Weinrallye 94:  Haben und Sein

29. Januar 2016

 

Weinrallye #95

 

 

Zusammenfassung (und Vernetzung)

auf

hundertachtzig°

 

 

"Und schon wieder vorbei; die erste Weinrallye des Jahres; der erste Monat übrigens auch. Ein Januar mit außergewöhnlich hohen Temperaturen, minimaler Anlaufzeit, also arbeitsmäßig, und einer Weinrallyeteilnahme, die für den Rest des Jahres ordentliche Steigerungen erwarten lassen...."

29. Januar 2016

 

Weinrallye #95

 

Die Heimat des „Habens“

von Peter Züllig

 

Ein Weinliebhaber, der durch Bordeaux weinsozialisiert wurde, findet tausendundeine Geschichte zum Thema „Haben und Sein“ in seiner Wahlheimat Bordeaux. Einige sind Märchen, andere nicht. Alle tragen ein gutes Stück „Wahrheit“ in sich.

 

Für mich begann Bordeaux mit dem „Sein“. Ich begegnete ihm zum ersten Mal in der Liebe zu einer Frau, die ich in nicht mehr in ganz jungen Jahren kennengelernt habe. Bis dahin beschränkte sich mein Weinwissen auf die Regale der Lebensmittelgeschäfte und Weinhandlungen, auf ihre Preise und den Begriff „lecker“. Diese Frau war Bordeaux-Liebhaberin, die einige berühmte Namen kannte: Mouton Rothschild natürlich, sogar Pétrus, aber auch Châteaux wie Gruaud-Larose, Château Léoville-Poyferré, Montrose, Giscours oder La Louvière. Eben Weine, von denen man sprach oder die in der Weinhandlung um die Ecke (noch zu gutem Preis) zu kaufen waren. Mit blossen Namen begann also mein Bordeaux, als blosses Sein.

Da sahen wir (zum ersten Mal) die prunkvollen Châteaux, die eigentlich Weingüter sind – oft im Kleid früherer Jahrhunderte: Margaux, Palmer, Beychevelle, Gruaud-Larose, Cos d’Estournel… Wir haben spitze Schreie ausgestossen: „Es gibt sie wirklich, leibhaftig, all die Namen, die bisher nur Namen waren, Namen von hochgelobten Weinen.“. Da wurde mir (zum ersten Mal) so richtig bewusst, wie wichtig das „Sein“ ist, nicht nur in der Wahrnehmung, auch im Umgang mit der Realität.

Sogleich trat aber auch das „Haben“ auf den Plan. Natürlich getrauten wir uns nicht, das eine oder andere Châteaux zu besuchen. Natürlich hatten wir  nicht das Wissen und das Geld, um ein paar der kostbaren Flaschen mit grossem Namen zu kaufen.

 

Und doch wollten wir mitnehmen, besitzen… Also rissen wir ein paar Blätter von Weinstöcken, um sie später zu pressen und im einzigen Weinbuch, dass wir damals besassen, aufzubewahren. Original-Blätter von Châteaux wie Margau, Lafite, Latour… Vor ein paar Wochen habe ich diese achtlos weggeworfen. Fast dreissig Jahre sind sie da gelegen, als erstes "Haben" aus dem Bordelais.

Doch damit nicht genug! Das einzige Weingut – Beychevelle – das damals auf unserem Weg durch die Weingegend eine Führung angeboten hat (ohne Voranmeldung, öffentlich) haben wir besucht. Zum ersten Mal stand ich in einem Weinkeller in Bordeaux, bewunderte die prunkvollen Räume, die längst nicht mehr bewohnt werden und war tief beeindruckt von den alten Fasslagern. Da aber kam das Haben über mich: Ich wollte haben, wenigstens eine eigene Flasche, original, aus dem Weingut. Ich kaufte im Shop (mit einem kleinen Angebot für vorbeiziehende Touristen) eine Flasche Jahrgang 1986 zu einem, für damals sagenhaften Preis von 100 Franken.

Es ist also nicht beim „Sein“ geblieben, das „Haben“ hat gesiegt. Seither gehört Beychevelle zu meinen Lieblingsweingütern und Weinen in Bordeaux, allen Wertungen, allen nicht ganz seltenen Jahrgangsbaissen  zum Trotz. Der damals gekaufte „Original-Beychevelle-1986“ wurde zum Grundflaschenstein meiner Bordeaux-Sammlung, liegt noch im Keller und hat dort einen Ehrenplatz. Ich habe mir sogar überlegt, ob man die Flasche nicht dereinst mit mir ins Grab legen soll, so stark ist offensichtlich die Macht des „Habens“.

Château Pichon-Longueville Baron‎
Château Pichon-Longueville Baron‎

Was ich damals noch nicht wusste – und lange nicht so richtig wahrhaben wollte – ist die Tatsache, dass Bordeaux die Weinheimat des „Habens“ ist – nicht erst in den letzten Jahren, schon seit Jahrhunderten. Viele Châteaux zeugen noch heute vom Haben und Prunk der früheren Eigner. Es waren vorwiegend Adelige, reiche Kaufleute und Grossgrundbesitzer; heute sind es Unternehmer, Investoren, Global Players. Das prägende „Haben“ ist über all die Jahre geblieben. Es hat sich längst auch auf die Weine und ihre Käufer übertragen. Gottfried, der Ausrichter dieser Rallye, bemerkte im Vorfeld spöttisch-ironisch. „..fällt mir ein, ich habe immer noch keinen Petrus getrunken.“

Privater Weinkeller
Privater Weinkeller

Bordeaux funktioniert ja auch – wie kein anderes Weinbaugebiet – auf dem Prinzip des „Habens“. In Kreisen von Weinliebhabern habe nie eine Frage öfter gehört, als wenn es um Bordeaux ging: „Muss man den oder das haben?“ Dies beginnt schon bei der Subskription. Da kauft und bezahlt man einen Wein – quasi als Termingeschäft – schon zwei Jahre bevor man ihn erhält (er ruht ja noch fast zwei Jahre im Barrique-Keller der Châteaux). Doch es geht weiter: kein anderer Wein wird (duchschnittlich) so lange im eigenen Keller gelagert und aufbewahrt wie der Bordeaux. Bei richtiger Auswahl steigt sogar – Jahr für Jahr – der Preis. (Ein guter Jahrgang wird immer rarer und damit teurer). Wenn man versteht, mit dem „Haben“ richtig umzugehen, kann man sogar Gewinne erzielen. Kein anderer Wein trifft man deshalb so häufig auf Auktionen.

 

Weinauktion (zu 70 Prozent Bordeaux)
Weinauktion (zu 70 Prozent Bordeaux)

Für Weinliebhaber ist Bordeaux wirklich das Paradies des „Habens“. Daraus wird der eigene Weinkeller gebaut; daraus entstehen auch Geschichte, Geschichte, Geschichte… fast wie in Tausend-und-einer-Nacht. Ich habe hier nur eine meiner eigenen Geschichten erzählt, jeder Bordeaux-Wein-Liebhaber (und –sammler) erzählt andere, (fast) immer hat dabei das „Haben“ einen hohen, meist den höchsten Stellenwert.

 

Damit alle Leser diese Beitrags, die nun auch „Haben“ möchten, nicht ganz frustriert sind (bei Bordeaux erwarten die meisten „einen guten Rat“), füge ich hier noch ein kleines „Getrunken“ an (leicht gekürzt), das ich zufällig vor ein paar Tagen geschrieben habe: 

23. Januar 20163 

 

Château Beychevelle: Amiral de Beychevelle 1998, Zweitwein, St-Julien, Bordeaux, Frankreich

 

Wie gut erinnere ich mich noch, wie ich diesen „kleinen“ Wein gekauft habe. Es war eine „Weihnachtsakation“ bei Coop, die Flasche zu 17.20 CHF. Für diesen Kauf erntete ich auch viel Schelte von meinen Weinfreunden. Das kauft man doch nicht! Beychevelle, damals qualitativ ein  „Wackelkandidat“ (häufige Besitzerwechsel), und es ist erst noch „nur“ der Zweitwein. Ich habe es noch in den Ohren, das Urteil: „Ramsch“. Eigentlich habe ich mich nur darüber hinweggesetzt, weil ich das Schloss liebe und weil ich stinksauer war, über die unverhältnismässige generelle Preiserhöhung beim Vorgängerjahrgang, Diese „Episode“ hatte ich längst vergessen, als ich jetzt den Wein in meinem Keller noch immer angetroffen habe. Kurz entschlossen kam er ins Glas. Hei, welche Entwicklung! Erwartet habe ich einen kläglichen Abbau, ein müdes, vielleicht sogar leicht oxydiertes Weinchen, wie es so viele „kleine“ Bordeaux oft sind, wenn sie zu lange gelagert wurden. Nicht so dieser „Ramsch“: ordentliche Frucht – nicht dominierende exotische Gewürze – eingebettet in eine wohltuende Harmonie, nicht laut, aber auch nicht zu leise. Ein gelungener Wein. Wieder einmal wird  mir bewusst, wie schnelle Urteil, wie schnell Vorurteile, aber auch Preis- und Prestigevorgaben – gerade beim Bordeaux – die Wirklichkeit verfälschen. (Kleine Nachbemerkung: Der Zweitwein von Beychevelle kostet heute so viel damals der Erstwein, rund 35 CHF.)


06. Januar 2015

 

Bei der Weinrallye darf jeder mitmachen, egal ob Weinblogger oder nicht. Auch Nichtbloggern bieten die Gastgeber jederzeit die Möglichkeit ihre Gedanken und Beiträge zu veröffentlichen.

Es gibt auch immer eine Zusammenfassung. Alle Beiträge werden "verlinkt", so dass die einzelnen Websites und Blogs ganz einfach zu finden sind..

Die Weinrallye findet bereits zum 94ten Mal statt."

 

Hier die Liste der bisherigen Ausgaben der Weinrally mit den Themen und den Links zu den Websites

 

 Die nächste Weinrallye, am Freitag, 29. Januar 2016, wird von Gottfried Stutz

auf dem Blog Hundertachtziggrad° ausgeschrieben.

 

Hier seine Gedanken zum Thema:

"Die Feiertage sind verflogen und damit die natürliche Jahreszeit für die ganz großen Weine, die ganz großen Menüs und die ganz ganz großen Gefühle verstrichen. Zeit also für etwas Existenzialismus und damit zum naheliegenden Thema für die Januar-Rallye: "Haben und Sein":

Ein bewusst weit gefasstes Thema, das hoffentlich vielen Mitfahrern eine lustvolle Teilnahme ermöglicht. 

Dabei spielt es keine Rolle, ob über Etikettentrinker, Etikettenverweigerer, stille Genießer, Leute mit dem Herz auf der Zunge oder Große und kleine Weinkeller geschrieben wird. Oder einfach über Weine die man haben möchte, haben sollte oder mit denen man an bestimmten Orten oder bestimmten Gelegenheiten sein sollte.

Wer sich jedoch zur Frommschen Antropologie durchringen möchte, kann sich schon heute meiner aufrichtigen Bewunderung sicher sein."

Organisiert und diskutiert wird die Weinrallye auch auf der  Facebook-Seite Weinrallye.

Wer als Gast mitmachen möchte (auch ohne eigenen Blog und ohne Registrierung auf Facebook) kann sich auch hier melden.