Archiv Getrunken: 2012/1 (Januar - Juli)

29. Juni.2012

 

 

Weingut Holger Koch:

Spätburgunder, 2001, Kaisterstuhl

 

 

Zitat: „Die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ (Pearl S. Buck) Dieser „Spruch des Tages“ hat mich animiert, im Keller nach dem Alltäglichen zu suchen. Und siehe da: Wieder eine „vergessen gegangene“ Flasche. Hört dies denn nie auf? Ich weiss nicht wie der Wein – ein Alltagswein – in meinen Keller geraten ist. Kaiserstuhl – Blauburgunder von einem Weingut, das ich (zugegebenermassen) nicht kenne. Es ist brütend heiss (nicht der Wein, das Wetter), Gewitter im Anzug. Ich brauche Erfrischung. Der Wein bringt sie, die Erfrischung. Ein muterer Spätburgunder, der trotz seines Alters noch Alltagsspass macht. Es dominieren beliebten Beerennoten wie Erdbeer, Himbeer, Johannisbeer – es sind vielmehr Noten wie Gewürznelke, Hagebutte, Veilchen. Trotzdem ein typischer Pinot Noir. Sauber vinifiziert, das Säure-Süsse-Spiel angenehm aber nicht aufregend. Pearl S. Buck hat es gesagt: „im Alltäglichen das Wunderbare sehen.“ Vielleicht ist aber auch das Alltägliche gar nicht so alltäglich, wir haben nur oft den Massstab verloren. Den Massstab des Alltäglichen und suchen immer das Besondere, auch im Glas.

28. Juni 2012

Biolenz: Assemblage vom Iselisberg,2012

Uesslingen, Schweiz

 

Dieser Wein ist international nicht bekannt, nicht einmal in der Schweiz hat er eine Bedeutung. Jedenfalls keine wirtschaftliche. Und trotzdem ist er hier so etwas wie ein Kultwein. Im Geschmack angenehm frisch, eigentlich geradezu fröhlich, doch ganz anders, als übliche Weine. In den Aromen hat er einen anderen Grundton: nicht reife Früchte oder fremdländische Gewürze, vielmehr Wiesenkräuter, Gräser, Feuerstein… Oder bilde ich mir dies alles nur ein? Ich weiss, woher der Wein kommt und ich weiss auch, wie auf dem Gut gearbeitet wird.

Biodynamisch. Guido Lenz hat vor dreissig Jahren den ersten „Bio-Wein“ gekeltert. Aus Überzeugung, man kann sogar sagen: Bio (was immer das bedeuten mag) als Lebensmotto. Aus dieser Zeit kenne ich den „landwirtschaftlichen Pionier“. Er war einer der ersten, der hier versuchte: Landwirtschaft anders zu betreiben, auch – oder vor allem – den Rebbau. Lenz gründete damals den Schweizerischen Bioweinbau Verein, der heute aufgelöst ist, besser gesagt in andere Bio-Vereinigungen integriert worden ist. Mit den Jahren kamen viele Projekte und Menschen dazu, vor allem Marlen Karlen, die Partnerin, und zweite Seele des Kultbetriebs. Kultbetrieb?

„Mit diesem Erzeugnis beteiligen Sie sich am liebevollen Zusammenspiel mit Pflanzen und Bodenorganismen. Umsichtiges Wirtschaften verbindet uns. Trinken und verschenken Sie für die Gesundheit aller Wesen und leben Sie wohl!“ Dies steht auf der Etikette. Da geht es nicht in erster Linie um den Wein, da geht es um die Natur, unser Leben in und mit der Natur. Der Wein ist nur eines der Produkte (wohl das wichtigste), das hier auf dem Iselisberg angebaut und schliesslich auch vermarktet wird. Sogar zwei Kamele gibt es hier, doch dies ist eine andere Geschichte. Wie es noch viele Geschichten und Projekte auf Iselisberg gibt oder gegeben hat.

Hier – in der Rubrik „getrunken“ – geht es um den Wein. Für das Weinrally über „Naturweine“ habe ich – nach vielen Jahren – wieder einmal Wein vom Iselisberg gekauft, den ich jetzt allmählich – immer mal wieder - einschenke. Passt er noch in meine internationale Weinwelt, in mein Weinerfahrungen und –kenntnisse? Drei Rotweine und einen mir völlig unbekannten Weisswein habe ich in den Keller gelegt, neben all die vielen „normalen“ Weinen, die sich hier so angesammelt haben.

Heute ist die „Assemblage vom Iselisberg“ – eine Cuvée aus Baco Noir, Leon Millot und Maréchal Foch – an der Reihe. Da beginnt schon meine Schwierigkeit. Was prägt den Wein mehr, sind es die Rebsorten (alles interspezifische Rebsorten, die vor allem beim Bioweinbau eingesetzt werden), die An- und Ausbaumethoden, der sehr unorthodoxe Weinberg oder gar der spirituelle Charakter, der von dem Weingut ausgeht und von der Lebensart der Menschen, die dort arbeiten? Ich weiss es nicht. Für mich ist der Wein vor allem „anders“, schwer zu beschreiben wie.

Ich fühle mich erinnert an Aussagen von Stuart Pigott in seinem Buch „Wein weit weg“ und seinen Erfahrungen in einer bei uns kaum bekannten Weinwelt, eben zum Teil weit weg – oder wie ich es hier empfinde „anders“. Der Iselisberg ist für mich eher „ganz nah“ und doch sind seine Weine – in meiner Weinbegrifflichkeit – „weit weg“. Aber ich habe gelernt, das „weit weg“, genau so wie „ganz nah“, nicht gleichbedeutend sein muss mit schlecht oder ungenügend (oder weiss ich welche negativen Eigenschaften).

Nur wenn ich diese Degustationsnotizen lese: „In der Nase besticht dieser Wein durch ein Hauch von Amarenakirschen, Himbeer- und rote Johannisbeernoten. Der Geruch ist würzig und erdig, erinnert an Paranuss… „ – da habe ich so meine Mühe. Ich finde – wie gesagt – ganz andere Aromen. Aromen, die sich nur schwer in die übliche Weinsprache einfügen. Spitzwegerich zum Beispiel, Alpenflor, Enzian….

Nicht umsonst sind die Weine inzwischen so etwas wie Kultweine. Kultweine, die mir eine „andere Weinwelt“ öffnen. Ich bin dankbar dafür und habe durchaus auch mein Vergnügen daran. Jedenfalls habe ich die Flasche - mitten in der Wiese vor unserem Haus (der Sitzplatz wird gerade umgebaut), also mitten im Grünen - unheimlich genossen, weil, oder gerade weil er anders ist.

27. Juni 2012

 

Château de Sales, 1978, Pomerol Bordeaux

 

 

Die Überraschung. Oder soll ich schreiben die Sensation? Ein Weingut aus dem Pomerol (rechtes Ufer), das seit Jahren Mühe hat, zwar – gemäss Parker – zunehmend wieder den Tritt findet, aber in den späten 70er- und in den 80er-Jahren in einer Krise steckte. Also kein grosses Ansehen hat. René Gabriel gibt dem Wein aus diesem Jahr gerade mal 12 Punkte.

Womit wir beim Jahrgang sind. 1978 war für Pomerol ein „mittleres bis schwaches“ Jahr, wie so viele Jahrgänge in den 70ern. Für diesen Jahrgang ist der Wein also schon viel zu alt. Nach 32 Jahren, geboren in einem mittelprächtigen Bordeaux-Jahr, von einem (in dieser Zeit) mediokeren Château, darf man durchaus müde sein.

Was aber aus der Flasche kam, das war zwar nicht mehr munter, aber auch nicht todmüde. Ein reifes, leises, fast schon rundes Tröpfchen. Natürlich - bereits waren Alters- oder eben Reifeftöne sicht- und schmeckbar, aber in der angenehmen, ich möchte sagen, bekömmlichen Art. Kurzum: der Wein ist noch da. Erstaunlich! Sogar noch etwas Frucht (Kirschen, gedörrtes Obst) ist zu erkennen. Leise Mokkatöne, Glyzerin, etwas Walderde und viel, viel Ruhe und auch etwas Ausgedientheit. Die Altersfalten (Runzeln) sind allgegenwärtig, strömen aber Ruhe und Abgeklärtheit aus, auch irgendwie Gemütlichkeit und Vertrauen.

Nicht, dass ich falsch verstanden werden. Es ist bei weitem kein „grosser“ Wein. Ein bescheidener alter Knabe, den ich aber gerade wegen seinem zurückhaltenden Auftritt und seiner Ehrlichkeit gestern Abend sogar lieb gewonnen habe.

25. Juni 2012

 

Clau de Nell: Cabernet Franc, 2003, Anjou Loire

 

Vor einem Jahr bin ich – seit meiner Studienzeit wieder das erste Mal – zu den Schlössern und Weinen der Loire gefahren. Ich gebe zu, die berühmten Loire-Schlösser haben meine Aufmerksamkeit mehr auf sich gelenkt, als die Châteaux der Weine. Natürlich habe ich – wo immer es ging – die Weine probiert, vor allem die Cabernet-Franc, die bei den Roten an der Loire ein gutes Stück Authentizität ausstrahlen, vor allem wenn sie gut gemacht und nicht im Holz ertränkt wurden.

 

Clau de Nell, aus dem extrem heissen Jahr 2003 hat diese Authentizität. Mehr noch – er ist ein wunderbarer Vertreter der Anjou, einer Weinregion an der Loire. Beim ersten Schluck – nach dem „Nasenvergnügen“ (Erdbeer, Mandeln, Paprika) – finde ich ihn etwas säurelastig, zwar sehr feingliedrig, aromenreich, mit vielen Nuancen und Anklängen an Gewürze, Erde, Rauch, aber eben, die harmoniebildende Süsse von einer etwas dominanten Säure überlagert. Dann hat er sich geöffnet, der Wein, genauso wie meine anfängliche Zurückhaltung. Vielleicht ist es auch der Begriff „Vignes en Biodynamie“, also ein Bio-Wein, der meinen Zuspruch vorerst etwas in Grenzen hält.

Vollständig zu Unrecht: Dieser Cabernet Franc hat den Abend – ich war schlechter Laune, weil der Sonntag auch Unbill gebracht hat – vollständig gerettet. Ein Weinvergnügen!

 

Eigentlich will ich einen Rest für den „zweiten Tag“ aufbewahren, der Wein soll noch besser werden, hat man mir gesagt. Diese Erfahrung kann ich leider nicht machen, der Wein – die einzige Flasche, die ich im Augenblick besitze – ist weg. Vergnügt habe ich anschliessend den Penaltysieg der Italiener an der Fussball-EM miterlitten. Eigentlich hätte der Wein besser zu den Engländern gepasst: schönes, gekonntes, präzises Spiel, aber etwas zu wenige „Feuer“. Die Mineralik des Weins hat den in Weiss spielenden Engländer entsprochen, dazu braucht es nicht einmal besondere Fantasie.

 

Die Anjou, mir eigentlich eher vertraut durch ihre speziellen Rosé-Weine (Rosé d’Anjou), hat mir eine andere, noch viel schönere Seite offenbart, jene des Cabernet Franc. Ich verwende den Begriff „geschliffene Tannine“ ungern, vor allem weil fast jeder darunter etwas anderes versteht. Doch hier – gerade wegen der anfänglichen Säurelastigkeit – macht er Sinn. Eine „tragende“ Säure ist es schliesslich, welche die herrlichen Fruchtaromen trägt, bis weit in den Gaumen und in den langen Abgang hinein. (Preis um 35 CHFr.)

 

20.06.2012

 

Weingut Karl May: Blutsbruder, 2010
Rheinhessen, Deutschland

 

Meine Freund wissen es längst, ich „sammle“ nicht nur Wein, ich sammle auch alles, was es rund um Karl May gibt: natürlich seine Bücher, aber auch Filme, Spiele, Spielfiguren, Rahmdeckel, Telefonkarten, Sammelalben, Programmhefte …. Da darf doch auch ein Wein vom Weingut Karl May in Osthofen, Rheinhessen, nicht fehlen. Schon seit Jahren steht ein Riesling dieses Winzers in der Karl-May-Vitrine, nicht zum Trinken, zum Sammeln. Es ist die letzte Flasche eines Geschenks von „Weinnase“, der meine Karl May Zuneigung kennt.

Die einsame Flasche hat einen Gespanen erhalten, den „Blutsbruder“ vom gleichen Weingut. Jetzt ist die Assoziation zu Karl May perfekt. Dass die beiden Brüder May – eben Blutsbrüder – nicht Winnetou und Old Shatterhand heissen, sondern schlicht Peter und Fritz und jetzt den Hof zusammen mit Karl, dem Vater, führen, das sind die Fakten. Dazu gehört auch, dass die Familie May mit dem Schriftsteller aus Sachsen, der vor 100 Jahren gestorben ist, überhaupt keinen Bezug hat, ausser den Namen.

An der Vernissage meiner Karl May Ausstellung habe ich natürlich einen „Blutsbruder“ ausgeschenkt. Ein gewisses Risiko, sind doch meine Freunde eher gewohnt, dass bei mir ein Bordeaux eingeschenkt wird. Um es vorweg zu nehmen, das Risiko hat sich gelohnt. Wir haben an diesem herrlichen Sommerabend bei der Ausstellung „Karl May im Grünen“ einen ausgezeichneten Wein getrunken, so auch das Urteil der Karl-May- und nicht nur der Wein-Freunde (was nicht in jedem Fall identisch ist).

Als Weinfreund habe ich registriert: Ein Wein stark an Cabernet Sauvignon anlehnend, aber sehr eigenständig. Nichts von einem dieser unzähligen „Bordeaux-Blends“, die immer häufiger auf der Cabernet-Cuvée-Mode „reiten“. Nein, der Blutsbruder hat Charakter, ja sogar grossen Eigenwillen. „Ihre blutrote Hommage an Winnetou und Old Shatterhand ist eine Entdeckung, fast so schön wie der Schatz im Silbersee,“ lese ich bei Merian. Und recht hat er, der Kolumnist. Nur, der Schatz im Silbersee ist einst verloren gegangen, auch längst versunken in den Erinnerungen von Bubenträumen.

Der „Blutsbruder“ der Gebrüder Mey hingegen lebt, er lässt sich jederzeit geniessen, als raffinierte Assemblage von Cabernet Sauvignon, Cabernet Cubin (eine 1970 erstmals vorgestellte Kreuzung von Blaufränkisch und Cabernet Sauvignon) und Dornfelder. Es ist nicht nur die „etwas andere“ Geschmacksrichtung, es sind vor allem die Feinheiten, die Aromen, die Harmonie, die sich aus diesem Wein schälen und überzeugen. Ich meine damit: die vornehme, die edle Seite von Winnetou und Old Shatterhand, nicht die Haudegen, welche Mays-Helden mitunter auch sein können, wenn es darum geht, Schurken zu jagen. „Für immer vereint“, steht auf der Etikette – zugegeben etwas pathetisch.

Der Wein aber offenbart diese „pathetische“ Allüre nicht, im Gegenteil: er hat Wärme, entwickelt so etwas wie Charakterstärke, Spürigkeit (nicht Sperrigkeit), sogar eine spezielle Verbundenheit mit Natur, neudeutsch im Marketing-Jargon als Terroir bezeichnet. Da braucht es keinen übertriebenen Holzeinsatz, der notdürftig verbindet; es sind vielmehr die vertrauten Aromen von Schwarzen Johannisbeeren, Brombeeren, Veilchen, Nelken, Wacholder die zu einem ganz speziellen Bouquet orchestriert sind und den Wein bis in den langen, weichen Abgang begleiten. Um mit mit Winnetou zu sprechen: „Im Lande Manitus ist eine neue Zeit angebrochen“.

17. Juni 2012

 

Weingut Heid:

Fellbacher Goldberg Lemberger, 2005

QbA, trocken

 

Das „alte Lied“ in neuer Auflage: „Wie kam einst ich in den Keller?“ Es muss wohl bei unserer „Pensionistenreise“ gewesen sein. Die führte uns durch Württemberg, es war 2008, auch nach Fellbach zum Weingut Heid. Die damals geknipsten Fotos helfen meine Erinnerung zu wecken. Nicht an den Wein, vielmehr an die Riesling Verkostung mit dem Winzer. Meine Freunde waren begeistert, jedenfalls nahmen sie Rieslinge kartonweise mit, ich wohl einzig diese eine Flasche Lemberger. Warum gerade sie, das weiss ich nicht. Meine Fotogalerie gibt keinen Hinweis. Vielleicht habe ich – der Rotweintrinker – die Flasche auch erhalten, als Mitbringsel in die Schweiz. Vielleicht war es, weil ich (übrigens bis heute) Lemberger kaum kenne und deshalb neugierig war (bin). Eigentlich hätte ich – aus eigenem Antrieb – wohl eher den „Lämmler Spätburgunder“ mitgenommen und doch nicht einen Lemberger.

Lange Haltbarkeit wird ihm zugeschrieben; wie lange, das weiss ich nicht. Für mich – an Bordeaux gewöhnt – sind siebenjährige Weine noch „jung“, für einen Lemberger schon eher ein beträchtliches Alter. Wie gesagt, aus meinem Wissen ist da wenig zu holen.

Ob jung oder alt, der Wein hat noch Kraft, Würze und ein rundes Bukett. Eigentlich ein schöner Wein (Preis um 10 Euro), wenn nur diese „Obertöne“ nicht wären. Sie erinnern mich an Grapefruit mit Lakritze gemischt, irgendwie recht aggressiv. Ist dies rebsortentypisch? Oder das Ergebnis des Alters? Oder…weiss nicht was? Es ist wie ein heller Klang, der auf dem sonst eher schweren, tanninreichen Wein liegt. Ein Klang, etwas schrill, der mir fremd ist und den ich nicht einzuordnen weiss. Ich habe mich aber rasch daran gewöhnt und konnte ihn – den Lemberger – sogar geniessen, zum Grill, der gerade anstand. Der Lemberger soll übrigens – so habe ich in weinklugen Büchern gelesen – einen „markanten Duft“ haben, der an Sauerkirschen erinnert. Mag sein, ich spüre die Sauerkirschen viel eher im Mund, bis hinunter in den Gaumen. Ich nehme mir vor, bald einmal einen andern Lemberger zu trinken, einen jüngeren, von einem andern Weingut. Wir werden sehen.

17. Juni 2012

 

Cascabel: Grenache et al., 2000

McLaren Vale, Australien

 

Cascabel, das ist eine kleine Glocke, eigentlich eine hohle Metallkugel, in der sich eine andere kleine Metallkugel bewegt und so den Klang erzeugt. Eigentlich typisch spanisch, denn auf der iberischen Halbinsel wurden Cascabeles aus der Bronzezeit (bis 1‘100 Jahre v.Ch.) gefunden. Ursprünglich wurden diese Glocken den Haustieren umgehängt, heute kommen sie vor allem im Volkstanz noch zum Klingen.

Das Weingut „Casabel“ im McLaren Vale (Südaustralien) hat die kleine Glock zum Markenzeichen gemacht. Das Weingut selber schreibt: „Cascabel ist ein Synonym für Festlichkeit, Lebendigkeit und Charme….“ Eigenschaften, die ich bei australischen Weinen oft vermisse. Die „fetten Brocken“ aus Australien haben zwar meist Kraft, Würze und recht viel Holz. Sie erschlagen mich schon bei den ersten paar Schlucken.

Anders dieser schlanke „Grenache et al“ aus dem Hause „Cascabel“, der wirklich Charme hat und auch Fröhlichkeit ausstrahlt. Die erdigen Anklänge (vor allem im Gaumen) harmonieren sehr gut mit der leisen Frucht (Kirschen, Himbeere, Lorbeer), begleitet von samtigem Pfeffer und Lakritze. Was mich am meisten erstaunt hat, dass er am andern Tag – der Rest in der Flasche – als noch weicher, harmonischer, wärmer empfunden wurde. Selbst das Alter – er ist immerhin schon fast 12jährig – hat er nicht nur gut überstanden, sondern wohl zur Verschmelzung und Reifung genutzt.

Die relativ helle Farbe, mit ganz leichten Ziegeltönen, täuscht Blässe vor, die er aber als Wein überhaupt nicht hat. Auch die Nase ist alles andere als kräftig, also keine lauten Töne. Und trotzdem, im Mund wirkt er voll präsent und gibt ein herrliches Gewürzspiel preis. Für mich eine Überraschung (Preis ca. 20 CHF).

04. Juni.2012

 

Château de Ferrand: Baron Bich,

1989, Saint-Emilion, Bordeaux

 

Leider getrunken

Als erklärter « Altweinliebhaber » habe ich die Flasche zwar mit bescheidenen, aber doch einigen Erwartungen geöffnet. De Ferrand ist ein „kleiner Bordeaux“ (ca. 15 Euro) und – ich gebe es zu – für einen „kleinen Wein“ schon sehr,sehr alt, auch wenn er aus einem guten (lange unterbewerteten) Jahrgang kommt.

Doch… puhhh… ich habe selten einen Wein getrunken, der so ab der Rolle gefallen ist. Eigentlich untrinkbar. Schon der Empfang in der Nase – und erst recht dann im Gaumen: undefinierbare Aromen, die am ehesten an Feigen, Nuss und ranzigen Butter erinnern.

Ich habe dann doch – weil ich es nicht wahrhaben wollte – etwas davon getrunken, denn ich konnte nicht glauben, dass sich dieser Wein so schlecht entwickelt hat, und weil ich die Erfahrung schon oft gemacht habe, dass sich Altweine im Glas noch verändern können. Er hat sich nicht verändert, er war auch nicht oxidiert – was ich verstanden hätte –, er hatte auch keinen „Korker“. Was hatte er dann? Ich weiss es nicht.

Da ich ihn vor etwa 10 Jahren auf einer Auktion erstanden habe, kenne ich weder seinen „Reiseweg“ und sein „Lagerort“. Es waren noch ein paar andere Flaschen da, die meisten sind bereits - ohne Beanstandung - aber auch ohne besonderen Eindruck getrunken. Doch diese Flasche, respektive sein Inhalt landet im Ausguss. Wie ein Hohn lächelt mich eine kleine Etikette auf der Flasche an: „Concours Général Paris 1991 – Médaille d’Or“. Auch Gold hilft halt nichts, wenn man beim Wein (zu) lange wartet.

31. Mai 2012

 

Marchesi de Frescobaldi:

Nipozzano Riserva 1999,

Chianti Rufina, Toscana

 

Wieder einmal ein Wein, der auf « absteigender Fahrt » ist, aber immerhin noch trinkbar, in Ansätzen sogar geniessbar ist. Auch einen Frescobaldi darf man nicht so lange lagern. Er hat (zu)viel von der Frucht verloren, etwas Bitterschokolade ist geblieben. 1999 war ein gutes Jahr, doch davon ist nicht mehr viel zu spüren. Erstaunlich allerdings die Nase: da sind durchaus noch reife Früchte vorhanden, die aber im Gaumen aber dann kaum mehr anzutreffen sind. Ein kleines Weinchen - in diesem Zustand. Ich bin etwas ratlos. Habe ich doch bei einem Händler einen aktuellen Preis von etwa 70 SFr. gesehen. Offenbar bezahlt man auch hier den Namen oder – das, was vielleicht einmal vorhanden war. In diesem Zustand ist der Wein keine zehn Franken wert.

30. Mai 2012

 

Château Barateau: Barateau 1995,
Cru Bourgeois Haut-Médoc, Bordeaus

 

Warum ich den Wein je gekauft habe, weiss ich nicht mehr; warum ich ihn nicht früher getrunken habe, schon gar nicht. Es ist jedenfalls die letzte Flasche Barateau 1995, die noch im Keller ruhte.

Ein Weingut, das immer wieder zu Hoffnungen Anlass gab, das über eine „glorreiche“ Geschichte verfügt und das trotzdem nie so richtig in Schwung kam. Ein Weingut, das schlicht im Bordeaux-Rummel untergeht. Mal ist es beim Discounter anzutreffen, mal ziert es die Weinliste von Möwenpick. Eigentlich weiss man nie so richtig, woran man ist. Punktemässig – wenn überhaupt registriert – dümpelt es so um 85 Punkte dahin, mal etwas weniger, kaum mal höher.

Ich habe die ominöse „letzte Flasche“ gestern getrunken. Ganz allein auf dem Sitzplatz unseres Gartens. Mein Nachbar ging vorbei, nicht ohne Bemerkung: „Der einsame Trinker!“. Da war aber die Flasche schon leer.

Ein Gewitter zog auf. Ich habe den Sitzplatz im Freien fluchtartig verlassen. Darum sitze ich jetzt am Computer - um zu notieren: Eine Überraschung, erstaunlich schmelzig, noch fruchtig in der Nase, aber auch im Mund. Kein Drücker, ein schlichter, eher braver Wein. Doch nach so vielen Jahren (17) noch erstaunlich frisch, geradezu verführerisch.

Ich buche ab. Kein grosses, aber ein kleines Weinerlebnis. Ein Wein, der sich tapfer gehalten hat, noch immer eine erstaunliche Harmonie zeigt, und – ohne Etikette – sicher 88 Punkte erreichen würde. Doch die Etikette macht es aus: es ist eben ein kleiner Bordeaux, der darf bestenfalls gut, sicher aber nicht hervorragend sein.

Dass Gewitter hat meine Gedanken gebremst. Ich bin zurückgekehrt in den Alltag. Und da darf dieser Barateau ein anständiger, sicher aber kein hervorragender Wein sein. So ist eben das Leben!

28. Mai 2012

 

Terra Remota: Camino 2008 und

Clos Adrien 2008, Katalonien, Spanien

 

Die Tochter meiner Nachbarn hat letzten Herbst – nach ihrer Matura – auf dem Weingut bei der Lese mitgeholfen. Natürlich war ich jetzt gespannt auf die Weine. Zwei Flaschen hat sie mitgebracht und wir haben beide gestern - an einem schönen Frühsommerabend – bei offenem Feuer und gebratenem Fleisch im Freien getrunken.

Zwei „fröhliche“ Weine. Fröhlich? Ja, allein schon die Farbe – purpur bis violett – strahlt Leichtigkeit, Fröhlichkeit aus, obwohl die Weine – beide – gute 14% vol. Alkohol ausweisen und – zumindest bezüglich des Alkohols – also kräftige Weine sind.

Camino ist der gefälligere der beiden, die Tannine noch etwas grobkörnig, die Aromen zwischen Lebkuchen, Lakritze und blauen Beeren hin und her pendelnd. Es kommt mir vor, als könne sich der Wein nicht entscheiden, welchen Camino (Weg) er gehen soll: den Spuren international ausgetretener Wege folgen oder eigenständige Wege einzuschlagen. Preis: ca. 15 Euro.

Clos Adrien ist der bestimmtere, der eindeutigere, der definiertere Wein. Mehrheitlich aus Syrah und damit stark an südfranzösische Weintradition erinnernd. Allerdings ist sein Preis (ca. 40 Euro) eher hoch. Die Nase ist intensiver als beim Camino, das Holz noch (zu) deutlich zu spüren. Trotzdem: ein harmonischer Wein, der trotz des massiven Körpers leicht, fruchtig – eben fröhlich wirkt.

Das Weingut liegt nicht sehr weit von der spanisch-französischen Grenze entfernt, in der Region Emporda in Katalonien. Soweit ich dem mitgebrachten Prospekt entnehme, ein modernes Weingut, architektonisch ein Bijou, bestens ausgerüstet für moderne Vinifikation. Genau so wirkt auch der Wein: bestimmt, modern und trotzdem die natürlichen Komponenten betonend. Ein interessantes Weingut, das ich bei Gelegenheit sicher besuchen werde, wenn es mich wieder einmal Richtung Barcelona treibt.

26.05.2012

 

Fürstlich Castell:

Schloss Castell Domina trocken, 2008

 

Ganz freiwillig habe ich die Domina nicht getrunken. Sie stand auf dem „Programm“, weil ich an der gestrigen Weinrallye #51 teilnehmen wollte und ein Wiedersehen nach vielen Jahren organisiert habe. Und?

Ihr Ruf hat sich bei mir seit der ersten Domina-Verkostung vor etwa bald 10 Jahren deutlich verbessert, auch bei mir. Der auf unserem Tisch ungewohnte Bocksbeutel war wohl ein Symbol für das Besondere. Inzwischen habe ich gelernt, das auch das Nicht-ganz-Alltägliche, das Besondere zu anerkennen, als belebende Abwechslung.

Tatsächlich verfügt diese Domina über ein Aromenspiel, das den Gaumen durchaus beleben kann durch die (in allen Beschreibungen erwähnte) Kirsche, etwas Brombeeren, leicht schokoladene (nicht süsse) Anklänge, Paprika und – vielleicht weil er gerade blüht – Holunder. Allerdings vermag ich die verheissene „starke Tanninstruktur“ nirgends zu finden.

Wenn ich es mir überlege: so aussergewöhnlich ist dies allerdings nicht. Ähnliches habe ich schon in vielen andern Weinen gefunden oder eben nichtgefunden. Doch dann (vielleicht) die Erleuchtung in Bezug auf meine Beziehung zur Domina. Meine Frau kam darauf: der Domina fehlt der Charme. Ja, das ist es wohl, was meine Beziehung zur strengen Dame so belastet: der nicht vorhandene Charme.

Das mag an der Rebsorte liegen. Vielleicht auch an den falschen Erwartungen. Für mich bleibt die Domina – ob von diesem oder einem andern Weingut – ein Wein, den man durchaus einschenken kann, der aber bei mir keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Vielleicht findet sich – wohl aus Weinfranken – eine Ehrenrettung. Ich bin gespannt!

26. Mai 2012

 

Marchesi dè Frescobaldi: Castel Giocondo

                                  Brunello di Montalcino, 1988, Toskana

 

Im Garten habe ich gearbeitet, vier Stunden, jetzt bin ich todmüde. Ich greife in eine nicht so genau definierte Schachtel im Weinkeller, in der ein paar ersteigerte Italiener ruhen. Ein Mixtlot. Quasi „Ramsch“ für neugierige Weinliebhaber, die neue Erfahrungen machen möchten. Meist sind es Einzelflaschen von Kellerauflösungen, die sich an Auktionen nur schwer vermarkten lassen; sei es, weil sie schon alt sind; sei es, weil sie keinen klingenden Namen haben; sei es, weil der Füllstand nicht mehr perfekt ist oder die Etikette verschmutzt.

In diesem Fall war nur ich müde, nicht aber der Wein. Ein Brunello, 24 Jahre alt, zwar bereits mit leicht bräunlicher Färbung, aber noch mit Kraft (wenn auch matte), fein geschliffenen Tanninen und kompostartig verarbeiteter Frucht. Was habe ich da für einen prächtigen, alten Kerl im Glas. Ich streife meine eigene Müdigkeit ab. Der wunderschöne Frühsommerabend vermischt sich mit dem Weingenuss.

Eigentlich habe ich einen Wein erwartet, der mit meiner eigenen Müdigkeit wetteifert. Das Gegenteil ist der Fall. Er hat mich geweckt, der Wein, aufgestellt, wach gemacht.

Es gibt ja so etwas wie ein Trinkfenster, für jeden Wein. Gemeint ist die Zeit, in der ein Wein seine Kraft, Schönheit und Ausgewogenheit voll entfaltet. Ich bin kein Brunello-Spezialist, doch ich denke, dies dürfte so zwischen zehn und zwanzig Jahren sein, natürlich für Spitzenweine. CastelGiocondo die Mantalcino ist ein „Spitzenwein“ (ca. 50 Euro). Aber ein 24jähriger Sangiovese, von dem ich nicht einmal weiss, wie er gelagert wurde und wo er sich umgetrieben hat?

Offensichtlich war er kein „Steuner“ – jedenfalls hat er sich wunderbar gehalten: Leicht welke, aber wunderschöne Rosen, noch deutliche Mineralität, leicht teerig oder lederig, aber sehr komplex im Gaumen, mit einem frechen, angenehmen Abgang.

Ja, so lass ich mir Frühsommerabende. Ob sich der Abend wiederholen lässt? Ich weiss nicht, was noch alles in der Schachtel ist.

23. Mai 2012

 

Guerrieri Rizzardi: Villa Rizzardi, 2007

Amarone della Valpolicella, Italien

 

Noch immer bin ich unterwegs auf der Suche nach dem „besten“ Amarone. Die Situation ist einfach: Meine Frau liebt den Amarone, ich hingegen ziehe ihm so manchen andere Weine vor. Für mich ist er zu wuchtig, zu dominierend, mitunter zu einsilbig-streng. Ich liebe das Spielerische im Wein, was beim Amarone oft verloren geht.

Da ich aber meiner Frau ab und zu eine besondere Freude bereiten möchte, suche ich noch immer den Amarone ihres Geschmacks. Dies ist nicht ganz einfach, sind doch die Vorlieben und Geschmäcker (bekanntlich) arg verschieden. Und es soll auch nicht immer nur der eine und selbe Amarone sein. Dies wäre doch zu langweilig und phantasielos.

Also hält mich der Amarone weiterhin auf Trab. Eines kann ich schon verraten: die teuersten Weine haben bisher das „Rennen“ nicht gemacht. Im Gegenteil. Sie sind allesamt ausgeschieden, mit dem lakonischen Kommentar meiner Frau: „nicht typisch!“ Himmel, was ist schon „typisch“? Vielleicht ist es der – in ihren Augen, respektive in ihrem Gaumen – bisher beste Amarone, er kommt aus der Villa Monteleone Raimondi, und scheint so etwas wie eine „Referenzgrösse“ zu sein. Am Preis kann es auch nicht liegen, denn ich suche ja nicht einen Alltagswein, sondern etwas Spezielles, für das man eher bereit ist, etwas mehr zu bezahlen.

Jetzt also ist der Amarone der Villa Rizzarddi an der Reihe. Um es vorweg zu nehmen: Preis um 55 Franken. Und? Er hat eine echte Chance, dem „typisch“ nahe zu kommen. Langsam beginne ich auch zu ahnen, was hinter diesem Allerweltswort steckt: Vielleicht das, was hinter der Wucht und Kraft eines Amarones noch vorhanden sein muss: Leichtigkeit, Frucht, Differenziertheit, Aromenvielfalt…

Es genügt nicht, einfach nur ein „Rubens“ zu sein, etwas Rembrandt, Vermeer oder was auch immer, muss das Geschmacksbild schon ergänzen. Vielleicht müsste man auch länger warten, bis man ihn trinkt, den Amarone. Mehr als fünf, mehr als zehn Jahre. Doch so lange kann ich nicht warten, bis ich meiner Frau die nächste Wein-Aufmerksamkeit schenken kann. Da wären wir beide nicht zufrieden!

Die Villa Rizzarddi ist zumindest ein Hoffnungsschimmer, auch wenn ich hier notiere: zu früh getrunken, zu lange im Holz gelegen, zu sehr sind die Zwischentöne immer noch zugedeckt, die Frucht gepresst. Die Suche geht also weiter.

21. Mai 2012

 

Ollieux Romains: Cuvée Or, 2010

Boutenac, Corbières

 

Irgendwie habe ich mich vage erinnert an einen Bericht in der „Revue du Vin de France“ über das grösste private Weingut in der Corbières. Der Besitzer einer Vinothek am Quai in Ventenac-en-Minervois hat mir den Wein wärmstens empfohlen und sogar eine Flasche zur Degustation geöffnet. So mitten im Stress einer anspruchsvollen Bootsfahrt konnte ich einfach kein schlüssiges Urteil formulieren. Modern, etwas zu glatt, zu abgeklärt, fast ohne Ecken und Kanten. So mein spontaner Kommentar.

 

Heute, nach der Rückkehr in den „Heimathafen“ habe ich den Wein nochmals eingeschenkt und in aller Ruhe und Gelassenheit getrunken. Der erste Eindruck hat sich bestätigt: für einen Corbières zu harmonisch, zu glatt – ich wage es schon gar nicht mehr zu sagen – zu mainstreamig. Zwar dominieren die alteingeführten Rebsorten, auch der Syrah ist wohl sehr zurückhaltend eingesetzt, doch irgendwie scheint mir der Wein zu wenig authentisch zu sein.

 

Im gleichen Ort ist Voulte Gaspaerets zuhause, der seine Weine – erklärtermassen – auf Bordeauxgeschmack trimmt, dabei aber erstaunlich authentisch und echt bleibt. Hier bei Ollieux Romanis vermisse ich die Verwurzelung im Süden, den unverbrüchlichen Glauben an die Kraft der Tradition. Mir scheint, es wird hier eher etwas experimentiert, ein bischen Bio, etwas Merlot-Cabernet, etwas Hight-Tech im Keller, etwas Ertragsreduktion, etwas Geschliffenheit, etwas Ursprünglichkeit. Der Artikel in der Revue bestätigt meinen Eindruck. Es wird zweifellos ein guter Wein gut gemacht und gut vermarktet. Dazu fast ein Jahr in neuen Fässern (dafür ist der Wein jetzt noch zu jung). Eine goldene Etikette, romantisierte Schrift, etwas Prunk, aber nicht zu viel. Ich meine, das Weingut sucht seinen Weg. Es muss diesen aber noch finden.

20. Mai 2012

 

Abbaye Sylva Plana: La Closeraie 2009

Faugères


Auf unserer Bootsfahrt durch das Languedoc – 125 Kilometer (ein Weg) mit einer Höchstgeschwindigkeit von 8 Kilometern pro Stunde – haben wir Weine der entsprechenden Regionen und Appellationen getrunken. Einige der Weine habe ich bereits bei anderer Gelegenheit beschrieben (z.B. Nr.3 aus Corbière), von anderen werde ich in der nächsten Zeit erzählen und ein paar ganz besondere Weine habe ich mitgenommen. Sie stehen bereit zur gelegentlichen Verkostung.  

Der „Closeraie“ vom Weingut Abbay Sylva Plana ist längst kein Unbekannter mehr. Neben seinem „grossen Bruder“, dem „Songe de l’Abbé“ (dem Traum des Pfarrers) gehört er zu den besten Languedoc-Weinen überhaupt, vor allem zu den „echtesten“. Hier wird gekonnt mit den Rebsorten Syrah, Grenache Noir, Mourvèdre und Carignan gearbeitet, das karge Terrain aus Kalk, Ton und Schiefer genutzt und das südliche, warme Klima mit den beträchtlichen Winden optimal eingesetzt.

Während der „Closeraie“ ein typischer Grenache-Wein ist (Aromen von Pflaume, Gewürzen, oft sogar Mokka und Tabak.), setzt der „Songe de l’Abbé“ mehr auf Syrah und entwickelt noch fruchtigere Aromen und erzeugt elegantere Weine, die allerdings in jungen Jahren oft dem Holz nicht trotzen können.

Faugères, das Weingebiet liegt zu hoch, als dass es vom Canal du Midi berührt wird. Doch wir starteten in Agde, fuhren kanalaufwärts bis nach Carcassonne und streiften so die wichtigsten Weinregionen: St-Chinian, Minervois, Corbières, Fitou, Riversalt. Ihre Weine wurden früher auf dem Canal verschifft und in alle Teile der (damalige) Welt gebracht. Der Canal hat dieser Funktion längst verloren.

Nördlich von unserem Ausgangspunkt Agde – etwa 20 Kilometer – liegt Laurens, eines der sieben kleinen Dörfer, welche die Appellation Faugères bilden und wo (für mich) die besten Languedoc-Weine herkommen.  

19.05.2012

 

Domaine Bénézech-Boudal, Rouge 2009,

Faugères

 

Ab und zu trinkt man Weine, die man eigentlich nie trinken würde, wäre da nicht ein Restaurant, das sie auf der Karte hat. „Mein“ Vietnames um die Ecke, der immer mal für eine Abwechslung gut ist, wechselt ab und zu seinen Weinlieferanten, wie er mir treuherzig verrät. Jetzt sei er gerade zufrieden, sehr zufrieden mit dem Roten, sagt er. Tatsächlich hat der „kaum Weinkenner“ aus Hanoi, der ein fast unverständliches Französisch spricht, einen guten Geschmack (oder Berater).

 

Der Wein aus der Appellation Faugères ist authentisch und ausgezeichnet vinifiziert. Kein „Firlefanzwein“, vielmehr ein „echter“ Faugères, natürlch mit den typischen Schiste-Anklängen (Schiefer) und etwas wilden, ungestümern Tanninen. Das Weingut arbeitet offensichtlich sehr traditionell, aber auch sehr Rebsortenkonform. Da gibt es keine Anleihe an den Barrique-Trend und die geschliffenen Aromen, welche so manchen Languedoc-Wein zur Unerkenntlichkeint „verunstalten“.

 

Was sich zuerst al wild und herb präsentiert, wirkt nach dem ersten Schluck aber sehr reif, ausgewogen und eigenständig. Ein guter Weg zwischen Tradition, Terroircharakter und moderner, sorgfältiger Vinifizierung. Mit Sicherheit Handlese und ein Ausbau in grossen Fässern. Ein 2009er, der jetzt auf dem Markt ist, stellt eher eine Seltenheit dar. Ich liebe den Wein  er kostet übrigens ab Hof um die 6 Euro.

 

Nicht nur preislich, auch in Bezug auf Authentizität, schlägt er so manchen Exportstar aus dem Languedoc.

04. Mai 2012

 

Château de la Liquière: Cistus 2009, Faugères, Languedoc

 

„Auf dem Olymp hielten einst die Götter Rat, um zu entscheiden, welche Pflanzen bestimmte Heilaufgaben übernehmen sollten. Die Zistrose (Cystus) erhielt von den Göttervätern die Aufgabe, die Wunden der in der Schlacht verletzten Kämpfer zu heilen. Sehr zum Ärger der Göttinnen. Die waren davon überzeugt, dass das Kraut mit den zart rosafarbenen Blüten viel eher zur Schönheitspflege - von innen und aussen - geeignet sei. Resultat: Die Zistrose durfte beides; heilen und verschönern“, soweit die Legende.

Ob der Wein, der den Namen der Pflanze trägt, die gleiche Aufgabe übernehmen kann, weiss ich nicht. Erfahrungen habe ich (noch) nicht! Doch Cistus ist ein Prachtswein, etwa in dem Sinn, wie man von einem Prachtskerl spricht. Beeindruckend in der Statur, charmant und bestimmt; man hat das Gefühl, er weiss was er will, und er setzt seine Fähigkeiten auch bewusst ein. Im Glas, im Gaumen und im Abgang überzeugt er mit einer Kombination von Gefälligkeit und Kraft.

Das Weingut ist gross (60 ha), zehn Weine werden hier jedes Jahr gekeltert. Die Reben wachsen auf ziemlich einheitlichem Boden: Schiefer, Lehm, Steine. Rebsorten sind: Syrah (70%), Grenach (15%), Mourvèdre (10) und Carignan (5), also der klassische Rebsortenspiegel der Languedoc. Ab in die Barriques, 12 Monate mindestens. Nach vier Jahren erste Trinkreife, zwei Stunden vorher dekantieren. Lagerfähig bis zu zehn Jahren. Sogar der Preis stimmt, etwa 15 Euro.

Und doch: für mich ist der Prachtskerl zu prächtig. Allein schon die dickglasige Flasche deutet es an: Es geht hier auch um Prestige, es geht hier darum, im internationalen Weinkonzert mitspielen zu können. Mainstream mit nicht-mainstreamigen Rebsorten, Mainstream von einem nicht-mainstreamigen Terroir. Da geht irgend etwas nicht ganz zusammen. Entweder Prachtskerl oder zurückhaltend vornehm. Entweder international oder ein Kind der Gegend. Der Sonnyboy – kraftvoll und geschmeidig, wie er nun mal ist – will sich nicht recht entscheiden. Darum ist er auch nicht jedermanns Liebling. Offensichtlich auch meiner nicht.

02. Mai 2012

 

 

Tour de Pez, 1995,

Saint Estèphe, Bordeaux

 

 

Eigentlich eine Überraschung! Den Wein – 6 Flaschen – habe ich vor fünf Jahren auf einer Auktion gekauft. Eintragung ins „Bordbuch“: „Ausserordentlich günstig zusammen mit 6 Tour Haut-Caussan 1994“, für 16 Franken (brutto) pro Flasche (aktueller Preis für den 2009er um 30 Franken). Nun – der Tour de Pez ist zweifellos der bessere Wein – besserer Jahrgang, bessere Lage. Trotzdem halte ich vom Médoc-Wein Tour Haut Caussan bezüglich Preis-Leistung auch recht viel (aktueller Preis um 20 Euro). Bis auf eine Flasche sind die 94er inzwischen getrunken. Jetzt geht es also an den Tour de Pez 95. 17 Jahre sind für sind selbst für einen Saint-Estèphe-Wein eine (zu?) lange Keller-Zeit. Zudem kenne ich die Lagerung vor meinem Kauf nicht. Also – trotz Schnäppchen – ein Risiko. Bereits die Nase vertreibt die Bedenken: noch wunderschöne, tiefgelagerte Frucht. Im Gaumen kräftig, rund, warm. Wenn ich nicht gewusst hätte, was ich aus dem Keller geholt habe, ich hätte glatt auf einen Montrose 1995 oder so getippt. Selbst im Abgang ist er noch präsent. Ich habe das Gefühl, er ist jetzt genau auf dem Punkt: ein ausgereifter, ein erwachsener Wein. Wie lange er noch hält, ist schwer abzuschätzen. Er zeigt – und das ist die Überraschung – noch keine Ermüdungszeichen. Also noch trinken, bevor der Abstieg beginnt. Und der kann mitunter rasant sein.

30. April 2012

 

Marques de Grinon: Petit Verdot, 2005
Domini de Valdepusa, Spanien

 

 

Als Bordeaux-Liebhaber ist mir Petit Verdot – die kräftige, kleine, säureintensive Traube – vertraut, aber nur als kleiner Anteil (2-8%) in den Cuvées, vor allem aus dem Haut-Médoc. Ab und zu – vor allem in Südafrika – habe ich auch mal einen sortenreinen Petit Verdot (kleiner Grünling) getrunken. Ein etwas anderes Weinerlebnis, vor allem wenn man die Rebsorte mit Bordeaux in Verbindung bringt. Aber wie ist dieses „andere Erlebnis“? Sicher schwer zu beschreiben, vor allem wenn man nicht die üblichen Verkostungsbegriffe, von Nelken bis Früchtekuchen, von Brombeeren bis Cassis, von Banane bis Bleistiftspäne, ins Spiel bringen will. Er wirkt aber – rein schon durch seine dunkle, violettblaue Farbe – sehr edel, kräftig, sogar dominant und bestätigt diesen Eindruck im Gaumen. Viel Tannin, viel – schon fast platte, jedenfalls kräftige – Aroma, die sich lang in einem sämigen Abgang halten.   Es kommt mir einfach Süden in den Sinn, Sonne, Hitze, Spanien, Chile, Südafrika, Australien… Ich weiss nicht, ob dies die Erwartungen sind, irgendwann einmal gelesen in Beschreibungen dieser eher selten sortenrein gekelterten Traube. Als spätreifende Sorte braucht sie wohl die Sonne, die Wärme, die Hitze – vermag aber auch die aufgesogene Kraft weiterzugeben, irgendwie in der Farbe, in der Nase, im Gaumen, im Abgang. Es zu beschreiben ist schwierig, es mutet an, wie Feuer ohne Hitze, wie versengte Erde ohne widrigen Geruch. Der Wein ist verhältnismässig teuer – ca. 40 Franken die Flasche – vor allem weil er sehr gesucht und eher rar ist. Es sind nur ein paar Weingüter (zwar immer mehr), die sich darauf eingelassen haben

29.April.2012

 

Château Le Queyroux, 2005,

1ers Cotes de Blaye, Bordeaux

 

Gibt es so etwas wie nachhaltige Weine? Wenn ja, dann habe ich einen davon gestern getrunken. Ein grossartiger Wein, der sich kleiner macht als er ist. Irgendwie habe ich Natur erlebt. Naturwein? Ich weiss nicht, wie im Keller gearbeitet wird, sicher naturnah, sicher biodynamisch, bestimmt aber nicht nach einer bestimmten Norm, vielmehr nach der Überzeugung des Winzers, mit der Natur und in der Natur zu arbeiten. Davon steht aber nichts auf der Etikette. Muss auch nicht, vielleicht sagt der aufgedruckte Begriff „artisan vigneron“ – Weinhandwerker – mehr aus, als irgendwelche Klassifizierungen. Christian Leander-Chevalier versteht sich als „Handwerker“ und ist, was den Wein betrifft, ein Künstler, und wie alle echten Künstler, besessen von seiner Botschaft, von der Umsetzung seiner der Idee Wein, von der Echtheit seiner Produkte.

Ich war noch nie auf diesem Weingut, es liegt auch nicht am Wein-Touristenstrom, es liegt rechts der Gironde, im Gebiet „Les Blayes“. Kein bordeaux-verwöhntes Gebiet, eigentlich von der Weinwelt erst in den letzten Jahren wiederentdeckt, als Weine und Weingüter der Renommiergebiete begonnen haben, die Bodenhaftung zu verlieren. Doch ich habe den Winzer vor Jahren einmal in Zürich getroffen, eingeladen von Max Gerstl, dem Bordeauxkenner und Weinhändler, zusammen mit fast allen Weingütern, die in Bordeaux Rang und Namen haben. Ich glaube, es war dem Winzer sehr unwohl unter all der Bordeauxpräsenz. Jedenfalls nahm er sich viel Zeit mit mir zu reden, seine Philosophie zu erklären. Er sprach nicht von Marketing, er sprach von der Natur, von seinen besten Böden, von seinem Pferd, mit dem er arbeitet. Die geübten Bordeaux-Nasen, die an solchen Degustationen fünfzig, siebzig Weine „einziehen“, zogen an ihm vorbei, mit blauen Lippen, froh einen Tisch auslassen zu können. Mich hat der Wein aber gepackt. Seither lege ich ab und zu einen Jahrgang in meinen Keller; seither weiss ich auch, dass es im Bordelais nicht nur fabrizierte Weine gibt, die zweifellos meist gut sind, sondern auch Weine, die genauso gut sind, vielleicht etwas anders, bescheidener, dafür nachhaltiger. Der Wein kostet um 30 Franken. Wie viel er wert ist, werde ich oft gefragt. Unsinn, eine solche Frage, für mich jedenfalls viel, viel mehr, nämlich ein wunderschönes echtes Weinerlebnis. Das kann man nicht einfach so kaufen, nur finden, und zwar nicht immer ganz einfach. Was habe ich gerade auf der Weinrallye zum Thema Naturwein gelesen: „Wichtig ist doch bei allen Denkansätzen die Tatsache das wir Wein trinken und kaufen weil er uns schmeckt.“ (Thomas Lippert)

25. April 2012

 

Château Brisson 2005

Côtes de Castillon, Bordeaux

 

Was macht man, wenn man mit den eigenen Waffen geschlagen wird? Gute Miene zum „bösen“ Spiel, sagt man. „Bös“ war das Spiel nicht, im Gegenteil, und sehr überraschend. Wir sind zu Besuch bei einem befreundeten Paar, das sich während Jahren von mir in Sachen Bordeaux beraten liess und dann

                                            den günstigsten Weine subskribierte.

 

Eingeschenkt wird einer dieser Weine, eben Château Brisson 2005. Doch die Etikette zeigt man mir nicht, nur den Jahrgang wird verraten. 2005 war ein Extremjahr, nicht nur bezüglich der Qualität, auch in Bezug auf die Preise (die ja vier Jahre später in Bordeaux noch weit überboten wurden). Auch ich habe damals ein 6er-Kistchen Brisson in den Keller gelegt, zu gut waren Fassprobenbeschreibung und Preis (16 Franken).

 

18/20 Punkte von meinem Weinhändler, „nur“ 16/20 Punkte von René Gabriel. Verkostet habe ich den Wein damals nicht, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, und Notizen von mir gibt es auch keine. Mein Kistchen liegt noch unangebrochen im Keller, ein 2005er kommt noch kaum ins Glas, auch wenn es ein „kleiner“ ist.

 

Jetzt haben die Gastgeber aber diesen Wein aufgestellt. Jetzt bin ich froh, dass ich ihn nicht beurteilen musste. Ich hätte ihn glatt unter die grossen Bordeaux – so zweite Liga – eingereiht. Viel Frucht, viel Kraft, rund, elegant, sinnlich, ein wunderschöner Merlot/Cabernet-Sauvignon-Wein, bescheiden aber trotzdem grossartig, hätte ich da wohl gesagt.

 

Doch ich werde nicht gefragt, das Thema Wein kommt an diesem Abend nicht zur Sprache. „Ein Charakterwein voller Charme“, hat damals mein Weinhändler geschrieben, und er hatte Recht, vor allem jetzt, sieben Jahre später rechtfertigt sich sein Überschwang: „Was für Traumweine. Man glaubt es einfach kaum, dass solche Weine zu solchen Preisen überhaupt möglich sind!“

 

Damals war ich skeptisch. Werbebotschaft eines geschickten Händlers? Ich war überheugt, das Urteil wird kaum mehr als fünf Jahre Bestand haben. Doch es hat Bestand. Sechs Jahre später präsentiert sich der Wein wie ein „Grosser“. Vor allem überrascht mich die stille Harmonie, die feine Würze, die unaufdringliche Kraft mit der hier Bordeaux präsentiert wird.

 

Heute hab ich zuhause nachgeschlagen. Der „noch bessere“ Jahrgang 2009 hat sogar von Parker Punkte (Parker gibt sich sonst mit so kleinen Weinen kaum ab), nämlich 87-89/100. Kommentar: „Ein schöner Wein, der in den ersten 3-4 Jahren zu konsumieren ist. Reich fruchtig mit, viel schwarzen Kirschen, schwarzen Johannisbeeren, Zeder, Gewürzen… es ist eine tiefer, saftiger Côtes de Castillon.“ Parker hat nur in einem nicht recht: der Wein kann wohl auch in sieben und gar zehn Jahren gut getrunken werden und überzeugt noch immer, auch im Preis (2009 en primeur ca. 17.00 Franken)

23. April 2012

  

Domaines Barons de Rothschild:

Terasses d'Aussières, 2009, Corbière

 

Ein Lafite, den man sich leisten kann. Er kommt aus der Languedoc – genauer aus dem Weingebiet Corbière – in der Nähe von Narbonne. Eine andere Frage ist: ob man sich ihn leisten soll, oder gar muss? Wer gerne fruchtige, aromatische, aber brave und ordentlich konzentrierte Weine hat, der soll ihn sich leisten, er kostet keine 15 Euro. Er erinnert mich in seiner Geschliffenheit etwas an einen Mouton Cadet, allerdings doch mit deutlich mehr Terroir-Charakter. Doch wer die Corbière kennt, der vermisst das Ungestüme, die gezähmte Wildheit, ja sogar die typischen mediterranen Aromen. Für mich ein Vorzeige-Corbière, modern gemacht, ohne Ecken und Kanten.

Heute Mittag hatte ich den Wein im Glas und zwar im Restaurant der Kultur-Pilgerstätte „Fondation Beyeler“ in Basel. Pierre Bonnard, der französische Maler, mit seinen sinnlichen Bildern war eigentlich meine „Hauptspeise“ und dann zum Dessert eine kleine, elegante Verpflegung in der ehemaligen Villa Berower aus dem 18. Jahrhundert, die heute zum Kunstmuseum gehört. Es ist schwierig in dieser Situation auch den passenden Wein zu finden. Die Augen, der Kopf, das Herz noch voll von Grün-, Blau-, Erd- und Rottönen, von anekdotischen, fast alltäglichen Bildinhalten, von frechen Cadragen, die sich in Bonnards Bildern zu einer Art Vollendung verschmelzen, da liegt für den Weinliebhaber – angewiesen auf das Angebot des Restaurants – die Weinwelt weitab, eigentlich in einer andern viel banaleren Welt.

In dieser Situation – stelle ich fest – ist wohl der „gemachte“ Terrasses d’Aussières auch der richtige Wein. Er gibt nicht vor, etwas zu sein, was er nicht ist, ist einfach da, gepflegt, in seiner Art köstlich, kein Kunstwerk, auch kein typischer Languedoc-Wein, mehr Internationalität, mehr Nobless – aber nicht die Finesse eines Bordeaux. Aus den „klassischen“ Traubensorten der Region assembliert: Syrah, Grenache, Mourvèdre, Carignan, gekeltert in der Perfektion, die man von einem Rothschild (Lafite, dem französische Zweig) schon fast erwartet.

20. April 2012

 

Kleine Zalze: Family Reserve, Pinotage, 2007

Stellenbosch, Südafrika

 

Auch auf die Gefahr hin, eine Grundstzdiskussion um den bei uns wenig geliebten Pinotage auszulösen oder – noch schlimmer – auf ein mitleidiges Schweigen zu stossen, ich muss es sagen: Pinotage gehört zu unseren – damit schliesse ich meine Frau ein – Lieblingsweinen. Das Kopfschütteln meiner Weinfreunde ist mir bereits vertraut. „Pinotage, das ist doch kein Wein!“

All dies hält mich nicht davon ab, den „besten Pinotage“ zu suchen und hoffentlich einmal zu finden. Bis es so weit ist, darf ich (hoffentlich) noch viele Pinotages trinken! Schliesslich habe ich auch den – für mich  im Augenblick – besten Bordeaux gefunden! Wieso soll dies beim Pinotage anders sein.

Halte ich mich an die gängigen Urteile, dann komme ich rasch und zwangsläufig zu Kanonkop, dem Star unter den Pinotages. Startum hat wenig mit dem persönlichen Geschmack, mit eigenen Vorlieben zu tun. Startum ist bloss eine Etikette, die zwar erworben werden muss, dann aber meist zum Selbstläufer wird.

Darum also werde ich immer wieder mal einen Pinotage „testen“, so wie heute den „Family Reserve“ von der Kleinen Zalze (ca. 30 Euro). Zugegeben, ein stolzer Preis für einen Wein, der „keiner ist“. Wenn ich aber denke, dass für den Lafite Rothschild 2011 die aktuelle Preisfindung so um 450 Euro liegt, dann ist der Pinotage von der Kleinen Zalze geradezu eine Preissensation. Und der Wein? Er gehört zweifellos zu den besten Pinotages, die ich je getrunken habe (und es sind einige).

Ein komplexer, eigenständiger Wein, der mich beeindruckt. Da sind die leicht salzigen Pinotag-Noten, die Aromen von (überall nachzulesen) Pflaumen, für mich eher Holder, Brombeeren und etwas „spitzige“ Würze, auch Rauch und Zimt stelle ich im Abgang fest. Doch was sind dies alles für geläufige Begriffe, die man – bewusst oder unbewusst – nachplappert, wiederholt. Für mich ist dieser Wein einfach einer der besten Pinotage. Es wäre schade, wenn ich ihn jetzt schon gefunden hätte, den besten.

19. April 2012

 

Bertrand-Bergé: Les Mégalithes 2006

Fitou, Languedoc

 

Als ich vor Jahren – fast zufällig – die grosse Scheune an der Strasse mitten in Paziols (Aude) betrat, wusste ich noch nichts vom Weingut Bertrand-Bergé und seinen Weinen. Der Altwinzer hat mir – eher etwas wortkarg – die verschiedenen Cuvées vorgestellt. Inzwischen haben die „Jungen“ den Hof übernommen, meinte er. Wahrscheinlich hat er mich unter die vielen Touristen eingereiht, die täglich da „einkehren“ und höchstens mal eine oder zwei Flaschen kaufen.

So war es aber nicht, ich interessierte mich für die Weine und die Weinerzeugung, so dass der knorrige „alte Herr“ langsam in Fahrt geriet, erzählte, dass sie früher ihren Wein zur Cooperative gebracht haben, dann sich aber von ihr lösten und seit ein paar Jahren ihre eigenen Weine keltern und vermarkten. Bereits werden diese in viele Länder geliefert, nach Deutschland aber noch nicht.

Vier Rotweine waren es – und sind es noch immer – die für mich im Mittelpunkt standen: der einfache L’Origines (Carignan und Grenache), der Ancestrale (der weichere, elegantere Wein, der noch Syrah in der Cuvée hat), les Meégalithes (fast aus 100% Carignan – mit unglaubliche Terroir-Prägung) und Jean Sirven (eine Homage an den Ur-Winzer dieser alteingesessenen Familie, der schon 1900 in Paris eine Goldmedaille für seinen Wein erhielt).

Der Spitzenwein Jean Sirven war schon damals, in den 90er Jahren, fast so teuer wie ein guter Bordeaux (damals). Unglaublich zu dieser Zeit in dieser Gegend! Meine beiden Lieblinge aber waren – seit dieser ersten Begegnung – der Origines und der Mégalithes. Beide verkörpern ein gutes Stück Fitou-Tradition. Wer schon in hier war, vielleicht sogar die eine oder die andere der Katharer-Burgen bestiegen hat (Quéribus, Peyrepertuse,), der weiss, was ich meine.

Inzwischen sind die Bertrand-Bergé Weine auch in Deutschland angekommen, der Origines für ca. 7 Euro, der Mégalithes für ca. 11 Euro. Die Preise haben sich in den vielen Jahren kaum verändert, der Wein auch nicht. Die gleiche hohe Qualität, die gleiche Authentizität, das gleiche Spiel zwischen Eleganz und Kraft.

Ich habe inzwischen noch viele gute Languedoc-Weine kennen gelernt. Einige von ihnen haben sich rapide verändert, nicht immer zum Guten, oft Richtung Mainstream-Geschmack (auch oft überholzt!). Beim Jean Sirven (der in Deutschland jetzt um die 40 Euro kostet) habe ich – nicht erst heute – den Eindruck, da wird versucht den Anschluss (mit den traditionellen Trauben der Languedoc) an die moderne Weinwelt nicht zu verlieren, mit einer „Weinbombe“ (ähnlich wie auf Négly), die zwar interessant ist, aber nicht unbedingt meine Vorliebe trifft.

Les Mégalithes (genauso wie der Origines) ist hingegen ein wunderschöner Fitou-Wein, kräftig, ehrlich und doch leicht verspielt. Thymian, Lorbeer, Garrigue – wunderschöne Anklänge an Dürfte, die in dieser Gegend allgegenwärtig sind. Auch jetzt – längst wieder in der Schweiz angekommen - tanzen diese Aromen wieder auf der Zunge und im Gaumen.

16. April 2012

 

Mas l'Écriture: L'Émotion 2008

Les Terasses de Larzac,

Coteau de Languedoc

 

Es gibt Weine, denen begegnet man einfach, irgendwann, irgendwie, man findet sie sogar gut, geniesst sie während eines Essens, dann gehen sie fast immer vergessen, sogar sehr rasch. L’ Émotion vom Weingut Mas de l’Écriture, von den Terrasses de Larzac, im Norden des Départements Hérault (Languedoc), ist so ein Wein. Ich bin ihm auf der Bahnreise zurück in die Schweiz begegnet.

Das traditionelle Bahnhofbuffet von Montpellier – der Ort, wo wir meist einkehren, bevor wir den TGV besteigen – wird gerade aufgehoben oder umgebaut. Wer weiss das schon? Jedenfalls ist das Lokal „en travaux“. So sind wir dann in der Brasserie de la Gare gelandet, mit Sack und Pack. Das Tagesmenü: Lasagne à la Maison, schön arrangiert, rasch serviert, traditionell gemacht.

Ein Blick auf die Weinkarte – sie ist nicht gerade üppig -  genügt. Offenausschank von wenigen recht guten Languedoc-Weinen. Der Fall ist klar: ein Wein aus Faugères – den ich längst kenne – wird bestellt. Intervention des Kellners: „Haben Sie den Émotion gesehen? Ein hervorragender Wein, eine Sensation.“

Ich kenne diese Anpreisungen von Kellnern, entweder ist der bestellte Wein gerade ausgegangen oder das „Superangebot“ muss möglichst rasch weg. Normalerweise bleibe ich bei meiner Wahl, verzichte auf das spezielle Angebot. Heute habe ich ganz anders reagiert. Warum weiss ich nicht, vielleicht weil der Kellner sympathisch war, vielleicht war es einfach meine gute Laune. Der Émotion kam also auf den Tisch.

Wirklich ein hervorragender Wein: ein einfacher, klassischer Languedoc. Syrah, Grenache, Cinsault und Carignan etwa zu gleichen Teilen. Sogar etwas im Barrique gelegen, oder im grossen Holzfass. Jedenfalls hält sich das Holz dezent im Hintergrund, gibt dem Wein ein Hauch feiner Würze, vermählt sich mit leichten Fruchtaromen.

Eigentlich ein fröhlicher Wein, ein authentischer Wein, ein Wein, den man sich merken müsste. Im Weinhandel – wie ich  zuhause festgestellt habe  - kostet er 10 Euro. Noch selten aber habe ich so viel Wein-Spass für 10 Euro gehabt. Also vielleicht doch kein Wein zum Vergessen, auch wenn es nur ein sogenannter Gastrowein ist?  Jedenfalls habe ich ihn hier sofort registriert, damit ich - und andere - ihn doch nicht vergesse.

15. April 2012

 

Mas Brugière, L'Arbouse 2010

Coteaux de Languedoc

 

Zum kurzzeitigen Abschied vom Süden – in drei Wochen sind wir wieder zurück – ein Besuch im „Glaskasten“, einem Lieblingsrestaurant von uns. Mit wunderschöner Aussicht auf den Hafen. Nochmals Austern und ein kräftiges Stück Fleisch zu Hauptspeise. Die Wirtin meint, wir seien „verrückt“, denn wir wollten unbedingt draussen im geschützten „Glaskasten“ essen.

 

Weitere Gäste verziehen sich in die Gaststube. In dieser rauen, aber wunderschönen Abendstimmung ist der Wein nicht unwichtig. Die Auswahl ist nicht gross. Was habe ich heute bei Freund Elfllein in Weinfreaks gelesen: „Nicht immer muss ein Wein »groß« sein oder mit Superlativen beschrieben werden, um einen guten Eindruck zu hinterlassen.“ Wie recht hat er doch!

 

L’Arbouse von dem Weingut Mas Brugière ist genau dies: nicht „gross“, aber gut. Ganz anders als die meisten Weine der letzten Woche: nicht auffällig, einmalig, eher sanft, gefällig, mundig. Viel Syrah, etwas weniger Grenache, wohl im „grossen Fass“ ausgebaut. Ein Wein, der nur im Osten der Languedoc denkbar ist, zum Beispiel rund um den Pic Saint Loup. Im Westen – in der Corbière entstehen ganz andere Weine – voll von würzigen Aromen, nicht selten frappante Anklänge an Rosmarin-, Thymian-, Kerbel-, Majoran-, Rosmarin, kurzum ein ganzer Gewürzgarten.

Die Stimmung ist fast gespenstig. Starker Wind, es regnet an die Glascheibe, die untergehende Sonne hinterlässt ihre Strahlen.

 

Hier das Gegenteil: delikate Beerennoten, zurückhaltend – trotz der Jugend – fein verwoben: Brombeeren, Heidelbeeren, schwarze Johannisbeeren. Kein Wein, der einem umhaut, der unvergesslich bleiben wird. Ein stiller Wein, zum stillen Genuss. Restaurantpreis 25 Euro.

13. April 2012


Domaine Frederique et Florence Alquier:

Rouge Cuvée Tradition 2007

Faugères, Languedoc

 

Das mit den Alquiers in Faugère ist so etwas wie ein Verwirrspiel. Da gibt es den Jean-Michel Alquier mit seinen recht bekannten Weinen: La Maison Jaune und Les Bastides. Da gibt es aber auch den Gilbert Alquier, den Vater, der 1960 die ersten Syrah in Faugère pflanzte.
Und da gibt es den Sohn Frederique mit seiner Frau Florence Alquier, die heute das Weingut von Gilbert Alquier et Fils führen. Verstanden?

Ist ja auch nicht entscheidend. Wichtig ist, dass die Alquier schon fast eine Legende sind, in der Appellation Faugère des Languedoc, die von dem Schiefer geprägt ist. Ich liebe diese schon fast üppigen, rauchigen Weine, die ihre Kraft aus den Reben schöpfen und nicht im Keller hochgezüchtet werden. Syrah, Mourvèdre und Grenache und Carignan in unterschiedlicher Dosierung – wenn gut gearbeitet wird (Reduktion, Handernte etc.) entstehen wunderschöne, unverwechselbare Languedoc-Weine, die in dieser Gegend noch zusätzlich durch Schiefer beeinflusst werden.

Die Bezeichnung Traditionell trägt dieser Wein zu recht: schöne, dunkle Kirsch-Frucht, roter Pfeffer, Kräuter, leicht rauchig, etwas Lakritze, feine Tannine. Ich stelle die Frage aller Fragen hier gar nicht, nämlich wie lange hält der Wein? Er ist jetzt wunderschön zu trinken, auch im Restaurant (wo wir ihn im Glas haben), zu einem Restaurant-Preis von 25 Euro. Was mich am meisten überrascht, das sind seine purpurnen Reflexe; mit fast fünf Jahren hat er noch ein Aussehen wie ein Jungsporn.

12. April 2012

 

Puech-Haut: Tête de Bélier, 2008

Saint-Drézéry, Coteaux du Languedoc


Irgendwie spürt man: da hat ein Spitzen-Önologe sein Wissen und Können eingebracht. Tatsächlich stand Michel Rolland – der Tausendsassa aus dem Bordelais – dem Weingut Pate. Ein Weingut der Superlative und ein Wein der „Superklasse“, zweifellos. Eine gemachte – gut gemachte – Weinbombe. Und als solche noch viel zu bombig, das heisst zu jung. Eigentlich kann der Wein erst in etwa fünf bis acht Jahren seine Qualität entfalten. Jetzt ist noch alles gefesselt in Tannine, Kraft und Würze. Zu differenzieren gibt es da wenig.

Mir ist es diesmal so ergangen, wie vielen Weintrinkern. Die Flasche wird im Weingeschäft gekauft und kommt schon bald, nach ein paar Tagen und Wochen, auf den Tisch. Etwas, das ich so eigentlich nur selten erlebe. Doch hier unten, an meinem zweiten kleinen Wohnsitz, gibt es keinen Keller, nur eine Garage, wo die Weine lagern. Kein idealer Ort, im Winter zu kalt, im Sommer zu warm. So leere ich von Zeit zu Zeit die Regale, damit es wenig oder keine „vergessenen Flaschen“ gibt, gute Weine, die überlagert sind oder die unter den schlechten Lagerbedingungen gelitten haben. Im Augenblick ist es wieder so: die Regale sind (fast) leer, die Weine hole ich im Geschäft. Jetzt steht dort eben der „Tête de Bélier“ (Widderkopf) von Puech-Haut, Jahrgang 2008 und den sollte man noch lagern, mindestens fünf Jahre.

Man kann es sich nicht immer so einrichten, wie man möchte. Die Flasche wurde gestern geöffnet. Ein dunkles, fast schwarzes Rot (wenn es so etwas gibt) ergiesst sich ins Glas. In der Nase eher Kraft und Wucht als Sinnlichkeit. Der nächste unverzeihliche Fehler: dekantieren wäre angesagt. Erst allmählich lösen sich Aromen aus dem sämigen Rot: Schwarzkirschen, Gewürze – nicht frische, eher pulversisierte – schwarze Oliven… lassen wir dies: Es könnte auch vieles anderes sein. Wie gesagt, in diesem engen Kleid entfalten sich Schönheiten nur zögerlich, es bleibt beim Erahnen.

Puech-Haut ist nicht irgend ein Weingut. Hier wird Kultur und Wein gemacht, konstruiert. Ein Herrschaftshaus – ich glaube es war einst eine Präfektur – wurde Stein für Stein in ein kleines Dorf, nördlich von Montpellier verfrachtet, um dort das villenähnliche Haus wieder aufzubauen. Es wurden auch Rebberge angelegt, wo es nur Oliven gab, inzwischen auf einer Fläche von 100 Hektaren. Und es wird seither dort Wein gemacht, im gleichen Geist, mit der gleichen Leidenschaft, mit der das Weingut in dreissig Jahren aufgebaut wurde. Ein Vorzeigeobjekt, wo auch die Kunst nicht fehlen darf: von Künstlern bemalte Barriques. Genau so ist der Wein: hervorragend gemacht. Was mir etwas fehlt, das ist Seele. Allzu viel wird da konstruiert. Preis des Weins ab Hof: ca. 22 Euro.

11. April 2012

 

Cave Castelmaure: Nr. 3, 2009

 

Spitzenwein der Coopérative de Castelmaure,

entstand in Zusammenarbeit mit den bekannten

Önologen Dominique Laurent und Michel Tardieu.

 

Sein guter Ruf hat mich schon lange erreicht, getrunken habe ich ihn gestern zum ersten Mal, den Kultwein der Weinmacher Tardieu, Laurent und des einheimischen Puyeyo. Eigentlich „nur“ ein Genossenschaftswein und doch 2009 von Parker mit 92 Punkten beehrt und von dem Weinkritikerduo Bettane/Dessauve zum besten Wein der Languedoc-Roussillon erkoren.

Himmel, was erwartet mich da? Zuallererst habe ich – was ich sonst selten mache – den Text auf der Etikette gelesen. Frei übersetzt: „Dieser Wein ist keine blosse Laune. Er ist nicht wie jene Verrücktheiten von Emporkömmlingen, die ihr Ego mit einem Hauch Landadel polieren möchten oder sogar mit lauter Gestik plötzlich den Wunsch haben, das Terroir zu retten. Nein, er ist nicht in Eile entstanden – sondern das Resultat von Geduld und gemeinsamer Arbeit der 169 Bewohner dieses „Kaffs“, in welchem Wein das Lebenselixier ist. Nachhaltige Entwicklung? Kann sein .... Wunschdenken der Winzer? Sicherlich!“

Normalerweise sind solche Flaschentexte – meist in englisch verfasst – ein PR-Mittel, um dem Wein ein Stück Philosophie mitzugeben, in der Regel auf die lange Reise nach Amerika oder Asien. In diesem Fall ist es aber eine Hommage an die Bevölkerung des kleinen Dorfs Castelmaure und ihre Cooperative, die sich aufgemacht hat, einen Traum zu verwirklichen. Den Traum, nicht einfach einen beliebigen Landwein zu machen, sondern ein unverwechselbares Produkt, das sich in den Kreisen der besten französischen Weinen behaupten kann, und doch das Resultat ihrer eigenen Arbeit bleibt. Schon fast ein lebensphilosophischer Ansatz! Kann das gut gehen?

Es ist – so meine ich – gut gegangen. Sieht man einmal vom Kultcharakter ab, so ist im Glas ein wunderbarer, dunkler, fruchtiger Wein. Kein gezierter oder gar muskulöser Macker. Ein Wein, der – obwohl in neuen Eichenfässer ausgebaut – von seiner Frucht, von seiner Würze und nicht zuletzt von seiner Ausgewogenheit lebt. „Non filtré, non collé“ ist hier nicht einfach ein modisches Markenzeichen, es entspricht dem Wunsch, dem Wein nicht einfach ein paar „süsse Beeren“, etwas Erde, Pfeffer (und weiss nicht was alles) aufzupfropfen, wie Butter aufs Brot zu streichen, sondern dies alles und noch mehr aus dem Traubengut herauszuholen.

Das heisst: der Wein ist weder extravagant noch gefällig, nicht unbedingt geeignet für eine Liebe auf den ersten Schluck. Vielmehr ein Wein der sensorischen Nachhaltigkeit. Da lese ich irgendwo in einer französischen Weinzeitschrift: „„Magnifique présence crémeuse en bouche laissant parler quelques fleurs, puis du cassis, des épices et de l'ambre.“ Brauche ich dies zu übersetzen – nein, ich will es trinken, trinken, trinken....

09. März 2012

 

 

Sacré Coeur: Tradition 2010

Saint-Chinian, Languedoc

 

 

Getrunken: „Tradition“, den Basiswein des noch jungen Weinguts Sacré Coeur im AOC-Gebiet Saint-Chinian, nördlich von Beziérs im Languedoc. Das relativ grosse Weingut, mit einer Rebfläche von knapp 35 Hektaren, gib es erst seit den 90er Jahren. Die Domaine und seine Weine kannte ich bisher nicht. Ich bin nicht ganz sicher, ob man sie kennen muss. Jedenfalls nicht unbedingt diesen relativ einfachen Wein.

Er ist zwar ein typischer und guter Vertreter des Languedoc, sauber gemacht, einfach gestrickt, aus den traditionellen Rebsorten Syrah, Grenache, Carignan. Eigentlich ein Wein, wie ich ihn gerne habe, nicht im Barrique ausgebaut. Trotzdem: so richtig glücklich bin ich nicht. Zwar eine fruchtiger Wein, doch mit einem leicht bitteren, ätherischen Ton, der andere würzige Töne überlagert und wohl für den eher kurzen Abgang verantwortlich ist.

Die Frage ist nun berechtigt: Warum habe ich den Wein denn überhaupt aufgegriffen - bei der Vielfalt von hervorragenden Weinen, die Saint-Chinian angeboten werden? Moulinier, Jougla, Sir de Rocbrun, Cazal Viel – um nur einige der bekanntesten Namen zu nennen. Wenn ich dem Wein trotzdem begegnet bin, liegt das an der Empfehlung der Wirtin meines Lieblingsrestaurants „Madragde“, die ihn neu auf die Karte genommen hat. Man kann (darf) Vertrauen haben in die noch jungen Chefin des Lokals und ihrer Equipe. Das weiss ich, wurde auch noch nie enttäuscht.

Doch diesmal hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Nun – in einem Restaurant, das bei Gault Millau immerhin eine Haube hat, achtet man auch auf gute regionale Produkte, nicht zuletzt auf „echte“ regionale Weine, die preiswert sind. Zu diesem Typus gehört „Tradition“ von Sacré Coeur. Das Weingut hat natürlich noch weitere Weine (fast alles rote), unter ihnen der die Cuvée Kevin, die im Hachette immer wieder sehr gut bewertet, oft sogar mit der Höchstnote ausgezeichnet wird.

In diesem Fall aber habe ich einen eher rustikalen, aber harmonischen Wein im Glas, typisch mediterran, der sich zum Fisch und dem Gemüse hervorragend eignet und schliesslich – ich muss mich korrigieren – trotzdem Freude macht, gerade weil er so echt, so authentisch ist. (Preis ab Hof ca. 7 Euro)

06. April 2012

 

Haut Lignières, Faugères

Carmina Butis, 2001

 

Die Flasche stammt aus der Zeit in der ich mit deutschen Weinfreunden, die bei Wein-Plus kennen gelernt habe, das Languedoc durchstöberte. Die Weinfreunde sind leider verschwunden, haben sich ausgeklinkt, sind verstummt. Schade! Doch eine letzte Flasche aus dieser Zeit ist geblieben und jetzt ins Glas gekommen. Schon damals – nach ein, zwei Jahren – war der Wein etwas umstritten – jedenfalls hat er nicht ganz das gehalten, was er versprochen hat. Weinversprechungen sind mitunter trügerisch. Carmina Butis ist der einfachere Wein des Weinguts. Er kostet heute ab Hof etwa 13 Euro. Die Grande Reserve kommt auf nicht ganz das Doppelte zu stehen. Meine Frau hat lieber die oft eher überholzte Grand Reserve, ich bevorzuge den einfachen Wein. Nur – jetzt nach mehr als zehn Jahren - hat meine Frau recht. Mein Alltags-Faugères hat an Kraft verloren. Zwar sind sie noch da, die Schiefernoten, die Feinheiten einer syrahbetonten Cuvée, aber eben ohne Kraft und mit einer leicht gestörten Harmonie. Die Grand Reserve hingegen hat sich gehalten, sie strotzt noch immer von Energie und Leiblichkeit. Vielleicht sollte man doch überlegen, wann sich der „grosse“ Wein eines Weinguts lohnt und wann der „Kleine“ der richtige Wein ist.

Herzlich

Peter

04. April 2012

 

Domäneweingut Schloss Schönborn

Spätburgunder, trocken, 1999

Hattenheim, Rheingau

 

Eigentlich waren wir wegen des Rieslings auf dem Weingut. Meine deutschen Weinfreunde wollten mir den Rheingau und seine Weine zeigen. Es war die erste „Pensionistenreise“, jedes Jahr ein deutsches Weingebiet, jetzt sind wir – glaube ich – bei der neunten angelangt. Ich erinnere mich noch gut. Es war brütend heiss: mit dem Riesling lagen wir richtig. Doch ich – als Rotweintrinker – wollte die deutschen Pinots (Spätburgunder) kennen lernen. Um es vorweg zu nehmen, ich war damals bitter enttäuscht. Kein einziger der Rotweine konnten mich – an Rotweine gewöhnt – überzeugen. Mein Verdikt: für Spätburgunder brauche ich nicht nach Deutschland zu fahren. Das blieb noch einige Jahre so: kaum ein Pinot Noir der überragend war. Dass sich inzwischen einiges in Sachen Blauburgunder getan hat, weiss ich längst. Einige Weingüter wetteifern längst mit den besten Spätburgundern.

Trotzdem – damals habe ich von einigen Weingütern eine oder zwei Flaschen Spätburgunder mitgenommen. Ich wollte zuhause in Ruhe nachverkosten. So auch auf Schloss Schönborn in Hattenheim. Ich erinnere mich noch gut an die Diskussion um den Rotwein im Schloss-Saal. Wenn ich zumindest ein Auge zugedrückt habe, konnte ich dem Roten durchaus etwas abgewinnen. Wieviel? Ein bleibendes Erlebnis war es nicht.

Die Flasche, die ich da gekauft habe, blieb bei mir liegen. Gut zehn Jahre lang. Jetzt habe ich sie geöffnet. Was einmal ordentlich kraftvoll daher kam, hat sich in ein bescheidenes Weinchen verwandelt. Nicht oxidiert, nicht unangenehm abgebaut, nicht von unbestimmten Alterstönen überlagert. Nein – ganz einfach dünn, kraftlos, aber auch nicht filigran-würzig ist er geworden. Das Holz, vorher (wie ich mich erinnere) sehr dominant, ist ganz einfach verschwunden, eingetaucht in ein unbeschreiblich diffuses Weinaroma. Vergeblich suche ich wenigstens einen prägnanten Charakter. Man kann nicht einmal sagen, der Wein sei überlagert. Er ist ganz einfach nicht mehr präsent, hat sich zurückgezogen. Wohin?

Ich habe noch einen Wein aus jener Periode. Noch älter. Doch aus einem renommierten Rotweingebiet der Gegend. Ich werde berichten und vergleichen.

24. März 2012

 

Château Pavie 1995

St-Emilion, Bordeaux

 

Nicht ganz unumstritten ist dieser Pavie. Die einen loben ihn, geben ihm sogar neunzig Punkte, andere finden 86 Punkte seien noch viel zu viel. Ich enthalte mich der Punktediskussion und beschränke mich auf meine Erwartungen und den ersten Eindruck. Wieder einmal war es Mister Parker, der dem Wein bei der Fassprobe 85-87 Punkt gegeben hat, zwei Jahre später (1998) nur noch 78 Punkte. Auch an mir gehen solche vinophilen Tiefschläge nicht ganz spurlos vorbei. Mit andern Worten: Meine Erwartungen waren tief. Zu tief, wie sich rasch herausstellte. Eine „grüne Nase“ konnte ich beim besten Willen nicht feststellen und eine „kantige“ Persönlichkeit auch nicht, genau so wenig die „Abmagerung“, welche Parker ihm diagnostizierte. Es geht mir wirklich nicht darum, Parker zu widerlegen oder zu korrigieren. Für mich ist einfach das, was jetzt – 14 Jahre später – im Glas ist, gut, sehr gut sogar. Hat sich der Wein so sehr entwickelt – oder ist das, was in den späten 90er Jahren über Pavie geschrieben wurde, geschäftspolitisch angehaucht? Jedenfalls kam der Wein von Pavie bis 1998 kaum je über 83 Punkte. Aber dann: 1998 übernahm Gérard Perse das Weingut – zugegeben, er investierte viel in Keller und Weinberg, heuerte Michel Rolland an – und die Preise stiegen, stiegen und stiegen… Den 95er habe ich noch für 35 Franken gekauft, der 98er kostete bereits mehr als 100 Franken, ein Jahr später waren es 200, im Jahrtausendjahr (2000) gut 400 Franken, auf jenes Niveau, auf dem er sich „in guten Jahren“ festgesetzt hat. Mein Pavie stammt also noch vor der Perse/Rolland-Zeit. Er ist vielleicht keiner der grössten Pavie und nicht zu vergleichen mit dem 2009er, der soeben 100 Parker-Punkte eingeheimst hat. Doch ich bin zufrieden mit meinem „kleinen Pavie“, der mir immerhin so viel Spass bereitet, dass ein Woww – auch von meiner Frau – an diesem Abend nicht ausgeblieben ist: fruchtig, elegant, charmant, tief, ausgewogen… Ein wirklich guter Saint-Emilion.

21. März 2012

 

Grand-Puy-Lacoste 1983

Pauillac, Bordeaux

 

Für einmal genau auf dem besten Punkt für einen zwar braven, aber sauberen, gefälligen Bordeaux. Das Aufregende geht ihm zwar ab, aber es ist ein Bilderbuch-Altwein, wie ich ihn gerne öfters trinken würde. Er hat die Jahre genutzt, um reifer, abgeklärter zu werden. Eine typische Bordeaux-Nase empfängt mich, mit etwa weicher Frucht und schwarzen überreifen Beeren, Walderde und Laub im Hintergrund, Lakritze spürbar. Natürlich – hör ich jetzt sagen – ein bescheidener Jahrgang. Stimmt – vor 29 Jahren war der Jahrgang ja auch noch entscheidender als heute, vor allem wenn die Natur nicht so recht wollte. Dass dieser Wein noch so gut und angenehm ist, spricht eigentlich für den Winzer. Er hat es geschafft, auch in einem schwierigen Jahr einen doch recht langlebigen Wein in die Flasche zu bringen. Ich vermute, jetzt beginnt aber der Abstieg. Trinken, sagt jeweils René Gabriel. Gottseidank, dass ich ihn gestern getrunken habe. So konnte ich ihn (noch) geniessen.

19. März 2012

 

Johann Josef Prüm:

Wehlener Sonnenuhr 2002

Spätlese

 

Das Eis ist dünn, auf dem ich mich jetzt bewege. Ich habe schlicht und einfach zu wenig Erfahrung in Sache Moselweine. Mein Repertoire an differenzierteren Geschmackserinnerungen ist rasch abgerufen und erschöpft. Wenn ich an die Eloquenz denke, mit denen sich meine deutschen Weinfreunde über Nuancen eines Rieslings ereifern können, muss ich hier den Versuch abbrechen, etwas Vernünftiges über mein Erlebnis mit dieser Wehlener Sonnenuhr zu schreiben. Ein frischer, noch vifer Wein (trotz oder wegen seines Alters von bald zehn Jahren), Pfirsichnoten, etwas Honig, nicht zu süss, zuerst eher leichtgewichtig im Gaumen schwebend, dann aber mit einer erstaunlichen Tiefe, Eleganz und Rasse, schliesslich begleitet ihn ein langer Abgang. Aber dies schreibt (so oder ähnlich) wohl jeder nach dem Genuss eines guten Rieslings. Doch da liegt für mich der Punkt: ein guter, ein verdammt guter Riesling ist es. Einer der Spass macht; einer, den ich noch lange trinken könnte, nachdem die Flasche längst gelehrt ist. Ich bewege mich weiter auf dem dünnen Eis, wenn ich behaupte, der hält noch gut zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre. So lange wäre er aber niemals im Keller, ich hätte ihn schon längst getrunken. 

17. März 2012

  

Château Petit Plince 1995

Pomerol, Bordeaux

 

Ich weiss genau, wie die Flasche in meinen Keller gekommen ist. Eine Berufskollegin, die sich brennend für Wein interessiert, hat uns besucht. Es war am 8. September im Jahr 2000, sie brachte eine Flasche mit. Sogar leicht peinlich, den ich hatte den Wein kurz zuvor im Dorfladen (der zu einer Kette gehört), gesehen: 15 Franken (damals 10 €). Angesichts der bereits im Jahr 1999 hochgeschraubten Bordeaux-Preise sozusagen ein „Billigbordeaux“, ein Pomerol aus dem Handelshaus Louis Vialard, wie die Etikette verrät. Selbst das dicke, fast alles wissende Bordeauxbuch von Feret, gibt nur spärlich Auskunft. Das Weinhaus Louis Vialard vermarktet zwar nach 2001 einen „Petit Plince“, eine Cuvée aus 70% Merlot und 30% Cabernet Franc, vinifiziert aus einem ca. 3 Hektar grossen Weinberg von Château Mazeyres (Pomerol), doch mit ganz anderer Etikette, deutlich teurer und „sauf en Suisse“ (also nicht in der Schweiz). Vielleicht ist mein „Petit Plince“ gar der Zweitwein von Château Plince? Der nennt sich aber Pavillon de Plince und das abgebildete Weingut kann nicht Plince sein. Also Spurensuche! Die Spur hat sich verlaufen, der letzte und einzige Petit Plince in meinem Keller ist ins Glas gekommen. Natürlich längst über dem Zenit, müsste eigentlich nach 17 Jahren bereits abgebaut sein! Denkste! Kein grosser Bordeaux zwar, aber ein schöner, voller, angenehmer Pomerol, der uns empfängt. Natürlich hat er an Kraft verloren, auch an Frucht tüchtig zurückgeschraubt. Doch die Harmonie stimmt. Die Tannine sind gut verarbeitet, aber noch da. Im Gaumen füllig und sanft. Wieder einmal wird die Mär vom kleinen Bordeaux, der nicht altern kann, wiederlegt. Im Keller - mit fast idealem Klima – mitten unter anspruchsvolleren Nachbarn – hat er sich ausgezeichnet gehalten. Oder haben die „grossen“ Weine, die während Jahren neben ihm gelegen haben, abgefärbt? Wer weiss das schon?

14. März 2012

 

Lafite Rothschild 1972
Pauillac, Bordeaux

 

Irgendwann in den frühen 90er-Jahren habe ich ihn gekauft, den verpönten 1972er Lafite Rothschild, für knapp 100 Franken an eine Auktion. Viel, viel zu teuer, sagten meine Weinfreunde. O-Ton Parker: „…der schlimmste Jahrgang des Jahrzehnts“ und „es gibt keine 1972er mehr, die für den Verbraucher noch in irgendeiner Weise von Interesse wären“. Doch mein Interesse war noch da: meine Tochter ist 1972 – eben in diesem grottenschlechten Jahr – geboren. Schicksal! So kaufte ich damals eben den Wein, in der Hoffnung, wenigstens das Jahrgangsereignis würde sich irgendwann einmal bezahlt machen. Gestern war es nun soweit. Die Tochter feierte kürzlich ihren vierzigsten Geburtstag, also gestern beim Papa ihr Lieblingsessen „Gratin à la Papa“ und Kalbsleberli. Dazu – man ahnt es – den Geburtstagswein: Lafite Rothschild 1972. In den Ohren noch eine Anfrage bei „talk about wine“: „würde einen Lafite Rothschild 1972 für 55 Euro bekommen…. Wollte schon immer mal einen Lafite Jahrgang. Schmeckt auch ein Lafite aus einem schlechten Jahrgang noch aussergewöhnlich?“

Die Frage – vor sieben Jahren gestellt – ist jetzt für mich entschieden: „Nein, nicht aussergewöhnlich, aber noch recht gut!“ Ein „Altwein“ eben, noch sehr gut trinkbar. Kein Wunder, aber noch mit schönen Aromen – natürlich Laub, Walderde und Oliven – im Vordergrund. Dahinter aber noch Gewürze, sogar etwas Beeren und natürlich Nuss. Nein blumig und fruchtig war er nicht mehr, schon eher müde, gestanden, aber durchgehalten. Ein schöner, sauberer Altwein – ohne jegliche Oxydationstöne. Erstaunlich? Eigentlich schon und doch nicht. Gut gelagert, perfekter Füllstand – in Ruhe gelassen, bei der richtigen Temperatur. Ein perfekter Geburtstagswein. Ereignisse von damals kommen hoch: Olympische Spiele in München mit Geiselnahme israelischer Athleten, Nixon besucht China, die Watergate-Affäre erschüttert Amerika, Willy Brandt zum zweiten Mal zum Bundeskanzeler gewählt, Michelangelos Pietà wird in Rom von einem Verwirrten beschädigt….. Alle die nur Schnee von gestern? Mag sein!

Vergessen, verdrängt, ausgesiedelt aus Wissen und Gedächtnis. Doch jetzt einen Wein auf dem Tisch, der genau in diesem Jahr gekeltert wurde, der noch trinkbar ist, der noch Spass macht…. Dies ist nicht in Punkten festzuhalten. Vielmehr im Ereignis: gut erhalten mit Potential zum Genuss. Was will man mehr?

13. März 2012

 

Cantine Salvatore: Osco Bianco 2010

Molise, Italien

 

 

Mein Nachbar ist ein neugieriger Mensch. Darum lässt er sich ab und zu von „seinem“ Weinhändler ein „Probepaket“ senden, oft mit Weinen oder Rebsorten, die kaum bekannt sind. Da auch ich für extrem neugierig gehalten werde, wandert die eine oder andere Flasche sogar über das Strässchen zu unserem Haus. Nach dem Rotwein „Tintilia“ jetzt also auch „Osco Bianco“ aus der seltenen Rebsorte „Falanghina“. Und? Ich bin sehr angetan vom Wein, den ich bisher nicht gekannt habe. „Es muss ja nicht immer Kaviar sein!“ Der Buchtitel des Erfolgsautors Johannes Mario Simmel kommt mir spontan in den Sinn. Verglichen mit Kaviar, der zu den luxuriösesten Speisen überhaupt zählt, und der – stilecht – mit einem Besteck aus Horn, Perlmutt oder gar Gold gegessen wird, ist der Falanghina geradezu ein vulgärer Saufkumpane, doch (und das zählt wohl mehr) verdammt charaktervoll. Zitrusfrüchte, griffige Säure, sogar ausgeprägt elegante Struktur. Wow – dieser „Urwein“, modern ausgebaut, würde auch gut zu Kaviar passen. Ehrlich gesagt, mir wäre er sogar viel lieber als der teure Luxuslaich. Nun – zur Sauferei kann es kaum kommen, denn der Falanghina ist äusserst rar (fast so rar - wie der Kaviar), nur noch ein paar hundert Hektaren der antiken Traubensorte soll es geben, vor allem im Süden Italiens. Was er kostet weiss ich nicht, vielleicht um 10, 15 Franken, ein paar Hundertmal billiger also als Kaviar. Vielleicht aber ebenso speziell, ebenso authentisch und – was mich besonders freut – körperreich, aromatisch ganz ohne Holz vom Barrique.

11. März 2012

 

Marchese de Frescobaldi: Mormoreto 1993

Colli della Toscana, Italien

 

 

Auf Entdeckungsreise durch Italien, leider nur im (oder mit dem) Glas. Immer wieder mache ich einen Abstecher zu unseren südlichen Nachbarn. Es sind meistens Auktion-Lots, die im weltweiten Handel unbeachtet bleiben. Dafür interessieren sich nur Neugierige, wie zum Beispiel ich es bin. So komme ich immer wieder zu für mich neuen Erfahrungen. Diesmal ein Cabernet Sauvignon aus der Toscana, wohl mit Merlot, Cabernet Franc und vielleicht sogar Petit Verdot. Kurzum, es ist eine Bordeaux-Cuvée, unverkennbar sowohl in der Nase, als auch im Gaumen, und als solche hat sie sich auch sehr, sehr gut erhalten. Doch auf der Etikette steht nur Cabernet Sauvignon, die anderen Rebsorten sind noch nicht erwähnt. Neuere Jahrgänge weisen 60% Cabernet Sauvignon, 25% Merlot, 12% Cabernet Franc und 3% Petit Verdot aus; so differenziert war der Wein vor knapp zwanzig Jahren (noch) nicht. Was mich aber am meisten irritiert: die Anschriften auf der Etikette, ausschliesslich in Französisch und Englisch, nicht in Italienisch. Also ein Exportwein! Einer jener Weine, die in der Toskana immer mehr überhand nehmen: internationaler Geschmack, bordeaux-orientiert: schwarze Beeren, Holunder, Cassis, Vanille… Zwei Gläser vom Gambero Rosso sind ihm wohl sicher. Natürlich – mir fehlt die Italianità – ich fühle mich beim trinken in der Welt zuhause. Deshalb ist es aber kein schlechter Wein, kein Wein, den man einfach vergessen kann. Vielleicht zeigt er aber, wohn Italien in der Toskana immer mehr geht… weg von Italien – hin zum Bordeaux-Groove. Zu nuttig, habe ich irgendwo gelesen. Etwas vulgär, aber nicht ganz unwahr.

08. März 2012

 

Cantine Salvatore: Tintilia 2008

Molise, Italien

 

Zugegeben, ich musste schon tüchtig googlen, um den Wein auch lexikarisch zu erfassen. Das Glossar von wein-plus.de hilft immer. Tintilia: „Synonym für die rote Rebsorte Bovale Grande Nero; siehe unter Bovale. Bovale: „Die rote Rebsorte ist hauptsächlich auf Sardinien verbreitet…. Es gibt die zwei Spielarten Bovale Grande (…auch Tintilia… ) und Bovale Sardo…. Die häufiger vorkommende Bovale Grande wird zumeist für Verschnitte verwendet. Sie kommt auch in der Region Molise vor, wo sie im DOC-Wein Del Molise Tintilia verwendet wird“. Genau so einen „Tintilia de Molise“ habe ich jetzt – zum allerersten Mal – im Glas. Und ich kann jetzt schon sagen: es wird nicht das letzte Mal sein. Nicht dass es mich „aus den Socken schletzt“, das nicht, aber ein etwas „anderes Weinerlebnis“ kündet sich an. Wie immer zuerst gewöhnungsbedürftig. So starke Nelkenaromen hatte ich schon lange nicht mehr in der Nase. Zahnschmerzen der Kindheit kommen mir in den Sinn – damals hat ein „Nägeli“ im „hohlen“ Zahl geholfen. Hilft es auch jetzt auch dem Wein? Schon beim ersten Schluck haben sich die Nelken zurückgenommen, sind zwar nicht ganz verschwunden, aber umringt weinüblicheren Aromen, wie einer spannenden Kräuternase, Dörrobst und viel, viel schwarzen Beeren. Der Wein wirkt im Mund gar nicht so exotisch wie in der Nase. Vielleicht sind es gerade die dezenten Noten von Leder, Walderde und Lakritze, die ich sonst bei alten Weinen schätze, die mir diesen Jungsporn – er ist immerhin schon bald vierjährig – Eindruck machen. Ich habe wieder etwas gelernt und – was noch entscheidender ist – eine neue Erfahrung gemacht. Muss ich mir merken: Tintilia del Molise. Und – wo ist denn genau dieses Molise? Wo sein Weingebiet? „Eingebettet zwischen den Abruzzen, Kampanien und Apulien liegt es, an der Adria“. Seine Weine bestanden bisher für mich aus den Rebosorten Montepulciano und Sangiovese, allenfalls noch aus Greco. Jetzt auch aus Tintilia, pardon – Bovale, der seinen Namen zu recht trägt: rot ist er, tiefrot und verdammt eigenständig im Geschmack.

07. März 2012

 

Barchessa Rambaldi:

Amarone della Valpolicella Classico 2006

Bardolino, Italien

 

 

Die Suche nach einem Lieblings-Amarone entpuppt sich immer mehr als echte Herausforderung. Amarone ist nicht unbedingt mein Lieblingswein. Doch meine Partnerin, die ab und zu mal einen Amarone wünscht – meist um einen besonders schönen Tag abzuschliessen – hat ihre Vorstellungen, wie ein Amarone zu schmecken hat, eben wie ein Amarone. Da zeigt sich für mich wieder einmal die Macht der Weinsozialisation. Sie hat sich nämlich – vor vielen Jahren – in den Amarone der Villa Monteleone Raimondi „verliebt“, seither werden alle Amarone daran gemessen. Verheerend! Es taucht einfach kein anderer „Lieblings-Amarone“ auf. Nach einigen herben Rückschlägen bin ich auf den Amarone von Barchessa Rambaldi gestossen. Zum ersten Mal (seit langem) waren wir uns einig: so etwa muss er sein, diese Kraft (nicht zu protzig), diese Aromen (kein plumpes Dörrobst), dieser Abgang (lang, aber nicht ätzend) und nicht zu vergessen, auch leise, feine, filigrane Töne, trotz der grundsätzlichen Wucht. Wir kommen der Sache schon etwas näher. Noch steht ein weiterer Amarone zum Test an. Vielleicht finden wir in doch noch, den Alternativ-Amarone zum ursprünglichen Lieblingswein. Vielleicht kann man auch einfach bei dem bleiben, was einem gefallen hat. Keine schlechte Idee!

06. März 2012

 

Chanton Weine: Eyholzer Roter 2008

Wallis, Schweiz

 

 

Was zuerst auffällt: die Farbe ist hellrot. Im Gegensatz dazu die Etikette schwarz und dunkelrot. Irgendwie bin ich irritiert. Doch die Nase verkündet sogleich Gutes, sehr Gutes sogar: Bergwiese, etwas Himbeer und Johannisbeeren. Die Aromen sind mir eigentlich geläufig, doch irgendwie ist es hier anders, ganz anders – die Kombination macht es offensichtlich aus, oder auch die „Reinheit“ der Düfte. Der erste Schluck verrät viel gut eingebundene Tannine. Der Wein zergeht auf der Zunge, er rebelliert nicht, er passt sich – trotz seinem ungewohnt-sein – dem Gaumen an. Ja – ich bin irritiert und auch angetan. Angetan von der Eigenständigkeit des Weins, von der Besonderheit, ich glaube, ich könnte mich daran gewöhnen. Jedenfalls ist es ein Erlebnis. Nun – so viel wusste ich schon bevor ich die Flasche geöffnet habe. Der Eyholzer Roter ist eine ganz seltene (oder ausgestorbene) Rebsorte, die aus dem Aostatal kommt, wo sie lange gelebt haben soll. Eyholz – der Namengeber für die Rebsorte – ist übrigens ein Weiler im Wallis, bei Visp. Und der Wein gilt als Rarität aus dem Schweizer Weinkanton Wallis. Er ist nicht jedermanns Sache, muss kühl serviert werden. Es gibt Weinkenner, die reihen ihn nicht unter die Rotweine ein, eher unter die Rosés. Doch das ist er nicht: dazu ist er zu kräftig, zu tanninreich, die speziell und auch nicht wie ein Rosé gekeltert. Es ist ein starker Wein – nicht in Bezug auf Alkohol (11.5 Vol%) – vielmehr als Charakter: ich sehe Enziane, Edelweiss, Bergdisteln, eine Sommerflora am frühen Morgen auf der Alp. Es ist noch kühl. Ich bin in den Walliser Bergen. Dieser Wein muss dort geboren sein, denn er bringt viel von jenem Alpenerlebnis in meine warme Stube, die weitab von den Alpen, in der Nähe der „Grosstadt“ Zürich liegt

04. März 2012

 

Château Lynch-Moussas 1976
Pauillac, Bordeaux

 

Dieser typische Nuss-, Laub-, Dörrobst-Nase, die bräunlichen Ränder, das etwas schmutzige Granatrot, noch dunkel, nicht sehr verführerisch, deutlich ausgeflockt. Ein Altwein, wie er im Buche steht. Nein, ich habe nicht mehr viel erwartet. Und tatsächlich auch nicht mehr viel bekommen. Der Wein ist abgestiegen, nicht gestorben. Er hat sich zurückgezogen in ein Aroma – ohne Frucht – das ich gerne als Gewürzmischung bezeichne. Alterstöne – man hat mich schon oft korrigiert – Reifetöne, kein muffiger Ton, ein verlebter Ton. Erstaunlich – überhaupt keine oxydative Note, nicht gekippt, er ist verblasst. Lakritze und nochmals Lakritze. Meine Frau liebt solche Weine nicht. Ich schon, wenn sie noch stattlich sind, wenn sie eine Alterslebendigkeit behalten haben. Dieser Wein ist müde, zu müde. Und ich bin zu müde, noch ein paar Notizen aufzuschreiben, lasse die Flasche stehen, vor dem Computer, wo ich gearbeitet habe. Heute nun ein Erstaunen. Ich habe gestern doch zwei Gläser getrunken; das mach ich nicht, wenn mir ein Wein nicht anspricht, wenn er seine Reize verloren hat. Vor allem dann nicht, wenn ich noch arbeiten muss. Jetzt also öffne ich die Flasche wieder - um zu riechen. Keine oxydative Töne, trotz Zimmerwärme. Ich hole ein Glas. Der Wein ist noch da: standhaft, eher etwas runder als gestern, zwar nicht aufgeblüht aber er hat sich wunderschön wohlig in sich verkrochen. Jetzt geniesse ich ihn sogar. Ich trinke das letzte Glas und bin zufrieden, dem Wein nochmals begegnet zu sein.

29. Februar 2012

 

Domenico Clerico:

Ciabot Mentin Ginestra 1996, Barolo

 

 

Bisher habe ich nur von ihm gehört, von Domenico Clerico, der “Legende” von Monforte. Jetzt habe ich seinen (oder einen seiner) Vorzeigewein(e) im Glas. Eine Barolo-Bombe, aber so fein, eigentlich zart und ausgewogen, dass ich kaum glauben kann, was ich über den Wein schon gelesen habe. In mein Glas ist er (fast) zufällig gekommen. Ganz einfach, weil ich nach einer grossen Bordeaux-Probe am Wochenende Lust auf etwas anderes hatte. Zum Beispiel auf einen Barolo – vielleicht war es auch nur die Erinnerung an wunderschöne Herbsttage auf unserer letzten Weinreise. Sie ging erstmals ins Piemont. Ich weiss, dies tönt jetzt snobig, als ob ich einfach so in den Keller steigen könnte um die besten Barolo zu holen. Dem ist nicht so: seit ich mich etwas mehr mit dem Piemont und seinen Weinen befasse, greife ich an Auktionen mitunter zu, wenn Barolos ausgerufen werden. Noch immer sind dies keine „hohen“ (und gesuchten) Auktionsangebote. Da beherrscht fast ausschliesslich (oder immer mehr) Bordeaux das Feld. Bordeaux für den Handel. Der Barolo bleibt da eingeklemmt, kaum beachtet, vor allem, wenn es um einzelne Flaschen geht. Da stille ich dann – ab und zu – meine Neugier. Und diese lohnt ich oft. Zum Beispiel jetzt: Ein weicher, feiner, wunderschöner Barolo mit einem langen, unendlich langen Abgang. Ich hab ihn – den Abgang – noch jetzt, am andern Morgen, wo ich diese Zeilen schreibe, in Erinnerung, als wäre er noch da, der zarte Rosenduft, der den Wein begleitet hat.

28. Februar 2012

 

Koehler-Ruprecht: Philippi "R" 2005

Kallstadt, Deutschland

 

Lange Zeit habe ich überlegt, welcher gütige Weinfreund mir den gestrigen Abend mit Wein so toll bereichert hat: Philippi „R“ – bald siebenjährig - nennt er sich, der Wein. Mit der Nase – wie denn sonst – hat es begonnen: eine wunderschöne Pinot-Nase. Doch was heisst das schon? Vielleicht kräutrig, jedenfalls dezent und (wieder die Floskeln) typisch. Eigentlich ärgere ich mich, wenn auch ich immer wieder in diese Floskeln flüchte: was heisst schon „typisch“? Etwas genauer? Ich finde den Begriff in vielen Weinbeschreibungen – selten aber ausformuliert. Ich versuche es: es ist (bei mir im Augenblick) ein Wohlgefühl, das mich an kleine, rote Beeren erinnert, die ich früher im Wald gepflückt und direkt in den Mund gesteckt habe. Ich denke an die leichte Zimtkruste, die meine Grossmutter auf das Apfelmus gezaubert hat. Ich erinnere mich an die gewagten Kletterübungen im Kirschbaum des Nachbarn, um zu den verlockenden Früchten zu gelangen, einerseits so, dass ich nicht gesehen wurde, andererseits nicht abgestürzt bin, wohl ein kippliges Gefühl. Immer stärker bin ich der Überzeugung, dass viele dieser „Allerweltsbegriffe“ bei der Weinbeschreibung mehr mit dem Gefühl, als mit mit Fakten zu tun haben. Zugegeben: mein Pinot-Gefühl, mit dem ich das Wort typisch verbinde, braucht keine Appropriation, wird sie wohl auch nie bekommen. Es ist meine Referenz: gewonnen aus meiner Wein-Sozialisation und Erfahrung. Insofern ist der Philippi „R“ 2005 in der Nase ein typischer Pinot Noir, im Mund – im Gaumen - hingegen nicht. Da fehlt mir die Kraft, die Bestimmtheit, das sichere Auftreten. Zwar hat er die Barrique-Attacke wunderbar überwunden, das Holz integriert, den weichen Aromen angeglichen oder unterlegt. Das macht Spass, die Freude am Wein wird immer grösser, ich lasse den Abend auch im Gaumen wunderschön ausklingen. Und doch – auf Grund meiner Pinot-Erfahrung? – fehlt mir (schon wieder ein Klischee) die Männlichkeit, nein sagen wir es so - die ausgeprägte Persönlichkeit. Oder ist es gerade die Weiblichkeit (Klischee, Klischee) oder eben die Weichheit und Wärme die diesen Pinot Noir auszeichnet?

26. Februar 2012

 

Dragon Seal: Huailai Reserve 2003

Peking, China

 

Eigentlich gebe ich unter „Getrunken“ nie Eindrücke von Degustationen und Weinproben wieder. Grundsatz ist: Ich muss den Wein selber getrunken haben, sei es zuhause, bei Freunden oder im Restaurant und zwar mindestens ein Glas. Grundsätze sind aber auch da, um ab und zu gebrochen zu werden. Zum Beispiel jetzt.

An einer hochkarätigen Bordeaux-Verkostung – 18 Leute, 24 Weine, darunter Margaux 1994 und Cheval Blanc 1996 – habe ich unter anderem einen „Piraten“ aus China „eingeschmuggelt“, die letzte Flasche von jener denkwürdigen China-Weinreise, die wir - eigentlich noch als „Pioniere“ - vor fünf Jahren unternommen haben. (Ich habe damals im Magazin von Wein-Plus in drei oder vier Kolumnen berichtet). Diese letzte Flasche also – damals im Gepäck mit nach Hause genommen – stand nun an, zur Verkostung und Diskussion. Bald neun Jahre alt ist jetzt der Wein. Und er konnte mit den Weinen der Verkostung – alles Bodeaux-Cuvées – locker mithalten. Selbst mit den besten! Gut: es ist kein „reiner Bordeaux-Blend“, es hat darin nebst Cabernet Sauvignon auch eine grosse Portion Syrah (was ja in den Bordeaux-Appellationen nicht erlaubt ist). Doch daran liegt es nicht, dass der Wein aufsehen erregt hat. Es liegt auch nicht an einem „experimentellen Charakter“, der mit diesem Wein demonstriert wird. Nein – es ist eigentlich ein „schlichter“, gut gemachter und sorgfältig vinifizierter Wein à la Bordeaux, Rhône oder Languedoc. Eine Foto von damals erinnert mich daran: der Önologe kommt aus dem Languedoc und was er uns erzählt hat, ist französische Weinphilosophie. Doch dies weiss ich alles, darüber habe ich damals bereits geschrieben und wurde – zum Teil – tüchtig ausgelacht; „Noch nie einen auch nur ansatzweise guten chinesischen Wein getrunken!“, schrieb man mir – nicht nur einmal. Was wollte ich damals dagegen halten? Meine Eindrücke, meine ersten Erfahrungen mit chinesischen Weinen, meine Überzeugung, dass hier ein grosses Potential liegt. Jetzt, fast fünf Jahre später, die letzte der mitgebrachten Flaschen musste zumindest den Langzeitbeweis erbringen. Die Flasche hat ihn erbracht. In der letzten Rund, mit dem Titel. „Bordeaux ist überall“ waren nebst zwei Bordeaux-Weinen (Pape Clément und Palmer), ein Schweizer (Walliser), ein Australier und ein Chinese mit dabei. Und der Chinese, eben der Dragon Seal, konnte bestehen mit seinem komplexen aber bestimmten (vielleicht sogar etwas aufdringlichen) Aromen von diversen Gewürzen, Himbeere, Pflaumen und Johannisbeeren (Syrah?) und einem deutlichen Hauch von Minze und Kaffee. Vor allem aber beeindruckten die Präsenz, die Reife und der lange Abgang. Für einige war es der beste Wein der Runde, andere sprachen sogar vom besten Wein des Abends. Soweit würde ich nicht gehen – doch mein damaliger Eindruck bestätigte sich – die Chinesen kommen - auch im Bereich des Weins!

23. Februar 2012

 

Christian Zündel: Orizzonte 2000

Beride, Tessin, Schweiz

 

Er ist zwar (für mich) etwas lange auf Holz gelegen, der „Orizzonte“ von Christian Zündel. Er hat auch Ecken und Kanten, Kraft und etwas raue Tannine, auch nach 12 Jahren noch. Doch seine Aromen, die Entwicklung im Gaumen, die Explosion vor dem Abgang begeistern mich: blaue Beeren, Pfeffer, sogar eine alte Zigarrenkiste scheinen ihre Spuren hinterlassen zu haben. Bordeaux ist überall, auch im Tessin. Zwar ein Merlot-Wein (rechtes Ufer der Garonne), mit etwas Cabernet Sauvignon (linkes Ufer), ich denke an die Kraft eines Estèphe-Weins, finde aber nur ansatzweise die Eleganz eines Saint-Emilion. Vor allem entwickelt sich der Wein nach dem Öffnen sehr langsam – zuerst etwas im Gaumen, dann nachhaltig im Glas. Ich habe nur selten Weine von Christian Zündel im Glas. Ganz einfach: weil seine Weine Kult sind, seit Jahren, und deshalb schon fast rar. Zündel gehört zu jenen Pionieren, die das „Weinwunder“ im Malcantone vollbracht haben. In den Siebziger-Jahren kamen sie – meist aus der deutschsprachigen Schweiz – ins Tessin, um ihre Leidenschaft – den Weinbau – auszuleben, zu Experimentieren und eine neue Schweizer-Weinkultur zu schaffen. Inzwischen gehören die Tessiner-Weine zu den besten der Schweiz. Vor allem der Merlot. Inzwischen sind auch einheimische Kräfte „nachgewachsen“ – der Tessiner Wein ist wieder tessinerischer geworden. Die schon etwas älteren Herren der Pionier-Zeit können sich aber nicht einfach auf ihren Lorbeeren ausruhen, sie werden immer wieder, dauernd gefordert von jungen Winzern, die das Terroir des Tessins längst auch entdeckt haben und vorzügliche Weine machen. Wenn ich diesen Orizzonte 2000 von Zündel so sehr geniesse, schwingt auch ein gutes Stück „Nostalgie“ mit, nämlich ein Hauch von Aufbruch

21. Februar 2012

 

Domaine Henry Marionnet:
Gamay Cuvée Première Vendange 2010

Loire

 

Und nochmals versucht ich es mit einem Loire-Wein. Wieder ist er sehr jung, wieder kein Cabernet Franc, diesmal aber nicht zu kalt serviert. Es ist so eine Sache mit den Weinen in vielen Pariser Bistros. Im Bereich der Touristenströme beherrscht Bordeaux – kleinere Weine, Zweitweine, Satelliten – die Weinkarte, gefolgt von Loire-Weinen, wenigen Burgundern und noch weniger Weine von der Rhône. Auf ausländische Weine lässt man sich nur in besonders guten Restaurants ein, sonst bleibt man lieber beim einheimischen Gewächs. Das finde ich auch gut so. Dort, wo ich gerne einkehre – in einem der vielen Bistros, die etwas abseits gelegen sind, da sind die Weine oft auf ihre „Quartier-Gäste“ ausgerichtet. Einfache Weine, offene Weine, Empfehlung des Chefs. Und der Chef hat ab und zu einen eigenwilligen Geschmack, aber oft auch eine gute Nase für gute Weine, zu einem guten Preis. So habe ich schon manchen Wein entdeckt. Diesmal aber will es einfach nicht gelingen. Ein Gamay (worin die Cuvée besteht, habe ich nicht herausgefunden), und erst noch von einem anerkannt guten Loire Winzer. Doch Gamay will so gar nicht in meine Loire-Erfahrung passen. Und doch: gestern war es ein Pinot Noir, heute also ein Gamay. Die Touraine ist nicht bekannt für grosse Cabernet Franc Weine (diese kommen eher aus Chinon und Bourgueil). Der Gamay fühlt sich offensichtlich hier viel wohler, vor allem im etwas abgelegenen Soings. Der Winzer trägt das Seine dazu bei. Gamay ist kein Modewein, aber ein ehrlicher, feiner Kerl, wenn er gut gemacht ist. Ich vermute – auf die dunkle, fast schwarze Farbe geschlossen – da ist noch eine gute Portion Cot (Malbec) mit dabei, denn der Gamay ist farblich eher blass. Irgendwie hat mir aber der Stil des Weins gefallen: ehrlich, könnte man sagen, mit einer prägnanten Säure und einer feinen Frucht, die aber von kieselsteinigen Tönen fast etwas erschlagen wird. Ein eleganter, für diesen eher rauen Wein, sogar faszinierender Abgang, der leider viel zu kurz ist. Gesamthaft gesehen keine Enttäuschung, eher eine Entdeckung.

20. Februar 2012

 

Doudeau-Léger:

Sancerre Rouge 2010, Loire

 

Sancerre ist auch mir – seltener Weissweintrinker – ein Begriff, ein guter sogar. Den Rotweine aus dieser Appellation kenne ich aber nicht. Deshalb tippe ich frohen Mutes (und mit einigen Erwartungen) auf den Rotwein „Sancerre“, der die Karte eines der attraktivsten und besten Restaurants von Paris ziert. Wir sitzen im „Train Bleu“ im Gare de Lion. Ein Loire-Wein – warum nicht? Zumal ich die Cabernet-Franc-Weine liebe und schätze. Doch dann folgt eine Enttäuschung nach der andern. Es ist zwar ein Loire-Wein, aber ein Pinot Noir, kein Cabernet Franc. Muss nicht unbedingt sein. Dann ist es ein verdammt junger Wein - 2010, noch ordentlich in den Kinderschuhen: wenig Charakter, wenig Kraft, wenig Tiefe. Wenn er mir trotzdem einen Hauch von Spass macht, dann liegt es am Lokal „Le Train Bleu“. Eigentlich ein „Bahnhofrestaurant“ - aber was für eines. Ein optisches Bijou, eine kulinarische Fundgrupe. Doch die Weinkarte kann mich nicht begeistern. Zwar ein paar ordentliche Bordeaux, zwei, drei Burgunder, einige Rhone-Weine, sogar ein ausgezeichneter Wein aus dem Languedoc. Unter den Loire-Weinen wählte ich offenbar die attraktivste Niete. So jedenfalls mein Urteil. NB. Er wurde auch noch zu kalt serviert. Sollte dem Train Bleu nicht passieren.

12. Februar 2012

 

Angélus 1994 -

Margaux 1975 -

Tertre Rôtebouef 1999

Bordeaux

 

Eine Troika, die man nicht so schnell vergisst. Weinfreunde sind zu Besuch. Eigentlich sind es Freunde, die etwas von Wein verstehen. Nein – sagen wir es anders: Freunde, die Weine lieben. So gleichsam als „Nachfeier“ nach einem Essen im Gourmet-Restaurant gibt es noch einen Abstecher in meinen Weinkeller.

Angélus 1994 – muss der nicht längst getrunken sein? Er muss nicht! Er gehört zwar zu meinen allerletzten 94er Bestände; doch er hält noch immer, was er einst versprochen hat. Und das ist recht viel. Parker sprach damals von einem „Geniestreich“, ich lächelte leicht amüsiert. Immer diese Übertreibung! Und jetzt? Es ist nicht übertrieben! Der Wein hat sich hervorragend gehalten, er ist noch heute (oder heute erst recht) ein wunderbar gereifter, vielschichtiger, ausgewogener Wein. Klare Strukturen, noch ordentlich Fruch, feine Gewürze. Ein kleine Gedicht. 1996, die nächste St-Emilion Klassifikation stand bevor (alle 10 Jahre). Vielleicht deshalb dieser Effort! mIch kann mir gut vorstellen, dass das Weingut nicht zuletzt auf Grund dieses Weines zum Premier Grand Cru Classé B aufgestiegen ist.

Der nächste Wein – gedacht für unverbesserliche Altweintrinker wie mich – war zwar keine Enttäuschung, aber eine Ernüchterung. Mein weiss es zwar und es steht in jedem Bordeaux-Führer geschrieben: der 75er Margaux brachte es nicht. Und er bringt es auch heute noch nicht. Ein Altwein, der zwar gereift ist, seinen Höhepunkt aber (auch für Altweintrinker) deutlich überschritten hat. Die Jahre taten ihm zwar nicht weh, doch sie brachten ihm auch nichts. Nichts von jenen komplexen, fast unbeschreiblich vielfältigen Aromen, die Altweintrinker suchen und geniessen. Zwar ist er bald 47 Jahre alt und noch rüstig, auch durchaus noch zu trinken, die Altersflecken sind noch nicht unappetitlich und der Elan ist noch nicht ganz verschwunden; er ist nicht zitterig und er sucht nicht dauernd nach Gleichgewicht. Nein – er ist durchaus im reifen Mannes- oder Damennalter, aber irgendwie ohne Charme, etwas plump und bereits vergesslich. Er hat vergessen, was ein Premier Cru im Alter (oder gerade im Alter) bringen müsste

Der letzte Wein: Tertre Rôteboeuf war dann so ziemlich genau das Gegenteil. Noch jugendlich, kraftvoll, selbstbewusst, nicht protzig, aber kraftvoll im Alter von 13 Jahren. Es war – je nach Gewichtung – der beste Wein des Abends. Mir hat zwar der Angélus einen Zacken besser gefallen, doch die Runde äusserte sich eindeutig zugunsten des Tertre Rôteboeuf. Drei gegen einen, was will man da tun? Resigniert zugeben: es ist ein gelungener Abend, eine interessante Bandbreite von guten Bordeaux-Weinen hat sich ausgebreitet und uns verwöhnt. Im Gaumen, im Herzen und – jetzt wo ich dies schreibe – auch in der Reflexion einer doch eher seltene, komplexe Weinerfahrung.

11. Februar 2012

 

Gernot und Heike Heinrich: Zweigelt 2008

Neusiedlersee, Österreich

 

Mit Koal, dem Verkoster von wein-plus.de habe ich auf der ProWein eine Tour d’Österreich gemacht, bei der so ziemlich das Interessanteste und Beste ins Glas kam. Es war eigentlich meine erste ernsthafte Begegnung mit den Österreichern (mit ihren Weinen natürlich). Daran habe ich mich gestern erinnert, als es darum ging, in einem erstklassischen Restaurant - zu einem vorzüglichen Essen, einen Wein auszusuchen. Dabei spielen ganz unterschiedliche Faktoren immer eine entscheidende Rolle: das Essen, die Vorlieben, das Angebot und natürlich auch der Preis. Ich bin nicht bereit für Weine, die ich selber im Keller habe (oder weit bessere davon), das Dreifache und mehr zu bezahlen. Zudem liegt mir daran, hier im Restaurant in der Schweiz, einen einheimischen Wein auf den Tisch zu bringen. Doch diesmal siegt die Neugier, vor allem weil die Damen betonen, sie lieben die Österreicher, vor allem den Zweigelt. So gross ist die Auswahl aber nicht: die meisten sind Cuvées, die zwar auch einen Zweigeltanteil haben, aber unserem Wunsch, einen „echten“ Zweigelt zu verkosten, nicht gerecht werden. Die Wahl – um es kurz zu machen – ist gut, der Wein ist besser, als all das, was ich bisher (mit Ausnahme der Standtour auf der ProWein) an Zweigelt im Glas hatte. Ich vermute, dass bei Heinrich selektioniert, mehr ertragsreduziert, besser ausgebaut wird. Jedenfalls ist es weder ein „dünnes Weinchen“, noch ein „holzverseuchter Wein“. Er hatte Charakter, eine gewisse Aggressivität und besitzt trotzdem eine gute Portion Charme und Melodie. Da ich schon lange eine Weintour ins Burgenland, auch an den Neusiedlersee plane, ist dies ein guter Einstieg. Dann – es muss ja so kommen – frägt eine der Damen nach meinem Eindruck, nach meiner Beurteilung. Zweigelt ist nun wirklich nicht der Wein, den ich vergleichen kann, über den ich viel mehr weiss, als dass es eine österreichische Neuzüchtung und der in Österreich meistangebaute Weine ist, dass….. Nein, ich weiss eigentlich nichts. Deshalb habe ich meinen ersten Eindruck wenig fundiert, spontan ausgeplappert: „Kirschen, Kirschen, viel Kirschen – und gottseidank wenig Holz, dafür eine schöne, angenehme Säure“. Die Damen sind mit meinen wenigen Stichworten zufrieden – ich nicht!

10. Februar 2012

 

Château Rauzan-Gassies 1995

Margaux, Bordeaux

 

Rauzan-Gassies, eines der fünf Deuxième-Cru der Appellation Margaux, das Schwesterngut von Rauzan-Ségla, kämpft seit vielen Jahren um seinen Ruf. Fast nichts unterscheidet es vom angrenzenden Rauzan-Ségla – gleiche Lage, gleiche Einstufung (1855), gleiches Terroir, ähnliche Philosophie – und doch ist Rauzan-Ségla bis zu drei Mal teurer, es sind sozusagen zwei Bordeaux-Welten. Der Name der beiden Weingüter verrät es: sie gehörten einmal zusammen, sie wurden in der Mitte des 17. Jahrhunderts vom Weinhändler Pierre des Mesures de Rausan gekauft, dann aber durch Erbteilung und Wirren der Franzöischen Revolution in andere Bahnen geworfen. Rauzan-Gassies (früher mit der Bezeichnung: Raussan-Gassies) blieb das Stiefkind. Beide Weingüter hatten zwar mehrere Krisen, erholten sich aber wieder. Ségla, heute im Besitz von Chanel, setzt immer wieder zum Höhenflug an, während Gassies – trotz grossen Investitionen im Weinberg und im Keller – noch immer „unter dem Niveau eines Deuxième“ eingestuft wird. Warum ich dies alles notiere? Ganz einfach, weil mich der immer wieder zitierte Qualitätsunterschied seit Jahren beschäftigt. Ist es wirklich so – oder trägt sich schlicht und einfach der „schlechte Ruf“ über viele Jahre weiter? Dieses Phänomen (auch Weinkritiker erliegen ihm offensichtlich) habe ich immer und immer wieder festgestellt. Das „System Bordeaux“ ist einfach viel zu kompakt - in Traditionen, Handelbeziehungen, Vermarktungswege und eine Kritikerkaste eingebettet, ja eingeschnürt – dass „Befreiungsschläge“ kaum möglich sind. Wir erlebten dies während vieler Jahre beim (jetzt hoch eingestuften) Malescot Saint-Exupéry (Margaux) oder heute noch bei Pedesclaux (Pauillac), der trotz eindrucksvoller Leistung kaum zu Würde und Ansehen kommt.

Gestern hatte ich wieder einmal einen Rauzan-Gassis im Glas und…. ? Ein wunderbar schöner, gereifter Margaux. Wenn ich ihn vergleiche mit dem damals wesentlich teureren Zweitwein von Rauzan-Ségla (der Erstwein von Rauzan-Ségla war damals schon fast dreimal so teuer, der Zweitwein kostete fast doppelt so viel wie der Erstwein von Rauzan-Gassies!), dann liegen Qualitäsmeilen zwischen dem Ségla (Zweitwein vonr Rauzan-Ségla) und dem Erstwein von Rauzan-Gassies und zwar zu Gunsten von Rauzan-Gassies. Während der Ségla (des gleichen Jahrgangs) heute zwar nicht schlecht, aber bereits müde, etwas charakterarm, fast schon beliebig, eher breit und mittel bis kurz im Abgang wirkt (ich habe den Wein schon zweimal im „getrunken“ beschrieben), ist der Rauzan-Gassies 1995 eine echte Überraschung. Stramm, überzeugend, kein bisschen müde, mit schöner, runder Frucht und einem eleganten, feinen Abgang. Die Preisetikette des Discounter ist noch an der Flaschen: 20.30 Fr. (also keine 15 Euro). Beschämt muss ich gestehen: auch ich bin dem Rauzan-Gassies-Ruf gefolgt; 1995 und 1996 sind die einzigen beiden Jahrgänge des Weins in meinem Keller. Wenn ich an die vielen teureren Weine denke, die oft (trotz gepflegter Lagerung) weit weniger Spass machen und sich oft weit weniger gut entwickelt haben, dann muss ich zugeben: ich bin der Depp, der sich im Sog der Bordeaux-Schreier selbst betrogen hat.

08. Februar 2012

 

Mähler-Besse: Château D'Arche 1995,

Haut-Médoc, Bordeaux

 

Wenn man von Mähler-Besse spricht, dann vor allem, weil das grosse Weinhaus (zusammen mit Sichel) Hauptaktionär von Château Palmer (Margaux) ist. Dass Mähler-Besse im Bordelais noch sieben andere Weingüter besitzt und vor allem auch preiswerte und gute Weine vermarktet (mit dem operativen Geschäft von Palmer aber nichts mehr zu tun hat) ist weit weniger bekannt. Zwar wird sein Cheval Noir (St-Emilion) mitunter auch in Discountern angeboten – „Le fer“ vom gleichen Weingut (mit einer Mini-Produktion) ist sogar so etwas wie ein „Garangenwein“.

Château d’Arche liegt auf der linken Seite der Garonne, im Haut-Médoc. Sein Wein war vor Jahren so etwas wie ein „Geheimtipp“, oder eher noch eine gute Adresse für einen sehr guten Wein im Preissegment um 15 Franken (damals ca. 10 Euro). Das war wohl der Grund, dass ich vom 1995er eine ganze Kiste gekauft habe; vor gut 15 Jahren noch nicht ahnend, wie sich mein Bordeaux-Keller einmal entwickeln wird. Seither habe ich d’Arche nie mir gekauft, öfters aber getrunken (übrigens: er kostet heute noch kaum viel mehr, als damals, so um 25 Franken). Der 95er aber ist mir in Erinnerung geblieben. Damals – so Mitte in den 90ern – habe ich mir vorgenommen, alle Bordeaux-Güter (ihre Lage, ihre Weinberge, oft auch ihre Caves), von denen ich Weine im Keller habe (oder hatte) aufzusuchen oder mindestens einmal vor dem Weingut gestanden zu sein. Das verflixte Château d’Arche aber – es war noch vor der Zeit des „Navi“ – habe ich einfach nicht gefunden. Ich bin gekreist und gekreist: La Lagune, Lafon-Rocher, d’Agassac, Ségur und wieder Lagune etc. Natürlich hat man ein Mundwerk um zu fragen, dies tat ich anfänglich auch, doch dann packte mich der Ehrgeiz, das Weingut wollte ich selber finden. Und so ist es gekommen, dass ich d’Arche noch immer nicht gesehen habe. Vielleicht habe ich auch deshalb den Wein nie mehr gekauft, weil für mich das Weingut nicht existiert. Vor ein paar Jahren habe ich den Wein aber einer befreundeten Wirtin als Gastrowein empfohlen. Sie war zufrieden! Und hie und da habe ich mal eine meiner 12 Flaschen selber getrunken. Jetzt ist noch eine einzige Flasche da, die letzte eines unauffindbaren Château. Nach der gestrigen Erfahrung: noch immer ein guter Wert. Eine elegante Dame, mit Standfestigkeit, die jede Flatterhaftigkeit abgelegt hat, einen schönen Rest an Frucht hütet und sich überhaupt nicht „bräunlichen“ Allüren hingibt. Zugegeben: der Druck, die Fülle und das Volumen im Mund sind weg, der Abgang ist eher schlank und schon fast kurz. Und trotzdem: Es ist noch ein schöner Wein. Verglichen mit dem ganz in der Nähe liegenden La Lagune – mit weit höherem Renommee – hat der Wein die fast 17 Jahre weit besser überstanden und präsentiert sich frischer und fröhlicher (sogar weit angenehmer) als der etwas teurere und mehr gelobte La Lagune aus der gleichen Periode.

06. Februar 2012

 

Christian Hermann: Pinot Noir 2009

Fläsch, Schweiz

 

 

Drei Kilometer vom imposanten Schloss Tarasp entfernt, erreichbar nur über einen kleinen Waldweg, da liegt der Weiler Avrona, jetzt tief verschneit. Nicht mehr als ein Paar Häuser sind es, ein Gasthof mit zwei heimeligen Holzstuben, viel Wärme und viel Herzlichkeit. Da sind wir zu Fuss - bei einer Temperatur unter 20 Grad minus! - gelandet, zu einem Geburtstagsessen der Familie. Keine Sternen- oder Haubenküche, dafür Hausmannskost von der besten und feinsten Art. Und jetzt: der Wein. Natürlich ein Einheimischer, also ein Bündner. Allerdings von viel weiter unten, sozusagen vom „Eingang“ zum Kanton Graubünden, von der Herrschaft. Christian Hermann aus Fläsch (die Herrschaft, besser bekannt als „Heidiland“, besteht aus vier Gemeinden: Maienfeld, Jenins, Fläsch und Malans) gehört zu jenen renommierten Winzern, deren Weine ich nur sehr flüchtig kenne. Er gehört aber zu den besten. Und ich staune, dass in diesem kleinen, gemütlichen Gasthaus sein Pinot Noir auf der kleinen, eher bescheidenen Weinkarte steht. In Sachen Wein darf ich bestimmen und meine Wahl ist sogleich klar. Hermanns Pinot muss es sein! Irgendwie habe ich das Gefühl, der Wein ist klar, so klar wie die Sternennacht. Unter „klar“ verstehe ich: kein Firlefanz, gradlinig, zielbewusst, auch terroire- und rebsortenbetont, kurzum ein echter Pinot Noir. Ein schweizerischer zwar, aber von einer Aromatik, die schon in der Nase, erst recht beim ersten Schluck überzeugt. So manchen dünnen und grasigen Pinot hatte ich schon im Glas; Weine, die früher nicht zu Unrecht als Beerliwein bezeichnet wurden. Es ist aber auch kein wuchtiger, schwerer, tanninreicher Wein, wie er heute – selbst bei Blauburgunder – so oft und gerne angepriesen wird, mit mehr Holz als Frucht. Vielleicht (wahrscheinlich) konnte der Wein der eher bäuerlichen Küche (mit Wirzgemüse) nicht ganz standhalten. Er entwickelte seine eigene Dynamik: filigran und – wie habe ich gesagt? – klar und rein, eher an Samt und Seide orientiert, als an mit Prunk verzierten schweren Stoffen. Ich werde wohl wieder einmal da einkehren. Ganz sicher aber werde ich bald recht bald wieder einen Pinot Noir von Christian Hermann trinken. Und ich freue mich jetzt schon darauf.

02. Febriar 2012

 

 

Ciabot Berton: Barolo Roggeri 2001,

Piemont, Italien

 

 

Es ist schon so: das Piemont mit seinen Weinen – nicht nur Barolo – lässt mich nicht mehr los. Vor drei Monaten war ich dort – zuerst mit Freunden, dann auf einer Weintour. Während einer einzigen Woche kann man einiges sehen und erleben, doch um den Weinen (und ihren Erzeugern) wirklich näher zu kommen, genügt dies nicht. Deshalb kamen in der letzten Zeit ab und zu (und immer häufiger) auch Piemonter-Weine ins Glas. Vielleicht (wahrscheinlich) werde ich mit der Zeit das friedliche „Jagdgebiet“ noch erweitern – vielleicht bis hinunter zum Absatz und der Spitze des Stiefels. Wer weiss? Nun – bleiben wir beim Barolo Roggeri. Etwas fruchtiges, hat meine Frau gesagt, bevor ich in den Keller ging. Damit verband sie auch den Wunsch: etwas Jüngeres, etwas Kräftiges, etwas Kraftvolles. Ob ein Barolo das richtige ist? Nein, so jung ist er nicht mehr, aber noch kraftvoll, noch fruchtig – aber schon mit geschliffenen Tanninen. Für mich – erklärter Altweintrinker – waren viele Barolo, die ich auf der Reise getrunken habe, viel zu jung, zu ungestüm, zu unharmonisch. Sie steckten noch in den Kinderschuhen. Der 2001er ist also ein Kompromiss. Ein guter, wie sich jetzt gezeigt hat. Zwar dürfte es – für meine Frau – an Frucht mehr sein, doch was da ist genügt mir (und ihr wohl auch). Was mich fasziniert, das ist die Eleganz des Weins und trotz seiner Kraft seine Feingliedrigkeit und Harmonie, die mir die Nebbiolo-Traube richtig ans Herz wachsen lässt (mir, der ich doch von Cabernet Sauvignon, Merlot und Pinot Noir geprägt – oder „verdorben“ – bin). Und für einmal bin ich auch mit dem Holzeinsatz zufrieden. Da wurde nicht einfach geröstet und getoastet, dass die Schwarten krachen, wie ich das bei so vielen (vor allem jungen) Barolo angetroffen habe. Hier wurde mit dem Holz ein Wein – ein kraftvoller Wein – verfeinert, geschmacklich erweitert, gerundet, zumindest so, dass er nach zehn Jahren aufs Parkett zum Tanz gebeten werden kann. Es ist ein schöner Tanz geworden.

01. Februar 2012

 

Gressier Grand Pougeaux 1973,

Moulis, Bordeaux

 

Es gibt durchaus Weine, bei denen man sich überlegt – schon bevor man sie öffnet – ob man sie ins Glas oder direkt in den Abfluss giessen soll. In diesem Fall liegt es weniger am Wein oder Weingut, vielmehr am Alter und am Jahrgang. Bald 39jährig – wohl schon sehr, sehr müde. Gressier Grand Poujeaux ist kein Weingut, das von sich reden macht; es ist zwar ein Cru Bourgeois, doch ich erinnere mich nicht, in den letzten Jahren der Wertung eines renommierten Weinkritikers begegnet zu sein – doch Bettane+Dessauve gaben dem 2010er fünfzehn Punkte. Kann ein solcher „Nobody“ (nobody in Bezug auf die illustre Bordeaux-Garde) fast vierzig Jahre überleben? Eigentlich nicht – auch wenn der Keller – wo er gelagert wurde – ideal sein sollte. „Es spricht alles dagegen, dass man einen 1973er findet, der noch in guter Verfassung ist…. selbst Schleuderpreise machen diesen Wein nicht attraktiv“, schrieb Parker schon 2004 in seinem Bordeaux-Buch.

Natürlich habe ich den Wein ins Glas geschüttet, meine Neugier war (und ist es eigentlich immer) viel zu gross, als dass ich einen Wein nicht mindestens ausführlich verkoste. In diesem Fall habe ich ihn getrunken. Mit viel Spass und Vergnügen. Natürlich ist aus der alten Flasche kein Prinz entstiegen; natürlich hat der Wein nur noch wenig Frucht – im Hintergrund eine ganze Schar gekochter Früchte; natürlich machen sich ziegelrote Schimmer bemerkbar; natürlich fehlt ihm heute die Kraft und Puste. Aber es ist ein guter, ein durchaus trinkbarer, ja trinkfreudemachender Altwein. Ewas Moos, Walderde, aber auch schöne, abgeschmeckte Gewürze, ein leiser, feiner Abgang. Zuerst habe ich nur wenig ins Glas eingeschenkt, dann nachgegossen und schliesslich …. es ist noch ein guter Rest vorhanden. Ich möchte ja noch sehen, wie er einen Tag überlebt hat, seinen letzen.

30. Januar 2012

 

Château Rauzan-Ségl: Ségla 1995, Margaux, Bordeaux

 

Nochmals einer dieser Zweitweine von einem historisch bedeutenden Château, das in den achtziger Jahren etwas aus dem Tritt geraten ist und 1994 von der Wertheimer-Gruppe (Parfüms Chanel) übernommen wurde. Seither kämpft es sich – nach und nach – wieder in die Elite der Bordeaux-Güter. Der 95er ist also noch fast aus dem „alten Weinkeller“, zumindest am Beginn einer neuen Ära, ganz ähnlich wie Canon, das Weingut in St-Emilion, das ebenfalls in einer schwierigen Phase von den Wetheimers gekauft wurde und nun den Anschluss wieder gefunden hat. Doch schon den 94er habe ich sehr geschätzt, ein saftiger, sehr konzentrierter Wein. Der Zweitwein – Ségla – ist ein ziemlich gutes Abbild des Erstweins. In manchen Jahren habe ich ihn sogar mehr geschätzt, wie der Erstwein. Vor allem in jungen Jahren, wenn der hohe Merlot-Anteil (gut 40 %) dem Cabernet Sauvignon etwas Eleganz und einen Hauch von Himbeeren verpasst. Der 95er ist hat aber jetzt bereits seinen Höhepunkt überschritten, er ist nicht mehr jener schöne, runde, kräftige Wein, der er noch vor ein paar Jahren war. Da merkt man deutlich, dass es „nur“ der Zweitwein ist, eben hauptsächlich von den Trauben jüngerer Rebstöcke. Die Finessen sind weg, in der Eleganz eher eine alte Dame: aber nicht mit der Würde und Grandezza einer alternden Schönheit. Wer noch einen Ségla 95 hat, soll ihn trinken. Ich habe noch ein, zwei und werde meinen Rat befolgen.

28. Januar 2012

 

Salvano ed Elena Boroli: Barolo La Brunella 1996

Castiglione Falleto, Piemont

 

 

Es ist kein Powerwein, vielleicht schon etwas über dem Höhepunkt. Was sag ich da: vielleicht? Sicher, den die Frucht ist fast weg. Wie viel einst da war, weiss ich nicht. Doch das stimmt mich nicht traurig, im Gegenteil. Je länger der Wein im Glas ist, desto vielfältiger werden die Aromen. Die leicht süsslichen Rosinenanklänge vermischen sich mit nasser Erde, Gewürze hinterlassen Spuren; Gewürze, die ich der Nebbiolo-Traube gar nicht zugeordnet hätte. Mir gefällt der Wein immer besser, auch ohne Frucht (ganz ohne ist er natürlich nicht, die Kirsche meldet sich zurück, auch leise Anklänge an Brombeeren). Was für mich neu ist, das sind die subtilen Töne, weder vom Holz noch im Alkohol (13.5%) erstickt. Für mich persönlich: eine andere Erfahrung des Barolo.

27. Januar 2012

 

Two Hands: Angels' Share 2008, Shiraz,

McLaren Vale, Australien

 

Dass Engel etwas mit Wein zu tun haben, war mir schon lange klar. Doch die Erklärung auf der Flasche von „Angels’ share“ aus dem australischen Weingut Two Hands war mir neu. Frei übersetzt: „Der Anteil der Engel ist jene kleine Menge Wein, die aus den Eichenfässern während der Reifung entweicht. Im Mittelalter sind die Winzer davon ausgegangen, dass Engel während der Reifung über den Wein wachen und sich dabei ihren Anteil nehmen.“ Das Weingut ist überzeugt, dass dieser Wein „die Engel und die Sterblichen gleichermassen ansprechen wird.“ So ganz unrecht hat das „Kult-Weingut“ Two Hands mit diesem Shiraz aus dem McLaren Vale nicht. Auch wenn diese like-Parker-loves Weine nicht unbedingt meine Sache sind, attestiere ich diesem „Engelswein“ so ziemlich alle Eigenschaften, die ein guter Wein haben sollte: ein reifes, aromatisches Bukett, beachtliche Dichte, schöne Harmonie, einen langen engelhaften Abgang, Potenzial zum Träumen. Da waren nicht nur zwei Hände im Spiel, da haben vielleicht auch Engelsflügel mitgewirkt. (NB. Trotz internationalem Touch ein Schrauber als Verschluss!)

25. Januar 2012

 

Château Sociando-Mallet 1995

Haut-Médoc, Bordeaux

 

Was ist aus dem einstigen „Geheimtipp“ geworden? Sociando-Mallet galt lange Zeit als nichtganzgeheimer Geheimtipp, jedenfalls so lange, bis der Hype mit den klassifizierten Bordeaux und ihren Preisen begann. Jetzt hat man ihn auch in breiten Kreisen der Bordeaux-Liebhaber „entdeckt“ und in den Stand der angesehensten Bordeaux aufgenommen. Interessant ist: der Preis hat sich verhältnismässig modert bewegt, so um 35 Fr., all die Jahre. Nur in ganz „gossen Jahren“ hat er mitgezogen: 2005 und 2009 schon fast mit dem doppelten Preis. Zum ersten Mal bin ich dem Château einst beim 1982er begegnet, der kostete damals knapp 20 Franken und konnte sich durchaus mit den ganz Grossen messen. Auch der 90er hatte noch den Preis eines „Geheimtipps“ und die Qualität der „Hochklassifizierten“, erzielt jetzt aber auf Auktionen bereits auch gut 100 Fr.
Zurück zur interessanten Frage zu Beginn: was ist aus dem 95er in den 16 Jahren geworden? Hat er das Potential, das man ihm damals zugestand, umsetzten können? Er hat! Es ist ein reifer, abgeklärter, runder Wein geworden. Weder „bockig“ wie Gabriel schreibt, noch „müde“, ganz einfach ein Wein, der noch kraftvoll ist, aber abgeklärt und unglaublich Spass macht. Für einmal hat sich ein „Geheimtipp“ gelohnt, etwas, was bei weitem nicht immer der Fall ist.

23. Januar 2012

 

Mas du Novi (Saint-Jean de Noviciat):

Prestigi 2007, Coteaux du Languedoc

 

Bisher habe ich immer einen weiten Bogen um das Weingut gemacht, das übrigens nicht sehr weit von uns entfernt ist. Nicht etwa weil dort schlechte Weine gemacht werden – im Gegenteil: das Weingut - mit zisterziensischem Ursprung - gilt als eines der bekanntesten der Region, vielleicht sogar eines der besten. Gelockt hätten mich zwar die dort noch erhaltenen historischen Zeugen am Jakobsweg, ein Kreuz mit der Inschrift „Siste et Ora Viator“ (Wanderer halte an und bete) und die alte Mönchskapelle. Die Weine des doch recht grossen Weinguts (mehr als 50 ha) hingegen lockten mich bisher nicht. Sie sind für mich – wo immer ich sie degustieren konnte -               einfach zu sehr mainstreamig, gemacht nach dem Muster: ein aromatischer, kräftiger, aber gefälliger Wein muss es sein. Gestern nun habe ich in meinem Lieblingsrestaurant zu meinem Lieblingsgericht „Marmite au Coquille Saint Jacque“ den Wein trotzdem auftischen lassen, auf spezielle Empfehlung der Chefin (mein „Lieblingswein“ in diesem Restaurant war im Augenblick nicht am Lager). Nein, bereut habe ich es nicht. Und trotzdem: meine Vorurteile wurden mehr oder weniger bestätigt. „Prestigi“ ist zwar ein typischer, ein echter Vertreter der Region: Syrah (mehrheitlich), Grenache und Mourvèdre. Und trotzdem so etwas wie ein „Allerweltswein“ – trotz der intensiven Aromen (bis hin zum Caramel) und den fast schon seidigen Tanninen – ein auswechselbares Vergnügen. Ein Maître de Plaisir, der immer und überall eingesetzt und Vergnügen bereiten kann.

 

18. Januar 2012

 

Château de Nouvelles:

Cuvée Cantorel 2006

Fitou, Languedoc

 

Etwa vier bis fünf Jahre müsse man schon warten, hat uns der mürrische, wortkarge Herr als Rat des Winzer mitgegeben, als wir den abgelegenen Weiler in der Nähe von Tuchan zum letzten Mal besucht haben. Es war bitter kalt als wir unseren Freunden das interessante Weingut im Corbières-Massiv zeigen wollten, das einst dem dritten Avignon-Papst, Benedikt XII, gehört hat und heute zu den besten Weingütern der Region zählt. Ob es an der Kälte lag, dass der Empfang auf dem Hof alles andere als freundlich war? Trotzdem: wir kauften ein, zwei Kartons und verliessen rasch den romantischen Ort im kleinen Tal, das von steilen Hängen umgeben ist. Seither sind wir nie mehr dort gewesen. Gestern nun kam die letzte Flasche aus dem Château – wohl vom letzten Besuch stammend – auf den Tisch. Es war so etwas wie ein „Versöhnungstrunk“! Der Wein war unheimlich geschmeidig, verführerisch, harmonisch. Der beste Wein, den wir in den letzten Tagen getrunken haben. Tatsächlich braucht er wohl diese lange Flaschenreifung damit die sonst etwas aggressiven Tannine und der hohe Alkohol-Anteil (15%) gut verarbeitet werden. Carignan (60%), Grenache (30%) und Syrah (10%), alte Rebstöcke, ein sehr mineralisches Terrain, Anklänge an Pferde, Leder und Trüffel, alles sehr dezent und gepflegt, kaum spürbares Holz, keiner dieser immer häufigeren südfranzösischen Kraftprotze (mehr) – all dies ergibt einen fast schon schlanken Wein, der weder „ausgehungert“ noch überladen ist und mit seinem beerigen Abgang daran erinnert, dass ein Wein sein kann wie die leicht geschwungene Flasche, nämlich elegant.

15. Januar 2012

 

La Tour Penedesses 2009,

Montagne Noir, Faugères, 

Languedoc

 

Les Ondines – die Meerjungfrauen – haben im Gegensatz zu den Sirenen keinen Fischschwanz und lockern mit ihren Gesängen auch keine Schiffer an, um sie zu töten. Sie sitzen lieber auf dem Brunnenrand und pflegen ihr langes blondes Haare mit Kämmen aus Gold und Elfenbein. Kein Wunder, dass wir gerne in „Les Ondines“ einkehren und zwar nur nach einem fast zweistündigen Strandspaziergang bis zur Mündung des Héraults. Die Meerjungfrauen kommen uns dann vor wie gütige Wesen, die wunderbare Tapas (dafür sind sie berühmt) und andere kulinarische Köstlichkeiten bereit halten. Diesmal ist – wohl ausserhalb der Saison – der Wein, den ich hier sonst ins Glas zaubern lasse, nicht auf der Karte. Also versuche ich es mit einem andern, mir völlig unbekannten Faugères, mit der kleinen Anmerkung „montagne noir“ (Schwarze Berge). Da ich die Appellation Faugères recht gut kenne, staune ich, dass mir das Weingut „La Tour Penedesses“ noch nie begegnet ist (oder ich ihm!). Der Untertitel suggeriert: der Rebberg muss oberhalb Faugères liegen, schon halb in den Bergen – den montagne noir. Tatsächlich gibt es hoch über Faugères, südlich von Bédarieux, auf Marmorfelsen Mühlen aus dem 16. Jahrhundert. Dunkle Böden, Schiefer und Marmor, daher kommt wohl der Name „Schwarze Berge“. Irgendwo da müssen auch die Rebberge sein, wo die Trauben für diesen Wein reifen. Tatsächlich ist der Wein dunkel, fast schwarz. In der Nase – nach dem ersten alkoholischen Hauch (Nagellackentferner meint meine Frau) – feine schwarze Oliven und noch feinere, reife Brombeeren, im Gaumen frisch und samtig, mit einem warmen, herzlichen Abgang. Die Meerjungfrauen haben uns wieder einmal verwöhnt und ich habe eine Entdeckung gemacht, nämlich einen weiteren Wein aus Faugères – der zwar mit dem grossen Syrah-Anteil etwas mainstreamig wirkt, aber durchaus Genuss bereitet (nicht nur nach einem zweistündigen Marsch). Und – wohlgemerkt – er war doch nicht so allzu süffig, denn wir haben den Rückweg auch noch geschafft.

13. Januar 2012

 

Maison Sauvion: Saint Nicolas-de- Bourgueil
Le Puy Bel-Abord, 2010

 

So kommt es, wenn man zu neugierig ist und in einem zwar nicht ganz fremden Land die geografischen Kenntnisse missachtet. Eigentlich hätte ich es wissen müssen: Cabernet Franc wird vor allem an der Loire angebaut. Weil ich aber kürzlich einen hervorragenden Wein aus dieser Rebsorte – produziert in der Nähe von Montpellier – getrunken habe („Les Vérités de l'Enclos“, siehe „Archiv 2011/2“), hat mich „der Hafer gestochen“: ich bestelle zum Essen in einem einfachen – im Sommer sehr touristischen – Restaurant diesen Cabernet Franc. Zum einen wurde er viel zu kalt serviert (es ist eben nicht Saison) – was heisst da schon serviert: auf den Tisch gestellt - , zum andern ist er viel zu jung: Jahrgang 2010. Doch dies alles bemerke ich erst, als der Wein längst im Glas ist und der erste Schluck „verdaut“. Eigentlich trinke ich im Süden Frankreichs nur Weine aus der Region, selbst „mein“ Bordeaux muss da zurückstehen. Ich fahre gut mit diesem Prinzip, denn „hier unten“ gibt es ausgezeichnete Weine (siehe gestriges „getrunken“) und es lässt sich immer wieder etwas Neues in Sachen Wein entdecken. Dieser Loire-Wein – auf fast „fremden Boden“ - ist aber keine grosse Entdeckung, vielmehr ein recht „runder“ Alltags- oder Gastrowein. Ich wäre froh, man bekäme in der Schweiz in einem „gewöhnlichen“ Restaurant solche Qualität zu einem solchen Preis (20 € in der Gaststätte). Meine Frau meint: „der Wein sei gut, aber es fehlen ihm die Obertöne.“ Genau dies ist es – auf diese Formulierung wäre ich nie gekommen. Der Wein ist wirklich gut, ein typischer Cabernet Franc, wie ich ihn schätze: dieser grüne Paprika eingeschlossen in dezenten Himbeer- und Veilchenaromen, mit etwas blassen Tanninen, deshalb auch früh zu trinken (aber schon Jahrgang 2010?). So intensiv kann ich mich nicht mit dem Wein befassen, denn als ich das zähe Entrecôte (mit guter Roquefort-Sauce) endlich gebändigt habe, ist auch der Wein weg. Ich schaue zurück: wirklich es fehlten ihm nur die Obertöne.

11. Januar 2012

 

Iris Rutz-Rudel: Clos du Curé 2001
Lisson, Olargues, Languedoc

 

Endlich wieder am Meer! Nach dem Weihnachtsrummel rund um die Santons-Krippe, dem Aufbau der Krippen-Landschaft (vier Wochen), den vielen Gästen und Besuchern (vier Wochen), den Tagen der Erfüllung (Festtagswoche) und dem Warten auf den nächsten Stress, jenen des Krippenabbaus und dem Verpacken in fünfzig Bordeaux-Kisten (drei Wochen) jetzt ein paar Ruhetage im Süden. Der beste meiner Languedoc-Weine muss auf den Tisch. Mein Entscheid ist eindeutig: ein „Clos du Curé“ von Iris, immerhin gut zehn Jahre alt und jetzt wunderbar „reif“. Das Weingut der ausgewanderten Düsseldorferin habe ich im vergangenen Mai besucht und dazu eine Kolumne verfasst  Was ich damals geschrieben habe, finde ich es jetzt wieder im Wein? Ich schrieb zum Beispiel: „Spezielle Weine entstehen nicht im geschützten Raum, so quasi in der Quarantäne. Sie entstehen vor allem in der Natur mit Geburtshelferinnen wie Iris Rutz-Rudel, die etwas Unverwechselbares, nämlich „vins sauvages“ zu keltern weiss.“

Ein Aspekt des Weingenusses tritt meist in den Hintergrund, geht vergessen: die Erinnerung. Das, was dem Wein auch innewohnt: der Rebberg, die Lage, die Menschen, die ihn pflegen, das Wetter, die Natur, ja sogar die Aussicht, die Erde, die Gerüche. Nicht zu vergessen: der Gestaltungswille der WinzerInnen. Weine, die in der Natur eingebettet sind – und nicht den Hauch des HighTech-Kellers tragen – erringen vielleicht weniger Weinkritiker-Punkte – sind aber oft viel höher einzuschätzen, als so manche Palmarès. Dieser Wein, den ich jetzt im Glas habe, stammt aus dem Rebberg „des Pfarrers“ (Clos du Curé), dem einstigen Abbé von Olargues. Ein Weinberg, der längst verlassen wurde und dann verwilderte. Wenn dort jetzt wieder Reben wachsen und zu einen ausgezeichneten, sehr persönlichen – ja einmaligen – Wein verarbeitet werden, dann steckt dahinter nicht in erster Linier Wissen und Technik (beide sind vorhanden, aber auf das Nötigste reduziert), sondern Liebe. Liebe zum Wein, zur Natur, zur Landschaft, zu den Menschen in dieser Landschaft. Weil ich all dies bei jedem Schluck spüre und die Erinnerung sich immer lebendiger, schmuckvoller gestaltet, bin ich in den Blog von Iris eingestiegen (Tagebuch einer Winzerin) und habe da – welch herrliche Ergänzung – ein wunderschönes Essay über Weihnachten in Frankreich gefunden, in welchem selbst die Santons (siehe Beginn meiner kurzen Weinbetrachtung) zu Tisch gebeten werden. Hier der Link.  All das, was in Worten beschrieben wird, finde ich wieder, im Wein aus dem abgelegenen Weingut von Lisson: noch weit ausgeprägter, noch pointierter, mit viel Satz (beim Wein Depot genannt), der letztlich ein Teil der Aromen aufgenommen und über zehn Jahre erhalten hat. Und in meiner Phantasie steht eine reichhaltige südfranzösische Weihnachts- oder Neujahrstafel vor mir. Da verwandelt sich mein Baguette mit dem Roquefort Sociéte auf einem Schlag zum Festmenue. So sehr kann guter, individueller Wein auch die Phantasie beflügeln, so dass ich jetzt ganz, ganz satt bin.

08. Januar 2012

 

Château Rauzan Ségla: Ségla 1995, Margaux

 

Es ist jedesmal interessant zu vergleichen zwischen Erst- und Zweitwein eines Weinguts im Bordelais. Früher waren es vor allem die renommierten Châteaux, die nebst ihrem „Erstwein“, der inzwischen ja für Normalverdiener fast unerschwinglich geworden ist, auch einen zweiten Wein angeboten haben, der meist aus jüngeren Rebstöcken, weniger guten Lagen oder für den Erstwein nicht verwendeten Rebsorten gekeltert wurde. Augenfälligster Unterschied: der Preis. Inzwischen haben fast alle Weingüter einen Zweitwein, sozusagen die billigere Variante des oft auch nicht allzu teuren Erstweins. Interessant ist nur der Vergleich zwischen den Erst- und Zweitweinen der berühmten Châteaux. Eigentlich müsste man die beiden Weine unmittelbar miteinander vergleichen können, im einen Glas den Erstwein, im andern der Zweitwein und zwar beide vom gleichen Jahrgang. Ich habe mir fest vorgenommen, dies in der nächsten Zeit einmal zu tun. Diesmal muss ich mit der Erinnerung vorliebnehmen. Den Erstwein – Rauzan-Ségla – hatte ich gestern nicht im Glas, nur den Zweitwein „Ségla“. Rauzan-Ségla gehört zu der Elite der Weingüter im Haut-Medoc, es ist ein sogenannter Supersecond: 2ème cru classé. Sein Preis: (1995 en primeur) gut 50 Fr., heute wird er um 80 Fr. angeboten, der (generell überteuerte) 2010er kostet bereits 135 Fr. und mehr Der Zweitwein „Ségla“ kostete damals um 30 Fr., der 2010er hingegen ca. 60 Franken. Das Preisverhältnis ist also – von damals bis heute – etwa 2:1. Man stellt sich – ob man will oder nicht – unwillkürlich die Frage: wie steht es mit der Qualität? Auch 2:1 ? Oder ist sogar der Unterschied grösser? Meine spontane Antwort: nein. Der Zweitwein nähert sich immer mehr dem Erstwein, nicht nur bei Rauzan-Ségla. Einerseits ist es die gleiche Art von Vinifizierung der beiden vergleichbaren Weine, andererseits sind die Möglichkeiten im Keller die gleichen und die Sorgfalt in den Rebbergen identisch. Nur die Rebstöcke sind jünger. Mein Weinhändler meint, dass der Zweitwein Ségla „das Typische der noblen Erde von Margaux respektiert und die Qualität des grossen Weins von Rauzan-Ségla erahnen lässt!“. Nur ein geschickter Werbetext? Nein! Selbst dieser - im Vergleich zum heutigen Rauzan-Ségla - eher bescheidene Jahrgang hat seine Qualität und lässt sich – genauso wie heute – gut mit dem Erstwein messen. Allerdings hat er noch nicht die Kraft und Grösse der Weine des heutigen Weinguts. 1994 übernahm die „Chanel-Gruppe“ (Wertheimer) das Château. Der 1995er dürfte also der erste Wein des neuen Eigentümers (der heute auch Canon besitzt) sein. Scheinbar ein leichter, eleganter Körper, der sich im Gaumen entwickelt, ihn mit Volumen füllt und schöne Cassisnoten hinterlässt. Man müsste als Bordeaux-Liebhaber wohl vermehrt auf die Zweitweine achten. Eine ähnliche Erfahrung habe ich vor ein paar Tagen mit dem „Pensées de Lafleur“ gemacht, dem Zweitwein von Lafleur. Da ist der Unterschied im Preis weit krasser. Wir verkosteten (unter anderem) den 2000er (Preis 75 Fr.), während der Erstwein des gleichen Jahrgangs heute gegen 2‘000 Franken kostet (in der Subskription schon über 600 Fr.), also ein Preisverhältnis von damals 1:9 – heute gar von 1:20! Und das Genussverhältnis? Ich weiss es nicht, denn ein 2000 Franken-Wein kommt nicht einfach so ins Glas. Jedenfalls ist der Zweitwein schon ganz beträchtlich nahe beim Erstwein. Doch bekanntlich ist es immer das „letzte kleine Besser“, das einen Wein meist so teuer macht.

04. Januar 2012

 

 

Château Canon 1958 und 1975,

Saint Emilion, Bordeaux

 

 

Eigentlich schreibe ich nicht über degustierte Weine, sondern ausschliesslich über getrunkene, von denen mir mindestens ein Glas zugestanden wird. Die beiden Cannon sind ein Grenzfall. Wir haben sie mehr verkostet, als wirklich getrunken, zwei von neun Weinen an einem Abend, an dem noch sieben weitere aufgestellt wurden. Zum Besuch von deutschen Weinfreunden sollte es so etwas wie eine kleine Bordeaux-Demonstration oder –Lektion werden. Ich konnte am nächsten Tag aber die beiden Canon nachverkosten - in genügend grosser Genussmenge. Ein paar Gedanken seien mir deshalb erlaubt. Was mich fast aus den Schuhen gehauen hat, das ist die Präsenz der beiden Weine, im Jahrgang 17 Jahre auseinander liegend, im Genusspotential nahe beieinander. Natürlich waren sie nicht identisch, der eine etwas kräftiger, etwas fruchtiger, eine Nuance eleganter als der andere. Bei der einen Eigenschaft lag der ältere vorne, bei der anderen der jüngere. Selbst in der Farbe unterschieden sich die beiden kaum, leicht bräunliche Reflexe werden bei diesem Alter geradezu verlangt, doch von braunen Rändern noch keine Spur.Es war - wie so oft - ein unerwarteter Altweingenuss, und dies bei einem Wein, die einen Bruchteil dessen kosten, was heute „grosse Namen“ als Altweine kosten. An Auktionen sind dies oft „Abfallprodukte“, Weine, die mitlaufen, sei es als Einzelflasche, sei es in Sammellots. Die Weine sind weder gefragt, noch besonders teuer. Nach vielen zweifelhaften Erfahrungen bei Altweinen mit grossen Namen – bei denen man oft die Etikette trinkt, nicht den Wein – bin ich wieder etwas versöhnt: Altweintrinker haben doch eine Chance. Meine Überzeugung: mit etwas Geduld und Wagnis kommen sie zu ihren Altweingenüssen. Uber den Jahrgang 58 weiss man eigentlich recht wenig, „ein unfair behandelter Jahrgang“ meint Parker und beim Preis: „günstig“. Tatsächlich kann ich mich nicht erinnern, wann ich schon einen 58er im Glas hatte und auch mein Weinkeller lässt den Jahrgang vollständig aus. Der Jahrgang 75 hingegen ist etwas besser dokumentiert: ein sich langsam entwickelnder Jahrgang, meinen die Weinauguren. Vielleicht haben sie Recht. Unser Canon könnte jedenfalls den Beweis liefern. Dazu kommt: die Geschichte von Château Canon. Sie wird heute sehr gerne ausgeblendet. Das Weingut hatte einst einen hervorragenden Ruf, auch unter der Familie Fournier, die das Château fast 80 Jahre lang geführt und Weine im traditionellen Bordeaux-Stil ausgebaut hat. Dann kam der grosse Einbruch in den 80er Jahren: Es wurde wenig investiert, der alte André Fournier beharrte auf seinem traditionellen Stil und der gut Ruf des Châteaux geriet ins Wanken. Da mussten die Fourniers ihr Château verkaufen, an die Wertheimer-Gruppe, die mit viel Geld in wenigen Jahren aus dem Aschenbrödel wieder eine Prinzessin machte, dank riesigen Investitionen in den Rebberg und den Cave. Man vergisst so gerne, dass der 58er noch vor dem „Niedergang“ des Weinguts gekeltert und abgefüllt wurde. Selbst beim 75er sprach noch niemand von kontaminierten Weinen, was später unter der Bezeichnung „Keller-Aids“ zum gefürchteten Begriff wurde. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich über den Canon 1995 geschrieben, also über jenen Wein, der der letzte der alten Besitzerfamilie war. Auch da fand ich, es sei zwar kein grossartiger Wein, aber auch „kein muffiger Canon“, wir man ihm lange in der Weinkritik nachsagte. Nach all diesen Erfahrungen frage ich mich ernsthaft, wie viel sind es sensorisch belegbare Fakten, die präsentiert werden, und wie viel ist schlicht und einfach Nachgeplapper oder gar gezielte Rufschädigung?

01. Januar 2012

 

St. Urbans-Hof:

Piesporter Goldtröpfchen 2007, 

Riesling Kabinett, Mosel

 

Es hält sich – vor allem bei meinen deutschen Weinfreunden – das hartnäckige Gerücht, dass ich Rieslinge nicht mag. Das ist falsch! Ich mag einfach die „Vergötterung“ des Rieslings nicht, genau so wenig wie die Vergötterung der Schweizer- oder gar der französischen Weine. Gerne attestiere ich, dass Deutschland womöglich die besten Rieslinge auf den Markt bringt. Seit Jahren renne ich nun – mit gemässigtem Tempo – diesem Faktum nach. Natürlich – gemäss meinen sehr kundigen Weinfreunden – müssen es trockene sein. Kommt dazu – ich wiederhole mich – , dass ich einfach kein Weissweintrinker bin. Daran tragen Rieslinge absolut keine Schuld. Im Gegenteil: Ich reise gerne mit meinen Weinfreunden Jahr für Jahr in deutsche Weingebiete, von Winzer zu Winzer, wo wir natürlich vor allem trockene Rieslinge (aller Qualitätsstufen) verkosten. Ich schwöre, es sind inzwischen schon hunderte. Gestern aber hatte ich dieses Goldtröpfchen im Glas. Es hat golden geleuchtet und mir Spass bereitet. Ich sah vor mir die Landschaft der Mosel, die berühmte Lage, wo die Piesporter Goldtröpfchen herkommen, ich erinnerte mich an schöne Stunden in einem der schönsten Weingebiete Deutschlands. Sogar die Restsüsse hat mir gefallen, weil sie eine Frische und Frucht begleitet, von Aromen der Passionsfrucht (welche ich besonders Liebe) und wohl von Grapefruit (oder plappere ich dies jetzt einfach nach?). Ich bin verunsichert, sehe schon, wie ich wieder einmal belehrt werde, über das, was ich nicht weiss oder im Wein (noch) nicht entdecken kann. Ich kann aber feststellen: der Wein hat mir Spass gemacht. Er war sowohl ein toller Auftakt zum Silvesterabend, als auch ein runder Abschluss der Neujahrsnacht. Wenn ich mich nicht über allfällige Dropsigkeit (habe ich nicht festgestellt) oder gar Mineralität auslasse, dann liegt dies allein am fehlenden Wissen und an der Tatsache, dass man einen Wein einfach auch nur geniessen kann, ohne ihn einordnen zu müssen (oder können).