Asylsucher im Glas oder mein Lieblings-Immigrant im Weinregal

01. März 2014

 

Zusammenfassung und Kommentare

 

Die 71. Weinrallye ist vorbei. Vielleicht ein schwieriges Thema, doch es hat sich gelohnt. Die "offizielle" Zusammenfassung wird folgen. Was mir auffällt: die "alten" Blogger-Hasen stehen weitgehend abseits. Die Rallye erfasst neue Blogs und Websites. Und dies ist gut so! Neue Erfahrungen, neue Sichtweisen, neue Gesichter. Wunderbar! Auch die Themen variieren, werden noch vielfältiger, noch spezifischer. Dies bereitet vielleicht der/dem einen oder anderen etwas Mühe. Dafür lohnt sich das Lesen (und kommentierren). Herzlichen Dank vor allem auch an Dorit vom Chateau und Chocolat.

 

Dorits Chateau et Chocolat

Sein Land zu verlassen, sich zu freiwillig dazu zu entscheiden oder gezwungen werden es zu tun, sind wohl Gegensätze, wie sie kaum konträrer sein könnten. Wie es sein muss, sein Geburtsland und all das, was man sich bis dahin aufgebaut hat, verlassen zu müssen, erlebte ein Teil meiner Familie am eigenen Leib. Als Sudetendeutsche musste meine Oma ihre Heimat verlassen. Und, aus ihren wenigen Erzählungen aus dieser Zeit, weiß ich, es durfte nur mitgenommen werden, was in den kleinen Leiterwagen passte, in dem aber schon mein Vater, damals gerade einmal 4 Jahre alt, saß.

 

 

 

Petilia 'Greco di Tufo

Wiesengenuss

Das blöde ist, ich habe gerade keinen Südafrikaner, keinen Rumänen, keinen Ungarn, keinen Moldawier im Glas. Auch nicht im Regal. Keine Immigranten. Zumindest nicht von weit her.

 

 

 

Romantische Rumänen

weinkaiser (Marc Herold)

Alleine die Flasche dieses Weins erzählt schon Bände. Unregelmäßiges Pressglas, so schwer und archaisch als wäre es nicht kontrolliert erzeugt, sondern in einer Elfenhöhle gefunden worden. Die Pressnaht scheint das Profil eines Gebirgszugs in den Kaparten nachzubilden und es gibt auch kein Etikett sondern nur einen mit Wurstkordel befestigten Papieranhänger. All dies nichts, was man in einem aufgeräumten Riesensupermarkt erwarten würde. Es sei den dieser Supermarkt stände in Rumänien.

 

Geliebte Immigranten

hundertachziggrad

Und weil kein Franzose einem Ausländer nun erklären kann, was der Unterschied zwischen "terre" und "terroir" ist, haben sie angefangen, rumzudichten, es sei ja auch eigentlich mehr als nur Erde, es sei …. (hier beliebige Vokabeln wie Mikroklima, Geologie, Vegetation, Geschichte, Philosophie und Dadaismus einflechten) et voilà, schon haben wir das Terroir!

 

Mein Herz schlägt für Cahor
superschoppen

Eines Tages kam der Nachbar in Begleitung eines schüchternen Mannes: Andrej, der Gärtner … aus Moldawien. Ob Andrej wohl auch einen Wein aussuchen dürfe? Was für eine Frage! Na klar!
Es kostete viel Überredungskunst den bescheidenen Kerl zu überzeugen, dass er bedenkenlos zugreifen dürfe. Fortan kam Andrej immer am späten Abend, um sich etwas von dem mitzunehmen, was die anderen Nachbarn hatten stehen lassen.

 

Wieviele Flaschen Wein finden Asyl in zwei Fahrradpacktaschen?

Weinforum (Thorsten Hammer)

So hat es einst begonnen - immer wieder brachte ich Weine von meinen Reisen mit, die Mitbringsel sind immer die besten Erinnerungen. Allein das schon rechtfertigt ihren Platz im Gepäck bzw. im Kofferraum. So manches wird natürlich auch zu Lieblingsimmigranten, für mich z.B. sind es die Jura - Weine, auch weil man sie bei uns nicht in der Breite bekommt. Andere Lieblingsimmigranten sind meine Prioratos, aber die schleuse ich ja nicht nur für mich ein...

 

 

Integriert? Inkludiert?
Hauptsache Wein

2011 hat Uwe Russler knapp 1000 Stock Rosenmuskateller gepflanzt - in seiner besten Rieslinglage, im Rauenthaler Rothenberg. Versuchsanbau, eine von nur drei Anlagen in Deutschland - und gleich die größte. Wer Uwe Russler kennt, weiß: Hier wird nicht gekleckert, hier wird geklotzt. Wenn schon ein Experiment, dann richtig. 

 

 

 

Das Fremde
sammlerfreak

 Dem Asylsucher Pinotage gewähre ich Asyl, ja, er ist sogar aufgestiegen zum Lieblings-Immigrant im Weinregal. Die Liebe ist so gross, dass ich längst vergessen habe, dass es ein Immigrant ist. Er gehört zu mir, zu meinem Geschmack, zu meiner Genussfähigkeit, also auch in meinen Keller.


28. Februar 2014

 

Das Fremde


Mit dem Fremden haben (offensichtlich) wir alle unsere liebe Mühe. Für die einen stellt es eine unglaubliche Bedrohung dar (auf die man all die eigenen Ängste und Vorurteile projizieren kann), für andere beginnt da ein mühsamer Weg über das Lernen (im besten Fall) bis hin zur Vertrautheit. So ist es im Leben, warum soll es beim Wein anders sein?

Unsere Weinkeller sind meist gute Beispiele dafür. Da sammelt sich das Vertraute an. Nach meinen Beobachtungen (auch an mir!):  n u r  das Vertraute. Das Fremde huscht vielleicht einmal (kurz) herein, um bald wieder verbannt zu werden, sobald der Reiz der ersten Erfahrung vorbei ist. Selbst wenn die gemachten Erfahrungen gar nicht so schlecht, vielleicht sogar sehr gut sind: das Fremde ist es, das (in aller Regel) den Raum zuerst wieder zu verlassen hat. Zu wenig Erfahrung, Platzmangel, nicht in das Bestehende passen, schlecht zu Integrieren, anders sein, schwer zu verstehen, wenig Kenntnisse dazu besitzen… und, und, und, wie die Begründungen uns allen so leicht über die Lippen kommen.
Dahinter verbirgt sich – ich sage es nochmals – eine fast panische Angst, nicht die nötige Akzeptanz zu finden – vor sich selber und bei anderen. Mit einem Bordeaux oder Burgunder, in Deutschland mit Riesling (speziell mit den trockenen), in Italien mit den Supertoskanern, in Österreich (jetzt wieder) mit Wein aus Burgenland oder Steiermark… Da ist man meist auf der „richtigen Seite“, wenn es darum geht bei einem Besuch mit Wein aufzuwarten oder auch nur in Weinkreisen über Produzenten, Jahrgänge und Rebsorten zu diskutieren.

An einer Weinmesse treffen sich so viele "Experten"
An einer Weinmesse treffen sich so viele "Experten"

Ich gebe gerne zu: das war (oder ist) bei mir nicht viel anders. Anfänglich – als ich mich vom blossen Weingeniesser allmählich in die sogenannten „Weinkreise“ gerrobbt habe – war es – man muss ja mit dem Bewährten beginnen – ausschliesslich Bordeaux. Dies hat ja auch seinen (zumindest erklärbaren) Grund. Weine aus dem Bordelais – sollen sie diskussionswürdig sein – müssen lange lagern, zehn Jahre mindestens, und „alte Bordeaux“ zu kaufen ist nicht nur schwierig und aufwändig, vor allem ist es teuer. Kommt dazu, dass der Jahrgang eine wichtige Rolle spielt, genauso wie die ominösen Parkerpunkte und der Ruf (auch die Klassifikation) bestimmter Weingüter. Es braucht viel Erfahrung, Wissen und natürlich auch Fehler und Irrtümer, bis man endlich eine unterste Stufe des „Experten“ erreicht hat. „Experte“ aber muss man in Weinkreisen sein, zumindest Experte für den gerade aufgestellten oder diskutierten Wein.

So kam es, dass mein Keller ein Bordeaux-Keller wurde. Mehr oder weniger einheitlich, für Fremdes war da lange Zeit kein Platz. Allmählich aber stellte ich mit Erstaunen fest, dass das Regal, wo die „artfremden“ Weine lagern immer grösser und umfangreicher wird, die Immigration nimmt also (schon fast erschreckend) zu. Und – was noch viel schlimmer ist – ich ertappe mich dabei, dass ich bei der Auswahl durchaus auch die Immigranten mit einbeziehe: mindestens gleichberechtigt, zuweilen sogar bevorzugt.
Nun taucht natürlich die Frage auf: Was sind denn die ominösen Immigranten? Woher kommen sie, wie haben sie sich integriert und vor allem: wie werden sie von mir (meiner Familie und meinen Freunden) behandelt. Sind es noch immer die schrecken-einjagenden Fremden? Eigentlich nicht! Es sind Freunde geworden. Jedenfalls viele von Ihnen. Eigentlich so, wie es auch im Alltag – in der Nicht-Wein-Welt - sein müsste.

Aus diesem Land kommt er. Aus einem Land, das lange Zeit (aus Gründen des Menschenrechts) gemieden wurde.
Aus diesem Land kommt er. Aus einem Land, das lange Zeit (aus Gründen des Menschenrechts) gemieden wurde.

Nur einen Wein – eine Rebsorte – gibt es da, von dem spricht man nicht, den schenke ich auch kaum jemanden ein, und eine Diskussion darüber zettle ich schon gar nie an. Es kommt mir vor, als würde ich mich schämen. Sein Ruf ist nicht brillant, seine Qualität – von „grossen Weinkennern“ meist bestritten (oder gar nicht zur Kenntnis genommen) und mein Ruf als „Experte“ (würde die Gastfreundschaft bekannt) wohl endgültig dahin. Und trotzdem liebe ich ihn, fast ist es eine geheime Liebe.

Ich spreche vom Pinotage, der einst in Stellenbosch (Südafrika) gezüchtet wurde (1925) und noch heute fast nur dort angebaut und seit 1961 vermarktet wird. Unter den vielen Rebsorten, die in dem bekannten und anerkannten Weinland in grösseren Mengen verarbeitet werden, scheint er der „Underdog“ zu sein. Typisch südafrikanisch, aber – so der allgemeine Tenor – nicht wirklich gut.
Was nun, wenn ich diesen „Underdog“ liebe? Wenn ich gerade die leichten Bitternoten, welche ihm oft angelastet wird, besonders gern habe? Wenn ich gerade das Anderssein an ihm so schätze und ihn wohltuend empfinde, inmitten des immer stärker genormten Weingeschmacks? Immigrantenlos!

Er ist anders, er verkörpert das Fremde (unter den Weinen), er kann – allen Veredlungsversuchen zum Trotz – seinen Charakter nicht ablegen. Er ist und bleibt eben "nur" ein Pinotage. Auch in meinem Weinkeller. Zwar stimmt die Farbe: dichtes Pupurrot, mitunter mit fast schwarzem Auge. Es stimmt die Nase: oft fast überreife Brombeeren, begleitet von süsslichen Pflaumen und milden Gewürzen, vielleicht sogar etwas von Randen (ich glaube in Deutschland sagt man rote Beete) und den schon fast obligaten, unverwechselbaren Bitterton. Wenn ich dies alles – genau so – liebe und so manchem lieblichen Tropfen vorziehe, werde ich da ausgeschlossen aus dem Kreis der Weinwissenden?

Ja, ich werde – jedenfalls ist dies meine Erfahrung. Deshalb oute ich mich nur ganz selten. Zum Beispiel jetzt, wo das Thema so gut passt: „Asylsucher im Glas oder mein Lieblings-Immigrant im Weinregal“ Dem Asylsucher Pinotage gewähre ich Asyl, ja, er ist sogar aufgestiegen zum Lieblings-Immigrant im Weinregal. Die Liebe ist so gross, dass ich längst vergessen habe, dass es ein Immigrant ist. Er gehört zu mir, zu meinem Geschmack, zu meiner Genussfähigkeit, also auch in meinen Keller.

Auch das Fremde gehört zu mit!
Auch das Fremde gehört zu mit!


Diese Weinrallye wurde organisiert von Dorit Schmitt auf ihrem Blog "Chateau-et-chocolat". Dort ist nach Abschluss der Veranstaltung auch eine Zusammenfassung und die Verlinkung zu finden.

Den gleichen Beitrag - zudem eine allfällige Diskussion - findet man bei Sammlerfreak.

 

Die Weinrallye ist ein Blogevent, das jeden Monat einmal stattfindet (in der Regel am letzten Freitag im Monat). Einer der teilnehmenden Blogs übernimmt die Führung, bestimmt das Thema, lädt ein, verlinkt die Beiträge und erstellt eine Zusammenfassung. Sinn und Zweck einer Weinrallye ist einzig und alleine der Spass und die Motivation, schöne Themen aufzuarbeiten. Bei der Weinrallye darf jeder mitmachen, egal ob Weinblogger oder nicht. Auch Nichtbloggern bieten die Gastgeber immer die Möglichkeit ihre Beiträge auf ihrem Blog zu veröffentlichen. Allgemeine Informationen und Logos findet man auf den entsprechenden Seiten von Thomas Lippert (dem Gründer des Events) auf Winzerblog: http://winzerblog.de/weinrallye/ Wer gerne einmal selbst als Autor/Themengeber mitmachen möchte, findet alle Infos und die kommenden Themen auf der Weinrallye Seite bei mixxt (Registrierung erforderlich). http://weinrallye.mixxt.de/