Rallye # 82:  Priorat Blind

26. Januar 2015

 


Weine erzählen Geschichten

 

durchgeführt von Torsten Hammer vom Blog Priorat Hammer




Prolog
Weine erzählen immer Geschichten und diese Geschichten sind es, die mich interessieren und bewegen. Es gibt viele Weine, es ist die Mehrheit von ihnen, denen kann ich zuhören, sie verstehen, ihre Erzählungen vielleicht sogar deuten. Es gibt aber auch Weine, die wortkarg sind, wenig zu berichten haben oder – auch das gibt es - die ich nicht hören oder verstehen kann. Die sechs Weine haben mir alle etwas erzählt und davon möchte ich berichten:

Geschichte zu Wein Nr. 7: Sonnenbrand


"Spanien, wo du Deinen ersten schrecklichen Sonnenbrand geholt hast. Vor vielen, vielen Jahren. Es ist nicht nur warm, es ist heiss, Du hättest dich besser schützen sollen. Die Sonne kann man speichern, aufnehmen, aber nur, wenn man sich nicht verbrennen lässt".


Es ist der erste Wein der Runde! Erster Eindruck: nicht feurig, eher etwas müde, schlaff, in der Farbe: als würde das Licht durchscheinen, aber nicht leuchten. In der Nase leicht diffus, Fruchtnoten sind da, aber schwer zu bestimmen, eine andere Welt. Ich muss mich da zuerst zurechtfinden. Spanien. Nicht die Noten, die ich im Wein sonst kenne. Eine andere Welt.
"Du hast Dich rösten lassen, das erste Mal in Spanien. Nach einer Siesta scheinbar im Schatten der Pergola hat Dich die Sonne erwischt. Du hast - trotz scheinbarem Schatten - am Abend ausgesehen wie ein Zebra. Du warst nicht mehr aufnahmefähig. Anfängerfehler!"
Ich habe Geduld mit dem Wein. Hat er diese auch mit mir? Vielleicht hätte ich aufgegeben, hätte nicht der Gaumen Interessantes versprochen. Bitterschokolade, Würze - weit hinten Cassis, aber ohne Druck, mit mässigem Abgang. Ich bin verwirrt: Grenache kenne ich - von meiner zweiten Heimat dem Languedoc  - aber der ist anders. Wie anders?
"Du musst Geduld haben. Spanien, das sind nicht nur die Sandstrände, ist nicht nur Meer und Wellen und Sonne. Spanien ist auch Berg, dunkler Schiefer, Nacht- und Morgenkühle. Du mit Deinem Sonnenbrand siehst das nicht. Greenhorn!"
Grianza kommt mir in den Sinn. Hat der Wein damit etwas zu tun? Ich bin verwirrt. Am nächsten Tag versuche ich es erneut: der Wein hat schon leicht oxydative Noten. Hat seine leichte Bitterkeit verloren und etwas reife Zwetschgen aufgenommen. Ich denke an meinen Sonnenbrand. Daran iträgt nicht  die Sonne Schuld. Ich bin es, das Spanier-Greenhorn, das erst noch Erfahrungen zu sammeln hat. Weinerfahrung holt man nur mit Wein im Glas.


Geschichte zu Wein Nr.8:

Geduld


"Ja, du hast recht. Ich bin anders als die Weine, die Du sonst trinkst. Ich habe einen Grundton, an den Du Dich gewöhnen musst. Nimm dir Zeit, habe Geduld, mit mir, vor allem aber auch mit Dir."


Dieser Wein ist dichter, für mich verständlicher, klare Konturen, klare Frucht, viel Harmonie. Aggressiver als der erste Wein (Nr.7), sogar wilder, ausgeprägter in den Konturen. Doch was beginne ich da schon zu vergleichen. Es sind erst sind es zwei Weine.


"Geduld ist es, was Du mitbringen musst. Auf Entdeckungsreisen ist Geduld eine schwierige Sache.  Kannst Du spanische Kultur in wenigen Tagen kennen lernen? Denke an den Reisetourismus. Spanien in zwei Tagen, ein bisschen Meer, etwas Grossstadt, Berge, Täler, Gebirge, Flüsse. Nimm Dir Zeit!".


Ich habe nicht viel Zeit, ich muss morgen weg. Der Wein gefällt mir immer besser. Er hat Druck am Gaumen und rettet auch Fruchtnoten bis in den mittleren Abgang hinein. Geduld habe ich mir gemerkt. Habe ich den Wein auch richtig verstanden? Ich werde heute mit dem "Impitoyable", dem unbarmherzigen Taster nachverkosten!


Geschichte zu Wein Nr.9: Weinkeller


"Wie oft bist Du in den Weinkellern gestanden, wo berühmte Weine vom Traubensaft zu Wein mutierten. Wie oft hat man Dir erklärt, wie der Prozess verläuft und all die Geräte gezeigt, die dazu gebraucht werden; mit Stolz die Fasskeller (oft auch ganz kleine) präsentiert und die Philosophie des Ausbaus erklärt."


Muss man einen Wein immer erklären, ergründen. Kann er nicht einfach Spass machen. Die Farbe ist noch dunkler - im Kern fast schwarz. Die Aromen noch intensiver: Ich habe den Eindruck den gleichen Wein im Glas zu haben, doch mit einem gewaltigen Kraftschub. Keine neue Noten, eher ausgeprägtere Töne.


"Ich bin aus dem Priorat, merk Dir das. Vergiss all die Technik, die Du schon in Kellern gesehen hast. Vergiss die Mache, die den einen Wein wie den andern werden lässt. Spürst Du nicht meinen eigenen Charakter?"


Ich weiss nicht, ob dies Gewöhnung ist, der Wein ist gesprächig. Noch zeigt er eine gewisse Verschlossenheit, eine vornehme Zurückhaltung. Die Aromen konkretisieren sich: Feigen, Zwetschgen, Zimt, ja Zimt. Ich erinnere mich an all die vielen Weine, die immer (fast) gleich schmecken (ich denke da vor allem an Bordeaux), allzu oft (und immer häufiger) austauschbar sind und sich nur in den feinen Tönen und Ausprägungen, in den Nuancen, unterscheiden. Einheitslook.


"Zu unterscheiden, das das streb ich auch an, nicht nur in Nuancen. Ich versuche meinen Charakter - gescheite Leute sagen Terroir - in den Wein zu bringen. Spürst Du das nicht?"


Doch, doch es dämmert mir, ich beginne Unterschiede - formulierbare Unterschiede - festzustellen. All dies wird aber dominiert von einer, nur schwer zu fassenden Eigenschaft: Charakter. Charakter entsteht dort, wo nicht nur am Schluss gefeilt und getrimmt wird. Charakter entsteht dort, wo eine Auffassung gelebt wird.

 

Geschichte zu Wein Nr.10:

Prado

 

"Weisst Du noch – auch das ist lange her - einer Deiner Träume war es, alle grossen Museen Europas zu besuchen: Louvre, Ermitage, Vatikanische Museen, Alte und Neue Pinakothek, Tate Galery, Prado. Ja  Prado."


Dies kommt mir in den Sinn, schon wenn ich ins Glas schaue. Dunkles Kirschrot, dunkel, aber schön, schön... In der Nase Wärme, Frucht, tänzlerische Harmonie, ein Drang zur Vollkommenheit, zur Schönheit. Bin ich jetzt einem Charmeur aufgesessen? Kann doch nicht sein! Im Mund auslandend, fruchtig, abgeklärt (kann man das sagen?), irgendwie stimmig.
"Denke an all das Schöne, das Du in den Museen angetroffen hast. Denke an die Kunst, an den sichtbaren Willen zur Gestaltung, an die Meisterwerke, die - nicht zuletzt wegen dem Namen und der Berühmtheit  - gelobt und bestaunt werden."
Wieder bin ich verunsichert. Bei diesen Weinen kenne keine Namen, kann nicht vergleichen (weil ich wenig Priorat-Weine kenne), weiss nicht, ob ich genarrt werde, einem Schmeichler zum Opfer falle. Für mich sind alle spitzen Töne weg, es herrscht ausdrucksstarke Präsenz. Was ist Kunst, was ist echt und was ist (bewusste oder unbewusste) Vorspiegelung von Schönheit?
"Denke an den Prado, an Goya, Velazquez, El Greco, Ribera und Murillo oder die holländischen Maler. Denke an die vielen, so unterschiedlichen Bilder und Stile, denke an das, wie verbindet. Der Wille zu Gestaltung, zum Ausdruck von Botschaften und Gefühlen."
Nein, Wein kann nicht mit Kunst verglichen werden. Nein, der Prado ist weit weg vom Priorat. Wein ist Genussmittel, vergänglich, nicht für Jahrhunderte geschaffen wie die Kunst. Und doch: der Gedanke lässt mich nicht los. Können Weine nicht auch Kunst sein, vergängliche Kunst, Kunst, die weg ist, wenn man sie geniesst? Verwegene Gedanken?!?

 

Geschichte zu Wein Nr.11:

Geheimnis

 

"Ich weiss, Du kannst Geheimnisse gut bewahren, du posaunst sie nicht in die Welt hinaus, solange bis sie keine Geheimnisse mehr sind. Auch ich habe meine Geheimnisse, und auch ich verrate sie Dir nicht."


Das mit dem Geheimnis beschäftigt mich. Dieser Wein hat wirklich etwas Geheimnisvolles, etwas, was man in der Kunst zu ergründen sucht: jener Rest an Unerklärbarem, der immer wieder zu Diskussionen Anlass gibt. Man kann es beschreiben, in Worte pressen. Es bleibt aber letztlich ein Geheimnis.


"Kann Wein nicht auch seine Geheimnisse haben?"


Dieser Wein animiert mich, darüber nachzudenken. Er gefällt mir, würde ich im Alltag sagen. Er gefällt mir sogar sehr. Muss ich nun das Geheimnis lösen? Ist es dann noch ein Geheimnis? Oder verliert es die Kraft der Faszination. Die Ratlosigkeit steigt in eine andere Dimension, in die Dimension des schlichten Staunens, des Genissens. Samtig, angenehm, sexy, genial, nobel....
Was sucht man da nicht alles an Begriffen zu bemühen. Vielleicht ist es wirklich ein Geheimnis. Vielleicht ist es sogar das, was man als "kleinen" Wein bezeichnet. Vielleicht. Was tut es: mein Eindruck allein ist (für mich) entscheidend.

 

Geschichte zu Wein Nr.12:

Kochen


"Du hast kochen gelernt, angeleitet von einer berühmten Köchin. Es waren lehrreiche, aber harte Lektionen. Welche Geschmacksnoten passen zusammen, wie entsteht Harmonie, wie erreichst Du Raffinesse, welche deiner Sinne werde angesprochen?"


Der Wein hat mich zurückgeholt in die Realität einer Degustation. Priorat Blind. Das Geheimnis ist weg. Ich bin wieder da, wo ich angefangen habe. Beim Versuch zu erklären, was im Keller, im Weinberg gemacht worden ist. Es erinnert mich an Kochen, an die Lektionen und Rezepte, die ich einst bekommen habe.


"Nimm Dich zusammen! Weinmachen ist vergleichbar mit Kochen, es braucht gutes Grundmaterial (in diesem Fall Traubengut), es braucht gute Kenntnisse der raffinierten Vinifikation und es braucht Intuition."


Nach den beiden "geheimnisvollen" Weinen - so mein Eindruck, habe ich wieder Handwerk im Glas. Gutes Handwerk. All die Eigenschaften die ich schon beim ersten Wein gespürt habe, sind wieder da, ausgeprägt. (Liegt dies - nach sechs Weinen - an meiner  Lernfähigkeit, an meiner (doch noch kurzen) Erfahrung?)


"Was nimmst Du wahr, welche Farbe, welche Düfte, welche Geschmacksnoten, welche Aromen, welche Eigenschaften im Gaumen und im Abgang?"


Schwierig zu sagen. Man wiederholt sich bekanntlich gerne. Man kennt ein paar Begriffe und Aussagen zu Priorat-Weinen: "dicht und konzentriert, feste dunkle Frucht", Gewürze, Röstaromen, Pflaumen, Kirschen, Lakritze... Jetzt wird es mir aber zu bunt, ich - vermisse in all dieser Potenz das kleine Geheimnis, das letztlich - in meinem Erleben - einen Wein ganz gross macht. Ich glaube eher, ich übersehe es!

Epilog
Die sechs Geschichten, so unterschiedlich sie sind, haben alle mit mir zu tun. Es sind meine Geschichten, erzählt – oder erinnert – vom und durch den Wein. Ich kann nicht sagen, die eine Geschichte ist besser als die andere, nicht einmal welche die wichtigste ist, die wertvollste, die schönste. Im Augenblick, wo der Wein spricht, verstumme ich, höre nur zu, mag nicht an die letzte und auch nicht an die nächste Geschichte denken. Erst viel, viel später, wenn sich die Geschichten vom Erlebnis getrennt haben, wandeln sie sich allmählich – nicht immer – zu Urteilen. Hier etwa so:

Die Geschichte 11 hat mich am meisten bewegt, die Geschichte 9 möchte ich bald nochmals hören, die Geschichte 10 wird mir lange in Erinnerung bleiben, auf die Geschichte 7 kann ich am besten verzichten, die Geschichte 12 hat mich in den Gefühlen hin- und hergerissen und die Geschichte 8 hat mich verwirrt.

Ob es dabei immer am Wein liegt, oder öfters an mir, an meiner Aufnahmefähigkeit oder an meiner Geduld, ist kaum festzumachen. Doch es waren alles schöne Geschichten und keine einzige darunter, auf die ich letztlich verzichten wollte. Ich freue mich darauf, dass die Geschichten auch einen Weinnamen annehmen, eine Adresse und vielleicht sogar Punkte.

24. Januar 2015

 

Spielregeln

 

Diese Rallye hat einen etwas anderen Ablauf. Es geht hier um die Blindverkostung von sechs Prioratweinen und die anschlissende Diskussion. Hier die aussergewöhnlichen Spielregeln:

Der Organisator dieser Rallye, Torsten Hammer, schreibt:

"

Hallo Rallyeteilnehmer,

es wird ernst, fast jeder von euch hat inzwischen die Fläschchen vor sich stehen. Da nicht jeder erst am kommenden Freitag trinken und schreiben möchte, eröffne ich jetzt gleich die 18 Weinrallye # 82 Threads für jeden der Weine bei http://www.dasweinforum.de/viewforum.php?f=126. Dort dann bitte die Notizen zu den jeweiligen Weinen direkt posten oder zumindest reinkopieren. Für die, die nicht aktiv im Weinforum schreiben, kopiere ich deren Eindrücke zu den Weinen entsprechend hier dann rein.

Ihr solltet eure Fläschen etwa bis zur Hälfte blind verkosten, die Reihenfolge ist egal - ich habe die Nummern nach dem Zufallsprinzip vergeben. Es bietet sich an entweder 2 mal 3 Weine parallel zu trinken, dann kann man schön abwechselnd riechen und trinken und besser die Unterschiede zwischen den Weinen erfassen. Oder, wer nicht drei Gläser auf dem Tisch stehen haben möchte, der trinkt halt 3 mal 2 Weine...

Ob Eure Beschreibung blumig poetisch oder analytisch - mit wissenschaftlichem Ansatz erfolgt, sei euch unbenommen, es wäre schön, wenn ihr die Weine wenigstens mit einer Schulnote bewertet, wer jetzt nicht im ihm eigenen 20er oder 100er System zu Hause ist. Und wenn ihr verraten würdet, welchen Preis ihr für den jeweiligen Wein für angemessen halten würdet. Unwichtig dagegen ist es, herausfinden zu müssen, um was es sich im Einzelnen handelt, wer dennoch blind erraten will, aus welchem Dorf, von welchem Produzenten oder aus welchem Jahrgang der Wein kommt, der darf das natürlich tun. Uns soll es aber mehr darum gehen, die Weine entsprechend unvoreingenommen zu probieren und zu bewerten.

Wenn jeder seine Notizen zu den Weinen vröffentlicht hat, dann werden die Weine der jeweiligen Gruppe aufgedeckt, in dem ich dann im Threadtitel ergänze, um was es sich handelt... Dann könnt ihr mit dem Wissen, was es ist, die zweite Hälfte des Fläschchens leertrinken... und dann vielleicht auch noch einmal hier im Thread über den jeweiligen Wein diskutieren, wobei natürlich auch andere zum Mitdiskutieren willkommen sind, die den jeweiligen Wein ebenfalls kennen. Vielleicht macht der eine oder andere dann noch spontan was davon auf?

Aufgedeckt werden kann also im günstigsten Falle auch schon vor dem Freitag, aber erst wenn jeder Teilnehmer der jeweiligen Gruppe fertig ist mit der kompletten Blindprobe.

In der Gruppe Basispaket haben wir drei Frauen am Start, die sich mit diesen Weinen auseinander setzen.

Auch in der Gruppe Genusspaket sind wir zu dritt, allerdings mit mir gerechnet.

In der Gruppe Spaßpaket sind wir zu fünft, auch wieder mit mir gerechnet. Ich habe für mich die Reste der nicht leer gewordenen Flaschen ebenfalls in Miniflaschen umgefüllt, habe aber nicht alle 12 Weine aus den Gruppen Spaß / Genuss auf dem Tisch, da ich mir einige der Minis für andere Proben reserviert habe. Ich werde meine Notizen jeweils erst als Letzter dazu schreiben.

Für den Freitag - den 30.01.2015 würde ich mir zudem von jedem der Teilnehmer ein Resümée wünschen - auf seinem Blog, auf der FB-Weinrallye-Seite oder hier... Dies werde ich dann im Stile der Weinrallye auch untereinander verlinken. Vergeßt dann auch nicht das Weinrallye - Logo und wer auch auf Twitter etwas dazu verbreitetet das ‪#‎weinrally82‬ ...

Also dann - an die Gläser...
Beste Grüße

Torsten