Kurt Marti - Theologe, Schriftsteller

12. Februar 2017

 

Getorben:

 "Scharfsinnige, aufmüpfige Ikone"
(Tagesanzeiger)

Kurt Marti (1921-2017)

 

Nachruf in der Berner Zeitung

Nachruf im Tagesanzeiger

Der Text stammt aus der kleinen Schrift "Dialog Christ-Marxist" mit Konrad Farner.  Ein Text zum Film von Richard Dindo. 1972: "Es stellt sich die Frage, ob man ein so komplexes Problem wie der Dialog zwischen Christ und Marxist sozusagen in wenigen Sätzen oder Sentenzen einzufangen vermag?" 

Kurt Marti
Kurt Marti

"Die wachsende Beschäftigung mit gesell-schaftlichen Fragen hat dazu geführt, dass ich eines Tages, mehr oder weniger durch Zufall, Konrad Farner anlässlich eines Gesprächs über Christentum und Marxismus kennen lernte. Damals begann ein persönlicher Dialog. Ich merkte, dass ialog überhaupt, auch der Dialog zwischen Christentum und Marxismus, heute notwendig ist im Hinblick auf eine Veränderung der Gesellschaft.."

Kinrad Farner
Kinrad Farner

"Im Vorwort zu meinem Buch <Theologie des Kornrnunismus?» steht 'Es geht nicht um neue Abstraktionen, nicht um Missio-

nierung im herkömmlichen Sinne, noch weniger um Apologetik, sei diese christ-lich oder marxistisch. Im Gegenteil, die

Christen sollen Christen bleiben und noch bessere Christen werden - die Marxisten sollen Marxisten bleiben und noch bessere Marxisten werden. "


Der kurze Ausschnitt  aus dem Dialog zwischen Farner und Marti hier im Wortlaut:

 

Farner

 ".... was ich so kenne aus dem Theologstudiurn, vom Theologiestudenten her, muss ich sagen, hier passiert etwas Neues. Nicht wenige junge Theologen denken bereits schon neu. Auch

viele Theologen des mittleren Alters denken bereits neu, aber das Kirchenvolk denkt weitgehend alt. Aber man kann dies auch vom Marxismus sagen. Der Durchschnittsarbeiter denkt nicht neu. Also, das ist  ein langsamer Prozess, und mir kommt immer wieder der Spruch von Lenin in den Sinn: 'Die wichtigste

Eigenschaft des Revolutionärs ist die Geduld>. Und wenn heute im Christentum dann von einer politischen Theologie gesprochen wird, denken wir an Metz im katholischen Lager, an Moltmann und Lochman im protestantischen Lager, so müssen wir das genau verifizieren, begrifflich genau festsetzen. Politische Theologie ist nicht eine christliche politische Partei, zum Beispiel <Christlichsoziale> oder CSU

oder CDU in Deutschland oder DC in Italien usw. Nach meinem Dafürhalten ist das ein riesiges Missverständnis des Christlichen. weil diese Parteien ja weitgehend identisch sind mit dem kapitalistischen Bürgertum. Es müsste hier ein neuer Ansatz der Politik geschaffen werden aus dem christlichen Sein heraus als Ganzes. Und das wäre dann revolutionär." 

 

Marti

„Ich will versuchen zu sagen, inwiefern ein Christ revolutionär sein kann. Es ist im Grunde genommen zunächst eine bescheidene Sache, wir Christen müssen nämlich lernen, das Evangelium, die Botschaft von Jesus, nun auch nachdem wir sie allzu  

lange nur individuell interpretiert haben, sozial und politisch zu interpretieren. Und zwar aus der Einsicht heraus, dass der: Einzelne nicht isoliert werden kann von der Gesellschaft. Auch aus der Einsicht heraus, dass es kein - ja brauchen wir das Wort kein Heil gibt für den Einzelnen ohne Heil für die ganze Gesellschaft. Es können also nicht Einzelne gerettet werden im Sinne einer Flucht, es kann der Einzelne nur gerettet werden, wenn auch die Gesellschaft, wenn alle gerettet werden. Das wäre ein Versuch, zu definieren, was konkret unter revolutionär heute verstanden werden muss. In der Praxis läuft das darauf hinaus, dass der Christ lernen muss, das Evangelium Jesu gesellschaftlich anzuwenden. Dass die derzeitige Situation analytisch klar durchschaut wird in unserer Gesellschaft, das gehört dazu. Und dass man auch merkt, dass Kapitalismus, Bürgertum und Christentum nicht mehr zusammen gehen, dass die sich langsam auseinanderleben.

Dass wir das nicht nur bedauern, sondern begrüsst und fördern müssen, auch dieses Bewusstsein gehört zum revolutionären Christen. "

 

Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt ...
Ein Gedicht von Kurt Marti, das es ins Evangelische Gesangbuch geschafft hat, vorgetragen von Detlef Korsen.