39. Weinrallye – Gastbeitrag von Peter Züllig

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Kommentar im "Vinum", wo der Beitrag erschienen ist:

 

“Wein & Humor” ist das Thema der 39. Weinrallye. Hier ein ganz wunderbarer Gastbeitrag, der sich mit dem vinologischen Hintergrund der wohl berühmtesten Geburtstagsfeier
                                                                             der Welt (oder zumindest 
                                                                            Deutschlands…) befasst.

 

NEUJAHRSEMPFANG MIT ZU VIEL WEIN


Von Peter Züllig

Wurde die entscheidende Frage je gestellt oder gar beantwortet: Was serviert Butler James am Silvesterabend Miss Sophie und den vier geladenen Gästen wirklich? Natürlich als erstes zur Mulligatawny-Suppe einen Sherry: „Ist das ein trockener Sherry, James? – Ja, ein sehr trockener Sherry, Miss Sophie. Sehr trocken. Heute Morgen frisch aus dem Keller geholt, Miss Sophie.“


Kein Wort wird darüber, welche Art von Sherry James da aus dem Keller geholt hat. Den leichten, trockenen Fino? Den etwas salzigen Manzanilla? Ich tippe eher auf den alkoholreichen, eleganten Amontillado (ganz einfach weil ich den Ausgang der Geschichte bereits kenne). Keiner der vier Gäste verliert ein Wort darüber. Es bleibt beim Cheerio, Skol und Ein-gutes-neues-Jahr. Nicht einmal Miss Sophie würdigt die erste der vier Weinrunden. Nur zur Suppe meint sie: „Delikat, James!“

Und schon serviert James den zweiten Gang: “Ein klein bisschen Nordsee-Schellfisch, Miss Sophie? – Ich denke, wir trinken Weißwein zum Fisch?“ 

 

Spätestens jetzt müsste eigentlich die Diskussion beginnen: welchen Weissen? In Deutschland wohl ein trockener Riesling, der könnte Admiral von Schneider besonders gut munden während Mr. Winterbottom einen etwas volleren Weissen vorziehen würde, zum Beispiel einen Meursault, oder denkt Sir Toby gar an einen Chardonnay? Auch darüber schweigt die illustre Runde.

 

Denn schon steht der nächste Gang an: „Bitte servieren Sie das Hähnchen! – Jawoll! – Der Vogel sieht aber sehr gut aus! – Das ist ein prachtvolles Ha… Ha… Hähnchen, das kann ich Ihnen sagen, ein prachtvolles … „ Bereits ist die Aussprache des guten James lädiert, musste er bisher doch schon acht Mal anstossen und immer wieder die Tücke des Tiegerkopfs spüren. Miss Sophie lässt gar keine Diskussion zu: „Ich denke, wir trinken Champagner zum Geflügel!“

 

Gottseidank hat James schon alles bereitgestellt, er wäre wohl nicht mehr in der Lage, eine gute Wahl zu treffen. Champagner zum Hähnchen? Schon ein etwas exquisiter Geschmack! Hähnchen im Champagner, das kann ich mir gut vorstellen. Aber Champagner zum Hähnchen? Doch James weiss Bescheid: „Dddie ggleiche Prossedur wie letztes Jahr, Miss Sophie?“ Ich jedenfalls würde einen leichten jungen Rotwein vorziehen: ein Shiraz, vielleicht sogar ein Cabernet Sauvignon oder gar ein Pinotage.

 

James und Sophie lassen uns keine Zeit und die vier wackeren Herren scheinen zunehmend betrunken zu sein. „Cheeerio! Schkolll! Mein-Sophie-Täubchen!“ Butler James registriert: „ Jetzt kommt der Laden in Schwung!“ Doch Miss Sophie ist unerbittlich: „Ich denke, wir trinken Portwein zum Obst!“ James resigniert: „Oh nein! Die g…g…g.leiche Prosseduhr wie letztes ….“ Er weiss, Portwein hat einen Alkoholgehalt um 20 Prozent. In diesem Zustand sind Marke und Jahrgang nicht mehr wichtig. Ruby, Tawny, Dona Antónia, Lágrima Quinta oder Vintage Porto? Egal, denn Sir Toby hört bereits die Glocken, „die süsser nie klingen“, während Admiral von Schneider die Hacken nicht mehr zusammenschlagen kann, Mr. Pommoroy den Wein verschüttet: „Tut mir leid, Madam, Entschuldigung“ und Mr. Winterbottom zur Blumenvase anstatt zum Glas greift: „…uuuh! Augen zu und Ex!“.

 

Miss Sophie, die alte vornehme Dame verabschiedet sich von ihren vier Liebhabern: „…Das war wirklich eine wunderbare Party!“ und weist den Butler, der inzwischen unsicher auf den Beinen balanciert, zum letzten Mal an: „Die gleiche Prozedur wie jedes Jahr, James!“ James, zwar stockbetrunken aber immer noch galant, geleitet die Dame nach oben: „Gut – ich werde mein Bestes tun!“

 

So zweideutig, eindeutig endet der wohl amüsanteste Sketch über einen grossen (oder zu grossen) Weinkonsums ohne auch nur einmal die Frage zu beantworten: was wurde denn eigentlich an diesem Abend getrunken? Welche Köstlichkeiten? Aus welcher Gegend? Mit wie vielen Parkerpunkten? Ein ganz unüblicher Partyverlauf. Vielleicht auch deshalb so amüsant und köstlich. Sollte es jemand geben, der den ungewöhnlichen Weinabend nicht erkennt: hier das Original – 13 Minuten Kult, seit vierzig Jahren am Silvester von vielen TV-Anstalten immer wieder wiederholt.

 

Herzlich
Peter Züllig