Archiv Getrunken: 2013/1 (Januar - März)

2. Januar 2013

 

 

Voulte Gasparets, Cuvée Réservée, 2010,

Corbières, Languedoc

 

 

Die Zeiten sind vorbei, in denen ich es beim Wein am Silvester möglichst dem knallenden Feuerwerk gleichtun wollte. Heute bevorzuge ich einen eher ruhigen, kontemplativen Tropfen, einen Wein, der nach innen und nicht nach aussen sprüht. Die Auswahl war allerdings bescheiden – den hier am Strand am Mittelmeer – ist „tote Hose“, die Saison längst vorbei, die meisten Restaurants geschlossen, die Weinregale geleert. Doch die Wahl war gut – ein Altbekannter, ein Weingut, das ich auf Grund der regelmässig hohen Qualität schätze – das ist Voulte Gasparet. Klassisches Corbière aus den vier Rebsorten Garignan, Grenache, Mourvèdre und Sirah. Ein Wein, den ich kaum je so jung getrunken habe. Viel zu jung, dieser 2010er, noch tief in den Kinderschuhen steckend. Doch auch so zu geniessen. Viel Frucht, viel weiche Strukturen, angenehme Tannine. Ja, an diesem Silvester - Weinfreunde werden staunen - habe ich nicht den „grossen“ Cuvée Roman Pauc, den Paradewein des Weinguts im Glas, „nur“ den kleinen „Réservée“. Und es ist gut, dass – von den Umständen des fast leeren Weinregals (einen Keller gibt es hier nicht) geleitet – ein nicht ganz jahresabschlusswürdiger Wein, ein sogenannt „Kleiner“ auf den Tisch kam. So wurde echtes Languedoc, echtes Corbièeres, in einem schönen, wohl auch besinnlichen Augenblick zum Genuss. Vielleicht sollte man doch auch an einem Silvester die Wucht-Brummer eher im Keller lassen und zu den „Kleinen“ greifen. Da ist viel Carignan drin, noch ordentlich Grenchache und der Syrah, gibt dem Wein noch den schönen Schmelz. Ja, es darf bald wieder Silvester sein.

05. Januar 2013

 

Cave de Roquebrun: Roches Noires Macération, 2010, Saint-Chinian-Roquebrun, Languedoc

 

Roquebrun, ein Weinbaudorf im Département Hérault, abseits der Hauptstrasse, am Flüsschen Orb gelegen, in Hügel und Berge eingebettet. Ich liebe dieses Dorf, weil es so typisch ist für die Region, für eine Landschaft, für einen méditeranen Lebensstil. Hier wachsen nicht nur Reben, auch Orangen, Zitronen, Lorbeer, Mimosen. Man nennt Roquebrun nicht zu Unrecht auch das „Nizza vom Herault“, und man sagt, die Trauben reifen hier über Nacht.

Die Lage und der Boden (viel Schiefer) begünstigen den Rebbau, von dem das Dorf (etwa 550 Einwoner) auch heute noch zur Hauptsache lebt. Zentral ist der Genossenschaftskeller (Cave de Roquebrun), der durchaus mit den besten Weingütern der Region mithalten kann. Der Genossenschaftsgedanke – mit strengen Vorgaben für den einzelnen Winzer – ist hier noch tief verankert.

Einer dieser „Genossenschaftsweine“ ist der Roches Noires „Maceration“. Nicht ein Vorzeigewein, ein Wein zum Genuss, zur Mahlzeit, zum Sinnieren über Menschen, Tiere, Pflanzen, die hier seit Jahrhunderten beheimatet sind. Nicht nur das Gelände, auch die Tradition und der Anspruch auf Qualität verlangen Handarbeit bei der Lese. Kürzlich hat die Appellation (Saint Chinian aoc) in einer eigenen Klassifikation 28 „Grand Cru“ erkoren, darunter drei aus dem Cave de Roquebrun.

Auch wenn eine Goldmedaille auf der Flasche prangt, er gehört nicht zum „oberen Segment“ des Weinkellers, eher ein hervorragender Alltagswein, etwa für 10 Euro zu kaufen. Spitzenweine wären da „Seigneur d’Aupenac“, „La Grange des Combes“, und „Baron d’Aupenac“. Mir persönlich gefällt der „Roches Noires“ als unauffälliger, aber herzlicher Wein noch fast besser. Hachette hat ihm ein „coup de coeur“ gegeben, also ein Wein zum verlieben. Im Stahltank ausgebaut, kein Holz, viel Syrah-Schmelz, der die mineralische Noten so schön Geltung bringt. Aber auch rote Früchte (Erdbeeren, Himbeeren, Kirschen) entwickeln im Gaumen viel Frische, die von Jugendlichkeit beherrscht ist, eigentlich von jugendlicher Kraft.

07. Januar 2013

 

Cellier des Cigales: Faugères Reserve Jean-Paul

2011, Faugères, Languedoc

 

Es gibt Weine, die würde ich wohl kennen lernen, führten nicht besondere Umstände dazu. In den meisten Fällen ist dies auch kein echter Verlust. Als Weinliebhaber kauft man in der Regel Weine, denen man irgendwo schon begegnet ist, sei es in einer Weinempfehlung, bei einer Degustation, beim Weinhändler des Vertrauens etc.

Diesen Wein kaufte ich schon fast aus Ratlosigkeit. Ich habe nämlich meinen Keller, der eine Garage ist (und damit lagerungsmässig nicht gerade optimal - im Sommer zu warm, im Winter zu kalt), wieder einmal ganz geräumt, zwecks Inventar und Neubestückung. Also droht mir eine weinlose Zeit. Die guten Weingeschäfte der Umgebung, deren Weine ich längst „getestet“ habe, sind jetzt (fermeture annuelle) geschlossen, eine Fahrt zu Winzen steht zwar auf dem Programm, ist aber erst für nächste Woche vorgesehen und in den Supermarkt (riesige Weinauswahl) mag ich mich nicht stürzen.

Also greife ich beim einzigen nahen Händler mutig in das Regal. Zwei oder drei Weine kenne und schätze ich, die kommen in den Korb. Doch die Versuchung ist gross, auch etwas Unbekanntes mitzunehmen. Vorrat oder Neugier! Jedenfalls kam dieser Faugères, eine Händlerabfüllung für den bekannten „Cellier des Cigales“ mit nach Hause und gestern auch gleich ins Glas. Réserve Jean-Paul nennt er sich und wird im Cave des Vignerons les Crus Faugère abgefüllt. Er hat sogar die AOC Beglaubigung, ist also ein „einheimisches Gewächs“. Auch der Preis stimmt, unter 10 Euro.

Und der Wein. Zuerst in der Nase eine dominante Gewürznote. Ich rate – es macht mir sogar Spass zu raten: Rosmarin, Lorbeer, grüner Pfeffer, Nelke… Jedenfalls, wenn von der Nase auf den Wein geschlossen wird, ist ein kräftiger, ausdrucksstarker Wein zu erwarten. Nichts dergleichen: im Gaumen elegant, schöne Dichte, leichte (aber angenehme) Süsse, die von den Tanninen in aufgefangen wird. Ein schönes, angenehmes Weinchen, das einfach da ist um Freunde zu bereiten.

Also nicht einer Notiz wert? Doch. Es ist eine echte Konkurrenz und Alternative zu dem charakterarmen Massenangebot, das in diesem Preissegment hier (und überall) angeboten wird. Sogar eine hervorragende Alternative, die den Charakter von Faugères (und seinen Weinen) hervorragend wiedergibt. Da steht nicht umsonst – ich habe dies erst am Schluss bemerkt – in blasser Schrift „Cuvée Antique“, ein berechtigter Hinweis, dass hier alte, einheimische Rebsorten vinifiziert wurden. Und erst noch sehr gut ausbalancierten Art, natürlich ohne Holz.

09. Januar 2013

 

Puech-Haut, Prestige 2009, Saint-Drézéry,

Coteau-du-Languedoc

 

Vor zwei Monaten – am 10. November 2012 – habe ich über den gleichen Wein und das gleiche Weingut – eine Tellerwäschergeschichte ohne Tellerwäscher – geschrieben. Allerdings war es damals der 2007er, jetzt also ein zwei Jahre jüngerer Wein. In vielen Weingebieten ist es ja üblich, jeden Jahrgang ausführlich zu besprechen und da gibt es – wenn man das Bordelais betrachtet – durchaus erhebliche Unterschiede.

Nun ist mein sensorisches Gedächtnis aber nicht so ausgeprägt, als dass ich feine Unterschiede jetzt – aus der Erinnerung – ausmachen könnte. Auch die Tatsache, dass der Wein viel zu selten in mein Glas kommt, also eine kontinuierliche Entwicklung des Weins und des Weinguts weder in meinen Notizen, noch in meinem inneren Archiv gespeichert sind, verhindern einen vergleichenden Ansatz.

Vor zwei Monaten habe ich geschrieben: Es ist ein „Einheimischer“ mit all den Aromen, welche das Languedoc – zumindest in den besten Lagen – hervorbringen kann. Grenache und Syrah sind die Grundlage für Anklänge an Walderde, Frühlingsblumen, Lakritze; ja sogar Weihrauch ist unschwer festzumachen. Ein Wein der nicht in Samt und Seide gepackt ist, sondern durchaus auch anecken kann - im Gaumen Druck entwickelt mit seiner vollmundigen Struktur und einen langen, lupenreinen Abgang hinlegt.“

Und jetzt der 2009er? Das gleiche Bild? Grundsätzlich schon – aber… Diese Aber sind gar nicht so unwichtig. Bilde ich es mir ein oder nicht? 2007 war noch die Hand von Michel Rolland zu spüren. Zwar viel Terroir, aber auch eine gute Portion des Internationalismus, der auch im Languedoc Einzug hält. Nachfolger von Rolland ist Claude Gros (ehemals Chateau Negly), wieder so etwas wie ein Global Player. Allerdings setzt das Weingut jetzt stark auf Bio.

Und der Unterschied? Vielleicht der grösste liegt darin, dass dieser 2009er erstmals 93 PP (Parker Punkte) bekommen hat. Im Wein selber kann ich – zumindest aus dem Gedächtnis – nur kleine Unterschiede feststellen. Sie sind mir aber keine fünf oder mehr Punkte wert. Wirklich nicht! Erkennt man darin den Wein-Laien, der doch noch in mir steckt, der fünf oder gar sieben PP nicht auf den ersten Anhieb erkennen kann. Oder – anders ausgedrückt – ist die professionalisierte Weinkritik – für den Konsumenten wirklich so wichtig, nachvollziehbar und relevant? Ausser – natürlich – für den Preis. Die Frage bleibt offen!

10. Januar 2013

 

Château des Estanilles: "L’Impertinent" rouges, 2009, Faugères, Languedoc

 

Es war eines der ersten Weingüter, die ich im Languedoc kennen gelernt habe, vor bald dreissig Jahren. Die Weine kannte ich schon. Eines der führenden Weinhäuser in der Schweiz – Pionier für Languedoc-Weine – hatte sie im Angebot. Damals – als ich im Süden Frankreichs meine zweite Heimat gefunden habe – bin ich zuerst genau diesen Weingütern im Languedoc nachgegangen, die der Weinhändler in der Schweiz angeboten hat und zum grössten Teil noch heute anbietet. Dies hat mir den Zugang zu einigen der besten Weingütern der Region erleichtert. Ich wurde – le Suisse – überall herzlich aufgenommen.

„Der Traum des Elektromonteurs“, so die Überschrift im alten Prospekt zum Château des Estanilles. Tatsächlich sind Michel und Monique Louisson in den 70er Jahren aus dem Savoyischen in den Süden gezogen, in ein kleines Dorf im Gebiet von Faugères. Michel Louisson war Elektromonteur und träumte den Traum, einmal Winzer zu werden. Ein Quereinsteiger also. Nach gründlicher Ausbildung kaufte er in Lenthéric (in der Nähe von Béziers) ein kleines Häuschen mit 14 ha Rebland und wurde schon nach kurzer Zeit zum eigentlichen Pionier-Winzer der Gegend. Vorbild für viele, die begannen, die Qualität als Massstab für ihre Weine zu nehmen.

Der Traum ist ausgeträumt – oder besser gesagt, gelebt worden. Die Louissons verkauften ihr Weingut, das ein stattlicher Betrieb von 35 ha geworden ist, vor knapp drei Jahren an Julien Seydoux, auch einem Quereinsteiger, der als Trader gearbeitet hat, aus einer berühmten Familie stammt (Fussball-Club Besitzer, Filmproduzent) und den Traum von Louison jetzt weiterträumt.

Was sich geändert hat: Es wurde auf dem Weingut nochmals viel investiert, sowohl im Cave, als auch beim Bewirtschaften der recht grossen Rebflächen. Vor allem aber wurde der Markt-Auftritt modernisiert, aus der Cuvée Tradition wurde „L’Impertinent“, zu einer Homage an den „unverschämten“ Hund, der zum Maskottchen des Weinguts geworden ist.

Ich habe zum ersten Mal den „neuen Wein“ – den „alten“ kenne ich wie kaum einen andern Languedoc-Wein – im Glas. Schon früher „naturnah“ ausgebaut, jetzt vollbiologisch (zertifiziert) und …. noch eine Spur feiner, individueller, ausgeprägter, unverwechselbarer. Die klassischen Rebsorten des Languedoc, Syrah, Grenache, Garignan, Cinsault und Mourvèdre und zwar in einem beeindruckenden Gleichgewicht. Wenn mich nicht alles täuscht, sind es jetzt deutlich mehr Syrah-Trauben, die den Ton angeben. Doch die seidige Struktur und vor allem die Symphonie von Aromen wird weitergespielt. Es ist allerdings – Jahrgang 2009 – ein Wein des „Übergangs“ vom alten zum neuen Regime.

Château Estanilles ist offensichtlich voll durchgestartet. Michel Louison – bald einmal 70 Jahre alt, hat in Limoux ein neues Projekt gestartet. Ob es dem neuen Besitzer, Julien Seydoux, gelingt, die Eigenwilligkeit und das Qualitätsbewusstsein von Michel Louison weiterzutragen, wird sich wohl erst zeigen, wenn einmal der Spitzenwein des gutes – Le clos du fou (Der Weinberg des Verrückten) – jährlich nur etwa 2‘500 Flaschen – aus der neuen, veränderten Produktion auf den Markt kommen wird, also in zwei bis vier Jahren.

Getrunken: Château des Estanilles – L’Impertinent rouges, 2009, Faugères, Languedoc

Es war eines der ersten Weingüter, die ich im Languedoc kennen gelernt habe, vor bald dreissig Jahren. Die Weine kannte ich schon. Eines der führenden Weinhäuser in der Schweiz – Pionier für Languedoc-Weine – hatte sie im Angebot. Damals – als ich im Süden Frankreichs meine zweite Heimat gefunden habe – bin ich zuerst genau diesen Weingütern im Languedoc nachgegangen, die der Weinhändler in der Schweiz angeboten hat und zum grössten Teil noch heute anbietet. Dies hat mir den Zugang zu einigen der besten Weingütern der Region erleichtert. Ich wurde – le Suisse – überall herzlich aufgenommen.

„Der Traum des Elektromonteurs“, so die Überschrift im alten Prospekt zum Château des Estanilles. Tatsächlich sind Michel und Monique Louisson in den 70er Jahren aus dem Savoyischen in den Süden gezogen, in ein kleines Dorf im Gebiet von Faugères. Michel Louisson war Elektromonteur und träumte den Traum, einmal Winzer zu werden. Ein Quereinsteiger also. Nach gründlicher Ausbildung kaufte er in Lenthéric (in der Nähe von Béziers) ein kleines Häuschen mit 14 ha Rebland und wurde schon nach kurzer Zeit zum eigentlichen Pionier-Winzer der Gegend. Vorbild für viele, die begannen, die Qualität als Massstab für ihre Weine zu nehmen.

Der Traum ist ausgeträumt – oder besser gesagt, gelebt worden. Die Louissons verkauften ihr Weingut, das ein stattlicher Betrieb von 35 ha geworden ist, vor knapp drei Jahren an Julien Seydoux, auch einem Quereinsteiger, der als Trader gearbeitet hat, aus einer berühmten Familie stammt (Fussball-Club Besitzer, Filmproduzent) und den Traum von Louison jetzt weiterträumt.

Was sich geändert hat: Es wurde auf dem Weingut nochmals viel investiert, sowohl im Cave, als auch beim Bewirtschaften der recht grossen Rebflächen. Vor allem aber wurde der Markt-Auftritt modernisiert, aus der Cuvée Tradition wurde „L’Impertinent“, zu einer Homage an den „unverschämten“ Hund, der zum Maskottchen des Weinguts geworden ist.

Ich habe zum ersten Mal den „neuen Wein“ – den „alten“ kenne ich wie kaum einen andern Languedoc-Wein – im Glas. Schon früher „naturnah“ ausgebaut, jetzt vollbiologisch (zertifiziert) und …. noch eine Spur feiner, individueller, ausgeprägter, unverwechselbarer. Die klassischen Rebsorten des Languedoc, Syrah, Grenache, Garignan, Cinsault und Mourvèdre und zwar in einem beeindruckenden Gleichgewicht. Wenn mich nicht alles täuscht, sind es jetzt deutlich mehr Syrah-Trauben, die den Ton angeben. Doch die seidige Struktur und vor allem die Symphonie von Aromen wird weitergespielt. Es ist allerdings – Jahrgang 2009 – ein Wein des „Übergangs“ vom alten zum neuen Regime.

Château Estanilles ist offensichtlich voll durchgestartet. Michel Louison – bald einmal 70 Jahre alt, hat in Limoux ein neues Projekt gestartet. Ob es dem neuen Besitzer, Julien Seydoux, gelingt, die Eigenwilligkeit und das Qualitätsbewusstsein von Michel Louison weiterzutragen, wird sich wohl erst zeigen, wenn einmal der Spitzenwein des gutes – Le clos du fou (Der Weinberg des Verrückten) – jährlich nur etwa 2‘500 Flaschen – aus der neuen, veränderten Produktion auf den Markt kommen wird, also in zwei bis vier Jahren.

11. Januar 2013

 

Haut Lignieres – Camina Butis, 2009, Faugères, Languedoc

 

Vor acht Monaten habe ich bereits über diesen Wein geschrieben und eine kleine Korrektur durch Weinfreunde – mit denen ich vor Jahren auf dem Weingut war – erhalten. Danke! Und wie dies so oft im Leben ist, wir beide hatten irgendwie recht. Tatsächlich ist Camina Butis (13.50 €) nicht der „kleine“ Wein des Weinguts – sondern der nicht ganz grosse. Der kleinste ist „Le 1er“ (6.50 € ab Hof), der nächste „Romy“ (8.50 €), dann kommt „Carmina Butis“ (13.50 €) und schliesslich noch der „grosse“, von dem ich sprach, die „Grande Reserve“ (21.00 €). Ob es die damals – vor fast 10 Jahren - schon gab, weiss ich nicht mehr. Ich glaube schon..

Doch dies ist nicht der Grund, warum ich dem Wein bereits wieder eine Notiz widme. Beim letzten „Getrunken“ war der „Carmina Butis“ elf Jahre alt und hat deutlich nachgelassen: „an Kraft verloren, zwar sind sie noch da, die Schiefernoten, die Feinheiten einer syrahbetonten Cuvée, aber eben ohne Kraft und mit einer leicht gestörten Harmonie“.

Wie sieht dies nun bei 2009er aus? Dies wollte ich wissen. Ich kaufte ihn im Supermarkt hier unten in der Languedoc – so beiläufig – weil ich mich an die Notiz vor Monaten erinnerte und – typisch Weinliebhaber – neugierig war. Gestern kam der Wein ins Glas. Er ist der gefälligste der Weine, die ich in einer Serie von Languedoc-Weinen in den letzten Tagen und Wochen getrunken habe. Rund, harmonisch, ohne Ecken und Kanten „subtilement corsée“ (dezent würzig) ist keine schlechte Beschreibung. Doch die Weichheit steht über der Festigkeit. Die für Faugères typischen Schiefernoten sind abgeschliffen, wenn nicht ausgelaugt. Irgendwie habe ich nicht das Gefühl „einen typischen Faugères“ zu trinken, viel eher einen guten, aber wenig ausgeprägten Languedoc-Wein, allerdings aus der nördlicheren, der wilderen Gegend.

In zehn Jahren – so meine Vermutung – würde ich ihn nicht mehr so beschreiben, wie den letzten Wein, der vor 11 Jahren in die Flasche kam. Er ist heute eindeutig früher reif. Und noch zwei Anmerkungen: Carmina Butis bedeutet so viel wie „roter Hügel“, ist also keine Person, wie man vermuten könnte. Und – das Weingut hat – ich glaube 2007 – den Besitzer gewechselt, die Weine sind meines Erachtens deutlich besser geworden.

12. Januar 2013

 

La Liquière – Les Amandiers 2010, Faugères, Languedoc

 

Meine aktuelle kleine « Entdeckungsreise » durchs Languedoc geht bald zu Ende. Noch zwei, drei Weine, dann wende ich mich wieder andern Weingebieten zu, vor allem einigen interessanten Jahrgängen aus dem Bordelais. Es ist schon so: Zwei Wochen Weine „nur“ aus einem bestimmten Gebiet – wenn auch ganz unterschiedliche – wecken das Bedürfnis nach Abwechslung, nach anderen Weinerfahrungen, nach anderem Weingenuss. Dies gilt wohl für jede Fokussierung auf einen speziellen Typus von Wein. Doch keine Angst, ich werde bestimmt ins Languedoc zurückkehren – auch weinmässig.

„Les amandiers“, das sind Mandelbäume. Ein Wein, der diesen Namen trägt, muss doch nach Mandeln schmecken, zumindest nach seinen Blüten riechen, zumal auf der Etikette unverkennbar Mandelblüten – in rosa – zu erkennen sind. Namen verpflichten, sie dürften eigentlich nicht zum blossen Werbeträger werden. Dies ist – vermute ich – hier der Fall. Von Mandeln spüre ich wenig, weder von den eher bitteren Mandelaromen, noch von den Blüten. Es kommt mir viel eher Mandelcreme (für die Haut) in den Sinn: Innbegriff für Weichheit, Zärtlichkeit (tendresse).

Es ist ein „femininer“ Wein (Entschuldigung, wenn ich dies so sage), ein Wein der feinen Töne, sowohl in er Nase, als auch im Gaumen. Da hat die rosa-braune Etikette schon recht. Auch Jugendlichkeit steckt drin. Verwendet werden die „klassischen“ Languedoc-Rebsorten: Carignan, Syrah, Grenache (etwa zu gleichen Teilen) und etwas Mourvèdre. Also nichts Aussergewöhnliches für die Region. Auch der Bodenfaktor Schiste (Schiefer) ist nicht zu leugnen.

Und doch ist der Wein um Spuren frischer, um Spuren leichtfüssiger, ja fröhlicher als die meisten Weine der Appellation Faugères. Warum wohl? Er hat, wie die meisten Roten hier, satte 14% vol. Alkohol, ist also alles andere als „leicht“. Es ist wohl seine Geschmeidigkeit, seine angenehme und aromatische Art, die besticht. Die Rebsorte Carignan – die sonst in Langeudoc-Weinen immer mehr reduziert wird – darf hier voll erblühen, zumindest in seinen Aromen, die bis hin zu Feigen und Mirabellen reichen. Nur Mandeln – Fluch der Erwartung – kann ich in den Aromen nicht festmachen.

Eigentlich kennt man vom grossen Weingut (60 ha) vor allem die Top-Cuvée „Cistus“, die ich hier schon mehrmals beschrieben habe. Den „Kleinen“, eben „Les Armandiers“ (Preis ca.8 Euro) ist schon eher – zumindest in der grossen Weinwelt – ein „Geheimtipp“, obwohl jährlich etwa 80‘000 Flaschen davon auf den Markt kommen.

12. Januar 2013

 

La Liquière: Vieille Vigne, 2010, Faugères, Languedoc

  

Getrunken – La Liquière: Vieilles Vignes, 2010, Faugères, Languedoc

Es kommt mir vor wie ein „Who is Who“ der Languedoc. Persönlichkeiten aneinandergereiht, grosse Namen aufgelistet – in diesem Fall: berühmte Weine getrunken. Winzerparade. So ganz glücklich bin ich dabei nicht. All den Weinen, die ich in der letzten Zeit im Glas hatte, fehlt es nicht an Kraft, an Persönlichkeit, an Ausdrucksstärke, an Qualität. Im Gegenteil: sie sind alle „ausserordentlich“ und doch will kein richtiges „Glücksgefühl“ aufkommen. Zu gewollt gut sind die Weine: Gestern war es der „Prestige“ von Roquebrun, zuvor der „No. 3“ aus Castelmaure, heute der „Vieilles Vignes“ und morgen wohl der „kleine“ Gauby“ aus Roussillon.

Kürzlich musste ich einem Freund für eine Degustation ein paar Weine aus dem Languedoc aufzählen, ja empfehlen: es waren etwa diese Namen, diese Weine (und noch ein paar mehr). Alles gute Weine, sichere Werte, eine (fast) sichere Bank bei einer Verkostung.

Und doch: die Handschriften ähneln sich – bei aller Verschiedenheit und unterschiedlichen Akzenten. Den Schiefer, in denen die Reben (in diesem Fall „vieille vignes“) wurzeln, vermeine ich zu spüren, zu schmecken, Vielleicht ist es auch nur das, was der Winzer als Terroir-Note herausarbeiten möchte; vielleicht ist es das, was gute Arbeit im Weinberg und im Keller hervorbringen kann. Wenn ich die Notizen in den Katalogen zu den Weinen aufschlage, fast die gleichen Aussagen: „Aromen von roten Früchten, schwarzen Früchten, mit mineralischen Noten, die Tannine fein und elegant…“

Ich nehme es zur Kenntnis, mag es aber schon fast nicht mehr hören, lesen und (vielleicht) auch bald einmal nicht mehr trinken. Die Sehnsucht nach dem einfachen, sauberen, guten, immer wieder unterschiedlichen „kleinen“ Wein wird immer grösser. Als ein Nachbar zufällig an mir vorbeiging mit zwei, drei abgefüllten Flaschen (Wein en Vrac) im Plastiksack („Mein Alltagswein“, wie er mir sagt), da war ich schon fast neidisch. Doch mein Weinhändler hat keine „en Vrac“-Angebote. Muss ich vielleicht doch ab und zu mal den Händler wechseln?

13. Januar 2013

 

Cave de Roquebrun - Baron d’Aupenac 2006, Saint-Chinian-Roquebrun

 

Ab und zu muss man doch vom ominösen PLV sprechen, vom Preis-Leistungs-Verhältnis, obwohl sich die Genussleistung kaum in ein Verhältnis zum Preis setzen lässt. Wie soll ich einen Petrus 1998 – beim Preis von zwei, drei Tausend Euro – in Genusspunkte umsetzen? Da spielen eben noch ein paar andere Faktoren eine wichtige Rolle.

Nun unser Wein – heute – ist ein Wein aus einer Winzergenossenschaft. Und dies – es ist kein Geheimnis – drückt bei „wahren“ Weinliebhabern schon mal den Preis. Es ist wohl an der Zeit, dass man den traditionellen Genossenschaftsgedanke, der hier in der Languedoc das Überleben im Weinbau erst einmal ermöglicht hat, etwas genauer durchleuchtet. Ich werde dies in einer der nächsten Kolumne auf Wein-plus.eu auch tun.

Hier nur einmal so viel: Der Wein – Preis 22.50 Euro – hat es verdient, dekantiert zu werden. Warum? Weil er sich so in seiner ganzen Schönheit und Tiefe entwickeln kann. Ich meine, er ist im Augenblick – bei sorgfältiger Präsentation (genügend Luft) durchaus ein Spitzenwein, der sich mit vielen Top-Shots messen lässt. Was mir vor allem gefällt: es ist kein „hochgepäppelter“ Wein. Er präsentiert, trotz seiner Feinheit und Tiefe, die zwar sonnenverwöhnte, aber eher wilde Gegend am Fusse der Schwarzen Berge.

Natürlich habe ich schon einige vergleichbare Weine getrunken, auch hier unten im Languedoc. Natürlich gibt es noch einige Spitzenwinzer, die vergleichbares produzieren. Natürlich kann der Wein keine Bordeaux-Preise erzielen, da fehlt der Name, das Renommee der Einmaligkeit. Er ist – wie Betane schreibt – wie sein kleiner Bruder, den ich vor ein paar Tagen beschrieben habe: „er ist ein Schieferwein von Saint-Chinian bis zum letzten Tropfen, kräftig, rauchig, mit Lakritze und vielschichtig. Dem habe ich nichts beizufügen. „Terre-de-Vin“ sagt es noch einfacher: „Ein Superwein“.

19 Januar 2013

 

Azienda Agricola Campogrande (Altare-Bonanni) – Vino Rosso, 2010, Cinque Terre, Italien


Eigentlich schreibe ich kein «getrunken» nach Degustationen. Zu flüchtig ist da die Begegnung um wirklich eine Geschichte erzählen zu können. Diesmal mache ich eine Ausnahme: 1. Weil ich den Wein früher schon getrunken – wirklich getrunken – habe. 2. Weil er mich inspiriert hat, in der nächsten Zeit mich mit einem kleinen Weingebiet zu befassen, das zwar jahrhundertelange Tradition hat, heute aber – als Weingegend – eigentlich wenig Beachtung findet: die Cinque Terre mit ihren Weinbergterrassen und Trockenmauern und autochthonen Rebsorten.

Wer kennt sie nicht als Touristenattraktion, die fünf Dörfer der Cinque Terre: Monterosso al Mare, Venazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore, entlang der ligurischen Küste! Wer aber kennt ihre Weine? Die halsbrecherische Bewirtschaftung der Steilküste, die waghalsige Konstruktion des Treninos, die zum Trocknen aufgehängten Trauben für den Sciacchetrà (Likörwein) werden zwar bewundert, aber ihre Weine? Werden sie auch ernst genommen?

Auch ich kannte sie nicht, bis eine Freundin, die sich für den Weinbau in der Cinque Terre engagiert, mir zwei Flaschen gebracht hat, einen Weisswein und einen Roten. Als bekennender Rotweintrinker habe ich mich zuerst mit dem Roten befasst und ihn gestern – in reichlichen Schlucken – nachverkostet. Ein echtes Weinerlebnis! Warum? Weil es ein „anderer“ Wein ist, nicht sensationell (und vielleicht auch deshalb anders) und vor allem gut! Der Begriff „gut“ ist für einen Wein noch keine besondere Auszeichnung (eher eine Voraussetzung)

Soviel ich weiss (oder ich glaube es zu wissen): die Cinque Terre ist ein Weissweingebiet (darüber werde ich später – vielleicht sogar in einer Kolumne – noch berichten). Was hat aber ein Roter hier zu suchen? Vom roten Rossese habe ich zwar schon gehört, ihn aber noch nie getrunken. Auch dieser „Rosso di Tavola“ ist für mich vom Aromenspektrum her neu, vielleicht weniger gefällig (als viele, ja die meisten Weine in meinem Glas) aber äusserst interessant, ja spannend. Von Schluck zu Schluck macht mir dieser Wen mehr Spass. Ich habe das Gefühl, eine Entdeckung zu trinken, etwas pfeffrig, etwas herbe Kräuter, etwas samtene Eleganz. Liegt es an den Rebsorten – ich weiss gar nicht was es ist, ein Sangiovese oder irgendeine mir nicht bekannte autochthone Rebsorte? Von allem wohl etwas. Kein sogenannt stilsicherer eindeutiger Wein, vielmehr ein gezähmter Naturbursche, eine Wundertüte (ich meine dies nicht negativ) gut ausbalanciert mit feiner Struktur.

Ich kann mich nicht lösen vom Gedanken, dass eben der Top Winzer Elio Altare aus dem Piemont, dahinter steckt (das weiss ich, es ist auch nachzulesen). Doch wie viel macht sein Einfluss aus und wie viel sind es die Rebsorten, das Terroir, der Verzicht auf jede Art von künstlichem direktem Eingriff (Schönung, Konzentrator, Zuchthefe etc.), die das besondere dieses Weins ausmachen?

Ich war zu Gast bei einer Degustation (bei der vor allem um die Weissen und der grossartige Sciacchetrà im ging). Deshalb habe ich beim Roten nicht weitergetrunken. Gerne hätte ich den Rest in mein Glas gegossen. So gut hat er mir gefallen.

Soeben habe ich noch die Rebsorten vom Rosso erfahren: Bonamico 40%, Canaiolo 30%, Cliegiolo 30%. Reben von 10 bis 60 und mehr Jahren. Gewisse Stöcke sitzen einzeln inmitten der weissen, und ihre Sorte ist nicht genau bekannt

20. Januar 2013

 

Margaux 1990 – Sélectionné par Les Grand Vins Veric, Zurich, Mähler-Besse, Bordeaux


Wer von Margaux und Mähler-Besse spricht, denkt unwillkürlich an Château Palmer. Tatsächlich hat Mähler-Besse zusammen mit dem Handelshaus Sichel das renommierte Château 1938 übernommen, um es wieder an die Spitze der Weinszene im Bordelais zu führen. Inzwischen sind längst ihre Erben die Eigentümer und die operationelle Leitung liegt in anderen Händen.

Damit hat dieser Wein aber nichts zu tun. Es ist vielmehr eine Händlerabfüllung für ein Weinhaus in der Schweiz, das Mähler-Besse ausgeführt hat. Man weiss nicht, woher die Trauben kommen, wohl aus der Appellation Margaux und dies ist nicht einmal so sicher. Kein Château-Name bürgt dafür, nur das Weinhaus Mähler-Besse.

Händlerabfüllungen sind immer eine Glückssache, die Flaschen sind meist auch nicht für die Lagerung bestimmt. Es war wohl der gute Jahrgang 1990, der diese Flasche alt werden liess. Meine Erwartungen – ich sage es offen – waren bescheiden. In der Nase kam mir auch ein Altershauch entgegen, eher flüchtig und wenig sagend. Umso überraschender war der Wein dann im Mund: schön rund, noch gut erhaltene Restsäure, viel Aromen, die an exotische Gewürze erinnern, ein zugegeben schwindender Fruchtrest, noch eine passable Struktur und angenehm sowohl im Gaumen als auch im Abgang.

Ein kleiner Wein, aber – für sein Alter – ein guter. Auch „namenlose“ Weine können mitunter ein Potential haben, wenn sie sauber gemacht sind, das für gut zwanzig Jahre reicht.

 

28. Januar 2013

 

Château Pavie, 1995, Saint Emilion, Bordeaux


So ziemlich genau vor einem Jahr hatte ich diesen Wein das letzte Mal im Glas und auch ein „Getrunken“ dazu verfasst, eine Art Ehrenrettung für einen – wie ich meine – „verkannten“ Wein. Damals habe ich zum Schluss zusammengefasst: „…ich bin zufrieden mit meinem „kleinen Pavie“, der mir immerhin so viel Spass bereitet, dass ein Wow – auch von meiner Frau – an diesem Abend nicht ausgeblieben ist: fruchtig, elegant, charmant, tief, ausgewogen…. Ein wirklich guter Saint-Emilion.“ Der Wein ist bereits wieder ein Jahr älter. Gereifter? Abgebauter? Hat er an Kraft verloren? Einen direkten Vergleich schaffe ich nicht, dazu ist mein sensorisches Gedächtnis nicht in der Lage, zumindest habe ich in mir kein Archiv, das einigermassen verbindliche Vergleichswerte liefern könnte. Doch spontan, gestern nach dem Genuss, eine ähnliche Reaktion wie vor einem Jahr: Wow – fruchtig (für einen Wein dieses Alters erstaunlich!), elegant, charmant, ausgewogen… prägnante Struktur und angenehme Tannine. Erst heute Morgen, beim Schreiben dieses „Getrunken“ habe ich nachgeschlagen im Archiv: beinahe die gleichen Worte, die gleichen Notizen… So launisch ist – offensichtlich – mein sensorisches Gedächtnis doch nicht. Feste Werte bleiben eben feste Werte, auch nach einem Jahr.

 

29. Januar 2013

 

Silvano ed Elena Boroli: La Brunella, 1996, Piemont

 

Nun kommen sie nach und nach wieder ins Glas, jene Weine, die ich etwa vor einem Jahr hier kommentiert habe. Heute „La Brunella“ von Silvano und Elena Boroli. Ich schrieb damals: „Es ist kein Powerwein, vielleicht schon etwas über dem Höhepunkt. Was sag ich da: vielleicht? Sicher, denn die Frucht ist fast weg….“. Dies stimmte mich damals nicht traurig und heute? Es erfreut mich. Erstens habe ich jetzt schon mehr Erfahrung mit den Barolos, zweitens hat das Jahr ihm zumindest nicht geschadet. Solche „Nachverkostungen“ nach einem Jahr finde ich äusserst spannend. Ich mache dies gerne bei Weinen, die ich in irgendeiner meiner Weinphasen entdeckt habe; diesen Barolo zum Beispiel auf meiner Weintour durchs Piemont. Angeregt von den Erlebnissen im Gebiet des Barolo, habe ich den Wein später auf einer Auktion erstanden. Ein paar wenige Flaschen. Jetzt bin ich – wie bei so manchen andern Weinen – daran, ein Stück Weinleben zu begleiten. Wenn dies nicht spannend ist! Zu diesem Wein damals, wie heute: „Was für mich neu ist, das sind die subtilen Töne, die weder vom Holz noch im Alkohol (13.5%) erstickt werden."

 

30. Januar 2013

 

Carlo Boscaini: San Giorgio, 2008, Amarone della Valpolicella, Saint‘Ambrogio (Veneto)

 

Auf meinem langen Weg durch die Welt der Amarone – die Leserinnen und Leser meiner „Getrunken“ haben wohl längst registriert, dass ich unablässig für meine Frau den „besten“ oder sagen wir, den „ihren Erwartungen am meisten entsprechenden“ Amarone suche – bin ich einem weiteren Vertreter dieses Weinstils begegnet, dem San Giorgio von Carlo Boscaini. Wie ich darauf gekommen bin? Ganz einfach: es war eben einer der zwei oder drei Amarone, die mein „Weinhändler um die Ecke“ anbietet, noch bezahlbar mit knapp 40 Franken, während sein Spitzen-Amarone doch schon das doppelte kostet. Nun waren alle Augen (zumindest die meinen) auf meine Frau gerichtet: „Na und?“ Wieder nicht ganz das Richtige. Zwar durchaus anerkennend, geniessend, erfreut. Aber das typische Amarone-Feeling, leicht bitter, nicht zu süss, nicht zu mächtig, unverkennbar aufregend, nicht klebrig, das fehlte auch diesem Wein. Kann das sein? Heute, bei den Recherchen lese ich: „San Giorgio Amarone ist der König und nicht einer von der schnell zugänglichen Sorte.“ Aha – nicht schnell zugänglich! Es braucht also Geduld. Der Jahrgang – 2008 – ist auch noch im Bereich der Jugend anzusiedeln. Waren wir zu ungeduldig? In der Nase schon leicht spitz, etwas zu süss am Gaumen, zwar rund, aber doch (vor allem im Abgang) sehr alkoholisch.

Ist das Verdikt nun gesprochen? Nein – der Weinhändler „um die Ecke“ hat ein gutes Händchen, vor allem bei italienischen Weinen. Ich werde einen zweiten Versuch wagen, denn meine Frau hat bald Geburtstag. Vielleicht finde ich ihn doch noch vorher, ihren „ultimativ guten“ Amarone.

 

03. Februar 2013

 

Bodegas Tritòn: Tridente Mencia 2010, Castillien, Spanien

 

Weinerlebnisse in Restaurants sind eher selten. Sogenannte Gastroweine definieren sich weitgehend über ihren Preis und ihre Beleibtheit. Spezielle Weine erhält man (in der Regel) nur in speziellen Lokalen (Vinotheken) und (leider) meist auch nur zu speziellen Preisen. Für mich sind die Spanier oft eine echte Alternative zu den vielen durchschnittlichen und langweiligen Pinot Noirs, allen nur erdenkbaren Cuvées aus Cabernet, Merlot und weiss nicht was, den Dôls und dünnen Blauburgundern, den Händler- und Industrieweinen, den zugeholzten Fruchtbomben, bei denen man glaubt, sie kommen direkt aus dem Konzentrator. Allerdings liefert Spanien – in diesem Bereich – meist auch nicht viel mehr als kräftige Temparillo-Garnachas, die unter dem Begriff Rioja-Weine in unterschiedlicher Qualität und Konzentration fast überall auf der Weinkarte stehen.

Diesmal war es anders. Die Chefin eines sehr guten Restaurants hat sich meines suchenden Blicks erbarmt und einen „Mencia“ vorgeschlagen, nicht ohne zu betonen, dass dies eine autochthone Rebsorte Spaniens sei. Soviel wusste ich gerade noch knapp – mehr aber nicht. Neues kennenlernen heisst immer wieder mein Motto und schwupps stand eine Flasche Tridente Mencia 2010 auf dem Tisch. Der erste Eindruck: ein Schmeichler. Die Damen am Tisch waren auch sofort von ihm „angetan“, die Herren – wie könnte es anders sein – zierten sich eher. Man kann doch nicht sofort unbekannten „Verführer“ Gefolgschaft leisten! Dann aber passierte etwas, was mir nur selten passiert. Die zweite Flasche am Abend war nochmals die gleiche.

Bin ich nun wirklich weinsesshaft geworden? Oder einfach zu bequem, um auf der Weinkarte etwas Neues zu suchen? Offensichtlich bereitete mir der Wein Vergnügen. Und dies ist doch schon „die halbe Miete“.

Mencia – das „Oxford-Weinlexikon“ hat geholfen – ist tatsächlich eine Rebsorte, die in Nordwestspanien sehr verbreitet ist, bei uns aber, laut Google-Recherchen, eher den Charakter eines Gemeintipps einnimmt. Eines ist mir aber gar nicht ganz: Laut fast identischen Beschreibungen handelt es sich dabei um eine Traubensorte, die „zumeist leicht, blasse, aber sehr intensiv duftende“ Weine ergibt, die in der Regel jung getrunken werden. „Unser“ Mencia war ganz anders, zwar noch ordentlich jung, aber eher fleischig, voll von schwarzen Früchten, bis hin zu Tabak und Schwarzer Schokolade, mittelschwer würde ich mal sagen, mit langem, intensivem Abgang. Trotz Dominanz von Cherry-Kirschen (also Frucht) erstaunlich viel und gute Mineralik.

Was soll ich noch sagen? Ich habe den Wein nicht zum letzten Mal getrunken.

 

04. Ferbrur 2013

 

Château d’Armailhac, 1996, Pauillac, Bordeaux

 

Aufmerksame „Getrunken-Leserinnen und –Leser“ haben es vielleicht bemerkt: der Bordeaux-Jahrgang 1996 kommt allmählich ins Spiel, respektive in Glas. Der respektable 1995er geht zu Ende – nur noch wenige Flaschen – und ein neuer Jahrgang (natürlich nur das, was ich davon einst eingelagert habe) wird zum Genuss freigegeben. Noch schwanke ich zwischen den Jahrgängen 1998 und 1996. Beide sind – natürlich mit Ausnahmen für Degustationen und zur Bewältigung der Neugier – noch ziemlich intakt. Gestern also war es der Armailhac 1996 aus dem Hause Mouton Rothschild.

Der Armailhac „leidet“ – rein ruf- und nicht qualitätsmässig – an seinen unterschiedlichen Namen, unter denen er in den Jahren vor 1989 aufgetreten ist: Mouton d'Armailhacq, Mouton-Baron Philippe, Mouton Baronne, Mouton-Baronne-Philippe. Oft wird auch kolportiert, dies sei der „Zweitwein“ von Mouton Rothschild, was nicht stimmt, denn der heisst seit 1994 „Petit Mouton“.

Château d’Armailhac ist ein eigenständiges, schon fast riesiges (für Bordeaux-Verhältnisse) Weingut, das unmittelbar an Mouton Rothschild grenzt und vom jungen Baron Rothschild 1934 erworben wurde. Hier begann auch – mit Hilfe der beachtlichen Ernteerträge – die Produktion und Vermarktung von Mouton Cadet. Aber schon seit vielen Jahren hat Château d’Armailhac seine Identität zurückerhalten, es ist eigenständiges Weingut mit eigenständigen Weinen, die sich aber stark an den „grossen“ Mouton Rothschild anlehnen und von diesem auch vermarktet werden.

Der Wein selber – so habe ich ihn immer wieder erlebt – ist ein weicher, warmer, aromatischer Pauillac; er hat wenig von einer königlichen Ausstrahlung, dafür viel vom Charme und der Fröhlichkeit an einem königlichen Hof (so stellt „Kleinpeter“ sich dies vor!). Ich liebe diesen Wein, weil er meist eine angenehme Süsse zeigt und einen eleganten, aber nicht massiven Körper hat. Für mich ein Wein – weniger zu einem üppigen Mal – als vielmehr zum Ein- oder Ausklingen eines schönen Abends.

Und so ist auch dieser d’Armailhac 1996: gereift, harmonisch, mit fast schon letzten Spuren von Lakritze und Früchten, aber fein-abgestimmten Gewürzen, einem mittleren bis grazilen Körper und einem seidigen Abgang.

Ich werde nun zuerst noch einen Griff zum 1998er tun, um dann zu entscheiden, ob ich den ausgezeichneten 96er noch liegen lasse und den 98er in der nächsten Zeit zum dominierenden Jahrgang mache. Ich glaube, ich lasse den 96er doch noch etwas ruhen und beschäftige mich mehr mit den 98ern. Wir werden sehen.

 

07. Februar 2013

 

La Dominique, 1995, Saint Emilion, Bordeaux


Es sieht so aus, als ob ich immer nur die besten Bordeaux, die besten Weine überhaupt im Glas habe. Dem ist (leider) nicht so. Ich versuche einfach, jedem Wein, den ich gerade trinke, irgendwie gerecht zu werden. Einfach nur den Daumen hoch – oder runter, das liegt mir nicht – ebenso wenig die allzu feine Differenzierung nach Punkten. Dafür ist meine innere Skala oft zu wankelmütig und – da bin ich sogar froh – sie ist überhaupt nicht in Stein gemeisselt. Auch meine Befindlichkeit spielt eine nicht untergeordnete Rolle. Dies alles unterscheidet mich entscheidend vom Anspruch, den ein Profi gegenüber sich und den verkosteten Weinen einfordert.

Es beginnt schon beim Gang in den Keller. Da begleiten mich nur ganz selten bestimmte Wünsche – die Erwartungen werden oft erst da geweckt und fast immer ist der wichtigste Auslöser die Neugier. Da ich meist selber koche, schieben sich sogar bestimmte Vorstellungen der erwartenden Geschmacksharmonie in die nicht immer durchsichtigen Auswahlkriterien.

Heute war wieder einmal so ein Tag, an dem ich eher ziellos ins Regal gegriffen habe. La Dominique 1995, die Flasche war nicht dort, wo die letzten 95er liegen. Ich habe sie offensichtlich irgendwann – wohl vor ein paar Jahren – an einer Auktion gekauft. Das Bordweinbuch verrät (später): 2004 ersteigert für knapp 30 Euro (brutto) – ein Schnäppchen!, kostete der Wein doch schon in der Subskiption um die 40 Euro. Doch bei Auktionsweinen – ich mache diese Erfahrung immer wieder – ist das Restrisiko nicht hoch genug einzuschätzen. Wer weiss schon welche Lagerstätten sie eingenommen und an welchen Weltreisen sie teilgenommen haben.

Umso grösser die Überraschung, ja meine Anerkennung. Der Wein ist in voller Reife: keine vordergründige Beerigkeit, vielmehr Dörrfrüchte, Pralinen, Röstnoten, Kaffee und Pflaumen. Ein weicher, runder, stoffiger Abgang. Letztlich ein herrlicher Wein und es ist mir doch in diesem Augenblick egal – ob Parker ihm 87 oder 89 oder… Punkte gegeben hat und Gabirel 17 oder 18 oder auch meher, wie auch immer…. Er ist einfach – in diesem Augenblick – ein hervorragender Wein mit einem Genusspotential, das nicht mit Punkten (und nur schwer in Worten) zu erfassen ist.

 

07. Februar 2013

 

Biolenz: Muscat bleu, 2010, Sortenrein vom Islisberg, Uesslingen, Ostschweiz

 

Ein gewisses Suchtpotential hat er schon, dieser Wein, der ganz anders ist als alle Weine, die ich zuvor getrunken habe. Er wird ja auch aus Beeren gemacht, die eigentlich von einer süssen Tafeltraube stammen: „Muscat bleu“ oder auch „Schlaraffentraube“ genannt. Nicht ganz zu Unrecht, ist sie doch aromatisch, süss, mit angenehmen Muscat-Aromen, eigentlich ideal, um Traubensaft herzustellen. Und ist der Wein, der daraus 

                                    entsteht?

Parfümiert, würde ich mal sagen. Eigentlich so, dass ich ohne meine anerzogene Neugier, den Wein weit von mir weisen würde. Er erinnert mich in der Nase an meine Kindheit, wo mir noch Traubensaft an Stelle von Wein eingeschenkt wurde. Aber doch nichts für „harte Männer“ und schon gar nichts für Liebhaber trockener Weine!

Dass ich ihn trotzdem versucht – und schliesslich sogar genossen – habe, liegt vor allem am eigenwilligen Winzer, der sich „Biolenz“ nennt und zu den Pionieren des biologischen Anbaus gehört in der Schweiz gehört. Er hat in der Ostschweiz, am Islisberg, einen Betrieb aufgebaut, lange bevor die „Bioszene“ auch über den Rebbau hereinfiel. Da konnte sich noch niemand vorstellen, dass einmal Pontet Canet im Kerngebiet des Bordelais die Bio-Ideale übernehmen wird und die Flasche dann zu hundert und mehr Franken verkaufen kann.

Biolenz verkauft natülich auch gerne seine Flaschen, der Betrieb lebt ja (zum Teil) davon. Ihm geht es aber noch vielmehr um das Erproben neuer naturnaher Methoden und (nicht zuletzt) um ein neues, naturnäheres Empfinden. Wieso soll nicht auch ein Wein einmal anders sein? Wenn dann noch ein bisschen Lebensphilosophie dazu gereicht wird, könnte sogar etwas entstehen, das Kultcharakter hat: „Es ist ein Meditationswein und öffnet das dritte Auge. Die Gaben vom Muscat bleu sind Transparenz und Erhöhung.“

Soweit würde ich nicht gehen. Das „dritte Auge“ öffnet sich bei mir eher durch (zu) viel Alkohol, als durch Duftnoten, die sich eher im Rosenbeet als im Rebberg ansiedeln lassen. Dies tönt etwas abfällig, ist es aber nicht. Wenn man den Rosenduft und die Lavendelverführung einmal überstanden hat, entwickelt sich der Wein zu einem frischen, leichten, bekömmlichen Landwein mit feiner nuancierter Säure und einer Frucht, die sich langsam aus den Parfümtönen herausschält: Cassis, Johannisbeeren, Kirschen bis hin zu rauchgien Noten. Der Wein hat nichts Klebriges, nichts Süssklingendes oder Dropsiges an sich.

Er ist sicher nicht das, was man trocken nennt. Und ich kann mir vorstellen, dass viele – wohl die Mehrheit der Weinliebhaber – nicht nur die Nase rümpfen, sondern das eigenwillige Getränk als „Nichtwein“ weit von sich fern halten. Fast wäre es mir auch so ergangen. Doch dann habe ich mich eingelassen – mit oder ohne „drittem Auge“, und ich muss gestehen, der Wein hat Suchtpotential.

 

08. Februar 2013

 

Othmar und Brigitte Lampert: Steckborner Regent, 2009, Thurgau, Schweiz

 

Steckborn liegt am Untersee (Bodensee), eigentlich ein Grenzort, gegenüber – am andern Ufer – ist Hemmenhofen, bereits deutsches Gebiet. Unweit von Steckborn ist Reichenau, die grösste Insel im Bodensee, wo schon 724 ein Benediktiner-Kloster gegründet wurde, das im Frühmittelalter (Karolinger und Ottonen) zu einem wichtigen kulturellen Zentren des Reichs aufstieg und nach einer wechselvollen Geschichte im Rahmen der Säkularisation 1803 aufgelöst wurde.

Steckborn, eine Gemeinde (4800 Einwohner) im kleinen Weinbau-Kanton Thurgau, wo etwa 40 Winzer die Reben von 260 Hektaren bewirtschaften, 70 Prozent rote Rebsorten und 30 blaue. In der Weinszene hat der Rebforscher Hermann Müller – eben Müller-Thurgau – den Kanton bekannt oder gar berühmt gemacht. Seine Neuzüchtung Müller-Thurgau (in der Schweiz noch weitgehend mit Riesling/Silvaner bezeichnet) wird im Kanton Thurgau auch ganz besonders gehegt und gepflegt.

Doch hier ist eigentlich Rotweingebiet. In der neusten Ausgabe von Vinum (Schweiz) wird die kleine, aber feine Weinszene am Ottenberg (Thurgau) mit seinen ganz speziellen Weinen zu Recht gewürdigt. Unser Winzer aber hat seine Reben aber nicht an dieser „bevorzugten Südlage“, vielmehr nördlich „ennet-em Berg“, wo vor allem der Bodensee das Klima beeinflusst.

Der Cabernet Sauvignon reift in dieser Gegend kaum, der Blauburgunder – obwohl idealer Boden – hat auch seine liebe Mühe. Deshalb hat es den Winzer Othmar Lampert immer mehr zu neuen Rebsorten gezogen, mit denen er erstaunliche Qualität und grosse Erfolge erzielt. Der Regent, der eine Kreuzung der roten Chamourcin- und der weissen Diana-Traube ist, besitzt nicht den Glanz und die Glorie von jenen Rebsorten, die heute den Ton angeben: Cabernet, Pinot, Riesling, Chardonnay….

Der Regent ist eigentlich ein Stiefkind. Doch – wenn er gut und vor allem sorgfältig ausgebaut wird – kann er durchaus zum „Königssohn“ werden. Sicher bleibt sein Reich eher regional beschränkt, doch im Rahmen der Cabernet/Merlot und Blauburgunderschwemme (ich rede von den mittel- bis belanglosen Weinen) zeichnet sich dieser Regent schon fast königlich aus: ein samtiger Rotwein mit eigenem Charakter, feinen Würzaromen, einem erstaunlich prallen (oder breiten) Körper und einem mindestens mittellangen Abgang. Er erinnert mich stark ans südfranzösische Gewächse, die ich sehr oft im Glas habe und die mir besonders vertraut sind

08. Februar 2013

 

Mas de Theyron: Les Galets, 2005, Coteaux du Languedoc, France.

 

Gerade mal drei Weinhändler, die ich kenne und bei denen ich auch einkaufe, haben in den letzten Jahren ein Weingut übernommen. Sie sind ausgestiegen aus dem Weinhandel oder betreiben beides – Produktion und Handel – gleichzeitig, natürlich mit den entsprechenden Hilfen und Stellvertretern. Rolf Reichmuth, vom alteingesessenen Weinhaus Reichmuth ist einer von ihnen. Er hat 1996 in Südfrankreich ein Weingut erworben. Eigentlich wäre er am liebsten ausgewandert, hätte seinen Familienbetrieb verkauft und fortan nur noch Weine „gemacht“. Doch es kam anders, Rolf Reichmuth blieb seinem renommierten Familienbetrieb treu und stellte gleichzeitig seine langjährige Verbundenheit mit Languedoc-Roussillon unter Beweis, indem er hier ein eigenes Weingut auf- und ausbaute: Mas de Theyron. Reichmuth gehört nämlich zu den „Entdeckern“ der Languedoc, in dem das Weinhaus seiner Eltern schon in den 70er Jahren begann, aus dieser Gegend Weine zu importieren. Meine ersten Weingüter, die ich im Languedoc vor mehr als 20 Jahren besuchte, waren jene Spitzenbetriebe, deren Weine ich durch bereits kannte. Und es sind auch heute noch – bis auf ganz wenige Ausnahmen, immer noch die gleichen Weingüter, die mit ihren Weinen bei Reichmuth im Angebot stehen.

Nun also hat Rolf Reichmuth sein eigenes Rebgut und zwar in der Region um Montpellier. Langsam entwickelt sich aus dem – fast schon im Dornröschenschlaf versunkenen, alten Weingut mit historischen Wurzeln – ein prächtiges Unternehmen, das nun schon seit Jahren ausgezeichnete Weine produziert. Es war wohl kein einfacher Weg – begleitet von vielen Fehlschlägen und Irrtümern – bis hin zum heutigen Betrieb mit der offiziellen französischen Bio-Zertifizierung (seit 2010), der vom Verwalter Michel Urbain vorbildlich geführt wird.

Heute habe ich den 2005er „Les Galets“ im Glas. Mehr Typizität kann man sich kaum vorstellen, ein „grand cuvée“ der Languedoc. Grenache – eigentlich eine spanische Rebsorte, die aber in Südfrankreich eine neue Heimat gefunden hat – ergibt mit Syrah einen würzigen, fruchtigen, nachhaltigen Wein, trotz seiner Leichtigkeit und seinem Charme von unglaublicher Fülle und Harmonie. Vielleicht fehlt ihm etwas die rustikale Aromenvielfalt, welche vor allem die Weine der Corbières auszeichnet. Da ist eben schon sehr viel Rhônetal mit einem sehr hohen Syrah-Anteil drin. Doch ich verspüre eine grosse Lust, auch die andern Weine dieses jung-alten Weinguts kennen zu lernen.

 

11. Februar 2013

 

Pierre Amiot: Clos de la Roche, 1980, Morey-Saint-Denis, Côte-d’Or, Burgund

 

Clos de la Roche“ ist eine Grand-Cru-Lage an der Côte-d’Or, nur 17 Hektare gross, ausschliesslich Pinot Noir. Keine 80‘000 Flaschen werden hier jährlich erzeugt. Entsprechend gesucht (und teuer) sind die Weine. Ich habe ein „Museumsstück“ im Glas, Jahrgang 1980, das aus dem Keller meines Freunds Rémy stammt. Er meint: „Homage an einen Altweintrinker!“ Tatsächlich hat der Wein noch keine Oxidationstöne, dafür ein ganzes Arsenal an Reifetönen: von würzigen Noten über Leder bis zur Sauerkirsche, dies alles fein säuberlich eingebunden, ja verarbeitet in einen samtenen Schmelz.

In den 70er und 80er Jahren war Burgund noch nicht das Burgund von heute. Hoffnungslos überdüngte Böden, grosse Erträge, nicht selten fahrlässig gekeltert. Man musste Glück haben, wenn man damals einen guten – einfach so – ins Glas bekam. Rémy, mein Gastgeber, war damals in einer Weinrunde, die Wert auf gute Burgunder legte. Also hat man gesucht – und auch gefunden. Zum Beispiel den Clos de la Roche von Pierre Amiot.

Doch es war noch die Zeit, als man – mit sehr guten Beziehungen – ganze Fässchen kaufen und selber in Flaschen füllen konnte. Diese Zeiten sind längst vorbei. Dieser Clos de la Roche aber wurde einst in Biel abgefüllt. Ein paar legendäre Flaschen sind erhalten geblieben, wie gesagt, eigentlich Museumsstücke. Die Frage stellt sich: hat sich das lange Lagern gelohnt. Seit gestern weiss ich es: es hat sich gelohnt. Nach einiger Zeit entwickelt sich ein kleines Kunstwerk an Aromen, an harmonischen Tönen, an unglaublich vielen Anreizen zum genüsslichen Sinnieren.

Es ist nicht einfach nur das Alter, welches Bewunderung und Staunen auslöst, es sind wirklich die Genusswerte des Weins, der – vor allem die Altweintrinker – völlig aus dem Häuschen bringt. Museumsstücke, die man dem Genuss opfert, sind unwiderruflich weg. Schade!

11. Februar 2013

 

Domaine Didier Meuneveaux: Corton-Perrières, 2003 und 2006 Aloxe-Corton, Burgund

 

Es zeigt sich auch im Burgund immer deutlicher, dass durch die moderne Kellertechnik der Jahrgang der Weine längst nicht mehr die Bedeutung von früher hat. Man kann wohl sagen, bis zu einem bestimmten Punkt sind die Weine immer mehr witterungsunabhängig. Einzig der Reifegrad lässt sich nur schwer „korrigieren“, sonst aber können auch in „mittleren“ oder „schlechteren“ Jahren durchaus gute Weine entstehen. Beim roten Burgunder war der 2006 wohl der bessere Jahrgang als 2003, beides waren aber keine Spitzenjahrgänge. Der 2003er litt, wie fast alle Weine in Europa, unter der Sommer-Hitze. Ein ungewöhnlicher Jahrgang für Burgund, mit kräftigen Weinen, die aber früh zu trinken sind. Der 2006er war „Gutes klassisches Jahr (vergleichbar mit 2001), nicht für die Ewigkeit gemacht, früher trinkreif, aber elegant.“

Es war natürlich so, dass mir in zwei Gläsern beide Weine miteinander aufgestellt wurden. Ich – eher ein Bordeaux-Liebhaber – musste den besseren bestimmen, natürlich blind. Und ich wählte den 03er, denn er hatte deutlich mehr Aromatik, eine schönere Nase und im Gaumen viel mehr Abgeklärtheit. Zugegeben, die beiden Weine lagen nahe beieinander. Doch mein Urteil änderte sich den ganzen Abend nicht, auch nicht, nach dem das Jahrganggeheimnis gelüftet war.

Reifere Burgunder sind offenbar – für meinen Geschmack – tiefer, runder, harmonischer. Resultat der Einbildung, der Gewohnheit, der Prägung? Schwer zu sagen, wenn man einfach den einen Wein (vom gleichen Winzer, aber von einem andern Jahrgang) besser findet als den andern.

Was mich weit mehr interessiert als die Jahrgangsunterschiede, das ist die Typizität der Kleinregionen (Lagen) im Burgund. Gibt es so etwas wie den typischen (an den Aromen erkennbaren) Wein von den Hängen des Hügels von Corton? Und auch da: Unterschiede zwischen Aloxe-Corton, Savigny le Beaune etc. oder gar Corton-Perrières oder Corton-Bressandes oder Aloxe-Corton, Chorey-les-Baunes oder Pernand Vergelesses?

Ohne Burgunder-Führer komme ich schon lange nicht mehr zurecht, so differenziert sind die Lagenunterschiede. Mit Universalbegriffen wie Brombeeren, Veilchen oder Leder in der Nase, oder strenger, harter, tiefgründiger Extrakt im Gaumen kommt man in Burgund nicht zurecht. Es braucht deutlich feingliedrige Abstufungen, vielleicht braucht es sogar neue Begriffe, um dem Burgunder in seiner anfänglichen Zurückhaltung und Vielfalt auch gerecht zu werden.

Ich stelle einzig fest: der reifere Burgunder – auch wenn schon Spuren der Überreife zu finden sind – haben mir es angetan. Jungsporne mag ich im Bordelais nicht, genau so wenig wie im Burgund. Wobei der 2006er längst kein Jungsporn mehr ist, aber auch noch nicht ganz gereift, geadelt

 

07. März 2013

 

Boschendal: Shiraz 2007, Franschhoek, Südafrika

 

Ja, ich bin zurück von meiner Reise durch Vietnam-Kambodscha. Weinmässig ein fast Niemandsland, doch ich werde die getrunkenen und die wenigen mitgebrachten Flaschen in meiner nächsten Kolumne besprechen. Dies ist nun der erste Wein zuhause. Ein Shiraz aus – ja wieder aus der Fremde – Südafrika. Irgendwie hat mich das Fernweh befallen. Ich träume zurück zu einer meiner letzten Reise: Franschoek, die „kleine französische Ecke“ in Südafrika. Nicht nur der französische Charme des Ortes hat es mir angetan, auch die Weine aus dem Gebiet. Es muss ja nicht immer Stellenbosch sein, und nicht Merlot-Cabernet, Rebsorten die auch in Südafrika zunehmend angebaut werden. Eigentlich kenne ich bisher nur den Reserve Cecil John, den Parade-Shiraz des Weingutes Boschendal. Und der hat mir – wieder einmal – zu viel Holz, welches die dunkle Frucht und die aromatischen Noten geradezu überrennen. Vielleicht bin ich diesbezüglich auch zu sensibel, mag sein. Dieser „kleine“ Shiraz, Bezeichnung 1685, ist für mich einfach echter, saftiger, frischer, diese auch nach gut fünf Jahren. Fernweh muss nicht immer exotisch sein, es kann auch heimatliche Gefühle wecken. In diesem Fall auf Südfrankreich bezogen, nördlichere Rhone: Hermitage, Saint-Joseph, Côte-Rôtie, Coronas. Irgendwie finde ich diesen südafrikanischen Shiraz – die geliebten französischen Weingebiete mögen mir verzeihen – sogar eleganter, runder, vielleicht ein Spur kraftvoller, gesamthaft dominanter, als die reinen, französischen Syrahs. Ist dies etwa auf die physiologische Reife des Traubengutes zurückzuführen, das (leider) in Frankreich nicht immer über jeden Zweifel erhaben ist. Jedenfalls präsentiert sich dieser Shiraz (Preis 22 Franken) so, wie ich mir einen guten Syrah vorstelle: ganz leicht süsslich, duftig, weich, sogar mit Schokoladennuancen.

 

07. März 2013

 

Trivento Bodegas: Mixtus 2011 – Shiraz-Malbec, Mendoza, Argentinien

 

Argentinische Weine trinke ich sehr, sehr selten, eigentlich nur auf meinen Reisen. Da kommt gar mancher Wein ins Glas, den ich sonst kaum einschenken würde. Ein Nachteil? Ja und nein – ich muss als Weinliebender nicht jedes Weinland, nicht jeden Weinstil, nicht jede Rebsorte kennen. Ich konzentriere mich – zuhause – auf das, was mir besonders gut schmeckt; auf das, wo ich auch kleine Unterschiede, ausmachen und mich an Entwicklungen freuen oder ärgern kann. Anderseits – ich habe dies schon oft geschrieben – bin ich neugierig, möchte nicht nur „meine“ eigene Welt, auch „fremde“ Welten kennen lernen. Das Mass der Dinge muss nicht mein eigener Weinkeller sein.

Nun, diese argentinische Cuvé – Shiraz-Malbec – ist auch nicht das Mass aller Dinge. Dafür aber interessant, ein moderner Wein, weder in den Aromen, noch im Stil auf ausgetretenen Pfaden: 13% vol. Alkohol, kein Holz, doch eher wolkig, leichtfüssig, ja sogar fröhlich. Vielleicht sogar ein Apéro-Wein und zu eher leichten Gerichten. Ein Wein, der bei uns wohl „zu Tiefstpreisen“ angeboten wird. Muss er deshalb schlechter sein als andere Tischweine?

Mit Malbec habe ich meine südfranzösische Erfahrung, auch in Verbindung mit Shiraz. Languedoc hat da manch guten Tropfen, man muss nicht bis nach Argentinien schauen. Doch sie alle sind eher kräftig, würzig, saftig mit intensiven Fruchtaromen. Dies alles ist bei dieser Malbec-Shiraz-Cuvé fast schon oberflächlich, verhalten: Kirschen und rote Früchte, Johannisbeeren, auch einen Hauch von Schokolade. Ich bin versucht zu sagen, die Spielzeugvariante eines argentinischen Malbecs. Andere würden es wohl Basiswein oder Exportabfüllung nennen. Brav, gekonnt, und doch eigenständig. Ich kann mir vorstellen, dass es dazu einen „grossen Bruder“ gibt, der sich dann durchaus zum Spitzenwein mausern kann.

12. März 2013

 

Quinta de Sant’Ana: Mafra Vino Regional Lisboa, 2010, Portugal 

 

Einen Bomber hatte ich gestern im Glas, einen fetten, portugiesischen Bomber. Ich lese in den kulinarischen Empfehlungen des Weinhändlers: „…es darf ruhig etwas deftig sein“. Die Taglierini mit Trüffelrahmsauce und frischen Périgordtrüffeln waren tatsächlich viel zu fein – zu delikat – um nicht sogleich vom Wein „gefressen“ zu werden. Das Essen muss deftig sein – sonst hat es keine Chance neben dem Wein. Der Anlass für diese Weinwahl war der Film: „Nachtzug nach Lissabon“, der im Kino – wo ich am Nachmittag war – angekündigt wurde, die Verfilmung des Bestsellers von Pascal Mercier (Peter Bieri) aus dem Jahr 2004. Raimond Gregorius, ein Berner Lateinlehrer, versucht mit dem Nachtzug vor sich selber zu fliehen. Lissabon wird so zum Schauplatz eines „Bewusstseinskrimi“, in dem es um die Suche nach sich selber geht. Angetörnt durch Filmtrailer, respektive Buch, unternehme auch ich eine kleine Entdeckungsfahrt nach Portugal. Portugiesische Weine kenne ich kaum, eine Cuvée aus Aragonez (Tempranillo), Merlot und Touriga Nacional (einer portugiesischen autochthonen Rebsorte, die ich überhaupt nicht kenne) schien mir verlockender Anreiz zu sein. Der Wein wurde tatsächlich dem Buch – in Bezug auf Wortgewalt – gerecht, doch die Spannung, die Eloquenz fehlte ihm. Ich war schon nach dem ersten Glas satt. Was den Reiz des Buches ausmacht, dass eine Geschichte in der Geschichte verpackt ist, fehlte dem Wein vollständig.

Ich weiss, dies ist kleine legitime Weinkritik. Dafür ein Erlebnis, das über den Wein einiges auszusagen vermag. Zum Beispiel: es ist ein saftiger, üppiger Wein, der viele der Ingredienzien eines guten Weins in sich hat: Aromen von Kirschen – ganz schwarzen, reifen, grossen – gerösteten Kräutern, dunkler Schokolade, Kakao… Doch all dies – und noch mehr – fast etwas grobschlächtig, so penetrant, dass ich gar nicht angeregt werde, das Feine, Subtile darin (und dahinter) zu suchen. Was sagen meine Freunde so oft: Ein Wein fürs Restaurant, wo es mitunter laut und bunt zu und her geht, wo sich so viele verschiedene Gerüche (und Geräusche) vermischen. Der Pegel ist mir da doch meist viel zu hoch.

13.03.2013

 

Château Lagrange, 1982, Saint Julien, Bordeaux

 

Getrunken: Château Lagrange, 1982, Saint Julien, Bordeaux

Griff in den „Giftschrank“, dort wo die „Unantastbaren“ lagern. Nein, es sind lange nicht alles Wunderweine, teure Flaschen, die nie angerührt werden dürfen. Es sind vielmehr Weine, die für mich besonders interessant sind, sei es in Bezug auf den Jahrgang, das Château oder meine ganz persönliche Erfahrung mit dem Wein oder dem Weingut.

Gestern also war es Château Lagrange vom Spitzenjahr 1982. Dazu Parker: „In praktisch allen Appellationen mit Ausnahme von Graves und Margeaux entstanden die konzentriertesten und potentiell komplexesten und tiefsten Weine seit 1961 ….“ Und die 82er sind – wenn man von den sündhaft teuren Spitzenweinen absieht – rar geworden, schlicht und einfach längst getrunken. Zudem „kriselte“ Lagrange in den sechziger und siebziger Jahren und kam erst Mitte der 80er (Besitzerwechsel) wieder voll auf Touren.

René Gabriel meint schon lange: „austrinken“ und auch Michel Bettane gab dem Wein nur 6.5 von 10 Punkten (damals noch bei der Revue du Vin de France). Grund genug, mindestens eine Flasche aufzubewahren und nach mehr als dreissig Jahren mal „nachzuschauen“. Nehmen wir das Ergebnis vorweg: der Wein ist nicht besser geworden als er – seit den ersten Jahren – in etwa war. Parker bewertete ihn damals mit 85/100 Punkten.: „…der dunkel rubinrote Wein mit einem schön entwickelten Bukett von reifen Beerenfrucht und vanillinwürzigem Eichenholz zeigt auf der Zunge frühe Reife und vollen, üppigen, schön konzentrierten Geschmack sowie kräftigen Körper…“

Was ist nun daraus geworden? Ein Wein mit „Altersspuren“, sicher, doch ein Wein, der noch mit viel Genuss zu trinken ist. Die Reifetöne überlagern inzwischen die Beerenfrucht, die aber noch vorhanden ist. Das vanillinwürzige Eichenholz hat seine Vanille hinter sich gelassen und hat sich zur stattlichen, warmen Struktur gewandelt, die Farbe ist matter und leicht ziegelrot geworden, also nichts mehr von rubinrot, und doch noch mit ordentlich schöner Farbe, die Säure hat noch viel Geschmeidigkeit und verkriecht sich zwischen die Aromen, der Abgang ist nicht lang, aber nachhaltig.

Alles in allem ein wunderschöner altgewordener Wein. Sicher kein Spitzenwein, dazu ist er – den Umständen entsprechend – nicht berufen. Aber ein Wein, der zu Recht so lange im „Giftschrank“ gelegen hat. Ein Wein, der meine Zuneigung zu „alten“ Jahrgängen bestärk und meine Erkenntnis bestätigte hat: nicht nur Honoratioren können in Würde alt werden.

 

18. März 2013

 

Château Marac, 2006, Bordeaux Supérieur, Bordeaux


Ein Bordeaux mit der Bezeichung «Bordeaux Superieur» stammt in den allermeisten Fällen aus dem Weingebiet „Entre-Deux-Mers“. Tatsächlich kommt dieser „kleine“ Bordeaux aus Pujols, einer Gemeinde südlich der Dordogne, etwa 50 Kilometer von St. Emilion entfernt, wo einige der „grossen“ Bordeaux zuhause sind (Cheval blanc, Ausone, Angélus etc.). „Marac“ kostet in der Regel um die 10 Franken und wird vorwiegend von Discountern und Grossisten vertrieben. Auch ich habe diesen Wein irgendwo aus den Weinregalen eines Grossverteilers genommen, um wieder einmal einen der vielen „namenlosen“ Bordeaux zu testen; einer jener Weine, die zwar den klingenden Namen „Bordeaux“ tragen, doch nur einen Bruchteil dessen kosten, was man für die berühmten Bordeaux bezahlen muss.

Was typisch ist für diese Bordeaux: sie tragen in vielen Fällen eine goldene oder silberne oder bronzene Etikette, die Auszeichnung eines der vielen regionalen oder nationalen Wein-Wettbewerben, in diesem Fall vom „Concours de Bordeaux, vin d’Aquitaine“, an dem seit mehr als fünfzig Jahren (immer im März) etwa 4’000 Produzenten aus dem Bordelais ihre Weine durch eine Fachjury testen lassen. Es ist dies eine der Möglichkeiten, die Weine im Export überhaupt vermarkten zu können. Château Marac hat für den Jahrgang 2006 eine Silbermedaille gewonnen, 2005 war es Bronce, 2010 Gold. Die Weine sind auch regelmässig im „Guide-Hachette“ aufgenommen worden.

Marac ist also ein Weingut – etwa 20 Hektaren gross –, das nicht unter den vielen Weingütern verschwindet, welche im Bordelais ihre Weine fassweise vermarkten müssen und in der Regel dafür viel zu wenig lösen. Marac ist ein stolzes Weingut, das es geschafft hat, flaschenweise den Markt - vor allem in Deutschland, in den Niederlanden und in der Schweiz - zu erobern. Ein Vertreter jenes Segmentes, das gute Weine zu guten Preisen umfasst, die auch vom „Normalverbraucher“ bezahlt werden.

Und die Qualität? Ich habe es angedeutet: es ist ein guter Wein, der sein Geld wert ist. Doch – da liegt das Problem - solche und ähnliche Weine gibt es viele, sehr viele, aus fast allen Weingebieten der alten und neuen Weinwelt. Muss es gerade Bordeaux sein, wo doch der sogenannte Bordeaux-Blend bereits überall – auch in guter Qualität - produziert wird: Merlot, Cabernet Sauvignon und - wie hier – etwas Cabernet Franc. Nur sind die Erwartungen bei Weinen, die aus dem Bordelais kommen, viel höher.

Man denkt unwillkürlich an die Spitzenweine, die ein Vielfaches von Marac kosten und möchte eigentlich – niemand spricht dies zwar aus – zum bescheidenen Preisen die gleiche Qualität oder Exklusivität wie bei den Grossen erhalten. Dies ist einfach nicht möglich, obwohl auch hier handgelesen, der Ertrag stark reduziert und gut vinifiziert wird. Marac bleibt ein kleiner: seidige Textur, harmonisch und nicht – allein schon dies ist beachtlich – vom Holz zugeknebelt, aber nicht auffällig. Allerdings ist es kaum ein Wein, den man in den Keller legt. Nach fünf, sechs Jahren ist die Flaschenreifung abgeschlossen, er wird nicht mehr besser, behält aber seine Kraft und Ausgewogenheit sicher noch weitere fünf Jahre. Ein ein entscheidendes Problem: über solche Weine wird kaum geschrieben, ausser von den Vermarktern selber, nicht aber in der Weinkritik, in Blogs und Foren.

20. März 2013

 

Château Margaux 1976, Margaux, Bordeaux


Ein Geheimnis ist es nicht: Die 70er Jahren waren im Bordelais eher magere Jahre, selbst das Spitzenweingut Margaux (Premier grand cru) musste bös „unten durch“. Die Tochter des Hauses, Alexandra Mentzelopoulos (28), war kürzlich in Zürich und wurde von der Schweizerischen Weinzeitung gefragt: „Und die Siebziger, die Weine aus der ganz und gar schwierigen Phase des Hauses?“. Antwort: „Die sind gar nicht so schlecht – ich habe erst gerade einen 76er probiert, der ganz sicher weitaus besser als nur trinkbar war.“

Also holte auch ich meinen bisher gehüteten 76er Margaux aus dem „Giftschrank“. Jetzt wollte ich es wirklich wissen! Der Füllstand war allerdings mit „hoher Schulter“ etwas problematisch und das Ziehen des Korkens (leicht spröde) verhiess auch nichts Gutes. Ein Schwall muffiger Kellergerüche kam mir entgegen. Resigniert und beschämt habe ich meinen Gästen gestanden: „Abfluss, Ausguss!?!“. Doch so einfach wollte ich doch nicht kapitulieren und den Wein – trotz verpatzter Nase – doch noch degustieren.

Hoppla – da war noch matte Kraft und Schmelz drin, noch Aroma und Säure, noch Struktur und etwas Frucht. Im Gaumen also gar nicht nasenidentisch. Sogleich entspannte sich auch die Diskussion: „Ist der Wein nun abgebaut, noch trinkbar oder sogar ganz gut (eben mehr als trinkbar). Ich gebe zu, wir wurden nicht einig. Einzig auf „noch trinkbar“ konnte man sich verständigen. Als bekennender Altweintrinker kam er bei mir am besten weg. Jedenfalls war er keine Spur von oxydiert, nicht ausgetrocknet oder gar spröde.

Natürlich diese Altersnoten – böse Zungen sprechen von Jod oder altem Fass – sind nicht jedermanns Sache. Wo ich eine unheimliche Aromenanreicherung feststelle, wittern andere Todesspuren; wo ich Weichheit, Wärme oder gar Molligkeit diagnostiziere, fehlt anderen schlicht die Kraft und die Fülle; wo ich Reifetöne analysiere, suchen anderen Frucht und Eindeutigkeit. Ich sehe, wir werden uns nie einigen.

Geeinigt haben wir uns schliesslich auf das Verdikt: kein grosser Wein, nach önologischen Kriterien bereits auf dem Abstieg. Die Treppen oder Fallhöhe zu bestimmen, gelang an diesem Abend (leider) nicht. Der anfängliche Kellergeruch hat sich im Glas rasch verflüchtigt, doch die Nase blieb stumpf, es kam kein Wein-Wohlgeruch nach. Im Gaumen aber hat sich der Wein gehalten und dann sogar einen schönen – wenn auch kurzen – Abgang hingelegt.

Mich hat der Wein erstaunt, fasziniert. Kein grosses, aber ein nachhaltiges Erlebnis. Ich bin mir sicher, hätte die Flasche einen besseren Füllstand gehabt, hätte er noch deutlich über 85 Punkte eingefahren. So aber musste er sich mit 80 – für andere darunter – begnügen. Zum Vergleich hatten wir dann einen andern Bordeaux (gleiche Klassifizierung) geöffnet, der noch sechs Jahre älter war. Doch darüber berichte ich das nächste Mal.

20. März 2013

 

Château Haut-Brion, 1970, Pessac-Léognan (Graves), Bordeaux

 

Auch Haut-Brion hat in den 70er-Jahren nicht jene „grossen“ Weine hervorgebracht, wie in den letzten zehn, fünfzehn Jahren. Selbst Parker hat nur zwei Weinen von Haut-Brion in diesem Jahrzehnt (1975,1979) mehr als neunzig Punkte gegeben. Sonst pendeln die Werte so um 85 Punkte ein (mit Ausnahme des generell schlechten 72er).

Doch genug der Punkte-Arithmetik. Hier ging es um eine „Gegenprobe“ zu dem sechs Jahre jüngeren Margaux. Allein schon die Farbe hat viel verraten: kräftiges Granatrot, ganz feine braune Ränder, dichter, dunkler Kern beim älteren Haut-Brion, deutlich mehr Brauntöne, ziegelrot, blass, fast rotgläserner Kern beim Margaux. Dies ist zum grössten Teil auf den schlechten Füllstand beim Margeaux zurückzuführen. Doch nicht ganz: der 70er Haut-Brion ist ganz einfach besser gelungen: kräftiger, würziger, bessere Struktur, opulenter, mit viel Aromatik und auch nach 42 Jahren noch voller (allerdings verhaltener) Kraft.

Man war sich rasch einig. Dieser Haut-Brion hat sich gut gehalten. „Gut-halten“ ist zwar noch kein bestimmendes Kriterium, es müsste vielmehr "gut entwickelt" heissen. Und da kann ich wenig dazu sagen. Ich weiss nicht, ob ich schon je einen 70er Haut-Brion getrunken habe. Jedenfalls habe ich keine Eindrücke gespeichert. Glaubt man den Auguren, so war er anfänglich „ein Wein, der zum Austrocknen neigt“, „überraschend leicht“, „eng und mit wenig Tannin, aber guter Frucht“. Was ist daraus geworden? Ein erstaunlicher Wein: in der Nase leicht rauchig, feinstes Leder, einige Gewürze, erdigen Aromen.

Was mich am meisten erstaunt, das ist die Balance zwischen Textur, Frucht und Säure. Dies kann nach vierzig Jahren nur ein „grosser“ Wein schaffen. Und da beginnt wieder die Diskussion. Ist es ein „grosser“ Wein oder ein „ganz grosser“? Da muss ich auf meine Erfahrung mit „Altweinen“ zurückgreifen und das Urteil ist eindeutig: ein erstaunlicher, ein guter, sogar ein gefälliger Wein, aber kein ganz grosser. Warum? Seine tertiären Aromen sind zu wenig abgeklärt, zu wenig rund und ausgeglichen, der dunklen Frucht fehlt die letzte Tiefe, die Ruhe des Alters fehlt ihm (noch?).

Dies alles ist kein Grund, den Wein schlecht zu reden. Er hat zweifellos viele Elemente und Aromen, welche ein guter Wein haben kann: sogar noch leicht süsse Früchte im Gaumen, Zeder, Zigarrettenkistchen, Leder… Mit der Zeit wird er sogar immer komplexer und ausdrucksstärker. Ohne Kenntnis des Jahrgängs hätte ich ihn gut und gern in die 80er Jahre verpflanz, nach einer halben Stunde verbessere sich sogar die Struktur, wie gewann an Tiefe und…
der Rest am nächsten Tag war – man mag es glauben oder nicht – nicht oxydiert, in den Aromen etwas blasser aber noch immer ein Genuss.

23. März 2013

 

Gaja Langhe: Darmagi, 1991, Langhe DOC, Piemont

 

Man kann es zugeben – oder nicht! Es gibt Weingüter, vor denen man mit Ehrfurcht steht, sollte man einmal vor ihren Toren sein. Unabhängig davon, ob man die Weine schon getrunken hat, sie kennt oder gar zu den Lieblingsweinen zählt. Es ist Achtung vor der Leistung, vielleicht auch vom Ansehen, möglicherweise sogar vom Preis, der für die Leistung bezahlt wird. Pétrus im Bordelais zählt zu diesen Weingütern und Romanée-Conti im Burgund, Mondavi im Napa Valley, Gaja im Piemont…. Nein, es geht mir nicht darum, diese „Weinpioniere“ miteinander zu vergleichen, ihre Weine gegeneinander abzuwägen, festzustellen, wer für was die höchsten Preise erzielt.

Es geht darum, den Mythos Wein in Form eines Weingutes, eines Winzers oder sogar eines Grossunternehmens vor sich zu haben; zu wissen, hier wird (oder wurde) Weingeschichte geschrieben. Ich stand vor dem bescheidenen Tor zum Weingtut Angelo Gaja in der Via Torino in Barbaresco und es kam genau dieses Gefühl auf, das ich schon vor Jahren vor dem damals noch bescheidenen Pétrus-Gebäude hatte oder vor dem gut verschlossenen schmiedeisernen Gitter von Romanée Conti. Magie des Ortes, vielleicht auch des Namens, warum soll ich mich dem entziehen?

Gestern nun hatte ich den Darmagi 1991 von Gaja im Glas, kein typischer Piemonter, kein Nebbiolo oder Barbera oder… ein eingeführter Cabernet Sauvignon. Also das, was man neudeutsch mut Bordeaux-Blend bezeichnet, in diesem Fall zu mehr als 90 Prozent Cabernet Sauvignon, etwas Merlot und Cabernet Franc. Es wird kolportiert, dass der Name von einem Kommentar des Vaters von Angelo, Giovanni Gaja, stammt, der gesagt haben soll „was für eine Schande!“, als 1978 auf erstklassigem Nebbiolo-Boden Cabernet Reben gepflanzt wurden.

Ist der Darmagi nun wirklich eine Schande? Zugegeben – ich bin besonders skeptisch, wenn - wo auch immer - zum Bordeaux-Mixt gegriffen wird. Wir haben inzwischen ausserhalb Bordeaux mehr Bordeaux, als aus Bordeaux kommen. Muss es auch noch Piemonter-Bordeaux sein?

Ob es muss, weiss ich nicht, wahrscheinlich nicht, aber es kann. Dies beweist Gaja mit seinem Darmagi. Parker meint zwar, die frühen Neunziger seien noch „überholzt“. Der Wein, den ich gestern im Glas hatte, war es nicht. Er war kräftig, mit einer stattlichen Struktur, aber „überholzt“. Mit Sicherheit nicht (mehr)! Vielmehr eine ausgezeichnete Balance zwischen schwarzer Frucht und gut integrierter (gar nicht auffälligen) Eiche. Als ausgesprochener Holz-Muffel ist diese Aussage (für mich) schon recht gewagt. Und sonst? Eigentlich das übliche – in besonders eleganter, feiner, geschliffener Ausführung: schwarze Johannisbeeren, Rauch, Tabak, Leder… also nichts Neues, aber etwas sehr Gutes.

24. März 2013

 

Alvaro Palacios: Finca Dofi 1994, Priorat 1994, Spanien

 

Diesen Wein gibt es – meines Wissens – erst ab 1994, es ist also der erste Jahrgang vom Finca Dofi. Ich erinnere mich noch gut: in einem hervorragenden Restaurant mit spanischer Küche (Metzg, Zürich) hat mir der Hausherr zum ersten Mal den „Dofi“ empfohlen. Es war in den 90er Jahren, ich kannte den Wein nicht und der Wein war (fast) noch bezahlbar im Restaurant. Seither habe ich ein Flair für das Priorat und natürlich für Alvaro Palacio, den „jungen Rebellen“, der inzwischen auch in die Jahre gekommen ist. Allerdings leiste ich mir den Wein kaum noch, vor allem nicht im Restaurant. Da habe ich eine Alternative gefunden, den - inzwischen fast so guten - „Les Terasses“, den „kleinen Bruder“ des zum Kultwein aufgestiegenen „Finca Dofi“. Und er genügt mir, der kleine Bruder – ich beschäftige mich gerne mit ihm, es lässt sich sehr schön mit ihm spielen und er macht mir genau so viel, wenn nicht noch mehr Spass.

Kultweine muss man hier ja nicht besonders vorstellen. Auch Nicht-Spanier-Fans kennen zumindest das, was Kult ist. Und Alvaro Placios ist Kult, seit Jahren. Es sind sicher die verwendeten Rebsorten, vor allem Garnacha Tinta, etwas Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah, welche – nebst der Vinifikation, der guten und langen Reife im Holz und der Kraft und Dichte – die Faszination des Weins ausmachen.

Ich habe noch ein paar wenige Flaschen aus der „frühen“ Dofi-Zeit. Als meine Frau gestern – aus besonderem Anlass – etwas Besonderes wünschte, öffnete ich wieder einmal eine Flasche. Der Wein ist weit weniger dominant als einst – oder habe ich dies nach den bisherigen Alvaro Palacios-Erfahrungen nur so gespeichert? Jedenfalls bereitet er mir im Augenblick viel Vergnügen. Mehr Vergnügen als noch zur Zeit, da ich beim Dofi (sei es der Finca oder beim weit teureren l‘Ermita) von der Konzentration – Wucht, Tiefe, mitunter sogar Gewalt – im Gaumen fast erschlagen wurde. Der Finca hat sich in den Jahren kultiviert, ist manierlicher geworden – ohne an Grösse und Schönheit zu verlieren.

25. März 2013

 

Bodegas Penalba Lopez: Torre Albéniz Reserva 2004, Ribera del Duero, Spanien

 

Der Zufall will es, dass wir (weinmässig) in Spanien bleiben. Meine Frau liebt Weine vom Duero und davon hat es fast keine in unserem Weinkeller. Also habe ich bei einer Auktionen zugeschlagen, als ein Lot mit Torre Albinéz auftauchte, das günstig zu haben war. Aus der Möwenpick-Werbung kenne ich den Namen und eine Anpreisung, allerdings für den Jahrgang 2009, mehr nicht: „Der Genie-Streich des Ricardo Penalba…. faszinierende Lebkuchennoten und süssbeerige Frucht bis ins minutenlang nachklingende Finale. Einer der besten Torre Albéniz aller Zeiten.“

Nun – unser Torre Albéniz kam fünf Jahre früher in die Flasche, ein allfälliger Genie-Streich ist also wesentlich gereifter. Tatsächlich finde ich so ziemlich alle angekündigte Aromen und Assoziationen in dem Wein: Amarenakirschen und Pflaumenlikör, reife Brombeeren und dezente Caramelnoten bis hin zu den bereits zitierten Lebkuchennoten. Ob auch dieser Wein ein „Genie-Streich“ ist, weiss ich nicht. Es ist auch schwer abzuschätzen, was einfach gutes Handwerk ist uns wo das Genie beginnt.

Aber es ist ein Wein der Spass macht, allein schon durch die Tatsache, dass bei diesem Tempranillo-Wein noch etwa 3% Albillo-Trauben enthalten sind (eine weisse Traubensorte, die nur noch selten angepflanzt wird). Ob man sie auch registriert, kann ich nicht beurteilen, dafür habe ich zu wenig Erfahrung. Es ist eine Sache des Winzers, wie er die Aromatik hinkriegt. Jedenfalls ist es ein Wein, der bei aller Kraft und Dichte nicht erschlägt. Er hat auch Charmes – obwohl er dunkel, fast schon schwarz daher kommt und von dunklen Beeren, schwarzer Schokolade, Leder und Karamell geprägt ist.

Erst im Mund und im Abgang entwickelt sich das Liebesspiel: ein Flirt mit weichen Tanninen und angenehmer Wärme, dezenter Süsse und Erdverbundenheit. So lass ich mir einen Ribera del Duero – im traditionellen Stil – gefallen. Ob der Flirt Folgen hat, weiss ich (noch) nicht. Vielleicht muss ich wieder auf ein einsames Lot in einer Auktion warten, um – vielleicht mit einem anderen Wein – wieder so positiv überrascht zu werden.

NB. Diesen Wein habe ich kurz nach der Auktion am 02. Dezember 2012 bereits einmal in dieser Rubrik beschrieben.

31. März 2013

 

Château Kefraya: Cabernet-Grenache-Mourvèdre-Syrah, 2010, Libanon

 

Eingeladen zu einem Geburtstag in einem libanesisches Restaurant, bin ich um eine Weinerfahrung reicher geworden. Wein aus dem Libanon. Ich wusste zwar, dass im Libanon auch Weine gemacht werden, doch wie sie sich präsentiert, das wusste ich nicht. Noch nie habe ich bisher einen libanesischen Wein getrunken.

 Es ist nicht der „grosse“ „Comte de M“, der Prestigewein des Château Kefraya; der wäre für eine Geburtstagsfeier in einem Restaurant auch viel zu teuer. Es ist eine Spezialabfüllung für eine libanesische Restaurants-Kette. Doch die Zusammensetzung ist fast die gleiche wie beim Paradewein: Cabernet, Syrah, Mourvèdre und im Gegensatz zum „Comte de M“ noch mit Grenache.
Mit aller Vorsicht gehe ich an den Genuss, an das Experiment an. Die Gefahr, dem Wein „Unrecht zu tun“ oder ihn – weil er in meinen Augen schon fast exotisch ist – über die Massen zu loben, ist nicht von der Hand zu weisen. Ich gebe dem Unbekannten – so meine Erfahrung – immer viel mehr Kredit, als dem, was ich längst kenne.
Genau so ist es auch hier. In der Nase habe ich nicht viel und im Gaumen einen ganz kleinen „hinterhältigen“ Ton, ein Schwänzchen, das ich nicht richtig einordnen kann. Ist es der Mourvèdre oder der Grenache, der dem Cabernet eine etwas andere Note gibt? Oder ist es das, was man so rasch einmal dem Terroir zuschreibt. Ich war noch nie im Libanon, stelle mir aber auf der einen Seite ein heisses Steppenklima vor, auf der andern – gegen dem Meer - ein trockenes, mediterranes Klima.
Wir haben glücklicherweise einen Kenner bei uns am Tisch. Er war längere Zeit (für das Rote-Kreuz) im Libanon. Die Bekaa-Ebene sei klimatisch wie geschaffen für die Landwirtschaft. Genügend Wasser auf Grund der gebirgigen Umgebung, es sei die Oase der Landwirtschaft und der Weinbaus, eine Hochebene, fast auf 1‘000 Meter über Meer, eingebettet zwischen zwei Gebirgen.
Langsam nähere ich mich auch dem libanesischen Wein, der ausschliesslich aus dieser Gegend kommt. Langsam wird mir auch der Schmelz, das Aroma des Weins etwas vertrauter. Auf der einen Seite ein fast schon „gefälliger“ Cabernet, auf der andern ein ganz spezieller Touch, an den man sich zu gewöhnen hat.
Da ich – bei solchen Cuvées – versucht bin, mit südfranzösischen Weinen zu vergleichen (die allerdings ohne Cabernet Sauvignon sind), stellt sich mir das etwas Andere immer wieder in den Weg. Sicher ist es kein grosser Wein, eher ein interessanter, durchaus ein guter Restaurant-Wein. Er hat mich neugierig gemacht, auf den „Comte M“ , dem Parker immer wieder Mal neunzig und mehr Punkte gibt.
„Comte M“ ist wohl der „grosse Bruder“ dieses durchaus schönen, zum libanesischen Essen hervorragend passenden Tischweins. Ich meine, den „französischen Einfluss“ zu erkennen, kein Wunder, denn der Önologe des Weinguts ist Franzose, aus dem Bordelais. Und en „grossen Bruder“ möchte ich bald einmal auch kennen lernen.

01. April 2013

 

Château Gruaud Larose, 1995,
Saint Julien, Bordeaux

 

Das Weingut – ich gebe es zu – liegt mir am Herzen. Es gehört zu den ersten Weingütern, die ich einst im Bordelais besucht habe, allerdings ohne dort empfangen zu werden (ich war ja auch nur ein vorwitziger Tourist, der einmal ein „richtiges“ Château besuchen wollte, natürlich ohne Voranmeldung). Die Rosen am Rande der Rebstock-Reihen mussten genügen. Solche emotionale Elemente spielen – gerade beim Bordeaux – eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Viel später habe ich dann das Weingut besucht. Für einen Tag schloss ich mich der Reisegruppe Hendlmeier an – bin extra von der Languedoc zum Atlantik gefahren – und habe vorgefunden, was mir inzwischen längst klar war – ein perfektes Bordeaux-Weingut, sozusagen ein Vorzeige-Château im Herzen von Haut-Médoc.

Nun – Emotionen allein sind ja noch keine verbindliche Qualitätsstufe beim Wein. Dazu gehören schon eher die Art, wie das Terroir genutzt wird und die Weine gemacht werden. Und da hat – zumindest in den namhaften Weingütern des Bordeaux – längst die Sorgfalt und die technische Perfektion Einzug gehalten.

Gruaud Larose trägt nicht ganz zu Unrecht eine Krone auf dem Emblem-Kranz mit der Inschrift: „Le vin des rois, le roi des vins“ („Der Wein der Könige, der König der Weine“). Auch wenn ich solche apodiktische Urteile eher in den Bereich der Werbung verbanne, hat der Gruaud doch viel von einer aristokratischen Grösse oder Erhabenheit. Oder entspringt dies nur meiner Einbildung?

Ich habe in den vielen Jahren meiner Gruaud-Begleitung (als Konsument) miterlebt, wie sich der Wein von einem eher verschlossenen, etwas zugeknöpften Burschen zur feinen, geschliffenen Dame entwickelt hat. Mein Besuch auf dem Weingut hat gezeigt, dass hier mit High Tech gearbeitet wird, nicht in Bezug auf Veränderungen am Wein, als vielmehr im Erfassen der Daten und dem Festlegen optimaler Bedingungen (hochmoderne Drainage, eigene Wetterstation, Analyse der unterschiedlichen Parzellen etc.) für die Weinherstellung.

Obwohl er ein 2ème-Cru ist, hat Gruaud Larose moderat mitgemacht bei der Preishausse der letzten Jahre. Der Wein kostet über Jahre, ja Jahrzehnte rund 50 Franken. In besonders guten Jahren etwas mehr, bei schwächeren Jahrgängen etwas weniger. Selbst 2009 – als die Châteaux kaum mehr Preis-Grenzen kannten, mit denen ihre Weine zu vermarkten waren – bekam man Gruaud Larose noch für 70 Franken.

Die war wohl mein letzter 95er. Wie war er? Für einmal – da ich Partei bin – lass ich René Gabriel für mich sprechen: „… feine Würze, Zedernduft, dominikanischer Tabak, animalische Züge darin, ein Hauch getrockneter Origano. Feiner, delikater Gaumen, seidige Tannine und eine sehr noble Adstringenz, der Körperbau ist mittelgewichtig dafür sehr lang. Besticht eher durch seine Feinheit“. Dies hat Gabriel 2006 geschrieben. Sieben Jahre später: die Feinheit hat wohl noch zugenommen, die Kraft und Tiefe aber nicht verloren.

02. April 2013

 

Silvano und Elena Boroli: Bussia 1997, Barolo, Piemont, Italien


Alte Weine sind oft nicht nur interessant auf Grund ihrer besonderen (tertiären) Aromen, ab und zu auch in Bezug auf ihren weingeschichtlichen Hintergrund. So „alt“ ist ein 97er-Barolo nun auch wieder nicht, zumindest nicht weinhistorisch gesehen. Doch es lassen sich ab und zu an älteren Weinen Entwicklungen in der Rebenpflege, Vinifikation, Vermarktung oder gar in der Philosophie des jeweiligen Besitzers festmachen oder nachvollziehen.

Dieser Barolo – Bussia 1997 – gehört zu den ersten Jahrgängen, welche die Firma Boroli (Silvano und Elena Baroli) als neuer Besitzer herausgebracht hat. Nach eigenen Angaben sind die Borolis eine „Familie aus dem Piemont, Unternehmer seit 1831, zuerst in der Textilindustrie, dann im Verlagswesen, und jetzt auch im Weinbau.“ Es ist eine der vielen Geschichten des Unternehmertums – auch (oder gerade!) – im Bereich Wein, wie wir sie immer wieder antreffen. Dazu die Familiensaga: „In den Neuzigerjahren spüren Silvano und Elena Boroli das Bedürfnis, etwas völlig Neues zu starten, etwas, das sie näher zur Natur bringt, weg vom frenetischen Rhythmus unserer Zeit.“ Und sie stiegen – beheimatet inmitten des Weingebiets Piemont – in den Weinbau ein.

Es wurde rasch, zwar kein riesiges, aber ein beachtliches Unternehmen. Unter dem Firmentitel „Boroli“ wurden vor allem zwei Weingüter vereint: Cascina Bompè und Cascina Brunella. Im Sortiment finden wir – im Augenblick – etwa 12 Weine, alle aus unterschiedlichen Rebsorten, darunter auch zwei Weisse (Chardonnay und Moscato).

Inzwischen ist einer der Söhne, Achille, in den Betrieb eingestigen. Er kümmert sich vor allem um die Vermarktung, und so stellt er das Unternehmen in einem Video vor ( http://vimeo.com/19423511).

Soweit die „trockene“ Information. Was mich dabei immer wieder interessiert, das ist die Geschichte eines Weinguts und ihrer Weine. Hier ist als einer der ersten Weine im Glas, welche die Familie Boroli produziert hat. Auch wenn – wie dies die Regel ist – ein Betriebsleiter und Önologe bei Besitzerwechsel für Kontinuität sorgt, so hat doch der neue Eigentümer erheblichen Einfluss auf die Gestaltung des Weins. Gerade bei Weingütern, die eine Kellerei haben, mit einer Kapazität von mehr als 3‘000 Hektolitern.

Natürlich müsste man nun einen jüngeren Bussia-Barolo zum Vergleich herbeiziehen, um ein Urteil abgeben zu können. Nicht nur, dass dies heute nicht möglich ist, es ist mir auch nicht so wichtig. Vergleiche sind immer heikel und tendieren zu groben Verallgemeinerungen.

In diesem Fall genügt es mir, festzustellen: der Wein ist schon weit über den Höhepunkt hinaus; er hat zwar noch eine markante Nase, einen erdigen Touch, nicht mehr viel Frucht, eher Teer und Trüffel im Geschmack. Im Abgang ist er – was Angesichts des relativ süssen Einstiegs erstaunt – bereits ordentlich ausgetrocknet.

03. April 2013

 

Puech-Haut: Prestige, 2011, vin rosé, Saint-Drézéry, Languedoc, Frankreich

 

Unverschämt schöne Farbe! Wir haben die Flasche nur gekauft, weil sie so geheimnisvoll leuchtet: pink, pink, pink. Es ist nicht die Zeit für Rosé, dazu braucht es den heissen Sommer, den Durst, das Meer, die glühende Sonne… Wir waren in einer Weinhandlung in der Languedoc, kauften den roten Puech-Haut (Tête-de-Bélier = Kopf des Widders) und sahen die pinkige Flasche Rosé: verführt! Der Trick – ich verrate es: die Flasche selber hat einen milchigen Teint, dadurch kommt der eher blasse Rosé noch verführerischer zum Leuchten.

Hat sich die Verführung gelohnt? Weil es schon Herbst war, als wir die Flasche gekauft haben, legte ich sie in den Keller. Da gibt es sonst keine Rosés, die sind dem schnellen Konsum im Sommer – meist am Strand – vorbehalten, aber doch nicht im verlängerten Winter in der Schweiz. Trotzdem, der Wein ist jetzt um Ostern auf den Tisch gekommen: schön gekühlt, zu einem leichten, fast schon sommerlichen Essen. Vorbei mit den schweren Ossobucci, Fondues, Schmorbraten… Der Sommer muss her, zumindest der Frühling…

Der Rosé hat es geschafft! Ein syrah-dominierter Rosé, elegant wie die Flasche. Frisch in der Nase und im Gaumen, nicht süss, wie man auf Grund der Farbe vermuten könnte, trocken bis in den Abgang, mit einem Hauch von Citrusfrüchten und Kirschen. Erdbeere eigentlich nur in der Farbe, im Gaumen ist er kräftig, bestimmt, die Säure ist dezent und doch fährt sie – so locker vom Hocker getrunken – ein. Es ist nicht der Alkohol (immerhin 13 Volumenprozent – also kein Low-Alkohol-Wein), der mir etwas Mühe macht, es ist eher die Säure, gegen die sich „mein Magen“ stemmt.

Ich freue mich trotzdem auf den Sommer!

14. April 2013

 

Lafleur-Gazin, 1999, Pomerol, Bordeaux

 

Seit Wochen habe ich so etwas wie einen Schreibstau. Grund: keine oder miserable Reaktionen auf meine Postings im Forum bei Wein-Plus. Keine Auseinandersetzung mit den Inhalten, die liebe ich. Aber einen halben Stern (von 5) zum Beispiel, einfach so, anonym, das heisst so viel wie „vollkommen daneben, überflüssig“ was ich da schreibe. Stimmt, ich soll dies nicht so ernst nehmen, Heckenschützen gibt’s überall, tröstet man mich. Trost brauche ich eigentlich nicht, es geht mir gut, ausgezeichnet, aber es schlägt aufs Gemüt, wie ein schlechter Wein, die Drohgebärden Nordkoreas oder das Wetter grau in Grau. Deshalb stapeln sich die leeren Flaschen seit Tagen am Boden neben dem Pult: getrunken zwar, aber nicht im „Getrunken“.

Nun – dieser Lafleur-Gazin 1999 hat mich belebt, nicht unbedingt begeistert, aber versöhnlich gestimmt. Lafleur-Gazin hat es immer schwer, seine Qualitäten zum Weinliebhaber zu bringen. Es ist eben „nur“ ein Gazin und kein Lafleur – oder halt nur ein halber. Gemessen wird da am Renommee und am Preis, letzterer lässt sich beziffern: etwa 1:10 zu Gunsten von Lafleur. Ich gebe zu, ich habe viel häufiger Lafleur-Gazin getrunken als Lafleur. Jeder Vergleich ist also unzulässig, zumal man auch noch den La Fleur beiziehen müsste, und den Lafleur du Roy, ja sogar den Zweitwein Pensées de Lafleur. Und ich wette, das Durcheinander wäre perfekt.

„Mein“ Lafleur-Gazin hat mich – wie gesagt – belebt. Ein offenes, fruchtiges Bouquet, streng in den Konturen, aber mit wunderbar geschliffenen, feinkörnigen Taninen. Kein Wein zum verlieben, vielmehr um ihn ernsthaft und genüsslich zu trinken. Leicht bitter im Abgang, aber noch mit stattlichem Körper und einer schönen Länge. Er ist – im Gegensatz zum Lafleur - kein Star, kein Wein der Superklasse, den man noch fünf, zehn Jahre hüten muss. Er ist da zum Trinken – vielleicht wäre er vor vier, fünf Jahren sogar noch besser gewesen. Doch ich bin froh, dass ich ihn jetzt getrunken habe, denn er hat mich (wieder) belebt.

15. April 2013

 

Domaine du Sacré Cœur 2012,
Saint Chinian, Languedoc

 

Manchmal ist das Einfachste auch das Beste. In unserem Lieblingsrestaurant wählten wir eine Vorspeise mit Noix de Saint-Jacques und eine Hauptspeise mit Kabeljaufilets. Da die Chefin wusste dass wir praktisch immer Rotwein trinken, – auch zu Fisch (natürlich ist sie entsetzt, ohne sich aber etwas anmerken zu lassen) - gab sie mir einen Tipp: Domaine de Sacré Coeur aus Saint Chinian. Eigentlich war ich erstaunt, dass die Flasche im Restaurant nur knapp 20 Euro kostet, die Hälfte jener Weine, die hier sonst geordert werden. Sie sagte noch etwas von: leicht, fröhlich, anschmiegsam, passend oder so… Ich war gespannt, da ich das Weingut nicht kannte. Saint Chinian ist ein Weingebiet mit zwei Gesichtern: Eher fruchtige leichte Schiste-Weine (Schiefer) aus dem nördlicheren Teil der Appellation und die schweren, tanninreichen Weine aus den Lehmböden im Süden.

In diesem Fall ist es ein leichter, bekömmlicher Wein mit feinem, subtilem Charakter, typisch Languedoc: Carignan, Grenache und Syrah, kein Modewein, ein echt Einheimischer.

Eigentlich ein Alltagswein, der nicht schlägt und nicht erschlägt, der sich auch in schwierigen Konstellationen den Menus anpassen kann, wie zum Beispiel unserem Fisch und unserer Muschel. Zum Fisch gab es sogar eine kleine Scheibe Chorizo, recht scharf und dominant würzend. Eine schwierige Situation für einen passenden Wein. Die Wahl war aber ausgezeichnet. Rund, fruchtig, jung und doch sehr elegant. Ein Wein, der Lebensfreude vermittelt. Kein belangloser, eher ein dezenter Wein, den man – ohne jegliche Verrenkung – auch ganz jung trinke kann, sogar zu Fisch und Muscheln.

16. April 2013

 

Cave Coopérative de Castelmaure:

Cuvée No. 3, 2011, Corbières, Languedoc

 

„Ein extravaganter Wein, der höchsten Genuss verspricht“, so die Werbung. Unrecht hat sie nicht, die Werbung. Ein Power-Wein mit viel Frucht, viel Holz und viel Schmelz. Natürlich (leider) viel zu früh getrunken. Doch in der Weinhandlung „um die Ecke“, wo ich im Augenblick die Weine kaufe, welche ich gerade trinke, da gibt es keine „gelagerten“ Weine. Dieser Coopérative-Wein, von einer der bekanntesten Coopérative in der Languedoc, würde eine Lagerung von wenigstens 8 Jahre verdienen. Jetzt ist der Wein noch nicht mal zwei Jahre alt, gerade dem Keller entschlüpft.

Die Weinkritiker – oder sind es die Händler? – überschlagen sich mit Superlativen. Etwa: „Solche enorm konzentrierte und tiefe, fast schwarze Weine wie die von Michel Tardieu gibt es von keinem anderen Winzer in Südfrankreich,“ und „seine Qualitäten sind fast außerirdisch.“ Ich bleibe da lieber im Irdischen.

Zweifellos eine gute Wein-Bombe. Grenache, Carignan und Syrah, also typisch für das Languedoc – mit süssen Fruchtnoten und wilden Gewürzen, direkt aus dem Kräutergarten, mit 14.5% vol. auch mit ordentlich Alkohol. Gut möglich, dass es – wie Michel Bettane sagt – der languedoc-ianische aller Weine ist und die schon fast mythische Bilder auf der Website unterstreichen dies. Doch mir ist der Wein zu dick, zu bunt, zu fett. Jedenfalls in diesem jungen Zustand.

Interessant ist vor allem die kleine Kooperative von Embrès et Castelllmaure, die sich zum international anerkannten Weinproduzenten entwickelt hat. Viele ihrer Weine sind ausgezeichnet, der No. 3 ist wohl der berühmteste, nicht zuletzt weil Michel Tardieu – „einer der besten Weinmacher Frankreichs“ – da seine Hand im Spiel hat. Sein Stil – diesmal angewandt auf die Corbières-Weine – ist unverkennbar: lange Ausbauzeit, viel neues Holz, unfiltriert und ungeschönt, nur ein Minimum an Schwefel und anderen Konservierungsmitteln, möglichst biodynamisch…

Und trotzdem – der tolle Wein ist mir zu toll. Ich liebe – auch hier im Languedoc – das Feinere, Sensiblere, Zurückhaltendere am Wein. Filigran ist so ein Mode- und Lieblingswort. Filigran ist er nicht, der No. 3. Noch nicht?

17. April 2013

 

Cave de Roquebrun: Prestige, 2010 

Saint-Chinian, Languedoc

 

Die Flasche ist schwarz, schwarz mit goldener Schrift : « Prestige ». Auch der Wein ist dunkel, sehr dunkel, aber nicht von jener erschlagenden Opulenz, die so viele Prestige-Weine mit grossen Namen und Potential aufweisen. Alkoholanteil: wohltuende 13.5 vol. Prozent. Das „Schwarze“, Prestigehafte liegt in der Dominanz der Rebsorte Mourvèdre. Die Aromatik ist unverkennbar – Mourvèdre wird sanft und elegant ergänzt (und nicht zugedeckt oder weichgespült) von je 20% Grenache und Syrah. Ein Languedoc-Wein wie ich ihn liebe. Ungestüm und doch authentisch, schlicht und doch raffiniert. Er kostet ab Caves 9.20 Euro.

Es ist erstaunlich, dass „Genossenschaftsweine“ diese Qualität (zu diesem Preis) erreichen, nachdem über viele Jahre das Genossenschaftswesen (zum grössten Teil zu recht) hier in der Languedoc in Verruf geraten ist: Massenweine, zu wenig sorgfältig erarbeitet, viel zu grosse Erträge, zu wenig Kontrolle beim Traubengut etc.

Dabei ist die Kooperative ein tragendes Element des Weinbaus in der Languedoc. Eigentlich eine „Selbsthilfe“ der Weinbauern, denen es vor etwa 100 Jahren genau so miserabel ging, wie zum Teil heute wieder. Nur war damals, als sogar das Militär eingriff, die Verarmung unendlich viel grösser – weil es schlicht keine Alternativen gab. In dieser Zeit entstanden die Kooperativen und sie haben sehr lange und sehr gut funktioniert. So lange, bis der einfache Billigwein aus dem riesigen Weingebiet der Languedoc einfach nicht mehr gefragt war. Viele der Genossenschaften sind eingegangen oder haben sich (weit häufiger) zusammengeschlossen, wurden – auch mit Staatshilfe – modernisiert und können zum Teil mit den vielen Winzern, die eingewandert sind oder/und sich selbständig gemacht haben, durchaus mithalten. Im Preis ohnehin, aber auch bei der Qualität.

Roquebrun ist einer dieser Caves: selbstbewusst und innovativ, auf Qualität und Eigenständigkeit bedacht, vielleicht gerade deshalb, weil das wunderschöne Dorf so abseits liegt, abseits des grossen Touristenstroms. Man muss es schon suchen, aufsuchen im Hinterland. Wer es aber entdeckt hat, ist begeistert. Vieles wurde kopiert – zum Beispiel der einmalige Baustil – und künstlich – nicht als Kopie, vielmehr als Umsetzung – zur Küste getragen. Das „ursprüngliche“ Cap d’Agde (in den 70er Jahren erbaut) ist so ein Beispiel.

Nicht viel anders ist das beim Wein. Mourvèdre-Kopien gibt es viele, auch gute, doch das „Original“ (natürlich nicht nur auf Roquebrun eingeschränkt) ist originaler, das heisst: es trägt mehr vom Charakter einer Landschaft, einer Vegetation, einer Kultur in sich als viele der hochgezüchteten „Kopien“. Und gerade das liebe ich so sehr an diesem Wein.

23. April 2013

 

Domaine Gauby: Les Calcinaires Rouge, 2011, Côtes du Roussillon Village, Frankreich

 

Fast möchte ich sagen : Zurück zur Natur. Es ist der „kleine“ Gauby, der da im Glas ist, sozusagen der Klassiker. Der Basiswein, wie oft auch zu lesen ist. Tatsächlich  machen Gérard und Lionel Gauby nebst ein paar Spezialitäten drei Rot- und drei Weissweine: Les Calcinaires (rot und weiss), Les Vieilles Vignes (alte Reben, rot und weiss) und La Muntada (rot), Coume Gineste (weiss). Während der letztere  bereits um 80 Euro kostet, ist der „Kleine“ für ca. 17 Euro zu kaufen. Ein hervorragender Kauf, wie ich wieder einmal feststelle.

Die Rebsorten – wie bei vielen „klassischen“ Languedoc-Weinen – Syrah, Mourvèdre, Grenache, Carignan - hier im biologischen Anbau, der Rebsortenspiegel genau gleich wie bei den andern beiden Roten, nur der Anteil der einzelnen Rebsorten variiert und – vor allem – das Alter der Rebstöcke. Bei Muntada gibt es schon mal Reben, die mehr als 120 Jahre alt sind (Carignan), für mich einer der schönsten Beweise, was man mit „alten Reben“ machen kann, sofern die Bezeichnung „alte Reben“ nicht einfach ein Werbetrick ist.

Die Gaubys sind eigentlich keine Languedoc-Winzer mehr, ihr Weingut liegt bereits in Roussillon. Doch Roussillon wird (weinmässig) meist mit der Languedoc verknüpft.  Vielleicht liegt der Unterschied der beiden nahen Weinregionen vor allem in der Nähe der Berge (Hänge) zum Meer. Einerseits profitieren die Reben vom Meeresklima, andererseits bieten die Ausläufer der Pyrenäen ein idealer Boden von Kalkstein und Schiefer, meist vertikal geschichtet, so dass die Wurzeln sehr tief eindringen können.

Dieser „kleine“ Gauby ist sicher kein Wein zum lange lagern (dazu sind die andern beiden Weine des Weinguts bestimmt), es ist keiner dieser Frucht- und Barrique-Bomben, wie ich sie immer häufiger hier in der Languedoc finde, vor allem bei den Weinen von Winzern „mit  grossem Namen“. Für mich eben: zurück zur Natur, zwar intensive Frucht, leichte, "fröhliche" Gewürze, die das tolle Gesamtbukett bestimmen, ein runder Körper, der aber nicht prall ist und ein verhalten intensiver Abgang. Ein kleines Meisterwerk.

24. April 2013

 

Domaine Gilbert Alqiuer: Faugères 2009, Faugères, Languedoc

 

Gilbert Alquier gehörte nicht zu den lauten Winzern in Faugères – eher zu den unauffälligen, aber guten Handwerkern, die Jahr für Jahr ihre Weine – ohne viel Aufhebens – sorgfältig ausbauen und immer wieder verbessern. Seit bald dreissig Jahren führt jetzt sein Sohn das Weingut - ganz im Geiste des Vaters. Frédéric und Florence Alquier haben die Weine von Faugères geprägt: sie sind weicher, eleganter, tiefer geworden. Mit „tief“ bezeichne ich Weine, die sich im Gaumen entwickeln, die nicht nur Kraft und Frucht ausströmen, sondern auch Zwischentöne zulassen. Immer mehr Winzer – vor allem die bekannten Namen – neigen zu modernen, geschliffenen Weinen, die sich – trotz der unterschiedlichen Rebsorten – stark an Bordeaux orientieren. Alquier – scheint sich viel mehr an der Rhone anzulehnen, ja sogar am Burgund. Obwohl seine „traditionelle Cuvée“ dunkel beerig ist, sogar Süsse zeigt (natürlich ohne echt süss zu sein) – und zwar bis in den Abgang hinein – erinnert mich der Wein – er ist immerhin schon fast vierjährig – an einen guten, gereiften, vielschichtigen Pinot Noir. Aber kein Pinot, wie er mittlerweile auch im Languedoc – genauso wie der Cabernet und der Merlot – an- und ausgebaut wird. Hier sind Tradition und Sortentreue noch zu spüren, ohne wild und ungestüm zu sein. Auch der Barrique-Einsatz hält sich – schon bald ein Wunder bei den Spitzenwinzern des Languedoc – in vertretbaren Grenzen. So lasse ich mir Tradition gefallen.

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass alle hier veröfentlichten "Getrunken" auch in der Rubrik "Backstage" bei Wein-Plus.eu zu lesen und zu diskutieren sind.

Das europäische Wein-Netzwerk