Santons erzählen kleine Geschichten

Letzte Geschichte:

 

Neue Santons

 

Noch gibt es viele kleinere und grössere Geschichten (und Informationen) zu den Santons in der Bubikoner Krippenlandschaft. Mindestens zwanzig bis dreissig Szenen wurden bisher nicht im Detail beschrieben und in Bildern erfasst. Vielleicht ist es auch das letzte Mal, dass die Santons öffentlich hier auftreten. Allerdings werde ich weiterhin die Sammlung ergänzen und neue Figuren erstehen.

Allein während der Zeit, da das Krippenfenster offen ist, sind fünf neue Figuren eingebaut worden. Hier sind sie: 

Noch haben sie keine Geschichte und nur einen "provisorischen" Platz in der Landschaft. Sie sind aber ein Beweis, dass die Tradition weiterlebt, dass Jahr für Jahr Neues dazu kommt, zu einem lebendig gebliebenen Weihnachtsbrauch.

Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen Santons erstehen, diese in eine grössere oder kleinere Landschaft einbauen und wenigstens einmal im Jahr aufstellen.

Dies kann zum Beispiel sein, ein spirituelles Anliegen: Santons als Anregung, das christliche Heilsgeschehen zu überdenken oder gar für sich neu zu definieren. Es kann aber auch sein, weil Traditionen immer ein Stück Heimat vermitteln. Oder weil damit die eigene Jugend und Kindheit  wieder lebendig wird. Sicher ist es aber auch die Sammelleidenschaft - es gibt in der Santons-Welt festgelegte und auch neue Ikonographie - ein starker Anreiz sein kann.

An Weihnachten liegt in er immer wieder neu gebauten Krippenlandschaft von all dem etwas drin. Während des Jahres aber domminieren die Sammlerfreuden. Ich werde darum in einem ersten Schritt alle „Neuerwerbungen“ in der Rubrik Sammlungen, unter Santons, abbilden und beschreiben. Allmählich werde ich dort die ganze Sammlung – sind weit mehr als 350 Figuren – in Bild und Schrift dokumentieren.

Hier geht es zur Santons-Sammlung

1. Januar 2012

 

Mireille

 

Die Arlésienne in ihrer Tracht wird meist als Mireille gedeutet. Mireille (provenzalisch Mirèio) ist die Heldin im Hauptwerk von Frédéric Mistral, dem Bauernsohn und späteren Nobelpreisträger. Die Geschichte – ein Versepos – besingt die Liebe einer reichen Bauerntochter zum armen Korbflechter Vincent. Mireille kämpft für ihre Liebe und sucht Hilfe bei Gott, natürlich als Santon in der provenzalischen Krippe. Das Motiv dieser wunderschönen und tragischen Geschichte wurde vielfach übernommen, so auch für das Libretto der Oper „Mireille“ von Charles Gounod. Provenzalische Volkskultur, Traditionen und Legenden vermischen sich, viele der Figuren einer Santonskrippe tauchen auf: Zigeuner, Seidenraupenzüchter, Schäfer, Schnitter…

Eine Hommage an diese Liebesgeschichte verfasste Marcel Julian indem er diese in unsere Zeit versetzte: es ist eben die ewige Geschichte von Romeo und Julia, die auch in der Provence spielen kann. So ist auch in der Santonskrippe in Bubikon Mireille unterwegs: mit Vincent auf dem Pferd und im Hochzeitszug um die Kirche von Bourdic. Ist sie am falschen Ort? Jeder interpretiert die Geschichte anders, eben nach dem eigenen Erleben, aus den eigenen Erfahrungen…. Mireille auf dem Weg in einer Landschaft der Blüten und Blumen zu Saintes-Maries-de-la-Mer, dem legendenumwobenen Ort in der Camargue.

31. Dezember 2011

 

Musikanten

 

Die Provenzalen lieben Feste und Feiern. Es sind Gelegenheiten, um die Tradition zu pflegen, Familienbande zu festigen und das Leben zu geniessen. Nebst den Essen und Trinken gehört auch die Musik dazu. Die Trommel darf nie fehlen, aber auch nicht die Flöte, oft auch die Zither und sogar das Hackbrett provenzalischer Art. Die traditionelle Silvesternacht, bei uns immer lauter und knalliger, ist meist still, oft familiär, immer aber durchwoben vom Spiel der Musikanten, die ihren Galoubets (Einhandflöten), Seiteninstrumenten und Tamburinen für uns oft fremd klingende Töne entlocken. Die Musik der Provence ist seit Jahrhunderten beeinflusst von spanischen Klängen und auch von der arabischen Welt.

30. Dezember 2011

 

Berger Mistral

 

Ein Schafhirte (franz. Berger) unterwegs in der Stadt, in der Fremde, als ob er aus seiner Heimat geflohen wäre. Zum Beispiel aus der „kleinen Provence“, wie sie vom Charloun Rieu (1846-1924) beschrieben wurde, in Paradou, der Heimat des Dichters, mit den wenigen Bauernhäusern (mas), den Steinhütten (bories), der Mühle, dem Waschhaus und natürlich dem kargen Weideland der Schafe. Der Mistral - ein kalter Fallwind aus dem Massive Central - weht durch die Provence, bis weit hinaus aufs Meer, oft sogar hinüber nach Nordafrika. Die Menschen in der Provence sprechen nur selten vom Wetter, dies ist kaum ein Thema, denn meist ist es sonnig und warm – Mediterrannée (Mittelmeerraum) – doch stundenlang können sie über den Mistral diskutieren, wie lange er weht, ein paar Stunden, ein paar Tage… Der Mistral hat ein raues Temperament, dringt durch die Kleider, trocknet die Haut, reist Pflanzen und Bäume aus… Wer, wie unser Berger, so oft gegen den Wind kämpft, der weiss, wo er zu Hause ist, in der Provence, eigentlich im ganzen Bereich der französischen Mittelmeerküste. Die Figur des „Berger Mistral“ oder „Coup de Mistral“ wurde erst vor rund 60 Jahren von Paul Fouque geschaffen, von einem der berühmtesten Santonniers in der Provence. Der Schafhirte, der gegen den Wind kämpft und verzweifelt seinen Hut zu halten versucht, ist inzwischen eine der populärsten Santons. Er hat sogar eine Frau erhalten, die ebenso gegen den Mistral antritt. Wo in der Bubikoner Krippenlandschaft ist sie?

29. Dezember 2011

 

Lavendel

 

Wann blüht der Lavendel? Natürlich vom Juni bis Ende August, je nach Lage. Er blüht aber auch jetzt im Winter und zwar in der Santonskrippe in Bubikon. Einige der emsigen Santons sind gerade bei der Ernte, ja – auch in der Weihnachtszeit. Lavendel sei „die Seele der Provence“, sagt man. Was wäre eine provenzalische Landschaft also ohne Lavendel? Eine Landschaft ohne Seele? Doch wer weiss schon, dass auf vielen Lavendelfeldern der Provence gar nicht „echter Lavendel“ wächst? Der echte Lavendel wächst erst auf einer Höhe von 600 Metern, eigentlich fast nur auf der Hochebene der Haut-Provence. Die meisten Lavendelfelder in der Provence bestehen deshalb aus Lavandin, einer Kreuzung zweier Lavendelsorten. Lavandin duftet weit weniger als der echte Lavendel, bringt aber höhere Erträge und ist nicht von der Meereshöhe abhängig. Unser Santons-Lavendelfeld ist in der Höhe, es dürfte also „echter“ Lavendel sein. Der Duft ist leider nicht wahrnehmbar, denn es liegt eine Glasscheibe dazwischen. Es nützt auch nichts, die Nase an der Scheibe plattzudrücken. Doch keine Bange: schon die alten Römer wussten, dass Lavendel beruhigend wirkt auf Magen und Seele. Dies dürfen auch die nichtduftenden Lavendel der Santons für sich in Anspruch nehmen. Haben doch nicht zuletzt die Römer das christliche Gedankengut in den ersten Jahren nach Christi Geburt zu uns gebracht.

28. Dezember 2011

 

Die Latrine

 

Französisch „toilette“, hergeleitet von „la toile = das Tuch“. Ein Tuch - um das „Schamhafte“ zu verstecken. Wir wissen wenig über die Hygiene zur Zeit Christi Geburt. Nur eines ist überliefert: Es war ein Stall, Ochs und Esel standen gleichsam Pate und in Stroh wurde das Kindlein gelegt. Wie aber verrichteten damals die Menschen ihre „Notdurft“? Man hat zwar altrömische Gemeinshaftslatrinen ausgegraben und museal erhalten. Doch wie war dies auf dem Lande? Dies ist im Rahmen des Heilsgeschehens bestimmt keine zentrale Frage. Zudem sind nicht in der Stadt statt, vielmehr auf dem Land, wo es noch Bäume, Hecken, kurzum viel Natur gibt. Doch was geschieht, wenn plötzlich mehr als dreihundert „Kleine Heilige“ in diese Landschaft einbrechen, unter ihnen Monsieur le mair, l’avocat, le professeur, l’émissaie de l’Etat und, und, und…? Gottseidank ist die Bubikoner-Krippe erst jetzt, im 21. Jahrhundert aufgestellt worden. Da weiss man, wie auf einfache Art das Problem zu lösen ist.

27. Dezember 20111

 

Crin Blanc

 

Der „Weisse Hengst“ – ihn gibt es schon lange in der Camargue. Doch berühmt wurde er erst 1952 durch den rührenden, wilden Film von Albert Lamorisse, Crin Blanc. Es ist die Geschichte eines stolzen weissen Hengstes, der nicht gezähmt werden will. Er liebt die Freiheit. Doch einem kleinen Jungen gelingt es, sein Vertrauen zu gewinnen und sich mit dem Pferd anzufreunden. Doch der Viehzüchter duldet dies nicht. Gehetzt von den Knechten des Züchters flieht der Junge mit Crin Blanc ins Meer. Crin Blanc rettet den Jungen – die beiden verschwinden am Schluss des Films am Horizont, auf der Suche nach einer besseren Welt, in der es nur Kinder und Pferde gibt.

Natürlich darf in einer Santons-Krippe Crin Blanc, der Leithammel und die Herde nicht fehlen. Halbwegs gezähmt sind sie auf dem Weg zum Stall mit der Krippe. Weihnachten – Hoffnung auf eine bessere Welt. Hier eine kleine Kostprobe.

26. Dezember 2011

 

Maler

 

Paul Cézannes ist wohl der berühmteste Künstler der Provence, der Maler des Lichts und der Farben im Licht. Seine Huldigung an das Meer, „la grande bleue“ ist berühmt: „"Wie ein großer Teich liegt das Meer da, wie ein See, der bei schönem Wetter tiefblau schimmert". Wie Van Gogh – der andere grosse Maler des Südens – zieht es Cézannes immer wieder aus Paris und dem Künstlerort Auvers-sur-Oise in den Süden „mit seinem strahlenden Licht und den ganz besonderen Blautönen“. Noch heute suchen Tausende von Maler im Süden die provenzalischen Farben auf die Leinwand zu bringen. Nur wenig erinnert an Cézannes und Van Gogh, vieles endet in kitschigen Farben von Lavendel- und Sonnenblumenfeldern. Bilder, die immer wieder den Touristen und „Sonnenanbetern“ verkauft werden können, mit viel Erfolg. So schön ist eben die Provence!

NB. Es gibt Van Gogh als Santon. Ich habe diese Figur mehrmals gesehen, leider immer nur in viel grössem Format als es meine Santons sind. Doch ich suche seit Jahren diese ganz besondere Figur, die genau zuzuordnen ist.

 

25. Dezember 2011

 

Der Ravi

 

Eine der berühmtesten Figuren unter den Santons ist der Ravi, der Entzückte. Er hebt die Arme empor – im Staunen über die Wunder dieser Welt. Das Wunder ist hier ein Kind in der Krippe, das Gottessohn sein soll. Er frägt nicht nach dem Wie, Warum, Wieso. Er drückt in seiner Körpersprache das aus, was er empfindet: Glück, Staunen, Entzücken. Dazu braucht er keine Worte, seine Freude ist echt, sein Entzücken spontan, vielleicht sogar naif. Er kommt auf uns zu, mit offenen Armen, einfach gekleidet. Er trägt eine weisse oder rote Mütze (oft auch als „Schlafmütze definiert), ein offenen Hemd, Kittel und Hose in der Art eines Bauernknechts. Der Ravi wurde oft als „Dortrottel“ gedeutet. Ich meine, dies ist falsch, ganz falsch. Er ist der Einzige, der zuerst mit dem Herzen sieht und mit offenen Armen und offenem Herzen auf das Glück zugeht. Er zeigt uns das Glück der Einfachheit oder – um es einfach auszudrücken – er lehrt uns Schweigen in glücklichen Momenten. Er gehört zwingend in die provenzalische Krippe und hätte wohl auch etwas mehr Platz in unserem Leben verdient. Damit er nicht ganz allein ist, gibt es inzwischen auch die „Ravido“, die Frau des Ravi und den Knecht am Fenster des Bauernhauses, der genau so erstaunt die Arme hebt – und schweigt.

24. Dezember 2011

 

Christi Geburt

 

Historiker und Theologen streiten sich bis heute: Wo, wann und wie wurde Jesus geboren? Bibeltreue Menschen wissen es genau: „….und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“ (Lukas, 1,7). Gemeint ist natürlich Maria, der Ort Betlehem und die Zeit das Jahr 0001. Inzwischen wird so ziemlich all das bestritten: der Ort könne nicht Betlehem sein, die Zeit wird zwischen 4 und 7 Jahre früher angesetzt und mit dem „heiligen Geist“, welcher laut Bibel der Vater sein soll („siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Joseph, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Gemahl, zu dir zu nehmen; denn das in ihr geboren ist, das ist von dem heiligen Geist“) haben selbst streng gläubige Christen schon immer ihre liebe Mühe.

In der Santonskrippe, die es ja überhaupt nicht mit der Bibeltreue hat, ist dies alles viel einfacher. Die schwangere Maria wird am 24. Dezember – dem Tag der Erinnerung an Christi Geburt – ausgewechselt, die Krippe – belegt mit Stroh – aufgestellt. Und dies in einem Stall (flankiert von Ochs und Esel), der eindeutig im Süden Frankreichs steht. Da werden historische Fakten wie Ort, Zeit und Umstände nebensächlich. Die Idee – versinnbildlicht in der Volkstradition – dominiert; Zeiten, Orte und Umstände verbinden sich.

Neben der Krippe – leicht abseits – steht der Franziskanermönch. Der Heilige Franz von Assisi soll – der Überlieferung nach – im Jahr 1223 im Wald von Greccio das Weihnachtsgeschehen mit lebenden Tieren und Menschen dargestellt haben. Diese Tradition hat auch die Reformation überstanden und ist heute noch lebendig, in unzähligen Formen der Krippendarstellungen. Die Formen haben sich tausendfach gewandelt, die Idee aber ist über all die Jahrhunderte die gleiche geblieben.

23. Dezember 2011

 

Maria enseinte

 

Ja, sie ist hochschwanger – unsere Maria. Ein letztes Tête-à-tête mit Josef, dem Zimmermann, dem Vater oder Ziehvater des Kindes, das morgen geboren werden soll. Seit vier Wochen trägt Maria nun das Kind „unter ihrem Herzen“, während sie auch hier in der Krippenlandschaft auf Herbergssuche ist. Nun hat sie ihn gefunden, den Stall mit dem Ochsen und dem Esel, begleitet von ihrem Mann Josef, dem es offensichtlich nicht so ganz geheuer ist. Eine schwangere Maria als Krippenfigur? Da gibt es wohl kaum Vorbilder – keine ikonografische Grundlage. Immerhin ist beim Evanglisten Matthäus von der schwangeren Maria die Rede: „Joseph aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. Indem er aber also gedachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Joseph, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Gemahl, zu dir zu nehmen; denn das in ihr geboren ist, das ist von dem heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen; denn er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden“ (Matthäus 1,20).

Morgen wird es so weit sein. Jahrestag der Erinnerung an Christi Geburt, oder eben Weihnacht. Maria wird auch in der Santonskrippe das Kind geboren haben und es kniend betreuen, wie das wohl jede Mutter tut. Das Kind wird im Stall sein, „gebettet auf Stroh.“ Damit ist die Santonskrippe vollständig – also nicht mehr nur eine Adventskrippe, sondern eine Weihnachtskrippe. Sogar die Heiligen-Drei-Könige sind schon da, die sonst erst am 6. Januar zur Krippe finden, geleitet vom Morgenstern. Besonders Neugierige Krippenbesucher können es erleben, am 24. Dezember, nicht erst um Mitternacht, schon um 17.00 Uhr (Stundenschlag der nahen Kirche) wird das frischgeborene Kind mit der Mutter, die geboren hat, in die Krippe einziehen - damit fortan die gewohnte Darstellung mit dem Jesuskind in der Krippe zu sehen ist

22. Dezember 2011

 

Provenzalischer Alltag

 

Die Skyline mit den Lichthäuser vermittelt vielleicht den Eindruck von Ferne durch das Lichtermeer entrückt aus einer anderen Landschaft. Doch dies täuscht. Der Horizont bildet nur den Rahmen. Die Provence mit ihren typischen Häusern, mit dem Alltag, den Menschen, die vorbeiziehen, zum Markt, in die Kirche oder zu Besuch gehen, das Haus sauber halten, einen bunten Weihnachtsbaum aufstellen… All dies ist in der Krippenlandschaft auch zu finden, und zwar nicht nur im Hintergrund, eigentlich überall, damit sich die Santons – historische wie zeitgenössische Figuren – auch wirklich wohl fühlen, hier zu Hause sind.

21. Dezember 2011

 

Tanz - Farandole

 

„Volta“, ein lebhafter Paartanz in der Provence - überliefert aus dem 16. Jahrhundert. Lebendiger aber sind die Volkstänze, der Tanz der unteren sozialen Schichten. Sie dienen nicht nur der Geselligkeit, sondern sind auch Darstellung und Identitätsfindung von Volksgruppen. Der „Rigaudon valsé“, auch unter dem Namen Rigodon bekannt, stammt ebenfalls aus der Provence. Ein einfacher Grundschritt, der von den Tänzern – meist in Tracht – immer und immer wieder variiert wird. Typisch sind schwingende, hüpfende Bewegungen, die von überraschend eingestreuten stampfenden Schritten ("frappes") unterbrochen werden. Volkstänze sind immer von der Natur beeinflusst, vom Mistral zum Beispiel – dem Meereswind, von der Landschaft und der Arbeit in dieser Landschaft. Einige Beispiele: « Mazurka sous les pins », « Farandole di tarascaire », « les jardinieres »…. Am bekanntesten aber ist die « Farandole » ein historischer provenzalischer Volkstanz, begleitet von Flöte und Tamburin, bei dem ein offener Reigen, von einem Tänzer angeführt, verschiedene Figuren tanzt. Natürlich tanzen auch unsere Santons - den Krippentanz – "la dance de la crèche noël".

20. Dezember 2011

 

Olivenernte

 

Olivenöl aus der Provence: vom Vallée des Baux, aus Nyons, aus der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, aus…. Im Süden Frankreichs hat die Olive, auch als Ölbaum bezeichnet, auch eine Heimat gefunden. Sie gehört in diese Region, genauso wie Lavendel, Wein und Gewürzkräuter. Die wohl grösste Kosmetik-Firma „L’Occitane en Provence“ verkündet in blumigen Worten: „Die Sonne lächelt in der Provence. Ihre Wärme macht die Erde fruchtbar und öffnet das Herz der Menschen. Ihre kräftigen Strahlen reflektieren das Handwerk, die Bräuche und Traditionen, welche von Generation zu Generation weitergegeben werden….. mit seinen Wurzeln in der Provence teilt L'Occitane die Farben, Düfte und Traditionen des französischen Südens mit der ganzen Welt.“ Es sind nicht nur Oliven, auch Verbene, Kirschblüten, Mandeln, Rosen, Cade…. welche die Düfte in der Provence prägen. Spanien ist zwar der grösste Olivenproduzent, doch auch in Südfrankreich gehören Oliven zur Kulturlandschaft, mediterran geprägt, umwoben von Sagen und Mythen. So ist der Olivenbaum auch Symbol für Frieden, Fruchtbarkeit, Langlebigkeit und Träger von Geheimnissen, wie jene der Gesundheit und Schönheit. Deshalb ist er für viele Menschen – auch in der Provence – so etwas wie ein „heiliger Baum“ schon seit Jahrhunderten. Wieso soll er nicht auch an der Weihnachtskrippe seinen Platz finden. Santons sind gerade an der Ernte.

19. Dezember 2011

 

Jagd

 

Im Musée de l’Arles antique ist ein spätrömischer Sarkophage aufbewahrt. Er zeigt den Aufbruch Hyppolyts, Enkel des Meergottes Poseidon, zur Jagd. Aus Rache verleumdet Phaidra ihren Stiefsohn Hyppolyt (der ihre Avancen ablehnte) und Poseidon sendet einen wilden Stier, so dass Hyppolyt auf der Jagd tödlich verletzt wird. Hier also verbinden sich griechische Mythen mit einem Thema, das den Römern auch in der Provence „heilig“ war, mit der Jagd. Noch heute hat die Jagd in der Provence – und in ganz Südfrankreich – eine besondere Stellung. Der 17. Herzog von Uzèse (er trägt nur noch den Titel, hat aber keine Vorrechte mehr) lädt einmal im Jahr zum Jagdfest: Wildschweine. „Wir jagen mehr mit dem Gehör, als mit dem Auge“, sagen die Jäger. Wer schon in den Tälern das Quietschen der Säue und das Bellen der Hunde gehört hat, der weiss, was damit gemeint ist: die typische Jagd mit Hunden in den Tälern, auf den Hügeln und im Buschland von Südfrankreich. Jagen und Fischen sind also seit der Römerzeit eng mit der Provence verknüft.

18. Dezember 2011

 

Gärtner und Imker

 

Nicht nur Lavendelfelder, auch die Blumen, welche sich nach der Sonne drehen (les tournesols), gehören zum vertrauten Landschaftsbild einer blühenden Provence. Eine Farbenpracht, aber auch eine beliebte Heimat für Gärtner und Imker. Auch die Santons sind da unterwegs, mitten in der Natur. Berühmt sind nicht nur die Sonnenblumen von van Gogh, berühmt ist auch der Honig aus der Provence: leuchtend gelb, wie die Sonnenblume selber, aromatisch wie der Duft, der da, vom Wind getragen, durch die Felder zieht.

17. Dezember 2011

 

Pétanque

 

Das „kleine Ferkel“, französisch cochonnet, gehört zum provenzalischen Alltag. Gemeint ist jene kleine Holzkugel, die als Ziel für die metallenen, hohlen Metallkugeln dient, im Spiel der Spiele in Südfrankreich. Wenn man auf einem Dorfplatz die kleine Grüppchen von Männern sieht, die andächtig in den markierten Kreis treten, noch andächtiger die Kugel – natürlich mit viel Gefühl – Richtung Cochonnet werfen oder mit Wucht eine gegnerische Kugel „abschiessen“, der spürt es: hier handelt es sich um so etwas wie eine Profanreligion. Pétanque, was provenzalisch so viel bedeutet, wie „auf beiden Füssen“, ist eigentlich erst gut hundert Jahre alt. Doch die Pétanque-Kultur ist im Süden Frankreichs so gut verankert, als wäre sie schon seit Jahrhunderten da gewesen. Inzwischen sollen es in ganz Frankreich 17 Millionen Menschen geben, die – mehr oder weniger oft – Pétanque spielen. Auch Weltmeisterschaften gibt es und ein Regelwerk für das Spiel mit etwa 40 Paragraphen. In der bubikoner Santons-Landschaft sind alle Spieler noch Männer (wie einst!), in der „modernen“ Provence werfen längst auch Frauen die Kugeln, nicht minder andächtig und mit grossem Können. Auch diese Bastion – so hört klagen – haben die provenzalischen inzwischen Männer verloren. Ihnen bleibt nur noch der meist unausgesprochene, aber tief verwurzelte Glaube, dass sie – die Männer – die Kugel letztlich doch besser werfen. Wer es nicht glaubt, der lasse sich von Macel Pagnol überzeugen: „Qu'est-ce qui caractérise le mieux le Midi sinon la pétanque», en y ajoutant le pastis?

15. Dezember 2011

 

Markttag

 

Markttage in der Provence: Bauern, Winzer, Schäfer, Fischer, Gewürze- und Kräuterhändler, Töpfer, Weber, Sticker…. sie alle stellen einmal in der Woche ihre Stände auf. Eine Vielfalt von Gerüchen, ein Durcheinander von Anpreisungen, ein buntes Bild provenzalischer Pracht. Die traditionelle provenzalische Küche wäre ohne Frischprodukte vom Markt undenkbar ohne die Kräuter aus der Heimat des Lavendels. Da gibt es aber auch Seifen, Parfüms, Kosmetika, Duftkerzen, Kräuterkissen…
und erst recht den Knoblauch, die „göttliche Knolle“. Allein in den Dörfern und Gemeinden um Lautrec (Tarn) sind es 300 Produzenten, die jährlich 4000 Tonnen Knoblauch anbieten. Verkauft wird auf den Märkten wirklich alles, was die Region anzubieten hat: Obst und Gemüse, Ziegenkäse, Honig, Oliven, Marmalade… Aber auch alles, was der Mensch so im Alltag braucht, vom Besteck über die Kleidung bis zu den bunt dekorierten Baumwollstoffe, Schalen, Schüsseln…. Myrtilles, Poivre Vert, Herbes Provence, Cumin, Melange Poisson, Ciboulette….. Ja, den provenzalischen Markt kann man nicht beschreiben, man muss ihn erleben… auch in der Santonskrippe in Bubikon.

14. Dezember 2011

 

Zigeuner

 

Wer kennt es nicht, das malerische Fischerdorf in der Camargue, les-Saintes-Maries-de-la-Mer, die Pilgerstätte der Romas und Sintis? Es ist ein Dorf der Legenden, Wallfahrtslegenden. Die beiden Schwestern der Gottesmutter Maria Kleophas und Maria Salome sollen zusammen mit Maria Magdalena, Martha und Lazarus als Ausgesetzte auf einem segellosen Schiff hier gelandet sein und die Provence missioniert haben. Ihnen ist die Wallfahrtskrieche von Saintes-Maries-de-la-Mer geweiht, aber auch der „schwarzen Sara“, der unbekannten Heiligen, die von der Kirche nie anerkannt wurde, aber (wohl wegen ihrer dunklen Hautfarbe) zur Patronin der Zigeuner aufstieg.
Grund genug, den Zigeunern in der Krippe einen Ehrenplatz zu geben, unmittelbar neben dem Stall. Für mich sind die südfranzösischen Romas ohnehin so etwas wie „kleine Heilige“, auch wenn sie gar nicht heilig sind. Als etwa 16jähriger kleiner Ausreisser und „Frankreicheroberer“ bin ich per Autostopp in Lourdes gelandet, völlig „abgebrannt“, mit einem kleinen Zelt auf dem Rucksack, aber ohne zu wissen, was ich essen und wo ich schlafen kann. Da haben mich die Romas „adoptiert“, aufgenommen in ihr grosses Netzwerk, verpflegt, weitergereicht, durch die Languedoc, entlang der Rhone, fast bis nach Lion. Seither nehmen die Zigeuner – allen Horrorgeschichten zum Trotz – bei mir einen Ehrenplatz ein, nicht nur in der Krippenlandschaft. Als ich kürzlich wieder einmal im Zug in Südfrankreich Richtung Schweiz fuhr, nahm eine Roma mit einem etwa zweijährigen Kind neben uns Platz. Unterhalten konnten wir uns nur schlecht, den ihre Sprache, Ramani chib, kann ich nicht verstehen und Französisch ist für sie noch immer eine Fremdsprache obwohl sie seit Jahren hier lebt (das hat sie uns begreiflich gemacht). Doch das kleine Mädchen verständigte sich rasch: es ging nicht lange, da landete ihr kleines Händchen unversehens in meiner Jackentasche, wohl auf der Suche nach verborgenen Schätzen, zumindest nach etwas, was man für das Leben brauchen kann. Plötzlich sind dann die Beiden aufgestanden, ganz ruhig, haben sich freundlich verabschiedet und sind in einem andern Wagen „verschwunden“. Nein, mir fehlte nichts, man hat mir nichts gestohlen. Doch ein paar Minuten später tauchte die Billtet-Kontrolle auf. Die wohl billetlose Roma war wie vom Erdboden verschwunden, untergetaucht irgendwo im fahrenden Zug.

13. Dezember 2011

 

Salinen

 

Mitten in der Camargue wird heute noch Salz gewonnen – vor allem in Aigues-Mortes der zweitgrössten Saline Frankreichs, 500‘000 Tonnen jährlich. Die Camarque, nahe der Provence, ist für seine wilden Pferde, Stiere und die Vielfalt von Vogelarten bekannt. Ein Teil des Schwemmlandes dient seit Jahrhunderten der Gewinnung von Meersalz, die warme Sonne und die Winde lassen auch das ganz spezielle Salz – Fleur de Sel – entstehen. Hier gibt es also nicht nur die grossen Industieanlagen zur Salzgewinnung, es gibt auch die Salzbauern, die Paludier, welche von Juni bis September jeden Tag geduldig warten, bis in der Morgenstunden auf den Wasseroberflächen der Bassins jene Salzplättchen entstehen, die dann – wie schon seit Jahrhunderten – mit der Holzkelle von Hand geerntet werden, das Fleur de Sel Camarque. Es ist sehr aromatisch, würzig und auch frischer als das normale Salz. Traditionelle Wirtschaftszweige der Region sind der Tourismus, der Wein- und Reisanbau und die Salzgewinnung. Diese Sparten müssen auch in einer Santonskrippe vertreten sein. Der Salzberg – unmittelbar vor dem Olivenhain und dem Weinberg – ist nicht zu übersehen. Die Paludiers sind an der Arbeit.

12. Dezember 2011

 

Das globale Dorf

 

Das „globale Dorf“ ist zwar eine Erfindung von Herbert Marshall McLuhan und hat mit einer Santonskrippe wenig zu tun. Der kanadische Philosoph und Medientheoretiker bezeichnet und definiert damit die Epoche des Computerzeitalters. Nun – unsere Krippe ist in diesem Zeitalter gebaut, auch wenn die Tradition aus einer ganz anderen Zeit stammt. So ist auch die Provence mit einer Welt zusammengewachsen, viel die sich nicht so einfach auf ein paar Quadratkilometer reduzieren lässt. Auch die neuesten Santons-Kreationen vermögen diese Welt noch kaum auszudrücken (ich warte auf den ersten Astronauten als Santons!!). Die Provence ist aber gar nicht mehr so weit weg von andern „Dörfern“. Zum Beispiel Dörfern in Norwegen, das immerhin noch in Europa liegt. Als Erbauer der Santons-Krippe ist uns nicht nur die Provence nahe, auch Norwegen – bis hinauf zum Nordkap – ist uns vertraut. So ist es gekommen, dass sich auch ein paar der buckligen, vierschrötigen Trolle mit ihren langen Nasen aus der nordischen Mythologie in die Krippe gewagt haben. Ihnen ist ein kleiner Teil der Krippe – eine frostig kalte Landschaft, schneebedeckt – zugewiesen. Wir befinden uns da eindeutig in Norwegen. Soeben wird auch die norwegische Fahne gehisst. Nur der Leuchtturm – Wahrzeichen aller Meere – macht deutlich, dass auch eine Krippenlandschaft letztlich ein globales Dorf ist. Wie bei McLuhan ist damit nicht ein geografischer Ort gemeint, sondern eine Idee und eine Wirklichkeit, die die allein durch die Technik möglich gemacht wurde. Eine neue Welt also, in der gerade alte Traditionen wichtig sind, weil sie zeigen, dass letztlich der Mensch (seit Jahrhunderten) das Mass für die Welt - in der wir leben – ist und hoffentlich auch bleibt.

11. Dezember 2011

 

Drei Könige

 

Die "Heiligen drei Könige" waren Weise aus dem Morgenland, von denen das Matthäusevangelium berichtet: "Und sahen das Kindlein, warfen sich nieder, huldigten ihm, taten ihre Schätze auf und brachten ihm Gold und Weihrauch und Myrrhe" (Matthäusevangelium 2, 11). Es sind so ziemlich die einzigen „Heiligen“, die in einer Santonskrippe auftauchen. Eigentlich sollten sie auch noch nicht hier sein, sondern erst am Tag der Epiphanie (6. Januar) beim Stall von Betlehem erscheinen. So will es die Santonstradition. In der Weihnachtgeschichte von Lukas (2, 1-20) ist nicht von Königen die Rede, sondern von Hirten, die „in derselben Gegend auf dem Felde“ waren. Sie hätten von einem „Engel des Herrn“ einen Wink erhalten, nach Bethlehem zu gehen, um dort das „neugeborene Kind“ zu finden. Ob es nun – nach traditionellen Auslegungen – um babylonische Astrologen, persische Priester, arabische Händler oder einfache Hirten gehandelt hat, wird immer ein Geheimnis bleiben. Mir persönlich sind die Hirten sympathischer als die drei Könige, allen Geschenken aus Gold, Weihrauch und Myrrhe zum Trotz.

10. Dezember 2011

 

Weinberg

 

Zwar brachten schon die griechischen Händler die „vitis vinifera“, die Weinrebe, etwa im 7. Jahrhundert vor Christus via den Hafen, der heute Marseille heisst, in die Provence. Doch die Weingebiete entwickelten sich westlich (Languedoc) und nördlich (südliche Rhone) der eigentlichen Provence viel stärker, als am Mittelmeer Richtung Côte d’Azur. Und doch: die Weinberge gehören zur Provence, also gehören sie auch in die Santonskrippe von Bubikon, nicht zuletzt, weil der Wein im Alltag der Provence schon immer eine grosse Bedeutung hatte. Es ist nicht nur der Handel (über die Mittelmeerhäfen), auch Liebe (in dieser warmen Gegend) zum Rosé, welche die Weinbautradition in dieser Gegend über Jahrhunderte bestimmt hat. Deshalb ist nicht nur ein Weinberg in der provenzalischen Krippe zu finden, es gibt auch einige interessante Szenen und fröhliche Geschichten rund um den Wein: die Weinlese, der gedeckte Tisch mit Wein, das Ausschenken des Weins, der Winzer mit seinen besten Flaschen… nicht zu vergessen, der Stammtisch der Kartenspieler.

09. Dezember 2011

 

Arbeiterinnen

 

Die Fuggerei, die älteste Arbeitersiedlung der Welt. Die Jahresmiete beträgt noch heute einen rheinischen Gulden (0.88 Euro), dazu gehört bis heute die Verpflichtung, jeden Tag für den Stifter – Jakob Fugger der Reiche – zu beten. Aber Halt! Das Haus steht ja – mit 67 andern Häusern – in der Stadt Augsburg, weit weg von der Provence. Dies ist halt so, in einer Santons-Landschaft, da rücken die Dimensionen zusammen. Das Fuggerhaus ist das vorderste von 26 Lichthäuser, welche die Skyline der Landschaftskrippe bilden. Doch den Santons ist es wohl in dieser historisch-städtischen Umgebung. Die Spinnerin mit der Spindel in der Hand, auf dem Weg zur Arbeit. Maria am Fuggerhaus gibt ihr Schutz und Geborgenheit. Viel Wolle – von den legendären Schafen der Provence – liegt zur Verarbeitung bereit. Heimarbeit. Die Frauen waren genau so einfache, meist arme Arbeiterinnen, wie jene, die in den Fuggerhäusern aufgenommen wurden. Doch die provenzalischen Frauen hatten und haben ihren Stolz. Es sind keine Städterinnen, sie lebten im Dorf, dort wo auch die Schafe ein und ausgehen. In Würde sind sie alt geworden – viel zu früh, wie die Arbeiterinnen der Stadt – treu ihrer Heimat, der Provence und treu ihrem Glauben.

09. Dezember 2011

 

Tropfsteinhöhle

 

Märchenwesen gehören nicht in eine Santonskrippe, überhaupt nicht zur Weihnachtstradition im Süden Frankreichs. Gnomen, Zwerge, Trolle und wie sie alle heissen, tauchen auch an Weihnachten eher im Norden auf. Mit einer Ausnahme: in der Provence - vor allem in Provence-Alpes-Côte d’Azur und im Languedoc - gibt es viele Grotten und Höhlen, eine geradezu grosse unterirdische Welt. Dass sich da auch Zwerge angesiedelt haben, scheint mir Realität zu sein. Als „fremde Fötzel“ verstecken sie sich meist und wagen sich nur nachts an die frische Luft. Sonst behüten sie die Schätze, die sie von gesunkenen Schiffen vor der Küste erbeutet haben. In vielen Höhlen sind auch Felsmalereien entdeckt worden, die bis zu 30‘000 Jahre alt sind, also sehr viel älter als die Weihnachtsgeschichte. Wen verwundert es da, wenn auch eine Höhle oder Grotte in der bubikoner Krippenlandschaft anzutreffen ist? Dass es da keine Santons gibt, ist verständlich, wurden sie doch erst am Ende des 18. Jahrhunderts „geboren“. In den Höhlen leben Zwerge – keine Gartenzwerge, denn die wurden ebenfalls erst im 18. Jahrhundert geschaffen. Zwerge sind in der Mythologie zeitlos, Wesen, die meist unterirdisch leben, denen auch übermenschliche Kraft und Macht zugschrieben wird. Sie gelten als schlau und beherrschen die Zauberkraft. Eigentlich stammen sie aus dem Norden und tummeln sich in der nordischen Mythologie. Doch auch die Höhlen der Provence sind ihnen vertraut, sie wagen sich in der Krippe in Bubikon sogar ans Licht.

08. Dezember 2011

 

Die alte Kirche von Bourdic

 

334 Einwohner hat das Dorf, ein paar alte Häuser, ein paar neue auch, ein altes Kirchlein und täglich den fahrenden Bäcker zu Besuch, mit seinen Broten und den lokalen Neuigkeiten. Bourdic, ein typisch provenzalisches Dorf, zwar nicht in der Provence, sondern bereits in der Languedoc, im Département Garde, zehn Kilometer von Uzès entfernt. Die Kirche Saint-Etienne d'Escattes aus dem 12. Jahrhundert wurde zwar in den Religionskriegen (16. Jh.) stark beschädigt, ist aber in ihrer romanischen Struktur noch weitgehend erhalten geblieben. Eine Sehenswürdigkeit am Dorfeingang.
Wie ist dieses Kirchlein von Bourdic in die Santonskrippe in Bubikon gekommen? Ganz einfach: Marie hat sie uns geschenkt! Marie? Ja, eine der gut 300 Einheimischen, die noch im Dorf leben, eine Frau, die in gelernt hat, in einem kleinen südfranzösischen Dorf zuhause zu sein, Kinder gross zu ziehen, sich in einer landwirtschaftlich dominierten Welt zu behaupten und mit Fremden zu leben, die immer mehr Häuser als Ferien- und Fluchtorte in Besitz nehmen. Ohne Marie (und ihre Familie) würde vieles nicht funktionieren (oder nicht so gut!), vor allem nicht in jenem Dorfteil, wo die alte Kirche steht. Bei Marie habe ich die erste authentische Santonskrippe in einer privaten Stube gesehen, hergerichtet nach alter Tradition. Da stand auch die Kirche von Bourdic, eine Miniaturausgabe, eine wunderschöne Bastelarbeit. Ich war begeistert, von der Krippe (mit den vielen Lichtern und schönen Santonsfiguren) und von der Kirche, welche die Krippe fast dominierte. Marie hat uns versprochen, eine gleiche oder eine ähnliche Kirche zu besorgen. Sie hat ihr Versprechen gehalten und – wohl weil ein Duplikat schwer aufzutreiben war – ihre eigene Krippe verschenkt. Deshalb steht sie jetzt nicht mehr in Bourdic, sondern – sehr zentral – in der Bubikoner Landschaft, umkreist von einem Reigen Gäste des Brautpaars, das gerade daran ist, in die Kirche einzuziehen.

07. Dezember 2011

 

Sapeur-Pompier

 

Der Feuerwehrmann (oder die –frau) hat in Frankreich eine viel wichtigere Stellung als in den meisten Ländern. Es sind die „guten Geister“ im öffentlichen Leben, zuständig für fast alles, was in der Öffentlichkeit schief läuft oder schief laufen kann. Sie machen Sanitätsdienst, Rettungsdienst, Bewachungsdienst, Bergungsdienst, Verkehrsdienst und natürlich auch Löschdienst. Das Löschen von Bränden – bei uns eher seltener geworden – ist in Südfrankreich noch eine zentrale Aufgabe. Waldbrände gehören im Sommer zum Alltag. Jede Ausgabe der regionalen Zeitung „Midi libre“ hat mindestens eine Geschichte, in der die Sapeurs Pompiers eine wichtige Rolle übernehmen. Sie sind sozusagen omnipräsent mit Retten, Bergen, Schützen und Löschen. Einmal musste ich notfallmässig ins Spital. Wer hat mich dahin gebracht und erste Hilfe geleistet? Die Sanität, der Einsatzwagen des Spitals, der Notarzt? Es waren natürlich die Sapeurs Pompiers, die sofort kamen, erste Hilfe leisteten, mich im Spital den Ärzten übergaben und nach geleistetem Dienst sofort wieder verschwanden, zurückkehrten in die Annonymität der 40‘000 Feuerwehr-Berufsleute in Frankreich. In unserer Santonslandschaft musste der Sapeur-Pompier ausrücken: Waldbrandgefahr! Rauch ist aus dem Zigeunerwagen aufgestiegen. Doch Fehlalarm: Das Feuer unter der Fischsuppe hat nicht nur fein geduftet, sondern auch ordentlich Rauch entwickelt. Natürlich ist der Pompier zur Stelle. Zuvorkommend, freundlich, besorgt, eben einer jener „guten Geister“ im öffentlichen Leben von Frankreich.

06. Dezember 2011

 

Trüffelschweine

 

„Rabasse“, so heisst der Trüffel in der Provence. Gesucht wird er heute meist mit Hunden (wichtigste Rasse: Lagotto Romagnolo), welche für diese Aufgabe während zwei Jahren ausgebildet („abgerichtet“) werden. Fast verschwunden sind inzwischen die Trüffelschweine. Sie haben den Nachteil, dass sie die Trüffel selber auffressen, wenn sie diese einmal gefunden haben und die Trüffelsucher nicht gut aufpassen. Trüffel als Nahrung für Schweine? Dies geht dann doch zu weit! Eine der köstlichsten Trüffelschweingeschichten hat Peter Mayle geschrieben, in seinem Bestseller „Ein Jahr in der Provence“. Sein Mr. Bennet versucht sogar Trüffel zu züchten und gerät prompt in die Fänge der Mafia. Unsere beiden Bauern in der Santons-Landschaft kennen natürlich den Wert der Trüffel und lieben deshalb ihre Säue, in der Hoffnung, diese werden einmal zu Trüffelschweinen. Vorerst schnuppern sie nur an Fliegen- und Wiesenpilzen, auch wenn am Boden Eichenlaub liegt. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

05. Dezember 2011

 

Der Truthahn

 

Ich bin ein Truthan. Hier darf ich ganz nahe bei der Heiligen Familie sitzen, das wird mir nicht verwehrt. Ich konnte damals, vor mehr als 2000 Jahren nicht dabei sein, weil ich erst am Ende des 15. Jahrhundert von spanischen Seefahrern von Amerika nach Europa gebracht wurde. Dies hat der Maler Lothar Malskat 1937 schlicht übersehen, als er mich in Form einer frühgotischen Malerei im Dom von Schlesien restaurierte. Zur Zeit der Frühgotik - anfangs des zwölften Jahrhunderts - war ich aber in Europa noch gänzlich unbekannt. Kein Maler dieser Zeit hätte mich deshalb zur Krippe zugelassen, um gleichsam die Heilige Familie zum Stall in Bethlehem zu begleiten. Der vorwitzige Maler Malskat wurde später als begnadeter Kunstfälscher entlarvt, als er auch in der Lübecker Marienkirche falsche gotische Malereien anbrachte. Seither bin ich von allen Krippen verbannt. Die Heilige Familie will mich nicht mehr als Gefährten, schliesslich war ich damals noch in Amerika. Doch hier, in der Santons-Krippe von Bubikon habe ich Zutritt, allerdings „verkleidet“ als kleine Tierfigur in der Santons-Tradition. Schliesslich war ich schon lange in Europa, als Ende des 18. Jahrhunderts die Santons „erfunden“ wurden.