Archiv Getrunken: 2012/2 (Juli - Dezember)

31. Dezember 2012

 

Château de Ventenac, AOC Minervois Rouge, 2009, Languedoc

 

Ventenac ist ein kleines Dorf mit etwas mehr als 300 Einwohnern, direkt am Canal du Midi gelegen, im Département Aude, Languedoc. Ich wäre wohl nie dorthin gekommen, hätte ich nicht eine zweiwöchige Kanalfahrt (schon das zweite Mal) unternommen. Und da ist es unübersehbar, das Château de Ventenac, unmittelbar am Kanal, mit eigener Anlegestelle. Es ist nicht einfach ein Weingut, es ist ein veritables Schloss, das den Cave Coopérative beherbergt (und ein Weinmuseum).

Für einen Hobby-Schiffer (wie ich einer bin) ist das Anlegen mit dem gemieteten Hausboot gar keine einfache Sache, vor allem wenn sich andere Schiffe an der Quaimauer rangeln. Deshalb bin ich drei Mal am einladenden Ort vorbeigefahren, bis zum vierten, dem letzten Mal, da musste es sein.

Der schöne Ort hielt nicht, was er versprach, zumindest weinmässig nicht.Im Angebot des Caves – in der ersten Reihe – alles Mainstream-Weine, die nicht so recht in die sonst wenig touristische Gegend passen: Cabernet, Merlot, Chardonnay, sortenreiner Syrah. Eine Aufwartung für die Kanaltouristen.

Ich habe dann den „einheimischen“ Wein erstanden, 5 Euro für den nicht im Barrique ausgebauten Wein und 11 Euro für den Barrique-Wein. Zwei Traubensorten: Syrah und Carignan. Es sind AOC-zugelassene Sorten, einfach ausgebaut, ohne viel Drum-und-Dran. Genossenschaftsweine eben. Eigentlich war ich – vom Angebot – enttäuscht

Ich habe jetzt – sieben Monate später – den einfacheren Wein erst geöffnet. Zuerst empfand ich ihn etwas rau, schon fast grob, doch mit schönen mediterranen Aromen. Ganz klare Unterholznoten, Blumen – nicht üppig, vielmehr dezent, verspielt. Nein, es ist kein grosser Wein. Aber – und dies ist das erstaunliche – er wird immer besser, nicht gerade gefällig, aber von sympathischem Charakter, ein Terroirwein, der mir immer besser gefällt. Sogar am zweiten Tag, ohne jede oxydative Note.

Wie gesagt, ich wäre ihm nie begegnet, ohne Schiff und imposantem Schloss. Und dies wäre schade, den der Wein gehört – in seiner Ursprünglichkeit – zum kargen, im Sommer so heissen Landschaft des Minervois.

26. Dezember 2012

 

La Conseillante, 1994, Pomerol, Bordeaux

 

Ein Weingut, das in den 80er und frühen 90er Jahren krisengeschüttelt war. Eigentlich wäre es eines der hochwertigsten Weingüter in Pomerol, in einer Appellation, die keine offizielle Klassifizierung kennt. Tatsächlich gibt es diese – nicht offizielle und nicht niedergeschriebene – Klassifizierung aber doch. Sie drückt sich vor allem in den Preisen aus und stützt sich vorwiegend auf den Ruf des Château, auf den Mythos der es begleitet, aber auch auf viel „On-dit“ und regelmässig hohen Punktesegen der massgebenden Weinkritikern. Es gibt offensichtlich so etwas wie ein erster, ein zweiter und ein dritter Rang, nirgends nachzulesen, nur in den Köpfen der Bordeaux-Liebhaber eingemeisselt und in hohen Preisen ausgedrückt.

La Conseillante ist eines dieser Châteaux - mit einer interessanten, lange Geschichte, einem vorzüglichen Terroir, alten Rebstöcken, illustren Nachbarn…. Dies alles (und noch einiges mehr) macht La Conseillante zur Top-Weingut im Pomerol. In minderen oder gar schlechten Jahren bezahlt man vorwiegend den Mythos des Châteaux und nicht die Qualität des Weins. Doch die Tatsache, wie Château Pétrus (das in der Nähe liegt), einen meist fast reinen Merlot-Wein zu machen, die lange Tradition im Weinbau und (nicht zuletzt) die beschränkte Anzahl von Flaschen (knapp 12 ha Rebfläche) machen den Wein auch „wertvoll“, auch wenn nicht den höchsten Qualitätsanforderungen genügt.

In den 80er und beginnenden 90er Jahren war so etwas wie eine Krise auf dem Weingut. 1994 zum Beispiel erreichte er (bei Parker) keine 90 Punkte (um 87!) und selbst der 1990er (ein ausgezeichneter Jahrgang) verleitet René Gabriel zum Kommentar: „…wenn man alle Faktoren von seinen Terroir und Jahrgangsmöglichkeiten in Betracht zieht, dann ist dieser Wein zu leicht und zu schnell gereift.“ Und trotzdem kostet heute eine Flasche Conseillante 1990 (17/20 Gabriel-Punkte) mehr als 300 Franken. Selbst beim weit schwächere 1994er ist immer noch mit 100 Franken pro Flasche zu rechnen.

Und wieder einmal stellt sich die Frage: stehen Preis und Leistung in einem vernünftigen Verhältnis? Solche Milchbubenrechnungen sind zwar üblich, aber auch albern. Als ob sich Genussfaktoren in Preisen aufrechnen liessen. Welcher Faktor nimmt der persönliche Geschmack ein, oder der Mythos, oder der Ruf des Schlosses oder die Tradition… ? Dies ist nicht auszumachen, auch hier nicht.

Für mich ist es ein etwas blasser, recht süsser, eleganter, ja verspielter Wein. Er hat (oder hatte gar) nicht viel Kraft und Biss. Von einer expressiven Nase, die dem jungen Conseillant oft zugesprochen wird, ist nichts mehr zu spüren. Vielmehr dominieren eine samtige Textur, die leicht pfeffrige Würze und ein Anklang von Knoblauch oder gar Moschus (wobei ich nie ganz sicher bin, ob ich wirklich Mouschus meine, denn ich kenne den Duft nur synthetisch, einer der Hirsche ist mir nämlich noch nie über den Weg gelaufen). Feigen, Zwetschgen oder gar Kaffee wecken in mir die Erinnerung an einen lahmen Portwein, der seine Kraft und Würze verloren hat.

25. Dezember 2012

 

Pietro Zardini - Leone Zardini Amarone classico, 2005

Veneto, Italien

 

Der Wein des Weihnachtsabends. Etwas ganz Spezielles. Ausgeprägt und stark (16% vol), persönlichkeitsstark. Einer der besten Amarone, die ich je getrunken habe. Entdeckt habe ich ihn zufällig, beim Weinhändler in der Umgebung. Er war ganz stolz, ein paar Flaschen dieses Weins im Sortiment zu haben. Sicher kein „Renner“, denn der Wein ist – auch für einen Amarone – ordentlich teuer: 70 CHFr. Die Neugier hat gesiegt, ich habe ihn gekauft und – schon am Weihnachtsabend geöffnet. Hätte ich eigentlich nicht tun sollen, ich war nachher so müde und schläfrig, dass beinahe der Heilige Abend im Dösen und Sinnieren versank. Aber ich war glücklich und zufrieden.

Nein, ich habe ihn nicht allein getrunken. Frau trank mit und zum Essen gab es Filet im Teig. Vielleicht nicht die idealste Kombination. Der Amarone schlug das Essen – er dominierte es zumindest. Vielleicht lag es auch am Film, den wir am Nachmittag (um den Weihnachtsstress abzulegen) reingezogen (man ist ja sprachlich in!) haben: „Angels' Share". Doch da geht es um Whisky, den Geschmack habe ich noch immer (geistig) auf der Zunge und im Gaumen.

Der Amarone von Zardini ist gerade das richtige, um gegen den (fiktiven) Whisky anzutreten. Er kann bestehen, vor allem durch seine gottseidank nicht überdeckten (oder vergrabenen) Aromen: die beerigen Noten allein genügen nicht, beim besonders guten Amarone, auch die reifen Kirschen nicht, schon gar nicht das oft üppige Holz. Es braucht schon mehr, um gegen die Kraft und Dominanz bestehen zu können. Eleganz zum Beispiel und Gewürze, ja sogar feine Blumendüfte, Pflaumenaromen, gedörrt. Entscheidend scheint mir, ob sich hinter dem massigen Körper etwas verbirgt, zum Beispiel Botschaften der Rebsorten, des Terroirs, des Ausbaus. Auch massige, kräftige, dominante Körper können Zartheit, Weichheit und Wärme in sich tragen, das ist nicht anders, als beim Menschen.

Man vergisst dies gerne, bei dominanten Persönlichkeiten, auch wenn es – wie in diesem Fall – ein Wein ist. Lange gehegt, gepflegt und in Ruhe gelassen auf dem Weingut. Vielleicht etwas zu wenig ausgeruht, jetzt, auf dem Weg zu mir ins Glas.

Der klassische Amarone ist ja eigentlich ein trockener Wein. Für den, der sich mehrheitlich mit Bordeaux, Burgund oder Languedoc befasst,. ist er eher süss und vor allem leicht bitter, er macht seinem Namen alle Ehre. Beides finde ich auch in meinem „Weihnachtsamarone“ – ausgeprägt, aber so fein, dezent in differenzierte Aromen „verpackt“, dass er sich meilenweit abhebt, von dem, was ich schon so als „Durchschnittsamarone“ getrunken habe, ganz zu schweigen von den Billigamarone der Discounter. Dazwischen liegen Welten – oder sind es Meere? – von Flugkilometern zum Genuss.

23. Dezember 2012

 

Weingut Heymann-Löwenstein: Kirchberg, 2004, Mosel


Meine deutschen Weinfreunde würden wohl die Nase rümpfen – vermute ich – Jahrgang 2004 – also jetzt acht jährig. Da lese ich doch in „talk-about-wine“ eine Notiz vom 13. September 2005: „Der Kirchberg ist schon voll da: mit seiner Jod-Note und schöner Gelbfrucht-Nase, eine Spur gehackter Kräuter und einer unnachgiebigen Mineralik, die den Gaumen attackiert…(90)“ Soweit so gut. Und ich hinke hinterher, sieben Jahre, und kann mich einzig auf eine Anmerkung zur Trinkreife berufen: „noch lagern“.

Habe ich zu lange gelagert? Ich gebe zu, mir fehlt die Erfahrung. Gewohnt an Rotwein – vor allem an das Lagern von Bordeaux – sind acht Jahre ein Pappenstil. Aber für einen Riesling – auch wenn er von Heymann-Löwenstein aus erster Lage, aus einer Einzellage, kommt – ist dies wohl des Guten zu viel.
Ich habe den unversöhnlichen gesenkten Daumen erwartet: „vorbei!“ oder so, verbunden mit der Häme meiner Weinfreunde. Nichts dergleichen ist geschehen. Zumindest nicht zuhause, da waren wir – meine Frau und ich – ohnehin ganz allein mit der Flasche. Meine Frau hätte ihn früher getrunken, quasi frucht-frisch.
Ich aber bekam glänzende Äugelein, wohl nicht vom Alkohol, schon eher von der Qualität des Weins, von seiner Freude-Spende. Bin ich schon altweinverseucht, schon jenseits der Fruchtliebe? Ich weiss es nicht. Jedenfalls finde ich weder oxydativen Noten (da bin ich allergisch!), noch unangenehme Firne. Zugegeben, die Frucht hat einer eher rauchigen Mineralik Platz gemacht. Roggenbrot kommt mir in den Sinne, doch der Wein ist dicht und kräftig, mit einem seeehr langen Abgang.
Oute mich jetzt als Riesling-Banause, wenn ich sage; so gefällt mir ein Riessling? Warum? Weil er jene Reife und Gelassenheit, jene Tiefe und verarbeitete Mineralik hat, die ich beim Wein immer wieder suche und schätze, nicht nur beim Roten, auch beim Weissen.

20. Dezember 2012

 

Pichon-Longueville-Baron, 1982,

Magnum, Pauillac, Bordeaux

 

«Normale Erwartungen», schreibt René Gabriel in seiner letzten Notiz im Jahr 2010. Offensichtlich waren meine Erwartungen nicht normal, sonst hätte ich die Magnumflasche nicht an einem traditionellen Weihnachtsessen mit Freunden aus der Nachbarschaft – die an diesem Tag immer einen besonders guten Tropfen erwarten – kurzentschlossen geöffnet. Was sind schon normale Erwartungen?

Der Baron, jetzt dreissig geworden, zeigt sich erstaunlich reif und abgeklärt, voll von tertiären Aromen. Nicht die Opulenz, welche man heute von einem Baron erwartet, auch nicht die Kraft und die Fülle, die heute bei den Weinen aus diesem Prestige-Weingut das Erlebnis oft überlagern. Eher ein stiller Wein, vielleicht sogar ein sentimentaler Wein. Oder bin ich der Sentimentale? Jedenfalls finde ich in dieser Magnumflasche einen reifen Bordeaux wieder, wie ich ihn einst kennen gelernt habe. Nachhaltig. Das heisst, keinen vordergründigen Bluff, kein Buhlen um einen hohen Rang im Pauillac-Himmel.

Gabriel schreibt dies (wieder einmal) dem mangelnden Qualitätsmanagement zu. Parker meint in etwa, dass das Weingut zu dieser Zeit (1982) eher mittelmässige Weine produziert hat. „Aufgrund seiner süßen, cremigen Persönlichkeit, kann der Wein sofort (das war 1995) getrunken oder eingekellert werden - für 20 weitere Jahre.“ Diese zwanzig Jahre sind noch nicht ganz vorbei (aber bald!). Und wohl dem, der warten konnte.

Zumindest bei dieser Magnum hat sich der Wein zur kleinen Kostbarkeit entwickelt. Die Tannine haben ihre stützende Funktion übernommen, die angesprochene Süsse hat sich im Bukett integriert, das Zedernholz hat das Dominante am Holz hinter sich gelassen, im Extrakt macht sich ein zarter schokoladiger Hauch bemerkbar.

Ich beginne zu schwärmen. Dies ist nicht gut, weder für den Wein (normale Erwartungen), noch für mich (zu hohe Erwartungen). Ich belasse es darum beim Genuss. Wir sind uns einig – die Tischrunde – er war wieder etwas Spezielles, der Wein an diesem Vorweihnachtsessen.

17. Dezember 2012

 

Montrose, 1986, Saint-Estèphe, Bordeaux 

 

Montrose polarisiert – oder hat polarisiert. Ich habe in meinem Archiv eine Notiz aus dem Jahr 2006 ausgegraben. Der Weinschreiber (Ingo Bargatzky), der zum Weinhändler geworden ist, hat vor sechs Jahren im Forum von Wein-Plus geschrieben: „Viele können mit Montrose nicht wirklich etwas anfangen. Ich gehöre zur zweiten Fraktion…. auch der 1986er gefällt mir schlichtweg richtig gut! Da blind verkostet, ist diese Meinung eine objektive Weinschreiber-Meinung. In der Nase dunkle Beeren, frische geschnittene Zweige, Kirsche, Vanille, feines Holz. Am Gaumen mit einer tollen Struktur, sehr konzentriert und herrlicher Tee-Beeren-Aromenstruktur. Sehr schöner Druck am Gaumen, etwas Torf, Pferdestall, tolle Frucht und schöner Biss. Wieder sehr elegant in seinem Charakter, reif wirkend, mit einer sich toll entwickelnden süße und einem wunderbaren Finale. 93 Ingo-Punkte.“ Inzwischen hat auch Parker sein erstes Urteil revidiert. Er gibt dem Wein jetzt 91 Punkte. Wenn wir schon beim Punktespiel sind: Der jetzt reife, wunderschöne Montrose 1986 hat sich herrlich entwickelt und kann locker die 95 Punkte erreichen. Da liegt Wine Spectator für einmal goldig richtig.

Doch lassen wir die Punkte. Geniessen wir den Wein. Die Jahre können ja so viel verändern, nicht nur beim Menschen, auch beim Wein. Die richtige Lagerung ist zudem ausserordentlich wichtig, denn die Chance, dass ein 86er Montrose mehrere Reisen durch die Weinwelt gemacht hat, ist sehr gross. Vor allem René Gabriel hat ihn klein geredet, er sprach von „unsauberer Arbeit“ obwohl er ihm zuletzt zugebilligen musste: „die Substanz wäre gut, ja fast genial…“ Das Aber lassen wir weg, denn der Wein – so wie er sich jetzt präsentiert – kennt kein Aber, er ist schlichtweg gut. Vielleicht ist es gut, wenn man ab und zu (auch bei der Weinbeurteilung) Gegensteuer gibt. Gabriel hat 1999 den Rat gegeben: „Nicht kaufen! Oder, falls man Besitzer ist; verkaufen!“ Dies hat wohl dazu geführt, dass an Auktionen vor 6 bis 10 Jahren der Montrose 1986 für ca. 50 Franken zu kaufen war.

Ich habe ihn damals nicht gekauft, auch nicht verkauft – im Gegenteil: ich habe ihn eingeschlossen, gut gelagert. Er stammt aus meinen Bordeaux-Anfängen, daher (aus nostalgischen Gründen) ein wohlbehüteter Kerl. Gestern nun musste er daran glauben. Mein Freund Rémy tauchte zu einer Stippvisite auf und da musste etwas Aussergewöhnliches ins Glas. Montrose 1986, gerade weil er so umstritten ist. In der Dichte zwar nicht so kompakt wie andere Jahrgänge, in der Nase schwarze Früchte, Gewürze, Erde. Ein fröhlicher Wein. Feine, geschliffene Tannine, wunderschön konzentrierte Aromatik, aber nicht in der Art eines Powerweins. Eher ein feingliedriges, vieltöniges Popurri, ein Konzert der angenehmen, melodiösen Art. Auch das ist Bordeaux, gottseidank. Mein Freund – ein Weinkenner – ging beeindruckt nach Hause. Und es war ausschliesslich der Wein, der ihn beeindruckt hat. Mich, meinen Keller und meine ab und zu provokative Art kennt er längst.

12. Dezember 2012

 

Tertre Rôteboeuf, 2003, Saint Emilion, Bordeaux

 

Schreiben muss ich eigentlich nichts mehr über dieses Weingut, das für mich so etwas wie ein Wein-Paradies darstellt, authentisch nicht nur das Weingut und der Winzer, auch seine Weine. Für andere – ich höre dies immer wieder – zum Beispiel auch für Parker – entsteht da „nur“ ordentlicher, ja guter Wein, zwar deutlich über dem Durchschnitt, meist so um die 90 Parker Punkte. Und zudem ist er – mit gut 100 Euro die Flasche – auch noch fast unverhältnismässig teuer.
Es ist zwar ein Kultwein, doch diese Art von „Kult“ lässt sich nicht vergolden. Der Marktwert des Weins steigt kaum mit den Jahren, es lohnt sich also nicht, mit dem Wein zu spekulieren. Man muss ihn trinken, man muss ihn gernhaben, man muss ihn schätzen. Das zurückhaltende Parkerurteil trägt auch dazu bei, dass der Wein nicht in die Spekulationsspirale gerät. Hier die „Noten“ der Jahre 1991-2006: 83, 77, 88, 90, 94, 90. 87, 94, 91, 98, 90, 88, 89, 87. Ich mag hier keine neue Parkerdiskussion lostreten, doch für den Tertre Rôteboeuf-Fan sind diese Wertungen kaum nachvollziehbar.
Natürlich gibt es Schwankungen, von Jahr zu Jahr, wie bei jedem ernstzunehmenden Weingut. Natürlich finde ich den einen oder anderen Jahrgang überzeugender als andere, besser, wenn man so will. Wenn ich ihn oft besser finde als die besten Bordeaux, besser als die Moutons, Latours, Lafleurs, Haut-Brions, dann liegt das an mir und an meinem Weingeschmack. Vielleicht auch daran, dass ich den „Stil“ von François Mijavile besonders schätze. Ich behaupte jetzt einmal, weil die Weine so überaus sinnlich sind. Weil sie eine ganz bestimmte Handschrift verraten.
All das ist nichts Neues? Stimmt. Und doch: jetzt habe ich einen 93er im Glas. Nach Lehrbuch sollte er längst getrunken sein. Ein schwacher Jahrgang, der 93er. Was ist nach fast zwanzig Jahren aus den Weinen geworden? Ja, er ist etwas ruhiger, etwas zurückhaltender, vielleicht sogar nachdenklich. Und trotzdem ein reifer, ein toller Wein und - noch immer - als Tertre Rôteboeuf - zu erkennen, durch seine Aromatik, seine Fülle, den etwas dominanten Pflaumen, die sich aber mit erdigen und tabakigen Tönen gut zusammenfinden.

08. Dezember 2012

 

Fort Simon: Pinotage 2007, Stellenbosch, Südafrika

 

In der Werbung für diesen Wein steht: „Wenn Pinotage, dann dieser zu einem tollen Preis/Genuss Verhältnis!....“ Wo ein Wenn ist, da ist auch ein Aber. Das Aber – meine ich – liegt beim Begriff Pinotage und könnte etwa so lauten: „ABER lieber kein Pinotage“. Dies steht zwar nicht in der Werbung, doch es ist in vielen Köpfen von Weinliebhabern eingemeisselt. Ist Pinotage wirklich ein schlechter Wein? Jedenfalls kein so edler, einer der sich nie an Blauburgunder, Merlot-Cabernet, Shiraz etc. messen kann? Eben bloss ein Pinotage!

Ich wage es – in diesem Kreis – kaum zu sagen: Ich liebe den Pinotage, eben weil er anders ist. Die Beschreibung ähnelt zwar jener von vielen anderen Weinen: „Dunkle Farbe im Glas. Schwarze und rote Johannisbeeren. Aromen von reifen Früchten. Auf dem Gaumen fruchtiger Krischengeschmack unterlegt mit Leder- und Stallgeruch. Harmonisch mit saftigen, reifen Gerbstoffen und langem Abgang. Ein Wein der mit der Lagerung noch zulegt“. Vielleicht der Stallgeruch könnte noch Anstoss erregen, sonst alles akzeptierte Aromen und Empfindungen beim Wein. Was ist denn so anders, so speziell?

Er ist vor allem nicht langweilig. Ich weiss, dies ist kein Kriterium beim Wein. Für mich schon – ich weiss nicht, ob es an mir liegt – doch ich langweile mich immer häufiger, auch bei guten Weinen. Ich finde so manche Weine zwar raffiniert - aber nicht inspiriert. Auch Raffinesse kann langweilen, sogar Vollkommenheit – so es die gibt – kann es. Es kommt mir oft vor, wie in der Kunstwelt. Da gibt es einen Rembrandt, eine Mona Lisa, ein Guernica und, und, und… – man muss sie gesehen haben weil sie einmalig sind, unsterblich sozusagen. Und doch – in ihrer ganz unterschiedlichen Art – eigentlich als Massstab für Kunstgenuss unbrauchbar. Ähnlich ist es beim Wein.

Da liegt der Massstab beim Weintrinker. Er erregt oder langweilt sich, er geniesst oder spult sein Trinkprogramm ab, er empfindet etwas oder bleibt abgestumpft, er wiederholt, was er bereits kennt, immer und immer wieder. Sicher ist nicht jeder Pinotage spannend. Dieser aber ist es. Warum? Weil er Aromen und Eigenschaften hat, schwer zu beschreiben, die ich bei keinem andern Wein in dieser Ausprägung finde, etwas Salzig-rauchiges, Pfeffrig-süsses, Quirlig-ruhendes, Elegant-gepresstes. Wortspiele? Nein, Empfindungen beim Trinken des Weins. Sogar – oder gerade – weil ich weiss, dass dies ein guter, aber noch lange nicht der beste Pinotage ist, den Südafrika zu bieten hat. Vielleicht ist er auch deshalb so gut und nicht langweilig.

Christian G.E. Schiller mit Luigino Bertolazzi
Christian G.E. Schiller mit Luigino Bertolazzi

05. Dezember 2012

 

Cantina di Soave: Rocca Sveva, 2006,

Amarone della Valpolicella

Gestern war es soweit. Ich hatte ihn im Glas, den „simply the best“, den Rocca Sveva Amarone der Cantina di Soave und zwar genau den hier gepriesenen 2006er. Ich habe ihn mit Andacht, Neugier und viel Aufmerksamkeit getrunken. Auch mit Spass. Die Erwartungslatte war auch ziemlich hoch. Ob er der beste ist, kann ich nicht sagen, meine Frau jedenfalls erhob bereits Einspruch. Ihr gefällt ein anderer Amarone (etwa in der gleichen Preisklasse) immer noch besser. Also doch wieder kein Weihnachtsgeschenk. Schade. Ob es Gewöhnung ist? Ob ein bereits eingeprägtes Aromenbild eben doch nicht so einfach zu verrücken ist, das weiss ich nicht. Sicher ist der Rocca Sveva ein guter Amarone, der mit 52 Franken (46 Euro – in Deutschland sogar für 35 Euro zu kaufen) manchen teureren Amarone spielend überflügelt. Nur die 52 Franken liegen bereits im anspruchsvolleren Bereich der Wein-Preis-Hierarchie.

Blumige Worte sind auch nicht mein Fall. Ich bin kein Degustator - ich bin Weintrinker, -geniesser, -liebhaber und habe in einigen Segmenten (vor allem bei Bordeaux und Languedoc) einen ordentlichen Erfahrungsschatz. Beim Amarone muss ich mich auf die sensorischen Fähigkeiten und auf mein kritisches Bauchgefühl verlassen. Viel Frucht, eine elegant verspielte Süsse, die sich im Gaumen seiden anfühlt, einen langen Abgang hat, der wärmend verhalten und beharrlich nachklingt, laaang. Die röstigen Noten sind mir angenehm aufgefallen und Anklänge an Pilze, kein so fülliger Stoff wie es mancher (auch teurere) Amarone oft ist, dafür Eleganz und ausgewogene Reife. Der Wein lässt sich im Augenblick sehr gut zu trinken, sozusagen ideal, doch für einen Amarone ist er eher brav, so wie ich es eigentlich gerne habe. Doch da zeigt sich bereits die unterschiedliche Beurteilung - vor allem wenn sie nicht einem professionellen Test- und Bewertungsschema Schema folgt, sondern dem Alltag, im Rahmen eines Essens. Meine Frau urteilt anders. Liege ich oder liegt sie falsch, obwohl sie weit mehr Amarone-Erfahrung hat als ich und durchaus Weine gut beurteilen kann. Nur hier beschreiben tut sie ihn nicht, sie trinkt ihn eben lieber. Und dies ist auch nicht ganz falsch!

02. Dezember 2012

 

Bodegas Peñalba Lopez: Torre Albéniz Reserva, 2004, Ribera del Duero, Spanien

 

Eigentlich kommt Spanien in meinem Trinkverhalten viel zu kurz. Entsprechend sind meine Wein Kenntnisse und -Erfahrungen, verglichen mit Frankreich und sogar Italien, viel bescheidener. Jede Begegnung mit spanischen Weinen ist für mich so etwas wie eine neue Erfahrung, oft sogar eine Überraschung. Hätte meine Frau nicht Duero-Weine so gerne, wären meine undifferenzierten Pauschalurteile – wie zum Beispiel bei den Kaliforniern – noch viel stärker in mir verhaftet. So mache ich doch – ab und zu – mit einem ganz anderen Aromenbild Bekanntschaft. Und dies ist gut so, denn die weltweit überwuchernde Cabernet/Merlot/…. Prägung engt auch meine Wein-Geschmacksbild wesentlich ein. Da sind natürlich noch die Pinots, die Shiraz (oder Syrah) und die klassischen Languedoc-Weine (Grenache, Syrah, Mourvèdre, Carignan, Cinsault in den unterschiedlichen Assemblagen), die mein „Weinbild“ erheblich prägen.

Nun also dieser Albillo-Tempranillo-Wein, der auf Anhieb – so jedenfalls empfinde ich es – etwas ganz anderes ist, vor allem geschmacklich. Der Weinhändler spricht von Ribera-Mineralik, was auch immer dies ist; und von Tempranillo-Frucht. Dies sagt mir vorerst einmal wenig. Ein anderer professioneller Verkoster spricht von „Datteln und Speckpflaumen in der tiefgründigen Nase, Lebkuchen, Cassislikör und geröstet Baumnüsse dahinter“. Ehrlich gesagt, dies kann ich schon weit besser nachempfinden, auch wenn die Aufzählung der Aromen etwas breit geraten ist (wenigstens für meinen Einstieg).

Diese Dateln-Aromen aber lassen mich nicht los. Ich habe gestern – im Laden um die Ecke – Datteln gekauft, offensichtlich angeregt durch den Wein vom Vorabend. Einfach so, Datteln, die ich sonst kaum je kaufe. Vorweihnächtliche Stimmung? Ich glaube eher, unbewusstes Handeln auf Grund einer Geschmackserfahrung, die ich begrifflich nicht definieren konnte. Erst heute habe ich die zitierte Verkostungsnotiz gelesen, die von Datteln spricht, auch die gerösteten Baumnüsse kann ich nachvollziehen. Einbildung?

Ich glaube nicht. Es ist eher der unbewusste Effekt des Wiedererkennens, der Aromen-Erinnerung und der Zuordnung. Ob es dann Speck- oder eben andere Pflaumen sind - kann ich (noch) nicht beurteilen. Dafür sind meine Nase und mein Geschmackssinn zu wenig ausgebildet, um Zuordnungen – oder wie oft gesagt wird – „blumige“ Formulierungen zu finden. Ich stelle einfach fest: da habe ich etwas anderes im Glas, im Gaumen, in der Kehle, als ich gewohnt bin. Etwas, das mich neugierig macht; etwas das ich wiedersehen (oder –erleben) möchte, etwas, das ich durchaus als guten Wein bezeichnen. Oder unverbindlicher ausgedrückt: eine wunderschöne Trinkerfahrung. Vielleicht ist diese – praktische – Annäherung an ein Weingebiet viel nachhaltiger und auch viel spannender als ein bemühtes Suchen nach den besten, den hochbewertetensten, den typischsten Weinen einer Region.

28. November 2012

 

Giovanni Corino: Barolo Vigna Giachini, 1996
Piemont, Italien

Es ist fast genau ein Jahr her, seit einer wunderschönen Weinwoche im Piemont (Hendlmeier Weinreise, nur zu empfehlen). Seither kommt ab und zu ein Barolo, Barbera, Nebbiolo d’Alba oder was auch immer ins Glas. Ich bin der Meinung, man kann Weinregionen und ihre Weine nur so kennenlernen, dass man immer mal wieder zu einer Flasche aus der Gegend greift. In diesem Fall eher zufällig, denn ich erstehe ab und zu an einer Auktion ein „Mischlot“, in diesem Fall aus dem Piemont. Da hat es mitunter gute, sogar sehr gute, aber auch mittelmässige bis unerfreuliche Weine darunter. Vor allem sind es in der Regel auch gereifte Weine. Und die verraten weit mehr ihre Qualität, als junge Ungestüm, die ihre Entwicklung noch vor sich haben.

Heute ist dies ein Wein, der mir ausserordentlich gut gefallen hat: rund, abgeklärt, tiefgründig. Kein „Sexy“-Wein – vielmehr reif und abgeklärt, er spürt die Gebrechen des Alters offensichtlich noch nicht, hat aber den jugendlichen Charakter längst abgestreift und ist bereit, eine Fülle von Aromen anzubieten. Nicht ganz so freizügig, wie vielleicht noch vor Jahren. Man muss sich ihm nähern, langsam, behutsam, dann öffnet er sich, ist freigiebig und freizügig. Ein sehr guter, reifer Barolo, vielleicht nicht ganz Superklasse, dafür vom ersten bis zum letzten Schluck überzeugend; eher rustikal, doch gar nicht grob oder gar grobschlächtig, mit einem mittellangen und sehr angenehmen Abgang.

26. November 2012

 

Domaine de Grangeneuve, Terre d'épices,
2010,
AOC Orignan les Adhmémar,
Rhône, Frankreich

 

Da stehe ich – auf der Rückkehr von Südfrankreich in die Schweiz – im Autobahnshop in Montélimar, eigentlich um Nugat zu kaufen. Eine Flasche „Terre d’épices“ – was etwa so viel heisst wie „Land der Gewürze“ lacht mich an. Es wäre ein Wunder, würde ich da nicht neugierig werden, zumal auf dem Verschluss eine kleine Tüte thront, mit dem Vermerk: „Coup de Coeur Guide Hachette“ (oder war es Gault Milau oder gar Michelin?). Der Wein kostet etwa 14 Euro, ein Rhone-Wein aus Côteaux-du-Tricastin, das jetzt AOC Grignan les Adhémar heisst. Verlockungen einer Appellation, mit guten Syrah Weinen (hier Grenache-Syrah-Wein 50% zu 50%), die ich nur schlecht kenne. Tricastin – man verzeihe mir – verbinde ich immer wieder mit Kernkraftwerken und ihren Störungen. Als ich zum letzten Mal dort war – vor etwa zwei, drei Jahren – durfte ich gerade kein Wasser aus dem Wasserhahn trinken (blosse Vorsicht, natürlich). Das Weingebiet – so sagt man mir – leide unter dem Stigma des zweifelhaften Rufs von nuklearen Anlagen. Mich interessiert aber der Wein. Frucht verspricht man mir, viel Frucht, rote Beeren natürlich und Anklänge an Unterholz, Zitrusfrüchte, Lorbeer, Marzipan, ja sogar Schokolade, Aromen von Kirschen, gerösteten Mandeln und Noten von Lakritze. Ich kenne das ganze Vokabular der Analogien in der-Beschreibungen auswendig, es ist mir weit geläufiger als die Weine selber. Was habe ich aber wirklich im Glas. Ein eleganter Wein, nicht überholzt, nicht erschlagend, nicht im Alkohol erstickt. Ich lasse ihn genüsslich auf der Zunge zergehen, lobe den langen Abgang und bin wieder einmal überzeugt, einen guten, nicht allzu teuren, schönen Wein zu trinken. Vielleicht sogar ein Wein für das gehobene Restaurant, das nicht einfach auf Namen setzt, sondern auf Eigenständigkeit und Qualität. Wenn ich ganz ehrlich bin, das Weingut – geführt in der dritten Generation – ist mir zu gross. Ich bevorzuge kleine – sagen wir familiäre – Weingüter. 60 Hektaren (oder so) verlangen bereits einen unternehmerischen Ablauf – vom Rebbau über die Vinifikation bis zur Vermarktung –, die dem Wein nicht immer förderlich ist. Doch hier drücke ich ein Auge zu, den der Wein – zumindest dieser „Terre d’épices“ – ist gut, wenn auch noch zu jung (um dies auch noch gesagt zu haben!)

19. November 2012

 

 

Canon-Moueix 1998

Canon Fronsac, Bordeaux


Schon wieder ein Wein, bei dem man streiten kann, darf, muss. Bei Cellartracker (http://www.cellartracker.com/wine.asp?iWine=43347) wurde er „zur Schnecke gemacht“, verurteilt, gelyncht: Pretty thin with dilute fruit. Nice broad cedar and herb, fairly pretty...but besides that there's not a lot of there there. Overly acidic, not enough concentration. Pretty lackluster, but fine for a weeknight meal“. Gottseidank habe ich dies erst nach dem Trinken, erst beim Schreiben dieser Notiz gelesen. Ich hätte mich wohl beeinflussen lassen, dem Wein vielleicht sogar weggeschüttet oder mich und meine Weinerfahrung in Frage gestellt, mich versteckt, geschämt oder fortan geschwiegen.

Ich fand nämlich den Wein gar nicht so schlecht, sogar ordentlich, sogar gut. Eine Frage des Masstabs? Eine Frage der Einstellung? Eine Frage des Augenblicks? Nun, der Augenblick war nicht unbedingt günstig. Zum Essen tranken wir vorher einen Giscours 1995. Da tönt es bei Cellartracker schon anders: „Popped and poured, light ruby colour, nose with ripened currants, berries, medium bodied, cedar, oak, sweet tannin, straight forward and not much complexity, fully matured and drink well right now.“ Auch nicht euphorisch, aber doch mehr oder weniger angetan.

Nach dem Giscours nun also dieser miese Canon-Moueix. Das muss ja ein Reinfall werden. Wurde es aber nicht. Sicher kein grosser Wein, der in Erinnerung bleiben wird. Sicher kein Pétrus oder Fleur-Pétrus (vom gleichen Besitzer) – also, wie man so schön sagt – nur ein kleiner Wein. Aber dünn? Ausdruckslos? Langweilig? Übersäuert? Keiner Spur davon! Wie schnell sind doch Urteile in Wein-Foren und -Blogs gemacht und in die Welt hinausposaunt. Wie stolz betritt so mancher sogenannte Weinliebhaber den Hinrichtungsplatz, bewaffnet mit dem schrecklichsten Marterwerkzeug.

Canon Fronsac – ein „Randgebiet“ im Herzen des Bordelais – war einst Hoffnungsträger und Hätschelkind des Weinhauses Moueix. Dann aber kam – 2000 – der Bruch. Die Moueix-Weingüter in Canon-Fronsac wurden an Jean Halley, den Besitzer der französischen Supermarktkette Carrefour verkauft. Canon-Moueix 2000 ist der letzte Jahrgang unter diesem Namen. Die Jahrgänge zwischen 1995 und 2000 zeigen aber eindeutig das Potential dieses wenig beachteten Weingebiets in der Nähe vom hochdotierten Pomerol.

Namen sind eben nicht nur Schall und Rauch. Es sind auch Marken in der Weinbewertung – leider. So ist dieser Moueix-Wein – unabhängig vom kleinen Namen - elegant, ausgewogen, mit viel Druck am Gaumen, schönen Aromen und gut eingeflochtenen Tanninen. Was will man mehr? Ähnliche Weine – namensschwache Weine - gibt es sicher noch viele, auch in Bordeaux; also kein Grund in Lobreden zu verfallen. Aber ihm die Achtung oder Beachtung geben, die ihm gebührt. Dies wäre ehrlich, auch wenn es nur „ein kleiner Wein“ ist.

16. November 2012

 

Clarendon Hills: Liandra Shiraz, 1999

Australien

 

Es tönt so oft ganz ähnlich: „Die Geschichte vom Weingut ….. ist Leidenschaft, Hingabe und Engagement für aussergewöhnliche Weine“. Und dann hat man einen dieser Weine im Glas. Vielleicht, wie hier, ein guter Wein. Doch ist er so viel anders als andere gute Weine? Hat er diesen ganz persönlichen Charakter, wie es in so vielen Wein- und Weingut-Beschreibung angekündigt wird? Ich fürchte nein. Diesmal geht es um den Biochemiker Roman Bratasiuk, der seit 1990 in Australien, im McLaren Vale, seine eigenen Weine macht. Und Parker soll irgendwann und irgendwo einmal gesagt haben: „Roman Bratasiuk is one of planet earth's greatest winemakers and must be a top notch viticulturist'. So jedenfalls verkündet es die Werbung. Die Erwartungen sind hoch und die Frage drängt sich auf: 13 Jahre später – hält der Wein noch, was er einst versprochen hat?

In der Nase jedenfalls nicht. Bereits welke Töne, bereits etwas ältliche Anklänge. Im Gaumen dann bedeutend besser. Ein gereifter Wein, weich, geschmeidig, mit vielen Reife-(oder Alters-)Tönen. Wie viel ist geblieben von der besungenen „Vision eines ausdrucksstarken“ Weltklasse Syrah? Ich fürchte, nicht allzu viel. Jedenfalls nicht jene Wildheit, die ihm immer wieder zugesprochen wird. Etwas aber finde ich interessant, zumindest im Ansatz: Eine Besonderheit, welche Weine aus wurzelechten Reben auszeichnet. Die alten, knorrigen Rebstöcke – so sagt man mir – seien hier nie von der Reblaus befallen worden, also noch „echt“. Eine Erfahrung, die mir weitgehend fehlt, denn was ich an Shiraz-Weinen bisher getrunken habe, wurde in den letzten rund hundert Jahren auf andern Wurzeln kultiviert; was ich also als Wein aus Shiraz-Trauben kenne, hat sich (auch bei mir) als nichtwurzelecht eingebürgert. Gibt es da wirklich einen Unterschied? Ich kann keine schlüssige Antwort finden, jedenfalls nicht nach dieser ersten Begegnung. Worte gibt es dafür sicher – auch schöne, auch treffende. Aber ist das Erlebnis nach dieser für mich ersten Begegnung ein wirklich neues Shiraz-Erlebnis?

Ich atme dreimal tief und möchte die Antwort offen lassen. Eine zweite Flasche wartet auf ein zweites Urteil. Jeder – auch ein Wein – verdient eine zweite Chance.

14. November 2012

 

Clos Bagatelle: La terre de mon père, 2006, Saint-Chinian, Languedoc

 

Das Weingut kenne ich – zumindest aus der Weinliteratur – , doch ich habe noch nie eine Flasche gekauft. Sie war mir zu modisch, zu auffällig-elegant, zu extravagant. Zugegeben, dies hat nichts mit dem Wein zu tun. Doch allzu modische Etiketten, allzu ausgefallene Namen und Flaschenformen wecken meinen Argwohn. Nur Bluff, nur Mode, nur Blender? Vielleicht muss man doch ab und zu eingeschliffene Vorurteile ablegen, einfach mal zugreifen und probieren. Dies habe ich bei dieser Flasche getan. Und es ist gut so. Sie enthält einen äusserst feinen - ich bin geneigt zu sagen – tiefen Wein. Nachhaltig ist vielleicht ein verständlicherer Ausdruck, auch wenn er bisher kaum auf Wein Anwendung findet. Schon die Nase ausgesprochen rund, wohlklingend, die Düfte eng gebündelt, ineinander verwoben, Wärme ausstrahlend. Dies geht so weiter im Mund. Ich bin nie ganz sicher, ob der Wein nur blufft, nur blendet, die Faszination könnte nach kurzer Zeit verfliegen. Sie tut es nicht, nein, sie hält an, bis in den Abgang. Dann habe ich aber doch das Gefühl, Leichtigkeit getrunken zu haben. Wohltuende Leichtigkeit. Mir fehlen das Gewicht, die Kraft, wohl auch die Ecken – auch wenn sie in diesem Fall rund sein würden. Der Wein weist 14.5% alc/vol aus und man spürt den Alkohol nicht, zumindest nicht bei dem ersten Glas. Irgendwie ist er mir doch zu weich, zu mollig, der Wein. Aber er ist gut. Ich sehne mich nach mehr Kraft, vielleicht sogar nach mehr Persönlichkeit. Die Extravaganz der Flasche hat sich im Wein aufgelöst, ist geradezu zur Karikatur meiner Erwartungen geworden. „La terre de mon pére“ – wohl eine Anspielung auf „la gloire de mon père“ von Mercel Pagnol – hat etwas von der Poesie des literarischen Werkes, aber nicht seine Kraft und Verbindlichkeit.

10. November 2012

 

Foncalieu-Pic Saint Loup: Thieri Loup, 2009

Coteau du Languedoc

 

Ich gebe offen zu, dass jene Weine, die mit einer Geschichte verbunden sind, meist mit einer Sage oder Legende, mir besonders am Herzen liegen. Natürlich muss der Wein – nicht nur die Geschichte – auch gut sein, zumindest bemerkenswert. Doch mit einer guten Geschichte werden immer auch Emotionen transportiert, Gefühle verpackt in einer Erzählung. Auch Weine transportieren Gefühle, verpackt eben in Wein. Thieri Loup ist ein solcher Wein, auf seiner Etikette steht eine Geschichte ohne Happyend.

Sie geht etwa so: Drei Brüder, Guiral, Alban und Thieri Loup sind alle verliebt in die schöne Bertrade. Doch sie konnte sich für keinen entscheiden. Thieri wollte seine Tugend beweisen und schloss sich mit seinen Brüdern den Kreuzzügen an. Als sie aus dem Heiligen Land zurückkamen, mussten sie erfahren, dass die Angebetete sich ihnen soeben durch den Tod entzogen hat. Sie beschlossen fortan als Einsiedler auf den drei benachbarten Hügeln zu leben, Thieri auf dem höchsten, Guiral und Alban auf den beiden andern. Am 19. März, leuchtet noch heute jedem von ihnen ein Feuer in Erinnerung an schöne Bertrade und die unglückliche Liebe.

Der Berg, auf dem Thieris Klause stand, ist nach ihm benannt worden: Pic Loup. Pic Loup ist der nördlichste Teil der Languedoc. Die heissen Tage und die kalten Nächte, aber auch der für den Süden eher untypischen Kalkböden und die Winde vom nahen Rhônetal haben hier einen eigenen Typus Wein hervorgebracht: filigran, weich, samten, fast schon schmelzig. Und doch mit einer unglaublichen Aromenvielfalt, die von roten und schwarzen Beeren bis zu Kakao und Lakritze reicht.

Der Thieri Loup ist sicher nicht der beste Wein aus dieser Region. Aber immerhin so gut, dass er mit Würde die Legende der unerfüllten Liebe in die Welt hinaustragen darf.

10. November 2012

 

Puech-Haut: "Prestige", 2007

Coteaux-du-Languedoc

 

Eine Erfolgsgeschichte, wie sie zwar einmalig ist, doch in verschiedenen ähnlichen Versionen immer wieder auftaucht. Auch im Bereich des Weins. Ein Geschäftsmann, mal Unternehmer, mal Immobilienhändler, mal Industrieller, mal Käufer und Verkäufer, verwirklicht „seinen Traum“. Meist steht auch ein Vater oder Grossvater dahinter, „der seine Vorliebe für die Jagd und die Weinberge weitergegeben hat“ bis es dann eines Tages zum „Kauf eines Grundstücks aus sentimentalen Gründen“ kommt.

In diesem Fall waren es 30 Hektaren Land auf einem Hügel, der von Garrigue und Olivenbäumen überwachsen war. Nicht ein einziger Weinstock stand da. Also wurde gerodet, ausgerissen, erschlossen, gepflanzt, angelegt… Kurzum, es entstand ein neues Weingut, nordöstlich von Montpellier, wo es auch keine AOC-Klassifizierung gab. Und es kam, wie es bei erfolgreichen Managern eben kommen muss: Der Wein-Tausendsassa Michel Rolland musste seinen Segen erteilen und das Weingut wachsen und prosperieren, bis schliesslich auf 130 Hektaren so viel Reben stehen, dass daraus jährlich mehr als 5‘500 Hektoliter Wein produziert werden kann.

Ich gebe zu: solche Erfolgsgeschichten sind imposant. Meist werden sie noch ausgeschmückt – wie auch hier – mit kulturellen Leistungen. Architektonisch interessante Gebäude – ob alt oder neu – müssen her, Künstler werden gefördert, gehen ein und aus, modernste Technik wird eingeführt. Der Hausherr, der hier alles geschaffen hat, sitzt zufrieden bei seinem Wein, eine dicke Zigarre in der Hand, und träumt von der Elefantenjagd irgendwo wo es eben noch Elefanten gibt. Es gibt ja nichts auf dieser Welt, das nicht möglich ist.

Dies alles erinnert etwas an die Tellerwäscher-Geschichten Amerikas, nur dass der Hausherr von Puech-Haut nie Tellerwäscher war. Doch die gebratenen Tauben sind auch ihm nicht einfach in den Mund geflogen: harte Arbeit, viel Einsatz, Anpacken und Durchsetzten so seine Devisen. Daraus entstehen Weine, wie dieser „Prestige“, der zwar gekonnt ausgebaut, nahezu perfekt ist, und doch ein gutes Stück vom Terroir, von der Tradition im Languedoc weitergibt. Kein Designerwein, wie man vermuten könnte.

Es ist ein „Einheimischer“ mit all den Aromen, welche das Languedoc – zumindest in den besten Lagen – hervorbringen kann. Grenache und Syrah sind die Grundlage für Anklänge an Walderde, Frühlingsblumen, Lakritze, ja sogar Weihrauch ist unschwer festzumachen. Ein Wein der nicht Samt und Seide gepackt ist, sondern durchaus auch anecken kann im Gaumen, Druck entwickelt mit seiner vollmundigen Struktur und einen langen, lupenreinen Abgang hinlegt.

Es ist so, als die Erfolgsgeschichte eines Weinguts beim Wein angehalten hat. Hier – beim Wein – ist nichts von der Mache, von der Konstruktion eines Imperiums zu spüren. Im Wein dominiert die Natur, die Erde, die Tradition eines alten Weingebiets. Mein Wein-Weltbild gerät ins Wanken. Vor allem, wenn ich an die „gemachten“ Weine des Bordelais denke.

09. November 2012

 

Château La Liquière: "Vieilles Vignes", 2010,

Faugères, Languedoc

 

Seit vielen Jahren habe ich wieder einmal einen Wein von La Liquière im Glas. Das Weingut gehört zu den ältesten der Region, mit einer langen Familiengeschichte. Als ich zum ersten Mal – vor über dreissig Jahren – in die Languedoc kam, da hat La Liquière lange zu meinen Lieblingsweinen gehört. Später bin ich dem grossen Weingut untreu geworden, nicht weil der Wein schlecht – oder eben schlechter – geworden ist. Nein – weil sich andere Weingüter aufgedrängt haben.

Weingüter, die aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht sind, oder Newcomers welche immer mehr die Region als Weingebiet prägten. In der gleichen Gemeinde Cabrerolles hat zum Beispiel Michel Louison ein „Mustergut“ aufgebaut und über Jahre den Stil des „gehobenen Faugères“ bestimmt. Michel Louison hat sein Weingut bereits wieder verkauft (der Nachfolger bewegt sich auf seinen Spuren).

Das Familienunternehmen La Liquière aber macht – von Generation zu Generation – weiter, verbessert seine Weine, verfeinert seinen Stil und trägt nicht weniger dazu bei, dass Faugères heute zu den besten Languedoc-Weinen zählt als dies der eher guruhafte Michel Louison mit seinem Château Estanilles getan hat.

Aber halt! Meine Behauptung schon lange keinen La Liquière mehr konsumiert zu haben, stimmt nicht (ganz). Der moderne Cistus – aus speziellen Parzellen des Weinguts – gehört natürlich auch zu La Liquière. Darüber habe ich – auf meiner Homepage und im Forum von Wein-Plus.eu - am 4. Mai 2012 geschrieben: „…für mich ist der Prachtskerl zu prächtig. Allein schon die dickglasige Flasche deutet es an: Es geht hier auch um Prestige, es geht hier darum, im internationalen Weinkonzert mitspielen zu können. Mainstream mit nicht-mainstreamigen Rebsorten, Mainstream von einem nicht-mainstreamigen Terroir. Da geht irgendetwas nicht ganz zusammen. Entweder Prachtskerl oder zurückhaltend vornehm. Entweder international oder ein Kind der Gegend….“

Jetzt also habe ich das „Original“ im Glas – für mich jedenfalls ist es das Original oder so etwas Ähnliches. So wie ich den Liquière einst kennen gelernt habe – sogar jetzt noch besser, sogar viel besser…45 % Carignan, 35 % Grenache, 10 % Syrah und 10 % Mourvèdre, typisch Languedoc also.

Ist diese Haltung zu konservativ? Träume ich von etwas, das längst der Vergangenheit angehört? Nein. Die alten Reben haben es gebracht. Es ist ein intensiver Wein, ein Wein der das Holz weit hinter sich lässt, ein Wein, der – so scheint mir – tief in den Boden dringt und die mineralischen Noten mit den herrlichen Fruchtaromen verbindet. Ich bin versöhnt mit dem Weingut. Mit rund 60 Hektaren darf es ruhig auch modernere Weine machen, für all jene, die modern mit dem Prädikat „besonders gut“ verbinden. Dagegen gibt es nichts einzuwenden.

08. November 2012

 

Château des Adouzes, "Plô de Figues", 2003, Roquessels, Faugères

 

 

Es gibt Weine, bei denen man ratlos ist, nicht begreift, was passiert, das Gefühl hat, die Weinwelt nicht mehr zu verstehen. Der „Plô de Figues“ ist so ein Wein, zumindest diese Flasche. Bereits in der Nase ein Geruch, den ich überhaupt nicht zuordnen kann: Hefe meine ich, doch dahinter exotische Gewürze, Garrigue, Gingster, Heidekraut, Thymian. Aber keine fröhlichen, offenen Aromen; gepresste, plumpe Anklänge, auch Schiste ist deutlich erkennbar. Im Gaumen geht es weiter... Wir tappen im Dunkeln und tippen auf einen Fehlton… Doch welche Art von Fehler? Was ist da passiert? Der Wein – immerhin der Spitzenwein des Château des Adouzes – macht nicht nur keine Freude, er tendiert zum Ausschütten. Abhaken! Einfach Pech gehabt. Doch wir möchten es wissen. Beim nächsten Ausgang erstehen wir nochmals eine Flasche, in einem andern Weingeschäft, den gleichen Jahrgang. Eigentlich möchte man es doch wissen. Liegt es am Geschmack oder eben doch am Wein, an dieser einen Flasche. Ich werde darüber berichten.

08. November 2012

 

Cave des vignerons réunis „Les crus Faugères“, Carte Noire, 2010

 

Ein Genossenschaftswein, mit einer prägnanten Etikette, aber als Wein kaum der Rede wert. Wenn ich ihn trotzdem erwähne, hat dies einen speziellen Grund. Ich traf ihn beim „Vietnamese“, in einem kleinen Restaurant – das ganze Jahr offen – so quasi ein Einmannbetrieb, wo man zu jeder Zeit für wenig Geld ordentlich essen kann, jedenfalls authentisch und gut. Der Patron, ein kleiner munterer Vietnamese, schon fast ein ganzes Leben in Frankreich, hat drei Kinder, die im Winter im kleinen Lokal ihre Schulaufgaben machen, am Computer spielen, hier zur Schule gehen, perfekt französisch sprechen und längst in integriert sind in ihrer neuen Heimat. Der sympathische, immer gut aufgelegte Wirt spricht ein vietnamesisches Französisch, nicht ganz einfach zu verstehen, gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie vertraut, schon fast mit einheimischem Klang. Die Speisekarte: Megkong-Nudel- und andere Suppen, knuspriges Reispapier, gerollte Glasnudeln, Krabben, Salat, Kräuter… was eben die chinesischen oder vietnamesischen Garküche so anbietet. Mir haben es die Dumplings angetan, nicht speziell phantasievoll in der Art (seit Jahren die gleichen vier Rezepte) aber gut.

Und nun der Wein: zum günstigen Essen kann kein Wein ausgeschenkt werden, der ein Mehrfaches der Mahlzeit kostet. Es muss also ein „einfacher“ und „günstiger“ Wein sein, der sowohl den Ess- als auch den Trinkfreuden gerecht werden kann. Da hat mein Vietnameser eine glückliche Hand. „Etwas von der Gegend“, sagt er schmunzelnd. Ich weiss genau, er hat nichts anderes. Nur zwei Rote, einen „offenen, gekauft „en vrac“ – nicht mein Fall – und eine Flasche. Diesmal eben den „

„Carte Noire“, von der Winzergenossenschaft in Faugères. Ein sympathischer, ehrlicher Wein, schön zu trinken, spielerisch im Gaumen, einfach in der Struktur, voll von mediterranen Aromen, ein Stück einfaches Landleben im Glas.

Mein Vietnamese hat eine glückliche Hand bei der Weinwahl, immer wieder – nicht zuletzt komme ich auch deshalb - immer wieder - in sein kleines Restaurant. 

01 November 2012

 

Gesellmann: Blaufränkisch Hochberc, 2006, Burgenland

 

Es klingt vielleicht etwas seltsam, wenn ich offen zugebe, den Wein kannte ich bis heute nicht. Ein Weinfreund, der im Augenblick täglich mit mir in den Rebbergen bei der Lese ist, hat ihn mitgebracht, natürlich mit den obligaten grossen Augen, die fragen: Was meinst denn Du? Meine Antwort kommt etwas zögerlich, sie enthält wohl auch mehr Anerkennung und Staunen, denn direktes Lob. Natürlich habe ich sofort die tolle Nase registriert, die dunkle, fast schwarze Farbe und - im Gaumen - die kernige Struktur. Ein Wow-Wein und doch kein Schmeichler, er erschlägt nicht, er schlägt ein. Zumindest wenn er so gemacht ist, wie dieser „Hochberc“ vom Weingut Gesellmann.

Meine Zurückhaltung beginnt zwar schon bei der Rebsorte. Blaufränkisch? Ich weiss, es ist die meist angebaute Rebe für Rotweine in Österreich, zumindest im Burgenland. Ich weiss, dass die Österreicher zu Recht stolz sind, auf diese, ihre - eigentlich autochthone - Rebsorte. Ich weiss auch, dass ich schon öfters (bei Degustationen), recht unterschiedliche Blaufränkische im Glas hatte. Relativ helle, leichte, fruchtige, beschwingte Weine; handkehrum wieder dunkle, schwere, aromatische, tanninreiche Weine, die eher nach dem Bass oder Kontrabass rufen. Schon allein dies verunsichert mich, den noch tappsenden Neuling im Bereich der österreichischen Weinen.

Zuerst war es der Zweigelt, den ich langsam aber sicher „erobert“ habe (oder hat er mich erobert?) Er wurde – für mich – zum österreichischen Wein schlechthin. Fast möchte ich mit Higgins (My fair Lady) mit trällern: „Ich bin so gewohnt an sein Gesicht“. Mit dem Blaufränkischen ist ein neues Gesicht aufgetaucht, genau so schön und attraktiv, aber eben anders. Doch das Blumenmädchen Eliza Doolitle war auch nicht von Anfang an die die feine Dame, die den Männern den Kopf verdrehte.

Nein, den Kopf hat er mir (noch) nicht verdreht, der Hochberc von Gesellmann, auch (noch) nicht verzaubert, durch sein aussergewöhnliches und anmutiges Wesen, wie es Eliza auf dem Diplomatenball tat. Ich bin ja auch kein Diplomat, beginne auch sofort zu analysieren: Nougat, sogar etwas Schokolade, kräftig-elegant, vor allem im Abgang. Für mich eine etwas zu süsse Kirschenfrucht (der Wein hat aber nur ca. 1 gr. Restzucker), die sich mit Röstaromen im Abgang paart. Ein toller Wein. Lassen Sie mich doch staunen und noch ein paar Blaufränkische von ähnlichem Kaliber trinken, wer weiss, vielleicht komme auch ich dann sogar ins Schwärmen, stehe unter dem berühmten Balkon und warte bis Rose herunterfällt.

12. Oktober 2012

 

Giacosa Fratelli: Barolo 1986
Neive, Piemont


Wie trinkbar ist ein „untrinkbarer“ Wein. Vor dieser Frage stand ich gestern. Irgendwann habe ich in einem Lot verschiedene Weine aus dem Piemont diese Flasche (unfreiwillig) ersteigert. Weil ich so gut wie nichts über den Wein wusste, habe ich das getan, was alle tun: gegoogelt. Die Adresse – es ist keine schlechte, sogar eine bemerkenswerte – ist mir zwar bekannt; ich habe auch schon jüngere Weine von diesem Weingut getrunken. Aber einen 86er? Noch nie!
Natürlich bin ich erschrocken, als ich das einzige Ergebnis für den 1986er von Giacosa Fratelli auf http://www.cellartracker.com gelesen habe: „Tasted by vanpe003 on 12/19/2007 & rated 65 points: Undrinkable, as has been every btl from this seller“. Nun – ich kenne vanpe003 nicht und sind auch schon fast fünf Jahre seit dieser Notiz vergangen. Also geht es jetzt darum, festzustellen, wie untrinkbar ein untrinkbarer Wein ist, ein Wein, der gerade Mal 65 Punkte erhalten hat.
Ich habe ihn getrunken, obwohl er ja untrinkbar war; er war trinkbar, hat aber wenig Spass gemacht. Die oxydativen Noten hielten sich in Grenzen, er war sogar feinkörnig, samtig, mit feinen  Aromen von Trüffel, Kirschen, Waldbeeren. Dies stellte ich – fast schon erstaunt – fest. Doch das ganze Gerüst, das Gewand sozusagen, war gezerrt, irgendwie scheint es zusammenzubrechen.
Ich habe den Wein – dem ich durchaus noch einiges abgewinnen konnte – nach zu dreiviertel geleerter Flasche weggestellt, nein entsorgt. Trinkbarkeit ist halt doch ein dehnbarer Begriff.
Zur Ehrenrettung des Weinguts: In den achtziger Jahren hat die Winzerfamilie Giacosa, die vorher vor allem im Weinhandel tätig war, begonnen, in guten und besten Lagen Reben zu erwerben und diese selber zu bewirtschaften. Daraus entstanden schon in kurzer Zeit qualitativ beachtliche Weine, die jetzt – wo schon wieder die nächste Generation am Werk ist – auch internationale Anerkennung findet. Parker gab dem Barolo Bussia 2006 immerhin 90 Punkte; dem Barbaresco Basarin Vigna Gianmatè 2008 sogar 93.

11. Oktober 2012

 

La Gaffelière, 1995
Saint Emilion, Bordeaux


Es gibt Zufälle im Leben, die oft Stoff für kleine und grosse Geschichten sind, auch Weingeschichten. Gestern zum Beispiel hatten wir zum Nachtessen (Speck, Rippli und Bohnen) einen Château La Gaffèliere, 1995, im Glas. Ein merlotbetonter Wein von einem Weingut, das bis spät in die 80er Jahre seinem Rang als Premier Grand Cru Classé in St-Emilion überhaupt nicht gerecht wurde. Dann kam der „andere“ La Gaffelière, der Canon-la-Gaffelière von Graf Neipperg, zwar „nur“ ein Grand Cru Classé, aber er drehte mächtig auf. 1994 heimste er neunzig Parker-Punkte ein - und in den Folgejahren immer neunzig und mehr Punkte. Man sprach in Kreisen von Bordeaux-Liebhabern vom Canon-la-Gaffelière, aber kaum je vom eigentlich renommierteren La Gaffelière. Man kann ruhig sagen, Graf Neipperg hat die Show gestohlen.
1995 – aus diesem Jahr stammt mein Wein – kostete Canon-la-Gaffelière fast das Doppelte von La Gaffelière und dies blieb bis vor zehn Jahren etwa so. In aller Stille hat sich aber auf La Gaffelière ein Wandel vollzogen,  man macht jetzt dort zumindest ebenbürtige Weine, ich meine sogar eigenständigere, charaktervollere, ja – ich wag es kaum zu schreiben – besseren Weine. Davon sprachen wir, während wir den mittelmässigen 95er von La Gaffelière tranken.
Gut zwei Stunden später, wir waren gerade im Begriff uns in Bett zu verabschieden, klingelte das Telefon. Ein befreundetes Paar am Apparat, das gerade daran ist, langsam durch das Périgord von ihrer ersten Bordeaux-Reise in die Schweiz zurückzukehren. „Weisst Du, was passiert ist?“, fragte mich die Bekannte. Nein, natürlich eine rein rhetorische Frage, wie sollte ich dies auch wissen? „Wir haben uns beim Grafen Neipperg angemeldet, doch als wir kamen, da wusste man von nichts.“ Grosses Rätselraten Was ist passiert?
Irgendjemand kam auf die glänzende Idee, man könnte eventuell die Weingüter verwechselt haben und sei vielleicht auf La Gaffelière angemeldet. „Tatsächlich, dort hat man längst auf uns gewartet!“, berichtete Kleinlaut meine Bekannte: „Wie peinlich!“
Es muss niemandem peinlich sein. Die beiden Weingüter stehen heute gleichauf, bezüglich der Qualität, des Renommees und der Bedeutung in der Appellation. Ich persönlich gehe noch einen Schritt weiter und meine, La Gaffelière produziert heute sogar die authentischeren Wein als sein Nachbargut. Der direkte Vergleich fehlt meinen Bekannten, da können sie (leider) nicht mitreden, denn sie konnten ja nur eines der Weingüter besuchen, kennen also nur den einen Wein.
Den andern aber – den Canon la Gaffelière – werden wir einschenken, sobald sie zurück sind. Dann wagen wir zusammen einen direkten Vergleich. Ich wette, La Gaffelière wird dabei obsiegen, denn was man einmal kennen gelernt und liebgewonnen hat, gibt man nicht so ohne auf. Ich weiss dies nur zu gut, denn ich war bisher einige Male auf Canon-la-Gaffelière und noch nie auf dem Nachbargut.

08.10.2012

 

Fernando Principiano: Boscareto 1999, Barolo, Piemont

 

Man hat mir gesagt, ich müsse den Barbera von Principiano trinken, da entwickle sich ein Bouquet, das „einem Korb frischer Früchte gleicht, die förmlich aus dem Glas springen“. Nun – ich esse die frischen Früchte viel lieber direkt, als dass ich ihre Düfte dem Wein entnehme. Zudem: in der Wohnung umherspringende Früchte schätze ich nicht besonders.

 Aber keine Angst, „meinem“ Boscareto 1996 entspringen keine „frischen Früchte“ (mehr), vielmehr entnehme ich ihm ein Stück Walderde, Herbstpilze, Trockenblumen, Gewürze… Es kommen mir noch eine ganze Reihe von sensorische Erinnerungen hoch, wenn sich die Nase dem Wein nähert. Und schon beim ersten Schluck wechseln meine Assoziationen, sie begeben sich in eine eher vornehme Gesellschaft, alles kräftige Männer, elegant gekleidet, ernst und würdig. Eine Männergesellschaft eben. Mir fehlt das weibliche Element, der Charme, die Verführung.

 Doch was rede ich da so daher, der Wein ist gut und er gefällt mir. Warum? Da ist einmal der Genussfaktor, der sich so leicht eben nicht in klar definierte Begriffe packen lässt. Eigentlich möchte ich etwas über die Tannine sagen, über den harten, aber weich nachklingenden Abgang, über den sanften Vanillegeschmack, der zurückbleibt, über…

 Nein – ich denke lieber an meinen letzten Besuch im Piemont, es wird bald einmal ein Jahr her sein. Ich denke an die Landschaft, an die sanften Hügel, an die Schneeberge weit in der Ferne, an die Gespräche mit Winzerinnen und Winzer über Wein (und das Leben). Der leicht säuerlich-muffige Kellerduft steigt wieder in meine Nase – nicht dem Wein entkrochen – viel eher meiner Erinnerung und dem Erlebten. Es wird mir wieder einmal schlagartig bewusst, dass ein genüssliches Trinken nicht nur von der Qualität des Weins abhängt, sondern – wohl weit mehr – von dem, was wir an Erlebtem in uns gespeichert haben.

Anstatt weiter zu schreiben, öffne ich das elektronische Fotoalbum… Bilder, Bilder, Bilder. Sie sind auch (oder gerade) in diesem Wein gespeichert.

 

06. Oktober 2012

 

Terre Vieille: X vin, 2009

Pécharmant, Grateloup, Bergerac


 

Es mag mühsam sein, zum dritten Mal einen Wein aus dem gleichen Weingut vorgesetzt zu bekommen, das man hierzulande kaum kennt. Es ist zudem vielleicht sogar nicht das allerbeste Weingut der Gegend, in einer Region, die hierzulande genau so wenig bekannt ist. Was soll die Notiz also? Sie soll mir – und vielleicht noch vielen andern Weinfreunden – Mut machen, das wenig Bekannte ernst zu nehmen, dranzubleiben, nicht nur tänzelnd durch die Weinszene hüpfen.

 Dranbleiben, auch wenn scheinbar der „Coup de foudre“ beim ersten Schluck, bei der ersten Flaschen, bei der ersten Begegnung ausgeblieben ist. Meist ist es so – vor allem auf Entdeckungsreisen im Urlaub, - dass zwar die Liebe samt „Cou de foudre“ vor Ort einsetzt, spätestens aber zuhause verflogen ist. Mitgebrachte Flaschen stauen sich in der Regel im Keller und vergammeln nicht ganz selten. Auch ich bin da nicht gefeit. Diesmal aber will ich es wissen: dranbleiben!

 „X vin“ – der günstigste der vier angebotenen Weine (7.50 Euro ab Hof) – ist für mich der authentiste. Zwar „modern“ würde man sagen, was immer dies auch bedeuten mag. Für mich ohne Firlefanz, ohne Holzeinsatz, ohne Konzentrator, mit (verhältnismässig) wenig Alkoholprozenten.

 Während die Weine vom nahe gelegenen Bordeaux immer üppiger, immer schwerer, immer kraftraffinierter werden (und sich die andern Weine in Bergerac daran orientieren), tänzelt hier ein scheinbares Leichtgewicht daher. Doch es ist ein Wein mit vielen Nuancen, vielen feinen, differenzierten Tönen, sowohl in der Nase, als auch im Gaumen. Zu diesem Preis auch ein hervorragender Gastrowein.

 Ich gebe zu, auch der Name des Weins hat es mir angetan: X-vin. Nicht ein X-beliebiger Wein, sondern…. X gleich zehn oder französisch dix, daraus ergibt sich sprachlich dix-vin, das x spricht man nicht aus, also Divin, was so viel wie „göttlich“ heisst. Ein hoher Anspruch, doch im irdischen Weindasein erreicht er zumindest einen Hauch davon.

05. Oktober 2012

 

Grand-Puy Lacoste, 1981
Pauillac, Bordeaux

 

„Heute sicherlich in der Endphase“, schrieb René Gabriel vor 16 Jahren. Gestern habe ich ihn getrunken, den 81er Lacoste, der die Jahrtausendwende ja nicht überstehen sollte. „Erstens kommt es anders, als …“ Ein Spruch der - ganz besonders beim Wein - so als Entschuldigung dient. Es ist wieder einmal ganz anders gekommen.

Der Wein lebt (noch) und dies, obwohl der Jahrgang einst im Bordelais – zumindest im Spekulationsgeschäft – fast ganz übergangen wurde. Die Flaschen sind also an Auktionen noch billig zu haben; vor fünf Jahren habe ich 25 Franken (brutto) bezahlt und wurde belächelt, dass ich einen solchen Schrott überhaupt kaufe.

Das Wagnis hat sich gelohnt, der Wein präsentiert sich noch immer schön, rund, weich, aromatisch, mit genügend Säure, die alles wunderbar zusammenhält. Es ist kein Schreier und schon gar kein Bomber, viel eher ein Wein zur Kontemplation, zum Nachdenken, Verweilen. Ich liebe solche – in den Augen mancher Önologen – „kleinen“, unbedeutenden, wenn nicht sogar „schwachen“ Weine, die in ihrer Blütezeit gerade mal auf 15/20 oder 80/100 Punkten kommen. Wenn sie die Jahre überstehen, haben sie ihre Qualität. Was scheren mich da die Punkte?

Was ich jetzt im Glas habe, ist ganz einfach: ein schöner, reifer, noch vifer, abgeklärter Wein. Ein Bettmümpfeli! Und wenn ich jetzt gefragt werde, wo liegt denn seine Qualität? Dann antworte ich: in der Ruhe, in der Gelassenheit, in der Unauffälligkeit. Doch dies gibt eben keine Punkte.

30. September 2012

 

Terre Vieille: l'Ambroise, 2009
Pécharmant, Bergerac

 

Natürlich konnte ich nicht warten, bis der Spitzenwein des Weingutes „Terre Vieille“ (in der Nähe von Bergerac) wirklich trinkreif ist. Ich habe ihn mitgenommen, von meiner Reise durchs Périgord (beschrieben in zwei Kolumnen im Magazin von Wein-Plus), und ich war gespannt, wie sich der Wein jetzt – zuhause - macht. Er macht sich gut, sehr gut sogar, auch wenn man eigentlich erst das Potential beurteilen kann. Noch ist vieles nicht geschliffen, einiges noch im Werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Wein in fünf, acht Jahren noch einen viel kompakteren Eindruck hinterlässt. Doch schon heute hat er viel Freude bereitet. Und es ist nicht nur die Erinnerung an ein stattliches, gepflegtes Weingut und einen erzählfreudigen Winzer. Es ist auch – und vor allem – die dichte des Weins: eigenwillig mineralisch, in der Tiefe viel Frucht, noch etwas zu viel Holz, aber bereits schöne, etwas körnige Tannine. Ich meine, der Wein hat mehr Charakter als viele der hochgelobten (und viel teureren) Bordeaux, obwohl der Stil (vor allem auch die Cuvée) bordeauxlike ist. Ich habe lange überlegt, was denn dieser Wein vom klassischen Bordeaux (sofern es so etwas gibt) abhebt. Es ist wohl das, was ich schon beim „kleineren“ Bruder des Weingutes festgestellt habe. Eine ausgesprochen präsente Mineralik. Etwas Eigenwilliges, das ich bisher kaum in einem Wein – in dieser Ausgeprägtheit – erlebt habe. Ich meine, der Wein hat Charakter, und charaktervolle Weine liebe ich viel mehr, als vordergründige Charmeure.

25. September 2012

 

Lynch Bages, 1995,

Pauillac, Bordeaux

 

Früher stand er ab und zu mal auf unserem Tisch, der Lynch Bages, der „Mouton des kleinen Mannes“. Heute schon recht selten. Kostet doch eine Flasche Lynch Bages jetzt – je nach Jahrgang – hundert und mehr Euro. So finanzklein kann also der „kleine Mann“ auch wieder nicht sein, wenn er sich diesen Pauillac einfach so – zwischendurch – mal leistet. Der Lynche Bages ist ein recht teurer Festtagswein geworden. Noch vor 15 Jahren bekam man für das Geld, das man heute für den Wein bezahlen muss, einen „echten“ Mouton-Rotschild. Vergangene Zeiten!

Gestern war bei mir Alltag – und erst noch ein arbeitsreicher, aufreibender. Trotzdem – oder gerade deshalb – wurde die letzte Flasche Lynch Bages 1995 aus dem Keller geholt. Er kostete damals so um 30 Franken, heute verlangt der Weinhändler rund das fünffache.

Ich erinnere mich noch gut: vor sechs Jahren reiste ich an eine Vertikal-Degustation zu den Kölner Weinfreunden. 21 Jahrgänge von 1978 bis 2003 galt es zu verkosten. Ich schrieb damals in meiner Kolumne: „…ob nun der 2000er wirklich der allerbeste Lynch-Bages der letzten 20 Jahre ist, oder ob der gereifte 89er den noch jungen, körperprotzigen Jahrhundertwein dereinst - im gleichen Alter - übertrumpfen wird; ob der 96 wirklich das Potential eines „großen Weins” hat, oder eben nur 85 Punkte „verdient”, die er von einem Degustator erhalten hat; ob der 97er marmeladig ist, wie Parker meint, oder die „fröhliche Fruchtpräsenz” besitzt, welche René Gabriel rekognosziert hat, das alles wird zwar an einer Vertikalen registriert und besprochen. Letztlich aber ist es unerheblich beim Genuss von so viel guten Weinen. Da brauch ich keinen Mouton, ich bin ganz einfach zufrieden, dass ich nur ein „kleiner Mann” bin.“

Gestern also war ich wieder einmal dieser „kleine Mann“. Und? Ja – der Wein hält, was er verspricht. Allerdings erscheint er mir noch immer etwas sperrig, etwas mehlig im Mund, noch nicht ganz entfesselt in der Kraft, viel Stoff am Gaumen, schöne, weiche Noten im Abgang, viel Aromen bis in den Nachklang hinein. Ein schöner Wein, mit 17 Jahren noch jung.

Es ist gut, dass man den Genuss von Weine nicht mit Punkten, oder gar mit Marktpreisen werten und einordnen kann. So quasi: fünf Mal besser als damals, fünfmal schlechter als ein Mouton Rotschild heute – oder so. Das sind Spielereien, sie kommen bei mir erst auf, wenn ich darüber nachdenke und schreibe. Also warte ich, bis ich wieder einmal Lust habe, ein „kleiner Mann“ zu sein. Dann habe ich zwar keinen 95er mehr, aber noch ein paar andere Jahrgänge, die ihren Ruf beweisen können. Es wird dann aber wohl ein Festtag sein.

21. September 2012

 

M'Hudi, Merlot, 2009

Stellenbosch, Südafrika

 

Begegnung mit einem seltenen Gast, einem Merlot mit dem ungewöhnlichen Namen M’Hudi. Dies heisse, so habe ich mich belehren lassen, in der Sprache Setswana, die in Südafrika noch von sieben Prozent der Bevölkerung gesprochen wird, Erntehelfer. Dem Wein bin ich vor etwas mehr als einem Jahr begegnet, und ich habe damals in einer Kolumne bei Wein-Plus unter dem Titel „Wein entdecken: Mut zum Abenteuer“ geschrieben. „M’Hudi soll eines der ersten Weingüter sein, das ganz im Besitz einer farbigen Familie ist. Diale Rangaka, Professor für englische Literatur, und seine Frau Malmsey haben sich einen Traum erfüllt und vor neun Jahren ein Weingut in Stellenbosch erworben. Fast exotisches Beispiel eines Quereinsteigers als Winzer, nicht irgendwo, abgelegen auf dem Land, sondern mitten im Herzen südafrikanischer Weinbautradition. Ein Schwarzer, ein Schöngeist, der – wie er selber sagt - von Weinmachen keine Ahnung hatte, unter selbstbewussten weissen Siedlern, die den Ruf vom „Kap des guten Weins“ begründet haben. Wenn das nur gut geht!

Inzwischen ist bekannt: Es ist gut gegangen. Die Familie Rangaka macht gute Weine. Weine, die bereits international Anerkennung gefunden haben. Anfänglich war es vielleicht die abenteuerliche Geschichte der Familie Rangaka, die das Weingut bekannt gemacht hat. Heute sind es eher die Qualität der Weine und die die Philosophie, die hinter der Weinproduktion steckt: „Unsere Weine sollen unkompliziert sein und einfach Freude bereiten.“

Trotz der Freuden, die mir der Wein damals bereitet hat, habe ich ihn vergessen; er ist untergetaucht, verschwunden unter den vielen guten (und weniger guten) Weinen, die ich inzwischen getrunken habe. War es nur die Exotik, die mich damals angesprochen hat? Gestern also kam es zur erneuten Begegnung, einem Merlot aus dem Hause „D’Hudi“. Ein schöner, kräftiger, eleganter Wein, fast schon ein Charmeur (warum wird dieser Begriff eigentlich meist negativ aufgefasst?). Ein Charmeur ist kein Blender; er hält meist, was er verspricht (nur ist man sich nicht immer sicher. Diesmal bin ich sicher. Dieser Merlot ist fruchtig, rund, aromenreich und (für mich) genüsslich. Der Abgang ist kräftig und lang, was wohl zur Nagelprobe bei einem Charmeur gehört. Auch hier (Schweiz), wo der Tessiner-Merlot Massstäbe setzt, kann er bestehen, mit als bouquetreicher, fruchtiger, harmonischer Wein, nicht gross und ausserordentlich, aber etwas, das geliebt sein will.

18. September 2012

 

Château Terre Vieille, 2008,

St-Sauveur de Bergerac

 

Eigentlich war die Enttäuschung programmiert. Doch dies liegt weniger am Wein, denn an mir. Zurückgekehrt aus dem Périgord, dem kulinarischen Herzen Frankreichs, soll ein Wein aus der Gegend – ein Pécharmant – an die Erinnerungen anknüpfen, sie gleichsam auferstehen lassen. Das funktioniert nicht, leider. Trotz Erinnerungen bleibt der Wein schlank, nackt, entblösst von dem was ich gesehen und erlebt habe. Schade.

Doch ein ganz klein wenig liegt dies auch am Wein. Es ist eben ein Pécharmant und kein Bordeaux. Was bedeutet das? Nur die Tatsache, dass es eine Cuvée à la Bordeaux ist, ähnlich ausgebaut, mit den gleichen Rebsorten wie im Bordelais. Und doch ist es eben kein Bordeaux. Weder das Klima, noch der Boden, vielleicht auch nicht die Weinbautradition und schon gar nicht die Preise, erlauben einen direkten Vergleich.

Das Klima ist weniger vom Atlantik beeinflusst, im Sommer ist es bedeutend wärmer hier und im Herbst zieht oft Nebel auf, fast wie in der Gegend von Sauternes. Deshalb ist auch der Süsswein – der Monbazillac – weit berühmter als der rote Pécharmant. Dafür ist er sehr mineralisch, etwas "kerniger", schon fast bäurisch – jedenfalls weit weniger elegant als ein Bordeaux, zumindest als ein "grosser" Bordeaux.

Dies alles hat mir vor Ort sehr gefallen; ich war vom Weingut Terre Vieille beeindruckt, von der Präsentation des Patrons mitten in einer Sammlung prähistorischer Funde, die man in den Weinbergen "gesammelt" hat. Und ich meinte den Geist des Philosophen Maine de Brian zu spüren, der hier aufgewachsen ist und sich immer wieder in sein Heimatdorf zurückgezogen hat.

Auch der Wein ist authentisch, durchaus genussbringend, aromatisch und eigenständig. Kein Wischiwaschi-Wein, wie wir ihn so oft antreffen. Nein, der Pécharmant hat mir echt gefallen. Und jetzt, ein paar Wochen später, zuhause?

Noch immer ist er zweifellos sensorisch gut, ein guter Wein, plötzlich aber auch „brav“, „lampig“ würden wir in unserem Schweizerdeutsch sagen, was etwa so viel wie müde, lahm, welk bedeutet, aber nicht so anstössig ist - beim Wein -, wie die korrekten deutschen Begriffe.

Für mich zeigt sich einmal mehr, die Landschaft, die Atmosphäre, die Magie des Ortes reisen mit einem Wein nicht zwingend mit. (Hier sei noch der Hinweis auf meine beiden Kolumnen zu Périgord bei wein-plus.eu erlaubt)

17. September 2012

 

Moulin-Saint Georges, 1995

Saint-Emilion, Bordeaux

 

Wieder ist fast ein Jahr vergangen. Noch liegen zwei Flaschen Moulin-Saint Georges 1995 im Keller. Anfangs November 2011 habe ich den Wein zum letzten Mal getrunken und hier geschrieben: "Die Überraschung: ein weicher, reifer Wein, sehr feine Frucht gemischt mit Gewürzen, sehr zurückhaltend mit einem eleganten Abgang." So überraschend war es - wenn ich es mir recht überlege - eigentlich nicht. Das Weingut (es gehört die Familie Vauthier von Ausone) ist längst unter Bordeauxfreunden ein sicherer Wert. Neunzig Punkte von Parker erreicht der Wein allemal und kosten tut er (in "normalen" Jahren) um 30 Euro. Ein sicherer Wert.

Nur - und dies ist meine Frage - wie entwickelt er sich über die Jahre? René Gabriel empfiehlt: austrinken. Robert Parker meint: bis 2016. Ich sage: noch einige Jahre zu geniessen. Frau sammlerfreak: "einen schönen Wein hast Du heute aufgestellt". Also wiederhole ich den Eindruck vor einem Jahr mit einer weiteren Erfahrung: ....ein weicher, reifer Wein, sehr feine Frucht .... (siehe oben). Und wenn sich mein Weingedächtnis nicht ganz verlässt: er hat noch zugelegt.

 

12. September 2012

 

Château de Dauphine, 1995

Fronsac, Bordeaux

 

Um ehrlich zu sein: ich weiss nicht genau wie das Sekret des Moschushirsches riecht. Wenn ich an unsere Schafböcke denke: wohl nicht besonders gut. Doch der Begriff hat sich eingebürgert, auch bei der Beschreibung von Weinen; er gehört sozusagen zu den Grundbegriffen sensorischer Wahrnehmung.

Was ich weiss: dass Moschus bei der Herstellung von Parfümen und Seifen verwendet und auch künstlich hergestellt wird, also „gut“ riechen dürfte, zumindest in winziger Dosierung. Da ein Unwissender heute so ziemlich alles ergoogeln kann, kenne ich jetzt auch die chemische Zusammensetzung des Sekrets. Was heisst da „kennen“?

Ich habe mindestens neun Begriffe gelesen – inklusive chemische Formeln – und kann als Nichtchemiker herzlich wenig damit anfangen. Und trotzdem: vor diesem Exkurs in die Welt der Sensorik hätte ich einfach behauptet oder nachgeplappert: Moschus finde ich in der Nase, weil ich glaube, dass Moschus olfaktorisch (schon wieder ein so schöner, allen verständlichen Begriff) so wahrzunehmen ist (dann die leisen Zweifel: sind es gar Trüffel oder ist es eher Tabak oder …?)

Ich weiss, ich bekomme jetzt wieder Haue, weil ich Depp, der einfach geniessende Weintrinker, so genau nicht zu unterscheiden vermag und definieren kann, obwohl ich schon eine riesige Palette an Aromen im Wein erschnüffelt habe. Nun – ich habe halt nicht die Nase eines Schnüffelhundes, vielmehr eine ganz gewöhnliche Weinnase. Die genügt mir, um zu sagen: dieser Fronsac-Wein riecht etwas speziell, hat etwas Tierisches oder etwas von einem nassem Fell oder von abgestandenem Rauch oder von einer heissen Teerstrasse (alles Gerüche, die ich zu kennen glaube). Aber Moschus?

Jetzt will ich es aber wissen! Zuerst mein bevorzugtes und vertrautes Lexikon, das Glossar von wein-plus.eu. Es sagt unter anderem: „Moschus (hind. Hoden) ist ein leicht süßlicher Duftstoff mit Bestandteilen, die strukturelle Ähnlichkeiten zu Pheromonen (Sexualduftstoffen) enthalten, deshalb sagt man ihm auch eine aphrodisierende Wirkung nach….“

Jetzt schlage ich noch bei Parker nach:  „Château de Dauphine 1995 … die Nase bietet Aromen von Zimt, schwarze Kirschen, Johannisbeeren und Gewürzen…“. Nichts, aber gar nichts von Moschus. Doch die Notiz stammt halt aus dem Jahr 1998, da war der Wein wohl noch ganz anders.

Vielleicht habe ich bei Gabriel mehr Glück: „Erdiges Bouquet, grüne Pfefferschote, Humus, wirkt etwas staubig. Weicher Gaumen, keine Primärfrucht mehr, Kochschokolade, artisanaler Typ.“ Auch da nichts von Moschus.

Inzwischen habe ich – während ich den Moschus jage - immer wieder einen Schluck getrunken, die Flasche ist halbleer. Ich stelle fest: ein älterer Wein, er gefällt mir, etwas grob, aber noch schön zu trinken, ich werde die andere Hälfte morgen einschenken, mit oder ohne Moschus. Und schliesslich fast die Erlösung, in einem Händlerangebot lese ich: „Ausgesprochen würzig mit exotischen Noten von Tabak und Moschus; sehr kompakt und dicht mit nötiger Herbe und Frische…“.

Aber halt, dies betrifft den Jahrgang 2005 vom gleichen Weingut. Der ist doch ganz anders, aber wie…? Jetzt nehme einen weiteren Schluck. Prost! Und achte darauf, dass sich die Flasche nicht ganz leer wird. Prost.

11. September 2012

 

Château Clos Fourtet, 1995
Saint-Emilion, Bordeaux

 

Es war ein verschlossener Gast, gestern im Glas. Natürlich habe ich ihn spät, zu spät aus dem Keller geholt und ihm nicht die notwenige Zeit gelassen, sich zu entwickeln. Er musste vorher ins Glas. Und da hat er sich gesperrt, sich wie eine Schnecke zurückgezogen, im eigenen Haus verkrochen. Die Nase war noch vielversprechend, zwar gepresste, aber schöne Aromen: Weinfülle. Dann im Gaumen viel Säure, wenig Zärtlichkeit. Ich habe das Gefühl entwickelt, dieser Wein will einfach nicht zu mir. Dabei gehört er eigentlich zu jenen merlot-geprägten Weine, die ich gerne habe, in den wunderschönen alten Höhlenkeller des Château habe ich mich geradezu verliebt. Auch in manche seiner Weine. Da finde ich eigentlich fast immer Eleganz mit Rasse verknüpft, oft eine leicht schokoladige Note, feingeprägte Tannine und ein langer Abgang. Aber nicht heute: All dies ist zwar vorhanden, aber wie in einen Schraubstock gepresst. Trotz Dekantieren, öffnet sich der Wein erst nach über einer Stunde. Und auch da, er findet seinen Charme nicht, er bleibt – man verzeihe mir den Ausdruck – säuerlich.

 

10. September 2012

 

Marchesi de Frescobaldi: Montesodi 1990

Chianti Rufina, Italien

 

Wie unterschiedlich doch Weinerfahrungen sein können. Vor drei Monaten habe ich hier den Nipozzano Riserva von Frescobaldi nicht gerade wohlwollend kommentiert. Und jetzt dies:

Eigentlich bin ich immer unsicher, wenn es darum geht, den Reifegrad von italienischen Weinen zu schätzen. Ist er noch trinkbar, der Rufina von Marchesi de Frescobaldi? Zweiundzwanzig Jahre alt und … ? Schon müde oder macht er noch Spass? Der neun Jahre jüngere hat vor drei Monaten wenig Freude bereitet. Doch dieser Montesodi macht Spass, auch wenn leichte Brauntöne anfänglich nicht viel Gutes versprechen. Auch in der Nase eine etwas abgestandene dezente Zwetschgenmarmelade; Todessüsse pflegt René Gabriel zu sagen. Doch dann – nach diesen ersten nicht sehr vielversprechenden Vorboten – hat dieser Chianti aus der kleinen, berühmten Subregion Rufina einiges zu bieten: vor allem eine schöne, ausgewogene Säure, reife Frucht, die sich nur langsam durchsetzt und mit Tabaknoten um die aromatische Vorherschaft ringt. Dies alles geschieht sehr dezent im Gaumen, eigentlich still, fast schon intim. Es ist kein lauter Wein (mehr), aber ein runder, ein nachhaltiger, ein eindeutiger Sangiovese, der mich auch in den Wald führt, wo Walderde nahe bei Waldfrüchten liegt, so quasi beieinander. Darum schätze ich diese so typisch italienische, toskanische Traube und ihre doch etwas besondere Aromatik. Gerade weil ich mich so sehr an Cabernet oder Merlot (oder beide) gewöhnt habe, schätze ich diesen doch etwas anderen Grundton im Wein. Wenn er sich so gut erhalten hat, wie hier bei diesem Montesodi aus dem Jahr 1990, dann macht er mir nicht nur Spass; er zeigt mir, dass Alter nicht nur mühsam, sondern auch sehr schön sein kann, im Leben und beim Wein.

09. September 2012

 

Roc de Cambes 1998, Côtes de Bourg, Bordeaux

 

Wer den Tertre Rôteboeuf nicht kennt und nicht weiss, dass Roc de Cambes ebenfalls François Mitjaville gehört, der staunt wohl über den Preis für den Wein aus den Côtes de Bourg. Er kostet gut und gerne zwischen 30 und 40 Euro (mitunter sogar mehr). Allerdings – und das ist erstaunlich – hat dieser Wein immer wieder viel von der Kraft und der Feinheit des viel teureren Tertre Rôteboeuf. Sicher ist das Terroir nicht jenes von Saint-Emilion und sicher sind die Reben durchschnittlich weit weniger alt, als jene vom Tertre R. Man kann eigentlich die beiden Weine nicht miteinander vergleichen. Und doch: sie atmen den gleichen Stil, haben eine ähnliche Konzentration und verfügen über annähernd die gleiche Aromenvielfalt. Man könnte gut annehmen, es handle sich hier um den Zweitwein des Châteaux. Dem ist nicht so. François Francois Mitjavile hat das Weingut Ende der 80er Jahre übernommen und dort mit der gleichen Philosophie gearbeitet wie auf seinem Paradegut T.R. So entstand ein unglaublich aromatischer, hervorragend ausbalancierter Wein, der zwar herbere Tannine aufweist, die etwas grobkörniger sind. Doch die Aromen von Trüffeln, Kirschen und Beeren machen sich im Mund breit, ohne jegliche Trockenheit, dafür mit viel Charmes. Eigentlich ein grossartiger Wein, der viele klassifizierte Bordeaux – aus weit besseren Lagen – locker schlägt. Vielleicht nicht durch besondere Zurückhaltung und leises Auftreten, aber auch nicht ausschliesslich durch Kraft, jedenfalls nicht durch eine erzwungene.

07. September 2012

 

Tertre Rôteboeuf, 1997,
Saint-Emilion, Bordeaux

 

Für die einen ist es längst ein „Geheimtipp“, für andere ein etwas eigenwilliges, schwer einzuordnendes Weingut, das zwar gute Weine macht, die aber hoffnungslos „überteuert“ sind. Tatsächlich: teuer sind die Weine – nach gängiger Klassifizierung – wohl zu teuer. Auf der soeben veröffentlichten neuen Liste der Premiers Grand Crus Classés A und B und der Grands Crus Classes figuriert Tertre Rôteboeuf nicht, er ist also noch eine Stufe „tiefer“, ein Grand Cru. Nur? Das Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, mit Klassifikationsbezeichnungen die Qualität eines Weins wirklich zu erfassen. Für mich ist Tertre Rôteboeuf wohl einer der besten Bordeaux überhaupt. Warum? Weil er eigenständig ist, vielleicht sogar eigenwillig; weil auf dem Weingut eine Philosophie gehegt und gepflegt wird, weit vom high-tech-dominierten modernen Bordeaux-Stil entfernt. François Mitjavile hat 1977 das Familiengut übernommen, das ein Niemand war in der Saint-Emilion-Hierarchie, zwar mit wunderbarer Lage, aber hoffnungslos „veraltet“ in den Einrichtungen. Schon 1985 kam der „Durchbruch“. Das französisch-Magazin Que Choisir? stellte in einer Blindverkostung den Jahrgang 1982 vor. Überraschungssieger war der bisher fast unbekannte Tertre Rôteboeuf. Nun konnten die dringend notwendigen Investitionen beim Weingut vorgenommen werden und die Qualität des Weins verbesserte sich Jahr für Jahr. Aus dem Geheimtipp wurde ein „Superstar“, so ganz ohne Starallüren. Dies ist es, was mich am Weingut und am Wein so fasziniert, das Wegdenken vom Mainsteam und das Suchen (und Finden) eines eigenen Weges.

René Gabriel beschreibt dies so: „Es tut gut, in der hektischen Primeur-Phase einen Abstecher in die toskanisch anmutende Welt von Tertre-Rôteboeuf in St. Emilion zu machen. Dort lebt, beinahe abgeschieden, der feinsinnige Patron François Mitjaville. Er nimmt sich Zeit, viel Zeit sogar für seine Besucher, falls sie sich zuvor angemeldet haben. Meist sitzt man eine Viertel- oder halbe Stunde mit Büchern vollgestopften Wohnzimmer und hört klassische Musik oder philosophiert über das Leben, denn man muss mit François nicht zwingend über Wein sprechen, auch wenn man vor allem seinetwegen gekommen ist. Irgendwann geht es dann tatsächlich in den Keller, wo man sich ein, zwei Barriques auswählen darf, um daraus den jüngsten Jahrgang verkosten zu können. Und mit etwas Glück bekommt man dann auch den noch nicht gefüllten Vorgängerjahrgang.“

Tatsächlich hat der Wein viel von dieser inneren Kraft, diesem Verhaftet-sein in einer eigenen Kultur, von dieser Substanz an Lebenserfahrung, die sich nicht im Weinmachen erschöpft. Vielleicht ist dies nur Einbildung, vielleicht interpretiere ich da Dinge hinein, die so nicht stimmen. Für mich jedenfalls ist – nach einem Besuch auf dem Château, wo allerdings der Patron nicht anwesend war – dieser Wein aufgerückt zu den allerbesten Bordeaux, die ich je getrunken habe. Und so haben sich in meinem Keller ein paar ältere Jahrgänge angesammelt, die ich jetzt – an besonders erlebnisreichen Tagen – zusammen mit meiner Partnerin verkoste. Ein grosses Weinvergnügen stellt sich (fast) immer ein, sei es nun bei einem eher schwachen Jahrgang oder bei einem als „Jahrhundertereignis“ gelobten Weinjahr.

Gestern habe ich auf einer Auktion (ohne Mühe – unter dem unteren Schatzungspreis) einige wenige Tertre-Rôteboeuf 2005 erworben. Noch immer ist (gottlob) keine Run auf diesen Wein; es ist ein Wein für stille Liebhaber. Und weil der Erwerb mich so glücklich gestimmt hat, haben wir einen 1997er geöffnet, von einem Jahrgang, der längst getrunken sein müsste. Für einmal möchte ich hier nur zitieren, nicht selber nach Worten ringen. Bettane/Desseauve schrieben damals (frei übersetzt): „Selbst wenn das Château von François Mitjaville immer wieder auffällt durch sein hohes Niveau, ist der Erfolg in einem solch schwierigen Jahr vielleicht noch beeindruckender. Tief und elegant ist der Wein, elegant im Gaumen, perfekt durch die Feinheit und Reife Tannine. Große Kunst.“ Dem habe ich eigentlich nichts beizufügen!

05. September 2012

 

De Pez, 1995, Saint-Estèphe, Bordeaux

 

Ormes de Pez, Tour de Pez und de Pez – sie alle tragen den Namen eines kleinen Weilers westlich von Saint-Estèphe. Immer wieder werde ich gefragt, welcher der drei Weingüter denn der beste Wein mache. Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht! Mal neige ich zum einen, mal zu anderen der drei Château-Weine. Ormes de Pez macht wohl am meisten von sich reden, besonders seit Jean-Michel Cazes (Lynch Bages) das Weingut führt und versucht sowohl die Qualität als auch die Preise dem Überflieger aus dem eigenen Haus – Lynch Bages - anzupassen. Tour de Pez hingegen ist auch heute noch einer der Bordeaux mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis, ein „Geheimtipp“ sozusagen, an dem aber längst nichts mehr geheim ist. Und de Pez? Es ist der erste Jahrgang, welcher die Champagne-Roederer-Gruppe ganz verantwortet. Noch hat sich sicher wenig verändert seit der Übernahme. Inzwischen aber ist deutlich geworden, dass man auch auf De Pez versucht, den Cabernet-Sauvignon-Anteil deutlich zu erhöhen und damit den Trend bei den Médoc-Weinen aufnimmt, deutliche Vorherrschaft des Cabernet. 1995 war es noch nicht so. Da hat der Merlot einen noch weit stärkeren Einfluss. Der Wein ist – jetzt nach 17 Jahren – eigentlich leise, zurückhaltend, fast schon verspielt. In der Nase wenig, vielleicht sogar zu-wenig Anklänge; ich fürchtete schon, der Wein hätte sich bereits zurückgezogen, abgebaut. Dann aber im Gaumen: Kraft, Volumen und differenzierte Noten, erstaunlich fein für einen Cru Bourgois, für einen Saint-Estèphe.

Ich habe noch alle drei Pez-Weine des Jahrgangs 1995 im Keller, die letzten Flaschen dieses Jahrgangs überhaupt. Später habe ich fast immer nur noch einen der drei Weine gekauft, meist Tour-de-Pez, vor allem, weil er im Preis moderat geblieben ist (um 25 CHF) und Jahr für Jahr qualitativ deutlich zugelegt hat. Ich werde bei Gelegenheit die drei nun top-reifen Weine miteinander vergleichen. Etwas, was ich – mit Ausnahme bei Primeurverkostungen – noch nie gemacht habe, dreimal Pez. Die Gelegenheit ist günstig. Vielleicht habe ich dann auch eine Antwort auf die „Spieglein-Frage“ (Wer ist der schönste im Lande).

28. August 2012

 

Léoville-Las-Cases 1989,
Saint-Julien, Bordeaux

 

Ein Wein für Liebhaber, ein Wein der «oberen Klasse», ein Wein, der sich seit Jahren im Umfeld der Premier Cru bewegt, ein Supersecond eben. Ich habe den Wein vor 11 Jahren - bereits zu einem Preis um 140 Fr. - gekauft und damals notiert: w a r t e n. Drei Flaschen von 6 hatte ich bis gestern noch, jetzt sind es noch zwei und ich notiere: man kann noch warten, ihn aber auch jetzt schon trinken. Die letzten Flaschen – ich habe es notiert – waren noch ordentlich sperrig. Vor zwei Jahren schrieb René Gabriel: „Ich glaube er ist jetzt (endlich) auf einem sensationellen Genussniveau“. Das glaube ich auch. Auch Robert Parker hat sich immer mal wieder mit dem Wein befasst und ihm eine Genussreife bis 2020 zugesprochen: „ein hervorragender, aber kaum ein besonders tiefgründiger Léoville-las-Cases.“
Um Tiefgründigkeit ging es mir diesmal nicht, vielmehr um die Begleitung bei einem ersten wunderschönen „Altweiber-Sommerabend“. Und der hat – nur am Rande vermerkt – nichts mit alten Weibern zu tun, als vielmehr mit dem altdeutschen Ausdruck „weiben“ – was so viel bedeutet, wie Spinngewebe knüpfen. Tatsächlich war unser Sitzplatz – nach einer Woche Abwesenheit – voll von Spinnwaben. Irgendwie haben mich diese kleinen „Kunstwerke“ der Spinnen, angeregt, über natürliche Feinheiten und Schönheiten nachzudenken. Zwei meiner Nachbarn haben mir soeben die Dachtraufe (schweizerisch Kännel) gereinigt – sie/er ist für mich langsam schon etwas hoch – und ich wollte den lieben Nachbarn für ihre Arbeit – und mir – etwas Gutes tun. Ein „alter“ Wein – für mich, den Altwein-Liebhaber – und ein reifer Bordeaux für meine Spontangäste, die sonst wohl nur junge Weine trinken.
Die Wahl war gut: ich war mit diesem 89er sehr zufrieden und meine hilfreichen Nachbar hatten das Gefühl, etwas wirklich Gutes im Glas zu haben. Viel haben wir nicht gesprochen, über den Wein. Ihn „nur“ getrunken, genossen. Genuss braucht nicht in jedem Fall Punkte oder weinsprachlich korrekte Beschreibungen. Genuss kann auch einfach eingebettet werden, in einen warmen Spätsommerabend. Etwas zurückhaltend im Bouquet, nicht die Kraft und Fülle, diese süsse, reife Cabernet-Frucht, die Las Cases in Spitzenjahren auszeichnet. In diesem Sinn also ein schlichter Wein, der sich im Gaumen und im Abgang schon fast perfekt dem ausklingenden Sommer anpasst und gerade so – ohne begleitendes Essen – Freude und Lust vermittelt. Ob es nun „nur“ neunzig oder doch 95 Parker-Punkte sind, die ihm The Wine Advocatezubilligt, ist mir – ist uns – eigentlich egal. Was im Augenblick zählt, das ist das Erlebnis eines guten, reifen Bordeaux, ob er nun ganz perfekt ist, oder nicht.

26. August 2012

 

Domaine de la Verrière 2009,
Mont Ventoux, Maubert et fis, Goult, Rhône

 

 

Da war ich doch gestern eingeladen an einem Geburtstagsfest. Meine Tischnachbarin – sie wusste um meine Weinleidenschaft – fragte mich, ob ich an solchen Anlässen vor allem Mineralwasser trinke, da wohl die aufgestellten Weine oft nicht meinem „Niveau“ entsprechen würden. Komplet falsche Einschätzungen. Gerade bei solchen Anlässen, bei denen der Gastgeber (oder die Gastgeberin) eigentlich nur das Beste aufstellen möchte, bei fünfzig oder mehr Gäste aber auch auf den Preis achten muss, ist die Weinwahl besonders spannend, zudem er auch zum Menu passen muss. Und wieder entdeckte ich einen ganz guten, sicher nicht alltäglichen – oder hochgepeppten – Wein, an dem ich meinen Spass und einen schönen Abend hatte. Mont Ventoux: ich sah den alles überragenden, fast 2000 Meter hohen Berg den ganzen Abend vor mir, dachte an die „Bergflöhe“ am der Tour-de-France, die so oft den steilen Aufstieg zu bewältigen haben und erinnerte mich (schwach) an die Reben, die zwar nicht so hoch, aber an den Hängen des Berges wachsen. AOC Ventoux – früher côtes- du-ventoux ist eher eine „vernachlässigte“ Rhone-Appellation: viel Syrah und Grenache, auch etwas Garignan, recht fruchtig, vielleicht noch etwas herbe Tannine, eigentlich noch zu jung, um sich ganz entfalten zu können. Der Wein hat – bei den so unterschiedlichen Vorlieben und Kentnisse am Tisch – Anklang gefunden. Nicht weil er exklusiv war. Eben gerade nicht. Ein eigenständiger, guter Tischwein, der auch dem Weinfreak gefällt. Die Wahl war – für mich – sehr gut.

13. August 2012

 

Mas de Theyron 1999,
Coteaux du Languedoc, Languedoc

 

So mancher Weinliebhaber, Weinkenner, Weinhändler, Wein…. träumt vom eigenen Weingut. Rolf Reichmuth – einer der renommiertesten Weinhändler der Schweiz – hat diesen Traum Wirklichkeit werden lassen. Er kaufte 1996 ein Weingut in der sanft-hügeligen Landschaft zwischen Montpellier und Nîmes, also eher in einem Randgebiet der Languedoc. Natürlich wollte er, der Weinhändler, der so viele Weine verkostet und beurteilt hat, alles richtig machen: „Ertragsbeschränkung, Verzicht auf chemische Unkrautvertilgung, der Einsatz des Pferdes bei der Bodenbearbeitung, die sorgfältige Lese von Hand, das Söndern des Erntegutes und vieles mehr“. Wie viel von all den guten Vorsätzen und Träumen übrig geblieben ist, weiss ich nicht. 16 Jahre nach der Übernahme (und dem Ausbau des Weingutes) hat der Wein nicht nur einen guten Namen – er ist auch gut, eigentlich immer besser geworden – und gehört zu jenen Weingütern im Languedoc, die man sich merken muss (je nach Jahrgang und Abfüllung zwischen 13 und 37 SFr.)

Ich habe jetzt einen Wein der „ersten Stunde“ im Glas. Mas de Theyron - damals gab es mir einen Roten – 1999. Wie hat sich dieser Wein in den 13 Jahren gehalten und entwickelt? Die heutigen Weine des Gutes – es wurde viel versucht und investiert – sind zweifellos besser, differenzierter, raffinierter. Man hat sich ständig verbessert und ein beachtliches Niveau erreicht.

Doch darum geht es hier nicht. Es geht um die Frage, wie schmeckt heute ein Wein aus einem eher mittelmässigen (bis bescheidenen) Weingut (was Mas de Theyron damals zweifellos war) nach so vielen Jahren. Ob man mir es glaubt oder nicht: der Wein ist noch frisch, lebendig, aromatisch – voll präsent. Schon rein optisch: kaum ockerne Töne, nicht einmal Ränder, zwar nicht kräftig (gottseidank) dafür charmant, mit Aromen, wie man sie im Süden findet: „Syrah (Frucht), Grenache (Geschmeidigkeit), Mourvèdre (Rückgrat) und Merlot (Schmelz)“.

Ich habe in der letzten Zeit kaum je einen Wein getrunken, der mittleren (oder unteren Garde), der sich so gut gehalten, ja perfektioniert hat. Ein Wein, der bereits verrät, was aus ihm werden kann oder - wenn man die heutige Produktion betrachtet – geworden ist.

11. August 2012

 

Biolenz Iselisberg: Merum 2010, Schweiz

 

Kein Mensch kennt den Wein. Muss man ihn überhaupt kennen? Nein, wenn man die Weinhierarchie nach „Muskelpunkten“ und „Finessennoten“ einteilt und Prestige im Hinterkopf hat. „Biolenz“, wie er sich heute nennt, ist zwar eine Figur im alternativen Rebbau, schon fast ein Heiliger. In den renommierten Weinkreisen hat er keinen Namen.

 Vor gut dreissig Jahren habe ich ihn kennengelernt. Er begann gerade seinen geerbten Rebberg (1 ha!) auf Bio umzustellen. Seine Weine waren – schon damals – exklusiv. Aber wirklich gut? Nein! Der Kult um die exklusive Künstleretikette und die damals neue, etwas lautstark verkündete giftfreie Weinkultur waren weit wichtiger als der Trinkspass. Der blieb meistens aus!

Die Weinrallye zum Thema „Naturwein“ hat mich wieder – nach vielen Jahren – an den Biopionier erinnert. Er bezeichnet sich jetzt auch als Schamane. Ich wollte wissen, wie sich seine Weine heute – gut dreissig Jahre später – präsentieren. Mutig bestellte ich vier Weine aus seinem Angebot, zwei rote und zwei weisse.

Heute habe ich nun einen Weissen im Glas: Merum. Noch immer ist die Biodiversität ein zentrales Anliegen. „Mit diesem Erzeugnis beteiligen Sie sich am liebevollen Zusammenspiel mit Pflanzen und Bodenorganismen. Umsichtiges Wirtschaften verbindet uns. Trinken und verschenken Sie für die Gesundheit aller Wesen und leben Sie wohl!“ Dies steht auf der Etikette, viel mehr ist nicht zu erfahren, es sei denn die obligaten Angeben wie 11.7% vol (Alkohol).

Nun aber endlich: wie ist denn der Wein? Schlank, trocken, mit viel Säure, aber frisch, lebendig. Was sagt man so schön? Ein echter Sommerwein. Etwas Muskatellernoten, sonst aber ein Geschmacksbild, das ich so nicht kenne. Dies gefällt mir. Eine neue Erfahrung, ein Genuss weitab von den üblichen Aromenkonstellationen. Nicht kitschig, nicht exotisch, nicht protzig. Eher verspielt. Der Wein sagt: ich bin da, geniesse mich.

Ach ja, die Rebsorten. Eine Assembalge von Birsfelder Muscat (Züchtung von Valentin Blattner) und Bianca (ungarische Züchtung). Noch nie gehört! Macht nichts, der Wein ist gut und et bereitet mir viel Trinkvergnügen. Besonders jetzt, in den warmen, nein heissen Stunden und Tagen.

09. August 2012

 

Domaine Rosier: Cuvée d'Or, Blanquette de Limoux, Languedoc

 

Es gibt nicht nur „Bubbles over Berlin“, es blubbert ab und zu auch in der kleinen Schweizer-Gemeinde Bubikon, vor allem wenn die Zeit infolge der Hitze stillzustehen droht oder auf ein besonderes festliches Ereignis angestossen wird. Dann knallt eben der Korken und die Champagner-Gläser füllen sich. Nun bin ich aber kein Spezialist für Schaumweine, weder für den „edlen“ Champagner, noch für die billigere Variante Prosecco oder irgendeinen Winzersekt. Ich trinke sie zu selten, als dass ich mir da Vergleiche zumute; ich bleibe bei der Einfachvariante: er schmeckt mir – er schmeckt mir nicht. Und – was ich sonst weitgehend vermeiden kann – es schiebt sich das Preis-Leistungsdenken in den Vordergrund. So bin ich denn ausgezogen, so etwas wie einen „Haussekt“ zu suchen, ein paar Flaschen für „besondere Fälle“. Nicht zu teuer, nicht zu banal. Und ich bin fündig geworden – wo denn? Natürlich im Languedoc, genauer gesagt in Limoux. Der Blanquette de Limoux ist so etwas wie der Prosecco in Norditalien, eigentlich ein einfacher Schaumwein, der gut sein kann, aber es bei weitem nicht immer ist. Ich gebe zu, ich wurde schon etwas stutzig, als ich den Preis vernahm. Etwa 10 Euro für einen guten Schaumwein? Das gibt es doch nicht. Ein Bluffer wohl, ein Tricheur? Ich weiss es nicht, ich kann es nicht beurteilen, ich weiss auch nicht woher der Wein seine Frische, seine Unaufdringlichkeit, seinen säurearmen Apfelgeschmack nimmt? Ich weiss es wirklich nicht. Mir jedenfalls kommen die feinen, nur leicht prickelnden Perlen und die geschmackliche Verschmelzung von reifen Äpfeln und klassischen Chardonnay-Aromen (von Haselnuss bis tropische Früchte) sehr gelegen. Ich werde nie für diesen Wein schwärmen, ihn aber immer mit Spass trinken.

04. August 2012

 

Marquis de Terme, 1995, Margaux, Bordeaux

 

Oft frage ich mich, was sind Punkte in der Mitte der 80er (auf der 100er Skala) eigentlich wert ? Beim Bordeaux sind es eben doch die Punkte – vor allem jene von Parker, aber auch von anderen Weingurus – welche letztlich den Ruf eines Château (und damit auch den Preis der Weine) massgebend bestimmen. „Marquis de Terme, eines der am wenigsten bekannten und enttäuschendsten Cru-Classé-Güter von Margeaux…“, schreibt (unter anderem) Parker.

Entsprechend sind seine Wertungen: so um 85-87 Punkte, auf 90 kommt der Wein eigentlich nie. Der WineSpectator ist da (wie so oft) etwas gnädiger: da gibt es schon mal 90 Punkte. Nicht nur in den beiden Jubeljahren 2009 und 2010. Das „Stiefkind“  war deshalb auch in der überhitzten Preissituation der letzten Jahre noch günstig zu kaufen, etwas über 40 Franken. Fast so viel habe ich vor 16 Jahren in der Subskription des 95ers bezahlt.

Nun ist er trinkreif, meine ich. Ich habe ihn im Glas – und bin zufrieden, ja sogar beeindruckt. Da hat sich ein Stiefkind gemacht, ist erwachsen geworden, ausdrucksstark, eigenwillig.  Farbe: intensives, dunkles Granat, fast schwarzes Auge. Nichts von „unreifen Gerbstoffen“, wie ich da einmal als prominente Aussage notiert habe. In der Nase nicht diese oft vordergründige Cassis-Dominanz, die ich oft im Médoc bei eher „schwächeren Gütern“ antreffe, dagegen viel Würze, ein etwas geschlossenes, aber rundes Bouquet. Ich habe wirklich das Gefühl, einen reifen, schönen, gewachseneen Bordeaux zu trinken, zwar keine Offenbarung, wie man sie – oft zu unrecht – von Bordeaux-Weinen fast immer erwartet.

Da frage ich mich: was taugen all die Punkte – die meisten wurden vor zehn oder mehr Jahren gesetzt – wenn der Wein heute ganz anders schmeckt. Wenn er sich (offenbar) entwickelt hat, wenn er seinen Preis (plötzlich) mehr als nur wert ist. Einmal vergebene Punkte bleiben einem Wein – und dies ist gerade bei langlebigen Weine fatal – einfach haften, ein Leben lang. Selbst jüngste Verkostungen wagen es kaum, einen Wein zu rehabilitieren. Das „Schandmal“, die nur 85 Punkte bleibt als „Richtschnur“ erhalten.

Für mich ist dieser Wein allemal 90 Punkte wert. Doch ich vergebe keine Punkte. Ich trinke gerne gute, reife Bordeaux – auch wenn sie einst weniger als 85 Punkte eingeheimst haben. Andere sehen es offensichtlich ähnlich, denn dieser Wein – so habe ich nachgeschlagen – wird heute im Handel um das Doppelte von einst, also um 70 Franken verkauft. Da lob ich mir „die kleinen“ 70 Franken die ich jetzt im Glas habe.

01. August 2012

 

Vignerons et Passions: Aragonite, 2007, Minervois, Languedoc

 

Es wird mir wieder einmal bewusst, wie entscheidend die Vertriebskanäle bei der Weinvermarktung sind, auch im regionalen oder lokalen Bereich. In den klassischen Ferienorten – und dies sind zum Beispiel die Küstengebiete entlang des Mittelmeers – wird in den Saisonzeiten viel Wein verkauft (und getrunken). Ein Indiz dafür sind die Wein-Shops entlang der Einkaufsstrassen für Touristen und die gefüllten Wein-Regale auch in den kleinsten Lebensmittelgeschäften. Hier wird im Urlaub Wein gekauft und – nicht zu übersehen – es werden der Weingeschmack und die Wein-Vorlieben der Urlauber massgebend mitbeeinflusst. Eigentlich herrscht Massenbetrieb: die Saison ist kurz und der Kunde hat wenig Zeit für Einkäufe des täglichen Bedarfs.

Da zeigt sich bereits eine erste Selektion. Aufgestapelt – dort wo alle vorbeikommen und „hinlangen“ sind die – immer modischer aufgemachten – Trinkweine. Das Segment so um 4 bis maximal 10 Euro. Weine für die fröhlichen, warmen Abende. Vorwiegend Rosés und Weissweine.

Im Gestell reihen sich dann noch ein paar Flaschen – Rot, Weiss, Rosé – der etwas gehobeneren Klasse: Weine ab 10 bis 15 Euro. Wenn man da einen Wein kauft, muss die Verkäuferin in der Regel den Preis beim Regal nachsehen, sie kennt ihn nicht und er ist auch nicht im Kassencomputer gespeichert. Im Urlaubsgeschäft sind dies „Weine für den Liebhaber“.

Ich habe eine ganze Reihe solcher Regale durchstöbert. Welche Weine finden hier ihren Platz? Da ist schon die Verkaufsorganisation – das Marketing – von entscheidender Bedeutung. Nur grosse Genossenschaften oder grosse Verkaufsorganisationen haben da eine Chance. Zum Beispiel, das Haus „Vignobles Jeanjean“, das selber 300 Hektaren Reben im Herzen der Languedoc besitzt, aber auch eines der bedeutendsten Handelshäuser der Languedoc ist. Eigentlich produziert und vertreibt Jeanjean alles, was mit Wein zu tun hat: Bag-in-box, wine-pouche, bouteille plastique et verre…. und natürlich auch Wein aller Segmente.

Praktisch für den kleinen Lebensmittelladen „um die Ecke“. So ist auch der Wein, den ich heute da gekauft habe, ein Produkt der „Vignobles Jeanjean“. Bereits ein Wein der gehobeneren Klasse, ca 13 Euro die Flasche.

Eigentlich staune ich: es ist kein Modewein, auch kein modischer Wein. Eher ein sperriges Exemplar. Syrah und Grenache, alte Reben, aus einem doch recht speziellen Gebiet zwischen dem Canal du Midi und den Schwarzen Bergen, aus dem Minervois. Kein Wein für einen kurzen Flirt. Die Nase ist sehr aussagestark, hat zwar verhältnismässig wenig Frucht, dafür viel gebrannte Noten, kaum Holz ist zu erspüren, eher Walderde, Unterholz, Kaffee. Die Farbe dunkel, fröhliche Purpurreflexe. Dann – zuerst eine brandige Note – doch sie verwebt sich während des Abends, legt ihre Aggressivität weg, verschwindet schliesslich ganz.

Ich habe wohl den Wein zu rasch eingeschenkt. Er braucht Luft, er braucht Freiheit um sich entfalten zu können. Also keine Wein auf die Schnelle, eigentlich kein Urlaubswein, viel eher etwas, das ins Gepäck gehört.

29. Juli 2012

 

Les Caves Richemer: Terret blanc,

2011,  Agde-Marseillan, Languedoc

 

Getrunken: Les Caves Richemer: Terret blanc sec, Agde-Marseillan, Languedoc

Im «alten Forum» habe ich schon einmal darüber geschrieben, vor etwa zwei Jahren. „Terre et Mer“ (blanc, sec) ist mein Lieblingswein, vor allem dann, wenn ich am Tag stundenlang am Strand liege, abwechselnd den Blick in die Ferne schweifen lasse, aufs weite, offene Meer oder mich in ein Buch vertiefe, meist in einen klassischen Krimi; wenn ich am Abend auf dem Balkon den Hafen überschaue, eigentlich nur die Masten der Seegelboote sehe und warte, bis sich die Temperatur in jenen Bereichen einpendelt, die wir als angenehm empfinden; wenn ich eine neukreierte „Galette bretonne“ zuerst vorsichtig beschnuppere, um dann genüsslich zu verzehren und froh bin, nur zu zweit, die mediterrane Nacht zu empfangen und an die 35 Grad denken, die bereits morgen im Schatten wieder zu messen sind… Ja dann ist Terret, der Trockene, genau das richtige.

Weinfreunde versuchen mich immer wieder zu belehren, dass Terret eigentlich kein Wein sein kann, über den man nachdenken, geschweige den schreiben muss. Obwohl er eigentlich nur noch hier unten, in der Languedoc, nahe am Meer (Terre et Mer), am Bassin de Thau angebaut wird, führt er ein „Schattendasein“ gegenüber den vielen Rosés, die den sommerlichen Weinkonsum bestimmen.

Vielleicht ist es, weil ich im Bereich Wein immer öfters „das Andere“ mehr liebe als das „Perfekt-Gleiche“; vielleicht ist es, weil man mir in Weinkreisen schon früh – ich konnte noch kaum ein paar Rebsorten unterscheiden – beigebracht hat, die Rosés eigentlich keine erstzunehmenden Weine sind; vielleicht aber hat das Wortspiel „Terre et Mer“ mich einfach gefangen – wer soll dies schon wissen?

Jedenfalls gehört der Terret zu jenen Weinen, auf die ich nicht verzichten möchte. Alle meine Bordeaux-Freunde – die schon manchen grossartigen Wein mit mir getrunken haben – rümpfen die Nase: „Terret! – Schrecklich!“. Und ich rümpfe sie mit, die Nase: „Bordeaux“, jetzt im Sommer, hier am Meer, auch um 23 Uhr noch im T-Shirt und in den kurzen Hosen? Schrecklich!

Und so bekenne ich mich zu einem Wein, der mir einfach Spass macht. Er wird im Genossanschafts-Caves „Richemer“ (noch so ein Tabubereich für „echte“ Weinkenner!!) (fast) perfekt ausgebaut, jedenfalls so, dass er so frisch, aromatisch, leicht, mit Zitrusfruchtaromen nicht nur dem Durst eine passende Antwort gibt, sondern noch viel mehr dem Genuss.

Es ist nicht so, dass man den Wein wie Bier als „Durstlöscher“ missbrauchen könnte (12% Vol Alkohol); es ist vielmehr so, dass schon der kleinste Schluck eine Stimmung erzeugen kann, die nicht nach „viel Wein“ schreit – zugegeben auch nicht nach langem Abgang und einem hart erarbeitetem Aromenspiegel, nicht nach sorgfältiger Weinanalyse und schon gar nicht nach irgend welchen Punkten, sondern nach Spass und „Erlösung“

Der Terret ist ein „Spielwein“, er spielt mit mir mediterranen Sommer, er spielt das Spiel ausgezeichnet, obwohl – so habe ich mir sagen lassen – es keine einfache Rebsorte ist, anfällig für echten und falschen Mehltau, und für hiessige Verhältnisse sehr spät reif. Wenn das Komplizierte im Glas so einfach, klar, unverkennbar und – ich wage den Begriff – lecker wird, haben wir zweifellos einen guten Wein im Glas, auch wenn er von Parker und Co. sicher nie Beachtung finden wird. Von mir schon – und das genügt – (ich gebe es zu) mir.

26. Juli 2012

 

Cave Douce France:

Vendange de la Tenure, o.J.

Coteaux de Murviel, Languedoc

 

Gestern hatte ich einen «seltsamen» Wein im Glas, den ich überhaupt nicht einordnen konnte. „Venanges de la Tenure“, Coteaux de Murviel, Alk. 13% Vol. – Caves Douce France. Vielmehr ist der Etikette nicht zu entnehmen. Zuerst zum Wein: sehr dunkel, fast schwarz, kleine violette Ränder. Im Gaumen hält er die Schwere nicht, die er verspricht, er verflüchtigt sich in etwas Frucht, viel Tannin und ein paar eher exotische Gewürze. Ein Wein, den man trinken kann, aber nicht trinken muss, denke ich. Jahrgang gibt es natürlich keinen: jung, sehr jung. Gekauft am Canal du Midi. Irgendwie dämmert mir, dass der Verkäufer mich gewarnt hat: „Noch nicht trinken, noch nicht trinken….“ Auch die Rebsorte wohl ein Exot. Stimmt dies? Für einmal mehr zeigt sich – und dies ist der interessante Aspekt am Wein -, wie kompliziert die französische Weinhierarchie und -ordnung ist. Coteaux de Murviel – ich hatte keine Ahnung wo diese liegt. Aufklärung: es ist eine Herkunftsbezeichnung für „Vin de pays aus dem Département Hérault“. Immerhin schon eine Information: also ein französischer Landwein. „Vin de Pay“, dies habe ich jetzt verstanden. Doch heute nennt sich diese geschützte Bezeichnung IGP-Wein (Indication Géographique Protégée), von „Vin de Pay“ steht nichts mehr auf der Etikette. Wenn ich nun weiter forsche, wird es noch viel, viel komplizierter. Es gibt mehr als hundert verschiedene IGP-Regionen, die aber meist nicht auf Grund des Namens ersichtlich sind. Murviel – wo ist das? Offensichtlich geografisch geschützt, aber – obwohl ich teilweise im Departement Hérault zuhause bin – hatte ich bis heute keine Ahnung, wo die Coteaux de Murviel liegt.

Das Verwirrspiel geht weiter: „Vendanges de la Tenure“, eine Domaine dieses Namens oder ein Châteaux gibt es nicht. „Tenure“ – ein mittelalterlicher Begriff für „Lehensgut“, also für das Land jener Bauern, das von den Feudal-Herren gegen Zinsen an die Landwirte abgegeben und dann von diesen selbständig bewirtschaftet wurde. Ein historischer Begriff, doch was kann ich heute damit noch anfangen?

Oh nein, es geht noch weiter. Dort wo die obligatorischen Angaben: Alkoholgehehalt, Flaschengrösse, Abfüller etc. stehen, lese ich „Caves Douce France“. Da muss ich schon googeln, bis ich diesen Weinkeller identifizieren kann. Originaltext (frei übersetzt): „…einige leidenschaftliche Weinkenner und Liebhaber haben viel in diesen Caves investiert. Es war einst ein Gasthaus und Weingut. Sie verwandelten es in einem schönen Weinkeller. Darin finden Sie nur authentische, lokale Weine (darunter 11 preisgekrönte) und 23 Produzenten, darunter die besten der Region.“ Ob dies alles noch stimmt, weiss ich nicht. Ein Datum dieses Eintrags findet sich nicht.

Also eine weitere Erkenntnis: Es muss sich hier um eine Händlerabfüllung handeln. Und dunkel erinnere ich mich wieder, dass ich den Wein aus ganz speziellen Interessen gekauft habe: Naturwein oder Bio-Wein oder so. Es war gerade Weinrallye zum Thema, und ich wollte vergleichen. Ein kleines grünes Signet auf der Etikette – ganz unten – ist der Hinweis: AB. Das Logo kommt mir irgendwie bekannt vor; doch was ist der Unterschied zwischen Bio, AB und Demeter? Ein neues Feld tut sich auf.

Inzwischen ist der Wein getrunken. Es war etwas spezielles, „ursprünglich“, kann man vielleicht sagen, etwas grob gestrickt, doch ich habe ihn mit Interesse getrunken, durchaus mit stiller Anerkennung und wachsender Neugier. Doch ich weiss erst jetzt – nachdem ich mich in Internet schlau gemacht habe – was mir da (versehentlich) ins Glas gekommen ist.

 25. Juli.2012

 

 

Ollieux Romanis: Cuvée Or, 2010, Corbières-Boutenac, Languedoc

 

Ich weiss nicht, ob es Ihnen auch schon so ergangen ist? In irgendeiner besonderen Stimmung kommt Ihnen ein Wein ins Glas, der einfach passt. Richtig für den Augenblick. Überragend im Moment. Oft begleitet von den Lobeshymnen des Sommelier oder Händlers. Höchste Anerkennung der Mitverkoster. Natürlich müssen da ein paar Flaschen mit ins Gepäck. Zuhause wird der Wein in den Keller gelegt und – meist vergessen. Mit ihm auch die Umstände des Kaufs, des ersten Kontakts, die Stimmung im damaligen Augenblick.

Und dann öffnen Sie den Wein – irgendwann, wenn er ihnen eben wieder in die Hände fällt. Und Sie sind enttäuscht – nicht entsetzt, denn es ist in der Regel ein guter Wein (soviel zu beurteilen traue ich mir auch in „Hochstimmungen“ zu). Aber eben, nicht viel mehr als ein guter Wein. Nur selten kehrt jener Augenblick, jene Stimmung zurück, die zum Kauf geführt hat.

Diesen Wein – ich wusste es kaum mehr – habe ich vor knapp drei Monaten gekauft, auf einer Hausbootsfahrt auf dem Canal du Midi. Wir haben angelegt, in einem etwas verschlafenen Ort in den Corbières. Die Restaurants und Geschäfte sind geschlossen, Mittagsruhe bis 16 Uhr. Wir wollen einkaufen. Bis es so weit ist, haben wir das einzige Lokal besucht, das offen war, eine Bar und Vinothek.

Da haben wir diesen Corbière getrunken. Viel Frucht in der Nase, etwas strenge, aber feine Tannine, mächtiger Körper. Für meinen Geschmack etwas viel Holz. Doch „klassisch“ in der Vinifikation, alte Reben, Rebsorten, die in die Region gehören, eine Harmonie, die sich in Kraft und Würze auflöst.

Und jetzt? Ist all dies noch nachvollziehbar? Würde ich den Wein heute wieder kaufen, ohne die spezielle Situation von damals? Ich würde. Zwar meine ich nicht den gleichen Wein im Glas zu haben. Zwar meine ich, er hätte in den drei Monaten bereits Ecken und Kanten abgestossen. Kann eigentlich nicht sein. Vielleicht habe ich einige Ecken und Kanten von damals – anstrengende Manöver auf dem Canal – abgestreift; vielleicht habe ich erst jetzt die Muse, den Wein zu geniessen. Jedenfalls würde ich ihn wieder kaufen, auch ohne die Stimmung von damals.

22. Juli.2012

 

Domaine de l'Hortus, Bergerie de l'Hortus, 2010,

Pic Saint-Loup, Languedoc

 

Im Augenblick treffe ich immer wieder auf «alte Bekannte» und ich werde in der Regel kaum enttäuscht. Im Gegenteil: viele der Weine, die ich vor zwanzig und mehr Jahre hier in der Languedoc zuerst kennen gelernt (und mir gemerkt) habe, konnten sich noch mehr entwickeln, wurden feiner, differenzierter – kurzum besser.

Meine Situation ist nämlich (für einen Weinliebhaber) schon fast dramatisch. Ich wollte endlich meinen Keller (es ist kein Keller, sondern eine Garage) hier in der Languedoc „ausmisten“. Zuviele „vergessene“ Flaschen lagen da, zwar aufgeräumt, aber mehr oder weniger der Wärme und Kälte ausgesetzt.

Die Garage ist kein Ort für Weinlagerung. Und doch brachte ich auf meinen Entdeckungsausflügen durch die Weinregion immer wieder neue Flaschen mit. Dann kamen Freunde – und wir besuchten die besonders guten Weingüter, natürlich jedesmal mit ein paar Flaschen im Gepäck. So kam es, dass immer mehr der guten Weine „überlagert“ waren.

Abhilfe tat not. Wir haben aufgeräumt, das getrunken, was noch zu trinken war. Und jetzt ist die Garage (fast) leer. Nur – es ist zu heiss für Einkaufs- und Besuchstouren. Das Meer lockt! So also kaufe ich im „kleinen Laden von nebenan“, was ich als trinkenswert erachte. Das Preissegment: Strandpreise (das heisst im Verhältnis zu hoch.) Die Auswahl: Eben ein paar „alte Bekannte“ und viele mir unbekannte Namen, wohl eher aus dem „Rasch-zu-Trinken-Segment“.

So also kommt es, dass ich mal eine Flasche „alter Bekannter“ mitnehme, mal den Versuch mache, Neues kennen zu lernen. Keine grossartigen Weine, vielmehr das, was eben so im Bereich bis 10 Euro von den Touristen gekauft wird.

Diesmal habe ich – wie gesagt – einen Wein gekauft, der seit Jahren eher zur Spitze gehört und hier noch oft in Restaurants angeboten wird: „Bergerie l’Hortus“. Ich bin angenehm überrascht. Viele der Weine, die ich seit Jahren kenne, werden immer mehr im Holz erstickt. Nicht dieser l’Hortus. Auch die Alkoholprozente sind – für hier – moderat, 12.5 %. So kommen die zarten Gewürznoten voll zur Geltung. Hortus war schon immer ein eleganter Wein, jetzt ist er noch eleganter geworden. Trotz seiner Jugend hat er bereits runde, geschliffene Tannine und einen zwar nicht langen – man möchte sagen – ordentlichen Abgang. Preis ca. 14 Euro.

Bisher hatte ich meist den „Grand Cuvée“ von L‘Hortus getrunken oder den Wein der Tochter des Winzerpaars, die das Weingut „Clos du Prieur“ führt. Den etwas einfacheren „Bergerie“ habe ich bisher (fast) übersehen. Ein Fehler! Und noch ein Fehler: Eigentlich müsste ich hinfahren, zum Pic Saint-Loup und den steil abfallenden Felsen der „Montagne de l’Hortus“. Nicht nur um wieder ein paar Weine im Keller (Garage) zu haben, sondern vor allem um das einmalige Paradies zu erleben, wo diese Weine entsteht.

19. Juli 2012

 

Domaine d'Aupilhac, 2009,

Montpeyroux, Languedoc

 

Den Wein kenne ich schon lange, seit vielen Jahren. Doch ich habe ihn seit einigen Jahren nicht mehr im Glas gehabt. Also bin ich gespannt, wie er sich heute präsentiert.

Noch immer als hervorragender, „klassischer“ Languedoc-Wein. Ein wenig „Internationalität“ hat er schon angenommen, nicht nur auf der Etikette, die auch englisch verfasst ist. Ein typischer Exportwein also. Da bin ich von Grund auf immer etwas skeptisch. Meist werden sie wuchtig, holzig und gefällig, die Weine, die den Export schaffen, trotz klassischer Zusammensetzung von Mourveèdre, Syrah, Carignan, Grenache und Cinsault.

Montpeyroux liegt nördlich von Montpellier, eigentlich nicht im Kerngebiet der Languedoc, in keiner der berühmten Gemeindeappellationen. Ein Wein der so unterschiedlichen Appellation „Coteaux du Languedoc“, die sich fast durch das ganze grosse Weingebiet zieht. Eigentlich sind Weine – die nahe dem Rhonetal gelegen sind – fast immer dominiert von Syrah, wie es eben die Rhoneweine sind.

Aupilhac macht da eine Ausnahme: Mourvèdre und Carignan sind etwa zu gleichen Teilen wie Syrah in der Cuvée. Dies macht den Wein so „klassisch“, so voll languedocien. Was mich am meisten überrascht: der zurüchaltende, moderate Umgang mit Holz. Wohl Barriques, doch bestimmt gebrauchte – und deshalb sehr ausgewogen, sehr harmonisch im Säure-Aromenspiel.

Es ist ein feiner Wein: in der Nase, wo dunkle Beeren, Tabak und Schokolade voherrschen, als auch im Gaumen mit den Kirschearomen, den erdigen Anklängen, sogar etwas Rauch. Ein dunkler, fast schwarzer Wein, der viel Luft und etwas Geduld braucht. Wenn auf dem Teller mit einem guten Stück Fleisch ergänzt wird, dann ist die Harmonie perfekt. Preis ca. 14 Euro.

18. Juli 2012

 

Prestige du Château Adissan, 2010

Coteaux du Languedoc

 

Es gibt Zufälle: gerade habe ich gestern den „Douce Rosée“ von Adissan als „Durstlöscher“ im kleinen Laden am Strand gekauft, getrunken und beschrieben, da gerät mir dieser Rote von Adissan in die Hände. Wohl vor Monaten gekauft auf meiner gemächlichen Bootsfahrt auf dem Canal-du-Midi. Getrunken: gestern Abend, auf dem Balkon, nach einem besonders heissen Sommertag. Und da passte dieser Wein: eine Cuvée, offensichtlich aus den hier typischen Rebsorten: Grenache, Syrah, Mourvèdre, Carignan und Cinsault. Herauszufinden in welchem Verhältnis lohnt sich nicht. Der Wein ist – sagen wir es einmal so – sauber, aber belanglos. Da nützt auch das Wort „Prestige“ wenig. Ein Schlumertrunk vor der Bettruhe. Diese Ruhe wird durch nichts gestört, weder durch einen längeren Abgang, noch durch aufregende Aromen oder einen ausgeprägten Charakter. Kein Massenwein, durchaus flaschenwürdig. Aber austauschbar mit vielen sauber vinifizierten Weinen der Gegend. Der Clairette aus Adissan ist da schon um einiges aufregender.

17. Juli 2012

 

Vignerons d'Adissans: Douces Rosées,

Grenache moelleux

 

Man muss schon drei, vier, sechs Stunden am Strand geschmort haben, bis einem die pinkfarbene Flasche ins Auge springt. Unverschämt diese Farbe!. Ich habe die Flasche mitgenommen, im Kühlschrank kalt gestellt und heute – nach dem nächsten heissen Strandtag – geöffnet. Drehverschluss! Ein wohlig süsser Saft, frisch, vielleicht etwas zu wenig prickelnd, moelleux, das heisst soviel wie süss, springt mir entgegen. Fröhlich, leicht – vielleicht ein wohltuender Ersatz für den unvermeidlichen Sangria. Eigentlich kein Wein, ein süssliches Sommer-Getränk, das gute Laune bringt (immerhien 12% Alkohol) und allein schon der Farbe wegen fasziniert. Immer noch besser als eines der süssen Fruchtgetränke, immer noch besser als all die Cola Blattern, zu denen man da gerne greift.

Adissan ist ein kleines Dorf am Ufer des Hérault, im Herzen der Langeudoc. Hier werden schon seit der Römerzeit Reben angepflanzt und hier wird seit dieser Zeit Wein gemacht. Berühmt ist der Clairette d’Adissan; hier liegt eigentlich die Wiege des Clairette in der Languedoc mit Weinen die fruchtig sind und Aromen wie Fenchel und Lindenblüten ausströmen.

Mein Douce Rosée ist ein Wein aus Grenache Blanc, eine Rebsorte mit niedrigem Säuregehalt und eigentlich wenig Nuance. Trotz allem ein herrlicher Sommerwein. Pink ist nicht nur eine Modefarbe, es ist auch Ausdruck der Leichtigkeit und Fröhlichkeit. Ein Wein, der tanzen kann. Etwa für 6 Euro zu kaufen. Ich meine, ein guter Kauf im Getränkelade.

11. Juli 2012

 

Château la Dominique, 1985

Saint-Emilion, Bordeaux

 

Ein stark unterschätzter Wein. Auch von mir unterschätzt. Parker ortet vegetative Noten, einen pflanzlichen Charakter. Ich habe den Wein – der im Augenblick immer noch zu zirka 60 Euro angeboten wird – eher aus Neugier geöffnet. Am Abend vor meiner Dislozierung ans Meer wollte ich es wissen. Ist der Dominique 1985 wirklich schon „abgestiegen“ oder gar nie auf der Höhe seines Rangs gewesen? Weder noch! Er ist zwar vollständig ausgereift, hat den Zenit wohl überschritten, aber „abgestiegen“, bei weitem nicht! Natürlich hat er viel von der Frucht – so einmal vorhanden – verloren, dafür aber tertiäre Aromen gewonnen: vor allem leicht süsse getrocknete Früchte und Gewürze, direkt aus südlichen Ländern. Der Körper ist nicht mehr straff, vielleicht sogar etwas hohl, doch weich und angenehm. Keine oxydativen Noten, sogar noch eine akzeptable Säure. Ich kann mir vorstellen, dass dies nie ein grosser Wein war. Da hat Parker sicher recht. Mag sein, dass ihm der Charme fehlt, wie René Gabriel meint. Doch als „alter“ – wohl auch verkannter – Wein hat er „Alterstöne“ entwickelt, die einfach Spass machen.

08. Juli 2012

 

Château Saint-André Corbin, 1995

Saint Georges, Saint-Emilion

 

Eigentlich war es der zweite Wein des Abends, der erste wurde „entsorgt“, nachdem überhaupt keine Freude aufkam. Es war kein „Korker“, einfach ein muffiger Ton – Kellerton – der uns irritierte und mich schliesslich bewog, eine neue Flasche zu holen. Der „muffige“ Wein war ein Ségla 1995, Zweitwein von Rauzan Ségla, dem Superseconde aus der Appellation Margaux. Meine Frau war von Anfang an skeptisch: „noch nie habe ich einen wirklich guten Ségla erlebt“. Ich bin da bedeutend weniger negativ eingestellt; doch schliesslich habe auch ich die Segel gestrichen. Der Wein hatte eindeutig einen Fehlton und landete im „Ausguss“. Es ist tatsächlich nicht der erste Ségla, der diesen Kellerton hatte. Deshalb habe ich den Wein seit 1997 auch nicht mehr gekauft.

Als Ersatz holte ich einen „kleineren Wein“, den Saint-André Corbin 1995, der aus dem Libournais kommt. Er kostete damals etwa die Hälfte des Zweitweins von Rauzan-Ségla, und er hat sich offensichtlich recht gut gehalten, ja sogar entwickelt. Jedenfalls bereitet er auch heute noch Freude. Wir haben ihn getrunken zur Grillade. Und da war er „am rechten Platz“. Auch schon ein eher „alter Kerl“, der in der Regel früher zu trinken ist. Trotzdem: die Frucht ist noch kompakt, die einstige Konzentration eher in Feinheiten übergegangen, tertiäre Töne und Aromen, die (für einen „kleinen“ Wein) erstaunlich sind. Als merlotbetonter Wein ist er zwar typisch für das rechte Ufer, doch er bewegt sich etwas abseits vom „typischen“ Saint-Emilion, nicht nur im Geschmack, auch im Preis. Ich habe ihn damals wohl vor allem deshalb gekauft. Heute, siebzehn Jahre später, hat er sich zwar etwas – in sich selbst – zurückgezogen. Doch ein Rest von rauchigem Charme ist ihm geblieben.

08. Juli 2012

 

Daniel Huber: Zampillo,

Merlot del Malcantone, Rosato

 

Von diesem Rosé spricht kaum jemand. Auch in der Schweiz nicht. Daniel Huber gehört zwar zu den Spitzenwinzern des Malcantone (Tessin), doch es sind seine Merlots, die zu Recht seinen Winzerstolz begründen. Daniel Huber, ein Deutschschweizer, der vor vielen Jahren ins Tessin gezogen ist, um dort gute Weine zu machen, hat durchaus auch den Mut zum Experiment. So pflanzte er auch Cabernet Sauvignon (sonst im Tessin sehr selten) und Cabernet Franc an, um – sobald die Reben ein gewisses Alter hatten – sich im Bordeaux-Blend zu versuchen. „Rebuh’s“ nennt sich sein „Bordeaux“, der natürlich vorwiegend aus Merlot, aber auch – wie die „echten“ Bordeaux – aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und sogar Petit Verdot besteht. Huber gibt dem Wein sogar noch etwas Carminoir (Pinot x Cabernet) dazu und erreicht so seine eigene Art eines würzigen, eleganten Bordeaux.
Nun aber zum Zampillio. Huber schreibt: „In üppigen Jahren (wie 2009) ist bei mir eine

„Saignée“ angesagt. Ich entziehe dem frisch abgemalenen Most der besseren Qualitäten 10% Saft. Im Tank verbleiben alle Traubenhäute, aber nur 90% des Saftes. Der Rotwein wird dichter. Diese abgezogenen 10 % verarbeite ich zum Rosé Zampillo… Er ist getragen von einem diskreten, feinen Blütenaroma und eignet sich als Aperitif oder zu leichten Vorspeisen.“

Dem habe ich eigentlich nichts mehr beizufügen. Es sei denn der Hinweis, dass es auch gute, durchaus weinliebhaberwürdige Rosés gibt, die (leider) noch immer nicht den Weinkritiker-Himmel erreichen und kaum je besprochen werden. Halt eben nur ein Rosé.

06. Juli 2012

 

Château Reysson, 1995

Haut-Médoc, Bordeaux

 

Ein Wein von dem kaum jemand spricht. Ein Bordeaux der unteren Preisklasse, damals 16.80 CHFr. , gekauft in „Otto’s Warenshop“. Ein Wein, der von Parker in der Regel nicht benotet wird. Er notiert aber 2006 im „Wine Advocate“ (frei übersetzt): „Aus Platzgründen ist es nicht möglich eine komplette Verkostungsnotizen für diesen Cru Bourgeois zu veröffentlichen. Aber 2005 ist der beste Jahrgang dieses Weins seit 1982. Die Bewertung (84-86/100) soll zeigen, wie konsequent der Jahrgang auch auf dieser Ebene ist. Angesichts des Stils sollte er schon jung zugänglich sein, sich aber auf Grund der Konzentration und Tanninstrukur noch entwickeln, zehn oder mehr Jahre lang.“. Mehr ist Parker nicht zu entlocken.

Ein Cru Bourgeois eben, kaum der Rede wert? René Gabriel ist etwas grosszügiger. Seit 1995 bewertet er den Reysson regelmässig, allerdings meist nur mit 14 oder 15/20 Punkten, den besten Jahrgang (nach Parker) ausnahmsweise auch mal mit 17/20. Zum Château notiert er „Der Önologe Denis Dubourdieu schaut hier nach dem Rechten. Der schlanke Wein ist eher ein Tropfen, den man sich in einer überteuerten Weinkarte bestellen würde, um ihn jung zu trinken.

Und ich Depp hab ihn „alt“ getrunken und nicht festgestellt, wie dünn er ist. Hingegen noch feine Fruchtnoten vorgefunden, Vanille und Lakritze angetroffen und einen eleganten Körper festgestellt. Habe ich wirklich schon so lange keinen wirklich guten Bordeaux – ich meine einen der umjubelten Spitzenklasse – im Glas gehabt, dass sich meine Optik – oder Sensorik – so verschoben hat?

Mag sein, dass ich – trotz prallvollem Bordeauxkeller – zunehmend auf Distanz gehe; dass ich den Tanz um den „goldene Bordeaux“, wo es nur noch Jahrhundertjahrgängen und klassische Jahrgängen gibt, einfach satt habe; dass ich mich nach dem „normalen“ Weingenuss sehne, bei dem es keine Superlative gibt.

Ein solch normaler Wein ist der Reysson. Er hat die 17 Jahre im guten Keller nicht nur überstanden, sondern sich zu einem netten, alltäglichen Weinvergnügen entwickelt. Ich muss nicht nach Steigerungsformulierungen Ausschau halten. Ich brauche nicht einmal den Parker oder Gabriel oder Betanne-Desseauve aufzuschlagen. Ich kann ihn einfach einschenken und feststellen: ich trinke einen ganz normalen, guten Wein.

03. Juli 2012

 

 

La Nerthe, Cuvée des Cadettes, 1999,

Châteauneuf-du-Pape

 

 

Er ist eine Jugendliebe, dieser Wein. Bevor ich ihn je getrunken habe, stand für mich fest, an Festtagen, vor allen an Weihnachten, kann es nur diesen Wein geben. Alles andere – was Wein betrifft – ist unzulänglich, überhaupt nicht denkbar. Das kam so: in meiner fast weinabstinenten Familie kam an Weihnachten immer für ein paar Tage ein Onkel zu Besuch, der Dorfschullehrer, der nicht nur seinen Beruf, auch den Wein sehr liebte. In Sachen Erziehung war ich – als Bube – skeptisch, in Sachen Wein aber war der Onkel die beurteilende Instanz schlechthin. Und weil es an diesen Festtagen, an denen mein Onkel bei uns war, für die Erwachsenen immer Wein aus der Flasche mit den päpstlichen Insignien gab – und zwar: La Nerthe – wurde er zum Sinnbild für Lebensfreude, guten Geschmack und Festlichkeit.

Dieses kindliche Gefühl ist erhalten geblieben, bis heute. La Nerthe ist etwas Besonderes, etwas ganz Gutes, Feines, Festliches. Allen andern guten Weinen zum Trotz, den Bordeaux, den Barolos, den Burgundern, den Kaliforniern, den Australiern, den… Noch heute, wenn ich mir etwas Besonderes gönnen will, wenn ich in Festlaune bin, schaue ich, ob noch ein La Nerthe im Keller liegt. Wenn ja, dann wird die Flasche geöffnet.

Ich weiss, das ist albern, kindlich eben. Doch auch Weine haben ihre Geschichte. Viele dieser – meiner persönlichen Geschichten – bestimmen (auch) meine Weinerlebnisse, nicht nur das, was ich meine im Glas – nach einigermassen objektiven Kriterien – vorzufinden. Ich habe diese Tatsache längst akzeptiert.

Nun also kam wieder einmal – es musste nicht einmal Weihnachten sein – La Nerthe auf den Tisch. Offenbar war ich in Feststimmung, vielleicht wollte ich mir auch einen besonderen Ärger wegspülen, ich weiss es gar nicht so genau. Jedenfalls griff ich – ohne lange nachzudenken – zu einer der letzten Flaschen Châteauneuf-du-Pape, die in meinem Keller liegen.

Und? Er schien mir auch dieses Mal besonders samtig, besonders fruchtig – für sein Alter - , besonders tiefgründig, aromenreich. Bilde ich mir dies alles nur ein? Vielleicht! Jedenfalls empfinde ich ihn als zart, als feinfühlig bis in den Gaumen hinein. Ich habe den Genuss – was selten vorkommt – auf drei Tage verteilt. Eigentlich sagte mein Verstand (orientiert an der Sensorik): Der Wein hat schon nach dem ersten Tag abgebaut, nach dem zweiten noch mehr, und nach dem dritten hätte ich ihn eigentlich nicht mehr getrunken, wäre es nicht La Nerthe gewesen.

So aber habe ich gestern noch meinen (Rest)Spass gehabt, meine kleine Festfreude bei einem Wein, der bei mir noch heute Erinnerungen wachruft und deshalb – ich meine, dies darf so sein – immer ein guter Wein ist, der beste, auch wenn dieses Kriterium objektiver Überprüfung nicht immer standhalten kann. Heute schon, und ich weiss, auch beim nächsten Mal wird es so sein.