Archiv Getrunken: 2013/1-2 (Mai und Juni)

03. Mai.2013

 

Château Michel de Montaigne:

Grand Vin 1996, Bergerac

 

Dies ist ein ganz besonderer Wein ; ein Wein, nicht unbedingt besonders in der Qualität, als vielmehr im historischen und kulturellen Umfeld. Entstanden auf einem wirklichen Schloss oder besser gesagt, auf dem Weingut, das zu einem berühmten Schloss gehört: zu Château Montaigne im Périgord, das einst von Ramon Eyquem, einem als Wein-, Fisch- und Farbenhändler aus Bordeaux reich gewordenen Kaufmann im späteren 15 Jahrhundert gekauft und zum Familiensitz wurde. Er war der Urgrossvater des berühmten Michel Eyquem de Montaigne, dem Richter, Gelehrten, Politiker, Königberater, Humanisten und Philosophen, der auf Schloss Montaigne gelebt hat und dort 1592 gestorben ist.

Es ist einfach so, dass ich von Weinen grossen Respekt und Ehrfurcht habe, die gleichsam in Generationenfolge Geschichte weitertragen. Montaigne war kein Weinmacher, er war Politiker und Denker, der auf Schloss Montaigne (der Name des Schlosses wurde als Familienname übernommen) gelebt hat, die letzten Jahre zurückgezogen im Schlossturm, in einer engen, fast bedrohlichen Welt, wo er unheimlich viel las (vor allem lateinische Bücher) und begann, seine eigenen Gedanken niederzuschreiben. Es waren die inzwischen berühmten philosophischen „Versuche“ (Essais) – die später einer speziellen literarischen Form, dem Essay, den Namen gegeben haben.

Magie des Ortes, nenne ich dies. Das Schloss selber ist zwar ein historisches Baudenkmal, wurde aber immer verändert und erst im 19. Jahrhundert (fast) fertiggestellt. Es ist heute nur zum kleinsten Teil zugänglich (privat!) und zum Teil auch in sehr schlechtem Zustand. Nur der Turm, wo Montaigne lange gelebt hat, stammt noch aus dem 16. Jahrhundert. Die andern Gebäudekomplexe brannten mehrmals nieder und wurden später in verschiedenen Stilen wieder aufgebaut.

Der Wein – gekauft auf dem Weingut, das heute das Erbe Montaignes verwaltet – hat, dies sei vorweg gesagt – mitnichten die Grösse, die man eigentlich erwarten könnte. Madame Mähler-Besse – aus einem Zweig der berühmten Weinhandelsfirma – hat diesen Wein (Jahrgang 1996) noch „verantwortet“. Sie war die Besitzerin des Châteaux und lebte viele Jahre dort, inzwischen ist sie – ich glaube im vergangenen Jahr – gestoben. Ich weiss nicht, wer die Erben sind und wie es weiter geht. Wird das historische Erbe abgestreift und das Château zu einem „gewöhnlichen“ Weingut? Ein Weingut, das sich behaupten muss, unter den vielen Tausend Weingütern Frankreichs?

Mag sein! Für mich – für alle kulturliebenden Weintrinker – ist und bleibt Château Montaigne mehr, viel mehr. Der Wein – ich habe den besten noch verfügbaren gekauft – lehnt sich an die Tradition von Bordeaux an, erreicht aber bei weitem nicht die Qualität und die Komplexität von besseren Bordeaux-Weinen. Man hat mir gesagt, auf dem Château: unbedingt dekantieren. Das habe ich gemacht, aber viel zu wenig lang. Der Wein hat sich im Glas deutlich entwickelt, er hat Konturen angenommen, er ist – nicht gross – aber schön, geschmeidig, würdig geworden. Mit einiger Tiefe und einem eleganten, immer länger werdenden Abgang.

Man ist nie gerecht, wenn man historische Weine beurteilt. Zumindest ich kann nur schwer unterscheiden, welche Kraft und Grösse ist wirklich im Wein, und was bildet sich aus Wissen, Ehrfurcht und Gedenken in mir selber zusammen. Weinkritiker mögen dafür ein müdes Lächeln haben, für mich trägt sich aber die Magie eines Ortes weiter, zu mir, auch in den Wein.

9. Mai 2013

 

Château Sénéjac, 1990, Haut-Médoc, Bordeaux

 

Ja, dieser Sénéjac – ein Cru Bourgeois aus Haut-Médoc (eigentlich bereits „überreif“) – ist eine echte Überraschung. Das Château wird zwar in den letzten Jahren immer wieder als „aufstrebendes Weingut“ genannt, vor allem seit es die Familie Cordier (Besitzerin von Talbot) gekauft hat (1999). Heute führt es Thierry Rustmann und seine Frau Lorraine (Tochter von Jean Cordier) und es wird – dies ist wohl entscheidend – vom „Senkrechtstarter“ Pontet-Canet mit Rat und Tat unterstützt. Dies bedeutet auch: Wechsel zu Biodynamik (wie Pontet Canet). Als Parker dem Wein 2009 sogar 93 Punkte gab („Everything is in balance, and the wine is capable of lasting 10 or more years.“), ist der einst „kleine“ Bourgeois nahe bei den „Grossen“ angekommen. Jedenfalls mit ausgezeichnetem Preis-Genuss-Verhältnis.

Doch dies ist in den letzten Jahren passiert. Wie aber war es vor 23 Jahren, als das Château eher als „unzuverlässig“ galt? Um bei Parker zu bleiben, der 1993 urteilte: „Der 1990er ist reich an Frucht, hat einen mittlerem Körper, viel Extrakt mit Muskeln und reichlich Tanninen. Zu trinken in den nächsten 6-8 Jahren.“ Spätestens 2001, also wir haben hier eine Flasche, die längst überfällig ist.

Ich habe den Wein vor fünf Jahren in einer Auktion gekauft, 10 Franken (brutto) die Flasche (aktueller Preis von Sénéjac ca. 15 CHF), damals ein Schnäppchen, weil ihn niemand wollte. Allerdings wird der 90er heute bei Händlern für ältere Weine bereits für ca. 40 CHF angeboten. Es scheint also, dass der gut erhaltene Jahrgang bei Weinliebhabern doch Beachtung gefunden hat.

Zu recht, wie ich jetzt feststelle. Der Wein hat sich nicht nur tapfer gehalten, er ist offensichtlich „erblüht“. Leicht bräunliche Spuren hat er zwar hinterlassen, er ist abgeklärt, leicht orangig geworden, im Gaumen keine Wucht, dafür angenehme Wärme, im Abgang nicht mehr lang, aber prägnant, mit feiner Restfrucht und vielen Gewürzen. Ein wunderschöner, eher stiller Wein, der – für die, welche alte Bordeaux schätzen – eine echte Entdeckung ist.

10. Mai 2013

 

Château Rauzan Gassies, 1995,
Margaux, Bordeaux

 

Ein reicher Händler – Mesures de Rausan – kaufte im 17. Jahrhundert das grosse Weingut der Familie Gassies. Durch Erbteilung gingen daraus zwei weitere Weingüter hervor: Châteaux Desmirail und Château Marquis de Terme. Schliesslich wurde Mitte des 18. Jahrhunderts auch noch Château Rauzan (oder Rausan) geteilt und zwar in Rauzan-Ségla und Rauzan Gassies.

Irgendwie, so scheint mir, haben sich diese Margeaux-Château nie so richtig von der Teilung erholt. Nur Rauzan-Ségla konnte im 20. Jahrhundert (bis heute) die Qualität eines Deuxième Cru regelmässig erreichen, alle andern – auch Rauzan Gassies – serbelten mehr oder weniger dahin, mal etwas besser, mal etwas schlechter. Der Ruf der drei Châteaux hat stark gelitten und leidet noch immer.

Besonders Rauzan Gassies, das im letzten Jahrhundert oft den Besitzer gewechselt hat, eigentlich aber das Potential eines Châteaux Rauzan-Ségla besitzt, kommt nicht auf Touren. Seit 1946 führt die Familie Quié das Weingut, inzwischen in der dritten Generation. Und vor etwa 10 Jahren wurde viel investiert und neu angepflanzt. Gabriel: „Der Jahrgang 2003 lässt deshalb einen Hoffnungsschimmer zu.“ Inzwischen ist der Schimmer wieder geplatzt, das Château macht in der Regel Weine, bei denen man sich entscheiden müsste, ob sie bei einer Neuklassifikation (Gabriel) „künftig noch Cru Classé oder Cru Bourgeois wären“.

Ich bin nie ganz sicher, ob dies einfach das Fortschreiben eines Vorurteils ist, oder ob der Rauzan Gassies wirklich Jahr für Jahr weit hinter dem Rauzan-Ségla liegt. Es ist wohl beides. „Da hat man ja nichts anderes erwartet“, lese ich in einer Weinbesprechung. Ein deutlicher Hinweis dafür, dass Vorurteile nur schwer abzubauen sind, da bräuchte es schon eine „Superqualität“ um kritische Geister zu überzeugen.

Spitzenqualität – das ist die andere Seite – hat Rauzan Gassies selbst in guten Jahren nicht. 2009 verteilte Parker folgende Punkte: Ségla 93+, Gassies 89-91. Ein Jahr später, 2010, hat Ségla 95+ Punkte, Gassies hingegen 90. Dies in den beiden hervorragenden Bordeaux-Jahren. Noch krasser ist die unterschiedliche Bewertung bei Gabriel.

Jetzt also habe ich den 1995er im Glas. Durchaus akzeptabel: noch ordentlich viel Frucht (für einen 13 Jahre alten Wein), nicht ausgezerrt wie viele kleinere 95er Bordeaux heute sind, noch respektabel im Körper, eine gewisse Eleganz bis in den mittellangen Abgang hinein. So erlebe ich den Wein, den 95er, den ich in letzter Zeit ein paar Mal getrunken habe.

Gabriel hat für den Wein gerade mal noch 14/20 Punkte übrig und behauptet „vorbei“, eine Kritik formuliert er schon gar nicht mehr. Dies bedeutet eigentlich so viel wie „ausschütten“.

Ich kann nur sagen: dies wäre schade für den Wein. Er hat sich ganz ordentlich entwickelt (oder gehalten) und er ist sicher noch gut für einen mittleren Weinspass. Also doch ein Opfer der Vorurteile?

21. Mai 2013 

 

Château Beau-Séjour Bécot, 1996,

Saint-Emilion, Bordeaux

 

Ob man es sich eingesteht oder nicht – es ist tatsächlich so, dass jeder Weintrinker oder jede Weintrinkerin seine/ihre Lieblingsweine – oder Lieblingsweingüter hat. Man spricht dann gerne von „Geschmacksache“, Vorlieben oder so! In Wahrheit ist dies weit mehr als eine Laune des Geschmacks. „Vorprägung“ nennt man dies in der Wahrnehmungslehre. Wir alle sind „geprägt“ von tausend Einflüssen: Erziehung, Gewohnheit, Erfahrungen, Erlebnisse, Kenntnisse und, und, und…

So habe – besonders bei den Bordeaux – auch ich Vorlieben, die wenig mit objektiven Kriterien zu tun haben, als viel mehr mit Erlebnissen, Erfahrungen und vor allem gefühlsmässigen Bindungen. Beau-Séjour Bécot ist so ein Weingut und ein Wein. Vor vielen Jahren habe ich die Familie kennen gelernt, mit ihr getafelt, über die Philosophie im Weinbau und vieles mehr diskutiert, Keller und Rebberge besucht und, und, und…

Seither gehört Beau-Séjour Bécot – ähnlich wie Beychevelle – zu den Bordeaux, dessen Entwicklung ich Jahr für Jahr aufmerksam verfolge und immer wieder mal in den Keller lege. Ich finde eine solche wenig objektive Weinauswahl auch gut, denn Wein hat mehr mit emotionaler Bindung zu tun, als mit objektivierten Punkteschemen, auch wenn man dies (sie oben) nicht gern eingesteht.

Beau-Séjour Bécot hatte in den 70er Jahren offensichtlich eine Krise. Jedenfalls hat Parker einst „von Weinen dieses Gutes vor 1985 indirekt abgeraten, da sie seiner Meinung nach das Niveau der 70er Punkte nicht verlassen.“ Das Weingut ist promt 1985 vom Premier Grand Cru Classé B zum Grand Cru Classé abgestuft worden. Ob zu Recht oder Unrecht, weiss ich nicht; sicher hat das Parker-Urteil mit dazu beigetragen. Die wenigen Vor-85er-Bécots, die ich getrunken habe, rechtfertigen diese Deklassierung (in Saint-Emilion alle 10 Jahre) nach meinem Urteil jedenfalls nicht. 1996 ist das Weingut aber bereits wieder aufgestiegen. Die zehn Jahrgänge vor 1996 mussten jedenfalls gut ausgefallen sein, sonst wäre ein so rascher Wiederaufstieg kaum möglich gewesen

In dieser Zeit also habe ich das Château, seine Weine und die Winzerfamilie kennengelernt. Der Jahrgang 1988 jedenfalls – damals habe ich mit meinen Weinnotizen begonnen – fand ich weit besser als die 14 Gabriel- und die 87 Parker-Punkte erahnen lassen. Ich habe noch zwei 88er im Keller und werde – vielleicht heute Abend – meine Notizen überprüfen und die Erinnerungen aufpolieren.

So wird auch ein unmittelbarer Vergleich mit dem 96er möglich sein. Doch heute zum Wein, den ich gestern im Glas hatte: Ein Bordeaux, genau auf den Punkt gebracht. Nichts von überreifer Nase, von dominierenden schwarzen Himbeeren und Kirschwasser mit wohlig süsser Eiche, wie Parker dem Wein damals attestierte. Er hat seine Muskeln eingepackt, kommt besonnen daher und bereitet überaus viel Freude. „Er kann noch zulegen, falls er seine Harmonie findet..“, meinte Gabriel nach der Fassprobe und sechs Jahre später: „er wird seine Harmonie leider doch nie so richtig finden!“

Ich meine, er hat sie gefunden, die Harmonie. Es ist heute ein Wein, der die Appellation Saint-Emilion bestens spiegelt, der Finesse, Tiefe und vor allem Fröhlichkeit hat. Doch Fröhlichkeit ist ja kein legitimes Kriterium für Weinqualität. Die Fröhlichkeit liegt bei mir – nicht im Wein. Aber ein Wein, der mich fröhlich macht, muss ein guter Wein sein. So viel Weinerfahrung habe ich – glaube ich – in den letzten dreissig Jahren gesammelt.

22. Mai 2013

 

Château Beau-Séjour Bécot, 1988,

Saint-Emilion, Bordeaux

 

Getrunken – Beau-Séjour Bécot, 1988, Saint Emilion, Bordeaux

Den Vergleich mit dem 96er-Jahrgang von Château Beau-Séjour Bécot habe ich gestern wahrgemacht, die 1988er Flasche geöffnet und – ich war alles andere als fröhlich. Auch der Wein war es nicht. Er war vielmehr flippig ausgemergelt, mit wenig Druck, kaum noch Spuren von Fruchtaromen, dafür nussige, erdige Töne, leider auch keine Gewürznoten. Ein Firn von Keller lag im Wein. Eine schlechte Flasche? Mag sein – der Füllstand war ausgezeichnet, der Korken tadellos. Ich glaube nicht, dass es an der Lagerung lag, schon viel eher an der Vinifikation und wohl an der zu wenig sorgfältigen Selektion des Traubengutes. Schlicht: der Wein hat sich nicht gehalten. Es stimmt vielleicht doch, dass die 80er Jahre auf Beau-Séjour Bécot nicht die besten waren. Auch wenn ich dies auf Grund der Erfahrungen bisher in Abrede gestellt habe. Wie schreibt René Gabriel jeweils gnadenlos? Vorbei! Zwar noch trinkbar, aber eben: vorbei. Da hilft auch die „Altweinliebe“ nichts.

26. Mai 2013

    

Château Pape Clément, 1997
Pessac-Léognan, Bordeaux

    

Wir wissen es – zumindest die Bordeaux-Liebhaber und Liebhaberinnen –, dass der 97er Jahrgang im Bordelais nicht der beste war. Zwar haben just in diesem schwachen Jahrgang die Preise heftig    angezogen. Cos d’Estournel (Saint Estèphe) hat es vorgemacht und die Preise innerhalb von zwei Jahren mehr als verdoppelt und es zogen fast alle Weingüter nach. Schliesslich stand das magische    Jahr 2000 (Jahrtausendwende) damals bevor und keiner der grossen Bordeaux-Händler (Négociant) wollte das Nachsehen haben und das Jahrtausendgeschäft verpassen, weil es bei der Zuteilung der Weine    durch die Châteaux womöglich leer ausgehen könnte. Heute, fünfzehn Jahre später, ist eigniges klar. Der 97er war nicht ganz so schlecht, wie man ihn damals machte, aber die Preise waren (im    Vergleich zur Qualität) wirklich überrissen.

Inzwischen sind wir uns schon ganz andere Preise gewohnt. Die Spitzenjahrgänge 2009 und 2010 kosten (in der Subskription) rund das Dreifache von damals, jedenfalls bei Pape Clément (und    vergleichbaren Weinen). Aber es geht ja nicht nur um Preise, es geht auch (oder vor allem) um die Qualität. Da sind direkte Vergleiche eher selten, denn der 97er ist grundsätzlich weitgehend    getrunken und die sogenannten Jahrhundertweine (2009 und 2010) müssen sich erst noch im Alter bewähren. Ein paar wenige von den damals (1997) grundsätzlich „grossen“ Weinen habe ich nicht    angetastet – alle andern 97er sind längst getrunken. Der Pape Clément blieb so im Keller liegen und kam nun ins Glas. Höchste Zeit, meinen die Auguren – bis 2010 sollten sie getrunken sein, sonst    beginnt unaufhaltsam der Abstieg, jedenfalls so das einhellige Urteil der Weinkritiker.

Oh Wunder – mein Pape Clément hat ganz offensichtlich (noch) nicht mit dem Abstieg begonnen. Ich habe einen reifen, runden, zwar nicht sehr üppigen, aber feingliedrigen Wein vor mir. Er hat seine    typische Aromatik (viel exotische Restfrucht) behalten, diese aber fein und bestimmt eingewoben in die Tannine, in den schlanken (aber geschmeidigen) Extrakt, Die „mandelähnlichen“ Reifetöne    legen im Gaumen und im Abgang einen überzeugenden Finish hin.

Mit andern Worten: Es hat sich gelohnt, den Wein so lange zu lagern. Er hat sich von einem mittelmässigen Wein (Parker damals 87 Punkte) zu einem schönen Altwein gemausert, dem ich gut und gerne    – wäre ich Punktrichter – bis zu 90 Punkte geben würde. So gesehen ist der damalige Preis um 50 Franken sogar zu rechtfertigen. Doch dazu brauchte es 15 Jahre.

30. Mai 2013

 

Château Beychevelle, 1989
Saint-Julien, Bordeaux

 

Eigentlich schreibe ich nicht gern über Château Beychevelle. Da bin ich – zugegeben – nicht ganz objektiv. Es gehört nämlich zu meinen Lieblingsweingütern im Bordelais. Warum? Ganz einfach, weil es das erste Château war, das ich in dieser berühmten Weinregion besucht habe und weil hier mein Bordeaux-Abenteuer begann. Ich weiss: oft sind seine Weine nicht ganz „standesgemäss“. "Enttäuscht leider wieder, wie schon so oft in letzter Zeit“, lautet das Gabriel-Verdikt beim 2006er. Und der 1989er – ich wage gar nicht nachzuschauen – wird wohl als „vorbei“ taxiert. Was soll ich da über meine „geheime Liebe“ schreiben?

Ich schreibe, weil gestern – wieder einmal – alles ganz anders war. Meine Frau bemerkte zum Wein, den ich aus dem Keller geholt und dekantiert habe, – für sie also eine Blindprobe – „wow, ein wunderschöner Wein!“ Da bin ich fast erschrocken. Erstens war es ja „nur“ ein Beychevelle 1989 und zweitens hat meine Frau alte Weine eigentlich nicht gern. Was ist da passiert?

Wie gesagt, ich bin nicht objektiv. Doch der Wein – Beychevelle 1989 – hat sich nicht nur gut gehalten, er hat sich vom vermeintlich hässlichen Entlein zum strahlenden Schwan gewandelt. Soll ich nun von einer Überraschung sprechen? Im Herzen bin ich nicht überrascht, doch nach aussen gebe ich mich erstaunt. Sooo gut ist er noch?!! Charaktervoll, in der Nase, im Mund, im Abgang; warm – ich bin versucht zu sagen: warmherzig – sein reifes, etwas ledriges, delikates Bouquet wird von Schluck zu Schluck bestätigt. Die verschiedenen leisen Fruchtnoten vermischen sich, räumen einer leichten Tabak-Note Platz ein, werden von Tanninen umgarnt; Süsse und Säure halten sich die Waage. Wo meine Frau halt recht hat, da hat sie recht, sag ich mir und schreibe vergnügt über diesen vergnüglichen Wein

31. Mai 2013

 

Château Roc de Cambes, 1989,

Côtes de Bourg, Bordeaux

 

Seit die Bordeaux aus den Kern-Appellationen fast durchwegs teuer, meist zu teuer geworden sind, haben Weine aus Blaye und Bourg wieder eine echte Chance. Das Gebiet nördlich von Bordeaux, auf der rechten Seite der Gironde, ist sozusagen wiederentdeckt worden. Schon in den 90er Jahren sagte der Bordeaux-Kenner Hubrecht Duijker: „Man sollte das Gebiet im Auge behalten. Manche Lagen am Fluss sind höchst günstig, und das Lokalklima ist eines der wärmsten im Departement.“

Nun, Roc de Cambes war schon damals so etwas wie der „Star“ des relativ kleinen Weingebiets um Bourg. Es gehört dem Kultwinzer Mitjavile, der in Saint Emilion eine ganz besondere Stellung hat. Seine Weine entziehen sich dem bestimmenden Trend der Mehrheit der St-Emilion und Pomerol-Spitzenweine, angeführt von den Weingütern der Moueix-Familie. Mitjavile-Weine haben ihren eigenen Charakter, ihre eigene Kraft und erreichen damit fast Kult-Status. Tertre Rôteboeuf ist für viele Weinliebhaber (auch für mich!) so etwas wie die „Krone“ der Saint-Emilion-Weine. Mit Preisen um 120 Euro zwar teuer, aber – verglichen mit den Stars der Appellation – noch (fast) bezahlbar.

Roc de Cambes ist so etwas wie der „kleine Bruder“ von Têrte Rôteboeuf, ähnlich vinifiziert, stilistisch durchaus vergleichbar, wenn auch etwas dezenter, bescheidener, vielleicht sogar bewusst mit gezügeltem Potenzial. Ich habe den Wein schon in den frühen Neunzigerjahren kennengelernt (und gekauft), als ich den Têrtre Rôteboeuf noch nicht (oder kaum) kannte.

Inzwischen sind mir die Mitjavile-Weine ans Herz gewachsen, allein schon wegen der Art, wie auf den Weingütern gearbeitet (Sohn Louis hat inzwischen in der Côtes de Castillon selber ein Weingut: die Domaine de l’Aurage) und wie eine Weinpassion umgesetzt wird. In kleinen, überschaubaren Einheiten, bei denen der Winzer noch selber seine Vorstellungen eines Weins einbringen kann und die auf dem Feld und im Keller Arbeitenden auch selber Verantwortung tragen.

Nun aber die Enttäuschung. Unter den vielen Mitjavile- Weinen, die ich schon geniessen durfte, war dieser 1989er mit Abstand der schwächste. Die Umstände mögen es rechtfertigen: es ist erst der zweite Jahrgang, den François Mitjevile auf diesem Weingut herausgebracht hat, nachdem er das Potenzial erkannte. Bisher habe ich noch nie einen Roc de Cambes aus dieser Periode getrunken. Es ist besser so, denn nach dieser Erfahrung hätte ich nie auf das Weingut gesetzt. Der Wein hat schon deutlich abgebaut, in der Aromatik und im Stil zwar noch knapp erkennbar, aber eigentlich kraftlos, ich möchte schon fast sagen, von der Nase bis in den Abgang beinahe belanglos. War es nur eine schlechte Flasche oder können die Weine jener Zeit (vor mehr als 20 Jahren) einfach nicht so alt werden? Ich weiss es nicht, versuche aber bald wieder einen Roc de Cambes aus jenen Jahren ins Glas zu bekommen. Ich werde dann selbstverständlich berichten.

01. Juni 2013

 

Albert Larive à Tournon-sur-Rhône, 1981, Crozes-Hermitage. France

 

Anderthalb Jahre sind es her, seit ich den Wein zum letzten Mal getrunken und hier auch notiert habe. Die restlichen Flaschen aber blieben liegen, vergessen oder – unbewusst – zur Seite gestellt. Ich gebe zu, er hat mich nicht mehr angesprochen, nicht mehr herausgefordert, aber auch nicht interessiert: ein Weinchen eben, knapp vor dem aus. Noch trinkbar, sicher, anfänglich interessant was ein dreissigjährigen Crozes-Hermitage noch bringen kann, an Kraft, an Aromen, an Substanz und Körper. Ich habe den Wein einst an einer Auktion erstanden – ganz billig – niemand wollte ihn.

Nach dem ersten Test (vor anderthalb Jahren) wollte ich ihn auch nicht mehr: zu eindimensional, zu einfach, zu sehr in einer auslaufenden Phase.

Gestern hatte ich einen von mir so sehr geschätzten Roc de Cambes im Glas: eine grosse Enttäuschung. Heute diesen Crozes-Hermitage, ein Wein zum Vergessen, wie ich meinte, doch eine riesige Überraschung. Noch immer kein „grosser“ Wein, aber weit über dem, was ich in Erinnerung hatte. Mehr als nur interessant, genussvoll, ein Altwein von der Rhone, den ich mir gefallen lasse. Noch immer einen guten Rest von Frucht, ergänzt mit exotischen Gewürzen, etwas Leder und – man verzeihe mir die Fantasie – Wüstensand. Nein, nicht das Kratzige, Belästigende, Körnige des Sandes, vielmehr die Atmosphäre der endlosen Schönheit, der fast perfekten Unendlichkeit. Man kann ihn trinken, geniessen, findet keine Kanten und Ecken, er ist vielleicht etwas flach, aber durchaus bucklig wie eine Wüstenlandschaft, ein geschliffener Wein und eine echte Überraschung. Sind es vielleicht doch die Erwartungen, die uns ab und zu einen Streich spielen beim Weingenuss?

09. Juni 2013

    

Vincon Vrancea: Vampire, 1996

Pinot Noir, Rumänien

    

Zuerst dachte ich an eine mässig originelle Marketing-Idee: Ein Wein mit Namen „Vampire“ muss ja auffallen und gehört wohl zur Sorte Wein, die eher durch    Originalität der Flasche (besonders der Etikette) auffällt als durch Qualität. Woher ich die Flasche habe, weiss ich nicht mehr. Ich habe sie aus dem Regal gezogen, mit der Bezeichnung „Diverses“    oder „Allerlei“, aus dem Weingestell, das im Keller so dahindöst.

Ein Pinot Noir von 1995 – und erst noch ein mir völlig unbekanntes Weingut – ist wohl hoffnungslos überlagert, vielleicht nicht einmal mehr trinkbar. Meine Neugier    obsiegt: der Wein ist tatsächlich weit über der Trinkreife, ein Altwein, schon ordentlich bräunlich. In der Nase – die kommt ja immer zuerst zum Zug – wenig bis nichts an definierbaren Signalen.    Aber auch keinen Kellerton, nichts Muffiges, wie ich eigentlich erwartet habe.

Im Mund dann auch keine grosse Entfaltung, vielmehr eine Überraschung: noch viel Präsenz. Der Wein hat sich noch nicht verabschiedet, er ist noch da, mehr als nur    trinkbar. Ein dominanter „Grundton“, den ich so noch nie bei einem Pinot angetroffen habe, begleitet ihn. Sind es Mandeln – bittersüsse – so etwas wie der Geschmack eines Amaretto? Irgendwie bin    ich ratlos. Der Wein hat aber noch genügend Kraft und Schmelz um zu gefallen. Er verabschiedet sich – sicher – hat aber noch etwas Burgundisches an sich und sogar Charme, mehr Würze als Beere,    hinter einem ledrigen Gesamteindruck verbirgt sich (noch) die Weichselkirsche.

Erst jetzt – nach dem ersten Eindruck – versuchte ich die Herkunft des Weins zu ergründen. Die Etikette ist leicht abgeschabt, doch – tatsächlich – der Wein kommt    aus Siebenbürgen, Rumänien, also von dort wo also, wo die Vampire leben (oder gelebt haben). Der Wein trägt zu Recht seinen Namen. Doch was weiss ich über rumänische Weine? So gut wie nichts.    Weinrumänien hat – für mich – eher einen historischen Hintergrund, kaum einen aktuellen Bezug und ich müsste nachschlagen (oder googeln) um Fakten liefern zu können. Ich verweise hier gerne    wieder einmal auf das ausgezeichnete Glossar von Wein-Plus.eu.

Dies erspare ich mir (jetzt), freue mich an dem Restgenuss des Weins, und ich habe mich längst versöhnt mit der schwarzen Etikette mit der weissen Schrift und dem    roten Bluttropfen, der aus dem V (von Vampire) trieft.

10. Juni 2013

    

La Pointe, 1982, Pomerol, Bordeaux

     

    Ein hervorragender Jahrgang, eine berühmte Appellation, ein Weingut, das nicht zur Spitze von Pomerol zählt, ein guter Füllstand, beim Einschenken bereits recht fortgeschrittener brauner    Schimmer. So oft habe ich erlebt, dass bei Weinliebhabern nach solchen Präliminarien die Degustationsnotizen gemacht sind. Der Rest ist dann noch Routine: letzte Fruchtspuren, das übliche    Aromenschema: von Walderde über Tabak bis exotische Gewürze, noch ein Wort zur Säure und zu den Tanninen.

    Ich gebe zu, dass auch ich nicht gefeit bin, von solchen Schnellverfahren, die zwar nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig sind. Vor allem werden sie dem Gegenstand – dem Wein – nicht    gerecht. Die professionelle Weinbeurteilung macht dies besser: sie lässt - wo immer möglich – die emotionale Komponente weg. Wein auf dem Prüfstand von - mehr oder weniger - genormten Kriterien.    Voilà, das gibt dann die Kurznotiz oder die Punkte, festgehalten auf Websites, in Zeitschriften, Informationsblättern und nicht selten in Büchern. Festgeschrieben! Oft habe ich das Gefühl –    festgeschrieben für alle Zeiten.

    Die Flasche, die ich heute geöffnet habe, weckt in mir – nach der ersten Wallung von halbprofessioneller Kritik – Gefühle. Gefühle der Ehrfrucht, der Neugier und des Anstands. Ich muss die Dame –    auch wenn sie schon etwas ältlich geworden ist und ihre strahlende Schönheit verblasst – gut behandeln. Ich nippe am Glas, ich geniesse, meditiere bei jedem Schluck. Normalerweise würde ich    sagen: noch gut trinkbar. Doch ich nehme mir mehr Zeit, ich will mich mit ihr beschäftigen, anzufreunden. Und sie antwortet, redet mit mir, sie gibt mir sogar Geheimnisse Preis, wir beginnen uns    zu liebkosen.

    Ja, diese La Pointe ist heute mein Star. Für mich und wohl für jeden, der sich Zeit nimmt, zu spüren, was sie uns noch zu sagen hat. Es ist alles da: Frucht, Charme, Wärme, Tiefe… aber nicht mehr    in Hülle und Fülle. Nur so viel, wie ein Wein im Alter noch geben kann. Ich beisse mir fast auf die Zunge. Wie lieblos und oberflächlich, wie routinemässig und wenig beteiligt gehen wir doch oft    mit Weinen um, vor allem mit alten. Die Begegnung ist meist geprägt von Wissen und festgeschriebenen Meinungen, mit denen wir den Wein einschenken und behaupten ihn geniessen zu können. Immer in    Hinterkopf: Es gibt ja noch Besseres.

11. Juni 2013

 

Lynch-Bages. 1998. cinquième cru, Paulliac, Bordeaux

                                                                 

An der letzten Auktion wurde mir wieder einmal so richtig bewusst, wie sich gewisse Weine aus dem Bordelais in den letzten Jahren einen Kultstatus zugelegt haben und dadurch entsprechend kultteuer geworden sind. Die Qualität wurde zwar – wie auf den meisten namhaften Weingütern im Bordelais – kontinuierlich verbessert, aber bei weitem nicht so, dass daraus ein Hype entstehen konnte. Da haben offensichtlich andere Kräfte mitgewirkt.

Lych-Bages gehört zu diesen Weinen, genau sowie der inzwischen aufgestufte Angélus (Saint Emilion) oder der biobekehrte Pontet-Canet (Pauillac). Diese Weine waren schon lange gut, sehr gut sogar, auch als sie noch fast kultlos waren. Sie reihten sich ein in das Gefüge der Weinordnung von Bordeaux, die (für das linke Ufer der Garonne) schon vor bald 160 Jahren festgeschrieben wurde. Lynch-Bages ist ein Cinquième-Cru, auch heute noch und wird – weil die die Klassifizierung von 1855 wohl nicht so rasch verändert wird – es auch noch lange bleiben. Übrigens genauso wie Pontet-Canet (ebenfalls 5ème cru) mit einem ähnlichen kometenhaften Aufstieg.

Dass sich im Verlauf der Jahre Unterschiede ergeben bei Weingütern mit der gleichen Klassifizierung, ist eigentlich nur normal auf Grund von: Besitzerwechsel, veränderter Philosophie, neuen Erkenntnissen, Investitionen, technischer Ausrüstung etc. Die wenigen Überflieger – zu denen auch Lynch-Bages gehört – können ihren hohen Status nicht allein durch Qualitätssteigerung erringen, sie profitieren weit mehr vom Weinkult, der gerade im Bordelais höchste Blüten treibt. Andere Bereiche – vor allem das Showbusiness – haben es längst vorgemacht. Mit Kult ist viel Geld zu verdienen.

Genau dies wollte ich heute überprüfen. Ein Lynch Bages 1998 sollte Kronzeuge werde. Den Wein habe ich damals für 40 Franken gekauft. Nicht das beste, aber ein ordentliches Jahr. Heute kostet ein Lynch-Bages (egal welcher Jahrgang) um die 100 Franken, in guten Jahren wie 2005, 09,10 sehr schnell mal 150 (und mehr) Franken.

Ich weiss, es ist schwer – ja unmöglich – jüngere mit gereiften Weinen direkt zu vergleichen. Und trotzdem: ich mute mir zu, den „alten“ 98er – das, was er jetzt im Glas bringt – mit dem Potential der vielen jungen Jahrgänge, die ich schon x-Mal verkostet habe, in Relation zu setzten. Und da klaffen Realität (Qualität) und Phantasiepreise weit auseinander.

Der 98er ist ein toller, gereifter, erblühter Wein. Mag sein, dass die 2005er und Co. noch eine Spur besser werden, vielleicht noch etwas raffinierter, noch etwas ausgewogener, ausgeglichener. Mag sein. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in zehn, zwanzig Jahren wesentlich anders (besser) sind, als dieser 98er, den ich jetzt im Glas habe.

Anders wird – wie noch bei einigen Weinen – vielleicht nur der Kult sein, der „Ruf der Nachtigall“. Vielleicht ruft in zehn Jahren die Nachtigall nicht mehr dort, wo sie heute ruft. Vielleicht hat sich der Kult gewandelt, sich andern Weinen zugewandt. Das kennen wir von vielen Beispielen und es hat – fast immer – herzlich wenig (oder nur zum kleinen Teil) mit Qualität zu tun. Deshalb freue ich mich jetzt so sehr über diesen ausgezeichneten Lynch-Bages 1998, der noch knapp dem Kult entronnen ist.

12. Juni 2013

 

Weingut Römmert: Schwarzriesling 2007,

Volkacher Ratsherr, Franken

                                                                 

Wieder ein Wein, über den sich Degustatoren kaum die Köpfe zerbrechen. Er kommt ihnen schon kaum ins Glas, geschweige denn auf den önologischen Seziertisch. Es ist eine Flasche meiner Neugier, gekauft als ich vor Jahren das mainfränkische Weinbaugebiet durchstreifte. Schwarzriesling – eine Rebsorte, die ich nur in Frankreich kennengelernt habe, als Pinot Meunier. Vielleicht hätte man – so es ihn gibt – den besten Schwarzriesling kaufen sollen, um ein gültiges Schwarzriesling-Urteil abzugeben. Doch das wollte ich nicht.

Mir gefiel allein schon die Landschaft mit der Lage „Volkacher Ratsherr“, die verhältnismässig steil zum Main hin abfällt, mich interessierte der Wein, der hier entsteht, ich wollte das Besondere erkunden, zum Beispiel die Domina (die mir gar nicht gefiel) und diesen Schwarzriesling eben. Und so ist dann auch eine Flasche aus Franken in die Schweiz gewandert und gestern – ich gebe zu – etwas spät ins Glas gekommen.

Überlagert, würde ich sagen, den Augenblick längst verpasst für einen Wein, der so gar nichts an Schwere, an Dichte, an Fleisch und Substanz aufweist (zumindest nicht in diesem Stadium). Ein dünnes Weinchen, sagte ich mir, als ich es einschenkte, fast durchsichtig, blass, eher rosé als kräftiges Granatrot. Doch der Wein hat seinen Charme mit seinen feinen, subtilen Gewürznoten, einer leichten Bitterkeit und einer verträglichen Säure, die den Abgang rund und voll macht.

Für mich ein Apéro-Wein oder - wie habe ich in Franken aufgeschnappt - „Dämmerschluck“. Ja es dämmert mir wirklich (auch wenn es eine Binsenwahrheit ist): es muss nicht immer Blauburgunder, Cabernet, Merlot, oder irgendein immer exotisches Cuvée sein, es darf (und sollte) auch Mal die Müllerrebe ins Glas kommen. Auch wenn die alte Rebsorte beim Weinliebhaber eher im fünften oder einem noch weiter hinteren Rang steht. Leider, wenn ich die Vielfalt in der Weinszene betrachte.

20. Juni 2013

 

Villa Mongalli: Della Cima 2006, Sagrantino di Montefalco, Italien

 

Eine dunkle Flasche mit dunklem Etikett und dunklem Wein. Ich habe sie von einem Weinhändler bekommen, bei dem ich bisher gute Erfahrungen gemacht habe: „Nimm mal! Probiere! Ich schenke sie dir!“ Solche „Geschenke“ sind mir meist suspekt. Sie evozieren eine unvorstellbare Abwehrhaltung in mir. Oft zu Unrech - wie in diesem Fall. Sagrantino ist in Umbrien zuhause, im Herzen Italiens, tiefschwarz, fast katholisch. Ein geheimnisvoller Wein, ich denke unwillkürlich an einen warmen Stubenofen an kalten Wintertagen. Ausgerechnet diesen Wein habe ich am Abend des bisher heissesten Tages des Jahres – 30° plus (nicht der Wein, die Temperatur draussen) – zuerst sehr skeptisch, dann still vergnügt auf Terrasse getrunken. Am Morgen habe ich die Wiese vor dem Haus gemäht – mit der Sense, notabene – das Heu duftet jetzt herrlich, warm, wohlig. Und dazu dieser Sagrantino – bodenständig möchte ich sagen, saftige Frucht – nicht totgeschlagen – von Holz und groben Tanninen, eher süss als streng, samtig weich trotz 14,5 % vol. Alkohol. Ich bin kein Kenner italienischer Weine – tappe mich erst langsam vor – die nächsten „Getrunken“ werden dies wohl beweisen. Dieser Wein ist – für mich – italienischer als italienisch, er ist zwar laut – wie wir die Italiener hier oft empfunden haben – aber er ist auch von einer herzerwärmenden Frömmigkeit – Weinfrömmigkeit, wenn es so etwas gibt – von einer inneren Glut und Wärme, bis tief in den Abgang hinein. So lange, dass ich gar nicht mehr ins Bett abtauchebn will.

21. Juni 2013

 

Mouton Rothschild, 1988, Pauillac, Magnum, Bordeaux

 

Eine riesige Enttäuschung: rein äusserlich zwar ein Mouton, die Etikette geziert von Keith Haring, eine Magnum sogar, innerlich aber ein schwacher Wein, nichts von „attraktivem Aroma“, welches Parker ihm zuschreibt; auch nichts von einer „dramatischen Cabernet-Konzentration“, welche Gabriel in noch vor zwei Jahren in einer Magnum festgestellt hat.

Unwillkürlich denke ich an eine Fälschung, oder an eine schlechte Flasche, oder an den Korken, oder… schliesslich ist es einfacher, das Problem bei sich selber zu suchen. Ich habe diesen Bordeaux-Magnum als „Pirat“ in eine Verkostung von Nebbiolo-Weinen geschmuggelt. Von der Runde – vier weinerprobte Männer – erkannte keiner den Bordeaux, geschweige denn der Status des Premier Cru. Es kamen Wertungen von 16.5/20 bis 17/20 zustande. Nur ich gab ihm 18.5/20 Punkte, wohl beeinflusst vom Wissen um wen es sich hier handelt. Gabriel hat ihm immerhin 19/20 Punkten zugesprochen, Parker 89/100 Punkte.

Mein Eindruck: ein mittelprächtiger Bordeaux, überhaupt nicht cabernetbetont, eher diffus in den Aromen, die Tannine leicht körnig, etwas Lakritze und blaue Beeren im Extrakt, alles andere als betörend, eher brav, unauffällig, beginnende Alterstöne, doch keine Oxydation, auch kaum braune Spuren und doch wenig Freude – Sinnesfreude – bereitend.

23. Juni 2013

 

Pietro Zardini, Rosignol, 2008, San Floriano,

Valpolicella, Italien

 

Kein Amarone della Valpolicella und doch – im Auftritt, im Geschmack, in den Aromen – ein Amarone, der wohl nicht so heissen darf, weil er die Auflagen für die DOC-Zone nicht erfüllt. Also „nur“ ein „vino rosso“ und eben kein Amarone obwohl er aus dem Anbaugebiet Valpolicella kommt. Doch das tut – wenigstens mir – nichts zur Sache. Es ist auch nicht nur eine Frage des Preises, denn dieser Ros(s)ignol (In Frankreich ist dies die Nachtigall) hat eine verführerische Stimme: einhüllend fast wie ein „echter“ Amarone. In die Weinsprache übersetzt: fruchtig, weich und voll, Aromen von Gewürzen, gekochten Früchten, Kakao, Schokolade. Vinifiziert wird der Wein wie ein Amarone: Traubentrocknung drei bis vier Monate, dann vier bis fünf Wochen Gärung in Kontakt mit der Schale. Der gleiche Produzent hat auch einen „echten“ Amarone, dreimal teurer, noch kräftiger, strammer, nicht nur 15, gar 16% vol. Alkohol. Ich habe mir lange überlegt, ist es der Preis, der mich lockt, oder ist es die Schönheit einer etwas verhaltenen Kraft, einer etwas weniger dominanten Süsse, das nicht erschlagende Aromenspektrum oder der eher verzögerte Abgang des Rosignol. Ich schliesse nicht aus, dass ich mir da etwas vorgaukle, aber – ich bevorzuge – rein geschmacklich und lustorientiert die italienische Nachtigall mit dem fast französischen Namen.

25. Juni 2013

 

Château Rocher Corbin, 2009, Montagne Saint-Emilion, Bordeaux

 

Es gibt Weine – auch in berühmten Weingegenden – von denen man kaum je spricht. Zum Beispiel über die Weine aus den sogenannten Saint-Emilion Satelliten: Montagne-Saint-Emilion, Lussac-Saint-Emilion, Puisseguin-St-Emilion oder St-Georges-Saint-Emilion. Hier haben die meist kleineren Betriebe nicht die schlechteren Weine, aber mit Sicherheit die weniger berühmten. Es sind halt „nur“ Satelliten und im Bewusstsein so mancher Weintrinker eben doch nicht ganz „echte“ Bordeaux. Auch die Genossenschaftskellereien haben hier eine weit grössere Bedeutung als im übrigen Bordeaux-Gebiet. Grössere Weinhäuser und Importeure suchen da oft auch ihre „eigene Bordeaux-Marke“, um sie dann (in einem begrenzten Gebiet) auch „exklusiv“ zu vermarkten, oder sie lassen ihre eigenen Abfüllungen auf dem Weingut machen. Auch dieser Wein stammt von einem Weinhaus, das Wert auf die „eigenen Weine“ legt; Weine, die nicht im Sortiment der meisten Bordeaux-Weinhändler auftaucht. Ich kannte das Weingut bisher nicht und hatte – wenn ich mich recht erinnere – den Wein auch noch nie im Glas. Collection Royale – königliche Sammlung – nennt sich Linie und – zumindest in der Schweiz – weiss fast jeder, aus welchem Weinhaus der Wein kommt. Für die einen bedeutet dies eine gewünschte Vertrautheit und Verlässlichkeit, für andere ist es eher eine Abschreckung und ein Grund, nicht darüber zu sprechen. Eigentlich schade, denn – zumindest der Jahrgang 2009 – ist durchaus ein – zwar noch junger – aber schöner, runder, warmer Bordeaux. Nicht aufregend, dafür ein Wein, der jetzt schon schön geschliffenen Tannine hat, viel Schmelz und einer dezent-rassigen Würze. Für rund 25 Franken wahrlich ein schöner Wein, auch wenn man – unter Bordeaux-Trinkern – darüber kaum gesprochen wird.

27. Juni 2013

 

Battista von Tscharner: Jeninser Completer „Sprechergut“, 2003, Schweiz

 

Die Komplet, das ist das Nachtgebet vor dem Schlafengehen, bevor in den Klöstern das nächtliche Schweigen beginnt. Diese alte kirchliche Tradition wird (oder wurde) auch in der orthodoxen und evangelischen Glaubensgemeinschaften gepflegt, auf Grund des Psalms „Siebenmal am Tag singe ich dein Lob und nachts stehe ich auf, um dich zu preisen.“

Wenn – vor allem in den Klöstern – vor der Komplet etwas Wein getrunken wurde, so würde man dies heute in weltlichem Verständnis als „Schlummertrunk“ bezeichnen. Also ein „Schlummertrunk“ ist er, der „Completer“, gekeltert aus einer autochthonen weissen Rebsorte, die sich vor allem in der Schweiz – in der Gegend um Chur (Kanton Graubünden) - erhalten hat.

Inzwischen weiss man, dass sich die seltene Rebsorte auch im Wallis, ja sogar in Italien und Frankreich, vorkommt, vorwiegend am Fusse der Alpen. Vermutlich wurde sie mit zur Zeit der Alemannen mit den Walsern in der Gegend verbreitet.

Als Wein ist heute nur noch der „Completer“ aus dem Rheinthal von Bedeutung. Eine Rarität, denn es gibt nur noch etwa 3 Hektaren, die mit dieser Rebe bepflanzt ist, und es gibt nur noch wenige Winzer, die wissen, wie man mit dieser Rebsorte umgeht und zu einem guten – ja sensationellen – Wein werden lässt. Gian-Battista von Tscharner gehört zu ihnen. Seine Completer – sofern man sie noch bekommt – sind kräftig, alkoholreich (14% vol.), aber auch schmelzig, mit Quitten- und Hongaromen mit einer Finesse, wie man sie nur selten findet. Der Einwand, ein 10jähriger Completer sei längst über dem Berg, kann ich nicht gelten lassen. Es stimmt zwar: der Wein wurde etwas lange in meinem Keller gehortet. Er hat das Horten überstanden, ist vielleicht seit einiger Zeit nicht mehr besser geworden, dafür immer noch sehr präsent, sehr ausgewogen und im Abgang  l a a n g.

29. Juni 2013

 

Château Léoville Barton, 1996, Saint-Julien, Bordeaux

 

Die drei Léoville-Weine liefern sich – seit vielen Jahren – immer wieder ein hartes Qualitäts-Duell. Grundsätzlich gibt es zwar eine feste Rangordnung, sowohl bezüglich der Preise als auch in der Qualität. Doch es gelingt immer mal wieder, die vermeintliche Hierarchie zu stürzen. Grundsätzlich sind Léoville las Cases, Léoville Barton und Léoville Poyferré alles „Deuxième“ Grand Cru Classé. Doch der Kult (und wohl auch die Nähe zum berühmten Château Latour) haben – mehr als die Qualität – diese einheitliche Klassifizierung von 1855 längst durcheinander gebracht. Der Léoville las Cases hebt immer mehr ab und versucht zu den Premier Cru Classé aufzuschliessen (wie übrigens der tiefer eingestufte Château Palmer es seit vielen Jahren tut). Léoville Poyferré (lange Zeit das Stiefkind unter den dreien) hat inzwischen immer wieder Léoville Barton deutlich überholt, sowohl preislich, als auch in der Qualität. So war es auch im Jahr 1996, als Las Cases – nehmen wir mal die Parker-Punkte als Massstab – 98, Poyferré 93 und Barton 92 Punkte einheimste (der Preis orientiert sich weitgehen an den Parker-Punkten). Und so war es damals auch in der Subskription: Las Cases mit 180 Fr. weit an der Spitze, Barton hingegen zu 60 Franken und Poyferré zu 50 Franken (trotz einem Punkt mehr von Parker). Und heute? Dieser Preisunterschied hat sich zu Las Cases noch deutlich erhöht. Las Case kostet jetzt über 300 Fr., Barton um 120 Fr. und Poyferré um 100 Fr. Dies sind Zahlenspiele, ich weiss. Doch es ist interessant, wie sich der Wein – der aktuelle Preis verschiebt sich immer mehr zugunsten von Poyferré) – jetzt präsentiert. Im Augenblick ist er (Barton) ordentlich verschlossen, zumindest zurückhalten – nicht strömend in den Aromen – eher gepresst, aber mit einer unheimlichen Kraft, Dichte und Energie. Obwohl ich den Wein dekantiert habe, öffnet er sich offensichtlich nicht ganz. Er behält etwas Erdiges, Tabakiges, Dumpf-würziges bis in den Gaumen. Und doch ist es ein schöner, vielschichtiger Wein, den ich weiter ruhen lassen werde. Er kann, er muss noch weiter reifen.