Weinrallye #93 - Glühwein und Weihnachtsmarkt-Rallye

26. Dezember 2015

 

Am Freitag war Weinrallye
(nicht "nur" Weihnachten):

 

Glühwein und Weinachtsmarkt

 

                                                           durchgeführt von Thomas Günther

                                                           auf Weinverkostungen.de

 

Wer mag schon an Weihnachten unterwegs sein? Nur wenige sind eingestigen - bisher. Auch ich habe erst heute meinen Beitrag eingestellt, gestolpert an den Vorgaben - die ich vehement verteidigt habe - immer am letzten Freitag im Monat ist die Weinrallye unterwegs. Und wenn dies mit dem Weihnachtstag zusammenfällt? Dann kommt wohl anderes - zum Beispiel die Familie - zuerst zum Zug. Erst nachher geht es los. Macht nichts! Die Weinrallye ist ein Spass, ein Bloggerspass, eine freie Lust am Weinfabulieren. 

Hier mein eigener Beitrag: Achtung sehr süss!

Hier der Link zum ausführenden Blog

Aktuell

Bier statt Glühwein

"Ohne Schnee fehlt halt die Weihnachtsstimmung", Das trockene Wetter sei ein Vorteil. Weil es so warm sei, würden die Leute einfach etwas weniger Glühwein trinken, und dafür mehr kalte Getränke wie Bier. Hier die aktuelle Meldung zu den Weihnachtsmärkten

26. Dezember 2015

 

Weinrallye #93

 

Glühwein und Weinachtsmarkt

 

durchgeführt von Thomas Günther

auf Weinverkostungen.de                    

 

Achtung, sehr süss!

 

Was hasst der Weinfreund mehr als der Teufel das Weihwasser ? Natürlich: den Glühwein. Warum? Weil er glüht? Weil es kein Wein ist, sondern ein Getränk, sozusagen in der Hölle gebraut (oder alternativ: beim Christkind).

Also ein Höllengetränk, gemixt, etwa so: Weihwasser (auch Spiritus genannt), Orange, Prosecco (echte Snobs nehmen sogar Champagner) und Soda Water). Aber nein – werch ein iltum würde Jandl jetzt  sagen – das ist doch "Weihwasser Sprizz oder gar die "Offenbarung“. 

Offenbarung? Ja, zu beziehen bei der „Paradise Taste Company“ (www.weihwasser.info/de/#andProducts), wo sich auch Sanctus, Jeezus, ja sogar die "Zwölf Apostel" – Hartes und Leichtes - tummeln. Nicht zu verwechseln mit der Adresse www.weihwasser.de , wo wir beim „richtigen“ Weihwasser sind: „Die symbolische Bedeutung des Weihwassers ist die des Wassers überhaupt: Leben, Reinigung, Gefährdung und Rettung. Durch das Segensgebet werden diese Bedeutungen mit dem Durchzug des Volkes Israel durch das Rote Meer (Exodus) und der Taufe Jesu Christi im Jordan verknüpft.“ (Nachzulesen auch bei Wikipedia).

Was hat mich da der Teufel geritten? Ich bin ja ganz weg gekommen vom Thema, beim Teufel angelangt. Nicht beim Christkind. Also Szenenwechsel. Dorthin, wo der „echte“ Weinliebhaber auf den Teufel trifft, am „Christchindlimarkt“ oder eben auf dem Weihnachtsmarkt. Dort, wo viele Gefühle zuhause sind. Pfui Teufel! Da begegnet man der Weinlästerung auf Schritt und Tritt, und damit nicht nur dem Christkind, auch dem Teufel, dem Glühwein. Und der wird erst noch getrunken: hektoliterweise. „Allein auf dem Sechseläutenplatz (Zürich) trinken die Besucher rund 2500 Liter Glühwein am Tag. An insgesamt 36 Tagen schenken die Weihnachtsstände dort gut 90'000 Liter aus. Was ungefähr 450 vollen Badewannen entspricht,“ so der der Zürcher Tagesanzeiger und leitet und er leitet gerade auch noch einen Test ein.

Wo gibt es den „leckersten“ Glühwein der Stadt? (Man beachte die Formulierung: lecker.) Es gibt sogar Degustationsnotizen und (höchstens) fünf Punkte, noch keine zwanzig oder gar hundert und es ist nur „ein Test“- noch keine „Degustation“, zu deutsch: Verkostung. 

Immerhin werden verschiedene Glühweine beschrieben – sogar einen Sieger, ein Mittelfeld und einen Verlierer erkoren. Die Bewertungskriterien sind zwar nicht ganz klar, die Messlatte schon gar nicht. Der Preis spielt eine Rolle (wie könnte es anders sein), der Begriff lecker und wohl auch die Kälte und die Stimmung. Auch gibt es prägnante Urteile wie: „Klebriges Agglo-Benzin“ – „Wein aus schönen Bechern“ – „Der Testsieger aus der Grossküche (5/5 Punkte) – „Unspektakuläres Massenprodukt“ (2/5 Punkte) etc. Ich bin ganz sicher, nächstes Jahr wird ein Konkurrenzblatt eine „echte“ Verkostung durchführen, mit ausgewiesenen Fachleuten, einem strengen Beurteilungskatalog und noch strengerem Massstab für die Vergebung von höchstens hundert PP (Parker Punkte).

So viel Christkind, Teufel und Ernsthaftigkeit zwingen mich zum (ganz persönlichen) Bekenntnis. Ich liebe den Glühwein! Warum? Weil er ein Wein mit Gefühl ist. Geschmacklich vielleicht zu süss, zu alkoholisch, zu zimtig, zu lorbeerig, zu heiss … oder eben gerade richtig, richtig lecker. Was tut’s? Glühwein ist die Kitschvariante des Weins? Für Strenggläubige vielleicht ein Horror, für Weinkunstliebhaber eine Strafe. Doch: wagen wir den Vergleich mit der Kunst. Längst ist der edle Kirsch in alle die Kunsthallen der Welt eingezogen. „Achtung, sehr süss!“ titelte vor Jahren schon das „Zeit-Magazin“ und fasst zusammen: „Am Ende ist es eine Frage der Dosierung: Wann kippt die Kunst ins Mechanische, wann bedient sie nur die Gefühle und spart sich jene Ambivalenz, die gute Kunst ausmacht?“ Kunst wäre in unserem Fall mit Wein zu ersetzen, Kitsch mit Glühwein.

Nach der Kunstbetrachtung in „Die Zeit“ hagelte dann auch prompt Kommentaren, kritische und beipflichtende, empörte und verherrlichende. Zum Beispiel: „… Bevor ernsthaft über "Kitsch" geredet wird, brauchen wir erst mal eine saubere und nachvollziehbare Definition des Begriffs…. Nur Vorurteile, Geschmäcklerisches und taxonomische Verirrungen vor dem Hintergrund von ideologisch gepolsterten Idiosynkrasien. Nach den Kriterien, die hier herumflattern, wäre mindestens die Hälfte der klassischen Moderne – und nicht nur Klimt – Kitsch…“

Dies erinnert mich stark an unendliche Geschichte der Weinkritik. Kitsch oder Kunst, Glühwein oder Wein? Man mag gegenüber Gefühlen skeptisch sein: sind sie echt oder falsch? Schwer auszumachen. Wenn sie da sind, beanspruchen sie aber Platz und Raum. Zu Recht! Denn Gefühle, die echten und die unechten, sind ein Teil des Lebens. Also sind es auch die Weihnachtsmärkte - mit ihren Glühweinen der ersten bis zur fünften Klasse.

Die Beiträge der beteiligten Blogs: