Edzard Wüstendörfer

10. März 2016

 

Erinnerung:

 

Edzard Wüstendörfer

Schauspieler und Off-Sprecher beim SF DRS

 

Der Schauspieler Edzard Wüstendörfer ist tot. Er starb am Samstag mit 90 Jahren, wie das Schauspielhaus Zürich am Dienstag mitteilte. Der gebürtige Deutsche lebte und arbeitete seit 1960 in der Schweiz, 1964 bis zur Pensionierung 1994 war er am Schauspielhaus tätig.

"Wüsti", wie wir nannten, war einer der ersten und besten meiner Kollegen am Schweizer Fernsehen. Er war - zusammen mit Léon Huber - der "Hauptsprecher" für unsere Regional-Sendung "Antenne", die jeden Abed ausgestrahlt wurde. So war er auch unendlich oft "meine Stimme" in meinen Beiträgen und Reportagen. Es war noch die  Zeit, als alle Beiträge auf Film gedreht und nach der Entwicklung einzeln geschnitten wurden, in den weitaus meisten Fällen am gleichen Tag. Eine Situation im höchsten Stress, Für Absprachen und Ausdeutungen des Textes blieb kaum Zeit. Da habe ich "Wüsti" kennengelernt als "Profi" und guter einfühlsamer Freund.

 

Wir blieben immer gute Kollegen, die einander achteten und respektierten. Auch in jener Zeit, als Wüsti die Welt - als Gewerkschafter am Zürcher Schauspielhaus - ganz anders sah als ich sie sehen und erleben konnte.

Vor, während und nach der Zeit der sogenannten "Löffler -Affäre" hatten wir so unterschiedliche Positionen, dass sich unser Kontakt - wie mit vielen Fernsehschaffenden - auf das rein berufliche beschränkte. Wir mussten uns später aber nie "versöhnen". Die gegenseitige Achtung und Anerkennung ist geblieben. "Wüsti" blieb einer meiner wichtigsten Bezugspersonen am Schweizer Fernsehn. 

Noch in meiner letzten Charge als Fernsehmacher habe ich ihn öfters für kleine Sketschs in der Film-Sendung "Kamera läuft" eingesetzt. Wir haben uns da wieder prächtig verstanden.

Erst nach meiner Pensionierung - zum ersten Mal am Abschiedsfest . haben wir uns wieder getroffen.

Und seither war Wüsti öfters dabei, wenn es etwas zu feiern oder erleben gab.

In den letzten Jahren ist es ruhiger geworden um den einstigen Kollegen. An kulturellen Anlässen trafen wir uns noch, dann ab Geburtstagen gmeinsamer Freund und schliesslich konnte er auch da nicht mehr teilnehmen. Es blieb beim herzlichen Gruss zu seinem Krankenlager. Immer kam mir dabei der Gedanke  hoch - ohne ihn und seine Stimmer, ohne ihn und sein Einfühlungsvermögen in meine oft rasch hingeworfenen Texte, wäre ich wohl kein akzeptierter Fernseh-Journalist geworden, kein Sendeverantwortlicher und schliesslich Ausbildner, der so manche Fernsehgeneration begleitet hat. Dafür gebührt Dir, Wüsti, mein allerherzlicher Dank.

Aus dem Theaterlexikon

 

* 14.04.1925.+ 05.03.2016

Engagements als Schauspieler 1954/55 am Theater der Kreiskulturgemeinschaft Wolfenbüttel, 1955/56 am Theater der Stadt Baden-Baden, 1956–59 am Theater der Stadt Trier und 1959/60 am Rheinischen Landestheater Neuß. Danach war W. in der Schweiz tätig: 1960–64 spielte er unter den Direktoren →Raoul Alster und →Rudolf Wessely am →Atelier-Theater Bern (unter anderem den Soldaten in →Max Frischs "Andorra", Möbius in →Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker" und James Tyrone junior in O’Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht"). 1964–94 gehörte W. zum Ensemble des →Schauspielhauses Zürich, wo er über achtzig kleinere und mittlere Rollen verkörperte, unter anderem 1968 Meyers in →Bertolt Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", 1971 den Richter Ljapkin-Tjapkin in Gogols "Der Revisor", 1974 den Erzbischof von Canterbury in Shakespeares "Richard III.", 1976 Graf Terzky in Schillers "Wallenstein" und 1986 Graf Aubespine in Schillers "Maria Stuart". Am Schauspielhaus spielte er auch in mehreren Uraufführungen, so beispielsweise 1966 Major Friedli in Dürrenmatts "Der Meteor", 1974 den Kultursenator in →Herbert Meiers "Stauffer-Bern" und 1986 den Kapitän der Blüemlisalp in →Philipp Engelmanns "Die Hochzeitsfahrt". Zudem umfangreiche Tätigkeit als Sprecher, etwa von Hörbüchern. 1969–95 Obmann der Ortsgruppe Schauspielhaus des →SBKV.