zu erreichen
Quinten am Walensee. Rebberge "ennet" em See, nur mit dem Schiff zu erreichen

Also ein (zu) sperriges Thema, für eine Wein-Rallye? Ich glaube nicht! Vor allem weil ich das Thema gern breit fassen würde: Nicht nur Wein aus der Schweiz, vielmehr die Schweiz in der grossen Weinwelt. Also Erfahrungen mit der Schweiz, mit Schweizern und ihrem Verhältnis zum Wein. Da hat – so meine Erfahrung – fast jeder etwas zu erzählen. Sei es vom Urlaub in der Schweiz, von Erfahrungen in den Schweizer-Restaurants, von Weinerlebnissen, von den Bergen, in denen es ganz spezielle Weine gibt, und, und…

Der eine oder andere Schweizerwein gelangt sogar ins Ausland. Gantenbein ist so ein Vorzeigeprodukt. Aber auch die Walliser-Weine oder der Tessiner Merlot, der (vor allem in Deutschland) oft geschmähte Chasselas aus der „Welschschweiz“ oder der Müller-Thurgau aus der Ostschweiz, der hier noch standhaft mit Riesling-Silvaner bezeichnet wird.

Am Genfersee
Am Genfersee

Vielleicht hat der eine oder andere sogar Erfahrung mit Kauf- oder Verkauf von Weinen in der Schweiz; mit Präsentationen von Weinen bei den doch eher als konservativ verschrienen Eidgenossen; mit Verkostungen oder Wettbewerben im Vergleich mit andern Ländern oder Rebsorten; mit Begegnungen im Handel, in der Wein- oder Winzerszene.

Ich meine sogar, Themen wären zugelassen, wie: „was trinke ich zu speziellen Schweizergerichten?“ Zu der Berner-Rösti, dem Züri-Geschnetzelten, dem Käse-Fondue, den Älplermagaronen…? Gerichte, welche die Schweizer-Grenzen längst überschritten haben und auch in andern Ländern auf der Speisekarte stehen. Passt dazu nur ein Schweizerwein oder gibt es andere Weine, die besonders gut mit diesen Gerichten harmonieren.

So weit gefasst ist das Thema nicht nur machbar – auch für jene, die keine Schweizerweine „beim Händler ihres Vertrauens“ oder gar in den Regalen des Discounters finden können. Zudem gibt es auch in Deutschland Online-Shops – wie zum Beispiel „Lionhouse“, die rasch und zuverlässig gute (und weniger gute) Schweizerweine liefern, ohne lästige Zollbehinderungen durch die Schweizer EU-Abstinenz.

Ich freue mich natürlich auf ein möglichst breit gefächertes Spektrum und die Teilnahme von vielen Weinliebhabern aus andern Ländern, denn als Schweizer Rallye-Fahrer kenne ich auch in meiner Beziehung zum Wein keine Grenzen. Hoffentlich geht es möglichst vielen Mitfahrern ebenfalls so.

Herzlich

Peter