Wein Rallye # 48 - Schorle

von Wein im Gepäck, Sonntag, 21. August 2011 um 06:55

  

   En Gschprützte

  von Peter Züllig

  21. August 2011

 

Eigentlich war die Schorle bis in den letzten Jahren so gut wie unbekannt in der Schweiz. Was hingegen damit gemeint ist, kennen wir schon lange unter der Bezeichnung „Gespritzter“ oder mundartlich eben „en Gschprützte“ oder „en gschprütze Wiisse“ - und der ist im Sommer gar nicht so unpopulär.

 

Strand, Meer, Hitze. Die schönste Zeit für eine feine Schorle

 

Als bekennender Nicht-Bier-Trinker sitze auch ich ab und zu vor einem „Gchprützte“, vor allem bei sommerlichen Anlässen, bei denen man lieber die kühlere Nacht abwartet, bevor man zum Roten greift. Allein schon die Tatsache gefällt mir, dass sich „de Gschprützt“ bei Volksfesten wohltuend von der Bierlandschaft abhebt, so etwas wie Individualität wiederspiegelt, und – so jedenfalls meine Erfahrung – dauernd verteidigt werden muss, damit er nicht – schwupps – mit einer „Stange Bier“ ausgetauscht wird. Der Gespritzte strahlt auch etwas Beruhigendes, Gemütliches aus: „natürlech heds au en feschtbeiz wo mer das ganze gschehe gmüetlich ufemene bänkli bimene bierli oder emene gläsli gschprützte wiisse chan beobachte, sich es feins steak mit pommes innehaue und sich uf chöschte vo andere köschtlich amüsiere...“, steht in einem Festbericht.

 

Dorffest: Da hat auch "en Gschprützte" seinen Platz

  

Auch wer die Mundart nicht ganz versteht, kann leicht feststellen, dass da nicht von Bier gesprochen wird, sondern von einem „Bierli“ und zwar im gleichen Atemzug wie einem Glas „schprützte Wiisse“. Der schweizerische Diminutiv deutet an: es Bierli, es Wiili, es Gläsli … das liegt alles irgendwo zwischen Gemütlichkeit und Lebensfreude. Von Ernsthaftigkeit keine Spur.

Tatsächlich muss dem ernsthaften Weintrinker, der stundenlang über Tannine, Säure, Frucht, Terroir, Harmonie, Abgang und Weiss-nicht-was-noch diskutieren kann, die Schorle ein Gräuel sein. Wasser im Wein, das darf doch nicht sein. Und erst recht  „en süesse Gschprützte“, also Weisswein mit Limonade oder gar mit Cola, das stellt doch nichts anderes als den Untergang der Weinkultur dar. Mag sein, dass ich deshalb nur selten zur Schorle greife. Jedenfalls reuen mich meine Weissweine im Keller, um sie in ein sprudelndes, schlecht definierbares Getränk zu verwandeln.

 

Abendfstimmung zu Hause. Sonnenuntergang. Der "Gschprützi Wiisse" muss bald dem Roten weichen.

 

Damit ist klar: eigentlich bin ich kein häufiger Schorlen-Trinker, auch wenn ich diesem seltsamen Getränk – irgend etwas zwischen Wasser und Wein – die erfrischende Wirkung nicht absprechen kann, genau so wenig wie die kulturelle Bedeutung. Und die scheint eindeutig zu sein. So wird zum Beispiel im Groovy Schorle Clu „ungewöhnliche Musik gespielt: schräg, unterhaltsam und süffig! Das Knistern ist unüberhörbar!“ Die Schorle in musikalischer Form deutet es an: beschwingt, leicht, süffig.

Die Südfranzosen ziehen den Rosé jedem Mischgetränk vor. Für sie muss Wein Wein bleiben und nicht mit andern Flüssigkeiten gepanscht werden. Wein ist für sie Kultur und nicht Kult, wie es heute die modischen kir-ähnlichen oder eben schollen-ähnlichen Getränke sind, sogenannte In-Getränke wie Kir-Royal, Kir-Blackberry oder Kir-Kiwi. Eigentlich sind wir da schon bei den Cocktails angelangt und dies ist wieder ein anderes Thema.

 

Nicht ganz so streng ist man im Burgund, zumindest nicht an der Pforte zum Weingebiet, in Dijon, wo der Kir „erfunden“ wurde. Der ehemaligen Bürgermeister der Stadt, Félix Kir, einst Widerstandskämpfer, später Versöhnungspolitiker, hat seinem Lieblingsgetränk, Weisswein mit Crème Cassis, den Namen gegeben: Kir. Der wurde an offiziellen Anlässen ausgeschenkt, vor allem um die nach dem Krieg notleidende Likörindustrie von Dijon zu unterstützen. Inzwischen ist Kir weltmännisch geworden, jedenfalls weltmännischer als die Schorle.

 

Mein bevorzugter Ort für einen Kir: an einer Promenade in Südfrankreich

  

Zum Schluss ein kleines Geständnis: Es gibt nichts Schöneres als an Nachmittagen an der Promenade - in meinem zweiten Wohnort in Südfrankreich - in einem Bistro zu sitzen, den Schiffen zuzusehen, den vorbeiziehenden Menschenstrom zu beobachten, die getragenen, gezogenen, streunenden, an Leinen geführten und leinenlosen Hunde in einer Art Schönheitswettbewerb zu klassifizieren und dabei an einem Kir zu nippen. Stundenlang, wenn es sein darf. Der junge Kellner kennt das längst: „comme d’habitude?“ fragt er. Ja, wie gewohnt!