Gesehen

23. Dezember 2016

 

Gesehen:

 

Wer wird Millionär?
auf RTL am 22. Dezember
                                 2016 (20.15 - 22.15 Uhr)

(Foto: RTL - Programmdienst)
(Foto: RTL - Programmdienst)

Zu wenig Winnetou, zu viel RTL. Das Special: "Acht Indianer-Fans kämpfen um die Chance auf die Million" war eine Enttäuschung. Da kam keine Stimmung auf, weder im Kampf um die Million, noch im Wettbewerb um das grösste Karl-May-Wissen. Günther Jauch, sonst souveräner, witziger und versierter Moderator war nicht ganz unschuldig an der Flaute.

Weiterlesen hier

29. Dezember 2016

 

Heute reiten sie zum letzten Mal:

 

Winnetou und Old Shatterhand

 

 

29. Dezember 20.15 auf RTL

 

Die dritte Folge: "Winnetou - Der letzt Kampf

Inhalt: Da droht Gefahr: Auf Shatterhands Farm - und damit auf dem Land der Apachen - wird ausgerechnet von einem drogenabhängigen Dandy Öl entdeckt. Santer Junior möchte seinem macht- und geldgierigen Vater imponieren und setzt deshalb alles daran, diese Ölquelle sein eigen zu nennen. Doch Shatterhand und Nscho-tschi sind nicht käuflich. Da greift Santer Junior zu anderen Mitteln, um die Indianer aus ihrem Gebiet zu vertreiben....... Der Sieg scheint aussichtslos - als doch noch die für den Kampf verloren geglaubten Indianerstämme zu Hilfe kommen. Im finalen Entscheidungskampf sind Winnetou und Old Shatterhand fest entschlossen, das Land der Apachen mit allen Mitteln zu verteidigen.(Quelle:RTL)

Die Einschaltquoten und Medien-Echo

Der brutale Kampf um "Einschaltquoten" bestimmt immer mehr das Programm der privaten und öffentlichen Sendern (Generierung von Werbung*) Das zeigt sich auch bei dem RTL-Dreiteiler Winnetou. Nach dem Erfolg der ersten Folge nun folgende Meldung:

"Schlechte Nachrichten für RTL: Der zweite von drei neuen "Winnetou"-Filmen verlor deutlich an Zuspruch. Statt 5,06 Mio. sahen nur noch 4,33 Mio. zu, bei den 14- bis 49-Jährigen ging es von 2,23 Mio. und 19,2% auf deutlich blassere 1,72 Mio. und 14,8% herab. Den Tagessieg gab es im jungen Publikum dennoch, insgesamt gewann der ARD-Krimi "Nord bei Nordwest - Der wilde Sven" (Quelle: www.meedia.de)

Hingegen berichten Zeitungen und Zeitschriften (fast lückenlos) über das Ereignis. Generelle Schlussfolgerung: Es lohnt sich doch, die drei neuen Winnetou-Filme anzusehen. Warum?

Hier eine Zusammenstellung (Wordformat) von wichtigen Reaktionen (zum herunteerladen)
Besprechungen Neuverfilmung Winnetou (2)
Microsoft Word Dokument 1.4 MB

23. Dezember 2016

 

Gesehen:

 

Wer wird Millionär?
auf RTL am 22. Dezember
2016 (20.15 - 22.15 Uhr)

Es war wohl eine Pflichtübung für eine Grossproduktion, welche RTL - quasi als "Weihnachtsgeschnk" - seinem Publikum vermacht hat: Sechs Stunden Winnetou, "einem Mythos, der lebt." Leider hat der Mythos in dieser Sendung ganz und gar nicht nicht gelebt, er ist in der Langeweile erstickt worden. Warum?

(Foto: Stefan Gregorowius, RTL)
(Foto: Stefan Gregorowius, RTL)

Da war einerseits das Konzept - eine Variante der üblichen Regeln bei der populären Sendung - anderseits ein Moderator, dem man die Lustlosigkeit förmlich angesehen hat. Jauch hat schon im Vorfeld der Sendung - im kurzen Spot zur Bewerbung der Sendung - klar gemacht, dass er zwar die drei Winnetou-Bände gelesen habe, davon aber nie angetörnt" wurde. Das ist offenbar bis heute so. Ein bisschen Federschmuck-Klamauk bringt weder den Kampf um die Million, noch die Atmosphäre eines Wettbewerbs um das Wissen zu Karl May und seine Helden ins Studio. 

Der künstliche Höhepunkt, die sogenannte Winnetoufrage bereitete zumindest zwei Kandidaten so viel Mühe, dass sie einen oder mehrere Joker brauchten. Dabei waren die Fragen - zumindest für Karl-May-Fans - ausgesprochen einfach. Der Verdacht tauchte auf, dass da gar keine grossen Kenner der  Karl-May-Welt im Studio sassen, sondern Kandidaten, die Jagd auf die Million machten. Dies ist sicher legitim, doch der Mythos Winnetou ging dabei gründlich verloren und es wurde über Strecken langweilig. Kommt dazu, dass sich auf Grund des speziellen Konzepts, in jeder Runde nur zwei Fragen auf Winnetou und Karl May bezogen (die Auswahlfrage für alle Kandidaten zu Beginn jeder Runde und die sogenannte Winnetou-Frage), der Rest aber mit dem Thema der Sendung nichts zu tun hatte. Und die Kandidaten? Sie waren übervorsichtig - auch in Bezug auf ihr Karl-May-Wissen und wagten überhaupt nichts. Sie setzten das erste Ziel - die Winnetou-Frage - so tief an, als wären sie - die Spezialisten - überfordert. Die Angst, alles zu verlieren (zurückzufallen auf Null-Gewinn) beherrschte die Sendung. Angst aber ist kein guter Ratgeber, auch bei Unterhaltunssendungen nicht.

Hoffentlich werden die drei Winnetou-Filme spannender, sonst hat RTL wiedereinmal einen Flop produziert. Hier auf dem Blog mitreden.  

24. November 2016

 

DVD - Film von

Aya Domenig:
"Als die Sonne vom Himmel fiel"

"Die japanisch-schweizerische Regisseurin Aya Domenig spürt in ihrer Doku Als die Sonne vom Himmel fiel der Geschichte ihres Großvaters nach, der nie über das sprach, was er im August 1945 mit ansehen musste: er arbeitete im Krankenhaus von Hiroshima, als die Atombombe fiel. Domenig begibt sich nach Japan und spricht mit Zeitzeugen und Kollegen ihres Großvaters. Der Film ist aber nicht nur ein Werk über die Jahrhundert-Tragödie sondern auch eine Anklage gegen die Nutzung von Kernenergie, aufgrund eines dramatischen, aktuellen Ereignisses, das sich während der Arbeit an dem Film ereignet."

Die Autorin des Films schreibt aus aktuellem Anlass weiter:

"In den Diskussionen über den Atomausstieg wird häufig über die sogenannte „Gewährleistung von Sicherheit“ gesprochen. Solange die Sicherheit gewährleistet ist, so die Gegner der Atomausstiegsinitiative, sollen die Reaktoren am Netz bleiben. Gleichzeitig werden aber vom BAG präventiv Jodtabletten in Schweizer Haushalte verschickt – für den Ernstfall. Dass die Betreibung von AKWs immer das Inkaufnehmen eines Restrisikos bedeutet, ist allen bewusst. Und je älter und maroder unsere AKW’s werden, umso grösser wird dieses Risiko. Das älteste AKW der Welt steht in der Schweiz! Können wir dies wirklich verantworten? Möchte irgendeiner von uns eines Tages seinen Kindern Jodtabletten verabreichen müssen? Was, wenn es wirklich so weit kommt? Niemand kann dies ausschliessen und deswegen gibt es nur einen vernünftigen Weg: Den möglichst schnellen Ausstieg!"

Aya
(Weitere Informationen zum Film in Kürze hier)

09. Oktober 2016

 

Gesehen:

Wein – die Zukunft heisst Bio

 

Eine Dokmentation von Annette Frei Berthoud. NZZ Format,

ausgestrahlt auf SRF am 

Donnerstag, 6. Oktober und

                                                          Sonntag, 9. Oktober 2016 

 

Brennessel und Bergkristall für gesunde Reben: Im österreichischen Weingut Nikolaihof wird der Wein seit 40 Jahren biodynamisch produziert. Der Erfolg gibt der Winzerfamilie Recht: Ihrem Riesling gab Weinpapst Parker sensationelle 100 Punkte. Auch die Fattoria Lavacchio in der Toskana arbeitet seit den siebziger Jahren biologisch. Ihr Wein hat vor allem in den USA viele Liebhaber. Der Campogrande-Wein in den Cinque Terre ist zwar nicht zertifiziert, aber trotzdem biologisch. 

Um den Trailler anzusehen: auf das Bild klicken

Hier mehr Informationen

Den Film habe ich mir nun zweimal angesehen. Hier ein rein persönliches Urteil aus filmtechnischer Sicht.

Einige Anmerkung aus filmtechnischer Sicht. Der Film ist schön gemacht, mit aussagestarken. stimmigen Bildern, saubere Kameraführung, dramaturgisch interessanter Aufbau, aber er ist "filmisch" langweilig. Eine Bilderbuch- Produktion mit geschätzten 90 Prozent  fixen Aufnahmen (es bewegt sich nicht die Kamera, im besten Fall - auch häufig - das Objekt).

Nun, der Zoom und der Schwenk sind auch keine Allerheilsmittel für Spannung. Im Gegenteil! Die heutige Clip-Verrücktheit, beginnend mit ultrakurzen Schnitten, Bildern, die sich gegenseitig attackieren, eine Flut von Schwenks und Zooms, so dass sich die Welt dreht, bringt letztlich nur Verwirrung (und Pseudospannung) an Stelle von Information. Da möchte die Sendung NZZ-Format - und getreu der Sendungsphilosophie auch die fernseherfahrene Autorin - bewusst dagegen halten. Im Ansatz verdienstvoll, aber...

Der Preis ist weitgehend Langeweile, filmische Langeweile. Dies wird dramaturgisch zwar kompensiert durch  Brüche in der linearen Erzählung und die Vielzahl Beispielen.Dies wirkt zwar dynamisch, erzeugt aber Verwirrung bei der Informationsaufnahme. Da sind so viele Dinge, die man einem Nichtfachpublikum erklärt muss - allein schon die Begrifflichkeit "Bio" - dass das Lehrerhafte, das Belehrende immer wieder dominiert. Nicht zuletzt, weil die Tonebene meist mit Kommentar überdeckt wird.  

Der Winzer fährt in der steilen Cinque Terre hinunter zur Küste. Die Kamera darf nicht oben bleiben, sie muss mit (Fahrt). Dies ist nur eines von unzäligen Beispielen.
Der Winzer fährt in der steilen Cinque Terre hinunter zur Küste. Die Kamera darf nicht oben bleiben, sie muss mit (Fahrt). Dies ist nur eines von unzäligen Beispielen.

Wenn aber die filmische Bewegung weitgehend fehlt (es gibt zum Beispiel kaum filmische Ablaufsequenzen), dann nähert sich der Film immer mehr einer Bilder- und Aussagen-Show, die zwar ästhetisch schön ist, aber emotional wenig berührt. Man schaut zu, wie das Filmteam, zugeschaut hat: aus Distanz, aus der Perspektive des Beobachters, der eine Weile neugierig ist - allein schon auf Grund des ultimativen Titels - aber rassch in der Flut von ähnlichen Bildern versinkt (Weingüter, Aussagen, Reben, Fakten, Bekenntnisse, Begriffe,,Orte etc) und in der Erinnerung vieles durcheinander wirbelt. Information wird auch - oder nur - durch Emotion vermittelt.

 

Was wäre da geeigneter als Wein und Rebben, als Pflegen und Ernten, aber nur, wenn die Kamera den Beobachterstatus verlässt und sich einbringt in das Geschehen der Weinproduktion. Ich weiss, dies ist bei relativ statischen Abläufen und Bildern nicht ganz einfach, doch es gibt genügend Wege, um dies zu lösen (sei es im Schnitt, durch Kamerapositionen, Kamerabewegungen und vor allem auch auf Tonebene (durch Originalgeräusche, die nicht vom Kommentar überdeckt werden.).

Fazit: schön, interessant, informativ, vielfältig, kompetent, dramaturgisch nicht ganz einfach und - jetzt kommt das berühmte Aber - wenig dynamisch und emotional zu distanziert.

 

Meine önologische Sicht folgt etwa in ein, zwei Tagen.

01. Mai 2016

 

Gesehen:

 

Magic Moment

(In der Sendung "Hello Again" vom 30.04.2016 auf SRF)

"Magic Moment" ist längst zu einem der wichtigsten Medienbegriffe geworden. Gemeint ist damit ein Augenblick, der einmalig, unmittelbar, emotional, berührend - sehr oft auch nicht planbar und vorhersehbar - ist. "Liebe auf den ersten Blick" ist wohl die bekannteste Deutung eines individuellen "Magic Moment". Aber auch die Medien, vorab Fernsehen, Radio, Boulevard-Medien, nutzen und planen (soweit sie planbar sind) "Magic Moments" um in der medialen Überflutung mit Informationen, Bildern und Reizen spezielle Aufmerksamkeit zu erreichen. Weiterlesen hier

12. April 2016

 

Medien:

Tod in der Klinik

 

Tod in der «Sachsenklinik», um genau zu sein. Die Sachsenklinik ist – in diesem Fall – ein fiktionaler Ort, nämlich der Schau- und Handlungsort einer der beliebtesten Serien der ARD, die eigentlich «In aller Freundschaft» heisst.

Foto: Die Welt
Foto: Die Welt

Doch der Tod ist in diesem Fall real. Eine Hauptdarstellerin der Serie, die fiktive Pia Heilmann und reale Hendrikje Fitz, ist an einem Krebsleiden am 7. April gestorben. Sie selber hat in ihre Krankheit publik gemacht - an der Bambi-Verleihung vor bald zwei Jahren. Damals wurde sie für die Rolle als Gattin des Klinikleiters in der ARD-Serie «In aller Freundschaft» ausgezeichnet. Ihr ungewöhnliches Outfit – ein schwarzes Kopftuch – erklärte sie der Bildzeitung: «Ich habe Brustkrebs». Damit begann ihr öffentlicher Kampf gegen den Krebs. In der Serie selber wurde ihr persönliches Leiden diesmal nicht thematisiert. Hingegen in der Öffentlichkeit  - auch in Fernsehauftritten – sprach sie offen über Krankheit und Tod.

Auch die Menschen sprachen darüber. Denn die Serie wird seit 1998 – also seit 17 Jahren – (in der Regel) wöchentlich ausgestrahlt und hat pro Folge um sieben Millionen Zuschauer.  Millionen von Menschen also, die regelmässig – für knapp eine Stunde – in der Fiktion leben und miterleben. Ein Phänomen, das anlässlich dieses realen Todes, thematisiert werden muss. Dazu auch meine aktuelle Kolumne «Tod in Fiktion und Realität».

 

Weiterlesen hier

07. April 2016

 

Eishockey:


Büne Huber, Patent Ochsner
Frisch von der Leber...

Büne Huber spricht Klartext: «Fussball? Pussy-Zeug!»

Grossartiges Pauseninterview beim Playoff-Final: Büne Huber zerlegt den Fussball in seine Einzelteile. Die ganze Story gibts hier: http://bit.ly/1Xfi4Ch

Posted by Bluewin Sport on Dienstag, 5. April 2016

Dieses Video wurde bisher von knapp einer Viertel Million Nutzern "geteilt".

Es ist wohl der erste und vielleicht für lange Zeit der einzige Beitrag zum Thema Sport auf dieser meiner Homepage. Doch wer mich kennt, weiss, dass ich durchaus eine Affinität zum Eishockey-Sport habe. Zwar nicht im besondern für den SCB, sondern für den im letzten Jahr abgestiegenen SCRJ ("Lakers"). Stunden des sportlichen Vergnügens kann man nicht "sammeln", darum schweigt "Sammlerfreak" in der Regel. Doch dieses mediale Highlight möchte ich nicht vorenthalten.. 

12. März 2016

 

Medien:

Gesehen

 

Eigentlich halte ich mich sonst zurück in Sachen Fernsehkritik, Fernsehkommentaren und Medientheorie. Jahrelang war es meine Funktion als Ausbildner, Beiträge zu beurteilen, zu analysiern und zu kritisieren. Seit meiner Pensionierung ist es nur noch reine Lust, Gesehenes zu reflektieren und allenfalls zu kommentieren. Dieses Video hat mir eine ehemalige Kollegin zugesandt mit dem Kommentar: "Kommunikationsspezialisten aufgepasst: Challenging. Aber der Hund ist im Bild! Einfach grossartig!"

NB. Noch spannender ist es, wenn man den Ton weglässt und einfach auf das Bild achtet. Da spielt plötzlich ein Hund - respektive sein Schwanz - die Hauptrolle.

08. Februar 2016

 

Gesehen

 

Wahrheit braucht Zeit

 

Zur Verleihung der „Goldenen Kamera“

am 6. Februar 2016 im ZDF (20.15 Uhr)

 

…die beste…der beste…und wieder die beste…der beste…und schon wieder das beste… Ob Schauspielerin, Schauspieler, Music Act, Moderator, Nachwuchs, Fernsehfilm, Moderator, Mehrteiler, Information… Sie alle haben eines gemeinsam, sie sind die Besten. Jedenfalls gemäss einer prominenten Jury oder/und (in einigen Fällen) der Mehrheitsmeinung des Publikums. In der Regel lässt mich solcher „Bestentanz“ kühl; ich schaue ihn mir vielleicht an, um „in“ zu sein: was ist gerade Mode, was wird hochgespielt, wovon spricht man im Fernsehbusiness? Fakten eben, eingepackt in eine Lichter- und Bewegungs-Orgie, die den Show-Charakter der modernen Samstag-Abend-Kiste einlösen möchte. Das einzige, was sich da bewegt, sind die optischen Trick, die Kniffs, die Illusion von Licht und Glanz, mit denen versucht wird, auch die Zuschauer – zuhause im bequemen Sessel – mit zubewegen.

 

Diesmal war aber vieles anders. Nicht nur die Showeffekte waren bewegt, auch der Geist, die Sinnstiftung, das inhaltliche Angebot bewegte sich. Und zwar nicht nur an der Oberfläche. Eine Seltenheit für an einem Show-Abend mit Stars. Und erst noch mit „den Besten“, den  mit „Gold-Bedachten“. 

Helene Fischer überrundet bei der ersten Publikumswahl des Abends alle 19 Konkurrenten und bekommt den Preis als beliebteste deutsche Musikerin.
Helene Fischer überrundet bei der ersten Publikumswahl des Abends alle 19 Konkurrenten und bekommt den Preis als beliebteste deutsche Musikerin.

Da konnte man sogar über das Kitsch-Repertoire einer Helen Fischer hinwegsehen, da hat man sogar den einen oder anderen Knall-Effekt ertragen. Die Präsentation war ganz einfach besser als sonst, witziger, überraschender, gekonnter und – Glanz und Gloria zum trotz – besinnlicher. Show-Besinnlichm sogar politisch. Nicht erst bei Dunja Hayaly, der Preisträgerin für die „beste Information“.  Schon von Anfang an wurden (fast) alle Show-Einlagen und –Rituale, der ganze Dankesschmus, der Glitzersegen und der Anspruch auf Unterhaltung einer Besinnlichkeit unterstellt, die das politische Klima – die Intoleranz, der Hass, die Vorurteile, die Parolen – zum Thema machten. Nicht schreierisch, pöbelnd, lautstark wie sich dies in der Regel manifestiert. Schon eher in Watte gekleidet, mit Glanz gehüllt, in Unterhaltung verpackt, ganz im Sinne des programmierten Jubelabends.

Marie-Luise Marijan, die Mutter Beimer aus der Fernsehserie "Lindenstrasse", schreitet in einem schön blauen Kleid als eine der ersten über den roten Teppich. (Alle Bilder ZDF)
Marie-Luise Marijan, die Mutter Beimer aus der Fernsehserie "Lindenstrasse", schreitet in einem schön blauen Kleid als eine der ersten über den roten Teppich. (Alle Bilder ZDF)

Ein Jubel, der immer wieder in eine unaufdringliche Mahnung mündete: Tragt Sorge zum politischen Klima, tragt Sorge zur politischen Meinungsbildung, tragt Sorge zueinander. Wenn der Kabarettist Michael Mittermeier – sozusagen beim emotionale Höhepunkt des Abends – der angefeindeten Journalistin Dunja Hayaly die „goldene Kamera“ überreicht, mit den Worten: „"Du bist ein Glücksfall für den deutschen Journalismus!" und zur Illustration zwei Shitstorm-Posts aus der riesigen Beleidigungsflut verliesst,  stehen alle auf: Standing Ovations, anhaltender Beifall, nicht für den Publikumsliebling Helene Fischer, für eine Journalistin, für die Tochter eines irakischen Arztes, welche dem geballten Angriff  der Wutbürger entgegensetzt: „Glaubt wirklich irgendjemand, dass dies irgendetwas bringt, dieser ganze Hass… ich habe eigentlich nur eine Bitte: seien Sie offen, bleiben Sie fair, differenzieren Sie, Wahrheit braucht einfach Zeit.“  Vielleicht hat der eine oder andere der Millionen von Zuschauern die Zeit – drei Stunden dauerte die Show – genutzt, um ein klein bisschen von der nicht immer ganz einfach sichtbaren Wahrheit erkennen oder/und zu finden. Dann haben sich die drei Stunden Show gelohnt. Denn Wahrheit lässt sich auch nicht mit der Brechstange einer „Durchsetzungsinitiative“ – à la SVP – finden, den n sie braucht Zeit. Denn Wahrheit braucht immer Zeit, und die haben Wutbürger nie.

09. September 2015

 

Gesehen:

 

Radebeul –

Das Herz des Wilden Ostens

 

 

Am Dienstag, 8. September um 20.45 bis  21.15 Uhr

auf MDR (Mitteldeutscher Rundfunk - Regionalprogramm der ARD)

 

Hinweis auf die Sendung im Rundfunk und Fernsehen

Die Sendung ist leider aus rechtlichen Gründen in der Mediathek nicht abzurufen.

 

Karl May:

"Der Popstar der deutschen Literatur"

 

Die Formulierung im Beitrag von Dr. Johannes Zeilinger, dem Präsidenten der Karl-May-Gesellschaft ist, originell und aussagestark, aber auch zwiespältig. Popstar, das ist ein Begriff, der vor allem für die Jugend von Bedeutung ist. Doch diese Jugend kommt im Video nicht vor. Es ist vielmehr die Geschichte von Menschen, die mit Karl May gross geworden sind. Es ist die Geschichte von Vergangenem und - zum Glück - Erhaltengebliebenem. Da wirkt schon einiges eher exotisch, denn poppig, auf jeden Fall nostalgisch.

Der Schauspieler Gojko Mitić, Star der Indianerfilme des Ostens, bringt es auf den Punkt: „In der DDR gab es so eine Flucht in die Freiheit. Ein Stück Land oder Wald pachtet oder kriegt man, dann stellt man die Zelte auf und versucht als Indianer zu leben oder dieses Leben nachzuahmen.“ Ein Stück dieses Sehnsucht zeigt der Film und verschweigt auch nicht, dass sich die Reihen der „Indianisten“ gelichtet haben. Doch es gibt noch heute in Radebeul einen Indianer-Club, der bis in die 20er Jahre zurück reicht. „Unsere Bewegung hat den Weltkrieg überlebt, die Zeit der kommunistischen DDR. Wir werden auch diese Kriese (gemeint ist der Nachwuchsmangel) überstehen.“ Tatsächlich hat sich eine Tradition – mit beachtlicher Breitenwirkung – auch im modernen Radebeul erhalten. Jedes Jahr entwickelt sich in der malerischen Landschaft im Lößnitzgrund ein Indianerleben, ein lebendiges Volksfest, das drei Tage dauert.

Davon erzählt der Beitrag – auch. Auch von den Menschen, die mit Karl May und seiner Welt aufgewachsen sind. Doch das eigentliche Verdienst – und die Qualität – liegt bei den alten Film- und Bild-Dokumenten, die hier wieder aufleben und ein Stück Geschichte – Stadtgeschichte, aber auch Karl May Geschichte – sichtbar machen, und den Ort uns näher bringen, wo Karl May gelebt und geschrieben hat. Es sind Dokumente die man so wohl noch nie gesehen hat und es sind Informationen auch aus der vergangenen (und von vielen verdrängten DDR), welche den Film so besonders machen. Er wird dem Titel der Sendereihe wirklich gerecht: „Der Osten: entdecke, wo du lebst.“ Auch wenn wir nicht dort leben, so lebt doch ein Teil in uns dort, wo alles begonnen hat: Die Welt eines Schriftstellers, der mit seinen Büchern in Millionen-Auflagen, und mit seiner unglaublichen Phantasie, Menschen in Bann ziehen, begleiten, begeistern und wohl auch belehren konnte. Bis heute – mehr als hundert Jahre nach seinem Tod.

Peter Züllig

01. August 2015

 

Gesehen:

 

Gespräch mit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga zum 1. August auf SRF

 

Eine Sendung, von der man nicht (oder kaum) spricht. Irgendwo am Rand des Programms. Nachts, kurz vor halb elf, wenn die Informationsblöcke vorbei sind, am Vorabend des Nationalfeiertags. Pflichtübung, sagten wir einst. Ich bin überzeugt: die heutigen Macherinnen und Macher sehen es nicht anders. Pflichtübung. Ab und zu hat man eine Idee, wie eine solche Pflichtsendung (die Pflicht ist nicht befohlen, sie liegt vielmehr im System) noch einigermassen attraktiv zu machen ist: etwas Schweiz, etwas Schönes, etwas Erhabenes und eine Brise Nationalgefühl. Keine Bilanz (keine Mini State of the Union), kein Apell, keine vaterländische Botschaft, viel eher ein Stück Identifikation mit dem „Geburtstagskind“, mit der Schweiz.

Da kommt rasch einmal das Wort Kitsch auf: Fahnen, Erstaugustreden, Heimat, Patriotismus, Sonderfall Schweiz. Kommt dazu, dass der jeweilige Bundespräsident, die Bundespräsidentin, die Pflicht (meist ist es keine Kür) absolvieren muss, die Hauptrolle zu übernehmen hat. Bundespräsidentinnen und –präsidenten sind Menschen, auch wenn sie in einer Funktion auftreten, auch wenn sie ein politisches (Parteien-)Etikett tragen, sich zu einer politischen Gesinnung bekennen. Sie sind bessere oder schlechtere Redner, besser oder schlechteer telegen. Da sind die Meinungen der Zuschauer gemacht, längst bevor auch nur ein Bild erscheint, bevor ein Wort gesprochen wird. Das Pro oder Contra, wird nicht von Inhalten bestimmt, vielmehr von Meinungen und Sympathien. Bestenfalls ist man „neutral“ und dokumentiert dies mit Abstinenz. Ein schwieriges Unterfangen, das im besten Fall „geräuschlos“ über die Bühne geht, Pflichtübung eben. Trotzdem: das Gespräch mit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga hat überzeugt.

Nicht auf Grund des besonderen Inhalts, vielmehr durch Schlichtheit, Ehrlichkeit, eine wohltuende Menschen- oder Bürgernähe. Kein Werbeauftritt, nicht einmal für die Schweiz (was in diesem Fall verständlich wäre), auch nicht für eine Partei oder eine politische Idee. Trotz Blumen im Bild (frei wachsend im Park) – kein „Blumetes Trögli“ – frei von geschliffener meist entseelten Rhetorik: verständlich, klar, (sieht man von den beschriebenen Prämissen ab), sympathisch. Eine Funktionsträgerin – die Bundespräsidentin – steht zu ihrer Funktion aber – und dies ist im Politbetrieb eher selten – auch zu sich selber als Mensch, als Frau, als Schweizerin, als Nachbarin, als…

Da wäre noch so viel hineinzusetzen. Wie wohltuend – wenn man die Polterrhetorik (vor allen jetzt vor den Wahlen) erlebt. Auch wenn nicht gepoltert wird, wird jetzt gepoltert – lächelnd, werbend, verführend, aufgesetzt. Die Informationssendungen haben am gleichen Tag über den ersten Wahl-Auftritt einer Partei (in der Bahnhofhalle in Zürich) berichtet. Grossanlass! Möglichst gigantisch. Die Bundespräsidentin hingegen sass zusammen mit dem Doyen-Reporter auf einer schlichten Bank in einer Parkanlage - notabene auf einem ehemaligen Friedhof - über der Stadt Bern. Und ich behaupte, allein schon diese Übungsanlage (Pflichtprogramm!) hat letztlich mehr Wirkung erzielt und mehr politische Aussage enthalten, als all die „Buren-“ und Champagner-Auftritte, die in der nächsten Zeit über uns hereinbrechen. Schlichtheit und Ehrlichkeit, Fakten statt Parolen, so wünschte ich mir die Schweiz. Nicht nur am Vorabend des Nationalfeiertags.

19. Juni 2015

 

Gesehen:

Zürich Junkietown

Kathrin Winzenried auf Spurensuche 20 Jahre nach der Lettenschliessung

Ein Film von Béla Batthyany

 

 

Eigentlich will man die Bilder nicht mehr sehen, wenn man ehrlich ist, mit sich selber. Mit sich selber? Man hat sie verdrängt, weggeschoben, aus dem Bewusstsein verbannt, die Bilder des Elends, der Sucht, der Hilflosigkeit. Unserer Hilflosigkeit. Die Bilder kehren aber immer wieder mal zurück und machen betroffen, auch zwanzig Jahre nach Schliessung der offenen Drogenszene beim stillgelegten Bahnhof Letten (Zürich). 15 Jahre und mehr braucht es, bis man in Zürich – wo der Needlepark zum Unruhestifter geworden ist - endlich wieder Ruhe hatte. Nun ist diese „Ruhe“ – wenigstens eine Stunde lang – gestört worden, gestört durch das „unfähige“ gebührenfinanzierte Fernsehen, das immer wieder Dinge aufgreift, die doch längst vorbei sind, überwunden und das Problem gelöst.

Es gibt ein paar Möglichkeiten, wie man medial mit der Erinnerung des Schreckens umgeht. Zum Beispiel mit schonungsloser Dokumentation einer vergessenen oder verdrängten Realität, schockierend brutal; brutaler noch heute, in der weiss gespülten neuen (veränderten) Zeit. Oder: anklagend, die hilflosen Politiker, mit ihren populistischen Parolen oder ihren verständnissuchenden Klagen über eine Gesellschaft, die aus dem Ruder geraten ist. Oder: halbwegs wissenschaftlich, indem man die Sucht generell und die Drogensucht im besonderen zu analysieren und erklären versucht. Oder: boulevardesk, indem man die traurigsten und schönsten (sofern es sie in diesem Fall gibt), die aufregendsten und beruhigendsten Dokumente aneinander reiht und aus heutiger Sicht kommentiert. Oder…

Nichts von all dem hat die Sendung „Zürich Junkietown“ (SRF 1) zum Konzept gemacht; zwar all die verschiedenen Facetten angesprochen, gestreift, berührt – sie wollte eine „Spurensuche“ sein. In der Regel geht dies schief; Spuren allein genügen nicht, vor allem nicht in einer Dokumentation von und mit Gewicht. Wenn es trotzdem in gut – ich wage zu sagen hervorragend - gegangen ist, dann liegt dies vor allem an der Moderation. Moderation? Dokumentarfilme brauchen keine Moderation oder sollten sie jedenfalls nicht brauchen. Das Bild, der Originalton, die Szenen, ja sogar der begleitende Kommentar sind, sind in der Regel stärker als jede noch so gut gemeinte Moderation. In diesem Fall aber nicht. Warum? Weil die Moderatorin - Kathrin Winzenried – nicht „Moderatorin“ war, auch nicht Moderatorin „spielte“. Sie war das andere Ich des Films: das schöne, das kontrastierende, aber auch das verstehende, das fragende. Vor allem das nachdenkliche. Der Film von Béla Batthyany (Autor, Filmemacher) wurde zum Film von Kathrin Winzenried und damit zu einer Einheit, die mehr als nur Bilder, Aussagen, Szenen, kurzum Filmisches brachte. Der Mut, die „Moderatorin“ zur Betroffenen, ab und zu auch zur Neugierigen, zur Fragenden, vor allem aber zur Nachdenklichen zu machen und als Spurensuchende auftreten zu lassen, hat sich gelohnt. Die Moderatorin wird damit direkt zur Beteiligten am Geschehen, stellvertretend für die Zuschauer, immer und immer wieder präsent, immer da. Da kann sich der Zuschauer nicht mehr zurückziehen, zum blossen Zuschauen, auch dann nicht, wenn es unangenehm wird, wenn Fragen nicht nur den Protagonisten gestellt werden, sondern sich (indirekt) an die Zuschauer richten. Dieser filmisch-psychologische Dreh hat den Film nicht nur gerettet, er hat ihn zur hervorragenden Dokumentation der Gefühle gemacht: man konnte fühlen, was man eigentlich nicht sehen wollte. Mehr vermag ein Dokumentarfilm, eine mediale Dokumentation, nicht zu leisten.

18. April 2015

 

Medienbetrachtung Fernsehen:

Die neue Arena

 

Nun hat sie eine Show-Treppe, die neue Arena

 

Der Auftritt ist geglückt. Jonas Projer steigt hinunter in den neuen Kampfplatz und vermag die darin versammelten „Polittiere“ durchaus zu bändigen, auch wenn er dazu etwas allzu oft die rhetorische Notbremse ziehen muss: leichte Berührung des Arms eines allzu ausufernden Diskutanten. Das ist durchaus „erlaubt“, wenn es darum geht, eine Sendung von der Langeweile zu retten, ihr Schwung, vielleicht sogar Drall zu geben. Die rein technischen, optischen und akustischen Signale kommen ihm zu Hilfe. Ab und zu hat man auch das Gefühl, sie verwirren, zumindest die Debattierenden, sicher auch viele Zuschauer.

«Arena» ist eine kontradiktorische Diskussionssendung zu aktuellen wirtschaftlichen, innen- und gesellschaftspolitischen Themen. Sie will die entsprechenden Tendenzen und Entwicklungen in der Schweiz abbilden und so zur Meinungsbildung beitragen. Als Mittel dazu verwendet sie die kontroverse Diskussion in einem schweizerisch-demokratischen Verständnis.

Medienbetrachtung

Ja – die Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie sind wohl das grösste Problem. Da sitzen sie vor dem Bildschirm, irgendwo zuhause, allein oder in Gesellschaft, auch all die Vertreter und Sympathisanten der Partei und Interessengruppen, die – vor allem jetzt, vor baldigen Wahlen – schön säuberlich notieren, wer gepunktet hat: welcher Repräsentant, welche Meinung, welche Partei, mit welcher Emotion, mit welcher Entgleisung. Man muss heute ja nicht mehr zum Telefon greifen, man kann dem Internet die eigene Meinung übergeben und die wird dann prompt ins Forum der Arena gestellt. 238 Meinungen sind es – bis jetzt, wo ich diese Betrachtung schreibe. Mehrheitlich sind es „Betonköpfe“ (Lager ist da egal), die ihre gesammelten Urteile, und Vorurteile, meist in direkter und deftiger Sprache zum Ausdruck bringen.

„…Mich hat bei den Himmel-schreienden Aussagen…der bare Schrecken plus Panik gepackt. Gott bewahre unser CH-Volk, unsere CH-Nation davor, dass solch geballte Arroganz mit sturem Besserwissertum, und vorsätzlicher Grob-Fahrlässigkeit per Ego-Trip an unsere Staats-Schalthebel gelangt…“ Und das Votum hat erst noch 45 Daumenklicks (wie einst Neros Daumen in der Arena, wo es um Leben und Tod ging). Wow was mach ich nun als Zuschauer mit solchen „himmel-schreienden“ Aussagen, wenn ich das Gesehene und Gehörte – ebenfalls als Zuschauer – ganz anders wahrgenommen habe?

Übrigens: die Diskussion beginnt schon fast drei Stunden, bevor die Sendung ausgestrahlt worden ist. „…und das SRF fragt "wer glaubt noch an die Neutralität" statt "hat der Bundesrat diesmal unrecht?" Was kommt am 1. Mai? "In Zürich brennen die Autos - wer glaubt noch an den Rechtstaat"? Was muss passieren bis das SRF den BR kritisch hinterfragt?...“

Es sind natürlich nicht 238 Zuschauer, die sich im Forum zu Wort melden. Es sind mitunter immer wieder die gleichen Personen, mit den gleichen Argumenten, die in die Betondiskussion eingreifen.

Ich finde das Forum fast interessanter als die Sendung. Es sagt etwas – oder viel – über die Personen, die am Bildschirm in die Arena steigen. Am Freitag-Abend, zu später Stunde, da geht „die Jugend“ gerade in den Ausgang. Die Betonköpfe – egal aus welchem Lager – bleiben da unter sich. Für die muss die neue Sendeform, die viele Technik, blinkende Lichter, pointierte Aussagen, etwas Undiszipliniertheit, leichtes Chaos, so etwas wie ein Gebäudeeinsturz sein, ein Beton-Gau. Keine guten Aussichten für die neue Arena.

Das Bild sieht schon etwas anders aus, wenn man dem Twitter auf ♯sfarena folgt. Nicht nur, dass da die „Redezeit“ sehr begrenzt ist, es sind auch andere Zuschauer, die diskutieren. Wohl jüngere, wohl eine andere Generation, von mir aus die „Twitter-Generation“. Die schaut offensichtlich auch Arena, hat auch etwas zu sagen, liefert so etwas wie eine eigen erlebte Zusammenfassung von Momenten, Voten und Gefühlen:

„KEINE GESINNUNGSNEUTRALITÄT bei MASSAKERN an der Bevölkerung und VÖLKERMORD. Danke Frau Moser“. Da tönt es schon ganz anders, da sind auch nicht alle der gleichen Meinung, sicher nicht. Aber vieles, fast alles ist frischer, viel präziser (Bedingt schon durch die Begrenzung), viel offener, viel zeitgerechter.

Wer nun glaubt, dies sei eine Frage des Alters, der irrt sich. Eine Stichprobe bei den Twitter-Profilen zeigt: nicht alle älteren Menschen haben sich in ihr Beton-Denken zurückgezogen. Dies ist hingegen könnte eine gute Prognose für die neue Arena sein. Sie ist nämlich nicht für Betonköpfe gemacht, sie ist – denken wir an die Zukunft - für die Twitter-Generation. Und dies ist wohl ihr Hauptverdienst, auch wenn – so vermute ich – der Anteil dieser Generation, die auch die Arena schaut, bedeutend kleiner ist, als die, welche nun rufen: mehr Ordnung, mehr Disziplin, keine andere Meinung oder (konkret):„…bei dieser Linken ….freue ich mich schon auf die nächsten Wahlen . Gruss ein rechter....Schweizer!!!!“

Auch ein Schweizer, aber kein echter?

Peter Züllig


Und noch etwas... (eine der 238 Zuschauermeinungen)



28. Juli 2012

 

Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in London. Beim ZDF erlebt:

(27. Juli 2012 - ab 21.30 Uhr)

 

Verquasselt

 

Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele im ZDF schrecklich davongerudert und geschwommen. Gut vier Stunden (vorwiegend) Schweigen wäre, das wäre eine Wohltat gewesen. Doch es wurde geredet, geredet, geredet…

Eigentlich startete die Übertragung ganz gut und sie endete (fast) versöhnlich. Doch der Einzug der 204 Nationen wurde zur echten Nervenprobe. Schuld daran sind die belanglosen, nervigen, deplatzierten Kommentare der beiden Co-Moderatoren von dem wohltuend zurückhaltenden Wolf-Dieter Poschmann, der erstaunlich präzis und ruhig ab und zu Fakten lieferte. Jedenfalls dann, wenn ihm nicht Katrin Boron und Christian Keller als sogenannte „Experten“ das Sehen, Schweigen und Geniessen madig machten. Nicht nur ihm – auch uns Zuschauern.

Einen Schwerpunkt in den meist überlangen Eröffnungsfeiern – es ist auch weitaus der längste Part – bestreiten die Athleten (und Offiziellen) mit ihrem national gegliederten Einzug: bunt, fröhlich, stimmungsvoll – ab und zu exotisch oder gar ausgelassen. Jedenfalls zieht da eine stimmungsvolle Modeschau (mit und ohne Models) vorbei, die nicht mit belanglosen, meist sogar deplatzierten Nabelschau-Informationen zerstört werden darf.

Doch dies schafften die ZDF-Co-Kommentatoren nicht. Christian Keller (ehemaliger deutscher Weltklasse-Schwimmer) und Katrin Boron (die Ruder-Ikone) meinten wohl, alle Zuschauer wollen in den kurzen Momenten, in denen man – auch in Grossaufnahmen – ein Stück Olympia-Folklore – optisch – geniessen kann, noch Anekdoten aus der Aktivzeit des beiden Ex-Sportler zur Kenntnis nehmen.

Jedenfalls habe ich den – durchaus subjektiven Eindruck – nach dem rund zweistündigen Einmarsch der „Gladiatoren“, dass eigentlich nur Schwimmer und Schwimmerinnen, Ruder und Ruderinnen an mir vorbeigezogen sind, nicht selten mit einer akustischen Visitenkarten ihrer tatsächlichen und möglichen Leistungen.

Ehrlich gesagt: die beiden zur Selbstdarstellung neigenden Schwätzer haben mir zwei Stunden optisches Spektakel gründlich vermiest. In der ersten Viertelstunde habe auch ich – vor dem Bildschirm – en famille – angeregt durch die Plauderer – mehr oder weniger passende Kommentare abgegeben. Dann aber habe ich, spätestens nach einer halben Stunde meine Fehlleistung bemerkt (meine Frau hat mich sanft darauf aufmerksam gemacht), spätestens nach einer Stunde habe ich genervt geschrien und das Spektakel nach rund zwei Stunden nur noch verwünscht.

So gründlich hat man mir schon lange keine „Feierstunde“ – mit riesigem Aufwand, britischem Humor und grossem Glamour - vermiest. Warum ich nicht weg-gezappt bin? Ganz einfach, weil ich hier in Südfrankreich – einmal nicht französische Grandeur erleben wollte, sondern „deutsche Gründlichkeit“ – lies: sachliche Information, es aber der einzige deutsche Sender war, der die Übertragung live ausstrahlte und hier zu empfangen ist. Ich geriet – in einer warmen mediterranen Nacht im wahrsten Sinn des Wortes in die Traufe.

14. März 2012

 

Emotionen weggestylt

 

Die grössten Schweizer Talente

Samstag, 10. März 2012 auf SF 1

 

Styling ist in. Man stylt beim Schweizer Fernsehen (in den letzten Jahren) so ziemlich alles, was durch Design aufgemotzt werden kann – ungeachtet der Konsequenzen. Erscheinungsbild, Studios, Menschen – ja sogar Inhalte werden skrupellos gestylt. Das neue Erscheinungsbild der Informationssendungen ist – obwohl viel diskutiert – geradezu harmlos, marginal. Die gestylten journalistischen Inhalte sind nämlich nicht besser als die ungestylten, vielleicht äusserlich perfekter – aber (und dies ist das Entscheidende) weit weniger glaubwürdig, weggerückt aus der Normalität – hingezogen zur aufgesetzten Schminke.

In den allermeisten Fällen kann sich der journalistische, informative, berichtende Inhalt durchsetzen. Die Schminke fällt rasch ab, vor allem wenn es um Leben und Tod, um Menschen und ihr Tun, um Geld und Geist geht. Inhalte sind fast immer viel stärker als jede äusserliche Form. Kommt dazu, dass die Gestaltung – kaum hat sie die Stylingwerkstatt von SF verlassen – ihre Hoch- und Glanzform verliert, dass Kamera, Ton und Journalisten wieder zu dem werden, für das sie eigentlich eingesetzt und unterwegs sind: Abbildende des Geschehens, Begegnende mit Menschen, ausgesandt das Ausserordentliche und den Alltag zu dokumentieren, kurzum aus dem Leben zu berichten. Eine seltsame Diskrepanz tut sich da auf. Alltägliches – und damit auch schmutziges - Leben wehrt sich gegen eine künstlich geschaffene Welt, die bisher ein Vorrecht, ja die Exklusivität der Werbung war. Werbung versucht aber (laut Definition) zu führen, hinzuführen, zu verführen. Werbung wird geduldet, aber kaum je geglaubt. Erfolgreiche Werbung funktioniert nicht über Glaubwürdigkeit, vielmehr über Emotionen.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn Showsendungen immer mehr im reinen Styling versinken (nicht aufblühen!). Die neue Staffel von „Die grössten Schweizer Talente“ ist ein Musterbeispiel dafür. Ein gründlich missglückter Sieg der Form über den Inhalt und schliesslich auch über die Emotionen. Schon im Vorfeld – bei den Ausscheidungs-Sendungen – zeichnete es sich ab. Der auf Höhepunkte getrimmte Zusammenschnitt ging total an den Emotionen vorbei. Alles nur Styling. Selbst die Vorstellung der Kandidaten wurde so verschnippelt, dass beim Zuschauer weder Zu- noch Abneigungen aufkommen konnten. Selbst vom Kandidaten ausgesprochene Schicksalsschläge – zum Beispiel der Tod eines Sohnes – wurde eingebettet in den seelenlosen Ablauf eines hochgestylten Wettbewerbs. Kandidaten und Juroren lieferten Gags am Laufmeter, mehr nicht, hochgestylte Gags, die kunterbunt eingesetzt wurden, gerade wie es der Rhythmus – nach Auffassung der Macher – verlangt.

Eigentlich lasse ich mich gerne verführen – in die Traumwelt von Emotionen und Illusionen. Für ein, zwei Stunden kann ich den Alltag verlassen und eintauchen in die Welt der Shows. Darin liegen Wirkung und Erfolg einer jeden Show, sei es im Zirkus, auf der Showbühne oder im Unterhaltungsprogramm des Fernsehens. Wenn dieses Eintauchen nicht mehr möglich ist – weil jede Handlung, jede Entwicklung, jeder Ablauf zerhackt, zerschnitten, durch vermeintliche Gags zertrümmert zertrümmert wird – wenn selbst die beiden Moderatoren nur noch geschoben Randfiguren sind, dann ist es aus mit jeder Identifikation, mit dem Mitfiebern, Miterleben. Dann rollt einfach ein Film ab, weit weg von dem, was Menschen von einer Show erwarten. In den Vorausscheidungen habe ich diesen verhängnisvollen Effekt noch der Notwendigkeit eines „Zusammenschnitts“ von viel längeren Aufzeichnungen zugeschrieben. Ehrlich gesagt, noch selten habe ich so viel gegähnt, wie bei diesen Sendungen.

Jetzt aber – nächsten Samstag – geht es um „die Entscheidung“. Die bisherigen Halbfinals, die ebenfalls Live waren lassen nichts Gutes ahnen. Es wird wohl weiter gestylt, zerstückelt, zerschnitten, verformt, dass die Schwarten krachen. Das Mitfiebern mit den Kandidaten wird geradezu „verboten“. So kommt keine Spannung auf. Man kann kaum Lob und Tadel anbringen, kein „Schafft-er/sie-es“-Leiden ist möglich, kein Glück des Siegs oder der Trauer einer Niederlage können ausgekostet werden. Jedenfalls nicht von den ZuschauerInnen (am Fernsehen). Am Handlungsort – im Saal in Kreuzlingen – mag dies anders sein. Einziger Handlungsablauf am Fernsehen – nachdem so ziemlich jede Darbietung „verstylt“ worden ist – funktioniert noch bei der Jury. Die drei Mitglieder ziehen ihre eigene Show ab – und die hat immer weniger zu tun mit dem was geboten wird auf der Showbühne. Die Zuschauer müssen dafür sogar dankbar dafür sein: So kommt wenigstens etwas Leben in die Show, etwas aufgemotzte Emotionen. Doch auch sie können die Show nicht retten. Auch sie müssen sich dem Styling der des Sendekonzepts unterwerfen. Eben: todgestylt.

01. März 2012

 

Winnetou und Co.

 

 ZDF-Nachtstudio

26. Februar 2012 

 

Die Deutschen und Karl May. Gäste: Jürgen von der Lippe, Rüdiger Schaper, Helmut Schmiedt und Karl Hohenthal.

 

Nun ist es so richtig angelaufen, das Karl May Jahr. Mit dem Nachtstudio im ZDF wurde ein erster „Höhepunkt“ erklommen. In einer fast einstündigen Sendung hat man sich dem Phänomen Karl May genähert, und zwar in einer kompetenten, sympathischen und unterhaltsamen Art. Es wurden zwar keine neuen, nicht- oder kaum-bekannten Fakten aufgetischt, keine neuen Erkenntnisse „zelebriert“. Auch dem nur halbwegs informierten Karl-May-Leser war das meiste bekannt, ja geläufig – also nichts Neues. Wenn trotzdem Spannung aufkam, wenn da und dort neue Türen geöffnet wurden, lag dies vor allem an der sachlichen Attitüde, in der aber auch viel Wärme, viele Gefühle mitgeschwungen haben. Man tat all das nicht, was im Augenblick häufig stattfindet: man wollte nicht in schwärmerischen Tönen die eigene Jugend zurückholen, man verfiel nicht in den literarischen Jargon, mit dem Karl May in der letzten Zeit zugedeckt wird und man vermied (vor allem) jenes Augenflackern, das echte oder vermeintliche „Überväter“ so oft auslösen. Man redete ganz einfach von und über Karl May, über seine Werke nicht weniger, wie über den schwierigen Menschen, den wohl niemand in der Runde zum Freund haben möchte. Die Fäden, die man zog, die Beispiele, die man anführte, die Fakten, die man auftischte: sie alle haben zum Verständnis eines bis heute umstrittenen Autor beigetragen. Mehr noch: die Sendung hat durchaus den „wissenschaftlichen Kreis“ – quasi das Unter-sich-sein der Wissenden – verlassen und hat etwas popularisiert, dem man in der Regel ein kulturhistorisches Mäntelchen überzieht oder ein Entschuldigungsschreiben anhängt: dem Konsum von literarisch wenig geadelter Literatur. Irgendwie – ohne es direkt auszusprechen – war man sich einig: ein Phänomen, das so stark ins gesellschaftliche Bewusstsein eingedrungen ist – und dort weiterlebt – auch wenn die Bücher kaum mehr gelesen werden – verdient Achtung, Respekt und Beachtung. In der Medienbibliothek des ZDF kann die Sendung abgerufen werden. Sie verdient die Beachtung, auch wenn es in den nächsten Wochen und Monaten noch viele Sendungen auf vielen Sendern (Radio und Fernsehen) geben wird.

29. Februar 2012

 

Begegnung mit schreibenden Menschen

Literatur im Foyer (SWR)

 

Sonntag, 23. Februar 2012 23.45 Uhr

 

Annika Reich und Marion Brasch zu Gast bei Felicitas Lovenberg

 

Drei Frauen unter sich. Man spricht über Literatur. Man spricht so, dass die Menschen – die beiden Schriftstellerinnen – im Mittelpunkt stehen und nicht Kritiker. Das ist selten geworden. Seit der legendären Show von Reich-Ranicki und seinen drei Adlaten sind Literatursendungen immer häufiger zu Profilierungsinstrumenten verkommen. Mal mehr, mal weniger: fast immer ist das „Götterurteil“ wichtiger als die Begegnung mit Literatur. In aller Regel wird die Arena auch noch mit Publikum gefüllt, die vom Räuspern über Husten und Lachen bis zum Klatschen ihre Befindlichkeit kundtun, gleichsam als natürliche Ambiance zu analytischen Höhenflügen und Bruchlandungen, damit auch der Mensch – der ja schliesslich als LeserIn Zielpublikum sein sollte – irgendwo noch da ist. Weit abgeschlagen zwar, im Hintergrund. Man hat sich immer mehr – immer verrücktere Konstellationen ausgedacht: Gesprächsteilnehmer, Räumlichkeiten, Gesprächsdramaturgien, technischer Firlefanz, bildliche Auflockerungen…. den Präsentationsideen werden keine Grenzen gesetzt. Schliesslich soll der Inhalt eines Buchs ja möglichst attraktiv zur Zuschauerin, zum Zuschauer gebracht werden. Aussteiger darf es – bei der meist über den Rand hinaus verschobenen Zeit der Ausstrahlung – nicht geben, sonst sinkt die Einschalt-Quote gegen Null. Also werden die Sendungen aufgemöbelt, so viel es der „seriöse Ruf“ überhaupt noch zulässt. Für mich ein Grund – als interessierter und passionierter Leser – Literatursendungen zu meiden. Lieber zu lesen, als zuzuhören, was ich da alles an Tiefsinnigkeit und Bedeutsamkeit allenfalls finden könnte. Nein: Kunstgeschwätz, das ich seit meiner Uni-Zeit bestens kenne, ist mir genau so zuwider, wie das Literaturgeschwätz. Schriftsteller haben mir allenfalls etwas zu sagen, in ihren Werken oder (im Idealfall) bei einer Begegnung mit ihren. Genau dies geschieht in dieser Sendung. Zwei ganz unterschiedliche Frauen begegnen mir. Sie erzählen auch etwas, nicht über Literatur, nein über sich und ihre Arbeit, ihre Lust zu schreiben, ihre Suche nach der (für sie) richtigen Form. Noch immer – so gleichsam in dosierten Proportionen – versucht sich die Gastgeberin Felicitas Lovenberg in Interpretationen, meist aber nur um daran eine Frage zu hängen. Eine einfache Frage, meist. Sie provoziert zwar eine einfache Antwort. Eine Antwort, die meist näher zum Werk führt, als alle noch so klugen Interpretationen. Für mich eine gute Sendung, eine zweckmässige Sendung – zurück zur einfachen Form, zurück zur Begegnung mit Menschen die schreiben. Antiquiertes Fernsehen, das niemanden mehr vor den Bildschirm bringt? Vielleicht! Vielleicht müsste man diese Einfachheit wieder entdecken – nicht nur für Literatursendungen.

NB. Jetzt habe ich ja noch nichts über die Begegnung mit den beiden Schriftstellerinnen gesagt. Macht nichts: Ich lese zwei Bücher. ""Ab jetzt ist Ruhe" von Marion Brasch und "34 Meter über dem Meer" von Annika Reich. Diese simple Tatsache ist wohl dieb einachst un allrbeste Kritik.

13. Februar 2012

 

Stimmige Ruhe

"Seelenbalsam für kranke Kinder"

 

 Reporter vom 12. Februar 2012

 

Ruhe und Besonnenheit, Poesie in Alltagsbildern, menschliche Nähe und bildliche Klarheit – das sind Eigenschaften, die sich kaum mehr ausbezahlen in den Programmen des Fernsehens. Die Zuschauerin, der Zuschauer hetzt von einem optischen, akustischen oder inhaltlichen Höhepunkt zum nächsten. Wehe, wenn dazwischen (zu)viel Zeit vergeht, wenn es zu lange dauert, bis Auge, Ohr oder Herz wieder gekitzelt werden. Gar manche Ausgaben von „Reporter“ kennen diese Gesetzmässigkeit gut, ab und zu nur zugut.

Vielleicht ist dies der Grund, dass mir der „Reporter“ vom vergangenen Sonntag besonders aufgefallen ist. Ich habe mich wieder einmal gefreut, schöne Bilder zu sehen. Schön – nicht im Sinne von ausserordentlich, einmalig, sensationell. Es waren nicht einmal speziell ästhetisch Bilder; sie waren einfach sauber, stimmig, ohne jeglichen Firlefanz. Eigentlich Alltag, trauriger Alltag im Spital, mit Kindern, die leiden; mit Eltern, die besorgt sind; mit Menschen, die nur schwer akzeptieren können, dass gerade ihnen dies wiederfahren ist.

Alles dies rührt ans Herz – könnte optisch durchaus auch medienwirksam eingesetzt werden. Clowns – professionelle Spassmacher besuchen kranke Kinder. Da darf ein gequältes Lachen, ein leises Schluchzen, da dürfen grosse Augen und wehmütige Blicke nicht fehlen. Dies jedenfalls glaubt so ziemlich jeder Reporter, jede Kamerafrau/mann, die mit der Aufgabe betraut sind, über Kinder im Spital zu berichten. Glaubt man!

Das Team, Bellinda Sallin (Reporterin) und Dominic Hiss, hat sich dem entzogen mit unspektakulären, aber stimmigen Bildern, mit einer Kamera, die einfach begleitet, mit ihren Bildern dort ist, wo man hinsieht, mit einer Selbstverständlichkeit schwenkt, dem Geschen folgt, kaum Zoomt. Etwas, das im Bereich der Reportage sehr selten geworden ist. So selten, dass es auffällt und ZuschauerInnen wieder in Bann zieht. Gerade bei einem Tabu-Thema, das ordentliche Abwehrreaktionen auslöst, übernimmt die Gestaltung in der Reportage eine wichtige Funktion: sie schafft Nähe – echte Nähe, sie vermittelt Glaubwürdigkeit – das Gegenteil von unglaubwürdiger Anteilnahme, sie erlaubt es, dem Inhalt zu folgen, weil die Bilder, weil die Töne in jeder Sequenz echt erscheinen.

Mir sind viele der Bilder geblieben, obwohl sie schlicht und einfach sind. Sie haben mich mit ihrer Stimmigkeit begleitet über Passagen des Erzählens, des Informierens und der Anteilnahme. Etwas, was in der heutigen Bilderwelt, der aufgeheizten Bilderflut, selten geworden ist. Aufgemotzte Bilder dominieren, rasante Schnitte sind gefragt. Bei wem? Bei den Zuschauerinnen und Zuschauer immer weniger, vor allem dann nicht, wenn es die Echtheit und Glaubwürdigkeit von Inhalten geht.

Eigentlich haben die Clown den Takt angegeben. Die Fernsehmacher haben sie übernommen. Gute Clowns sind poetisch, gute Bilder auch.

 

14. Januar 2012

 

Verluderung von Bild und Ton der der Aktualität

Tagesschau vom 13. Januar 2012
19.30 Uhr auf SF 1

 

Wichtigstes Kriterium für eine News-Sendung ist (und bleibt) die Relevanz. Sind alle relevanten und interessanten Themen des Tages in der Tagesschau präsent? Dies ist gleichsam der journalistische Ansatz einer Aktualitäten-Sendung. Da meine ich – ohne dies nun im Einzelnen untersucht zu haben – können sich die Tagesschau und die meisten andern Informationssendungen von SF durchaus sehen und messen lassen.

Nicht aber in der gestalterischen Leistung. Da möchte ich schon eher von einer „Verluderung“ sprechen. Es gibt zu Hauf nicht nur Unschönheiten, sogar Verwirrungen und schlicht und einfach unglaublichen Bild-Dilettantismus. Es scheint mir ab und zu, als hätten die MacherInnen noch nie etwas von Bildsprache und von der Wirkung des Zusammenspiels Bild-Text-Ton gehört. Die hier punktuell aus einer einzigen Ausgabe der Tagesschau aufgelisteten Beispiele dienen nur der Verdeutlichung für das was immer häufiger zu sehen ist und was ich als „Verluderung“ bezeichne:

Wie gesagt, dies ist keine Tagesschau-Analyse. Ganz einfach die Feststellung, wie unbeholfen, ja fahrlässig mit Bild und Text (und der gegenseitigen Wirkung) umgegangen wird.

Und wenn ich schon bei der Tagesschau bin. Vor ein paar Tagen – in Zusammenhang mit dem Fall Hildebrand – bin ich auf eine „Unsauberkeit“ gestossen, die mich geradezu schockiert hat. Kurt Schildknecht (der Ex-Banker, mit dem Ruf eines „Heuschreckens“ im Umfeld von Martin Ebner und seiner zusammengekrachten „Visionen“ und öfters Autor in der „Weltwoche“) – wurde als neutraler Experte vorgestellt und interviewt, ohne dass seine Verbindungen und sein Umfeld offen gelegt wurden – mit Ausnahme seiner Tätigkeit als Banker von Bank Leu und einstiges Mitglied des Bankrats (beides liegt lange zurück). Meiner Meinung nach darf so etwas in der Tagesschau nicht vorkommen. Hier wurde jegliche Sorgfaltspflicht vernachlässigt.

Vielleicht passt dies aber gerade in die „Verluderung“ in der Tagesschau.

13. Januar 2012

 

Lüthi und Bland ist zurück

 

Lüthi und Blanc, TV-Soap

werktags am Nachmittag auf SF 1

 

Die Serie – eine Eigenproduktion des Schweizer Fernsehens - wurde von 1999 bis 2007 in 288 Folgen ausgestrahlt. Dann musste sie sterben: aus welchen Gründen auch immer: finanzielle Engpässe, Programmkonzept, Publikumsrückgang??? So genau weiss man es nicht, ist auch nicht wichtig, die Absetzung der Serie widerspricht schlicht und einfach allen Kenntnissen um mediale Wirkung und mediales Verhalten des Publikums.

Ein etwas vertiefter Blick in die Medientheorie hätte genügt, den Entscheid gründlich zu überdenken. Man gibt nicht so leicht etwas auf, was zum Fundament des Medienverhaltens gehört: das Verlangen, die Sehnsucht nach einer Parallelwelt, als Gegenstück zur kurzlebigen Alltagswelt, in der das Fernsehen sich sonst bewegt. Es ist schwierig eine solche „Parallelwelt“ aufzubauen, zu installieren, im Bewusstsein der Konsumenten zu verankern. Es geht recht lange, bis dies geschafft ist, bis die ZuschauerInnen in dieser andern Welt auch „zuhause sind“, oder - um es mit einem andern belasteten Begriff auszudrücken - eine neue „Heimat“ gefunden haben.

Wie gesagt: das Wort „Heimat“ mag – historisch und soziologisch gesehen – belastet sein. Doch es trifft – richtig ausgelegt – genau den Punkt: Nähe, Vertrautheit, Geborgenheit, Spüren, Sich-Auskennen, Gefühle entwickeln… Es muss nicht eine kitschig schöne Welt sein, sie darf ruhig Ecken und Kanten haben, sie darf einen Kontrast darstellen zum Alltag der meisten Konsumenten. Die Akteure in diesen Parallelwelten müssen nicht nur sanft und gut, sie dürfen auch böse, zickig und gemein sein. Dies alles gehört – gemäss unseren ureigensten Erfahrungen – zum Leben, auch zum Leben in einer Parallelwelt. „Dallas“ mit dem berühmten JR, produziert in 357 Folgen, in den Jahren 1978 – 1991, ist nur eine, vielleicht die berühmteste, dieser TV-Soaps, welche Fernseh- und Mediengeschichte geschrieben haben. Auch bei uns! „Lindenstrasse“ vom WDR (auf ARD ausgestrahlt) ist eine andere dieser Serien, wohl näher beim Alltag der Zuschauer von ARD, mit 1363 Folgen seit 1985 im Programm, wohl die Soap mit dem bisher längsten Leben.

Es geht nicht darum, die Schweizer-Soap „Lüthi und Blanc“ mit den berühmten Vorbildern zu vergleichen. Es geht um die Funktion dieser Soaps und um die Schwierigkeit eine funktionierende mediale Parallelwelt aufzubauen und sie zu erhalten. Nicht nur zu erhalten, sie weiter zu entwickeln, den Moden, dem Zeitgeist und der Vergänglichkeit des Lebens anzupassen. Dies wird besonders deutlich, wenn eine wichtige Figur der Serien „aussteigt“ oder gar stirbt. Die Geschichte von 27 Jahren „Lindenstrasse“ ist geradezu ein Lehrbuch dafür.

Was vor Jahren noch aussergewöhnlich, ja sogar eine mediale Sensation war, gehört mittlerweile zum medialen Alltag. Serien als Angebot von Parallelwelten. Wer in einer dieser Welten lebt – mitlebt – zählt zu den Kunden - wohl zu den besten – eines Senders. Marktanteil nennt man dies. Doch der eigentliche Marktanteil von funktionierenden Parallelwelten lässt nicht messen, er ist in hochgerechneten Zahlen nicht aufzurechnen. Die nackten Zahlen der Einschaltquoten sagen da wenig, nein, eigentlich nichts. Die Sender wissen das und halten durch, auch wenn es über längere Zeit wenig Erfolge zu vermelden gibt. Zu kostbar ist das aufgebaute „Heimatgefühl“, das eine einmal erfolgreiche Serie errungen hat, besonders wenn es um Parallelwelten geht. Solange eine Soap „funktioniert“, das heisst im Bewusstsein vieler Zuschauer lebt, oder noch besser: Zuschauer in ihr Leben möchten (nicht real, meist sogar als Gegenwelt), wird eine eingeführte Serie nie aufgegeben, auch wenn die Umstände es nahelegen (Finanzen, Darsteller, Ideen, Zeitgeist, Produktionsaufwand etc.)

So hat die ARD-Serien „In aller Freundschaft“, auch bekannt als „Sachsenklinik“, bereits die 544 Folge erreicht und „Um Himmels willen“ bringt es seit 2002 ebenfalls auf 132 Folgen. GZSZ (Gute Zeiten, schlechte Zeiten), die junge Variante der angeblich „verstaubten“ Unterhaltungsform Soaps, deckt bei RTL seit 1992 ganz Programmflächen ab; die Soap ist geradezu zum Inbegriff industrieller Fliessbandproduktion geworden. Obwohl das junge Zielpublikum grundsätzlich weniger Fernsehen konsumiert als ältere und seine Lebensgewohnheiten und Interessen weitaus schneller wechseln, GZSZ funktioniert immer noch: Darsteller und Themen wechseln – serienmässig – und trotzdem ist sie eine Heimat für Generationen junger Menschen.

Das Schweizer Fernsehen hat nach 288 Folgen aufgegeben. Man merkt wohl erst jetzt – bei den Wiederholungen – was dies bedeutet. Angestrebte (und versuchte) neue Parallelwelten konnten bis heute nicht aufgebaut und eingeführt werden. Was einmal abgerissen ist – bleibt zertrümmert. Da helfen auch Wiederholungen nichts.

Bei andern „Parallelwelten“ – vor allem im Bereich der Information – hatte man eine ab und zu eine bessere Hand. Zum Beispiel beim Kassensturz (Musterbeispiel) und bei der Rundschau, die ihre „Heimat“ (ohne Namens und wesentliche Stiländerung) über Jahre und Jahrzehnte bewahren konnten. Dies ist – trotz der oft sperrigen Themen – ihr eigentliches Kapital. Vielleicht müsste man doch auch aus den Parallelwelten einiges für unser reales Fernsehen lernen.

06. Januar 2012

 

 

Der Junge Graf und seine Schwestern

Die Bernadottes auf der Insel Mainau

ein Dokumentarfilm von Andrea Pfalzgraf

am 5. Janaur auf SF 1

 

 

Geschichten verpflichten

Es ist nicht nur der Adel, der „verpflichtet“, es sind auch Geschichten, welche Erzählerinnen und Erzähler verpflichten, dass man sie erzählt. „Der Junge Graf und seine Schwestern“ – ein Dokumentarfilm von Andrea Pfalzgraf – ist so eine Geschichte. Sie bietet alles, was es braucht, um erzählt zu werden: Eine Insel des Adels, des Geldes, der Liebe, des Glücks, der Natur, der Sehnsucht, der dunkeln Seiten, des Ausbrechens….. Es ist ein Stoff, aus dem Geschichten gemacht sind. Es ist nicht nur die Yellow Press, die jubelt, wenn sie solche Stoffe findet, es wäre auch Shakespeare, der wohl gejubelt hätte, wäre er ihm begegnet. Doch Shakespeare lebte vor 400 Jahren und diese Geschichte spielt jetzt, im 21. Jahrhundert und ist nur eine, von vielen Geschichten, die täglich in allen Medien erzählt werden. Selten aber sind so viele Elemente – so viele Stränge, Verwicklungen, glückliche, besinnliche und kuriose Elemente da, um daraus ein Drama, eine Tragödie, eine Komödie – bis hin zum Libretto einer Oper – zu machen.

Eine verwilderte Insel wird vom verstossenen Prinzen eines Königshauses in eine Touristenattraktion verwandelt. Verstossen, weil er eine Bürgerliche heiratete. Seine Nachkommen (seine Kinder eben) berufen sich noch heute auf ihr adliges Blut, heiraten bürgerlich und leben ein Leben zwischen monarchischer Tradition und bürgerlichem Alltag. Ihr Reich ist eine Stiftung (um Steuern zu sparen), ihr Beruf etwas zwischen Exotik (Hutmacherin), Kommerz (Verwalterin) und Sozialarbeit (Sozialpädagoge). Auch „schwarze Schafe“ gibt es, Ausreisser und Kuriositäten: die adlige Tochter, die einen Kaminfeger heiratet, den entlassenen Finanzverwalter, die Schlossherrin, die täglich dem bürgerlichen Leben entrinnt und mit dem Velo zu ihrem Arbeitsplatz (im barocken Schloss) fährt. Auch dunkle Seiten gibt es, dunkle Flecken in der Schlossgeschichte, über die man heute noch nicht spricht, obwohl sie bald achtzig Jahre zurückliegen. Himmel – was sind das nicht für Kredenzen um eine Geschichte zu erzählen, ein Füllhorn sozusagen.

Die Autorin hat alles wunderbar aufbereitet – in schönen Bildern, interessanten Szenen, unzähligen Details, machen MagicMoments, authentischen Aussagen – nur eines hat sie nicht getan: erzählt. Es war ein Kaleidoskop von Bildern, Aussagen, Augenblicken, Veranstaltungen und Einblicken in eine „andere“ Welt, die so auch nicht ist. Es war eine Aufzählung, lose zusammengehalten durch die Abfolge der Zeiten des Jahres: Frühling bis Winter. Eingestreuselt werden interessante historische Elemente – angefangen von der Wandlung eines Offiziers zum König zur Zeit Napoleons bis hin zu einem Kapitel während Hitler-Deutschland über das man nicht spricht. Das alles ist – nicht nur für den Konsumenten der Regenbogenpresse – durchaus spannend, durchaus interessant, durchaus ein Stoff zum medialen Miterleben und Träumen.

Vielleicht hätte man spätestens beim Schreiben des Filmkommentars darauf kommen müssen, dass die rund 50 Minuten nie - nicht einen Augenblick - zur Geschichte verschmelzen. Was die Dramaturgie des Erzählens hätte leisten müssen, delegiert die Autorin an ihren Kommentar. Mit Worten versucht sie zu erzählen, eine Dramaturgie entstehen zu lassen, zu Werten und Kommentieren. Zwar nicht so explizit, wie das audio-visuelle Mittel (an Stelle von Worten) tun könnten, eher zurückhaltend, dann wieder leicht kritisch, oft schon fast ironisch oder spöttisch, aber immer mit einem wohlwollenden, fast schon unterwürfigen Unterton. Kein schlechter Filmtext, aber filmtheoretisch betrachtet, ein Hilfsmittel, um die Vielzahl der (guten) Szenen und Bilder zu ordnen, verständlich zu machen.

Vielleicht müsste man doch – gerade wenn man Stoff wie diesen Stoff bearbeitet – wieder einmal einen Blick in die Erzähltheorie werfen. Nicht allzu lange: nur rasch. Vielleicht in die Kapitel Distanz und Mittelbarkeit, oder Fokalisierung, oder Handlungsstrang, oder… Vielleicht müsste man auch den Mut haben, sich zu entscheiden: Welches ist der wichtigste Handlungsträger, welches sind die Nebenstränge, wie wird die Personalfülle miteinander verknüpft, ineinander verwoben, so dass eben kein Kaleidoskop sondern eine Geschichte entsteht. Und schliesslich braucht jede Dramaturgie eine Abfolge von Spannung und Entspannung, von Aufbau und Höhepunkt. Etwas einfacher ausgedrückt: Was ist letztlich die Geschichte hinter der Geschichte? Irgendwie kommt es mir vor, als hätte ich dies in meinem inzwischen abgeschlossenen Berufsleben immer und immer wieder gefragt, darauf hingewiesen, ja sogar dazu (filmbezogene) Theorien entwickelt. Sie stehen inzwischen – schon etwas verstaubt – in meinem Bücherregal. Beruflich muss ich nicht mehr analysieren, Gestalterisches nicht mehr sezieren. Ich kann nur noch sehen und geniessen, so wie alle Zuschauerinn und Zuschauer sehen und geniessen möchten. Wobei das „Geniessen“ durchaus vielfältig interpretiert werden kann: entspannen, informieren, ablenken, sich freuen, sogar sich ärgern, nachdenken, entdecken, erinnern…. Jetzt, wo ich „nur“ noch Zuschauer bin – und nicht Gestalter oder Mit-Gestalter – stelle ich mir noch viel häufiger, eigentlich immer die Frage: Was will das Gesehene mir mitteilen, mir sagen, mir bringen? Diesmal bin ich etwas ratlos. Es beschränkt sich auf die Erinnerung an meine Jugend – mein Vater ist in Kreuzlingen aufgewachsen – und auf ein paar Fakten und Bilder, die ich bisher so noch nicht gesehen oder nicht gewusst habe. Doch dies ist mir zu wenig. Und ich fürchte, so geht es mancher Zuschauerin und manchem Zuschauer. Die Insel der Blumen ist nicht richtig zum Blühen gekommen, wohl weil die Entwicklung vom Knollen in der Erde bis zur Knospe und schliesslich zur bewunderten Blüte nicht miterlebt werden konnte.