Altweinerlebnis in Oberhausen

Es hat sich längst herumgesprochen – ich verteile ungern Punkt, jedenfalls notiere ich sie nicht. Während eines Weinevents, da versuche ich mich mitunter in Punkten zu erklären, nutze die Punktordnung um mich auszudrücken: etwas besser, etwas schlechter, wunderbar, fehlerhaft…. Weil diese Punkteordnung nur der Massstab des Abends ist, reisen meine Punkte nicht mit mir nach Hause, sie bleiben zurück, wo sie spontan – als Hilfsmittel – formuliert worden sind. Nach Hause aber reisen die Erlebnisse, die Eindrücke, die glücklichen und weniger glücklichen Momente…. Ich versuche nicht, sie mit dem Aufwand (auch dem finanziellen) aufzurechnen, versuche nicht Bilanz zu ziehen, versuche nicht zu verifizieren ob Parker und andere Gurus richtig oder falsch gepunktet haben. Ob mir dies immer gelingt, bezweifle ich zwar selber; deshalb halte ich mich mit Urteilen auch meist zurück. Mir geht ganz einfach die Rolle des Inquisitors ab, an einem schönen Weinabend. Vielleicht auch deshalb, weil ich weiss, dass sich Glück nicht kaufen lässt. Auch Wein-Glück oder –Genuss nicht.

Nach dieser Präambel nun – in meiner Art – ein paar Gedanken zu den Weinen des Abends. Es begann nach dem interessanten und für mich ungewohnten Vorspiel (1998 Incognito-Alentejo) mit zwei "kleineren alten Bordeaux", die mich hervorragend eingestimmt haben. Da kam mein Aerger bereits auf: keine grossen Namen, schwups unterbewertet. Ich beschliesse – innerlich – nicht mehr zu punkten. Dann der 61er Cos d’Estournel: deutlich bester Wein bis dahin – grenzt an die 90er oder übersteigt sie – ich freue mich über den schönen Weinabend – geniesse alte Weine, die mal etwas besser, mal bescheidener sind. Nur der Latour à Pomerol ist ein Ausfall (Schimmel) – der Petrus – diesmal der 1953er - wie immer bei Petrus: riesige (übersteigerte) Erwartungen auf Grund des Preises und weltweiten Lobs, dann die Enttäuschung. Es ist ein alter Wein, ein guter alter Wein, ein sehr guter alter Wein, aber nicht jener Ueberflieger, den man glaubt, kaufen zu können.

Alte Weine sind unberechenbar. Alte Weine sind Abenteuer. Ich fühle mich auf abenteuerlichen Pfaden im Regenwald (kürzliches Erlebnis): da gibt es kaum Ordnung, keine wunderbar geraden Stämme, keine gepflegten Wege. Da muss ich mich „durchschlagen". Wenn ich dazu nicht bereit bin auch die Schönheiten im Wildwuchs, ihre Einmaligkeit zu sehen, dann besuche ich eben lieber einen Botanischen Garten. Da ist alles gepflegt, etikettiert, Unpassendes ausgemerzt, geordnet…. ich kann nachlesen was mich erwartet. Im Regenwald, im Dschungel, ist alles anders…. Es braucht den Abenteuer, der das nicht konform Gewachsene akzeptiert, ja geniesst; der allmählich bemerkt, dass er gewisse Werte und Freuden nur da bekommt, im Dschungel, im Regenwald der Altweine. Wenn man da immer auf das legendäre Einhorn wartet, oder auf den nicht minder legendären Jety, der muss unglücklich werden, wenn die Fabelwesen nicht auftauchen, das strahlende Einhorn nicht zu finden ist und vom Jety nur die Spuren zu sehen sind. Das Einhorn kam diesmal nicht, auch die Spuren des Jety waren etwas verwischt. Ist deshalb das Abenteuer „Altwein" – der Aufbruch in den Wein-Regenwald – missglückt. Nein – im Gegenteil! Das Abenteuer und nicht die Jagdbeute ist entscheidend. Ich habe – meine ich – das Abenteuer einmal mehr gut in Erinnerung, die Weine haben standgehalten. Es war kein Einhorn und kein Jety dabei, vielleicht gibt es diese Gestalten nur in unserer Phantasie, in unserem Glauben an mythische Dimensionen.

Was ist, wenn dieser Mythos an einem Abend nicht auftaucht nicht eintritt? Sind die realen Stämme und Bäume, die Sträucher und Pflanzen, zu wenig attraktiv? Im übertragenen Sinn: sind die genossenen Weine ein minderes Erlebnis? Zu wenig attraktiv? Für mich waren sie – gesamthaft gesehen – ein tolles Erlebnis, eben ein Abenteuer „Altwein".

Vielleicht muss man eben auf diesen Abenteurreisen mit ungepflegteren Wäldern vorlieb nehmen, den Botanischen Garten, die geordneten, bolzengeraden Stämme vergessen und das finden, was an Erlebnis und Genuss bei einem bleibt. Das ist viel, sehr viel sogar. Darum gehe ich lieber in den Regenwald als in den Botanischen Garten. Da ist es mir wohler.

Das europäische Wein-Netzwerk