Archiv Getrunken: 2011/2 (Juli - Dezember)

31. Dezember 2011

 

 

Château Latour: Latour 1989,

Pauillac, Bordeaux

  

 

Zugegeben, ein Latour kommt - auch bei mir Bordeauxliebhaber – nur selten ins Trinkglas. Viele Jahrgänge habe ich in Degustationen – meist eher in homöopathischen Mengen – probiert, aber eben „nur“ probiert. Irgendwann aber ist es Zeit, ein paar der gehüteten Schätze ihrer Bestimmung zuzuführen, dem Genuss. Silvesternacht ohne Party – „die Gelegenheit ist günstig“, Latour 1989 wird entkorkt und kommt – wie jeder Bordeaux bei mir, auch die „Kleinen“ – in die Karaffe. Rechtzeitig, denn in der letzten Zeit habe ich einige Weine zu spät aus dem Keller geholt. Das vom spontanen Griff in das Weinregal will eben doch nicht so richtig funktionieren. Beim Entkorken – ich gebe es zu – war ich enttäuscht: es drang nicht dieser starke, betörende Duft aus der Flasche, wie bei so manchem Wein, der in Parkers höchsten Punktekörbchen Eingang gefunden hat. Die Nase war eher dezent, verhalten, wohlig aber nicht betörend. Parker hat dem Wein ja zuletzt (2000) auch nur 89 Punkte gegeben. Kein Parker-Wein also. Die letzte offizielle Parker-Verkostungsnotiz liegt auch schon 11 Jahre zurück. In dieser Zeit ist offensichtlich viel geschehen, in der Flasche. Der Wein gehört so ziemlich zum grössten Weinerlebnis des vergangenen Jahres. Und an Weinerlebnissen war das Jahr ja nicht gerade arm (siehe die Rubrik: getrunken). Gabriel notierte vor einem Jahr: „….beginnt buttrig süss, trotz seiner inneren Trockenheit, fleischig und ziemlich mächtig. Legt zu…“. Dieses „legt zu“ hat mich bewogen, die Flasche jetzt, fast zwei Jahre später, zu öffnen. Und ich habe gut getan. Wir hatten an diesem letzten Tag im Jahr einen feinen, ausgewogenen, reifen Wein im Glas, einen Wein, wie ich ihn eigentlich nur selten angetroffen habe. Vielleicht keinen 100- oder 20-Punkte Wein, dazu fehlte es ihm vielleicht an Power, an schlagender Kraft. Ich begegne „schlagenden“ Weinen immer mit besonderer Zurückhaltung. Wohl zu recht! Wenn ich Bilanz ziehe – das Jahresende ist ja die Zeit Bilanzen – dann sind fast alle Erinnerungen an „schlagende“ Weine längst verblasst, verschwunden, getaucht. Geblieben sind Eindrücke von Weinen, die – in der Musik würde man sagen – Kompositionswille oder –talent verraten. Der gestrige Wein gehört dazu. Man hat dem Wein lange Zeit Trockenheit nachgesagt, er stand auch deutlich im Schatten der 90er-Weine, denen man generell – auf Grund der Jahrgangsbeurteilung – mehr Potential zutraute. Wieder einmal offenbart die Realität ein etwas differenzierteres Bild: der 89er ist heute mindestens so gut, wenn nicht besser, als der 90er (der noch immer viel höher gehandelt wird). Drei, vier Stunden habe ich den Wein dekantiert, dann war er da: mit dezenter, aber frischer Frucht; im Gaumen nicht riesig, aber fleischig und elegant; im Abgang warm, weich und laaaang. Wie schon gesagt: kein Powerwein, aber ein bleibendes Erlebnis, das nicht durch Kraft und Stärke dominiert oder gar totgeschlagen wird.

30. Dezember 2011

 

Château Léoville Barton:

Léoville Barton 1994, Saint Julien, Bordeaux

 

Es zeigt sich wieder einmal, Weine von der Qualität der sogenannten „Supersecond“ entziehen sich oft der generellen Jahrgangsbeurteilung. Das heisst: sie sind in der Regel länger haltbar und entwickeln sich nicht selten deutlich besser als andere Weine der gleichen Region oder Appellation. Léoville Barton gehört zu diesen Weinen. Nun ist 1994 kein besonders guter Jahrgang, damals nach den noch schlechteren 1991, 92 und 93 allerdings mit viel Lob bedacht. In den 90er Jahren war die Jahrgangsbeurteilung auch noch viel wichtiger als heute, denn inzwischen gibt es – wie René Gabriel sagt – eigentlich keinen „schlechten“ Jahrgang mehr. Es gibt gute und schlechte Weine, es gibt bessere und schlechtere Bedingungen, es gibt einen kleineren oder grösseren Aufwand, es gibt mehr oder weniger Können… Doch mit dem heutigen Wissen, mit den technischen Möglichkeiten und dem Aufwand, der heute betrieben wird, können fast alle Naturkapriolen ausgeglichen werden. Die Jahrgänge sind – bei den ambitionierten Bordeaux-Winzern – fast immer zumindest gut – nicht nur in der Werbung. Generelle Jahrgangslisten verlieren daher zusehends an Bedeutung. Im Jahr 1994 war dies weitgehend noch anders. Der Aufbruch zum „neuen Bordeaux“ (nicht nur bezüglich der Preise) hat da erst begonnen, High Tech fand erst allmählich den Weg in die Caves, der Einfluss der gut ausgerüsteten „Flying Winemakers“ begann erst zu greifen. So ist der Léoville Barton 1994 sozusagen noch ein ehrlicher Wein; ein Wein, der den Jahrgang durchaus wiederspiegelt. Und doch hat er sich besser entwickelt als erwartet: er ist noch voll da mit seinen Aromen, mit seiner Nase, in seiner Struktur, mit seinem Abgang. Zugegeben, nicht ein Power-Wein, wie er vom Bordelais zusehends erwartet wird. Er ist saftig, aber trieft nicht, er hat Struktur, doch diese löst sich im Gaumen auf, verschmilzt zu einem Gesamtbild, zu einem dezenten, aber feinen Genuss. Es ist der letzte 94er in meinem Keller und ich habe den Eindruck, er ist immer feiner, nobler geworden, er entwickelt jetzt auch eine schöne Süsse im Gaumen.

29. Dezember 2011

 

Tokara: Director's Reserve 2006, Stellenbosch, Südafrika

 

 

Man merkt es, ich bin wieder einmal in der Weinhandlung für südafrikanische Weine gelandet. Wohl in Erinnerung an unsere Namibia-Südafrika-Reise vor bald einmal zwei Jahren. Ich kann es einfach nicht lassen, mich zu erkundigen über das, was gerade „en vogue“ ist, was ein Händler mir besonders empfiehlt oder was in einer „Aktion“ verbilligt angeboten wird. Die Suche gilt diesmal einem "besonderen" Bordeaux-Blend, also einem Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot, meist mit einem kleinen Anteil anderer Traubensorten, die oft bordeauxfern sind. Ein – für Bordeauxverhältnisse – relativ günstiger Wein, eine Cuvée aus Cabernet sauvignon (82%), wenig Merlot (8%) und verhältnismässig viel Petit Verdot (10%). Sie wäre eindeutig im Haut-Médoc anzusiedeln. Die Frage: was wäre da etwa zum gleichen Preis (knapp dreissig Franken) an 2006er im Handel erhältlich? Dies sind zum Beispiel : Boscq (St-Estèphe), Belgrave (Haut-Médoc), Croizet-Bages (Pauillac), Gloria (St-Julien) oder Labégorce (Margaux). Mit all diesen Weinen kann es der Südafrikaner aber gut aufnehmen, ja er überflügelt sie beträchtlich. Am besten zu vergleichen wäre er etwa mit La Lagune, doch der war schon 2006 deutlich teurer (mehr als 50 Franken). Ab und zu liebe ich solche Preisspiele, vor allem, wenn ich die vergleichbaren Weine recht gut kenne und schon oft (auch) mit Genuss getrunken habe. Vor allem jetzt, da ich gerade einen vollen, würzigen, aromatischen, ausgewogenen Wein aus Südafrika im Glas habe, der – Erinnerung an die Weihnachtszeit? – auch etwas von einem Lebkuchenduft ausströmt und mit schon gut geschliffenen Tanninen einen doch erstaunlich langen Abgang bereitet. Ich erfahre es immer wieder, es lohnt sich die Nase ab und zu über den eigenen Standard-Glas-Rand zu heben und in anderen Gegenden, zu anderen Weinen spazieren zu führen.

27. Dezember 2011

 

Jeremy Walter: Grangehurst

Cabernet Sauvignon/Merlot 2003, Stellenbosch, Südafrika

 

Auf der Suche nach „Piraten“ für Bordeaux-Degustationen bin ich auf einen Südafrikaner gestossen, der das Potential hat, so manchem „modernen“ Bordeaux den Rang abzulaufen. Ein Platter-5-Sternwein, der wirklich Bordeaux-Qualitäten hat und jetzt nach acht Jahren trinkreif ist. Cabernet-Sauvignon-betont (72%) - mit der Merlot-Wärme eines Saint-Emilion. Ein „Hammerwein“ für den kurzen Genuss, zwar
mittelschwer (also nicht eine der häufigen Südafrika-Bomben), deutlich holzgeprägt, das Holz aber nicht so ausgeprägt (störend), wie bei so manchem Wein im  Bordeaux-Stil. Der Preis knapp dreissig Franken. Zweifellos ein hervorragender Wein, der Sterne verdient, vielleicht sogar die fünf. Doch für mich nicht eine wirkliche "Entdeckung". Dafür ist er mir zu "einfach-gut", konsumgeprägt (das darf ja ein Wein durchaus sein!) und zu wenig raffiniert. Zwischentöne, die ich im Wein suche und immer wieder geniesse, fehlen (fast) ganz. Ein hervorragender Show-Wein, dem man die Qualität nicht absprechen kann. Und doch: vielleicht zeigt
unser spontanes Verhalten gegenüber dem Wein etwas von dem, was wir
ohne es auszusprechen empfinden. Ein Rest in der Flasche bleibt
stehen, den ganzen Abend. Dies ist nicht eine Frage der Menge (der
Abend ist lang!) - sondern des "Suchtpotentials" - er macht uns
rasch einmal satt.

26. Dezember 2011

 

Azienda Agricola Campogrande: Cinqueterre 2008, Ligurien

 

Noch selten war ich so verunsichert – in einem gewissen Sinn sogar ratlos – wie beim Trinken dieses Weins. Eigentlich nur zu entschuldigen mit meinen verhältnismässig geringen Kenntnissen in Sache Weisswein. Es fehlen mir vor allem die sensorischen Vergleichswerte. Da gibt es eine Traube namens Bosco, von der das Oxfort Weinlexikon (Jancis Robinson) sagt: „Schlichte Weissweinrebsorte in Liguren“ und „der renommierteste Wein Liguriens, der weisse Cinqueterre, verdankt seine Berühmtheit vermutlich vor allem den Weinbergen, in denen er wächst: in schwindelerregender Höhe über dem Ligurischen Meer in den Felsen gehauene Terrassen.“ Der Cinqueterre besteht aus 90 Prozent Bosco und 10 Prozent Albarola. Albarola? Nochmals ein weisser Fleck in meinem Weinwissen: „Neutrale Weissweintraube, die in der nordwestlichen Anbauzone Cinqueterre recht häufig angebaut wird.“ (Weinlexikon). Doch – wie ist der Wein aus diesen Trauben? Wie schmeckt er, welche Eigenschaften hat er, womit kann man ihn vergleichen? Fragen über Fragen. Meine Frau hat da ein rasches Urteil: nein und sie schiebt mir ihr Glas zu. Und ich? Ich suche nach Worten, nach Begriffen, die über „interessant!“ hinausreichen. Meine Frau, die in diesen Dingen weniger zimperlich und spontan ist (sie schreibt auch nicht!), bemerkt: „Saurer Most!“ Tatsächlich ist dies eine Assoziation, die nicht ganz falsch ist: gesalzen und gepfeffert, versuche ich zu ergänzen. Der Wein kommt aus „gutem Haus“ (Elio Altare und Antonio Bonanni) – ist also sicher einer Betrachtung wert, auch wenn er ganz anders ist, als das, was ich bisher an guten Weissweinen im Glas hatte. Aber wie ist er? Ein Vergleich kommt mir beim besten Willen nicht in den Sinn. Auch ändert er sich – so habe ich das Gefühl – stark, während er im Glas ist. Der anfängliche „Most-Eindruck“ verzieht sich, es entwickelt sich so etwas wie Volumen, auch Frische, bei aller Erdigkeit, auch so etwas wie Firnis macht sich bemerkbar und – Mineralität. Ich versuche mich zurechtzufinden: denke an die phantastische Landschaft der Cinqueterre und verliere immer mehr die Sprache (von einem Urteil kann man schon gar nicht reden!).

Ich greife zum Äussersten: zum Taster oder besser zum „Impitoyable“, jenem „unbarmherzigen“ Spezialglas, das sonst immer im Kasten ruht und kaum je gebraucht wird. Doch sein Einsatz bringt auch wenig Klärung. Ich kann den Wein schlicht nicht einordnen. Sobald ich zu einem Schluss komme, fehlt wieder etwas, zum Beispiel die etwas Frische. Schon zu warm, zu kurz oder zu lange offen, eine schlechte Flasche, eine Frage der Geschmacksgewöhnung? Ich weiss es nicht. Ich möchte dem Wein nicht unrecht tun und werde warten, bis ich – hoffentlich bald einmal – einen andern, vergleichbaren (oder gar den gleichen) Wein wieder im Glas habe. Ich will ihm näher kommen, auch ohne „Impitoyble“, weil er zumindest (für mich) interessant ist und weil ich die einmalige Landschaft der Cinqueterre libe.

25. Dezember 2011

 

 

Château Ausone: Ausone 1993

Saint-Emilion, Bordeaux

 

 

Eine Flasche Ausone wird auch vom erklärten Weinliebhaber nur selten geöffnet. Irgendwie ist dieser generell hervorragende Wein – einer der beiden Premier Grand Cru Classe A in Saint-Emilion – inzwischen aber jenseits jeglicher Preisvernünftigkeit. Kostet doch eine einzige Flasche 2010 (en primeur) um 1‘500 Euro. Nun – der 93er stammt aus einer Zeit, als Bordeaux-Weine preislich noch Bodenhaftung hatten; zudem war es ein „weiterer Jahrgang, der unter erbärmlich schlechten Witterungsbedingungen eingebracht wurde.“ (Parker) Also kein guter Jahrgang. Leichtgewichtig meint Parker, aber auch „..es ist der letzte noch zu einem vernünftigen Preis erhältliche Jahrgang der 90er Jahre.“ So sehe ich es auch, obwohl der Wein damals so um 100 Schweizerfranken gekostet hat, vor zehn Jahren - in der Auktion – schon fast das Doppelte. Heute wird er für knapp 300 Euro angeboten (in Auktionen oft noch höher). Nun – meine Flasche stammt aus den ersten Käufen dieses Jahrgangs und muss jetzt wohl getrunken werden. Gabriel gibt ihm zwar noch eine Chance bis 2015, Parker meint bis 2010. Doch dies sind eher Spekulationen. Weihnacht ist sicher ein Tag, wo sich Neugier, Genuss und Freude treffen können. Also will ich es versuchen! Der 93er Ausone ist in der Nase geradezu betörend, ein wunderbar feiner, fühliger Weinduft. Herrlich. Im Gaumen dann aber – nicht gerade Enttäuschung – eher Ernüchterung im Gaumen. Noch einigermassen aromatisch, schmeichelnd, leichte Bittertöne, schöne, dezente Frucht. Die Tannine nicht nur abgeschliffen, schon eher abgeschmolzen. Der Abgang entsprechend verhalten und etwas flach. Sicher ein schöner Wein, für einen 93er sogar ein sehr guter. Aber verdient er auch seinen Kultstatus? Und dann – im Hinterkopf – immer wieder das Preis-Leistungs-Denken. Ich weiss, dies ist materialistisch, so gar nicht weihnachtslike. Ein „echter“ Weinliebhaber frägt nicht nach Preis und Kult, urteilt allein auf Grund seiner Wahrnehmung, seiner sensorischen Eindrücke. Verzeihung: so funktioniere ich nicht. Kult hat auch beim Wein seinen Platz und der Preis ebenfalls. Und da lohnt es sich, vielleicht doch einmal über die Bücher zu gehen. Nicht nur beim Ausone.

22. Dezember 2011

 

M. Plouzeau: Chapelle Chinon, 2008, Loire

 

Wie sehr der Wein als Essensbegleiter je nach Mahlzeit anders schmeckt, habe ich heute wieder einmal erfahren. Ich bin ein Liebhaber der Loire-Weine, vor allem der reinen Cabernet Franc. Und es muss nicht einmal einer aus der höchsten Liga sein, einfach gut gemacht, mit stark würzigen Noten und verhältnismässig (im Vergleich) wenig Tannin, mitunter auch leicht vegetabilen Noten. Eigentlich ist der Cabernet Franc ein filigraner Wein, nicht ganz einfach wirklich gut in die Flasche zu bringenden; ein Wein, den ich gerade wegen seinen Feinheiten liebe, sofern diese nicht im Holz erstickt werden. Ich war diesen Sommer an der Loire und habe von dieser Reise ein paar wenige Flaschen mitgebracht. Keine besondere Selektion, einfach das, was mir bei meiner Loire-Schlösser-Tour so begegnet ist. Zum Beispiel, ein Wein vom Château de la Bonnelière, eben diesen „Chapelle Chinon“ 2008. Natürlich werde ich jetzt gescholten: viel, viel, viel zu jung. Und man hat mir im Sommer – auf Grund meiner Kolumne – auch deutlich zu verstehen gegeben: es gibt bessere Weine an der Loire, als die, welche du mitgebracht hast. Mag sein: Bisher habe ich die Weine zuhause immer mit einigem Vergnügen getrunken. Nur gestern wollte der Wein einfach nicht auf Touren kommen. Stiefmütterlich begleitete er den Abend. Schuld daran war wohl das Essen: eine Siedfleischsuppe mit Würstchen. Der Wein war eigentlich nicht als Essensbegleiter gedacht, sondern für nachher – zum teils Gesprächs- teils Fernsehabend. Das erste halbe Glas habe ich noch zum Essen getrunken, wohl wissend, dass es nicht unbedingt ein „Wein zur Suppenwurst“ ist (sofern es überhaupt so etwas gibt). Doch der Wein war den ganzen lieben Abend nicht der Wein, den ich an der Loire getrunken habe. Und dies lag bestimmt nicht am Keller, vielmehr am Essen. Dieses – obwohl überhaupt nicht scharf, vielleicht eben gemüsig – hatte einen unendlich langen Abgang, dem der Wein – auch nach zwei Stunden – nicht standhalten konnte. Eine interessante Erfahrung.

21. Dezember 2011

 

Cascina Val del Prete: Roero 2003, Priocca, Piemont

 

 „Das Gute im Wein ist was man daraus macht, wie man ihn pflegt und wie man ihn geniesst!“ Dies habe ich kürzlich auf der Website eines Weinhändlers gelesen, der in seinem Weinangebot auch Weine von Mario Roagna in Priocca, Piemont, führt. Ich habe diesen Winzer nicht gekannt, bis unsere Freunde – die mit uns kürzlich im Piemont waren – mir eine Flasche Roero 2003 gebracht haben. Wieder siegte meine ausgeprägte Neugier, der Wein kam schon gestern auf den Tisch. Ich träume heute noch davon. Ich bin zwar nicht ganz sicher, ob es mehr der Wein ist, oder die Erinnerung an eine Landschaft, ein Amphitheater, aber nicht von Menschenhand gebaut, von der Natur, die mich träumen lassen. Hier, auf eher sandigem Grund, wachsen Reben, die tief im Boden ihre Nahrung suchen und wunderbare Weine geben – sofern (siehe erster Satz) der Mensch daraus etwas macht. Maria Roagna und sein Team haben daraus „etwas Gutes gemacht. Einen Nebbiolo, der etwas vom „Nebel“ und doch viel von der Sonne mitgenommen hat. Folgender Link führt zu einem schönen Video, auf dem der Winzer seine Arbeitsweise zeigt und seine Wein-Philosophie erklärt http://www.youtube.com/watch?v=vKonqLoMsN0 . Sogar meine „Holzphobie“, die im Piemont besonders heftig zugeschlagen hat, darf ich getrost überwinden. Der Wein ist kräftig, hat aber viel Frucht und recht differenzierte Würze – und die sind wunderbar eingewoben, verarbeitet -, so dass mich der Barrique-Ausbau sogar überzeugen kann. Vielleicht liegt es auch an der Reife des Weins, denn mit acht Jahren dürfte er jetzt auf der Ziellinie einlaufen. Nicht einmal die 14.5% Alkohol stören mich, der Wein hat etwas entwickelt, was Freunde bereitet: einen vielschichtigen aber ehrlichen, einen komplexen aber geschmeidigen, einen erdigen aber frischen Genusswein. Ein Roero, der nach meinen bisherigen – zugegeben eher bescheidenen – Erfahrungen mit Barolo-Weinen gut mithalten, vielleicht sogar (wegen seiner Ehrlichkeit) diese überflügeln kann.

20. Dezember 2011

 

Alvaro Palacios: Les Terrasses 2009

Priorat, Spanien

 

Ab und zu kehre ich ein, in einem meiner Lieblingsrestaurants in Zürich, in der „Metzg“. Vor allem dann, wenn ich mir selber und meiner Frau etwas Gutes tun möchte. Es ist nicht nur das ausgezeichnete Essen und die auserlesenen (vor allem spanischen) Weine, die uns locken, es ist vor allem die Atmosphäre. Ein altes, traditionelles Zürcher Quartierlokal, eine „Quartierbeiz“ also, mit braunem Täfer, grossen Tischen und seit vielen, vielen Jahren die gleichen Wirtsleute, er – ein hervorragender Koch – Spanier, sie Schweizerin, wohl aus dem Quartier. Nein, ich bin nicht Stammgast, dazu bin ich viel zu selten da. Dafür aber seit gut zwanzig Jahren, immer mal wieder und jedes Mal bin ich begeistert, vom Essen, vom Wein, von der Atmosphäre. Es ist so etwas wie ein Heimkommen, begleitet vom Hauch des Fremden, in diesem Fall Spanien. Die Wirtin kennt uns nicht mit Namen, dafür sind wir viel zu selten da; aber sie hat sich unsere Gewohnheiten gemerkt, sie weiss um unsere Vorlieben (dies zeichnet eine gute Wirtin aus). Als ich den Wein bestellte, meinte sie: „ich habe soeben gewettet, es wird Les Terrasses sein“ Sie hat die Wette gewonnen! Es gibt auf Weinkarte viele gute, viele ausgezeichnete Weine. Und doch – ich kehre immer wieder zu den Terrassen des Priorats zurück. Irgendwie stimmt der Wein mit der Atmosphäre überein, irgendwie verschmelzen Wein, Bedienung, Essen, Umgebung in einer unglaublichen Harmonie. Da macht der Wein von Alvaro Palacios voll mit: er ist kräftig, aber nicht schwer; er ist würzig, aber nicht dominant; er ist mineralisch, aber auch fruchtig; er ist zwar jung, lässt sich aber – auch ohne dekantieren – schon geniessen; er ist dicht und körperreich, aber er lässt das gute Essen zu, ja begleitet es dezent. Dieses Mal wollte ich eigentlich einen andern Wein auswählen, einen andern Spanier kennenlernen, denn Weinspanien ist nicht gerade ein weisser, aber doch ein sehr heller Fleck in meiner Wein-Landschafts-Karte. Die Neugier hat uns eigentlich angestachelt, einen andern Wein zu bestellen. Warum wir es nicht getan haben? Ich weiss es nicht, vielleicht, damit die Wirtin ihre Wette gewinnt (davon wussten wir zwar in diesem Augenblick nichts, es war wohl einfach der „Geist des Lokals“, der uns beeinflusst hat).

19. Dezember 2011

 

Famiglia Klausener: Bianco di Sera, 2003, Tessin, Schweiz

 

Oft werde ich gefragt: „warum schreibst Du nie über Weissweine?“. Ganz einfach, weil ich selten Weissweine trinke, vielleicht ein halbes Gläschen zum Aperitif, zu einer speziellen Speise, oder im Sommer auf der Terrasse. Nun stellte sich gestern die Frage: Was trinke ich zu einem herrlichen Panettone (mit Feigen). Kurz entschlossen entschied ich mich für einen Merlot aus dem Tessin. Im lichtarmen Keller merkte ich nicht, dass es ein Weisser ist, eine Spezialität aus dem Weingut Klausener in Purasca. Ein Teil seiner Weinberge liegt im Luganese, wo er auch einen speziellen Weisswein, eben den Bianca di Sera, produziert. Mein Liebling des Weingutes ist aber ein Roter, 100 Prozent Merlot, aus fünfzigjährigen Reben, der „Gran Risavier“ – ein kräftiger, ehrlicher, toller Wein, von dem der Winzer selber sagt: „es ist die Zielstufe der Perfektion, (siehe mein Kolumne bei wein-plus.de) so wie wir sie auffassen.“ Jetzt erinnere ich mich: beim Besuch von Klausener in Purasca hat er mich auf seinen Weissen aufmerksam gemacht. Er hat mir ausserordentlich gefallen und so habe ich ein oder zwei Flaschen mitgenommen – zur Nachverkostung. Diese Nachverkostung hat nie stattgefunden, all die Jahre nicht, denn der Wein stammt aus dem Jahr 2003. Soviel ich weiss, macht er den Bianco di Sera, den weiss ausgebauten Merlot (batonnage) nicht mehr, oder zumindest nicht jedes Jahr. Meine Flasche ist also (fast) eine Rarität. Eine ausgezeichnete, wie ich rasch feststelle. Farblich schon etwas Ocker-Töne, das Stroh hat Patina angesetzt, die Frische ist ihm abhanden gekommen, dafür entwickelt er einen Duft von Grapefruit, Äpfeln und Birnen, aber nicht in der vordergründigen Art eines „Sommerweins“, vielmehr einer bestandenen Königin – etwas Speck hat sie zwar angesetzt (etwas matronenhaft), aber noch immer ist sie ausserordentlich vornehm, edel und dem Alltag entrückt. Ein erlauchte Begegnung, ein grosses Erlebnis

18. Dezember 2011

 

Gruaud Larose 2004

Saint-Julien, Bordeaux

 

Zurück zur Normalität, hat man damals auf www.degustation.de geschrieben. Inzwischen – sechs Jahre später – muss man wohl eher vom „vergessenen“ Jahrgang sprechen. Nach der „Preisexplosion“ 2000 und auch 2003 (zum Teil) und der schon unverschämten Fortsetzung 2005 (dem ersten von drei Jahrhundertjahrgängen!) macht sich der 2004er fast schon Bescheiden aus, sowohl im Preis als auch in der Qualität. Seit der Primeur-Verkostung habe ich zum ersten Mal den Wein wieder im Glas. Ich bin gespannt: noch verschlossen? Gereift? Trinkbereit? Von allem etwas: Der Wein ist nicht verschlossen, aber auch längst nicht so offen und spendefreudig, wie er sonst eigentlich ist – vielleicht sogar sein wird. Gereift ist er, zweifellos, die Harmonie ist deutlicher, die Strukturen sind geschliffen. Scheuermann hat einst geschrieben: „Man schmeckt halt den Regen.“ Ich habe ihn nicht geschmeckt, weder den Regen noch die Backpflaumen, die ihm Gabriel attestiert hat. Und trinkbereit ist er auch noch nicht ganz – vielmehr gerade an der Schwelle zum ersten Trinkgenuss. Er wird sich aber im Keller noch weiter entwickeln, davon bin ich überzeugt. Die zweite Flasche, die auf den Tisch kam (wir waren ja immerhin sechs Leute) wurde dann dekantiert. Gottseidank. Der Wein war deutlich voller, wärmer, harmonischer, nach nur einer Dekantierstunde. Wenn sich viele der „vergessenen“ 2004er so gut entwickeln, wie der Gruaud, dann könnte der 2004er zum“Geheimtipp“ werden, nicht als ausserordentlicher, aber als feiner klassische Bordeaux, und erst noch in einem guten Verhältnis von Preis-Leistung.

18. Dezember 2011

 

Weingut Lampert: Cuvée Nr. 3

Barrique, Steckborn, Schweiz

 

 

Das Klischee „Schweizerwein“ ist selbst bei schweizerischen Weintrinkern relativ einfach, aber tief verwurzelt: da gibt es die „Westschweiz“ mit dem dominierenden Chasselas, den grössten Weinbaukanton (das Wallis) mit seinen berühmten Autochthonen, die Bündner Herrschaft mit den wohl besten Roten (z.B. Gantenbein) und noch ein paar andere Weingebiete, die aber weit weniger von bedeutend sind. Denkste! So ziemlich in jedem der 26 Schweizer-Kantone wachsen Reben, gibt es Weine, auch gute, die sich aber kaum über eine regionale Bedeutung hinaus entwickeln und schon gar nie die Schweizergrenzen überschreiten. Eigentlich schade. Gestern hatte ich einen solchen Wein im Glas - vom äussersten Zipfel der Ostschweiz, dem Thurgau; vom Untersee, wo der Rhein den Bodensee verlässt, ganz in der Nähe der Insel Reichenau, dem mittelalterlichen Zentrum beneditinischer Klosterkultur. Doch die bewohnte Insel ist bereits deutsches Gebiet. Steckborn aber liegt am Südufer des Untersees, also noch in der Schweiz, an einem Ort, von dem das Stadtoberhaupt überzeugt ist: „Wir wohnen dort, wo andere Ferien machen.“ In Steckborn also liegt auch das Weingut Lampert, ein Familienbetrieb mit rund 5 Hektaren Reben. Es ist traditionell eher ein Weissweingebiet, wo – wie mehrheitlich in der Ostschweiz – Müller-Thurgau dominiert. Doch es gibt auch Rotwein, bei Othmar und Brigitt Lampert: Blauburgunder, Regent, Zweigelt und Dornfelder. Nicht berauschend, die Sortenwahl (mit Ausnahme des Pinot Noirs), denkt man. Doch Lampert macht daraus eine Cuvée, die Nummer 3, ein moderner Wein aus den Rebsorten Regent, Dornfelder, Blauburgunder. Ich wusste bisher nichts über den Wein und nur wenig über das Weingut, als ich gestern den Wein im Glas hatte. Die Nase sagte mir: Pinot, aber was noch? Der Gaumen verkündete: Barriques, aber dezent. Der Abgang hinterliess weiche Spuren, würzige Aromen, sogar ein Lustgefühl. Ein Wein mit Persönlichkeit, ein Wein, der Freunde bereitet. Das Essen war vorbei und ich beschäftigte mich nur noch mit dem Wein: mit seiner Nase, seinem Körper, seinen Aromen. Sie waren nicht so einfach, platt und üblich, wie bei so vielen anderen Weinen, in diesem regionalen Bereich. Etwas Geheimnisvolles war darin, etwas das ich nicht so einfach einordnen konnte und auch jetzt nicht kann. Gerade dies hat mir Spass gemacht. Ich möchte den Spass wiederholen und dies bedeutet schon einiges bei meinen Weinkonsum-Gewohnheiten

16. Dezember 2011

 

Penfolds Koonunga Hill: Shiraz-Cabernet Sauvignon, 2009

  

Wer kennt ihn nicht, den leuchtend roten Schriftzug von Penfolds? Doch Penfolds ist nicht gleich Penfolds, wie Mouton Rothschild nicht gleich Mouton ist. Was dem Mouton der Cadet ist dem Penfolds vielleicht der Shiraz-Cabernet Sauvignon vom Koonunga Hügel. Im Preis ziemlich ähnlich. Nun – ich habe ihn gestern in einem guten Restaurant zu einem guten Essen getrunken. Und es war eine gute Wahl. Ein Australier, der als Essensbegleiter kaum typischer sein kann. Nicht dominant, aber fruchtig und frisch, mittlerer und warmer Abgang, weder eine Holz- noch eine Schoko-Bombe, kräftig aber nicht kraftstrotzend, ein geprägter, aber doch schlichter und guter Wein. Eigentlich wage ich dies gar nicht zu schreiben. Spricht man doch in „unseren“ Kreisen eher von Grange oder Bin … - aber doch nicht vom Koonunga Hill Shiraz-Cabernet, der kostet ja beim Händler keine zwanzig Euro. Ein Restaurationswein also. Ehre, wem Ehre gebührt, auch wenn der Wein wohl in Millionenauflage in aller Welt anzutreffen ist. Auch – oder vor allem – in dieser Preisklasse schätze ich Zuverlässigkeit, vielleicht sogar Ehrlichkeit. Zwar wenig Individualität, dafür ein Wein, der dem Essen einfach noch ein kleines Krönchen aufsetzen kann. Ich kann auch allen versichern, es sind mehr als nostalgische Erinnerungen an einen Hügel im Barossa-Valley, auf dem ich – es ist noch kein Jahr her – durch weite Rebfelder gegangen bin; es ist vielmehr die Genugtuung, dass es auch im Bereich „industrielle Gastroweine“ Gutes gibt.

11. Dezember 20011

 

 

Elio Altare: Barolo 2006 

Piemont, Italien

 

  

Elio Altare: Barolo 2006, Piemont, Italien

Es gibt auch beim Wein Momente, da möchte man es ganz genau wissen. Zum Beispiel: wie entwickelt sich ein Wein in unterschiedlichen Jahren? Oder: welche Art von Weinen macht ein bestimmter Winzer? Vielleicht sogar: wie sind Weine vom gleichen Winzer, mit unterschiedlichen Rebsorten oder unterschiedlich ausgebaut? Meist stellen sich solche Fragen erst nachdem man „Feuer gefangen hat“. So ist es mir ergangen. Auf meiner Piemont-Weintour habe ich erstmals Weine von Elio Altare getrunken (zumindest soweit ich mich erinnern kann). Dann habe ich kurz darauf eine ganz spezielle Cuvée von Altare von einer meiner Bekannten (auch eine Weinliebhaberin) erhalten^, und jetzt habe ich die Gelegenheit, einen weiteren Altare-Wein, den Barolo 2006, einschenken zu dürfen. Im Hinterkopf immer die bange Frage: kann er der Anfangsbegeisterung standhalten. Oft ist die zweite, dritte Flasche für mich bei einer persönlichen „Neuentdeckung“ (die Neuentdeckung betrifft nur mich, Altare ist in Weinkreisen längst ein grosser Name) eher enttäuschend. Zu gross sind dann die Neugier und die Erwartungen. Und diesmal? Kann ich all das, was ich bisher verkostet, gelesen, erfahren und erlebt habe in einer Flasche, beim Trinken (zum Essen), wiederfinden? Ja und nein. Zweifellos ist es ein toller Barolo, den ich da trinken darf. Was heisst da schon toll? Ich bin genau in der Situation, in der es schwierig ist, zu beschreiben, was man erlebt: es fehlt in diesem Fall noch das sensorische Gedächtnis, die Grundlage des Vergleichs und der spielerische Umgang mit dem Genuss. Es wirkt noch neu, was da auf mich zukommt. Den Wein empfinde ich als sehr elegant, schön gereift, die Frucht gut eingebunden, fast etwas zu feingliedrig zum Essen. Die Werbung könnte schreiben: ein Wein für Geniesser. Ich werde auf der Spur bleiben, jetzt will ich es wissen! Auf der nächsten ProWein werde ich wohl bei Altare Halt machen oder ihn schon früher treffen. Neugier kennt oft keine Grenzen!

3. Dezember 2011

 

Reaktion auf mein "Getrunken"

Elio Altare: Barolo 2006 im Forum von Wein-plus.

 

Hallo Weinfreunde,
Der Bericht und die Weinproben von Peter Züllig haben mich animiert verschiedene Barolo`s und Jahrgänge in den letzten Tagen/Wochen zu robieren und bin für mich zu dem Resultat gekommen: Junge Barolo`s haben mir zu viele Tannine und auch die Frucht läßt zu wünschen übrig. Trinkfähig, ich meine mit hohem Genuss zu trinken, entsprechend der Reputation und des Preises waren alle Barolo`s Jahrgang 2001 und älter. Diese entsprachen dann aber auch wirklich den Erwartungen! Tolle Weine die alles hatten was man von einem Barolo erwartet: Florale und mineralische Noten, kraftvoll und doch dabei elegant und subtil mit toller Länge. Natürlich kann ich nur für die von mir probierten Weinen sprechen. Hier die Weine:

Barolo Brezza Cannubi 06
Barolo Brezza Bricco Sarmassa 06
Barolo Brezza Bricco Sarmassa 04
Barolo Brezza Sarmassa 01


Barolo Brovia Villero 05 (nach etwa 6Std kantieren gehts)
Barolo Brovia G`Mia   05  (völlig zu, auch nach 3Tagen)

 

Barolo Ascheri Sorano 06
Barolo Ascheri Sarmossa 04
Barolo Ascheri Sarmossa 01

 

Barolo Azelia 99
Barolo Corino 00

Jetzt warte ich auf die kommenden Jahre, in der Erwartung auch von den jüngeren Jahrgängen verwöhnt zu werden 

Salute

Jürgen Erdmann

 

Hier meine Antwort:

 

Grüezi Jürgen
Deine Ergänzung zu meinen tapsigen Schritten Richtig Piemont, zu Barolo und seinen Brüdern, hat das bestätigt, was ich mir auch gedacht habe und was ich (eigentlich bordeauxgeprägt) recht gut kenne. Man muss Geduld haben; das meiste, was man jetzt ins Glas bekommt (wenn man nicht einen Barolo-bestückten Keller hat), ist viel zu jung. In manchen Notizen meiner Piemontreise deute ich dies an: Holz, Holz, Holz...
Gerne möchte ich - wie Du - Barolos verkosten, die älter als zehn Jahre sind. Doch da fehlt mir die frühere Entdeckung in meiner frühen Geburt. Ich muss eben nachsitzen und freue mich riesig über Notizen wie die Deinen. Dies gibt mir den Glauben an ein lebendigeres Forum zurück.
Herzlich
Peter

Die Diskussion ist hier auf Wein-Plus.de zu verfolgen. (Nicht kostenpflichtig)

08. Dezember 2011

 

Domaine de la Paix: Le sang de la terre (Blut des Bodens), 2009, Saillon, Wallis, Schweiz

 

 

Noch nie habe ich wohl mit mehr Ehrfurcht, historischem Bewusstsein und Bewunderung einen Wein getrunken, wie heute Abend, nicht einmal bei ganz grossen Weinen aus dem Bordelais. Es ist ein Wein, der die geschichtlichen Dimensionen, die kulturellen Wurzeln und das lebendig gebliebene Bewusstsein für Kultur und Tradition in einem einzigen Mythos verbindet: „Farinet“- Er kommt aus dem „kleinsten Weinberg der Welt“, der nur gerade 1,67 Quadratmeter umfasst und dort steht, wo der der Walliser Falschmünzer und Rebellen Joseph-Samuel Farinet begraben ist, am Kirchhügel von Saillon im Wallis. Farinet war eine faszinierende Person, um die sich viele Legenden ranken. Historisch belegt ist, dass er 1880 in Saillon umgekommen ist – gejagt von der Polizei und unter ungeklärten Umständen in der Schlucht des Flüsschens Salentz verunfallt – und dass er zu Lebzeiten den Armen Geld verteilte hat. Sein Falschgeld galt bei den Menschen mehr, als die offizielle Währung. Farinet ist eben der Rebell, der sich gegen die Machenschaften der Regierung gewehrt hat – auch mit unerlaubten Mitteln. Er gilt heute noch als Symbolfigur, vor allem weil er vom Schweizer Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947) zum Freiheitshelden hochstilisiert wurde (in einem literarischen Werk!). Farinet hat da etwas Anarchisches, er ist da ein Verführer, einer, der keine Grenzen anerkennen mag und der mit Blick auf die Berge ausruft: «Aber, was ist Freiheit? … Freiheit ist: zu tun, was man will, wie man’s will, wann man Lust hat.» Heute ziert Farinet die «Bank»-Noten alternativer Tauschkreise, während der Schriftsteller Ramuz auf der echten 200er-Note der Schweizer-Währung abgebildet ist.

Doch damit nicht genug. Der kleine Rebberg Farinet wird jedes Jahr von international bekannten Persönlichkeiten „betreut“, welche symbolisch die paar Trauben ernten und dem daraus gewonnenen Wein die Ehre erweisen. Farinet ist im Wallis so populär, dass es einen Verein der Freunde Farinets, ein Geld-Fälscher-Museum in Saillon und Hotels mit Namen Farinet gibt. Schliesslich wird der kleinste - im offiziellen Wein-Kataster registrierte - Weinberg der Welt (hat nur 3 Rebstöcke) nach Farinet benannt. Seine „Betreuer“ waren unter vielen anderen Abbé Pierre, Dalaï Lama, Rebellen wie José Bové, die Fürstentochter Caroline von Monaco oder Künstler wie Peter Ustinov und Hans Erni. Hans Erni, auch Gestalter der Weinetikette von Mouton Rothschild 1987, gehört zu den bekanntesten Schweizer Künstlern. Er wurde anlässlich seines 100. Geburtstages (2009) eingeladen, den Rebberg von Farinet zu beehren. Seine schlichte Rede ist hier dokumentiert: http://www.youtube.com/watch?v=3CxbBc5N_KQ (französisch).

Diesen Wein also, der mit so viel Mythen verbunden ist, umgarnt von Symbolen und geschichtlichen Bezügen, habe ich heute getrunken, die Flasche Nummer 1401, süss ausgebaut, trinkbar noch viele Jahre lang; gut, aber nicht so gut, dass er auf Grund seiner Qualität hier zu erwähnen wäre. Kann ein Rebberg von 1,67 Quadratmetern überhaupt 1‘401 Flaschen hervorbringen? Natürlich nicht! Der daraus gewonnene Wein wird mit einem Wein aus der Gegend gemischt. Jedes Jahr entsteht daraus ein Kultwein, der aber nicht wegen seiner besondern Qualität gekauft wird. Doch er wird gekauft, ist sogar meist rar. Mit dem erzielten Gewinn von jährlich etwa 20 000 Franken wird soziales oder kulturelles Werk bedacht, jedes Jahr ein anderes. Neben dem Rebberg thront ein 600 Kilogramm schwerer Felsblock, der «Stein der Freiheit». Darum geht es bei diesem Wein: um den Mythos „Freiheit“, eingebunden in einen Süss-Wein, verknüpft mit dem Begriff „Farinet“ oder um mit den Worten des Schriftstellers Ramuz zu sprechen: „Die Regierung sagt euch: Dieses Stück hat soviel gegolten; nun, von jetzt an gilt es soviel...". Das ist vorgekommen, das kann wieder vorkommen. Da ist Farinet anständiger als die Regierungen, ihm zahlt man das, was an dem Geld dran ist, ihnen zahlt man, was draufsteht..." 

Dies ist heute nicht anders bei „seinem“ Wein. Man bezahlt das, was der Wein (als Symbol) Wert hat und nicht das, was aus den Kosten, dem Markt und der professionelle Weinbeurteilung zu errechnen ist. Und dieser Wert – ich schwöre es – ist in diesem Fall viel, viel höher, aber auch nicht das Abbild einer Falschmünze.

03. Dezember 2011

 

Château Haut Lavallade, 1995, Grand cru, Saint-Emilion, Bordeaux

 

Ab und zu treffe ich auf ein Château in Bordeaux von dem ich noch nie etwas gehört habe. Die Bezeichnung „grand cru“ mag verwirrlich sein, zumindest wer sich in den Klassifizierungen im Bordelais nicht auskennt. Die beiden Klassifizierungen von Saint Emilion, die alle zehn Jahre neu vorgenommen werden (zum letzten Mal 2006), heissen: premier grand cru classé A und B und grand cru classé. Der Begriff „Saint Emilion Grand Cru“ ist in diesem Sinn keine Klassifizierung, sondern eine kommunale Appellation (bei der allerdings die Weine sich einer Prüfung unterziehen müssen).
Trotzdem Haut Lavalle kannte ich nicht – bis ich den Wein gestern im Glas hatte. Er tauchte aus meinem Keller auf als grosse Unbekannte. Fast bin ich versucht – in Abwandlung des Sauflieds über Kurfürsten Friedrich neu zu formulieren: wie kam ich gestern nur in den Keller? Dem Computer sei Dank, die Datenbank gibt verrät: 2003 in einem Mischlot ersteigert, zusammen mit einer Flasche Arrosée 95 und je zwei Flaschen Clos Fourtet 95 und Troplong Mondot 95. Die Flasche Haut Lavallade war also eindeutig das „Kuckucksei“ in diesem Lot, das nicht beachtet wurde und unversehens im Keller gelandet ist. Wie gesagt bis gestern: seine Existenz hat mich dazu gebracht, ein weiteres Château kennen zu lernen. Und? Hat es sich gelohnt. Ich meine nein. Ein Wein – zumindest im jetzigen Zustand, den man zwar trinken, aber auch leicht und schnell vergessen kann. Ein sauberer, einfacher Bordeaux, wie es so viele „kleine“ Bordeaux gibt. Eigentlich entspricht die Philosophie auf diesem Weingut meinen Bordeaux-Vorlieben: nicht zu viel Holz (nur 20 % neue Fässer), klassischer Ausbau, traditioneller Stil, alte Reben, keine kellertechnische Firlefanz. Und doch: ich kann mich nicht erwärmen – (zu)wenig, zu wenig raffinierte Reifetöne. Wieder einmal – oder schon wieder? – den richtigen Zeitpunkt verpasst? Ich möchte dem Wein (und dem Besitzer des Weinguts) nicht unrecht tun: es war nett, Sie kennengelernt zu haben!

 

30. November 2011

 

Albert Larive: Grozes-Hermitage, 1981, nördliche Rhone

 

Sobald ich allein zuhause bin, hole ich einen Wein aus dem Keller, den ich niemandem mehr aufstellen möchte. Oft sind es „Weinleichen“. Ich liebe alte Weine, zumindest bin ich neugierig, meine Frau nicht. Also werden alte Weine dann geöffnet, wenn sie nicht da ist. Das ist gut so, denn ab und zu landet ein solcher Wein schon mal im Abguss. Gestern nicht. Es war kein grosses Erlebnis, aber interessant. Ein dreissigjähriger Grozes-Hermitage. Also ein Syrah vom linken nördlichen Rhoneufer. Ein Grozes ist kein Hermitage, der Kombination des Namens zum Trotz- Und der Winzer – es tut mir leid, ich kenne ihn nicht, auch nicht seine Weine. Was ich – eben neugierig geworden – ergooglen kann, das ist seine Telefonnummer, mehr nicht. Nein – anrufen will ich nicht. Also bleibt die Flasche (noch zu einem Drittel gefüllt) und der Eindruck. Die Frucht ist fast ganz weg. Eine gewisse Todessüsse steigt auf. Nicht unangenehm, denn die Säure ist noch kräftig, die Struktur noch erhalten. Lakritze denke ich. Ein paar Kräuter tauchen auf, auch Oliven. Es ist ein kleines Verwirrspiel. Keine oxydativen Noten, kein muffiger Ton, eher ein Altershauch. Der Wein war sicher mal besser. Man könnte ihn abhacken mit „er war einmal“. Dies ist zu einfach. Auch schade, denn er vermag sich sowohl in der Nase, als auch im Gaumen gegen das Alter zu stemmen. Man muss ihn nicht, aber man kann ihn noch trinken. Er legt – geöffnet und etwas wärmer – sogar noch zu. Mein Fazit: auch Alter kann schön sein, auch wenn es nicht durch Berühmtheit geadelt ist.

 

Ergänzung:

Im Forum von Wein-Plus hat sich eine kleine Diskussion zu diesem Eintrag ergeben. Der ausgezeichnete Weinkenner und -verkoster, Karl Bajano, hat mich korrigiert, respektive ergänzt. Die Diskussion ist auf Wein-Plus nachzulesen übrigens für jedermann (ohne Mitgliedschaft und Kosten) frei zugänglich.

Hier der Link: Crozes-Hermitage  

29. November 2011

 

Têrtre Rôteboeuf, 1996, Saint Emilion


Ab und zu hat man das Bedürfnis, sich selber etwas Gutes zu tun. Zum Beispiel an einem „gewöhnlichen Tag“ eine besondere Flasche zu öffnen. Etwas Besonderes ist in diesem Fall der Têrtre Rôteboeuf aus Saint Emilion, vom eigenwilligen und – so meine ich – genialen
François Mitjavile. Zugegeben, es ist kein Alltagswein. Dazu ist er viel zu teuer (jedenfalls für mich!), so um 150 SFr. Und doch liebe ich diesen Wein, ich bin versucht zu sagen: es ist mein Lieblingsbordeaux, ja der beste Bordeaux überhaupt. Da überlege ich mir: es gibt keine fixen Kriterien, warum man (zumindest für eine gewisse Zeit) einen Wein (und auch anderes) als das Beste definiert. Es sind wohl viele Faktoren: der persönliche Geschmack, die Qualität, das Vertrauen, das einmal Erlebte, die Fantasien…. So gehört zum Beispiel das Weingut, wo ich den ersten Bordeaux gekauft habe (zu überrissenem Preis), auf meiner ersten Bordeauxreise, einen Beychevelle 1986, noch heute zu meinen bevorzugten Bordeaux. Da mag die Weinkritik schreiben was sie will. Ich finde ihn in der Regel sehr gut. Auch der Têrtre Rôteboeuf hat einen Sonderstatus bei mir, vielleicht weil ich das Weingut so spät – in meiner Bordeaux-Erfahrung – kennen gelernt habe. Er fehlte bis vor wenigen Jahren in meinem Keller. Dann aber war ich – übrigens auf einer Tour mit Max Hendlmeier – zum ersten Mal auf dem Weingut. Mitjavile war nicht da (seit Jahren der erste Urlaub, sagte seine Tochter), doch seine Tochter zeigte uns den Betrieb. Da habe ich mich verliebt – nicht in die Tochter – in den Wein. Schon allein die Art, wie hier Weinbau betrieben wird, der Umgang mit den Reben, dem Most, den Fässern… das alles hat mich überzeugt. Und dann der Wein! Da ist (für mich) Urkraft drin, das ist nicht gemacht im High-Tech-Keller, sondern mit einfachen Mitteln und grosser Überzeugung der Natur entrissen. Es ist – glaube ich – das erste und einzige Weingut im Bordelais, bei dem wir länger im Freien bei den Reben standen als im Cave. Sonst wird die Rebbesichtigung meist – wenn überhaupt – kurz abgehalten, dann geht es zügig in den Keller, zu den Fasslagern und natürlich zur Verkostung (ich habe dies schon mehr als hundert Mal in Bordeaux erlebt). Nein, ich lasse das schwärmen. So habe ich eben gestern mir etwas Gutes getan. Nach erfolgreichem Abschluss der grossen Santons-Krippenanlage (eine riesige Bastelarbeit) uns einen Wein eingeschenkt – leider etwas spät dekantiert – der mich glücklich machen kann (und gemacht hat). Ein unendlich feiner, langer Abgang mit einer Fülle von Aromen, satt, dicht, voluminös und doch schlicht, fast möchte ich sagen „naturnah“. Schon vorher im Gaumen: feine Minze, dunkle Pralinen, schwarze Kirschen…. Und der Wein wurde während des Abends immer besser, so gut, dass…. Aber wie gesagt, ich bin nicht objektiv, es ist eben mein Lieblingswein.

26. November 2011

 

Vergelegen: Cabernet Sauvignon-Merlot, 2007, Südafrika

 

Eigentlich habe ich den Wein als „Pirat“ für eine Bordeaux-Degustation gekauft. Da hat er seine verwirklichenden Dienste getan. Von einer Mehrheit der Teilnehmer wurde er nicht als Pirat identifiziert. Unmöglich werden viele meiner Weinfreund jetzt sagen. Doch das Unmögliche ist immer wieder (vor allem bei verdeckten Verkostungen) möglich. Ich schliesse mich da nicht aus. Dieser Südafrikaner hält sich bewusst an den Stil der Bordeaux-Weine. Fast zur Hälfte Cabernet-Sauvignon und Merlot, etwas Cabernet Franc und Malbec. Voilà, da haben wir den Typ Bordeaux, zumindest von den Rebsorten her. Und im Glas, im Gaumen? Viel Frucht, viel Holz, viel Würze – ein ganz junger Bordeaux – wenn schon. Aber bereits gut trinkbar. Den brauche ich nicht zu lagern, den kann und will ich jetzt geniessen. Der lange Abgang dankt es mir!

23. November 2011

 

Bodegas Arzuaga: Riserva Tinto, 1996, Ribera del Duero

 

Auf meiner kleinen önologischen Weinreise durch das Gebiet des Duero, bin ich in Navarro gelandet, genauer auf den Bodegas Arzuaga. „Warten, gewinnt mit zusätzlicher Reifung“, beteuert der Weinhandel und Parker gibt dem Wein schon mal 90 Punkten und mehr. Wie so oft bei mir, ist es wieder ein sogenannter „Altwein“, noch nicht uralt, aber halt doch schon 15jährig. Muss ich mich verabschieden vom irgendwie festgesetzten Bild der grossen, schweren, lagerfähigen Weine Spaniens? Ist es wie im Bordelais, wo man so gerne von den grossen, schweren Tannin- und Holzbomben spricht, und vergisst, dass es feine, nuancenreiche, terroirbetonte Kostbarkeiten gibt, die nicht als „grosse“ Bordeaux daher kommen, sondern als Weine, die man im Gaumen „zergehenlassen“ kann, vor allem, wenn sie ein gewisse Reife erreicht haben? Jedenfalls habe hier ich einen harmonischen, feinen, differenzierten Rotwein angetroffen, der sich erst allmählich geöffnet hat und einen unglaublich schönen, langen Abgang hinterliess. Ist der Hinweis – lange vorher dekantieren – richtig, wenn man einen dieser „alten“ Spanier trinken will? Fast scheint es so, denn der Wein wurde immer besser – da aber war er schon getrunken. Meine spontane Expedition an den Duero ist spannend, vor allem weil ich dazu sagen kann, nicht nach Namen Ausschau halte und mich eigentlich eher durch den Zufall leiten lasse.

21. November 2011

 

Léoville Poyferré, 1999, St-Julien, Bordeaux

 

„Für einmal ein feiner, eleganter Poyferré, der sich früh geniessen lässt,“ hat René Gabriel im Jahr 2000 geschrieben (also auf Grund der Fassprobe). Habe ich den Wein nun zu spät getrunken? Jedenfalls nicht früh, nicht zu früh. Der Wein mit sehr tiefer Farbe, einem satten samtenen Gaumen, Dörrfrucht und Tabaknoten ist nicht aufregend, aber wirklich schön zu trinken.

Bei den drei Léoville gab es all die Jahre eine klare Rangordnung. Zuoberst der Las Cases, meist mit deutlichem Abstand (auch im Preis), dann der Barton und schliesslich - meist abgeschlagen – der Poyferré. Ich habe mich immer gefragt, ob dies der Qualität der drei Weine wirklich entspricht und schon vor zehn Jahren immer wieder zum Poyferré gegriffen. Ich meine, der Wein wurde während vieler Jahre unterschätzt. Es stimmt zwar, dass der Poyferré die problematischste der drei Lagen hat; es stimmt auch, dass der neue Besitzer, Didier Cuvelier, seit den 80er Jahren viel in das Weingut investiert (neuer Keller, Beizug von Michel Rolland etc.), doch bis 2005 blieb die „Rangordnung“ in etwa bestehen: da der Überflieger „Las Cases“ (der sich preislich an den Premiers orientiert), dort das Stiefkind Poyferré, das bestenfalls mit dem Talbot (ebenfalls St.Julien) mithalten kann. Nun hat sich alles geändert. Seit 2005 – besonders aber in den letzten zwei Jahren – ist das Stiefkind erblüht, eine Prinzessin geworden. Es hat den populären Barton sogar überholt und präsentiert sich – preislich – drei Mal teurer als im Jahr, da ich den 99er gekauft habe.
Ich gebe zu, der heutige Poyferré (soweit ich ihn en-primeur verkostet habe) erhält zwar meine Anerkennung, nicht aber meine Liebe. Der Stil (sofern man dies generell sagen kann) von Michel Rolland hat sich entschieden durchgesetzt. Die Feinheit der Jahrgänge 1995, 1996, 1998, 1999 wurden erstickt zugunsten eines Power-Weins, wie er heute eben punkten kann.
Ich – jedenfalls – hatte gestern meine helle Freude am wirklich schönen, reifen Poyferré, der sich ausgezeichnet entwickelt und – in der Terminologie von Gabriel – gut einen Punkt zugelegt hat. Da haben einst Bettane und Dessauve besser getippt: „In der Nase präzis, elegant, mit Noten von Zedernholz, straffer Körper, reife Tannine….glücklicherweise wissen echte Bordeauxliebhaber was zu erwarten ist. Höhepunkt um 2014.“ (frei übersetzt) Ich habe den Höhepunkt gestern vorweggenommen.

19. November 2011

 

Elio Altare: L'Insieme, Vino Rossa da Tavola, Piemont

 

Insieme (Zusammen) nennt sich ein Wein von Elio Altare mit einem recht eigenwilligen Rebsortenspiegel: Cabernet Sauvignon (40%), Barbera (20%), Nebbiolo (20%), Dolcetto (10%), Syrah (5%), Petit Verdot (5%). Der Name bezieht sich nicht auf die Rebsorten (wie man annehmen könnte), sondern vielmehr auf ein Projekt, das acht bekannte Winzer aus der Langhe (Piemont) zusammengeführt hat. Die Winzer Elio Altare, Gianfranco Alessandria, Giuseppe Caviola, Giuliano Corino, Federico Grasso, Giulio e Paolo Morando, Carlo und Lorenzo Revello und Mauro Veglio produzieren jedes Jahr „L’Insieme“, einen Wein mit der gleichen Etikette. Jeder der acht Winzer macht seine eigene Interpretation eines modernen Weins: piemontesische Rebsorten gepaart mit internationalen wie Merlot, Cabernet Sauvignon oder Pinot Noir. Ein Teil des Erlöses (5 Euro pro Flasche) kommt Jahr für Jahr einem Hilfsprojekten zugute, zum Beispiel dem Bau von Schulen in Bolivien, der Rettung eines Stücks Urwald in Ecuador oder dem Aufbau von Krankenhäusern in Kriegsgebieten.

Wie ich zu diesem Wein gekommen bin? Eine ehemalige Mitarbeiterin – Weinliebhaberin – hat mich besucht und einen Wein mitgebracht, dabei auch ganz richtig kombiniert: Ich bin Bordeauxliebhaber, habe mich aber in der letzten Zeit mit dem Piemont befasst. Also: ein Wein aus dem Piemont, der einem Bordeaux doch etwas nahe kommt. Sozusagen die piemontesische Interpretation des Bordelais. Mit Erfolg? Es ist ein ausgezeichneter Wein, zwar mehr Barolo, denn Bordeaux, mit viel Frucht, Kräuterwürze und (leider) auch viel Holz. Vielleicht ist es aber gerade das Holz, welches die so unterschiedlichen Rebsorten unter einem waldigen Dach vereint. Ich geniesse den Wein und schätze es unglaublich, dass ein Weingeschenk nicht vom Zufall oder Preissegment geprägt ist, sondern von einer Idee, die dem Beschenkten entspricht.

16. November 2011

 

Paringa Estate: Individual Shiraz, 2000, Südaustralien

 

Was mich irritiert: eine ganz andere Etikette. Es ist wohl der 2000er, der nicht mit dem fast martialisch stilisierten Porträt des Winzers vor dem Weinberg ausgestattet wurde, sondern mit dem - von der roten Erde Australiens dominierten - Fluss Murray und einer längeren Beschreibung der Weinberge, des Flusses und des Weins. Was mich überrascht: die Kraft, die Frucht, die Farbe und die Aromen dieses gut zehn Jahre alten Shiraz. Was mit einem Achselzucken begann (nochmals ein überlagerter Wein), endet mit einem stillen Vergnügen. Zugegeben, es ist ein Exportwein, wohl vor allem für Amerika bestimmt (deshalb mit einem Korken als Verschluss), wohl sogar ein sogenannter Restaurant-Wein, preisgünstig (ca. 10 Euro), gefällig, bekömmlich. Eine Fruchtbombe, auch heute noch. Doch die Bombe ist entschärft, die Frucht integriert, die Vordergründigkeit abgebaut. Ein guter Schlummertrunk, einfach, aber gut. Weil ich so überrascht bin, konsultiere ich Parker: „Ein ausgezeichneter Wert zu einem niedrigen Preis. Er sollte innerhalb 2 bis 3 Jahren gut zu trinken sein. Glücklicherweise gibt es 12‘000 Flaschen davon.“ (übrigens 88 Punkte). Wenn die 2-3 Jahre Trinkreife von allen eingehalten wurden, habe ich wohl die letzten Flasche 2000 getrunken. Warten lohnt sich ab und zu (leider nicht immer!).

15. November 2011

 

Larrivet-Haut-Brion, 1996, Pessac-Léognan, Bordeaux

 

Es ist der erste Jahrgang des Weinguts, der sich seit den frühen 80er Jahre wieder in die Reihe von guten Bordeaux einstellen kann. Das recht grosse Château hat Ende der 80er Jahre einen Neuanfang gestartet (Besitzerwechsel) und im Rahmen der Qualitätsverbesserung auch den Önologen Michel Rolland beigezogen. Das Resultat: eigentlich kein Rolland-Wein. Zu schlank, zu wenig kräftig, zu verspielt. Doch das sind alles Chiffren, die sich in den vielen Jahren des weltweiten Rolland-Wirkens so eingeschlichen haben. Tatsächlich habe ich damals – vor 14 Jahren – an den Aufbruch des Weinguts geglaubt und den Wein – der recht viel versprochen hat – für 21 Franken die Flasche gekauft. Seither aber nie mehr. Warum, weiss ich eigentlich auch nicht. Vielleicht ist es - von der Stilistik her - doch nicht ganz „mein“ Wein. Deshalb sind es die einzigen Flaschen Larrivet Haut-Brion geblieben, die in meinen Keller kamen, es sei denn ein noch älterer 86er, den ich nächstens zum direkten Vergleich öffnen werde. Jedenfalls präsentiert sich der 96er heute noch ordentlich, etwas metallisch und hart, aber mit schönen Aromen, bei denen der Holunder und die Lakritze dominieren. Doch er hat bei weitem nicht jene Kraft hat, die man ihm einst attestierte. Übrigens: der Preis ist gar nicht bordeauxmässig gestiegen, der überteuerte 2010er ist für etwa 31 Euro zu subskribieren.

14. November 2011

 

Hacienda Monasterio, Ribera del Duero, Crianza, 1995, Spanien

 

Es gibt Weine, die machen (mir) einfach keinen Spass. Dies liegt nicht immer an den Weinen, viel häufiger noch an der Genusstemperatur, am Jahrgang, an der Lagerung, am Jahrgang. Heute trinken wir einen solchen Wein, der so nichtssagend ist, dass meine Frau darauf verzichtet, mit mir zusammen die Flasche leer zu trinken. Ich kann den Rest haben – wow, dies kommt selten vor. Was ist passiert? Ich glaube, in diesem Fall ist es eindeutig: zu lange gelagert! Zwar verkündet der Händler: „Lagerfähigkeit: 6-12 Jahre. Grosse Jahrgänge noch länger.“ Entweder war es kein grosser Jahrgang oder der Begriff „noch länger“ wurde falsch interpretiert. Geblieben ist von der Frucht nur noch „nasse Erde“, das Tannin hat sich nicht integriert, es hat sich verkrochen. Der Gaumen ist ausgetrocknet, der Abgang unsauber kurz. Es gibt immer wieder mal solche Weine, die ich einmal geschenkt erhalten, im Anschluss einer „Weinbegegnung“ oder auf einer Reise gekauft habe und dann …  dann habe ich sie aus den Augen verloren. Wenn ich einmal ganz besonders neugierig bin, tauchen sie wieder auf. Nicht selten sind es Überraschungen im positiven Sinn, neue Erfahrungen. Diesmal aber nicht. Der berühmte Oenologe Peter Sissek, der auch für die Hacienda Monasterio arbeitet, war 1995 entweder noch nicht zuständig oder auch seine Arbeit hat eben ihre Grenzen.

13. November 2011

 

Moulin-Saint Georges, 1995 und Beau-Séjour Bécot , 1995, Saint Emilion

 

Zu Besuch bei Freunden – die Gastgeberin macht ein herrliches Gusgus – noch nie so ein gutes gegessen. Wie heisst es oft so lakonisch bei den Primeur-Besprechungen: Bravo! Also Bravo für das Essen und die Gastfreundschaft. Ich habe zwei Weine mitgebracht, die wir prompt in der falschen Reihenfolge einschenken: zuerst den Moulin Saint-Georges. Wunderbares, feines, ausgewogenes Bouquet. Die Überraschung: ein weicher, reifer Wein, sehr feine Frucht gemischt mit Gewürzen, sehr zurückhaltend mit einem eleganten Abgang. Alain Vauthier (Ausone) hat den Wein seiner Schwester ausgezeichnet vinifiziert. Dann der eigentlich höher bewertete Beau-Séjour Bécot. Verglichen mit dem Moulin-Saint Georges, ein lauter Wein, noch viel Extrakt und Konzentration. Hat sich gut gehalten, wirkt aber etwas aufdringlich, nach 16 Jahren noch immer ein robuster St-Emilion. Die Würze geht leider etwas in der wohl letzten Kraftanstrengung unter. Wie gesagt, zwei schöne Weine, so unterschiedlich, obwohl sie von einer ähnlichen Lage kommen, die ich aber in umgekehrter Reihenfolge trinken würde (so ich gewusst hätte, dass…)

12. November 2011

 

Werderaner Wachtelberg, Dornfelder, 2007

 

Auf die Gefahr hin, als verrückt, noch schlimmer als weininkompetent gehalten zu werden: ich habe mindestens drei oder vier Todsünden begangen in den Augen der Weinliebhaber. Tatsächlich – um es vorweg zu nehmen – ich habe ein harmloses, bescheidenes, kleingeredetes Weinchen im Glas. Es ist nicht einmal nur kleingeredet, es ist klein: ein paar wenige typische Aromen: Sauerkirschen, Heidelbeeren, Eukalyptus… Man muss die Nase schon gut „spitzen“ um noch etwas Frucht zu erkennen. Die Säure ist so gering, dass ich den Wein Menschen mit Magenbeschwerden empfehlen würde. Im Gaumen ist er eher dünn, unauffällig und doch von einer prägenden Aromatik. Der Abgang eher kurz. So oder ähnlich urteilt wohl der weingewohnte Fachmann. Ich urteile anders. Todsünde Nummer 1: Dornfelder. Was kann diese Rebsorte schon bringen? In Weinfachaugen bin ich abgeschrieben, wenn ich die Rebsorte nur erwähne. Doch ich möchte auch den Dornfelder kennen lernen. Todsünde Nummer 2: Wachtelberg – das nördlichste Anbaugebiet von deutschen Qualitätsweinen. Fast schon bei Berlin. Da kann doch nichts Gutes wachsen. Ich bin fasziniert von den rund 6 Hektaren Reben im „Norden“ Deutschlands. Todsünde Nummer 3: Jahrgang 2007. Der Dornfelder – wenn schon – muss jung getrunken werden, dann entwickelt er seine Frucht und Kraft. Dieser Wein ist vierjährig – schon viel zu alt! Mich interessiert, was ein gereifter Dornfelder bringen kann. Todsünde 4: ich nehme den Wein ernst, ich schreibe darüber, ich reihe mich nicht ein in den grossen Kreis der Schweiger! Für mich ist der Wein eine Erinnerung an schöne Urlaubstage , an eine interessante Reise, auf der wir auch im Werderer Weingut eingekehrt sind. Ich habe damals – vor drei Jahren – ein paar Flaschen mitgenommen, zu Nachverkostung. Diese hat nur beim Spitzenwein, einem Regent, stattgefunden. Der Dornfelder blieb im Keller liegen. Bis heute Abend: da ist er in mein Glas gekommen. Und die ganze Geschichte rund um den Werderaner Wachtelber – ich habe damals sogar ein Buch dazu gekauft – ist wieder in mir aufgelebt. Eine faszinierende Geschichte, eine Pionierleistung, eine wahre Weintat im Norden Deutschlands. Mit einem Schlag hat auch der Wein eine neue Dimension erhalten. Die Dimension des Erlebten, die Dimension der Anerkennung und die Dimension einer Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die mehr mit Wein zu tun hat, als viele der Verkostungen von weltweit anerkannten Weinikonen.

11. November 2011

 

Château La Dominique, 1994, Saint Emilion, Bordeaux

 

Viel Worte muss ich nicht verlieren. Château La Dominique, ganz im Westen von Saint Emilion, schon fast im Pomerol, wo auch Figeac zuhause ist und Cheval Blanc die Bordeaux-Pilger anzieht, steht also inmitten der ganz Grossen in Saint-Emilion und ist – trotz riesiger Anstrengungen – nicht ganz gross. Dafür ein sicherer Wert, vor allem auch in schwächeren Jahrgängen. Ein Beweis dafür ist jetzt in meinem Glas. La Dominique 1994. Kürzlich auf einer Auktion gekauft. Niemand wollte den Wein, da habe ich ihn halt mitgenommen, für 25 Franken die Flasche (brutto). Ein Schnäppchen, würde ich meinen. Jetzt erlebe ich die Freuden eines spontanen Kaufs. Der Wein vom gleichen Jahrgang wird in der Schweiz beim Händler noch für 50 Franken angeboten. Wahrscheinlich auch da ein „Ladenhüter“. Zu Unrecht! Der Wein weist noch viel Frucht auf, hat seine Grösse von einst behalten und noch viel feine Aromen dazugelegt, die erdig-rauchigen Cassistöne behalten und das Tannin wunderbar verarbeitet. René Gabriel hatte recht: „er weist ein recht grosses Alterungspotential auf“ (geschrieben 1997). Doch kaum einer will den Wein heute noch kaufen. Schlechtes – oder bescheidenes – Bordeauxjahr eben. Man soll nicht jammern über die exorbitanten Bordeaux-Preise von heute. Altweintrinker kommen noch immer zum Genuss.

06. November 2011

 

Château Palmer, 1967, Margaux, Bordeaux

 

Zurück von der Enttäuschung einer Tafelrunde alter Weine, greife ich zu einem Wein aus dem eigenen Bestand. Dafür muss ich nicht 600 Kilometer bis nach Bonn fahren, ich kann ein paar Stufen hinuntersteigen in den Weinkeller, wo der 67er Palmer seit Jahren ruht. Zugegeben, es ist kein Wein aus den Vierzigern oder Fünfzigern, „erst“ 44 Jahre alt und erst noch aus einem sogenannt „schwierigen“ Jahr. Parker meint:“Diese Weine noch länger aufzuheben erscheint sinnlos…. Doch einige Weine wie Latour, Pétrus, Trotanoy und Palmer liessen sich im Jahr 2000 noch gut trinken.“ Inzwischen sind wieder 11 Jahre vergangen. Lässt sich der Palmer 1967 noch gut trinken? Er lässt sich sogar ausgezeichnet trinken, er ist ein kleines Weinerlebnis: er wirkt noch keine Spur müde, ist zwar alters- oder reifebetont, hat aber weder oxydative Noten, ist aber weder ledrig, malzig oder gar portweinig. Ist es der Respekt, den ich dem Wein zolle oder sind es wirklich die fast unbeschreiblichen vielfältigen Aromen, die sich nur bei gut gereiften Weinen einfinden? Die Fruchtaromatik ist verblasst, die Säure – so noch vorhanden – dominiert die Struktur. Was ich hier aber finde – nur kurz dekantiert – sind herrliche, schokoladeähnliche, an Trüffel erinnernde Klänge, die sich im Gaumen verstärken. Ist dies wirklich ein alter Wein? Eingeschüchtert von den schlechten Erfahrungen am Vorabend – grosse Altweinprobe – kommt mir sofort der Gedanken: Fälschung? Ein viel jüngerer Wein? Nein, eine Fälschung ist es sicher nicht. Aber es ist ein Beweis, dass eher kleine Jahrgänge auch grosse Weine hervorbringen können. Die Altweinliebhabern nehmen das Risiko eines müden, absterbenden Wein selbst bei guten Jahrgängen in Kauf, bei schlechten aber ist es zu gross. Fälscher und Spekulanten hingegen lassen die Hände von „schwachen“ Jahrgängen, denn auf dem Auktionsmarkt sind sie fast gar nicht gesucht. NB. Ich habe die drei Flaschen 67 vor ein paar Jahren für knapp 200 Franken gekauft – niemand wollte sie -, also keine hundert 70 Franken die Flasche (45 Euro -damaliger Kurs). Einsicht: es lohnt sich bei Altweinen nicht nach den Top-Jahrgängen Ausschau zu halten, dafür sich mit den kleinen vergnügen. Auch wenn jede dritte Flasche in Flopp ist, lohnt es sich doch.

3. November 2011

 

Miguel Torres: Celeste do Ribera del Duero, 2003, Spanien

 

«Celeste Aida, forma divina Mistico serto di luce e fior…» (Holde Aida, himmelentstammend, von Duft und Strahlen zauberisch verklärt), singend geschwärmt vom Radames, war in der Jugend meine Lieblingsarie. Da kam ich so richtig ins Schwärmen. Jetzt habe ich einen Wein aus Spanien im Glas mit dem verheissungsvollen Titel: „Celeste“. Ein kaum erfüllbarer Anspruch. „En las noches de vendimia, estas son las estrellas que vigilan y contemplan el nacimiento de celeste“ (In der Nacht der Ernte wachen die Sterne und beobachten die himmlische Geburt). Ja – himmlisch war der Wein nicht, aber sehr gut, so ziemlich mein Verlangen beim Braten, den ich im Ofen hatte. Ein unkomplizierter Wein aus Tempranillo, ein schöner Trinkwein, der zum Abend, zum Essen und zur Stimmung passt. Südlicher Himmel wölbt sich über uns: sternenklar, dunkel wie Tinte, violette Reflexe. Obwohl schon 8jährig, noch schön zu trinken. Ich gebe zu, spanische Weine kenne ich vor allem von Restaurants. Da bestelle ich sehr oft einen Wein von Ribera del Duero, weil er meist eine sichere Option ist: wunderschön trinkbar, nicht überladen, südlicher Charme und preislich (auch im Restaurant) recht günstig.

01. November 2011

 

Fox Creek: JSM 1999, McLaren Vale (Shiraz Cabernet Franc)

 

Erstaunlich, was Australier für wenig Geld an Wein-Genuss anbieten können. Das Füchslein auf der Etikette hat mich auf den zuerst fasziniert und – ich gebe es zu – auch der Wein hat es getan. Eine feine Cuvée offensichtlich aus sehr reifen Beeren gekeltert, die Kirschennase springt einem förmlich entgegen, die Gewürze, welche sich im Gaumen langsam festsetzen, stammen wohl vom Cabernet Franc, unklar ist für mich, woher die deutlichen Zimtnoten kommen. Wohl aus Holzfässern, vermute ich, doch es fehlt gottlob das sonst oft dominierende Vanillearoma. Den Wein habe ich aus Neugier gekauft, weil wir vor ein paar Monaten in Australien waren, allerdings (leider) nicht bei Fox Creek im McLaren Vale sondern vor allem im Barossa Tal. Aber was oder wer ist JSM. Da ich ein neugieriger Mensch bin, habe ich mich schlau gemacht: JSM ist James Stanley Malpas, Kriegsveteran, Farmer und Winzer, der dort die ersten Reben gepflanzt hat, wo heute das Weingut Fox Creek liegt. Der Wein, der heute dem Kämpfer im Ersten Weltkrieg gewidmet ist, hat Kraft, etwas vordergründige Eleganz und 14.5 % Alkohol.

30. Oktober 2011

 

Pagodes de Cos, 1995, Saint Estèphe, Zweitwein von Cos d'Estournel

 

An der Flasche klebt noch die Preis-Etikette von damals: coop 48.00 Fr. (32 Euro, einstiger Kurswert) Der Zweitwein von Cos d’Estournel war damals also etwa halb so teuer wie der Erstwein (100 Fr.). Nicht gerade ein Schnäppchen, aber ein ausgezeichneter Wein, nebst dem 1990er wohl der beste Cos der Neunzigerjahre. Der Cos d’Estournel 2010 kostet jetzt etwa 310 Fr., während der Zweitwein (Pagodes de Cos) noch zu 62 Fr. zu subskribieren ist. Mit andern Worten: der Erstwein ist mittlerweilen drei Mal so teuer wie er 1995 war, also 200% Teuerung – der Zweitwein hat hingegen nur 30% zugelegt. An diesem Beispiel erkennt man, wie die grossen Namen in Bordeaux mit ihren Erstweinen das grosse Geschäft machen. Die Zweitweine werden gleich Vinifiziert wie die Erstweine, mit der gleichen Sorgfalt und dem gleichen Aufwand. Das Traubengut stammt einfach von jüngeren Reben, in der Regel jünger als 10 Jahre. Deshalb war das Preisverhältnis zwischen den Erst- und Zweitweinen während vielen Jahren (eigentlich bis zum Jahr 2000) bei Spitzengütern immer maximal 3:1, das heisst, der Erstwein war etwa zwei bis dreimal so teuer, wie der Zweitwein. Und heute? Beispiele von 2010: Latour 6 mal so teuer wie der Zweitwein, Mouton Rothschild 5 mal, Palmer 5 mal, Margaux 5.5 mal, Eglise-Clinet 10 mal etc.
Dies alles schwirrt mir durch den Kopf beim Anblick des alten Preisschilds. Doch ich kann mich auch freuen: ein wirklich schöner, geschmeidiger, nicht sehr kräftiger, eher weicher Wein mit prägnannten Gewürznoten, samtenem Gaumen, Edelhölzern, sogar etwas Marzipan. Die Frucht ist noch da, aber zu leise, zu verhalten. Der Höhepunkt ist eindeutig verpasst. Ich tröste mich, es war die letzte Flasche Pagodes de Cos 95er in meinem Keller.

28. Oktober 2010

 

La Petite Eglise, 1999, Pomerol, Magnum

 

Petite-Eglise, der Zweitwein vom hochbewerten Eglise-Clinet, ist eigentlich kein Zweitwein, sondern ein eigener Wein, mit eigenem Charakter, aus einem abgegrenzten Terroir. So jedenfalls sieht es der Château-Besitzer Denis Durantou, der diesen Wein als Assemblage macht, mit Trauben aus dem gleichen Rebberg wie der Erstwein und einer speziellen Parzelle ganz in der Nähe. Genauso wie der Eglise-Clinet ist auch der Zweitwein ein typischer Merlotwein: weich, leicht zugänglich, leicht süsse, cremige Frucht, abgeschliffenes Tannin, noch knackige Säure. Ein Genuss!
Interessant ist vor allem, wie sich der Wein in der grossen Flasche (1.5 l.) entwickelt hat. Da zeigt sich, so meine ich, die langsamere, komplexere Reifung in Grossformaten. Der Wein, der eigentlich als frühtrinkbar gilt, ist jetzt, nach 12 Jahren, auf dem Höhepunkt der Genussbereitung. Er wird aber so noch sicher 5 Jahre auf höchstem Niveau zu geniessen sein. Die Entwicklung des Weins, vom Offenen der Flasche bis zum letzten Glas, ist so deutlich, dass ich den Wein – sollte ich ihn wieder einmal im Glas haben – unbedingt vorher dekantieren werde. Eine schöne Karaffe würde zudem der Qualität des Weins und dem Trinkvergnügen entsprechen.

26. Oktober 2011

 

Francesco Rinaldi & Figli, Barolo 1996, Piemont

 

Nach all den Jungsporn endlich ein gereifter Barolo!. Auf diese Erfahrung habe ich seit Tagen gewartet. Wie hat er sich ein Wein entwickelt, von dem man sagt, er sei lange, sehr lange genussbringend? Welche tertiäre Aromen tauchen neu auf? Hält die Säure stand? Wie viel Frucht ist noch vorhanden? Mit alten Bordeaux habe ich einige Erfahrung, mit alten Burgundern etwas weniger, mit alten Barolo überhaupt nicht! Um es gleich vorweg zu nehmen, es ist eine schöne, sogar genüssliche Erfahrung, das erhoffte grosse Erlebnis aber ist es nicht. Für einmal muss ich kurz beschreiben: leicht bräunliches Granatrot, volle, aber etwas dumpfe Farbe. In der Nase Rauch, Kakao, Teer – aber auch leicht muffige Anklänge. Der Wein ist zwar dekantiert, doch spüre ich, dass er sich entwickelt und öffnet, sich von Minute zu Minute. Einige Spuren Fruchtnoten treten hervor: verblühte Rosen, Trüffel, Pflaumen. Rund und abgeklärt wirkt er, warm und voll im Gaumen, mit einem kräftigen, mittellangen Abgang. Vielleicht ist es die besondere Atmosphäre im Restaurant „Operti 1772 da Fausto“ in Cherasco, im einstigen Tanzsaal des Palastes der Scagnello Burotti, im Zentrum der mittelalterlichen Stadt, die den alten Barolo wieder aufleben lässt, ihm einen besonderen Glanz verleiht, in eine theatralische magische Stimmung versetzt. Der erloschene Glanz und die erlahmte Kraft bäumen sich in dieser Stimmung nochmals auf, ein letztes Mal, und öffnen sich sich zum Genuss. Noch war mir so klar bewusst, wie sehr eine Atmosphäre, eine einmalige Stimmung, auch einen Wein beeinflussen kann. Ohne diesen Glanz, ohne diesen besonderen Ort, schrumpft die Weinerinnerung zusammen, zur Beschreibung eines Altweins, der sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt hat (noch nicht verabschiedet), aber mit letzter Kraft nochmals zeigen will, was in ihm geruht hat

25. Oktober 2011

 

La Spinetta: Barbaresco Vigneto Starderi Vursu, 2004

 

Eigentlich schlage ich mich ganz ordentlich durch Spitzenweine des Piemonts. Auf unserer Weintour haben wir bisher die Seite des Barolo besucht und uns dem Terroir genähert. Die Degustationen waren eigentlich (für einen Neuling) wenig erhellend, denn noch immer vermag ich die speziellen Lagen und ihre Prägung nicht zu erkennen. Doch zwei Dinge habe ich schon begriffen: das Terroir – nicht nur der Boden, auch das Klima, die Vegetation, das Microklima etc. – sind ganz entscheidend für die Feinheiten des Weins. Ansatzweise habe ich dies gespürt. Aber nur ansatzweise, denn immer wieder schienen mir die Weine von neuen Barriques zugedeckt – vor allem waren sie viel zu jung (meist Jahrgang 2007). Leider bin ich noch laaaange nicht so weit, dass ich das Potential eines Barolos auch nur ansatzweise erkennen, geschweige denn abschätzen kann. Eines muss man den meistebn Weinen lassen: Für alle, die kräftige, starke, dominierende, füllige Weine mögen, bei kommt schon heute Freude auf. Die Weine sind in sich rund und trinkbar, sogar mit Genuss.
Nach diesen Erfahrungen haben wir heute zum Essen einen Barbaresco getrunken, erst noch einen einigermassen gereiften: 2004. Mit einem Schlag fühlte ich mich wieder unter jenen Weinfreunden, die nicht den Knall lieben, einen Knall nota bene, der von einer Vanillesauce begleitet ist. Ich stelle einfach fest – ohne es einordnen zu können – dass dieser Barbaresco 2004 weniger wuchtig ist, als die bisher getrunkenen Barolo; dass mehr feine Töne, Gewürze, Früchte, vor allem Kirschen und Feigen zum Tragen kommen; dass das Feuerwerk junger Weine aus der Traubensorte Nebbiolo zwar verpufft ist, aber wunderschöne, zart leuchtende Farben und Gebilde am Weinhimmel hinterlassen hat. Mir gefällt nicht nur der Wein, mir gefallen allem die neuen Geschmackserfahrungen, die ich jetzt, (fast) zum ersten Mal im Piemont, in dieser Klarheit und Schönheit machen konnte. Es sei denn, bei der Degustationserfahrung eines Nebbiolos vom Weingut Giacomo Grimaldi, Barolo, der ähnliche Aromen öffnete und ähnliche Spuren hinterliess. Mein Fazit nach diesen ersten Nebbiolo-Schritten: Geduld, Geduld, Geduld und Abstand gegenüber jungen Weinen die aus neuen Barriques kommen.

22. Oktober 2011

 

Elio Altare, Barolo, 2007, La Morra, Piemont

Renato Ratti, Marcensasco Barolo, 2007, Piemont

 

Vielleicht sollte man doch nicht in der hohen oder höchsten Liga einsteigen, wenn es darum geht ein Weingebiet kennen zu lernen. Dies wurde uns erst so richtig bewusst, als nach der Weinbestellung beim Nachtessen die Weingläser mit grösseren, bauchigeren, eleganten Weinkelchen ersetzt wurden. Es galt, den Barolo – in wunderschöner Atmosphäre, vor Ort, in La Morra – kennen zu lernen. Was wir da im Glas haben, ist etwas Modernes, Starkes, Geschmeidiges, Elegantes – alkoholstark, wohl über 15%. Der Gaumen ist voll, prallvoll, der Abgang lang. Wuchtig bin ich versucht zu sagen, und doch ist er nicht überladen. Unter Barolo habe ich mir etwas anderes vorgestellt: irgendwie mit mehr Kanten und Ecken, etwas ganz Persönliches, etwas, das nur hier wachsen kann. Doch dies ist ein Wein, den vor allem Parker mag. Trotz der Fülle stört nichts die Harmonie, auch das Holz nicht, auch der Alkohol nicht, auch die Struktur nicht. Es fällt alles so auf hohem Niveau auf mich ein. Da muss ich mich wohl noch tüchtig in die Barolowelt einleben.

 

Renato Ratti, Marcenasco Barolo, 2007, La Morra, Piemont

Nur ein paar Schritte vom Restaurant entfernt ist das Weingut von Renato Ratti. Es liegt auf der Hand, dass wir als zweiten Wein des Abends auch seinen Barolo ordern. Nobel aber nicht so feinstrukturiert wie sein Fast-Nachbar Altari. Etwas traditioneller – was immer man darunter versteht - leicht eckig, aber persönlicher. Ein Vergleich der beiden Barolo liegt nahe. Noch wage ich mich nicht an diese Aufgabe. Doch ich spüre, wir bewegen uns bereits auf einem sehr hohen Niveau. So kann es wohl nicht weiter gehen auf unserer Erkundungsreise durch das Piemont. Doch diese Vollmundigkeit scheint typisch zu sein, sie allein aber genügt nicht, um aus einem Barolo (bestimmte Ausbau-Vorschriften) auch einen guten Barolo zu machen. Auch hier, bei Ratti, ist der Alkoholgehalt recht hoch, das Holz etwas mehr zu spüren, die ungebändigte Kraft des Weins wird aber nicht erstickt, geschliffen. Sie darf wirken. Ein sehr junger Wein, denke ich. Ich möchte ihn in zehn Jahren wieder probieren. Doch jetzt ist er weg, getrunken, mit viel Freuden und hoher Anerkennung.

21. Oktober 2011

 

Vier Weine des Weinguts Malvira, Piemont

 

Im Piemont angekommen! Der Einstieg könnte nicht fulminanter sein. Vier Weine vom Weingut Malvira aus berühmter Lage, in hoher Qualität, mit Rebsorten, denen ich mich erst noch nähern muss. Dazu eine echt piemontesische Tafel, die allein es verdienen würde, beschrieben zu werden. Ich halte es hier mit den vier Weinen:

 

Malvira, Langhe Favorita 2010

Der Einstieg ist gemacht! Ein frischer, fröhlicher Wein – angenehme Jugend, könnte man sagen. Geht sogar – so meine ich – zu Salaten, die einen Wein kaum vertragen. Ananas denke ich unwillkürlich, jedenfalls lenkt die leichte Süsse mich auf diese Frucht. Langhe ist eine Landschaft, die ich etwas besser kennen lernen möchte. Favorita ist eine autochthone Rebsorte dieser Landschaft. Irgendwo habe ich gelesen: Es sei der Wein der Geselligkeit. Wollen sehen!

 

Malvira, Roero, Arneis Saglietto, 2009,

Arneis, auch eine Rebsorte, die ausschliesslich im Piemont angebaut wird. Charmant und doch mit Kanten, wenig, aber genügend Säure, wirkt deshalb nicht spitz oder gar prickelnd frisch, eher etwas breit - aber elegant. Sehr trocken, nicht ganz einfach, gar nicht im Mainstream. Mandeln meine ich zu erahnen, oder sind es frühreife Äpfel? Man erzählt mir, dass die alte Rebsorte auch „die Schwierige“ genannt wird. Dem könnte ich zustimmen.

 

San Michele, Barbera d’Alba, 2006

Eine doch recht intensive Frucht, Cassis, aber auch Pflaumen und Kirschen. Das vanillige des Holzfasses macht mir die Begegnung schwer. Ich bin wohl auf dem Weg zum Barolo. Ich suche die Annäherung, freue mich über die Trinkreife des Weins und gelobe, dem Genusspotential des Barbera auf die Spur zu kommen.

 

Roero Reserva Mombeltrano

Da ist er also, der kräftige, elegante Nebbiolo, der krönende Abschluss eines wunderschönen Wein-Essens. So habe ich ihn, den Rotwein im Piemont vorgestellt. Ich gebe zu, fast ein Nebbiolo-Neuling zu sein. Noch nie habe ich mich mit dieser Rebsorte näher befasst. Was mir auffällt, das ist ein Gerüst, eine Struktur, die wie aus einem Guss wirkt. Auch das von mir skeptisch betrachtete Holz ist gut eingebunden, bewirkt einen vollen, und doch feingliedrigen Körper. Ich werde in den nächsten Tagen – hoffentlich – lernen, die Unterschiede zu erkennen. Jetzt für den Anfang: ein echter Flirt mit einem tollen Wein.

20. Oktober 2006

 

Château Figeac, 1978, Saint-Emilion

 

Peter allein zu Hause. Dies geniesse ich, denn wir haben ein ganz kleines, familiäres Weinproblem. Meine Frau liebt fruchtige Weine, also verhältnismässig junge, ich hingegen schätze tertiäre Aromen, also vor allem alte Weine. Weil ein Weinliebhaber eben auch ein Liebhaber ist, kommen vorwiegend jüngere Weine ins Glas. Und die alten werden immer älter. So alt, bis sie auch die tertiären Aromen verlieren. Also kommt heute ein alter Wein zum Zug. Figeac ist ein ausgezeichneter Wein, der schon längst den Aufstieg zum Premier-grand-cru-classé-A verdient hätte. 1996 (in St-Emilion wird alle 10 Jahre neu klassifiziert), hätte es fast gereicht, doch der Wein sei – laut Aussage der Beurteiler – neben den andern beiden Erstligisten Ausone und Cheval Blanc eben doch zu billig. Was wiederum der Schlossbesitzer, Thierry Manoncourt, so kommentiert hat: „Der Mangel an Gier wird im Bordelais eben bestraft!“. Vor einem Jahr ist Thierry Manoncourt im Alter von 92 gestorben. Er durfte den Aufstieg zur höchsten Bordeaux-Spitze nicht erleben. Schade!

Nun zu dem 78er, der heute also ins Glas kam. Natürlich ist ihm die Ziegelröte schon leicht ins Gesicht gefahren. Und von der Primärfrucht ist nichts, aber gar nichts mehr wahrzunehmen. Dafür spielen die Aromen in einer andern Liga, bei den noch frischen Senioren. Nein, begeistert bin ich nicht, es ist kein Trinkgenuss, vielmehr ein Trinkerlebnis: Backpflaumen, Todessüsse sagt jeweils René Gabriel, Walderde, Trüffel, ein Hauch Cognac und eine Reihe exotischer Gewürze. Ein Genusss – im gängigen Sinn – ist es also nicht, aber ein Erlebnis, eine schon recht exquisite Weinerfahrung. Und es ist wie bei den Menschen, der Wein vermag noch viel zu leisten, auch wenn er den Zenit längst überschritten hat. Wegen solchen Erlebnissen bin ich gern allein zu Hause!

16. Oktober 2011

 

Señorio de Landibar, Navarra 2002

 

Wie der Wein in meinen Keller kam, weiss ich nicht. Wohl ein „Mitbringesel“ von jemandem, der mir die Vorzüge des biologischen Anbaus ans Herz legen wollte. Ist ihm oder ihr dies geglückt? Ich weiss nicht recht. Ich verbinde Navarra mit Heinrich IV. dem Anführer in den Hugenottenkriegen und späteren König von Frankreich, der gesagt haben soll: „Paris vaut bien une messe“ (Paris ist eine Messe wert) und den Begriff „poule au pot“ als Anrecht für seine Untertanen kreiert hat. Einen Wein aus dieser nordspanischen Provinz, südlich der Pyrenäen, hatte ich wohl noch nie im Glas. Schon gar nicht einen aus biologisch-dynamischem Anbau. Anfänglich hatte ich etwas Mühe mit den leicht bitteren Noten, allmählich aber kamen Aromen hervor, die ich zu erkennen glaubte und die mir gefielen: Pflaumen, Kastanien, sehr reife Früchte. Während ich dies notiere, habe ich mich mit dem Wein versöhnt. Aus dem anfänglich mittelprächtigen Wein wurde eine interessante Entdeckung. Sie entzückt mich nicht, weckt aber mein Interesse.

14. Oktober 2011

 

Pinot Noir, Alte Reben, 2007,

Gian-Batista von Tscharner, Schweiz

 

Es ist kein Freundschaftsdienst, wie einige jetzt vermuten, wenn ich nochmals über einen Wein vom Schloss Reichenau schreibe. Es ist vielmehr eine unsägliche Wut, ein Gefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen. Zumindest die Weinwelt. Ich weiss, dass nicht jeder Wein, zu jeder Zeit, an jedem Ort, gleich gut schmeckt und in etwa gleich bewertet wird. Da gibt es bei mir – dem Amateur – schon Unterschiede, die einmal fünf Punkte (auf der 100er Skala) ausmachen könnten. Dies auch ist ein Grund, dass ich beim Wein den Massstab nicht mit Punkten skaliere. Schon eher mit Eigenschaften, vielleicht mit Vergleichen, mit Beschreibungen und – wenn es so etwas gibt – mit Lust- und Freudeneinheiten.

Heute haben wir einen Pinot Noir im Glas, der ganz einfach grossartig ist, reif, geschmeidig und doch persönlich, gezähmte Wildheit, weitab vom geschliffenen braven, nivellierten Geschmacksbild, das die Weinszene immer mehr dominiert. Vielleicht ist es ein anderer Wein, mag sein. Aber ein guter: Auge, Nase, Gaumen, Abgang – alles stimmig und sehr prägnant, sozusagen persönlich. Nein – kein guter, ein hervorragender Wein. Dann habe ich zufällig erfahren, dass dieser Wein bei irgendwelcher wichtiger Fachjury gerade mal 81 Punkte erhalten hat. Wie gesagt, ich mag mich täuschen; ich mag mich um drei, fünf Punkte verrechnen. Trotzdem: ich habe genügend Erfahrung, um einen Wein annähernd, zumindest korrekt beurteilen zu können. Da trinke ich doch zu viele Weine, hochbepunktete, aber auch Weine, die kaum Punkte verdienen. Dass eine Fachjury so daneben liegen kann, stimmt mich nicht nur nachdenklich, sondern macht mich fuchsteufelswild.

Ist dieses in allen möglichen Formen zelebrierte und zitierte Wettbewerbssystem, dieses Urteilen und Aburteilen von Weinen, meist in mysteriösen Vergleichstest, nicht weitgehend eine Farce? Letztlich eine „V..A-ung“ des Konsumenten und eine Beleidigung des Winzers, der gute Weine macht. Vor allem dann, wenn die Verkostungsumstände kaum je offen gelegt werden, die Jury zwar meist Namen hat, aber ihre Kriterien und Abweichungen verschweigt. Von Mehrheitsmeinungen in der Weinbeurteilung halte ich herzlich wenig.

12. Oktober 2011

 

Cabernet Sauvignon Lion Hill, 2008, Zidela Wines, Swartland

 

Gestern habe ich mich noch despektierlich über die Alltagsweinerfahrung in Restaurants geäussert, zwar in Bezug auf Deutschland, doch in der Schweiz ist die Situation nicht viel besser. Heute machte ich so etwas wie eine „Nagelprobe“. Wir sind spontan ausgegangen, quasi um die Ecke: reichhaltige Speisekarte, gutbürgerliche Küche, aufmerksame Bedienung. Und die Weine? Nebst den namen- und jahrgangslosen Weinen im Offenausschank standen auch drei oder vier „Hausweine“ – 7.5 dl – Flaschen auf der Karte. Ich versuchte es mit dem Cabernet Sauvignon Lion Hill, 2008, eigentlich mehr aus nostalgischen Gefühlen, Erinnerungen an unsere Südafrikareise vor zwei Jahren. Ein wirklich guter - wir nennen dies: anständiger – Cabernet Sauvignon, kein „grosser Wein“, der in Erinnerung bleibt. Sauber gemacht, mittelgewichtig, etwas Pfeffer, etwas Cassis, etwas Beeren – ein mittlerer Abgang. Ein ausgezeichneter Essensbegleiter. Für einmal habe ich angefangen zu rechnen: Der Wein kostet im Restaurant 23 Fr. (19 Euro), im Laden 8 Fr. (6.70 Euro). Im Offenausschank käme das Glas (2 dl) im Restaurant auf etwa 6 Euro zu stehen. Ich habe in Deutschland für den Wein im Glasausschank (2 dl) meist um fünf Euro bezahlt, hätte gerne noch ein, zwei Euro dazugelegt, um einen Wein in der Qualität dieses Löwen aus Swartland (Westküste) zu bekommen. Allerdings frage ich mich, ob es die lange Reise vom Südzipfel Afrikas bis nach Europa braucht, oder ob nicht auch ein Wein von hier (Europa, auch Deutschland) in ähnlicher Qualität zu einem ähnlichen Preis aufzutischen wäre? Die Frage sei – nach all den Erfahrungen, auch hier in der Schweiz – bitte erlaubt.

11. Oktober 2011

 

Léoville las Cases, 1994. Saint Julien, Bordeaux

 

Eine kleine «Durststrecke» liegt hinter mir. Nicht, dass ich verdurstet wäre, nein. Doch ich war für ein paar Tage an einem Kongress in Wolfenbüttel. Natürlich gab es auch da zu trinken, sicher auch guten Wein. Doch das Kongressprogramm und die Umstände liessen nicht zu, die Weinkarten der Restaurants vorgängig zu studieren. Als Biertrinker wäre ich wohl auf meine Rechnung gekommen, aber als Weintrinker…??? Was ich da als Essbegleiter im Glas hatte, hat mich immer wieder umgeworfen, ab und zu fast umgeschlagen. Dornfelder, Dornfelder, Dornfelder, einmal Merlot (der bescheidensten Art) und einmal Cabernet Sauvignon (knapp trinkbar, trotz Herkunft vom Kaiserstuhl.). Ich staune immer wieder über das Weinangebot in Restaurants und Esslokalen: ungepflegt, phantasielos, liederlich.

 

Eines muss ich allerdings zugeben: der Preis ist entsprechend – günstig. Ob das Preis/Leistungsverhältnis aufgeht bezweifle ich. Und Freude kommt kaum auf!

Umso mehr habe ich den Las Cases jetzt genossen. Schon das Auge macht mit: dunkles, fast schwarzes Rot, allerdings mit leicht braunen Rändern. Den richtigen Zeitpunkt zum Trinken schon wieder verpasst? Nein! In der Nase eine kräftige Brise Frucht, Lakritze, Preiselbeeren… weht mir entgegen, in einer Intensivität und Fülle…Karamell, Pflaumen, Liebstöckel…. Wir sitzen mit Freunden im Garten, unwillkürlich schaue ich hin zum Gewürzgärtchen. Es wuchert, ich muss es dringend wieder pflegen. Der Wein hält auch im Gaumen, was er in der Nase verspricht. Anfänglich scheinbar ein eher leichter Las Cases, dann aber eine elegante Wucht: weich, offen, geschmeidig – trotzdem ein prägnanter Körper, eine herrliche Struktur. Ein eher schwacher Jahrgang, der 1994er, sagt man. Ich finde dies jetzt – beim Genuss dieses Weins – überhaupt nicht.

4. Oktober 2011

 

Gewürztraminer, 2009, Gian Battista von Tscharner, Jenins 

 

Es ist eine wunderschöne Tradition, wenn bei der Traubenlese (Wimmlet) am Mittagstisch im freien Feld jener Wein aufgefahren wird, den man gerade als Lesegut während drei, vier Stunden eingebracht hat. Natürlich ist es der Wein aus jenen Trauben, die man vor zwei, drei Jahren geerntet hat. Doch man weiss so, was aus der eigenen Arbeit werden kann, oder geworden ist. Heute ist es der Gewürztraminer. Noch an der Arbeit, mitten in den Reben meinte meine Lese-Nachbarin, sie freue sich schon auf den Wein, es sei eben ihre Lieblingsrebsorte. Meine – das gebe ich ehrlich zu – ist es nicht. Habe ich da vielleicht weniger Spass an der Lese, bin ich da vielleicht weniger konzentriert bei der Arbeit? Nein – im Gegenteil! Ich freue mich ehrlich, dass der Wein so viel Freude machen kann. Ein Wein voll Aromen, Würze eben: der Rosenblätterduft hält sich in diesem Fall in (für mich) in erträglichen Grenzen, dafür nehme ich viel stärker verschiedene Gewürze wahr, Ingwer etwa, und auch die oft vermisste Säure ist da. Ich muss eingestehen: ein schöner Gewürztraminer. Wir haben offensichtlich schon vor Jahren gut gearbeitet und der Winzer hat daraus etwas gemacht, das Spass und Trinkvergnügen bereitet. Auch mir!

03. Oktober 2011

 

Beychevelle, 1983. St-Julien, Bordeaux, Doppelmagnum

 

Beychevelle ist mein Schicksalswein. Zumindest was den Wein und das Bordelais betrifft. Es ist der erste Bordeaux – Jahrgang 1986 – den ich einst bewussst gekauft (natürlich viel zu teuer) und es ist das erste Château, das ich je besucht habe. Inzwischen, nach fünfundzwanzig Jahren, ist Bordeaux für mich längst kein Weingebiet mehr mit sieben Siegeln. Doch Magnum oder gar Doppelmagnum trinke auch ich eher selten. Wer will schon 1.5 oder gar 3 Liter Wein vom gleichen Château an einem einzigen Abend trinken? So ruhen denn in meinem Keller ein paar dieser Grossformate und warten auf ihre Bestimmung. Heute ist so ein Tag. Mein bester Freund feiert ein Jubiläum, Überraschungsparty am Arbeitsplatz. Ich bin geladen, wie rund dreissig Leute auch. Es ist der richtige Moment, um eine Dopppelmagnum zu öffnen. Grosses Brimborium bis der Zapfen draussen ist, grosses Staunen über einen so alten Wein, Jahrgang 1983. Ein tolles Erlebnis, finden alle, die mit reifen Weinen klar kommen. Jungweintrinker enthalten sich vornehm der Stimme. Tatsächlich öffnet sich der Wein nach dem ersten Luftschock: er wird weich, fast schmeichlerisch, unheimlich anschmiegsam, mit ordentlicher Frucht und noch guter Säurebalance und keine Spur von Oxydation. Er wird sogar immer besser. Im Gaumen Wärme und Fülle, in der Nase zwar verhalten, doch unglaublich differenziert: Walderde, exotische Gewürze, aber auch etwa Hollunder, Blaubeeren… Unglaublich, was ein Wein im Alter von 28 Jahren noch verströmen kann. Beychevelle ist eben mein Schicksalswein und ich warte auf die nächste Einladung zu einem Jubiläum.

01. Oktober 2011

 

Chinon Rive Gauche, 2010, M. Plouzeau, Loire (biologischer Anbau)

 

Fast mit schlechtem Gewissen habe ich den Wein geöffnet. Warum nur habe ich diesen Wein gekauft auf meiner Loire-Reise - und nicht den von einen vom renommierteren Weingut, zum Beispiel aus dem Hause Couly-Dutheil? Er ist mir einfach begegnet, im Keller unter der Burg von Chinon. Es ist der einfachere Cabernet Franc, der ehrlichere, der süffigere, der jüngere, der rustikalere als alle anderen verkosteten Weine. Kein Holz, viel Frucht, lebendige Säure. Schöner Herbsttag, wir sind nochmals im Garten, mähen, Sträucher schneiden, räumen, dann Grillade: der Auftrag meiner Frau: kein schwerer Wein, etwas Junges, Frisches, Erfrischendes. Da habe ich zu diesem blutjungen Wein gegriffen und dabei das richtige gewählt, sagen wir beide, meine Frau und ich.

29. September 2011

 

Cindy's Collection, Pinotage, 1994, Stellenbosch

 

Der Reiz eines Pinotage ist weg. Es ist dies die von vielen abgelehnte (oder verachtete) leichte Bitterkeit, die sich mit Süsse und Frucht verbindet. Seit wir in Südafrika den wirklich guten Pinotage degustiert und getrunken haben, gehört dieser spezielle Wein – der in der Weinwelt kaum hohen Stellenwert hat – immer wieder zu unserer Weinauswahl. Vielleicht auch deshalb, weil er – im Vergleich zu unserer sonstigen Weinpalette wenig (oder ganz fein geschliffene) Tannine hat, dafür in der Regel Frische und Frucht. Man muss sich auf den Wein einlassen, er ist kein leichter Kerl. Aber diese Flasche ist pinotage-tot. Leicht braune Ränder, kaum oxydative Töne, aber auch keine Frische mehr und sehr verhaltene Frucht. Offensichtlich kann man einen Pinotage nicht so lange einkellern. Dies erkennt man gerade an diesem – im Vergleich zu einen Beyersloof oder Kanonkop – eher langweiligen Wein.

29. September 2011

 

Valpolicella Superiore, Ripasso, 2009, Zeni

 

Von italienischen Weinen verstehe ich wenig. Doch, wer immer strebend sich bemüht…. Daran muss ich denken, als heute am traditionellen Mittagstisch unserer Siedlung dieser Wein aufgetischt wurde. Eigentlich will ich die Herkunft des Weins erraten, doch ich komme gerade bis „Italien“, dann erfolgt schon die Auflösung: Valpolicella. Meine Stirn bekommt Runzeln. Meine Sozialisation mit italienischen „Valpoli“ und „Chianti“ erhebt sich wie eine Mauer. Kann ich den Wein gut finden? Trotzdem? Ich kann! Sicher ist es kein „grosser Wein“, kein Wein, der mir in Erinnerung bleibt. Aber: es gibt viele Weine in der gleichen Preisklasse (um 10 Euro), die deutlich weniger Charakter, die deutlich weniger Nuancen haben, die deutlich weniger Lust machen. Wir haben ein hervorragendes Kürbisessen – von der Suppe über die Kürbispasta bis zu den Kürbisküchlein – von der begnadetsten Köchin der Gemeinschaft genossen, und dies alles begleitet von diesem geschmacklich an einen Amarone errinnernden, aber bedeutend leichteren Ripasso.

27. September 2011

 

Elderton Command Single Vineyard, Shiraz, 2005, Barossa Valley, Australien

 

Gewickelt in Seidenpapier, wie die grossen Bordeaux, auffällig in seinem pink-roten Kleid, ein vornehmer Wein, mit grösstem Wohlbehagen getrunken. Wieder Zuhause, im Garten, ein wunderschöner Spätsommerabend. Die Flasche stammt aus einer Auktion, kurz nach unserer Australienreise im Frühjahr gekauft. Einziger Grund: nostalgische Erinnerungen an ein mir bisher eher fremdes Weingebiet. Erst heute – am Tag danach – schlage ich nach: bei Parker 97 Punkte, im Verkauf um die 60 Euro; mit 40 Hektaren für Australien ein kleines Weingut, „an diesem Shiraz müssen sich alle andern australischen Shiraz messen“ (Parker). Jetzt habe ich eine diebische Freude. Ich wusste gestern überhaupt nicht, was ich genau im Glas hatte – ausser dass es eine australische Erinnerung ist. Wir trinken den Wein – begleitet von schönen Erinnerungen: Barossa-Valley, Sonne, Reben, Hügel, Urlaub, andere Menschen, andere Weinkultur, andere Geschichte.

Meine Frau meint: etwas süss, aber sehr gut, ich meine gar nichts, aber schwelgte im Weingenuss und in den Erinnerungen. Keinen Augenblick kommt mir in den Sinn nach Parker-Punkten zu fragen. Nicht einmal das übliche Einordnen, die üblichen sensorischen Merkmale kommen aufs Tapet. Wir trinken den Wein eigentlich ganz unstandesgemäss. Im Barbecue Garten-Ungetüm grillt eine Wurst und ein Stück Fleisch, also keine Sternen-Küche. Der Wein ist trotzdem gut, vielleicht ist er gerade deshalb so gut, weil er von nichts anderem begleitet wird, als von unserem Geniessen. NB. Der Wein kann dreissig und mehr Jahre halten, sagen das Weingut und Parker. Und – schauen Sie genau hin – die Flasche – mit Goldetikett und Nobelverpackung – hat keinen Korken, einen Drehverschluss. Zusätzlicher Balsam auf so viele deutsche Seelen.

 

23. September 2011

 

Les Vérités de l'Enclos, 2008, Cabernet Franc, Enclos de la Croix, Lansargues, Languedoc

 

 

Wer schreibt, dem wird nicht nur geschrieben, ab und zu auch gegeben. Vor ein paar Tagen – ich bin gerade im Languedoc angekommen – habe ich vom stillen, besinnlichen Empfang durch einen Fitou-Wein geschrieben. Ein Freund, der zufällig in der Nähe von Montpellier im Urlaub ist, hat meine Notiz gelesen und haarscharf kombiniert: er ist da, im Languedoc. Zwei Tage später steht er vor der Tür, natürlich mit einer Flasche, und schwärmt, und schwärmt… Gestern war eine laue Altweibersommernacht, die ich auf dem Balkon in vollen Zügen genossen habe.

Ganz allein, hoch über einer Touristenstadt in der es gespenstisch ruhig geworden ist. Kaum ein Geräusch, die Menschen auf der Promenade scheinen auf Samtschuhen zu gehen, die Wellen schlagen sachte an die Quai-Mauer. Die „Wahrheiten des Enclos“ (Enclos = ein von Mauern umschlossenes Weingut) müssen sich offenbaren. Sie tun es! Ein Bilderbuch Cabernet Franc, kein typischer Languedoc-Wein, eher einer von der Rhone. Aber auch da ist Cabernet France kein Einheimischer, eher ein seltener Gast. Die Rebsorte, die ich soeben an der Loire kennen gelernt habe, ist oft ein rauher Gesell. Nicht aber diese „Wahrheiten“. Sie sind sanft, fruchtig, warm, herzlich, romantisch. Oder ist es der Mond, der sich im Wein so romantisch spiegelt?

21. September 2011

 

 

Montepalacio Tinto, ohne Jahrgang, Bodegas Lopez Morenas, Badajoz

 

Sie steht einfach da, die Flasche. Mit Sicherheit weiss ich, dass ich sie nie hingestellt, bestimmt auch nie gekauft habe. Ein „Hauswein“ von einem der grössten Weingüter und Handelshäuser in Spanien. Mehr als 100 Millionen Liter Wein sollen das Haus jährlich verlassen und auf allen Kontinenten abgesetzt werden. Nein – dies ist definitiv nicht mein Wein. Da fällt mir ein und ich erinnere mich: auf dem Markt haben wir im Sommer spanischen Käse gekauft. Ein origineller Käser (oder Verkäufer) mit tolle spanischen Käsen. Lecker! Wir haben schliesslich so viel gekauft, dass uns der Mann mit dem der Basketmütze eine Flasche mitgegeben hat. Sozusagen Skonto! Meine Freunde wollten die Flasche gleich entsorgen, einem der herumlungernden „Alki“ geben. Da siegte meine Neugier: Was hat der Wein wohl in und an sich? Heute habe ich ihn im Glas. Natürlich schnuppere ich besonders kritisch. In der Nase nicht viel, eigentlich nichts, von den Aromen jugendlicher Tempranillos nichts zu erhaschen. Im Mund leicht stallig, gar etwas Feuerstein. Ich kann mich nicht erwärmen. Doch der Wein erwärmt mich. Irgendwie – ist es nur Einbildung? – steigt ein Stück Spanien hoch: Noch heisser, als hier im Languedoc, noch dürrer, noch eintöniger – zumindest in jener Gegend, wo einst amerikanische Western gedreht wurden. Ich gebe zu, während ich hier auf das Meer hinausblicke und schreibe, leert sich das Glas, leert sich die halbe Flasche. Nein, es ist kein Wein um sich daran zu erinnern. Ich kann es aber nicht lassen, ich nippe, nehme ein paar Schlucke, immer wieder. Dann schlage nach, bei Google. „Ein leichter Wein, der den Gaumen wohlig umschmiegt, mit einem delikat ausgeglichenem Säuregehalt.“ Würde ich so wohl nicht ganz unterschreiben! „Passt wunderbar zu Käse, dunklem Fleisch und Pasta.“ Weiss ich nicht, der Käse ist längst gegessen, dunkles Fleisch und Pasta stehen nicht auf dem Programm. Für mich: passt ganz gut zum Schreiben, nichts aufregendes, nur wohliges.. Ich trinke jetzt ganz einfach den Rabatt für den wunderbare Käse und bin ganz zufrieden, dass mir der Produzent – Eigenproduktion betont er – nicht 3 Euro nachgelassen, sondern den Wein mitgegeben hat. Naturalgaben sozusagen!

19. September 1011

 

 

Domaine de Roudène, 2006, Fitou

 

 

Ich steige aus dem Zug, ein heftiger aber lauer Wind empfängt mich. Es wird bald dunkel. Ein anderes Klima, ein anderer Duft, andere Geräusche. Die Menschen verstreuen sich: ich bin allein und warte auf das Taxi, muss lange warten, mehr als eine halbe Stunde. Der leicht faule Duft von Meer, von wilden Blumen, von Unterholz (sogar hier am Bahnhof!) umspült mich. Ich bin am Mittelmeer, nicht das Gefühl von Urlaub, vielmehr von Zuhausesein. In der kleinen Wohnung, ganz nahe am Meer, meine ich sogar das Salz riechen zu können. Wie riecht Salz, wie riecht das Meer? Da öffne ich eine Flasche. Domaine de Roudène, 2006, Fitou. Fitou liegt näher bei Spanien, bei den Pyrenäen, es ist eine Enklave im Weingebiet von Corbière. Noch mehr Wärem, noch mehr Hitze: karges Land, Oliven, Reben, kaum grünes Gras. Ich bin angekommen in der Languedoc. „Une terre à part, comme hors du temps!“ (ein Land wie aus anderen Zeit), so empfängt das Weingut seine Gäste, so empfängt der Wein auch mich: Die Cuvée Jean de Pila: 50% Carignan, 30% Grenache, 20% Syrah. Noch frisch und unglaubliche Lebensfreude ausstrahlend, feines Tannin, würzige Noten. Méditerranée, ich bin angekommen!

18. September 2011

 

 

La Conseillante, 1994, Pomerol

 

 

La Conseillante gehört zu den besten Weingüter Pomerols. In den neunziger Jahren steckte es aber in einer Krise. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmte überhaupt nicht mehr. Deshalb habe ich den Wein nur selten im Glas und schon gar nicht im Keller. Kürzlich wurden in einer Auktion fünf Flaschen 1994er angeboten. Niemand wollte sie. Da habe ich zugeschlagen, 30 Euro die Flasche. Der Wein hatte einst 70 Euro (Subskirption) gekostet, die jüngsten Jahrgänge sind um 200 Euro zu haben. Ich bin gespannt! Haben sich die dreissig Euro gelohnt? Ist der Kauf sogar ein Schnäppchen?

Der Wein ist gut, sehr gut sogar. Verglichen mit den 95er der letzten Tage eindeutig besser. In der Nase aber verhalten, im Gaumen seidig und fleischig, ausgewogen und harmonisch, mittlerer Abgang. Der Wein ist also besser als sein Ruf. Aber70 oder gar 200 Euro würde ich nie bezahlen, dreissig sind mehr als genug.

16. September 2011

 

Labégorce, 1995, Margaux


Wöchentliche, gemeinschaftlicher Mittagstisch in unserer Siedlung. Altweibersommer-Menü am Grill. Zum Fleischspiess ein Prieuré Lichine, 1995, Margaux, und – als zweiter Wein – eben den diesen Labégorce. Gleicher Jahrgang. Der Prieuré ist klar besser, aber auch nicht wirklich sehr gut. Hätte ich die Weine früher trinken sollen? Das Aroma etwas dumpf, bei beiden Weinen, im Gaumen aber Fülle und Wärme beim Prieuré, beim Labégorce leicht stallige Noten. Da der Labégorce nur zur Hälfte geleert wird, geniesse ich am folgenden Tag den Rest. Geniessen? Er übersteht den Tag in der abgepumpten Flasche schlecht. Der Wein ist noch gut trinkbar, aber er zerfällt. Letzte Spuren eines leicht süssen, rotbeerigen Finals. Ich glaube, ich muss meine 95er Bordeaux bald trinken.

14. September 2010

 

La Lagune, 1995, Haut-Médoc

 

Das Weingut, das an der Weinstrasse D2 ins Médoc liegt, hat bei uns einen etwas zwiespältigen Ruf, Es ist das einzige Weingut im Bordelais, wo ich beim Fotografieren (von aussen) davongejagt wurde, zwar nicht mit einem Hund, sondern mit energischen Worten einer Dame. Seither heisst das Weingut beri uns „Wuww, Wuww“. Doch dies hat nichts mit dem Wein zu tun, ein Wein, der im Preis-Leistungsverhältnis, lange Zeit fast unschlagbar war. Doch der Preis hat auch da in den letzten Jahren tüchtig zugelegt, dem – so meine Erfahrung – die Qualität nicht folgen konnte. Zwar überschlagen sich die Kommentare nach den Primeurverkostungen in Lobesreden, doch die Flaschen, die ich ab und zu geöffnet habe, waren deutlich schwächer. Warum verliert offensichtlich der Wein an Ausgewogenheit und Eleganz mit den Jahren?

Diesmal trafen die bisherigen Erfahrungen nicht ein. Der Wein zeigte sich von hervorragender Reife, von einer schönen Länge, einer leicht blumigen Tiefe. Ich bin überrascht und begeistert. Endlich wieder ein Lagune, der an die frühere Stärke anknüpfen kann. Vielleicht weil ich den richtigen Zeitpunkt erwischt habe?

13. September 2011

 

Gian-Battista von Tscharner:
Felsberger Blauburgunder "Hoharai", 1998

Felsberger Blauburgunder "Hoharai", 2004

 

Da stehe ich jedes Jahr zum „Wümmle“ auch im Weinberg in Felsberg, wo die Reben für den Wein „Hoharai“ von Gian Battista von Tscharner gelesen werden. Ich kenne diesen Blauburgunder recht gut, schätze ihn auch und weiss um die herrliche Lage und den guten Boden. Dass aber der „Hoharai“ im Alter so viel an Komplexität, Wärme und Tiefe dazu gewinnen kann, wusste ich bisher nicht. Alle meine Blauburgunder von Felsberg wurden früher, viel früher getrunken, leider sehr oft zu jung. Das ist es eben, wenn man zu ungeduldig ist! Jedenfalls war der Abend bei Urs und Johanne (die den Wein aufgetischt haben) auch weinmässig ein Erlebnis. Ich habe selten ein Blauburgunder aus der Schweiz getrunken, der so viel Aromen und Finessen, der so gute Struktur und feine Würze, der so abgeklärt und doch so lebendig war, mit 13 Jahren auf dem Buckel. Der gleiche Wein, aber aus dem Jahr 2004, ebenfalls reif und geklärt, ebenfalls noch klar und frisch, konnte aber nicht Schritt halten. Ich habe (innerlich) spontan beschlossen, die Blauburgunger von Gian-Battista künftig länger im Keller zu lagern, dann verlieren sie zwar jene Kraft und Wucht, die sie ab und zu haben (und mich erschlagen) und werden – wenn die Erfahrung stimmt, zu unglaublich schönen und guten Juwelen.

 

11. September 2011

 

Peter und Karin Stucki, Teufen: "zwei Höger wiis", 2010

 

 

Ein Experiment – mehr als ein Experiment? Jedenfalls interessant und (nach erster Gewöhnung) vorzüglich. Ein Weisswein (der Name: ein „Höger“ ist ein Hügel, ein kleiner Berg), der aus einer weissen und einer roten Traubensorte gemacht wird. Die weisse Rebsorte: Gewürztraminer, die rote: Pinot Noir (weiss ausgebaut). Ein wirklich interessantes Experiment. Was haben die ungleichen Partner hervorgebracht? Gewürztraminer: intensive Aromen, Rosen sind meist unverkennbar, aber auch Melonen, Pfirsich und Aprikosen. Wenn er zu süss ausgebaut ist: nicht meine Rebsorte. Dazu gesellt sich aber nun eine „meiner“ Rebsorten, der Pinot Noir oder eben der Blau- oder Spätburgunder. Die dünnhäutigen Schalen sind nicht ganz leicht zu extrahieren, der Pinot ist eben eine Diva. Als Jungweine erinnern die Aromen an Erdbeeren, Waldbeeren, Kirschen. Kann das gut kommen, mit dem Rosenduft des Gewürztraminers? Ich bin skeptisch und verblüfft, Für meinen Geschmack müsste der Wein trockener sein, er dürfte mich nicht mit ganz viel Charme empfangen. Doch da beginnt der persönliche Geschmack, die persönliche Vorliebe, nicht zuletzt auch die Gewöhnung. Es kann gut sein, dass ich mich rasch daran gewöhnen würde.

Das Weingut Stucki - im zürcherischen Teufen - ist ein interessantes Weingut, das ich in der nächsten Zeit wohl beobachten und wieder besuchen werde. Auf der Etikette: „demeter – in Umstellung –CH-Bio-006“, also bereits ein zertifizierter Bio-Wein, der aber auf dem Weg zur bio-dynamischen Ausrichtung ist. Ich kenne bereits den Pinot Noir dieses Weinguts, allerdings aus der Zeit vor der biologischen Ausrichtung. Wenn ich nachblättere, was ich damals geschrieben habe: gutes Potential, doch zu viel Holz, zu konzentriert; beim einfacheren Pinot, nicht im Holz gelegen: gut ausgebaut, doch zu modern um terroirtypisch zu sein.

Und jetzt diese Wende, dieses hin zum Boden, zu der Natur, zum unverkennbaren Stil eines mit und in der Natur gewachsenen Produkts. Ich bin gespannt, die ganze Palette des heutigen Betriebs zu erleben und zu erahnen, was aus dem Familienbetrieb in den nächsten Jahren wird.

 

11. September 2011

 

Domaine Vieille Julienne, Châteauneuf-du-Pape, 2003 

 

Das Weingut ist bekannt, es ist eines der besten von Châteauneuf-du-Pape, gehört Jean-Paul Daumen und erzeugt regelmässig grossartige Weine. Diesen 2003er habe ich aufgehoben, um ihn bei einer besonderen Gelegenheit zu öffnen. Gestern war so ein Moment, mein Nachbar hat einen „runden“ Geburtstag und mein Nachbar liebt die Weine aus Châteauneuf-du-Pape. Oh – hätte er doch besonderen Geburtstag früher gehabt, denn der Wein zeigte nicht mehr das, was er einmal war. Eine leicht oxydative Note stieg schon bei der Suche nach der Nase auf. Und dann? Die Nase war fast verschwunden, jedenfalls war sie nicht mehr das, was sie einst war: kraftvoll, würzig, wilde Kräuter, weisser Pfeffer…
Ueberlagert, schlechte Flasche, Resultat des so heissen Jahrgangs 2003?

Im Gaumen ist dann alles viel versöhnlicher. Der Wein entwickelt jenen samtenen, weichen, vollen – aber auch kräftigen Touch, den ich erwartet habe. Jetzt kommt auch die Frucht hervor, der Gaumen wird umspielt von kräftigen Gewürznoten, von feinem Tannin, von cremiger Frucht. Und der Abgang! Er hallt nach, nicht nur Sekunden, Minuten. Ein Topwein, wenn der oxydative Hauch nicht wäre. Ich befürchte, dass der Wein doch überlagert ist. Schade! Das Grosse kann seine Grösse nicht ganz zeigen.

 

09. September 2011

 

Jacob Dujin - Gut Alsenhof Spätburgunger, 2002

 

Markige Sätze, wie „Pinot Noir ist mein Leben“ oder „Wein ist weit mehr als Geschmack“ begleiten seine Weine. Wer sie trinkt, der erkennt: dies sind nicht die üblichen Leerformeln. Jacob Duijn hat Massstäbe für deutsche Pinot Noir geschaffen. Stimmt dies? Ich gebe zu: bisher hatte ich nur selten ein Spätburgunder vom Spitzenwinzer – der ursprünglich aus Holland kam – im Glas. Und wenn einmal, dann höchstens bei einer Degustation von Deutschen Spätburgunder, und es waren immer junge Weine. Jetzt aber dieser neunjährige Wein. Ein Erlebnis. In so vielen Fällen habe ich bei reifen Spätburgunder die Frucht gesucht. Nicht hier! Es ist aber keine aufdringliche Frucht – vielmehr ein dezentes, subtiles Aromenspiel, ein verblassender Fruchtkorb in leichten Pastelltönen, zusammengehalten von ganz feinkörnigem Tannin. Den Einen vielleicht zu alt – weil unaufdringlich, in der Nase und im Gaumen grosse Eigenständigkeit: Töne, die in Zwischentönen versinken. Was schreiben Weinkritiker oft, wenn die treffenden Worte nicht finden: „Bravo!“. Also: bravo!

07. September 2011

 

Blauburgunder, 2003, Weingut Heinrich Spindler, Forst (Pfalz)

 

 

Verankert in der Pinot Noir Tradition der Bündner Herrschaft (Graubünden) bin ich seit je skeptisch gegenüber deutschen Rotweinen. Dabei sind Deutsche Winzer so stolz auf ihre neuentdeckte Liebe, den Roten, vor allem auf ihren Pinot. Natürlich habe ich schon vor mehr als 10 Jahren im „Rotweindorf“ Assmannshausen (Rheingau) und an der Ahr schöne Rote, auch schöne Pinots, kennen gelernt. Doch – so meine Erfahrung – sie konnten sich nicht messen, mit den Pinots der Spitzenwinzer der Schweiz. Viele Weine waren einfach zu wenig differenziert, zu wenig vielschichtig und immer wieder überholzt. Kaiserstuhl mit dem vulkanischen Erbe mag da eine Ausnahme sein.

Nun habe ich einen 8jährigen Pinot Noir aus der Pfalz im Glas. In den Jahren wurde das Holz eingebunden, der Wein beginnt sich spielerisch zu entwickeln, Himbeer-Nelke-Pflaume (um ein Klischee zu benühen) haben sich zu einem nüancierten Aromabild entwickelt. Kein grosser, aber ein angenehmer und schöner Wein.

05. September 2011

 

Sociando-Mallet, 1992, Haut-Médoc 

 

Noch ein überalterter Wein ! Nein, ich habe ihn nicht in meinem Weinkeller vergessen, ich habe ihn an einer Auktion (aus Versehen !) ersteigert. Beim Lot zuvor habe ich geboten und offensichtlich die Karte etwas zu lange oben gehalten. Was soll‘s: 6 Flaschen Sociando-Mallet aus dem bescheidenen Jahr 1992 wechselte den Besitzer, kam zu mir, zu 19.50 Fr. (brutto) die Flasche. Seien wir ehrlich, der Wein wäre vor zehn Jahren weit besser gewesen. Ich hatte damals den Wein zu 25.00 Fr. subskribiert, ihn aber längst getrunken. In meinen Notizen stehen nur lobende Worte: reifes Beerenbukett, sehr kräftig für einen 92er, viel Tannin, Fruchtpräsenz… Davon ist jetzt nicht mehr viel zu spüren. Trotzdem: immer noch genussvoll.

Auge: verhalten, keine braunen Ränder, dunkles, mattes Granatrot. Nase: saubere, aber eher leise, metallische Anklänge, ein Hauch Dörrobst, doch präsentes Gewürznoten. Geschmack: im Gaumen wenig Kraft, aber sauber und noch elegant, leichte Süsse, mittlerer Abgang.

02. September 2011

 

Château Coufran 1995, Haut-Médoc

 

Coufran eine Ausnahme im Médoc, ein fast reiner Merlot-Wein. Der Rebberg des grossen Weinguts (75 ha) ist zu 85 Prozent mit Merlot bestockt und 15 Prozent Cabernet Sauvignon. Daraus resultiert ein etwas untypischer Bordeaux vom linken Ufer, eben ein Merlot-Wein aber nicht mit jener Feinheit und Ausgewogenheit wie Weine in St-Emilion und Pomerol. Solange die Frucht da ist, begeistert das Bukett, vor allem aber sein Charme. Doch das Vergnügen ist relativ kurz (dafür intensiv), nach ein paar Jahren verliert sich die Frucht und es kommt wenig nach. Kein Wein zum langen Lagern. Dafür hat Coufran ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis. Der 95er kostete damals 24 Franken, der neuste Jahrgang kaum mehr.

Was zu vermuten war: die 15 Jahre Lagerung hat der Wein nicht optimal überstanden. Die Frucht ist weitgehend weg, vom einst verführerischen Bouquet ist nicht mehr viel übrig geblieben. Trotzdem: ein schöner Wein, ein wenig üblicher Bordeaux im Glas, der Lorbeer und Pflaumennoten aufweist, noch ordentlich Kraft und Druck hat, aber hinten am Gaumen eher schlank ist und im Abgang sogar dünn. Wäre vor acht Jahren besser gewesen.

31. August 2011

 

Château Moulin Saint-Georges 1966, Saint Emilion

 

Das Weingut gehört der Familie Vauthier, die – seit Alain Vauthier das Zepter übernommen hat – einen der besten und teuersten Bordeaux macht: Ausone. Das Weingut, nur 6.5 ha gross, liegt gegenüber dem höher gelegenen Château Ausone, direkt an der Strasse zu St-Emilion. Dort habe ich vor mehr als 10 Jahren einmal ein paar wenige Flaschen gekauft, nichtwissend von der verwandtschaftlichen Nähe zu Ausone. Und ich war begeistert. Seither gehört Moulin Saint-Georges zu meinen Lieblingsweinen aus St-Emilion. Damals war der Wein preislich noch sehr günstig – etwa 25 Fr. – inzwischen kostet er bereits in der Subskription gut 50 Franken. Ein Bruchteil eines Ausone.

An einer Auktion ersteigerte ich eine Kiste 1966er Moulin Saint-Georges, einfach weil ich das Weingut liebe und einmal feststellen wollte, wie denn ein wirklich alter Wein dieses Château schmeckt. Es war ein Rest-Lot, das eigentlich keinen Wert mehr hat, denn die Flaschen und die Füllstände waren geradezu erbärmlich. Die Flasche kostete mich deshalb knapp 3 Franken (brutto!). Beim öffnen der Originalholzkiste packte mich schon fast der Schreck: welch pitoybler Zustand! Ein Fehlkauf, auch wenn er nur der Neugier diente.

Die Nagelprobe hat der Wein bestanden. Ich habe die ganze Flasche selber getrunken. Meine Frau liebt diese alten Weine nicht. Dafür bewege ich mich gerne im Bereich, den René Gabriel als „altes Testament“ bezeichnet. Bereits die Farbe ist eine Ueberraschung. Zwar leichte Brauntöne, natürlich, aber noch kräftiges Granatrot. In der Nase eher keller-muffig, aber nicht unangenehm. Im Gaumen aber voll Spielfreude, feine Trüffeltöne, Korinthen, Waldboden, noch eine gewisse Alterseleganz, leicht lederig, noch fast tänzerisch im Gaumen, mit einem guten langen Abgang.

Ich konnte es kaum glauben. Ein Wein in diesem Zustand (vor allem Füllstand um Low Shoulder bis Low) und noch diese Präsenz. Es war d i e Weinüberraschung der letzten Monate

August 2009

 

Pouget, 1976, Margeaux 

 

Vor 32 Jahren:

Was passierte alles vor 32 Jahren? Die Rote Brigade entführte und ermordete den italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro, der Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla, wird als Johannes Paul II. zum Papst gewählt, der Kranich (lat. Grus grus) ist Vogel des Jahres, in London wird das erste Retortenbaby geboren, Reinhold Messner und Peter Habeler besteigen den Mount Everest ohne Sauerstoffgerät, so unterschiedliche Politiker und Politikerinnen wie Ludwig Hartmann, Dorothee Mantel, Katja Kipping wurden geboren und – in Cantenac (Appellation Margaux) wird auf dem wenig bekannten Weingut Pouget der Jahrgang 1976 in die Flasche gefüllt.

Eine dieser Flaschen – mit einem 34jährigen Wein – steht jetzt vor mir, zum skeptischen Genuss. Skeptisch, weil die 70er Jahrgänge – es ist noch die „vorparkerianische Zeit – heute als eher problematisch eingestuft werden. Damals aber waren wir stolz auf unsere ersten Bordeaux-Schätze, die wir als grossartige Weine ab und zu trinken oder gar in den Keller stellen konnten. Gut dreissig Jahre später hat sich so vieles verändert im Bordelais, nicht nur die Preise, auch die Qualitäten.

1976 war kein besonders gutes Bordeaux-Jahr, jedenfalls „von den Weinauguren nie hochgejubelt“, sagt schreibt Robert Parker. Pouget – das Weingut soll einst den Mönchen von Cantenac gehört haben – ist in den 70er Jahren wenig bekannt, die Ernte wurde damals noch zusammen mit jenem von Boyd-Cantenac (zu dem das Weingut gehört) ausgebaut. Erst ab 1983 wird das Lesegut wieder getrennt vearbeitet.

Pouget ist „nur“ ein 4ème Cru, das „Mutterhaus“ Boyd-Cantenac hingegen ein 3ème Cru. Den Standesunterschied erkennt man besonders gut bei den expandierten 2009er-Preisen, den höchsten seit es den Bordeaux-Handel gibt. Pouget 2009 kostet (en primeur) etwa 30 Euro, Boyd-Cantenac hingegen  etwa 60 Euro. In der Qualität aber unterscheiden sich die beiden nur wenig.
Der Pouget ist eher der kräftigere, der Wein, der „Pouget-Stil ist stämmig und robust, tiefdunkel,  etwas derb, aber konzentriert“, schreibt Parker. Während Boyd-Cantenac sehr unterschiedliche Weine macht und erst in den letzten Jahren allmählich zu seinem Niveau (3ème Cru) zurückfindet. Doch dies alles ist Heute, 1976 war es eigentlich noch ein Wein, der Pouget und der Boyd-Cantenac. Bei Gabriel kommen beiden Weine kaum über 14/20 Punkten kaum hinaus, Parker ist nicht viel gnädiger.

Dieser 76er, also ein Wein zum wegschütten. Gottseidank habe ich es nicht getan, meine Neugier hat mir ein attraktives Weinerlebnis bereitet. Der Wein ist nämlich noch da: zwar mit deutlichen Alters- oder eben Reifetönen, aber noch – man glaubt es kaum – sauberen Fruchtresten. Allein schon die Farbe, rubinrotbraun, deutet auf eine gute Alterung hin, die Nase leicht himbeerig, Mandelnoten, getrocknete Pfifferlinge, aufkommende Apfelaromen, im Gaumen nicht breit, eher dünn, leicht sämig, nicht mehr viel Tannin, aber noch genügend Säure. Ein echt schöner Altwein. Sein Abgang – und da staune ich – ist lang, sogar ausgesprochen lang.

Ich war gestern Abend allein zuhause. Meine Frau mag Altweine nicht besonders, sie zieht schön gereifte Weine, beim Bordeaux so um 10 Jahre Alterung, allen Altersexperimenten und –Exzessen vor. Darum musste der Wein gestern „daran glauben“. Ich, ganz allein, hatte die Folgen zu tragen.

Heute, am nächsten Morgen mache ich die Nagelprobe. Dreiviertel der Flasche ist weg, getrunken. Die Nachverkostung, während ich dies schreibe, zeigt zwar nicht mehr den gleichen Wein wie gestern, er hat bereits abgebaut, an Harmonie verloren. Aber er ist noch nicht gekippt. Die wenigen Verkostungsschlucke machen mir – obwohl ich frühmorgens keinen Wein mag – immer noch Spass. Ich freue mich auf den Rest.

NB. Der Wein hat mich – irgendwann einmal auf einer Auktion gekauft – etwa 10 Euro gekostet. Gut investiertes Geld.