Weinrallye #107: zurechtStutzen (Vorurteile) - Februar 2017

01. März 2017

 

Offizielle Zusammenfassung 

 

Besenwagen
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er Weinrallye #107

 

Gottried Stutz schreibt auf dem ausrichtenden Blog hundertachtziggrad°:

Es ist ja eine Binsenweisheit, dass Weihnachtsfeiern besser im Januar stattfinden sollten. Weil sich da der Wirt mehr freut und der Terminplan vielleicht etwas weniger dicht gedrängt ist. 

Andererseits ist man zu Jahresbeginn gerne mal etwas im Standby-Modus. Oder war in selbigem und wurde erst mal von der Tempoverschärfung überrollt. Deshalb ist es mit Veranstaltungen im Januar und Februar oft ein bisschen zäh.

Aber auch wenn wir zur Februar-Rallye sehr gerne weitere Teilnehmer begrüßt hätten, bin ich sehr zufrieden mit deren Verlauf.... (Weiterlesen hier)

Thema: Vorurteile

 

Diesmal ging es um Vorurteile gegenüber Wein, Weinstil, Rebsorten, Weingebiete, Vinifizierung und, und, und....Geplant war eine Diskussion unter Weinfreunden, ein Austausch der Argumente, der Eindrücke, der verschiedenen Wahrnehmungen. Diskussionen brauchen bekanntlich Zeit. Diese Diskussion - zumindest ein erster Teil - hat nun stattgefunden. Gesprächspartner war Mladen Tomic, den Pinotage zu seinem liebsten Feind erklärt hat.

Hier kann der Diskussion gefolgt werden

24. Februar 2017

 

Weinrallye #107

 

Wein des Anstoss/es(ens)

von Peter Züllig

 

Dein ist nicht mein, mein ist nicht Dein (Vorurteil). Und so reden wir halt immer wieder aneinander vorbei. Vielleicht müsste man - dies möchte diese Rallye - besser zuhören und das Gehörte im Glas überprüfen, die Vorurteile, die Argumente all die (bewusst oder unbewusst) aufge-schnappten und weitergetragenen "On-dit".

Dann platzte dieses Votum herein, von Mladen Tomic: "Ich kann Pinotage nicht ausstehen. In der Nase eine Mischung aus Sattel, nasser Decke, alten Kaffeebohnen und dem Dasein in der ersten Reihe bei einer Vorstellung des Zirkus Knie wenn die Pferdevorstellung ist. Am Gaumen tanninig wie eine Stallbürste, etwas Bitterkeit und im langen Abgang ein Pferdepups. Natürlich alles etwas überspitzt 😉Wäre das ein Beitrag aus der neutralen Schweiz?"

Hopla ! Der Tomahawk ist gelandet!

Die Schweiz ist (in diesem und anderen Fällen) gar nicht so neutral. Am 25. Juli 2014 richtete ich die Rallye #76 aus, mit dem Thema: "Pinotage, der Ungeliebte" und der Titel meines eigenen Beitrags: "Pinotage, der Geliebte".Ich zitiere: "Lange wagte ich es nicht, in aller Öffentlichkeit zu erklären, dass ich gelegentlich Pinotage trinke, ja, dass ich ihn sogar immer mehr zu schätzen weiss. Ich fürchtete mich vor dem vernichtenden Urteil der

Weinliebhaber: Banause! Bin ich wirklich ein Wein-Banause, nur weil ich einen schlechten Ruf nicht weiterplappere; ja, sogar gestehe, dass ich richtig Spass habe an einem Wein, der nach „Sprühfarben und angebrannten Reifen“ duften soll und der nach Jancis Robinson (Oxford Weinlexikon) „einen banane nähnlichen Geruch“ verströmt (flüchtige Ester)?

 

Soll ich trotzdem eine Lanze brechen für den Pinotage oder ganz einfach schweigen und meine geheime Liebe für mich behalten? Soll ich zugeben, dass Weine auch Moden unterworfen sind, und diese sprechen im Augenblick ganz und gar nicht für den Pinotage?

Weingut "Allesverloren", Südafrika
Weingut "Allesverloren", Südafrika

Pinotage, der Geliebte

Hier mein w(st)einiger Weg vom „Saulus“ zum „Paulus“ (oder geht der Weg in diesem Fall andersrum?). Auch ich habe behauptet, was die meisten sagen, jahrelang: „Pinotage ist kein guter Wein“. Bevor es überhaupt zur sensorischen Auseinandersetzung kam, wurde er mit Rufmord überschüttet und (wo immer es ging) verbannt. Dann ging es nicht mehr.....

Wir haben nur den Kompass, nicht alles verloren - Mladen Tomic und ich. Mein Herausforderer hat sich mit diesem Wein pünktlich zur heutigen gemeldet Rallye gemeldet:

"Liebe Weinfreunde. Auf Basis einer freundlichen Anfrage und nach reiflicher Überlegung werde ich mich (wieder Mal 🙄) der Traubensorte Pinotage auf Armlänge nähern und einen Wein verkosten. ... 😉Bitte bedenkt, dass dies ein Therapieversuch ist. Denn jede Traubensorte verdient eine Chance. Sogar das Kaffeeerdepferdle "Pinotage" 😉

"Ich WILL generell keine haben. Darum verkoste ich Problemkinder wie Pinotage oder Primitivo x-Mal... keine Chance..."

So ist es nun mal, gestern, heute, morgen und in alle Ewigkeit. Der reinste Nährboden für Vorurteile. Es ist doch toll, wenn man sie dauend wieder hätscheln und pflegen kann! Was würde da einem fehlen!

Meine Mama hat mir immer gesagt, wenn ich partout recht haben wollte: "Ainsi soit-il". Dann war die Diskussion abgeschlossen.

Hier wird es weitergehen....

Hier sind Meinungen und Argumente gefragt, erwüscht, gebeten - nicht nur von Mladen (mit dem ich natürlch in Kontakt bin)

 

Antwort von Mladen

«VORURTEILE ZURECHT STUTZEN»

WEINRALLYE #107 by www.weinfanatic.ch

Southern Right, Pinotate, 2014

Vorurteile sind ein bisschen wie lieb gewonnene Feinde. Eigentlich gehen sie einem total auf den Sack. Andersherum ist das Leben ohne sie auch eine Spur langweiliger. Vielleicht sogar etwas eindimensionaler. Vorurteile lassen Menschen möglicherweise lebendiger wirken. Wir leben in ruhigen Zeiten. Erstaunlicherweise haben wir gelernt, noch vorsichtiger zu sein und immer auf Nummer sicher zu gehen. Bei allem. Da geben liebgewonnene Vorurteile einem das Gefühl, dass man womöglich überlegen ist. Bestenfalls gibt man sich der Illusion hin etwas unter Kontrolle zu haben. Auch wenn dies in diesem konkreten Fall nur der eigene Geschmack ist. Immerhin, das ist doch schon mal was.

Da sind wir uns ja schon ziemlich einig, was die liebgewonnenen Vorurteile betrifft. Ich komme aus dem Bereich der Kunst. Da hat der Zeitgeist in allen Epochen das Szepter fest in der Hand. Das Neue musste sich immer mühsam durchsetzen gegen das gewohnte, das Vertraute, das Bekannte. Nehmen wir nur - als Beispiel - abstrakte Kunst: "unverständlich, wirr, Gekritzes, Geschlirk, bis 'das könnte ich auch'. Urteile, Vorurteile... Irgend wann siegte dann der Zeitgeschmack und vieles wurde akzeptiert, ja hochgelobt - und bezahlt - und als Kunstwerk definiert.. 

Doch, wehe man wird überrascht! Dies wäre eine Katastrophe. Kämen doch geliebte Vorurteilsmonumente ins Wanken. Nicht mal mehr daran könnte man sich festhalten. Ich kenne den einen oder anderen Altweintrinker. Sie gönnen sich an besonderen Tagen eine 50-jährige, ranzig-wirkende Plörre mit einem grossen Namen. In Wirklichkeit würden sie diese am liebsten wegschütten. Doch ihr Vorurteil ist, dass etwas nicht sein kann, was nicht sein darf. Weinkenner schwärmen davon, also muss der Wein gross sein. Immerhin ein positives «Stading». Aber, dass ein 1er Cru, der € 250 gekostet hat, auch mal das Zeitige gesegnet hat und schlecht sein könnte, will man nicht wahrhaben.

Und schon sind sie wieder da, die lieben Urteile oder eben "Vorurteile". Altweintrinker sind eben allesamt Plörretrinker, welche die Weine nur trinken, weil sie einmal 250 oder mehr Franken gekostet haben. 

Könnte es nicht sein, dass Altweine andere Eigenschaften, andere Aromen haben, in andere Dimensionen, zu anderen Erfahrungen und Erlebnisse führen.Eine Welt, die dem verborgen bleibt, der "nur" nach den Normen von Parker und anderen Gurus trinkt? Ist der Zeitgeschmack der ultimative Masstab für den Genuss? Sind neue Erfahrungen nicht viel spannender, als die Wiederholung des Bekannten?

Was ist also nun mit «meinem Feind»? Dem Pinotage! Mein Vorurteil ist ja, dass es keinen Tropfen aus dieser Weintraube gibt, der schmeckt. Warum? Habe schon etwa [gefühlte] hunderte Weine davon verkostet. Teilweise geschluckt und wahlweise gespuckt. Ist es denn möglich, dass kein Pinotage schmeckt? Das kann eigentlich nicht sein. Jede Traubensorte hat eine Chance verdient. Der 701. Südafrikaner könnte doch gut sein. Ist dies nun Hoffnung oder kämpft hier ein Vorurteil gegen ein anderes?

Und wieder mache ich eine Analogie zur Kunst. Da gab es - in den 50er und 60er Jahren - einen französischen Maler, der von den Kunst-Gurus als Nachfolger von Picasso gefeiert wurde, Bernard Büffet, seine Bilder waren sündhaft teuer und kein namhaftes Museum kam an ihm vorbei. In Japan baute man für ihn ein eigenes Museum. Dann kehrte der Zeitgeschmack. Die Bilder, die einst Hunterttausende geskostet haben, verschwanden in den Archivkellern der Kunstinstitute.Jetzt - nach Jahren der Diffamierung, der Aechtung, der Urteile und Vorurteile - hat man ihm - dem Künstler - eine vielbeachtete Ausstellung gewidmet.- ihn sozusagen rehabilitiert.

Blauwal, enttäusch mich bitte nicht! Ich streichle die Flasche. Fühle die kühle Temperatur des Glases. Die feine Textur der Etikette. Ein sinnlicher Moment. Wie bei jedem Wein. Die Spannung steigt. Verdammt! Was mache ich, wenn der mir schmeckt? Nach dem Öffnen der Flasche kann ich es manchmal nicht erwarten und schnuppere in den Flaschenhals rein. Man steckt ja sonst genug oft seine Nase in Dinge, in die sie nicht hineingehört. Schnuppern. Nichts. Nochmal ein tiefer Zug. Wieder nichts. Die Sau spürt doch, dass ich sie nicht mag. Darum getraut er oder sie sich wohl nicht raus.

Im Glas. Der Patient ist also bereit seziert zu werden. Die Farbe ist schön. Ziemlich dunkles Kirschrot. Brillant. Nicht deckend. Nach dem ersten Schwenken im Glas offenbart er seine ersten Aromen: Kräftiger Tabak, frisches Leder und dunkle Beeren. In der zweiten Reihe sind es steinige und feine erdige Noten. Heisser Wüsten- oder Sommerwind riecht manchmal so. Am Gaumen ist er überraschenderweise eher von schlanker Statur.

Nochmals - ein letztes Mal - zur Kunstanalogie. Die einigermassen definierten Kriterien sind das eine, das andere die eigene Empfinden, der eigene Geschmack. Nur selten sind die beiden deckungsgleich. So würde ich viele Kunstwerke - auch wenn sie Millionen kosten - nicht in meine Umgebung integrieren und schon gar nicht in "mein Haus" aufnehmen.Allen kunsthistorischen und ästhetischen Argumenten zum trotz. Das Renommee, der Glanz, die Anerkennung der "Fachwelt" oder gar der Preis, das sind alles gute Argumente, ab nicht für den eigenen Geschmack. Und trotzdem würde ich mir nie anmassen, ein Kustwerk auf Grund gerade aktuellen Kriterien aus der Kuntwelt (und meiner eigenen Wahrnehmung) zu verbannen, auch nach gefühlten 100 Annäherungsversuchen nicht.

Die Struktur stimmt mich schon mal nachdenklich. Muss ich meine Vorurteile fallen lassen? Beim Schlucken offenbart sich dann jedoch: Da ist nichts mit Samt und Seide. Die Säure und das Tannin sind massig und schlagen fast schon um sich. Im Abgang herrscht relativ viel Bitterkeit. Daneben ist der Wein sehr flach. Abgesehen von den Gerbstoffen bleibt nicht viel übrig. Uff…
Ich hatte Pinotage schon fast aufgegeben. Der Patient lag aber auch schon seit über 10 Jahren auf der Intensivstation. Eigentlich gab es da weder Hoffnung noch Rettung. Dachte ich. Pinotage war für mich der Typ Wein den man gut mit dem Turnunterricht vergleichen konnte. Ja, der Garderobemief geht schon mal in die richtige Richtung. Was ich aber meine, ist eher die Bildung von Mannschaften beim Turnunterricht. Es stehen sich die beiden sportlichsten Typen gegenüber und währen jeweils abwechselnd die Mitglieder in die jeweilige Mannschaft. Die letzten zwei/drei will niemand haben. Eigentlich will man lieber in Unterzahl sein, als den oder die in der Mannschaft zu wissen. Niemand von uns wollte am Schluss gewählt werden. Das war Pinotage für mich. Lange war es so, dass ich lieber ein Bier bestellte als einen Pinotage zu trinken.

Der Vergleich mit dem Sport ist wohl verständlicher als meine Analogien zur Kunst. Leider war ich immer - als Sprenzel - der Letzte der gewählt wurde. Als Jugendlicher hat mich das belastet, bis ich entdeckt habe, dass Sport zwar wichtig ist, abe auch dasd es noch andere Hierarchien gibt bei denen ich ab und zu sogar der Erste sein kann. Das ist mein Glück, so konnte ich als sportlich Untauglicher durchaus im Leben bestehen. Seither stört es mich nicht mehr, ab und zu  auch der Letzte zu sein.

Doch heute habe ich meine Vorurteile ein klein wenig revidieren müssen. Erstens: Waren die üblichen animalisch-erdigen-stalligen-Aromen sehr dezent oder fast nicht wahrnehmbar. Zweitens: Ich muss wohl einen Wein ausgesucht haben, der zwar Potenzial hat, dieses jedoch nicht ganz ausgeschöpft wurde. Drittens: In den letzten 10 Jahren muss eine Entwicklung bei mir stattgefunden haben, die mich offener gegenüber Problemkindern sein lässt. Doch auch hier: Vielleicht alles nur Vorurteile;-)N: Tabak, frisches Leder, dunkelbeerig

G: Steinig, viel Tannin, hohe Säure, Bitterkeit
WF: 7.5 [ok bis ….gut]

Da sind wir wieder am Ausgangspunkt, bei Saulus, der zu Paulus burde und als Missionar einst das Christentum den "Ungläibigen" brachte. Doch dies war - historisch halbwegs verbürgt - vor mehr als 2'000 Jahren. Inzwischen sind "Bekehrungen" in Verruf geraten. Missionare - aller Gattungen - werden mehr als nur argwöhnische betrachtet. Die eigene Meinung, die eigene Erfahrung, das eigene Erleben haben einen grösseren Stellenwert erhalten.

Deshalb kann ich - auf Grund meiner eigenen Erfahrungen - deinem Urteil nur zum Teil zustimmen. Für mich ist ein guter Pinotage (es gibt, wie bei allen Weinen, auch schlechtere!) ein Wein von tiefer Farbe, kein Kraftprotz, sondern - auch im Vergleich mit anderen Rebsorten - durchaus elegant, mit sortentypischen Aromen wie reife, rote Pflaume, viel Frucht, einem ausgeprägten wohligen Mundgefühl und einem lang anhaltendem Abgang. Ich, der einstige Saulus ist eben - ohne Bekehrung - auf Grund eigener Wahrnehmungen und Geschmackspräferenzen - wie zum Beispiel leichte Bitterkeit - zum Paulus geworden.

Die Weinrallye ist ein Blogevent, das jeden Monat einmal stattfindet (in der Regel am letzten Freitag im Monat). Einer der teilnehmenden Blogs übernimmt die Führung, bestimmt das Thema, lädt ein, verlinkt die Beiträge und erstellt eine Zusammenfassung. Sinn und Zweck einer Weinrallye ist einzig und alleine der Spass und die Motivation, schöne Themen aufzuarbeiten. Bei der Weinrallye darf jeder mitmachen, egal ob Weinblogger oder nicht. Auch Nichtbloggern bieten die Gastgeber immer die Möglichkeit ihre Beiträge auf ihrem Blog zu veröffentlichen. Allgemeine Informationen findet man auf den entsprechenden Seiten von Thomas Lippert (dem Gründer des Events) auf seinem Winzerblog. Wer gerne einmal selbst als Autor/Themengeber mitmachen möchte, findet alle Infos und die kommenden Themen auf der Weinrallye Seite auf Facebook Weinrallye. Gastgeber der Weinrallye #107 sind Torten Hammer auf seinem Blog Priorat Hammer und Gottfried Stutz auf dem Blog Hundertachtziggrad°

Die Links zu den bisherigen Beiträgen


24. Februar 2017

 

Weinrallye #107

                                          

Thema: Zurechtstutzen
Vorurteile

 

 Freitag, 24. Februat 2017

 Ausgerichtet von Torsten Hammer und

Gottfrried Stutz 
auf dem Blog: Priorat-Hammer
und Hundertachtzig°