Analyse

 

Auktionsgäste:

  

Die Auktionsgäste können in vier Kategorien eingeteilt werden:

  1. International tätigen Weinhändler. Sie sind mehrheitlich mit schriftlichen Angeboten präsent und kaufen ganze Stapeln vom gleichen Wein. Sie dominieren auch diese Auktion.
  2. Kleinhändler und  Wirte. Sie ergänzen ihr Sortiment und/oder ihre aktuelle Weinkarte. Oft ersteigern sie auch im Auftrag von Kunden.
  3. Sammler. Sie suchen bestimmte Weine oder kompakt angebotene „Sammlungen“. Die Sammler sind zwar noch vorhanden (mit schriftlichen Angeboten und im Saal), aber immer mehr in Minderzahl. Für sie gibt es längst Auktionen, die erfolgsversprechender sind.
  4. Schnäppchenjäger. Deutlich seltener anzutreffen, da es die klassischen Schnäppchen kaum mehr gibt. Vor allem lohnt es sich nicht mehr, ersteigerte Weine später im Internet (eBay, Ricardo) anzubieten um ein kleines Geschäft zu machen um den eigenen Konsum zu finanzieren.

 

Angebot

 

  1. 70 bis 80 Prozent des Angebots sind Weine aus dem Bordelais. Dazu kommen einige Burgunder, Super-Toskaner, Rhoneweine, Kalifornier und ganz selten auch Australier. Andere Weingebiete sind kaum präsent. 
  2. Die Auktion wird immer mehr zur „Handelsplattform“. Grosshändler jagen die begehrtesten Weine - immer öfter bis an die Grenzen des kalkulierbaren Risikos. Wichtig ist, im Geschäft zu bleiben.
  3. Es werden ganz Serien vom gleichen Wein - oft sogar vom gleichen Jahrgang - angeboten. Die Auktionsregeln sind so, dass bei mehreren Lots des gleichen Weins (auch des gleichen Jahrgangs und Format) der Ersteigerer des ersten Lots auch die nächsten zum gleichen Preis erwerben kann. Dadurch gehen viele Kisten im „Multipack“ weg. Zum Beispiel: Duhard Milon (Pauillac) – 2 Kisten 1998 der gleiche Bieter – 4 Kisten 2003 der gleiche Bieter – 6 Kisten 2004 der gleiche Bieter – 2 Kisten 2005 der gleiche Bieter – 4 Kisten 2006 der gleiche Bieter. In wenigen Minuten wandern so 19 Lots „über den Tisch“, ohne dass der Sammler oder Schnäppchenjäger eingreifen kann.
  4. Die „grossen Namen“ dominieren. Beim Bordeaux die erste Liga bis hin zur zweiten. Was sonst noch angeboten wird, ist eher Restbestand oder Zugabe. Ich betrachte eine beliebige Seite des Auktionskatalogs: 27 Lots. Namen: Léoville Las Cases, Fieuzal, Haut Brion, Canon la Gaffelière, Mondotte, Pavie, Valandraud, Ausone, Bon Pasteur, Evangile, Clinet. Etwa so sieht es Seite für Seite aus. Die beiden „kleinen Weine“ sind (auf dieser Seite): Fieuzal für 28 CHF pro Flasche und Bon Pasteur 25.80 CHFpro Flasche (beide netto).
  5. Der überwiegende Teil des Angebot besteht aus OHK (Original Holzkisten) mit meist 12 Flaschen. Als Einzelflaschen werden ausschliesslich die teuersten Weine (zum Beispiel Petrus, Lafite etc.) angeboten.
  6. Sogenannte Mischlots: ein Konglomerat verschiedener Weine, wie sie vor allem von den Schnäppchenjäger geschätzt werden, sind selten geworden. Diese Angebote gehen vorwiegend in die Internet-Auktion.
  7. Das Angebot von vielen Kisten des gleichen Weins (oft auch des gleichen Jahrgangs) zeigt: Es werden jetzt vorwiegend Wertanlagen oder Spekulationskäufe vermarktet.  Am Beispiel 10 Kisten Beauséjour Bécot 2000 lässt sich gut demonstrieren, wohin der damals rar gewordene Bordeaux „verschwunden“ ist – in die Keller zur Spekulation. Ob die Rechnung schliesslich aufgeht, weiss ich nicht. Jedenfalls gehen die 10 Kisten zu 730 CHF pro Kiste weg (gleicher Käufer), die Flaschen also zu 60.80 CHF. Ich habe damals den gleichen Wein in der Subskription für 78.60 CHF gekauft. Berücksichtigt man die 10% Einlieferungsgebühren und die Lotgebühr (von Auktionshaus zu Auktionshaus etwas unterschiedlich), erhält der Einlieferer gerade mal ca. 54 CHF pro Flasche. Ob sich die 8 Jahre Lagerung gelohnt haben (und all die sonstigen Spesen, wie Transport etc.), muss ein Verkäufer selber wissen. Für den „Normalkäufer“ stellt sich die gleiche Frage. Auch er muss ein Aufgeld von 10% bezahlen, plus Lotgebühr, allenfalls Transportkosten und Mehrwertsteuer von 7.6 %. Die Flasche kostet ihn demnach ca. 72.80 CHF. Dies ist die Situation trotz „Superpreisen“

 

Besonderheiten.

 

  1. Eine schon fast einmalige Situation lässt sich bei den Zweitweinen der Top-Shots feststellen: Carruades de Lafite, Forts de Latour, Petit Mouton (aber zum Teil auch Armailhac etc.). Weine, die mit berühmten Châteaux verbunden sind, erzielen – unabhängig von Qualität und Jahrgang – unglaublich Preise. Ein Beispiel: 12 Flaschen Carruades de Lafite 2001 zu 4‘500 CHF, die Flasche also  für 375 Franken (netto) oder 444 CHF (brutto). Ich habe den Wein damals in der Subskription für 38 CHF gekauft und seither einige Male getrunken: nicht überragend, Pauillac-Durchschnitt, 17/20 Gabriel-Punkte, 87/100 Parker-Punkte.
  2. Alte Weine. Ein sehr guter Weinkeller – wie der Auktionator versichert – hat seine Top-Weine offensichtlich zu spät eingestellt. Ob es eine Hinterlassenschaft ist oder Altersgründe dazu führten, weiss ich nicht. Obwohl Top-Namen und erstklassigem Zustand, diese Weine gingen durchwegs weit unter dem jetzigen Preisniveau weg. Lafite, Mouton, Margaux und Co. der Jahre 1979, 1975, 1884 etc. sind - vor allem für die Händler - ein zu grosses Risiko und für den Schnäppchenjäger doch zu teuer (um 400-500 CHF die Flasche), während jüngere Jahrgänge der gleichen Weine, selbst von „schwächeren“ Jahrgängen, fast das Doppelte lösen. Man kann – eben auch beim Bordeaux – zu lange warten.
  3. Es werden auch auffallend viele Grossformate, Magnum, Doppelmagnum etc., angeboten. Auch dies ist ein Hinweis auf Weinverkäufe, die gehortet wurden:. Grossflaschen sind rarer und der Wein entwickelt sich darin langsamer. Deshalb wurden diese Formate einst in erster Linie zur Geldanlage oder Spekulation erworben worden. Die Rückkehr von Flaschen (auch junger Jahrgänge) auf den Markt verzerrt das Preisbild erheblich, denn die Flaschen und Kisten gehen vorwiegend auf „eine Reise durch die Welt“.
  4. Da eine 7stündige Auktion eine wahre Tortur ist und deshalb wenig Schnäppchenjäger unterwegs sind – oder im Saal bleiben – gehen auch gute „Schnäppchen“ oft zurück. Ein paar Beispiele (immer Bruttopreis, damit ein Vergleich mit dem Primeurkauf möglich ist): Tour Haut-Caussan 1996 zu 24.80 CHF, in Klammer der einstige Subskriptionspreis (26 CHF); Citran 1999 zu 18.60 CHF (23.00 CHF); D’Arche 1996 zu 12.70 CHF (21.00 CHF); la Croix Canon 1998 zu 15.40 CHF (19.80 CHF); Marquis de Terme 1994 zu 18.60 CHF (34.00 CHF) etc. Selbst hochpreisige Weine aus weniger guten Jahrgängen finden keine Gnade oder gehen zu tiefen Preisen weg: Ausone 1985 blieb beim Preis von 297 CHF zurück (ich habe den Wein vor Jahren für 198 CHF gekauft!), während ein Ausone 2002 (kein besonders guter Jahrgang) zu 440 CHF ersteigert wurde. Ein immer wieder gehörter Ausspruch des Ausrufers: „…war auch schon bedeutend teurer!“
  5. Etwas, das längst nicht neu ist, aber immer in Erinnerung zu rufen ist: die Bedeutung der OHK (Originalholzkiste). Da die Weine zum grössten Teil wieder in den Handel zurückgehen, ist das Holz der OHK (etwa die Hälfte der Angebote sind mit OHK) bereits Geld wert. Der gleiche Wein mit und ohne OHK kann bis zu 20% Preisunterschied ausmachen.

 

Entwicklung

 

 

Es ist schwer abzuschätzen wie es weiter geht. Der Auktionator meldet im Vorwort: „Die letzten Auktionen haben durchwegs Rekorde gebracht, so für einzelne Provenienzen als auch Volumen und Auktionsumsätze. Grund für die markanten Preissteigerungen sind die aktuellen Jahrgänge, so hat Branchen-Leader Bordeaux mit dem 2009er „en primeur“ einen neuen Preisrekord erreicht und kaum eine Flasche Lafite (1300-1500 Euro) ist mehr auf dem Markt zu finden.“ Und dann spricht Wermuth von „Preis-Ekstasen“.

Ich persönlich bin überzeugt, der Markt wird sich wieder beruhigen, auch wenn der Markteintritt (vor allem von China) die Preisentwicklung gründlich verändert und schon verändert hat. Noch sind internationale Händler in Goldgräberstimmung, noch „verschwinden“ hochwertige Weine in den Kellern von Händlern, Spekulanten, aber auch der asiatischen und russischen Kundschaft.

So lange dies dauert wird sich nur wenig ändern. Doch ich war vor zwei Jahren auf einer „Weinreise“ in China (eine der ersten Weinkontakte, die zu organisiert wurden), und ich habe dort beim Besuch fast aller Produzenten und Weinhändlern die Mentalität und vor allem den Markteinstieg mitverfolgen können. Die Chinesen (und andere in den Markt neu eingetretenen Länder) werden schon bald nicht mehr nur nach Namen und Etiketten Wein kaufen, sondern sorgfältiger abwägen und vor allem sich selber entwickeln, selber Anbieter werden. Dann wird der Markt, davon bin ich überzeugt, nochmals gründlich aufgemischt.
Betrachtet man die riesigen Bestände an nicht verkauften 2004er, 2006er, 2007er und nicht subskribierten 2008er, dann hat der gegenwärtige Hype bald wieder ein Ende und der grosse „Katzengejammer“ beginnt. Der 2000er Hype klingt im Augenblick ab, die Weine tauchen allmählich wieder auf, nicht zu jenen versprochenen Traumrenditen, sogar oft unter dem Subskriptionspreis (der damals als der höchste bezeichnet wurde).

Meine ganz persönlichen Berechnungen – ich vergleiche jedes einzelne Angebot  mit den Preisen vorangehenden Auktionen – verraten klar rückläufige Tendenzen. Es kommen immer wieder die gleichen Namen und Jahrgänge zur Versteigerung, denn der Markt wird sowohl von den Verkäufern als auch vom Auktionator dauernd  getestet.  Aus dem Vorwort des Auktionators: „…es folgt der vierte und letzte Teil einer imposanten Sammlung des Jahrgang 2000“ (Bordeaux natürlich) Man vergisst gerne: der Markt wird gesteuert, auch im Weingeschäft. Die Mouton Rothschild-Explosion – Preissteigerung beim 2008er um 200% Prozent innerhalb Wochen – nur weil ein chinesische Künstler die Etikette gestaltet hat (und die 8 eine chinesische Glückszahl ist). Bereits ist kaum mehr eine Flasche 2008er auf dem Markt zu finden. Alles hofft auf das grosse Geschäft in China, auch das Château selber. Wer sich von dieser „Börsenstimmung“ anstecken lässt, taugt eigentlich als Bordeaux-Sammler nichts (oder wenig). Nur ein langer Atem und genügend Informationen bringen Ruhe und Gelassenheit in das vermeintlich riskante und unberechenbare Geschäft.