Mémoire des Vins Suisse

30. August 2011

MÉMOIRE & FRIENDS

von Peter Züllig

Dies ist ein Anlass der Schweizer Weinszene, der sich zum grossen Wein-Ereignis gemausert hat. Gestern war es wieder so weit. Es präsentierten sich 140 Schweizer Winzerinnen und -Winzer im Kongresshaus in Zürich. Natürlich war ich dabei.

Erwartungsvoll, kritisch aber auch irgendwie zufrieden, dass sich die Schweiz in Sache Wein in den letzten Jahren so gut entwickelt hat. Noch immer fristet der Schweizer Wein im Ausland ein eher kümmerliches Dasein und geniesst wenig Ansehen. Keinen einzigen „schwachen“ Wein hatte ich gestern im Glas Vielleicht weil ich in den paar Stunden (der Anlass dauerte von 14-20 Uhr) eben nur jene Betriebe aufgesucht habe, von denen ich weiss, dass sie Spitzenweine produzieren. Vielleicht aber auch, weil es immer mehr Winzer und Winzerinnen gibt, die gut, ja ausgezeichnete Weine machen. Längst ist die Zeit vorbei, wo Gantenbein fast das alleinige internationale Aushängeschild des Schweizerweins war, längst prägen die Walliser-Autochthonen nicht mehr das Image der weinexotischen Schweiz. Es sind Winzer aus allen Weinregionen, die sich durchaus mit den besten Weinen der Welt mithalten können. Und ich frage mich immer wieder: warum ist dies im Ausland so wenig bekannt?

Sicher gibt es verschiedene Gründe. Einer liegt in der föderalistischen – man verzeihe mir: in der engstirnigen – Verbands-, Verein- und Branchenpolitik der Schweiz. Die vier oder sechs so unterschiedlichen Anbauregionen sprechen meist unterschiedliche Sprachen, nicht nur verbal, auch in Sachen Wein.

Da ist das Wallis – selbstbewusst, allein schon weil es das grösste Weingebiet der Schweiz ist – das immer wieder mühsam errungene Kompromisse erfolgreich torpediert. Da ist die Waadt mit dem welt-kultur-erbe-geschützten Lavaux, dem wohl schönsten Stückchen Schweiz, wo der Chasselas – jedenfalls der Weisswein – den Ton angibt. Da ist die Ostschweiz, die sich beim Blauburgunder (Pinot Noir) besonders hervortut und immer öfter burgundische Qualität erreicht.

Da ist das Tessin – die italienisch sprechende Südschweiz – wo, wo vor Jahren deutsch-schweizer Emigranten eine neue Weinkultur entwickelten und jetzt von einheimischen Weinbetrieben nicht selten überflügelt werden im Bestreben einen Merlot zu von Weltruf zu keltern. Da sind die Winzer des Dreiseenlands, des Grenzgebiets Genf mit ihren grenzüberschreitenden Problemen, der Aargau, Zürich, ja selbst die Innerschweiz… Dabei sind es gerademal 15‘000 Hektaren Rebland in der Schweiz, rund sechsmal weniger als in Deutschland und sechzigmal weniger als in Frankreich. Schweizerwein, also nicht der Rede wert!!???

 Es gibt aber noch einen weiteren Grund für das Schattendasein des Schweizerweins in der internationalen Weinszene. Die offensichtlich angeborene oder antrainierte Angst des Kleinen vor den Grossen. Der stachlige Igel, die wehrhafte Schweiz ist nicht nur zum politischen, auch zum geistigen Symbol geworden. In der Weinszene heisst dies: solange der Absatz in der Schweiz stimmt, solange unsere das sich messen mit Nachbarn Volkssport ist, muss die Grenzüberschreitung nicht gewagt werden. Der Wein von den fünf, zehn Hektaren Reben eines Winzers lässt sich in der Schweiz gut vermarkten, wenn die Qualität stimmt. Und da ist erst noch der Tourismus, bei dem Schweizerweine zum Image gehören.

Ich bin nicht ganz sicher, ob die Rechnung längerfristig aufgeht. Ich bin nicht ganz sicher, ob es dem Schweizerwein nicht gut bekommen würde, sich international zu messen, in Konkurrenz zu treten mit den angesehensten Weinregionen der Welt. Mengenmässig schafft es die Schweiz ohnehin nicht, aber qualitativ wäre das Schweizerprodukt – mit dem die Schweiz bei Schokolade, Käse etc. – solange geworben hat, durchaus ein Gütesiegel. Die Kleinstrukturen und das spezielle Terroir würden sich auch gar nicht so gut kopieren lassen.

 Nach dem Jahr für Jahr eher bescheidenen Auftritt der Schweiz an der internationalen ProWein in Düsseldorf, zeigt der Auftritt des Schweizerweins an der Mémoire&friends schon fast Weltklasse. Zwar nur während ein paar wenigen Stunden, vom einzelnen Besucher kaum zu bewältigen, aber immerhin einmal im Jahr. Es ist auch typisch: der Anlass wurde nicht von einem der Branchenverbände angestossen, sondern von einem „Club“, der vor bald zehn Jahren gegründet wurde, sich in einen Verein wandelte und heute wohl eine der angesehensten Institutionen der Weinschweiz ist, „Mémoire des Vins Suisse“ – die „Schatzkammer des Schweizer Weins“. Geführt wird dieser Verein heute paritätisch von Weinjournalisten und Weinproduzenten. Veranstalter und Patronat ist eben dieser Verein, ihm haben sich angeschlossen Berufsverbände und Institutionen – eben die Friends.

Den „Lindenhof“ in Osterfingen kannte ich nicht. Beim dem mir bekannten Standnachbar Michael Meyer, Bad Osterfingen, wollte ich den schweizerisch schon berühmten „Zwaa“ (Ein Pinot Noire, gemeinsam gekeltert mit dem Weingut Baumann in Oberhallau) probieren. Dabei blieb ich bei Heidi Steiner vom Weingut Lindenhof „hängen“. Allein schon die Bezeichnung 7 cépage (eigentlich 7 Rebsorten) weckten mein Interesse. Es sind allerdings keine 7 Rebsorten, sondern sieben unterschiedliche Pinot-Klone, die hier im Mischsatz gepflanzt und gemeinsam gekeltert werden. Daraus ist ein wunderschöner, feiner, vielschichtiger Pinot Noire entstanden, der mich überrasch und überzeugt hat.

 Ist es Zufall, dass ich bei einem weiteren, mir gut bekannten Winzer, bei Urs Pircher von Eglisau, die zweite Entdeckung machte, die ich hier erwähne. Ein Regent, 2009, eine Rebsorte, die in der Weinhierarchie nicht sehr weit oben steht und in der Schweiz eher selten angepflanzt wird. Wenn der Spitzenwinzer Urs Pircher sich dem Regent widmet (seine Pinots sind ein Begriff) muss etwas daran sein, nicht nur die Tatsache, dass die Rebsorte sehr Pilzresistent ist. Volltreffer. Ein neues Geschmacksaroma, das an kräftige, südliche Weine erinnert und doch eine filigrane Struktur aufweist. Nichts von jener Rauheit und Rüpelhaftigkeit ist da zu spüren, die ich bei den bisherigen Regent-Versuchen angetroffen habe. Auch dies ist eine neue Erfahrung. Dabei: ein Wein, der das Holz erträgt!

Bei den Bestätigungen war es einfacher: „Eichholz“ von Irene Grünefelder – ein Wein, den ich schon am Vortag in Jenins probiert habe – bestätigt seinen Spitzenruf. Genauso wie der einstige „Geheimtipp“ von Markus Stäger, der Maienfelder Burgunder Barrique, 2009. Ich habe diesen Wein vor einem Jahr bei Dirk Würtz an einer Schweizer Degustation vorgestellt und höchste Begeisterung geerntet. Er hat mehr Lob erhalten als der im gleichen Umgang geöffnete „Gantenbein“. Jetzt bin ich sicher, dies ist kein Zufall.

Und für den reinen Genuss? In Gedenken an kürzlich verstorbenen Thomas Mattmann habe ich den „Mattmann“ vom Weingut Cicero genossen. Vielleicht ein trauriger Genuss. Aber ein Genuss war es allemal.

Herzlich

Peter

Mémoire&Friends
Gedanken zu einem Wein-Event am 29. August 2011 im Kongresshaus in Zürich. PDF-Datei zum Herunterladen.
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