Weinrallye #58 - Kleine Genschenke erhalten die Freundschaft

28. Dezember 2012

 

Ganz schön gefordert….


Was schenkt man einem bekennenden Rotweintrinker? Einen Weisswein natürlich. Warum? Dann kann der Beschenkte sich nicht in gewohnten Bahnen weiter bewegen, dann ist das Geschenk wirklich ein Geschenk und nicht bloss Antrieb zur Routine. Aber kann das Geschenk so auch richtig gewürdigt werden? Ich bin ganz schön gefordert…

Das Ganze begann – wir wissen es – mit dem Ausrufen der 58. Weinrallye mit dem etwas ungewöhnlichen Thema:Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“ durch Thomas Lippert. Grundidee: jede und jeder schenkt dem nächsten eine Flasche Wein, die dann an der Weinrallye zu besprechen ist. Da begann schon mein erstes Problem.

Als Schweizer bin ich – für die meisten Rallye-Teilnehmer ein Ausländer – und erst noch einer aus einem Nicht-EU-Land. Die Post funktioniert zwar, doch die Porti sind sündhaft teuer, teurer als die meisten der verschenkten Weine. Wer ist bereit, dafür so viel zu bezahlen, nur damit auch ich an der Rallye teilnehmen kann?

Thomas Lippert, himself, hat Gnade vor Verstand walten lassen und mir eine Flasche geschickt. Ich wiederum – an horrende Porti ins Ausland gewohnt – schickte dann eine Flasche – natürlich Schweizerwein – dem Harald Steffens an die Mosel. Und sind wir halt heute auch dabei, wir ganz allein, die Flasche Grauburgunder Auslese vom Weingut Clauer, Heidelberg, und ich… und ich… und ich…

Ganz schön gefordert! Grauburgunder! Es sind noch keine drei Monate her, seit ich in der Bündner Herrschaft (Schweiz) während Stunden Grauburgunder gelesen habe. „Gräuliche“ Trauben, mit einem Anflug von Rot, prall, schon leicht angeschlagen, höchste Zeit zu Ernten.

 

Der Winzer sagte, innerhalb von zwei Tagen haben die Trauben die physiologische Reife schon fast überschritten, wir müssen uns beeilen… Ich stellte mir bei der aufwändigen Lese vor, was daraus einst werden wird, ein Grauburgunder, aus sehr reifen Trauben, wie der Ruländer, den ich aus Deutschland kenne. Nein, dies ist nicht der Stil „meines“ Winzers. 

 

Also ein trockener Weissburgunder, wie er hier üblich ist: mit dem „klassischen“ Apfelaroma, aber auch Zitrusfrüchte, Rosienen, Nüsse… druckvoll und dicht, mit viel Mineralität und Biss.

 

Da wusste ich noch nichts vom Grauburgunder des Weinguts Clauer in Heidelberg. Da wusste ich noch nichts, wie ein halbtrockener Prädikatswein – eine Auslese – sich in der Nase zeigt, im Glas brilliert, im Gaumen sich entwickelt und im Nachklang bei mir in Erinnerung bleibt. Da wusste ich noch nicht, dass ich so gefordert werde…

 

Nehmen wir es vorweg: Ich hab es überstanden, nicht den Wein, die sensorische Auseinandersetzung mit dem Wein. Und ich bin glücklich, dass er mich glücklich gemacht hat. Zuerst einmal, dass ich ihn überhaupt kennen lernen durfte. Der Ruländer hat – entgegen meiner Vorurteile – deutsche Weinehre gerettet. Aber es ist ja gar kein Ruländer, es ist ein Grauburgunder und erst noch aus nicht allzu weit entfernten Landen.

 

Er hat mehr Säure, als andere Grauburgunder, die ich kenne, glaube ich. Er hat zwar auch ordentlich Alkohol (14% vol.), er ist zwar süss – süsslich, aber nicht klebrig, vielmehr bissig, knackig – er hat jene Aromen, die ich bei einem Grauburgunder erwarte (siehe oben), er hat aber noch etwas mehr, nämlich Charme verbunden mit Charakter. Dies ist bei süssen Weinen nicht immer ganz einfach. Die Süsse sahnt oft ab, blendet, auch wenn sie dezent ist. Sie nimmt dem Wein oft die Frische.

Ins Schwärmen gerate ich nicht. Undifferenziertes Schwärmen ist meine Sache nicht. Ich bewahre – glaube ich – auch bei guten Weinen immer eine gewisse Distanz. Die Gefahr ist gross, dass einem ein guter – wenn auch ungewohnter – Tropfen vereinnahmt; dass all das angelesene Weinwissen die Sensorik überlagert; dass die Aufgabe – hier besonders heikel – das Urteil mitbestimmt.

Da hilft mir, dem bekennenden Rotweintrinker, der natürliche Abstand, die fehlende Routine, das Einmalerlebnis. Für mich ist der Wein fast ein Unikat. Eine Herausforderung zwar, aber letztlich eine schöne Bekanntschaft, ein Genuss, etwas, das den Rahmen des Gewohnten sprengt. „Über den Rahmen hinaus denken“ habe ich früher im Kreativunterricht von meinen Studenten verlangt. Zu recht, aber nur dann, wenn ich dies auch mache, zumindest dort, wo ich (und andere) dies von mir erwarte(n). „Über den Rand hinaus geniessen“, so möchte ich die Forderung ergänzen. Und der Genuss ist perfekt. Deshalb ist ein Weisswein für einen Rotweintrinker auch das einzig richtige „Geschenk“.

                                                                                       Peter Züllig

 

Das "Geschenk" von Thomas Lippert: Grauburgunder (Auslese), Weingut Clauer, Heidelberg.

Mein "Geschenk" an Harald Steffens: Chardonnay, Gantenbein (Fläsch, Schweiz)

 

Die 58. Weinrallye wird geleitet von Thomas Lippert

www.winzerblog.de

 

 

Die Weinrallye ist ein Blogevent, das jeden Monat einmal stattfindet (in der Regel am letzten Freitag im Monat). Einer der teilnehmenden Blogs übernimmt die Führung, bestimmt das Thema, lädt ein, verlinkt die Beiträge und erstellt eine Zusammenfassung. Sinn und Zweck einer Weinrallye ist einzig und alleine der Spass und die Motivation, schöne Themen aufzuarbeiten. Bei der Weinrallye darf jeder mitmachen, egal ob Weinblogger oder nicht. Auch Nichtbloggern bieten die Gastgeber immer die Möglichkeit ihre Beiträge auf ihrem Blog zu veröffentlichen. Allgemeine Informationen und Logos findet man auf den entsprechenden Seiten von Thomas Lippert (dem Gründer des Events) auf Winzerblog: http://winzerblog.de/weinrallye/ Wer gerne einmal selbst als Autor/Themengeber mitmachen möchte, findet alle Infos und die kommenden Themen auf der Weinrallye Seite bei mixxt (Registrierung erforderlich). http://weinrallye.mixxt.de/