Gedankensplitter: Notizen auf einer Reise im Piemont

29. Oktober 2011

 

Spieglein, Spieglein an der Wand....

 

Die Reise ins Piemont ist gestern zu Ende gegangen, ein Tag früher als für die übrigen ReiseteilnehmerInnen. Es gibt im Leben eben doch noch andere Dinge als Wein. Zum Beispiel Kultur und ein Freundeskreis, der sich in und mit der Kultur bewegt. So waren wir am Sonntag bei einem Hauskonzert – Gesang und Klavier – und hatten Zeit, darüber nachzudenken, was das Piemont uns gegeben hat. Eine wunderschöne Landschaft, die trotz der Kälte und des Regens, angedeutete, in welch herrlicher Umgebung die Nebbiolos, Barberas, Ruchés, Dolcetti, Baroli und Co. zuhause sind.

Natürlich taucht jetzt immer wieder die obligate Frage auf: Und nun, welches war denn der beste Wein, den Du getrunken hast? Ehrlich – ich kann es nicht sagen. Wahrscheinlich ein Barolo, weil es der teuerste war. So wird ja in der Regel gewertet. Wehe, ich würde sagen, ein Dolcetto oder gar einer dieser autochthonen Rebensorten, wie Arneis oder Timorosso, die kaum jemand kennt und die keine internationale Bedeutung haben. Noch heute würde ich ausgebürgert - aus dem erlauchten Kreis der Wein-Wissenden.

Also war es doch ein Barolo oder ein Barbaresco? Mag sein, ich weiss nur, welche Weine mir am meisten Eindruck gemacht haben. Ob sie die besten waren, weiss ich nicht! Dabei ist die Rebsorte und die Reblage auch nicht das wichtigste Kriterium. Es ist vielmehr der Winzer und seine Art Weine zu machen, die für mich beim Wein entscheidend sind. Nicht die Namen, eher die Philosophie und die Arbeit, die dahinter steckt.

Da stehen für mich an erster Stelle die Weine von Andrea und Rino Sottimano in Neive. Sie haben mir gezeigt, dass sich gute Weine auch ohne ausgeklügelte Technik, ohne Konzentrator, Temperatur- und Gärungskontroll-Elektronik, machen lassen. Ganz einfach „nur“ mit guter Arbeit, viel Wissen über und Demut gegenüber der Natur. Die Weine des Weinguts Sottimano waren zum grössten Teil wilde Kerle, noch wenig geschliffensten und schon gar nicht die einfach zum Trinken, nicht einmal zum Degustieren. Nach sieben verkosteten Weinen habe ich eine Zunge, als hätte ich Meret Oppenheims Pelztasse verschluckt. Nein ein Vergnügen war es nicht, aber trotzdem ein Genuss. Allein schon, weil ich überzeugt bin, dass dies einmal ganz grosse Weine sein werden. Es ist doch auch ein Genuss, diesen Weinen schon in ihrer Jugend einmal begegnet zu sein.

Übrigens auf diesem Weingut gab es den allerbesten Dolcetto, den ich in diesen Tagen getrunken habe. Dies darf ich aber nicht laut sagen, denn einen Dolcetto auch nur in die Göttergilde der Top-Beurteilten aufzunehmen, ist ein Sakrileg. In diesem speziellen Fall sündige ich aber gerne.

Nach der Verkostung habe ich den Eindruck, dieses Weingut wurde von den meisten ReiseteilnehmerInnen rasch abgehackt: Fehlinvestition. Schliesslich musste man da in einem muffigen Keller vor Weinfässern stehen, die als Tischchen dienten und in einer feucht-muffigen Atmosphäre die Weine verkosten, für spürige Nasen hat es sogar gestunken. Diesen Makel konnte auch die freundliche und vor allem kompetente Präsentation der Weine nicht Wettmachen. Dass in es den Weinen in diesem Keller offensichtlich gefällt, daran dachte wohl kaum jemand.

Auch im Barolo-Gebiet habe ich – zwei Tage zuvor – so meinen „Liebling“ ausgemacht. Seltsam, wieder ist es ein Weingut, dass – zumindest bei einem Teil der Verkosterrunde – nicht besonders gut ankam. Der Winzer Eugenio Bocchino wirkte so gar nicht weltmännisch, eher etwas verklemmt. Das Timing mit den Häppchen stimmte nicht ganz und die Präsentation des Familienbetriebs (ca 5 ha Reben) wollte so gar nicht recht in das Bild vom stolzen Barolo-Produzenten passen. Zwar war es hier nicht moderig aber alles andere als weltmännisch. Nichts von grossen, imposanten Fasslagern, nichts von ausgeklügelter Weinbautechnik. Doch ich habe gut zugehört, was uns der Winzer zu sagen hat und in seinem Geist die Weine verkostet. Und siehe da, sie haben mir Spass gemacht.

Als „junger Wilder“ ist der Winzer auch bezeichnet worden. Angetroffen habe ich alles andere als ein „junger Wilde“, vielmehr eine Winzerfamilie, die ihre Arbeit ernst nimmt, die den Reben den nötigen Respekt zollen, die versuchen, den gehegten und gepflegten Weinstöcken ihre beste Frucht abzugewinnen um daraus wenn immer möglich den besten Weine zu machen. Mag sein, dass mich diese Produzentenphilosophie so sehr überzeugt hat, dass sie meine geheime Wertung beeinflusst hat. Ich halte halt viel von Winzern, die noch selber Hand anlegen und ihre schöne aber harte Arbeit verinnerlichen, die Natur zur Richtschnur machen und nicht das Rechnen und Denken dem Computer überlassen. Ich liebe Weine, die eine ganz persönlicher Note haben und dem Diktat – so und nicht anders muss ein Wein sein – trotzen. Dass sie damit auch Erfolg haben, freut mich.

Das dritte der drei für mich interessantesten Weingüter ist kein kleiner Aussenseiterbetrieb. Albino Rocco ist selbst für mich – den Wein-Italienneuling – ein Begriff. Tatsächlich ist es das renommierteste Weingut, das wir besucht haben. Und erst noch ein sympathisches. Ich registriere: Sympathie spielt bei der Weinbeurteilung keine untergeordnete Rolle, vor allem bei Weinreisen und Verkostungen auf dem Weingut. Ich werde später – in einem andern „Gedankensplitter“ – noch etwas über die Präsentation und den Auftritt der Winzer bei solchen Veranstaltungen sagen, beziehungsweise schreiben.

Tatsächlich ist es auch hier die Philosophie des Weinguts, die Geradlinigkeit, die Konsequenz in der Arbeit und in der Ausrichtung, die mich überzeugen. Allein schon äusserlich ist es ein Musterbetrieb. Das allein garantiert aber noch keine Qualität, schafft noch keine besonderen Weine. Wenn aber die Philosophie und die Arbeit des Winzerbetriebs in den Weinen spürbar ist und dafür Zeugnis ablegen kann, dann macht Weintrinken wirklich Freude. Hier sind es nicht fünf Hektaren, die bearbeitet werden, es sind mehr als 23 ha. Rund 130‘000 Flaschen weden jedes Jahr produziert, also auch noch ein überschaubarer Betrieb.

Auch der Keller ist ein Abbild der Weine, oder besser: die Weine sind ein Abbild es Kellers, sauber, stringent, keine falschen Schmusetöne, zwar modern gestylt, aber mit viel Achtung und Liebe zum Althergebrachten.

Sogenannte Schnäppchen und Spitzenqualität vertragen sich kaum, auch wenn man dies auf Weinreisen oft nicht wahrhaben will. Die Winzer – egal welcher Grösse – haben nicht gewartet, bis wir sie entdecken. Sie verkaufen ihre Weine dem, der ihre Qualität erkennt und bereit ist, den kalkulierten Preis zu bezahlen.

Für mich sind Preise kein Thema. Nicht weil ich viel Geld habe, vielmehr weil ich – zumindest beim Wein - das kaufe, was mich überzeugt. Ein Wein muss beim Kauf nicht einmal den höchsten Genuss bieten: er muss einfach das ausstrahlen, was er an Qualität in sich hat. Potential nennt man dies und das Abschätzen des Potentials ist nicht ganz einfach, ist wohl bei Verkostungen das schwierigste. Als Bordeaux-Liebhaber habe ich da reichlich Erfahrungen gesammelt, gute und schlechte.

Doch wenn ich einmal das Potential zu erkennen glaube, ist es mir eigentlich ziemlich gleichgültig, ob es ein Barolo, Baeresco, ein Nibbiolo oder Dolcetta ist, er muss mich als Wein überzeugen, und nicht als Marke. Er muss mir etwas sagen – am liebsten eine Geschichte erzählen – und nicht einfach warten, bis Weinliebhaber Ahhh und Ohhh rufen und meinen beim Tanz der internationalen Weine wieder einen attraktiven neuen Partner gefunden haben. Meine Partner im Piemont waren auf dem internationalen Parkett wohl eher bescheiden, dafür umso überzeugender im Weinglas. Denn auch in den nächsten Gedankensplitter dieser Weinreise, werden Weine zum Tanz gebeten, die das Piemont kaum je verlassen.

26. Oktober 2010

 

Wie viel Holz braucht der Wein?

 

Diese Frage taucht immer wieder auf, nicht nur jetzt, im Piemont beim Barolo, Barbaresco und Nebbiolo. Es sind kräftige Weine, vielleicht sogar wuchtige Weine. alkoholstark, tanninreich, langlebig, trotzdem aber auch fruchtig und mitunter elegant. Eigentlich keine Mainstream-Weine – trotz ihrer Kraft und ihrem Volumen recht filigran; Diamanten, die geschliffen werden müssen. Doch wie „schleift“ man diese Diamanten, darüber ist man sich offensichtlich – selbst im Piemont – nicht einig.

Vier Betriebe haben wir bisher besucht – und am Abend einige Weine aus der Gegend getrunken. Unterschiedlicher könnten die „Schleifmethoden“ nicht sein. Da habe ich – von gleichen Weinbauern – unter der Bezeichnung „Barolo“, „Barbaresco“ und „Nebbiolo“so so verschiedene Weine degustiert oder getrunken, dass ich immer wieder nach den Ursachen dieser frappanten Unterschiede frage. Die gängige Antwort: Terroir.

So gerne würde ich dies glauben, so gerne würde ich den komplexen Begriff „Terroir“ immer wieder zu Hilfe nehmen. Terroir-Wine faszinieren mich, sie sind eigentlich das, was ich im immer breiter werdenden „Einheitsbrei“ der Mainstream-Weine (in fast allen Kategorien und Regionen) suche. Es sind dies die feinen Differenzierungen, die durch Mineralik, Reifegrad, Mikroklima, Bodenbeschaffenheit etc. entstehen und die Weine persönlicher machen, einmalig sozusagen.

Wie lässt Goethe den Faust sagen? Allein mir fehlt der Glaube! Der grösste Unterschied liegt – nach meinen bisherigen Erfahrungen im Piemont - wohl nicht im Terroir, vielmehr im Umgang mit dem Holz. Da gibt es so viele überholzte Weine, ich habe den Eindruck, weit mehr als in anderen Regionen. Weine, bei denen jede Eleganz und jede Finesse vom Holz erstickt werden. Wenn ich danach frage, dann höre ich nur das Argument: moderner Stil im Gegensatz zu den Traditionalisten. Darin mag ein Funke Wahrheit liegen, denn das ausschliessliche Festhalten – (Besinnen sagt man eleganter) – an oder auf alte Traditionen, bringt keine besseren oder „echteren“ Weine. Die Erkenntnisse der modernen Weinbautechnik können auch im Piemont nicht negiert werden, als da sind: Ertragsreduktion, Verkürzung der Zeit, in der der Wein auf Maische liegt, Temperaturkontrolle während der Gärung, Ausbauzeit im Fass und, und, und… Dies hat man seit rund dreissig Jahren erkannt und darin ist man sich – so jedenfalls habe ich den Eindruck – weitgehend einig. Doch das alles hat aber wenig mit Modernismus zu tun, vielmehr mit der Akzeptanz heutiger Weinbautechnik.

Fragen und meine Zweifel beginnen erst dort, wo man Weine – fast schon brutal – mit Holznoten segnet. Während dies bei einem Elio Altare noch einigermassen gelingt: seine Wein, die ich getrunken habe sind schon jung ein Trinkgenuss. Sie haben das Holz bereits in jungen Jahren so integriert, dass das sich das vielzitierte Potential – die versteckte Eleganz, Vielschichtigkeit, Aromenvielfalt – zumindest erahnen lässt. Altare, der Pionier moderner Baroli, soll gesagt haben: „Die Legende vom Altwerdenkönnen des Barolo ist eines der bestfunktionierenden Marketing-Geheimnisse dieses Weines.“

Das Altwerdenkönnen oder Altwerdenmüssen ist bestimmt ein Merkmal. Ist es aber auch ein Qualitätsmerkmal? Altwerden ist vielmehr eine Eigenschaft, die im Weinbau – Bordeaux ist dafür ein Beispiel – lange Zeit notwendig war, weil viele heutige technischen Mittel und das Wissen um neue Anbau- und Ausbaumethoden noch fehlten; vielleicht aber auch weil im Feld und im Keller weit weniger konsequent und sauber gearbeitet wurde. Der Winzer war einst mehr Weinbauer, als – wie heute – Weintechniker, ja Ausbaupilot mit den modernsten Navigationsgeräten.

Jedes Jahr neue Barriques, überhaupt Barriques, dies war noch vor wenigen Jahrzehnten im Piemont undenkbar. Heute ist scheint es eine der zentralen *Errungenschaften“ zu sein. 100 Prozent neue Barriques hat man bei bestimmten Weinen auf dem Weingut Cascina Ballarin (La Morra) stolz verkündet. Andere Weine landeten überhaupt nicht in neuen Barriques. Die Individualität, so wird betont, mit denen die Weine ausgebaut werden, sei eines der wichtigsten Kriterien. Doch ausgerechnet die „Holzweine“ haben – zumindest mich – am wenigsten überzeugt.

Die Frage wird immer dringlicher: Wie viel Holz braucht der Wein. Mit Holz meine ich die Aromatisierung durch Holzfässer, die so viele Weine brutal der Individualität entreisst und zu einer meist wohligen Geschmacksvereinheitlichung zwingt, so wie sie eben von vielen Weintrinkern geschätzt, ja verlangt wird

All die Argumente, die Weine werden eben heute viel zu früh getrunken, die Individualität erscheine dann schon wieder, wenn das Holz einmal integriert ist und die Tannine geschliffen sind. Mag sein! Nur wer in seinem eigenen Keller Weine über Jahre lagert, kann den Beweis auch wirklich antreten. In Tat und Wahrheit werden die Weine heute fast ausschliesslich jung getrunken. Auf den Weingütern gibt es kaum alte Jahrgänge zu kaufen. Die Geduld zu warten und zu lagern, zu hegen und zu pflegen haben nur noch wenige verbissene Weinliebhaber. Alte Weine stehen nur noch in Spitzenrestaurants – meist in Weingegenden – auf der Karte.

Für dieses kleine Segment der Sammler und Restaurants wird der Wein längst nicht mehr germacht, sondern für den raschen Konsum. Der starke Holzausbau wird zur Schmeicheleinheit, zur Konzession an den Trend beim Weinkonsum.

Vielleicht bin ich ungerecht. Doch die zwei Winzerbesuche haben meine These weitgehend bestätigt: Bei den Konsumenten (auch in unserer Gruppe von WeinliebhaberInnen) konnten eigentlich nur jene Weine „punkten“, die mit Holz übergossen sind. Die Einkaufslisten liefern den Beweis.

Auch bei einigen Produzenten beginnt ein Umdenken sich breit zu machen. Bei Albino Rocca wird Wert darauf gelegt, nur grosse Fässer einzusetzen (die geben viel weniger Holznoten ab), die Barriques sind fast ganz verschwunden oder dienen dem Ausbau spezieller Weine. Der Anteil an neuen Barriques wird immer kleiner, sagt man uns. Noch deutlicher ist dies bei Andrea und Rimo Sottima, wo zwar im Keller lauter Barriques stehen (keine Grossen Fässer), aber mit dem Holz behutsam umgegangen wird. Hier setzt man mit Erfolg auf natürlichen Ausbau: keine Zuchthefen, fast keine chemischen Mittel, weder im Keller noch im Rebberg. Mir hat dieses Weingut – und seine Weine – weitaus am besten gefallen. Vielleicht gerade deshab, weil hier Reben- und Weinpfleger am Werk sind. Die Weine sind unglaublich gehaltvoll, schon in jungen Jahren, auch ist ihre Struktur, ihre Eleganz und Aromenvielfalt deutlich zu erkennen. Aber- und dies ist für viele Weintrinker das Entscheidende: im Augenblick nur schwer zugänglich (weil gut fünf Jahre zu jung).

Es ist durchaus legitim, dass die Konsumenten jene Weine gut finden, die ihnen Genuss bereiten. Und dies sind im Augenblick "Holzweine". Die werden gekauft, sehr oft unabhängig vom Preis.

Die Winzer ihrerseits passen sich der Nachfrage an, denn nur so können sie ihre Produkte auch verkaufen. Damit beginnt ein Kreislauf, der verhängnisvoll ist, wenn man jene Weine liebt, die das Produkt einer Landschaft, einer Tradition, einer Rebsorte, eines Terroirs sind. Diese Erkenntnis - sie ist nicht ganz neu -  hat sich auf meiner Piemontreise festgesetzt, so fest wie kaum in einem andern Weingebiet.

24. Oktober 2011

 

Gegensätze

 

Viele Geschichten leben von Gegensätzen: reich und arm, berühmt und verkannt, gut und böse… Auch diese Geschichte liesse sich leicht so erzählen. Auf der einen Seite die „Weinfabrik“ mit einem Angebot etwa 18 Weinen im Angebot, der Produktion von jährlich 800‘000 Flaschen und einem Besitz von 44 Hektaren Reben – auf der andern Seite der Familienbetrieb mit gut fünf Hektaren, sechs verschiedenen Weinen und einer Jahresproduktion von knapp 22‘000 Flaschen. Die Rollen sind auch verteilt: der Reiche und der Arme, der Berühmte und der Unbekannte, der Geschäftstchtige und der Iealist….

Doch so einfach ist es nicht, im Leben nicht und auch nicht in dieser Geschichte, nicht einmal im präsentierten Weinangebot. Da gibt es nicht den guten und den schlechten Wein, den reichen und den armen Winzer. Doch da gibt es unterschiedliche Lebens- und Erfolgsentwürfe. Jenen des Grossunternehmens Prunetto, das zu einem noch grösseren Unternehmen gehört, zum Weinimperium Antinori und jenen des Kleinbauers, der seine Weine so macht, wie sie ihm gefällen und davon leben muss (kann),

Mir kommt es vor, als würde ein Warenhaus mit dem kleinen Laden „um die Ecke“ verglichen. Eigentlich ist klar, wo die Sympathien liegen: beim Kleinen, Persönlichen, Eigenständigen… Dieses Denken überträgt man gerne, ohne dass man sich dessen bewusst ist, auf die Weine: Dort die Massenware, da das individuelle Produkt, dort der Gewinn, da der Leidenschaft. Wenn es doch so einfach wäre!

Ist es nicht! Beide – Prunotto und Bocchino – machen guter Weine. Beide versuchen dem Boden, dem Klima, den Rebsorten das Beste abzuringen. Wenn meine Sympathie trotzdem bei kleinen Weingut liegt, dann hat dies viel mit mir zu tun, mit meiner Überzeugung, dass Wein nicht nur ein Konsumprodukt ist, sondern auch eine Seele hat. Es ist meine (vielleicht) idealistische Vorstellung, dass Wein lebt, sich entwickelt und dem gleichen Zyklus unterworfen ist, wie der Mensch, von seiner Geburt bis zu seinem Tod.

Doch da liegen in unserer Geschichte die Gegensätze. Wo beim Grossunternehmen die besten und perfektesten Maschinen eingesetzt werden, da behandelt der Kleinwinzer seine Weine wie geliebte Kinder. Er versucht sie individuell zu formen und zu erziehen, aber auch zu lieben und zu pflegen. Dies beginnt schon im Rebberg. Aussage: „achtzig Prozent des Erfolgs bei einem guten Wein bei der Arbeit im Feld. Wenn es da stimmt, dann entfalten die Weine (fast) von selbst ihre Pracht!“

Davon haben wir uns überzeugt. Die Weine der beiden Produzenten sind anders, sie haben unterschiedlichen Charakter, ja sogar unterschiedliche Temperamente. Doch es sind beides gute Weine.

Wenn ich trotzdem zum „Laden um die Ecke“ gehe, hat dies damit zu tun, dass ich glaube zu wissen, jedenfalls gespürt zu habe, dass Weine hier mit Gefühl, Liebe und Achtung vor der Natur erarbeitet werden, dass sie reifen dürfen, bis sie eine gewisse Vollkommenheit erreicht haben. Und dies ohne technische Mitteln und nicht in Massenhaltung, sondern im kleinen überschaubaren Rahmen, betreut von nur wenigen Personen, die mit dem Wein zusammen schon fast eine Familie bilden.

Hier würde ich auch ich mich wohl fühlen und selbst als Wein so leben wollen, da zuhause sein, so gehegt und gepflegt werden. Vielleicht eine romantische Vorstellung, vielleicht das Wunschdenken eines Weinbliebhabers. Wer weiss es? Jedenfalls ist diese Geschichte eher eine Liebesgeschichte, denn eine Story über Gegenspieler. Gerade das Zurückhaltende, schon fast Knorzige des Winzerehepaars hat mich überzeugt. Ihre Liebe und ihr Charme gilt zuerst den Weinen und erst dann den Kunden.

Fragen wir doch die Weine. Sie sprechen ihre Sprache: fester, warmer Duft; dunkle Farbe mit spielenden Reflexen; Kastanien, Zwetschgen, Veilchen; saftige, reife Beerenfrucht; Tannine, die Struktur geben, aber keine Gewalt ausüben; komplex, aber noch lange nicht ausgereift, vollendet. Dies habe ich dem Barolo „Lu“ von Eugenio Bocchino entlockt. Doch dies sind nur Worte, Weinsprachenhülsen.

Eigentlich wollte ich von dem Flirt mit den piemontesischen Weinen erzählen. Von den häufigen Rendez-vous mit der Rebsorte Nebbiolo, von den Lagen und den Winzern, von der Aufbereitung des Weins und dem Genuss. Nun ist es halt eine Liebesgeschichte geworden. Und wie immer, bei jeder Liebe, spielen auch die Atmosphäre, die Umstände, die Gegebenheiten des Ortes und der Menschen eine entscheidende Rolle. Deshalb ist dies auch eine Geschichte des Wohlseins und der Begegnung geworden. Eine versteckte Liebesgeschichte..