Herbststart bei den Weinauktionen (2011)

Eine Analyse

von Peter Züllig

 

Bei Wermuth konnte ich nicht dabei sein, habe mir aber von vertrauenswürdigen Freunden erzählen lassen und die erzielten Ergebnisse analysiert. An der Weinbörse aber nahm ich teil. Auf den ersten Blick sieht es bei Wermuth erfreulicher aus, während die Weinbörse eher zu kämpfen hatte. Dies spiegelt sich in den abgesetzten Lots wieder. Weinbörse hat 67 Prozent (von 1392 Lots), Wermuth 85.5 % (von 1231) abgesetzt.

Wenn man genauer hinschaut, sieht die Sache allerdings anders aus: Ein starker Einbruch hat bei beiden Auktionen stattgefunden, die Goldgräberstimmung und das damit verbundene „Wir-zahlen-alles“ sind vorbei. Die Preise passen sich neu dem Markt an, der hohe Franken und die konjunkturelle Unsicherheit schlagen sich deutlich im Auktionsgeschäft nieder.

Der Unterschied in den Resultaten der beiden Auktionshäuser liegt fast ausschliesslich in der Art der Vermarktung. Während die Weinbörse den „untern Schätzungspreis“ nie unterschreitet, dem Einlieferer also Gewähr bietet, für einen realen Mindestpreis, arbeitet Wermuth mit „Gummipreisen“; die angegebenen Werte sind Richtpreise, mehr nicht. So hat Wermuth einzelne Lots bis zu 50% unter dem unteren Schatzungspreis „verschleudert“, während die Weinbörse am Mindestpreis festhält, auch wenn sich kein Käufer finden sollte. Zudem hat die Weinbörse eine „Nachauktion“ bei der - noch während kurzer Zeit - zurückgebliebenen Lots ohne Gegengebot zum Ausrufpreis erstanden werden können. Erfahrungsgemäss gehen da mehr als die Hälfte der zurückgebliebenen Lots weg, so dass die Schlussabrechnung in Bezug auf abgesetzte Lots bei beiden Auktionen ähnlich aussehen wird.

 Viel interessanter sind die erzielten Preise. Lafite Rothschild, der Abräumer vor der Sommerpause – und zwar zu Phantasie- respektive Spekulationspreisen – hat deutlich nachgelassen, vor allem im Segment für Sammler und Weinliebhaber, also bei Einzelflaschen und beschädigten Etiketten.  

Wermuth bietet viel 12er-OHK (Originalholzkisten) aus renommierten Sammlungen an (diesmal offen deklariert aus dem Weinkeller vom Starkoch Felix Real ) und diese sind natürlich im internationalen Handel (auch in eher kriselnden Zeiten) gesucht. Da bietet kaum ein privater Sammler, schon gar nicht einer der vielen Weinliebhaber, die auf Auktionen Schnäppchen und Raritäten suchen für den eigenen Keller.

Doch selbst bei Wermuth blieb Lafite mit verschmutzter Etikette oder Einzelflaschen – sogar der gesuchte 1990er – liegen, nicht viel anders als an der Weinbörse.

René Gabriel öffnet eine Jereoboam in der Pause zum Imbiss
René Gabriel öffnet eine Jereoboam in der Pause zum Imbiss

Nehmen wir den Spitzenjahrgang 1982 – eine 6er Kiste ging bei Wermuth für 22‘000 Fr. (hier immer Netto-Preise – der effektive Verkaufspreis ist um rund 20% höher), die Flasche also zu 3‘667 Fr. (Schätzungspreis 24‘000-30‘000 Fr., die 6er Kiste). Bei der Weinbörse ging eine Flasche zum Mindestpreis von 3‘800 Fr. zurück. Bei diesem Beispiel eines gesuchten Spitzenweins ist deutlich zu sehen: die Preise sinken, selbst im grossen Weinverschiebungsgeschäft. Bei nicht so grossen Jahrgängen, leicht verschmutzten Etiketten und nicht ganz perfekten Füllständen ist dies noch weit deutlicher. Auch hier ein Beispiel. Bei Wermuth: 1 Flasche Lafite 1970 (Schätzung 450-700 Fr.), Füllstand Top Shoulder erzielte 330 Franken. An der Weinbörse: 9 Flaschen Lafite 1970 (2‘200 -4‘500), ähnlicher Füllstand, ging zurück, da wäre die Flasche für 244 Fr. zu haben gewesen.

Mittagspause. Im Vordergrund Degustationsweine.
Mittagspause. Im Vordergrund Degustationsweine.

Vergleiche sind immer sehr schwierig, da die „Philosophie“ der verschiedenen Auktionshäuser und ihre Kundschaft sich stark unterscheiden. Während Wermuth im internationalen Wein-Auktionsgeschäft tüchtig mitmischt, ist die Weinbörse eher ein Auktionshaus für Weinliebhaber und –sammler. Die fixen Mindestpreise und die seriöse Kalkulation bieten den Einlieferern ein Höchstmass an Sicherheit und Fairness. Bei Wermuth hingegen gleicht das Ganze oft einer Lotterie, je nachdem ob das Lot verramscht werden muss oder nicht. Schnäppchenjäger können bei der Weinbörse kalkulieren, bei Wermuth eher spekulieren. Ein paar Beispiele: 12 Fl. Fieuzal blanc 1993 (Schätzung 240 – 420 Fr.) zu 100 Fr. (8.35 Fr. die Flasche); 3 Fl. Montrose 2003 (Subskriptionspreis einst um 160 Fr.) gingen zu 400 Fr. (133 Fr. – brutto: 161 Fr., also etwa zum Subskriptionspreis); 6 Fl. Léoville Poyferré, 1999, OHK, (330-420) ging zu 280 Fr. (46.50 Fr. netto oder 57.10 brutto die Flasche – Subskriptionspreis damals um 65 Fr.).

Nicht nur die schriftlichen Angebote (knapp 50%), auch der Aufmarsch hielt sich in Grenzen.
Nicht nur die schriftlichen Angebote (knapp 50%), auch der Aufmarsch hielt sich in Grenzen.

Natürlich ist es eine Frage, wie die Schätzungspreise angesetzt werden. Bei Wermuth ging so ziemlich alles (ausser den Top-Shots) deutlich unter dem unteren Schatzungspreis, bei der Weinbörse war es mehr als die Hälfte, die den Ausrufpreis nicht überschritt. Die Schätzungs- und Ausrufpreise waren in beiden Auktionen – das zeigen die Ergebnisse – wohl deutlich zu hoch angesetzt. Inzwischen hat sich der Auktionsmarkt offensichtlich nach unten entwickelt.

Nehmen wir zwei der aufgeführten Beispiele: Léoville Poyferré, 1999, erzielte anfangs Jahr noch 80 Fr. die Flasche, jetzt nur noch annähernd die Hälfte. Oder Montrose 2003 wurde zu 250 Fr. (brutto) versteigert, jetzt noch zu 160 Fr. Es ist eindeutig: der überhitzte Markt hat sich abgekühlt.

Die überteuerten Subskriptionspreise beim Bordeaux – und die undurchsichtige Tranchenpolitik der Weingüter – lassen auch den Primeurmarkt stocken (mit Ausnahme der Weine, die nur noch für das grosse Geschäft mit China, Russland etc.) bestimmt sind. Die Lager der Wein-Grosshändler sind prall gefüllt mit überteuerten Weinen, vor allem der Jahrgänge 2001, 2002, 2003, 2004, 2006, 2007, 2008. Selbst die „Jahrhundertjahrgänge“, die hochgejubelten Zwillinge 2009 und 2010 (werden erst ausgeliefert) suchen noch immer Käufer.

Inzwischen tauchen auch die damals als Jahrtausendjahrgang gepriesenen 2000er immer häufiger auf, sowohl in den Weingeschäften als auch bei Auktionen. Die damals verheissene Rendite ist weitgehend ausgeblieben (mit wenigen Kultausnahmen). Die sogenannt „kleinen Weine“ lösen kaum mehr den damaligen Subskriptionspreis, in der Regel sogar deutlich weniger. Selbst die „Grossen“ stellen nicht jenes „Bombengeschäft“ dar, mit der die damalige Preishausse begründet wurde. Beispiele: Lafite Magnum (1.5 Liter) ging an der Weinbörse für 3800 Fr. (1‘900 die entsprechende Normalflasche) nicht weg – noch vor Monaten wurde für die Normalflasche 2‘500 und mehr Franken bezahlt. Dabei ist Lafite der eigentliche „Ueberflieger“. Nehmen wir „normale“ Spitzenweine, zum Beispiel: Léoville Barton 2000, er ging für 110 Fr. nicht weg (brutto 140 Fr., damaliger Subskriptionspreis um 80 Fr.) oder Pontet Canet 2000 erzielte brutto 71 Franken (in OHK), er kostete damals ca. 80 Fr. in der Subskription.

Der Bordeaux-Markt (und der ist nebst Burgund für die Auktionspreise bestimmend) schwächt deutlich ab. Dazu haben die unverhältnismässigen Primeurpreise wesentlich beigetragen. Der Ruf einer Weinregion ist durch die Spekulationsgier und das Nimmersatt der grossen Châteaux deutlich ramponiert. Leidtragende sind die kleinen Bordeaux-Güter, ohne klingenden Namen, die zu kämpfen haben und oft nahe am Ruin stehen. Zudem gibt es immer mehr gute, ja ausgezeichnete Weine aus vielen andern Regionen auf dem Markt. Weine, die immer häufiger auch mit Spitzenbordeaux mithalten können, aber keinen Bruchteil von dem kosten, was man in Bordeaux glaubt verlangen zu können.

Die Preis-Entwicklung an Auktionen bei den Italienern – die in der Spitze den Bordeaux-Preisen wenig nachstehen – aber auch der Kalifornier und Australier zeigt den Trend. Fast alle Preise sind eingebrochen, viele Top-Weine gehen nicht weg. Zum Beispiel gingen bei der Weinbörse von 21 Lots diverser Sassicaja zehn Lots überhaupt nicht weg, der Rest ausnahmslos zum untern Ausrufpreis (Mindestpreis). Ein ähnliches Bild zeigt auch die Auktion von Wermuth, wenn auch nicht so deutlich sichtbar, weil die Preise da recht flexibel sind, aber auch deutlich unter die Schätzungswerte rutschen.

Es ist noch kein halbes Jahr her, an den letzen Auktionen vor der Sommerpause, da waren kaum bedeutende Weine im Bereich des unteren Schätzungswerts zu erstehen, meist lag der Kaufpreis näher beim oberen Wert oder sogar deutlich darüber. Das Gesamtbild ist heute ganz anders. Der Weinfreund kann nur hoffen, der Durchlauferhitzer reguliert sich wieder bei „normalen“ Preisen. Dann erst macht das Sammeln und Trinken von grossartigen Weinen, auch mit „grossen Namen“ wieder ansatzweise Spass. Bis es so weit ist – und ich bin überzeugt, es wird soweit kommen – wird in Regionen wie Bordeaux nicht einfach Wein verkauft, sondern es werden Spekulationsgüter auf den Markt geworfen. Zum Nachteil und Aerger der Weinliebhaber. 

Zudem gibt es ausserhalb der Börse immer mehr gute, ja ausgezeichnete Weine, mit denen nicht spekuliert wird, sondern die getrunken werden. Daran haben wir doch alle die weit grössere Freunde.