Zeitdokument: Matija Skurejeni - "peintre primitif"

05. Oktober 2016

 

Zeitdokument 26:

 

Karl May muss nachhelfen....

Der kroatische "peintre primitif" Matija Skurjeni

 

Kunstbesprechung (Ausstellung in der Galerie für naive Kunst, Zürich)
im Tages Anzeiger vom 2. März 1969 

Wie kommt Karl May - in den 60er Jahren Inbegriff trivialer Unterhaltungsliteratur - in die Feuilleton-Seite des Tages-Anzeigers? Nicht etwa als Beitrag zur Trivialliteratur, vielmehr als Überschrift zu einer Betrachtung der "peintre primitif". 

 

Interessant an diesem Bericht ist nicht nur die Verbindung zu Karl May, sondern - und vor allem - die Erklärung für das Aufkommen der "primitiven Kunst", die ja in den 60er Jahren eine unglaubliche Blüte erlebte

"Naive Kunst ist eine Sammelbezeichnung für künstlerische Arbeiten von Autodidakten, vorwiegend in der Malerei mit betont einfacher, unbekümmerter, phantasievoller Wahl der Bildmotive. Die Art der Darstellung ist ebenfalls oft einfach, beispielsweise ohne Schattenwürfe, mit vereinfachter Darstellung der Lebewesen und Gegenstände. Die Werke stellen oft die persönlichen Wunschträume der Urheber dar." (Quelle Wikipedia)

Es ist interessant, wie vor knapp fünfzig Jahren - als der Boom mit "naiver Kunst" gerade so richtig begonnen hat - "peintre primitive" erklärt wurde

Naivität als Gegenpol zur "allgewaltigen Macht des Verstandes"?

"Imperialismus der Wissenschaften"?

Es ist nicht nur die Malerei, die den vermeintlichen Gegensatz entdeckt hat, es ist offenbar auch die Literatur. Trivialliteratur!

Da wird sofort Karl May ins Spiel gebracht, Der Beweis: Die Romanheftchen (Groschenromane) mit Texten von Karl May - - siehe Beitrag zum Sammlungsnachlass von Wiili Olbrich -  hatten Hochkonjunktur und die Karl-May-Filme lockten Millionen von Zuschauern ins Kino. Winnetou und Old Shatterhand waren in - trotz Exotik. 

Der zweite interessante Aspekt ist die Verbindung des Künstlers Matija Skurjeni (1898-1990) mit Karl May, wohl einzig und allein, weil ein Selbstporträt mit "Mir träumte ich sei ein Indianer" überschrieben war. Der Begriff "Indianer" genügte, um ihn mit Karl May zu verbinden. Vielleicht waren es aber auch die Karl-May-Filme, die in Kroatien gedreht wurden, welche die Fantasie des Kunstkritikers beflügelt haben.


Das Selbstporträt "Ich träumte, ich sei ein Indianer", hier im schlechten Zeitungsdruck (schwarz/weiss) von damals.

"Der böse Engel im Kriege" von Matija Skurjeni - Oel auf Leinwand 69x89 cm. in der Sammlung Zander in Bönnigheim bei Ludwigsburg,