Gehört

04. März 2012

 

 

Hörpunkt: Anderswelten - Ausflüge nach Fantásien

SR DRS 2:

02.03.2013   12.02 Uhr

 

 

Das Radio – in diesem Fall SR DRS 1 und 2 – nimmt das Thema Karl May auf, in verschiedenen Sendungen, recht ausführlich, aber auch recht unterschiedlich in der Kompetenz. DRS 2 tut sich schwer – so jedenfalls mein Eindruck – mit Mays Art von Trivialliteratur, die offensichtlich nicht zum Lese- und Lebenserlebnis der Kulturschaffenden eines Kultursenders gehört. Man kennt zwar ein paar Fakten (schliesslich hat man sich ja vorbereitet) und weiss in groben Zügen, wer Karl May ist. Daraus entwickelt sich oft eine Sendung, die zwar korrekt, aber brav und eher lexikalisch daher kommt. Viel von der Phantasie und der Phantasterei des Autors wird da nicht übermittelt. Was ich bisher an Sendungen (oder Teilen von Sendungen) gehört habe, ist vorwiegend blutleer, kopflastig und ab und zu sogar hilflos. Vor allem in den Interviews kommt dies deutlich zum Ausdruck. Es sind nicht nur die unpräzisen Fragen, die Hilflosigkeit gegenüber dem Phänomen Karl May, das erkennbare Nichtwissen, was immer wieder aufscheint, es ist vielmehr die Distanz, ja Kälte, mit der dem Autor – und seinen Lesern – begegnet wird.

Ein Musterbeispiel dafür ist das Hörertelefon zur Sendung „Winnetou, Kara Ben Nemsi und ich“ aus der Sendereihe „Hörpunkt: Anderswelten – Ausflug nach Fantasien“. Da konnte (oder wollte) der Interviewer seinen telefonischen Gästen überhaupt nicht helfen, wenn es darum ging, einen Namen oder einen Begriff zu erinnern, damit der Kopf für das – was wesentlich wäre – wieder frei ist: nämlich ein Ausdruck des Erlebens. So blieben die knapp zehn Anrufer und Anruferinnen – zusammen mit dem Journalisten – auf meist auf der Strecke. Mal waren es über hundert Karl May Bücher, die May geschrieben haben soll, dann - nach etwas Filmmusik - waren es nur noch neunzig; die legendären Gewehre, die Silberbüche und der Bärentöter, wurden genau so durcheinander geschüttelt, wie die Schauplätze im Orient und in Amerika. So kam die Sendung nicht über ein fast belangloses Plappern hinaus, obwohl die (meist älteren) Menschen durchaus etwas zu erzählen hätten: genügend Stoff für gute, erlebte Geschichten. Man müsste nur etwas engagierter, vielleicht auch phantasievoller fragen. Denn wer einmal mit den Gestalten von Karl May gelebt hat, der weiss was Phantasie ist oder sein kann. Der Sendungsverantwortliche – zumindest der Interviewer – weiss es offensichtlich nicht. Er hat wohl nie so etwas Banales wie Karl May gelesen.

Zur Sendung

09. Januar 2012

 

 

 

Zeitreise

Sendung am 8. Januar 2012
am Radio auf DRS 1

 

 

„Ich fange nie mehr was an einem Sonntag an….“ Monica Morell hat mit diesem Schlager den Durchbruch geschafft. Ihre Single wurde 1,5 millionenmal verkauft. Es war der erste Grosserfolg der Schweizer Sängerin. Noch immer ist ihr trauriges Lied, das so fröhlich klingt, ein Ohrenwurm.

Ohrenwurm für wen?

In dieser harmlosen Frage liegt das Problem einer Sendung, die unterhaltend, spannend und informativ ist: „Zeitreise“ nennt sie sich und wird von DRS 1 am Sonntag-Nachmittag ausgestrahlt, eine Stunde lang. Darin spielt das Radio seine Stärken aus, sein Archiv. Weit mehr als das Fernsehen kann das Radio in andere Sphären eintauchen, mitten in einen andern Zeitgeist. Beim Fernsehen dominiert das Bild. Beim Sich-Erinnern wirkt das Bild rasch einmal verstaubt, modisch überholt und antiquiert und lenkt oft ab, von dem, für was es steht. Das Bild ist viel mehr der Mode unterworfen, dem Zeitgeist, den Äusserlichkeiten eines Augenblicks oder einer Situation. Der Ton hingegen kann viel unmittelbarer zurückführen in einen andern Zeitgeist, den der Ton kommt viel nackter daher, unmittelbarer, geboren aus einem Augenblick, festgehalten mit dem Mikrofon, im Kommentar zwar meist wohl formuliert, aber immer behaftet vom mitschwingenden Gefühl. Es bündelt sich der Augenblick, in einer Stimme, im Geräusch, in der Ambiance. Die Bilder dazu kreieren die Hörerinnen und Hörer selber, aus ihren eigenen Erfahrungen. Es sind persönliche Bilder, die überzeugen, weit mehr als jedes authentische Bilddokument, das ein bestimmtes Mass an Gestaltung nie verbergen kann. Ich liebe deshalb diese Ton-Zeitreisen. Es sind mal schmerzliche, mal glückliche Erinnerungen.

Doch – dies ist wohl die entscheidende Frage – wer kann sich erinnern? Es ist eine Frage des Zielpublikums. Erinnerungen funktionieren nur dann, wenn es etwas zu erinnern gibt. Anders ausgedrückt: wenn – in diesem Fall – Töne mit eigenem Erleben bebildert, ergänzt werden können. Bei dieser Zeitreise liegen vierzig Jahre zurück:

„Der Tag, als Conny Kramer starb“, singt Jualiana Werding. Wer weiss schon, wer Conny Kramer war und warum er streben musste. Die Melodie, die Lyrik, die traurige Ballade rührt ans Herz, auch wenn man Conny Kramer nie gekannt hat. Der Ton wird erst zur Erinnerung durch das, was man weiss, was man erlebt, gekannt, vielleicht sogar selber erfahren hat. Sonst bleibt er was er im Grunde genommen ist: ein leicht sentimentaler Schlager: „…am Tag als Conny Kramer starb und alle Glocken klangen - am Tag als Conny Kramer starb und alle Freunde weinten um ihn - das war ein schwerer Tag weil in mir eine Welt zerbrach.“ Eine Welt kann nur zerbrechen, wenn man darin gelebt hat. In diesem Fall war es die Welt der Hippies, der Blumenkinder, der Drogen. Es war 1972.

Die „Blumenkinder“ von einst sind jetzt sechzig und mehr. Richard Nixon, der erste amerikanische Präsident, der einst nach China reiste, allenfalls noch in Erinnerung wegen Watergate, dem Skandal, der ihn zum Rücktritt zwang. Am Abend sass ich zufällig mit einem jungen Mann zusammen, etwa 24 Jahre alt, Mittelschulabschluss, in Ausbildung an der Universität… von Nixon wusste er so gut wie nichts, Heirich Böll, der Literatur-Nobelpreisträger war ihm von der Schule her ein Begriff, eher Pflichtstoff (nicht einmal dies) als Erlebnis und Mani Matter entlockte ihm ein Lächeln: „..Bim coiffeur bin i gsässe vor em spiegel, luege dry und gseh dert drinn e spiegel wo ar wand isch vis-à-vis….“ Es ist halt schon eine andere Welt, die Welt unserer Väter und Grossväter, wenn auch ganz hübsch, ja niedlich.

Ich denke an den Mani Matter Song: „I han es Zündhölzli azündt - und das het e Flamme gäh…“. Ich denke an die Krisen: Wirtschaftskrise, Eurokrise, Umweltkatastrophe, Krieg. Schlagzeilen von Heute, die ich mühelos mit dem Gestern verbinden kann: „ s'hätt sech usdehnt nad inah uf Europa, Afrika - s'hätt e Wältchrieg gäh und d'Mönschheit wär jitz nümme da…“ Eine kurze, schreckliche Vision, dann die Erlösung: „…Aber ds Hölzli isch dervo- gspickt und uf de Deppich cho - Gottseidank dass i's vom Deppich wider furt ha gno.“

Man kann die Sendung auch ganz anders sehen, erleben: Welche Auswirkungen hatte die China-Reise von Richard Nixon für den Welthandel im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert. Oder: Wrum hat Heinrich Böll den Literatur-Nobelpreis erhalten und nicht Max Frisch oder/und Friedrich Dürrenmatt. Oder: Der Einfluss des französischen Chanson auf die Entwicklung der Mundartlieder in der Schweiz.

„Zeitreisen“ tippt solche Fragen an, versucht ernsthafte Antworten zu geben. Eine Informationssendung also? Ja und nein! Die Erinnerung – so sie bei den Konsumentinnen und Konsumenten abzurufen ist – macht daraus mehr, eben eine Zeitreise. Doch von ihr sind – so fürchte ich – so ziemlich alle unter 60 Jahren ausgeschlossen. Eine Sendung also für Alte. Dies ist jammerschade!