Archiv 2013/2 - 2 (Zweiter Teil: ab 01. November 2013)

02. November 2013

 

Château Cos d’Estournel 1994, Saint Estèphe, Bordeaux, Frankreich


Es ist zwar schon ein paar Jahre her, doch es klingt mir noch immer in den Ohren. Auf einer Veranstaltung mit Jean-Guillaume Prats (Sohn des ehemaligen Besitzers Bruno Prats – heutiger Geschäftsführer des Weinguts) wurde gefragt: „Was hat sich in den letzten Jahren entscheidendes Verändert beim Wein von Cos d’Estournel?“. Darauf die offene Antwort von Jean-Guillaume Prats: „Vor allem wird heute der Wein so gemacht, dass er schon viel früher genussreif ist.“ Mit andern Worten: Auch auf Cos d’Estournel hat die Tendenz der frühreifen Bordeaux Einzug gehalten. Die Zeiten haben sich geändert, man hat in einer mobilen Gesellschaft nicht mehr den Nerv (und vielfach auch nicht die Möglichkeit) jahrzehntelang Weine zu lagern und auf den Augenblick zu warten, in dem der Wein seinen „Höhepunkt“ erreichen wird. Auch Bordeaux werden (und können) heute schon nach vier, sechs Jahren mit Genuss getrunken (werden) - zwei Jahre davon Reifung auf dem Château. Warten und Erdauern ist (nicht mehr) Sache unserer schnelllebigen Konsumgesellschaft.
Dies tönt etwas konservativ, verkrustet, im Alten (war einmal) verhaftet. Doch dieser 94er – beileibe noch kein „alter“ Cos - hat es mir wieder einmal vor Augen geführt. Der Wein – immerhin fast zwanzig Jahre „alt“, von einem mittelmässigen Jahrgang – ist wirklich erblüht und lässt sich in seiner Eleganz und Komplexität nicht mehr vergleichen mit den zum Teil kräftigen, aber weit vordergründigen Weinen, wie sie in den letzten Jahren auf dem Gut gemacht werden. Zwar hat sich in der Stilistik wenig verändert – sie ist erstaunlich konstant geblieben. Das Terroir wird bei diesem Spitzenweingut erstaunlich wenig zurechtgebogen, Cos ist Cos geblieben. Und doch – finde ich – gibt es zwischen den „alten“ Cos d’Estournel und den heutigen einen grossen Unterschied: ich würde ihn mit „Gefälligkeit“ umschreiben. (Abgesehen nun mal von den Jahrgangsunterschieden). Für mich ist der heutige Cos gefälliger – ich bezeichne mit „gemachter“, um das verpönte Wort „industrieller“ nicht zu verwenden. Während ein alter Cos – selbst in mittelmässigen Jahrgängen – mehr Persönlichkeit, mehr Individualität, mehr Differenziertheit ins Glas bringt.
Einen Hinweis (es ist noch lange kein Beweis) könnte dieser 94er liefern. Der Weinterminator (Armin Becker) schrieb einst über den 94er: „auf eine Berghütte, da passt ein solcher Wein mit seiner etwas burschikosen Art, mit seiner kräuterigen, lakritzigen Aromatik und den etwas ruppigen Tanninen perfekt. Dort kann man ihn sich dann beim Essen, beim Kartenspielen oder bei endlosen Gesprächen in Ruhe schön trinken.“ Das Urteil eines Kenners und Genissers. Aber – jetzt im Glas wirkt der Wein ganz anders, weder krautig, noch burschikos. Vielmehr hat er die Allüren einer alten, noblen, noch sehr rüstigen und äusserst eleganten Dame. Hat sich der Wein so gewandelt? Ich glaube nicht, eher das, was wir als unseren Geschmack bezeichnen.

02. November 2013

 

Château Cos d’Estournel 1994, Saint Estèphe, Bordeaux, Frankreich


Es ist zwar schon ein paar Jahre her, doch es klingt mir noch immer in den Ohren. Auf einer Veranstaltung mit Jean-Guillaume Prats (Sohn des ehemaligen Besitzers Bruno Prats – heutiger Geschäftsführer des Weinguts) wurde gefragt: „Was hat sich in den letzten Jahren entscheidendes Verändert beim Wein von Cos d’Estournel?“. Darauf die offene Antwort von Jean-Guillaume Prats: „Vor allem wird heute der Wein so gemacht, dass er schon viel früher genussreif ist.“ Mit andern Worten: Auch auf Cos d’Estournel hat die Tendenz der frühreifen Bordeaux Einzug gehalten. Die Zeiten haben sich geändert, man hat in einer mobilen Gesellschaft nicht mehr den Nerv (und vielfach auch nicht die Möglichkeit) jahrzehntelang Weine zu lagern und auf den Augenblick zu warten, in dem der Wein seinen „Höhepunkt“ erreichen wird. Auch Bordeaux werden (und können) heute schon nach vier, sechs Jahren mit Genuss getrunken (werden) - zwei Jahre davon Reifung auf dem Château. Warten und Erdauern ist (nicht mehr) Sache unserer schnelllebigen Konsumgesellschaft.
Dies tönt etwas konservativ, verkrustet, im Alten (war einmal) verhaftet. Doch dieser 94er – beileibe noch kein „alter“ Cos - hat es mir wieder einmal vor Augen geführt. Der Wein – immerhin fast zwanzig Jahre „alt“, von einem mittelmässigen Jahrgang – ist wirklich erblüht und lässt sich in seiner Eleganz und Komplexität nicht mehr vergleichen mit den zum Teil kräftigen, aber weit vordergründigen Weinen, wie sie in den letzten Jahren auf dem Gut gemacht werden. Zwar hat sich in der Stilistik wenig verändert – sie ist erstaunlich konstant geblieben. Das Terroir wird bei diesem Spitzenweingut erstaunlich wenig zurechtgebogen, Cos ist Cos geblieben. Und doch – finde ich – gibt es zwischen den „alten“ Cos d’Estournel und den heutigen einen grossen Unterschied: ich würde ihn mit „Gefälligkeit“ umschreiben. (Abgesehen nun mal von den Jahrgangsunterschieden). Für mich ist der heutige Cos gefälliger – ich bezeichne mit „gemachter“, um das verpönte Wort „industrieller“ nicht zu verwenden. Während ein alter Cos – selbst in mittelmässigen Jahrgängen – mehr Persönlichkeit, mehr Individualität, mehr Differenziertheit ins Glas bringt.
Einen Hinweis (es ist noch lange kein Beweis) könnte dieser 94er liefern. Der Weinterminator (Armin Becker) schrieb einst über den 94er: „auf eine Berghütte, da passt ein solcher Wein mit seiner etwas burschikosen Art, mit seiner kräuterigen, lakritzigen Aromatik und den etwas ruppigen Tanninen perfekt. Dort kann man ihn sich dann beim Essen, beim Kartenspielen oder bei endlosen Gesprächen in Ruhe schön trinken.“ Das Urteil eines Kenners und Genissers. Aber – jetzt im Glas wirkt der Wein ganz anders, weder krautig, noch burschikos. Vielmehr hat er die Allüren einer alten, noblen, noch sehr rüstigen und äusserst eleganten Dame. Hat sich der Wein so gewandelt? Ich glaube nicht, eher das, was wir als unseren Geschmack bezeichnen.

07. November 2013

 

Seigneur d’Aupenac 2008, Saint-Chinian-Roquebrun, Languedoc, France

 

Drei Mal war ich dieses Jahr im kleinen Dorf Roquebrun, das man auch als das „Nizza der Languedoc“ bezeichnet. Jahrelang war ich nicht mehr dort, obwohl das wunderschön in den Hang gebaute Dorf keine fünfzig Kilometer von meinem Wohnsitz entfernt ist. Jedes Mal war ich auch im „Cave“, im Keller der lokalen Weingenossenschaft. Und jedes Mal habe ich einige Flaschen gekauft, einerseits aus Neugier, andererseits weil ich längst weiss, dass die Coopérative von Roquebrun zu den besten der Region zählt.
Ich habe dann – nach jedem Besuch – die eine oder andere Flasche getrunken und auch darüber geschrieben, jedes Mal wohlwollend, wenn nicht sogar begeistert. Jetzt, wo der letzte Besuch ein paar Monate zurückliegt, kann ich vielleicht unbefangener urteilen. Das Erlebnis einer Landschaft und eines Dorfes im Wein- und Erholungsgebiet, in das ich mich ein ganz klein wenig verliebt habe, ist verblasst, hat anderen Erlebnissen und Eindrücken Platz gemacht.
Meine Frage ist ganz einfach: hält der Wein was er im Umfeld des Erlebens versprochen und gebracht hat. Mit andern Worten: wie viel an persönlichem Erleben und Empfinden fliesst (unbewusst) in eine Weingeschichte oder gar in die Weinbeschreibung. Zwei Flaschen sollten nicht einen Beweis, vielmehr einen Hinweis bringen. Ich habe fast etwas wahllos ins Gestell gegriffen, nicht mehr genau wissend, wo die Flaschen in der Hierarchie der neun Rotweine (Kosten zwischen 6 und 22 Euro) anzusiedeln sind, welche vom Cave angeboten werden.
Roches Noires „Macération“ 2011 (9.20 €) wirkte auf mich genau so fröhlich, frisch, fruchtig, wie ich ihn in Erinnerung habe. Trotz seiner Jugend angenehm und vor allem nicht „überholzt“ – ein wunderschöner, klassischer Languedoc-Wein (Syrah, Grenache, Mourvèdre), der zwar nicht aufregend, dafür aber sehr anregend ist.
Seigneur d’Aupenac 2008 (17.40 €), den ich am nächsten Abend getrunken habe, war schon schon einiges aufregender mit seinen Gewürzaromen, seiner vornehmen Eleganz und beachtlichen Länge. Klar - ein Wein des „oberen Segments“, aber durch und durch ehrlich.
Ich habe das Gefühl, die beiden Weine können nur dort entstehen, wo sie entstanden sind. Sie leben nicht von der gespeicherten Erinnerung; sie bringen vielmehr die Erinnerung zurück, nicht in trügerischer Verklärung, vielmehr in der Art, wie sie ein guter Wein – mit Herkunftsattributen – eben bringen kann.

08. November 2013

 

Château des Adouzes: Plô de Figues 2009, Faugères, Languedoc, France


Wann und wo ich auch immer eine massige, dickglasige 7.5 dl.-Flasche-Wein nach Hause trage, bin ich skeptisch. Will man mir da Qualität mit viel Glas und ordentlich viel Gewicht verklittern, beweisen, dass man gross und stark und anders ist? Plô des Figues benutzt eine solche Flasche, die wohl das Doppelte wiegt, wie eine normal proportionierte Weinflasche. Und? Um es vorweg zu nehmen, der Wein ist gut, sicher aber nicht doppelt so gut wie jene „gewöhnlichen“ Weine, welche die Domaine Estève (gleiches Weingut) unter diesem Namen anbietet, und die ich recht gut kenne und schätze.
Auch der Name verspricht einiges: Feigen – im Wein-Aromen-Spiegel nicht ganz unbekannt. Natürlich möchte ich zuallererst die versprochenen Feigen schnüffeln. Fehlanzeige: da finde ich gar manches Aroma, gar manches Gewürz, gar manchen Anklang. „Ein Geruch, den ich überhaupt nicht zuordnen kann: Hefe meine ich, doch dahinter exotische Gewürze, Garrigue, Gingster, Heidekraut, Thymian…“ notierte ich genau vor einem Jahr. Da hatte ich den Wein offensichtlich schon einmal im Glas. Ich konnte mich aber nnicht mehr daran erinnern – was eher selten vorkommt.
Ich schlage nach in meinen früheren „Getrunken“. Tatsächlich, am 8. November 2012 schrieb ich: „Es gibt Weine, bei denen man ratlos ist, nicht begreift, was passiert, das Gefühl hat, die Weinwelt nicht mehr zu verstehen. Der „Plô de Figues“ ist so ein Wein, zumindest diese Flasche.“ Lag es an der Flasche? Ich versprach damals, eine andere Flasche (gleicher Jahrgang) zu degustieren und darüber zu berichten. Dies habe ich unterlassen, aus purer Nachlässigkeit. Jetzt aber habe ich den Wein wieder im Glas, allerdings ein wesentlich jüngerer Jahrgang (damals 2003, jetzt 2009). Und ich verstehe die Weinwelt wieder. Der Wein ist gut, besser, definierbarer, interessanter, verbindlicher… Vielleicht eine Spur zu verbindlich. Ich meine: eindeutig für den zwar anspruchsvollen, aber doch etwas normierter Geschmack konzipiert. Viel Syrah, etwas weich, etwas breit hinten im Gaumen, etwas gepresst im Abgang. Aber durchaus ein Wein, der seine Qualitäten hat.
Irgendwie – und dies passt zur Flasche – ist alles etwas dick, vordergründig, aufgetragen, auch der Text auf der Rückseite der Flasche. An stelle von Informationen bekomme ich Schlagworte, Worthülsen, die etwa darin gipfeln: „Sur le plateau où la vue découvre la mer à l’horizon…“ Ja, da wachsen eben die Reben auf einem wunderschönen Plateau mit herrlicher Aussicht. Ob sie sich am Meer am Horizont erfreuen, kann ich nicht sagen. Tut auch nichts zur Sache, wenn es um die Qualität des Weins geht.

09. November 2013

 

Ollier Taillefer: Les Murettes 2010, Faugères, Languedoc, France

Auch für den, der in der Regel die Weine beim Fachhändler oder direkt auf dem Weingut kauft, lohnt es sich ab und zu in den Regalen der grossen französischen Magasins wie Auchan, Hyper U, E.Leclerc etc. zu stöbern. Weniger um dort sensationelle Schnäppchen zu finden oder gar zu niedrigeren Preisen einzukaufen, als vielmehr um einen Überblick zu gewinnen, was im Augenblick zu welchem Preis an Weinen auf dem Markt (und vor allem mehrheitsfähig) ist. Gerade im Bereich der regionalen oder lokalen Weine sind diese Supermärkte (mit ihrem riesigen Angebot) in der Regel gut aufgestellt; sie haben ihr Sortiment auch auf die Region abgestimmt und erweitert.
So habe ich kürzlich einen ganzen Korb von „kleineren“ Weinen aus dem „Hyper U“ mitgenommen, um allenfalls meine Weinkenntnisse und –erfahrungen der Languedoc zu erweitern. Dabei ist mir ein Wein in die Hände geraten, von einem Weingut, das ich seit vielen Jahren bestens kenne und schätze: Ollier Taillefer in der Appellation Faugères. Ein mir gänzlich unbekanntes Etikett und der Name „Les Murettes“, den ich auf diesem Weingut noch nie angetroffen habe.
Natürlich habe ich mich sofort auf der Website der Domaine umgesehen. Unter „Nos produits“ keine „Murettes“. Es sind die mir bekannten sechs Weine, vom einfachen, traditionellen „Les Collines“ bis zum anspruchsvollen „Castel Fossibus“ aufgelistet (Preis zwischen 6 und 15 Euro) mit den mir vertrauten Etiketten. Wo soll ich nun diesen „Murettes“ einordnen, preislich wohl beim „Les Collines“ (ca 7. Euro) aber stilmässig doch ganz anders. Oder lasse ich mich da täuschen? „Les Collines“ ist ein traditioneller Faugères-Wein, fruchtig, frisch, terroir-typisch (Schiefer), zwar unkompliziert und trotzdem im Gaumen differenziert und eigenständig, mit einem aufregenden, länglichen Abgang.
Dieser „Les Murettes“ aber kommt mir geschliffen und banal vor. Zwar durchaus sauber vinifiziert, doch ihm sind alle Ecken und Kanten genommen worden. Weichgespült, würde ich sagen, getrimmt auf einen Geschmack, der mehrheitsfähig ist. Vom Schiste (Schiefer) keine Spuren mehr, von den differenzierten Gewürzen, den unterschiedlichen Fruchtaromen – kaum viel auszumachen. Es domminieren weiche Citrus-Noten, gefällige Tannine, gedämpfte Säure, viel Harmonie und wenig Eigenständigkeit. Lass ich mich da in die Irre führen? Täusche ich mich? Leider habe ich im Augenblick „Les Collines“ nicht zur Verfügung für einen direkten Vergleich. Ich werde dies aber nachholen und mich auf dem Weingut erkundigen, was es mit „Les Murettes“ auf sich hat. Ich denke, es ist ein für die Regale der Magasins gemachter Wein, zwar authentisch – aber furchtbar brav, ja sogar banal.

11. November 2013

 

Cave les côteaux de Berlou:

Le printemps des Loups 2011,

Berlou, Saint-Chinian, France

 

Spricht man von den Weinen aus Berlou (Languedoc), spricht man in der Regel auch von der Coopérative, denn diese gibt hier - abseits im Tal der Orb am Fusse der Cevennen (besser: ihrer Ausläufer) – den Ton an. Vor etwa zehn Jahren hat das kleine Winzerdorf (200 Einwohner) eine eigene Gemeinde-Appellation (Saint-Chinian Berlou) geschaffen. Dies ist nicht einfach nur eine Besonderheit oder Eigenwilligkeit der Languedoc; sie gibt dem Weinliebhaber eine gewisse Garantie für Qualität und vor allem für die Eigenständigkeit eines Terroirs. Gerade in einem Weingebiet, dem grössten Frankreichs, wo während Jahrzehnten der Massenwein dominierte, mit viel Carignan, einer Rebsorte mit angeblich wenig Aromen und gut geeignet für grosse Erträge, hat der Terroir-Gedanke eine zentrale Funktion: „Wir sind zurück zu unseren Wurzeln gegangen“, sagt der Direktor von Les Coteaux de Berlou. Und er darf darauf stolz sein, gehören inzwischen doch die Berlou-Weine zu den besten der Region, jedenfalls zu den charaktervollsten und eigenständigsten.
Doch dieser „Frühling der Wölfe“ ist kein Wein, den die Genossenschaft selber vermarktet. „Mise en bouteille à la proprieté pour JeanJean“, steht auf dem Etikett. JeanJean ist eines der grössten Handelshäuser (auch mit eigenen Rebbergen) in der Region. Seine Weine gelangen regelmässig auch in die grossen Einkaufshäuser, in diesem Fall in den „Hyper-U“, wo ich ihn gekauft habe. Für mich irgendwie eine Synthese aus modernem Marketing – mit der Tendenz zur Uniformität – und eigenständiger Tradition – einer speziellen Region (unter anderem mit viel Schiefer). Der Wein steht im Verkaufstempel auch nicht in den speziell gekühlten, „heiligen Hallen“, wo die Spitzenweine (Weine etwa ab 20 Euro) liegen, sondern in den riesigen Regalen, wo eher Weine für den täglichen Konsum angeboten werden. (Dieser Wein kostet hier 8.50 Euro.)
Da ich die Weine aus Berlou ziemlich gut kenne, hat mich natürlich interessiert, ob dieser Händlerwein anders ist. Ist er noch Berlou-like? Er ist es, wenn auch die Nase anfänglich etwas allzu viel Stall oder Alkohol registriert hat. Im Gaumen entwickelt er dann aber Feinheit und Kraft, er hat sich rasch mit mir versöhnt: Es ist keiner dieser aufgemöbelten Languedoc-Trophäen, wie man sie besonders im mittleren und unteren Segment immer wieder antrifft. Ein charaktervoller Wein, dem die Herkunft abgenommen wird: fruchtig, seidig, schiefrig, durchaus mit leise spielenden Gewürzen. Man kann auch im Supermarkt nicht nur gefällig, vielmehr auch eigenständige, ja sogar aufregende Weine finden.

01. Dezember 2013

 

Château de Muzot 2011, Réserve, Cuvée Rouge, Wallis AOC, Schweiz

 
Ist es nun eine Mogelpackung oder kommt der Wein wirklich vom Schloss Muzot, in dem Rainer Maria Rilke die letzten fünf Jahre vor seinem Tod (1926) gelebt hat? Nun – das Château de Muzot ist berühmter als der Wein mit gleichem Namen. Der Wein kommt eben nicht vom Schloss Muzot, sondern aus der Gegend zwischen Salgesch und Sierre, einem Zentrum des Walliser Weingebiets, das rund um das Schloss Muzot liegt. „Die Cuvée «Château de Muzot» enthält mehrheitlich Pinot Noir und  –  je nach Jahrgang  –  Syrah und Merlot… Nur die besten schaffen es in die Cuvée, die den Namen des geschichtsträchtigen Château trägt,“ verkündet die Werbung. Tatsächlich gibt es ein Weingut namens Château Muzot nicht, aber (laut Handelsregister): „Der Betrieb eines kommerziellen Wein oder jedes Unternehmen in Bezug auf die Produktion und Vermarktung von Wein…“. Ich tippe also beim berühmten Namen des Weins eher auf einen Werbetrick: „Château de Muzot, ein besonderer Ort“, damit lässt sich ein Walliser Wein aus der Gegend um Muzot besser verkaufen, jedenfalls bei all jenen, die Rilkes Poesie kennen, lieben und den Dichter in Ehren halten. Entscheidend ist (für mich), ob der Wein auch das halten kann, was er indirekt verspricht. Er kann es nicht. Es ist ein fruchtbetonter, recht runder, etwas „geschliffener“ Wein mit feinen Aromen-Noten (Kakao) und diffusen Tanninen. Er kann sich aber nicht entscheiden, ob er wirklich ein Spätburgunder oder eine moderne, wenig charaktervolle aber gefällige Cuvée sein will. Für mich will er es wohl „allen Recht machen.“ Der Wein ist im Discounter (Denner) zu haben und kostet 15 CHF.

03. Dezember 2013

 

Weingut Burkhart, Weinfelden: Kernling, AOC Thurgau, Schweiz

 


Auf einem Besuch bei Freunden viel mir die Ehre zu, die Weine des Abends zu bestimmen. Auswahl: Einige der interessantesten Weine der Gegend (Kanton Thurgau). Der Thurgau – ganz im Nordosten der Schweiz gelegen – ist selbst für Schweizer Verhältnisse ein kleines Weingebiet und die Weine relativ wenig bekannt. Hier dominiert in der Landwirtschaft der Obstbau, nicht umsonst wird der Kanton etwas abfällig, aber auch liebevoll „Mostindien“ genannt. Doch es gibt auch knapp 300 ha Rebland, vor allem an den nach Süden orientierten, leicht abfallenden Hängen, am Islisberg, bei Weinfelden, im Thurtal, am Untersee, im Lauchtal… Der wohl bekannteste Winzer der Gegend war Hans Ulrich Kesselring (2008 leider verstorben), sein Weingut wird von einem Verwandten weitergeführt und gilt immer noch als ein Vorzeigebetrieb in der Ostschweiz. Viel mehr weiss der durchschnittliche Schweizer Weinliebhaber kaum. Ums neugieriger war ich auf zwei Winzer, die ich nur dem Namen nach kannte, Wolfer und

Für den Aperitif-Wein wählte ich einen Kernling vom Weingut Burkhart (Weinfelden). Ich gebe zu, mich reizte vor allem die Rebsorte. Weine aus der Mutation von Kerner – eben dem Kernling – habe ich noch nie getrunken. Es gibt nur ganz wenige Hektaren, die überhaupt mit dieser neuen Rebsorte (Züchtung 1991, Markteinführung 1995) bestückt sind. Den Kerner kenne ich, den Kernling aber nicht. Ist er anders? Besser? Schon der Kerner gilt als Spezialität, vor allem hier in der Schweiz, weil er in der Regel mehr Säure hat als der Riesling und – man verzeihe mir – oft auf fruchtiger ist, auch vielfältiger in den Aromen. Und der Kernling? Er ist noch etwas eigenwilliger: die kleine Weinrunde sagte sogar: eigenartiger als die üblichen Apero-Weine. Ich habe gut gewählt.
Der Wein war frisch, mit einem feinen Bukett und einem eleganten Abgang. Die Zitrusnoten dezent, sie machten sogar leichten orientalischen Gewürzen Platz: Safran, Baharat, Pinienkerne… Oder phantasiere ich? Jedenfalls war es für mich ein wunderbar differenziertes Geschmackserlebnis. Ich kann mir gut vorstellen, den Wein zu Fisch zu trinken. Jedenfalls finde ich ihn eleganter, vielleicht gefälliger (trotz den eigenen Noten) als der Kerner und  als der – zu Vergleichszwecken geöffnete „Sequana“ vom Weingut Wolfer (ebenfalls Weinfelden) aus Pinot Noir-Trauben, Pinot gris und Sauvignon blanc. Für mich ist der Kernling eine echte Überraschung.

06. Dezember 2013

 

Weingut Allesverloren: Shiraz 2008, Swartland, Südafrika


Es war reiner Zufall, dass ich ausgerechnet gestern, als Mandelas Tod bekannt wurde, einen südafrikanischen Wein geöffnet habe. Ich hatte zu dieser Zeit die Todesnachricht noch nicht gelesen. Es war einfach Lust auf einen Shiraz aus dem „Schwarzes Land“, das etwa 100 Kilometer nördlich von Kapstadt liegt. Vielleicht war es auch, weil ich mir fest vorgenommen habe, bei der nächsten Südafrikareise (im kommenden März) endlich auch nach Swartland zu fahren, denn dieses Weingebiet habe ich noch nicht besucht. Oder es war – wie bei mir so oft bei eineer Weinwahl – die Geschichte, die sich hinter dem Wein oder dem etwas ungewöhnlichen Namen „Allesverloren“ verbirgt? Wohl von allem etwas, denn südafrikanische Weine – besonders Shiraz und Pinotage – gehören zu meinen „geheimen“ Lieben.
Jetzt, da aus Anlass von Mandelas Tod, viel über das Land im Süden Afrikas mit seiner bewegten Geschichte, geschrieben und geredet wird, rücken wohl auch seine Weine vermehrt in den in den Mittelpunkt. Sie verdienen es, denn ihre Kraft und Eleganz hat – bei aller Gepflegtheit – doch noch etwas Urwüchsiges, sogar etwas Befreiendes. Ich habe immer das Gefühl noch Wein und nicht ausgeklügelte Weintechnik im Glas zu haben. Vielleicht ist dies alles nur Einbildung, ein Überinterpretation eines Landes – oder Terroirs – das in einem andern Erdteil liegt, und das – nicht zu vergessen – über Jahre wegen seiner unwürdigen Rassentrennung – geächtet wurde. Emotionen sind eben beim Weinkonsum nicht wegzuschliessen. Und das ist gut so.
Für mich ist dieser Shiraz eine echte Alternative zum Syrah aus dem Rhônetal, etwas wuchtiger, etwas ausladender, sogar aromatischer als die Weine aus Südfrankreich, die ich so liebe, gerade wegen ihrer filigranen und doch kräftigen Art. Wir haben es hier mit einem (für einen Shiraz) etwas älteren Knaben zu tun. Vielleicht habe ich auch deshalb so viel Spass, weil das Holz (für einmal) wunderbar eingewoben ist und sehr viel der reinen Shiraz-Aromen zur Geltung kommen. Die sonst recht kräftigen Johannisbeernoten ergänzen die dezenten Frucht- und Gewürznuancen und erschlagen sie nicht. Meine sensorischen Assoziationen finden den Weg zum Tabak, Kaffee bis zum Lorbeer. Ein Wein der versöhnt mit all dem, was man durch Holz, durch Assemblage, durch Konzentration so oft dem Shiraz oder Syrah antut.

08. Dezember 2013

 

Giuliano und Renato Corino: Barolo Vigna Giachini 1996, La Morra, Italien


Was zuerst auffällt, das ist die wunderschöne Nase. Noch vor dem ersten Schluck vertiefen wir uns in den Wein. Wirklich eine Duft, verhalten, rund, fast schon erhaben, vor allem tief und weich. Kann man dies von einem Duft sagen? Ich weiss es nicht, ist auch egal, doch die Adjektive drücken in etwa das aus, was wir wahrnehmen.
Ein Barolo, der wunderbar gereift ist. Am meisten erstaunt mich die Tatsache, dass der erste Eindruck im Mund bestätigt wird. Dies ist nicht immer, oder eben nur selten der Fall. Nase und Gaumen vermitteln nicht selten unterschiedliche Signale. Ich habe über den Wein schon früher einmal im „Getrunken“ reflektiert. Damals ist mir die Nase kaum aufgefallen. Doch jetzt, wohl etwa zwei Jahre später entströmt der Flasche etwas, was ich ganz profan als toll bezeichnen würde.
Giuliano und Renato – die beiden Söhne der Bauern Corino, die seit den 50er Jahren Pächter eines Hofs in Morro waren – füllten Mitte der 80er Jahren die ersten Barolo ab und übernahmen die Philosophie ihres Freundes Elio Altare, nämlich durch Reduktion der Ernte eine bessere Qualität und Struktur der Weine zu erreichen. Nach und nach stiegen die beiden Brüder zur Spitze im Barolo-Bereich auf, bis sie das Weingut 2005 teilten, Giuliano mit seiner Frau weiterhin acht Hektaren des ursprünglichen Weingutes weiterführten und sich Renato vor allem der Weiterentwicklung des Barolos widmete. Wie die neueren Jahrgänge der beiden sind, weiss ich allerdings nicht.
Was ich aber weiss: Dieser 96er hat die Anlagen für einen Kultwein. Warum ist mir dies nicht schon bei der ersten Notiz zum Wein, vor gut zwei Jahren, aufgefallen? Ich weiss es nicht. Manchmal entwickelt sich ein Wein in entscheidenden Phasen optimal, manchmal sind auch die Abfüllungen unterschiedlich. Der entscheidende Faktor sind aber wohl die Stimmungslage, die Erwartung und die Umstände, in denen ein Wein getrunken wird. Ich meine, da liegt oft der Schlüssel zum Weingenuss, wenigstens für Herrn und Frau Normalverbraucher.

10. Dezember 2013

 

Tenuta Bally & von Teufenstein: Cresperino 1996, Merlot, Vezia (Lugano), Tessin, Schweiz


Wirklich Freude bereitet er nicht (mehr), der Merlot aus dem „Hause Bally“. Er ist überlagert, zeigt kaum mehr Frucht(resten) und hat das Gleichgewicht – Säure, Frucht, Tannine, Alkohol – verloren. Eigentlich ein Grund, nicht darüber zu schreiben. Und doch - es tauchen ein paar Fragen auf: wie lange lässt sich ein Merlot (aus dem Tessin) lagern? Was kann ein traditioneller Merlot aus dem Tessin bieten? Es geht da nicht um Überlebensübungen, denn der Wein ist sicher keiner, der über viele Jahre Lagerung besser wird. Trinkreife erhält er so nach zwei, drei Jahren, hält sich dann vielleicht noch fünf Jahre und ist wohl als Zehnjähriger endgültig vorbei. Lagerfetischisten – lasst bitte Hände davon. Da steigt kein Phönix aus der Asche.
Weit interessanter ist hingegen das Weingut Tenuta Bally&vonTeufenstein. Wer kennt nicht die Bally-Lederwaren , inzwischen Luxusprodukt der einstigen Schweizer Industrie-Pionierzeit. Das Unternehmen ist inzwischen längst in das internationale Geldanlage-System eingegliedert worden und nicht mehr schweizerisch. Doch der Enkel des Firmengründers, Ernst Otto Bally, hat bereits 1917 in der Vedeggioebene (Nähe Lugano) ein riesiges Grundstück gekauft, wo auf dem ehemaligen Schwemmgebiet allmählich ein grosser Landwirtschaftsbetrieb entstand: Ackerfelder, Wiesen, Obstgärten, Viehzucht, Kartoffeln und – auch Rebberge, an den Hügeln oberhalb der Ebene. Das Weingut, welches noch der Familie Bally-von Teufenstein gehört, wird also bald hundert Jahre alt sein und wird noch heute von den Urenkeln der Gründerfamilie verwaltet.
Die Frage ist: wo steht das Weingut heute? In der soeben erschienenen „Schweizerischen Weinzeitung“ mit den „100 schönsten Weine der Schweiz“ taucht auch die Tenuta auf, allerdings mit ihrem „Topazio“, einer Assemblage à la Bordeaux, die übrigens eine Lebens- und Genussdauer von zwanzig Jahren hat. Es ist typisch für die Entwicklung auch der Schweizerweine. Internationalität ist gefragt. Doch der traditionelle Tessiner Merlot ist bei Weinkennern noch immer (oder immer mehr) gefragt. Der Schweizer Weinkenner und Koch, Geny Hess, meint: „Das Weingut Tenuta Bally &von Teufenstein zählt zu den Tessiner Weinkellereien, die mit ihren Gewächsen seit Jahren punkten. Weintrinker, die auf Gradlinigkeit, Fruchtigkeit und Tradition Wert legen, denen sei der 2009er Cresperino empfohlen. Ein reiner Merlot, der die Charakteristik seiner Herkunft hervorhebt…“. Dem habe ich nichts beizufügen, auch wenn „mein“ Merlot 13 Jahre älter istz und von diesen Eigenschaften nur noch einen Bruchteil übrig gelassen hat.

12. Dezember 2013

 

Peter Lehmann, Eight Songs 1997, Shiraz, Barossa Valley, Australien

 

Powerweine – selbst wenn es reiner Shiraz ist – sind mein Ding nicht. Ich bevorzuge filigrane Weine, zurückhaltende Weine, Weine, die sich auf ein Aromen- und Gaumenspiel einlassen. Dies tun die „Acht Lieder“ nicht, so romantisch der Name „Eight Songs“ auch klingen mag. Der Wein ist Kraft pur, üppige, ausladende Beerenfrucht; mit schweren klingenden Glocken im Bereich von Vanille bis Tabak und Bitterschokolade. Deshalb ist diese Flasche wohl auch so lange in meinem Keller liegengeblieben. Bei aller Achtung – ja Ehrfrucht – vor der Pionierleistung von Peter Lehmann (der übrigens vor einem halben Jahr gestorben ist) sind mir viele seiner Weine zu üppig, zu opulent, von fast allem etwas zu viel.
Dies gilt auch für diesen Shiraz, einer Wein-Würdigung von 8 Bildern des australischen Künstlers Rod Schubert (geb. 1946), der auf dem Weingut von Peter Lehmann mehrmals ausgestellt hat. Der Bilder-Zyklus heisst „Eight Songs for a Mad King“, Acht Lieder für den verrückten König Georg III. (1738-1820), der am Schluss seines Lebens wahnsinnig geworden ist.
Irgendetwas von dieser „Verrücktheit“ ist tatsächlich in den Wein gekommen. Nicht direkt, eher symbolisch, dunkelrot, fast schwarz die Farbe, in der Nase viel Beeren und Schokolade, am Gaumen verlangt er Vortritt und bestätigt dieses Recht mit einem langen Abgang.
Irgendwo habe ich gelesen: "Aus dem Glas springt mir ein Känguru entgegen." Dies ist Peter Lehmanns Shiraz, und das kann ich durchaus nachvollziehen. Gestern war mir genau danach zum Mute. Ich wollte etwas Kräftiges, etwas Eigenwilliges, Gepflegtes. Ich wollte es rund – könnte man sagen; ich wollte einen Wein spüren, den Abgang lange hinhalten und ihn forttragen. Es war einer dieser Tage, da ich nicht über Weine „philosophieren“ wollte, sondern ihn einfach geniessen. Einer meiner Lehrer hat immer gesagt – wenn etwas für ihn ganz klar und eindeutig war, – dies ist doch mit Händen zu greifen. Ich habe mit Genuss diesen Wein ergriffen, nicht mit den Händen, vielmehr mit allen Sinnen, in denen sich ein Wein offenbaren kann.

13. Dezember 2013

 

Casa Vinicola Apollonio: Valle Cupa Salento Rosso 2007, Monteroni di Lecce, Italien

 

Für mich ein moderner Wein. Die Ecken und Kanten sind geschliffen, das Gleichgewicht – man kann schon sagen – fast ideal. Vom Geschmack her ein Gastrowein: verbindlich, klar und mehrheitsfähig. Ich habe ihn auch im Restaurant getrunken. Auf der Karte von „Divino“ ist er mir ins Auge gestochen. „Divino“ gehört zu „Volg“, der grössten Weinkelterei der Schweiz. Oder, wie man so schön sagt: „Divino“ ist der Partner von „Volg“, sozusagen die Weinhandlung dazu, mit einem breiten Angebot – auch aus Weingebieten im Ausland. Die „Divino“ Weinkarte ist vorbildlich, fast schon eine Musterkarte im Restaurant - verständlich und verbindlich, mit allen notwenigen Angaben. Dies schätze ich, dort, wo kein Sommelier die Beratung übernimmt und das ist – zumindest im durchschnittlichen Restaurant in der Schweiz – fast immer der Fall. Man ist also auf die eigenen Kenntnisse und die Angaben auf der Getränkekarte angewiesen. Doch was da alles angeboten und versprochen, geflunkert und pauschalisiert wird, es kaum zu glauben. Meist stimmt nicht einmal die Angabe des Jahrgangs. Da lob ich mir die „Divino“-Karte, auch wenn mir der Einheitstrend zuwider ist. Ich liebe das Individuelle, das Persönliche, die feine Abstimmung von Küche und Getränken, ich liebe die Handschrift der Wirtin, des Wirts, dort wo sie lesbar ist. Doch dies ist immer seltener der Fall, vor allem nicht in mittleren und kleineren Betrieben.
Auf der „Divino“-Karte ist mir also dieser Salento Rosso aufgefallen, wohl auf Grund der Assemblage: 50% Negroamaro, 50% Primitivo – ausgebaut im Barriques. Mich interessiet vor allem die Kombination der beiden Rebsorten. Primitivo (oder Zinfandel) hat meist einen hohen Alkoholgehalt, immer so an der obersten Grenze, kaum je unter 15 % vol. Negroamaro, die sehr fruchtige Rebsorte aus dem südlichsten Süden Italiens, eher eine einheimische Spezialität, die bisher kaum „mehrheitsfähig“ war. Also etwas für extravagante Weintrinker. Nein im Gegenteil: da wurde so viel geschliffen, vielleicht auch so gut aus ausgewählt und gearbeitet bezüglich Terroir, Pflanzdichte, Reduktion, jedenfalls hat der Wein ein – ich sagte es schon – unglaublich schönes Gleichgewicht gefunden. Sogar das Holz hat sich so gut integriert, so dass es kaum eigens registriert wird. Ein kraftvoller Wein, der etwas Weiches, fast schon Romantisches an sich hat. Immerhin, für einen Gastrowein eher die Ausnahme, ist er bereits mehr als fünf Jahre alt.
Dank der Kombination der beiden Rebsorte fällt er auch aus dem Schema vieler Weine, die im Restaurant oft als typisch, besonders geeignet, bekömmlich, mitunter sogar als lecker angepriesen werden. Er ist – und da bin ich schon glücklich – ein Wein, der mein Interesse wecken kann, obwohl die Kanten weggeputzt sind. Es bleiben einige typische Aromen  wie Kirschen, Pflaumen, Schokolade, Eukalyptus, Kräutern und Tabak – und zwar nicht einfach herbeigeredet. Sie sind wirklich im Glas und ohne langes Suchen auch aufzuspüren.

14. Dezember 2013

 

Schloss Heidegg: Heidegger Zweigelt 2012, AOC Luzern, Schweiz


Der Kanton Luzern ist kein Weinkanton. Es gibt zwar in der Schweiz nahezu in jedem Kanton Reben und Weingüter, auch dort, wo es früher keine gab. Am Burghügel des Schlosses baute aber ein cleverer Ritter schon zu Beginn des 14. Jahrhundert Reben an. Damit wurde Heidegg zum „Weinschloss“. Bei einer Plünderung Mitte des 17. Jahrhunderts durch Aufständische, soll es – so die Chronik – zu einem grossen Besäufnis gekommen sein, bei dem die Aufständischen „erst vor Gericht aus ihrem Rausch erwachten.“
Der Rebbau im Kanton Luzern wurde bei der Reblaus-Krise aber vollständig eingestellt und erst Mitte des letzten Jahrhunderts im bescheidenen Rahmen – durch Pioniergeist und staatliche Hilfe – wieder eingeführt, bis heute knapp 40 Hektaren. Kein Wunder, dass ich selber noch nie einen Luzerner-Wein getrunken habe (nur zwei oder drei Mal degustiert). Und wieder ist es ein Restaurant – diesmal in Olten (Olten ist so etwas wie eine Drehscheibe in der Schweiz) – welches einen Heideggerwein auf der Karte hatte. Und erst noch eine Rebsorte, die in der Schweiz zwar im Vormarsch ist, aber immer noch sehr selten angebaut wird. Natürlich habe ich zugegriffen.
Einen Zweigelt aus einem Nichtweinbaukanton, von einem wunderbar gelegenen Schloss im Seetal, dies allein ist es wert, sich mit dem Wein auseinanderzusetzen. Und hat es sich gelohnt? Ja und nein – ich bin jedenfalls um eine Erfahrung reicher und die Erfahrung ist nicht einmal schlecht. Der Wein: nichts Aufregendes, eher etwas Braves – kein Pepp, aber auch keine Schwäche. Es gibt keine 15 Hektaren Zweigelt in der Schweiz, also auch dies ist eine Besonderheit, nicht nur der Anbauort. Auf den fünf Hektaren Rebland des Schlussgutes gibt es nicht weniger als 16 Rebsorten, warum nicht auch Zweigelt, mag man sich fragen. Ja, warum nicht? Ich glaube, dass die Qualität des Weines (die absolut in Ordnung ist) nur durch seine Einmaligkeit Bedeutung erlangen kann, wenigstens im regionalen Rahmen. Dass der Wein je ins Ausland kommen wird, glaub ich nicht. Dazu reicht die Aufregung (oder Erregung) beim Konsum nicht. Allerdings hat er es bis nach Olten in ein gutes Restaurant gebracht, also bis in den Kanton Solothurn, der allerdings an den Kanton Luzern grenzt, die beiden Orte liegen nur 50 Kilometer auseinander.
Es sind eben nicht die Kilometer, die da entscheiden, als vielmehr das Ereignis, etwas Seltenes im Glas zu haben. Etwas Seltenes, das auch noch gut und angenehm zu Trinken ist. Und dies ist viel angenehmer und aufregender als die x-te Variante eines mittelmässigen Pinot Noirs oder gar einer Assemblage à la Bordelais. Internationalität ist da nicht gefragt.

17. Dezember 2013

 

Château Magdelaine: Magdelaine 1986, Saint Emilion, Bordeaux, France

 

Die 86er in meinem Bordeaux Keller lichten sich. Auch gute Jahrgänge sollten – wenn sich nicht bloss der „Kapitalanlage“ dienen – irgendwann getrunken werden. Ich habe da schon einiges erlebt, auch an negativen Überraschungen. Zumal gerade bei diesem Wein bei René Gabriel dieses vermaledeite „vorbei!“ auftaucht. Vorbei ist inzwischen der Genuss dieses Weins.

Kein Wein zum genüsslichen Verweilen, vielleicht ein Wein zum genüsslichen Trinken. Vielleicht – für Altweinliebhaber – zu wenig differenziert in den Gewürznoten, zu wenig „typisch“ Altwein, zu viel Verbindlichkeit. Kein junger Wein mehr (unter jung verstehe ich Weine in ihrer Genussphase), aber auch kein wirklicher Altwein. Irgendwo angesiedelt im Niemandsland. Aber da standfest, und noch voller Lebenst aber auch der Wein vorbei? Das heisst, war es vielleicht gar kein Genuss, sondern ein Sich-Hinüberzittern in die Noch-Geniessbarkeit. Nein – es war keine Zitterpartie, es war ein angenehmes Erlebnis. Keine oxydativen Noten, nicht einmal breite braune Ränder. Wenn schon – bei tadellosem Licht – dünne braune Strichlein. Auch in der Nase war noch etwas vom verführerischen Bukett vorhanden, kein plumper Zwetschgenduft, keine Allerweltspilze, nein eher Edelhölzer und exotische Gewürze, wenn auch sehr verhalten. Im Gaumen dann viel Wärme, viel samtener Fluss, noch erstaunlich viel Kraft und eine tadellose Harmonie, noch immer etwas Schokolade und dezente, aber verblasste Frucht, beachtlicher Abgang. Kein Wein zum genüsslichen Verweilen, vielleicht ein Wein zum genüsslichen Trinken. Vielleicht – für Altweinliebhaber – zu wenig differenziert in den Gewürznoten, zu wenig „typisch“ Altwein, zu viel Verbindlichkeit. Kein junger Wein mehr (unter jung verstehe ich Weine in ihrer Genussphase), aber auch kein wirklicher Altwein. Irgendwo angesiedelt im Niemandsland. Aber da standfest, und noch voller Leben. Ich habe den Wein genossen, auch wenn er nicht mehr der brillante 86er war, von dem man einst geschwärmt hat. Dafür war der Wein damals, vor 25 Jahren, bei seiner Auslieferung wohl zu bescheiden, jedenfalls gehörte er nicht zu den Top-Shots. Doch er hat – wenn ich so die Urteile von damals lese – tüchtig zugelegt. Schön gereift, bin ich versucht zu sagen.

18. Dezember 2013


Cave Biber: Syrah 2011, Salgesch, Wallis, Schweiz

 

Ab und zu kaufe ich auf einem Weingut, das ich noch kaum kenne, das mich aber bei einer Degustation überzeugt, einen Degustationskarton. Es ist das berühmte, etwas abgedroschene Bild von der „Katze, die man nicht im Sack kauft“. So geschehen im Herbst, bei meinem ersten Besuch im Cave Biber in Salgesch. Salgesch? Ja, der Weinort an der Grenze zwischen dem deutschsprachigen Oberwallis und dem französischsprachigen Unterwallis. Dort, wo es ein eigenes Qualitätslabel gibt, den „Salgescher Crand cru“. Dieser von den Winzern vor 20 Jahren eingeführte Standard – mit strengen Regeln und einer ebenso strengen Jury – ist mir sehr sympathisch, nicht zuletzt auch auf Grund einer der Vorschriften: „Ein Ausbau in Barriques ist ausdrücklich verboten“. Damit sind wir mit den Weinen wieder viel näher beim Terroir, bei der Herkunft. Doch dies ist ein anderes Kapitel.
Doch die Herkunft spielt im Cave Biber eine wichtige Rolle. Mein erster Eindruck, als ich in die imposante kleine Arena der Rebberge kam: Wow. Steile Felsen, Rebflächen an den Hängen, das Flüsschen Raspille (welches die Sprachgrenze bildet) durchzieht die Arena, die gegen Süden offen ist. Da, etwas abseits, fast schon versteckt, finden wir den Weinkeller (mit Degustationslokal) von Jürg Biber, der sagt: „Ich bin der festen Überzeugung, dass das eigentliche Geheimnis des Betriebes darin besteht, dass die jeweilige Sorte an ihrem optimalen Standort steht.“ Und der Standort, so mein erster Eindruck, ist grossartig. Aber auch die Weine sind es. „Authentisch“, da stimme ich dem Winzer voll und ganz zu.
Ich verlasse mich – zumindest in Sachen Wein – nur ungern auf den ersten, spontanen Eindruck. Da kommen so viele Dinge zusammen: das Erlebnis, die Begegnung mit dem Winzer, nicht zuletzt auch das Wetter und meine persönliche Stimmung. Auch wenn das erste Urteil durchaus wichtig ist, so möchte ich doch das Erlebte im Wein – zu einem andern Zeitpunkt, in einer andern Stimmung, an einem andern Ort – wiederfinden. Vielleicht nicht gleich, aber mit der gleichen Intensität.
Aus dem Degustationspaket (12 Flaschen) habe ich jetzt als ersten den Syrah geöffnet. Eine meiner bevorzugten Rebsorten. Die südliche Rhone (Côte Rôtie, Hermitage etc.) ist mir wohl vertraut. Aber auch die australischen Syrah (Shiraz) – erst kürzlich im „Getrunken“ wieder besprochen – wecken meine Neugier, und „ab und zu“ auch meine Begeisterung. Kann sich dieser Walliser Syrah irgendwie einordnen, ja sogar messen. Er kann. Er kann es vor allem durch seine Eigenständigkeit. Kein gefälliger, geschmeidiger Syrah, der so leichthin im Gaumen zerfliesst. Nein, ein Wein mit „rassigen Tanninen“ (laut Produktbeschreibung) und mit sehr viel von jenen Gewürznoten, die ich im Syrah immer suche und oft (leider) nicht finde. Ein pfeffriger Wein, bis in den Abgang hinein. Hier allerdings – im Abgang – etwas bitter, bitterer als Bitterschokolade, und das ist gut so, denn die vermeintliche Süsse „verzuckert“ allzu oft den Abgang beim Syrah.

21. Dezember 2013

 

Cave Biber: Humagne Rouge 2011, Salgesch, Wallis, Schweiz


Bleiben wir noch einen Moment im Cave Biber, von dem ich ein Degustationspaket – 12 verschiedene Weine – gekauft habe. Es lohnt sich. Nicht nur der Winzer ist in Bezug auf seine Weine eigenständig, charaktervoll, selbstbewusst. Dies sind auch seine Weine. Zumindest ist es meine bisherige (zugegeben noch kleine) Erfahrung. Diesmal ist der Wein ein „Humagne Rouge“, also aus einer dieser autochthonen Rebsorten, welche in den letzten Jahren den Ruf des Weinkantons Wallis geprägt und in die Weinwelt getragen hat.
Humagne Rouge, ein Wein, den ich am liebsten jung trinke, in der Fruchtphase. Dies ist – wie sonst so oft in der Weinwerbung – keine Ausrede, für Weine, die wenig Tiefe und kaum Reifungspotential haben. Nein, hier trifft dies voll und ganz zu. Der Wein soll über den Grossen Sankt Bernhard (damals gab es noch kein Tunnel) vom Aostatal ins Wallis gekommen sein. Das Weinportal „swisswein.ch“ schreibt: „Der Humagne Rouge ist eine robuste, spätreifende Rebsorte, deren Anbaufläche in den letzten 20 Jahren stark zugenommen hat. Die aus dieser Sorte produzierten feinen Weine haben einen geringen Tanningehalt und die Aromen von Waldbeeren; es sind ideale Begleiter von Wildgerichten.“ Etwa so kann man es in jeder Werbung und Beschreibung des Humagne Rouge lesen, es scheint, als ob man froh ist, dass die Eigenschaften irgendwo einmal beschrieben, sozusagen definiert worden sind.
Ich enthalte mich dieser fast schon normierten Charakterisierung und verlasse mich auf meine Weingefühle beim Trinken. Etwas anderes ist im Glas, weit weg von den ebenso normierten Vorstellungen, wie ein Wein (meist mit Holz-Vanille übergossen) zu sein hat, um gut zu sein. Da gibt es einen leichten Pfefferton, da entsteht – wenigstens in meiner Phantasie – eine blühende Heide-Landschaft. Ja, ich erinnere mich an die faszinierende Fahrt durch die Lüneburger Heide, an einem schönen Tag im späten August. Was ich da an Gerüchen eingesogen habe, meine ich, in diesem Humagne Rouge wiederzufinden. Vom Wallis in die Lüneburger Heide, das ist immerhin eine beachtliche Leistung!

24. Dezember 2013

 

Rol Valentin 1994, Saint Emilion, Bordeaux, Frankreich


Ein klassischer Garagewein, glaubte ich, oder doch nicht? Eigentlich habe ich es nicht mit den „Garage-Weinen“. Allein schon die Definition ist recht allgemein und mir – ehrlich gesagt – ein Greuel: „Weine, die mit höchstem Qualitätsanspruch von sehr kleinen Weingütern produziert werden. Sie zeichnen sich durch geringe Hektarerträge, höchstmögliche Reife des Lesegutes, starke Konzentration und extremen Einsatz neuer Barriques aus...“ Doch irgendwann wollte ich es dann doch wissen. Ich ersteigerte – etwa vor zehn Jahren – zwei Flaschen Rol Valentin. Aus reiner Neugier, sagte ich mir. Etwas später – es war auch um Weihnachten/Neujahr – waren Weinfreunde bei mir und ich öffnete – eben neugierig – die erste der beiden Flaschen. Eine herbe Enttäuschung. Man könnte sagen: nichts besonderes, nicht schlecht, aber auch kein Wein nach Garage-Definition (siehe oben). Wir hatten an diesem Abend wirklich ein paar Bordeaux-Spitzen im Glas, da musste der Rol Valentin wohl untendurch. Also blieb die zweite Flasche im Keller liegen. Gestern nun, wieder ein Besuch, kam sie auf den Tisch. Und diesmal klappte es. Ein schöner, harmonischer, runder Wein, mit wunderschönen Aromen (tertiär und Frucht), keine Konzentrationsbombe, der Holzeinsatz kaum mehr spürbar, ein Wein der Freude macht. Also doch eine Rehabilitation für Garage-Weine?
Vielleicht – sicher – doch nicht, denn der Jahrgang 1994 hat wohl noch nicht der „Garagist“ Eric Prisette (Ex-Fussball-Profi) mit Hilfe von Stephane Derenoncourt produziert. Das Weingut in Saint Emilion hat er nämlich erst in diesem Jahr gekauft. Seine Handschrift dürfte  – obwohl sein Name bereits auf dem Etikett steht – noch kaum spürbar sein. Da der Jahrgang – wie alle namhaften Bordeaux – erst zwei Jahre später (in diesem Fall 1996) abgefüllt wurde, zeichnet der neue Besitzer des Weinguts zu Recht auf dem Etikett und ein bisschen Prisette/Derenocourt dürfte auch drin sein. Für mich ist es ein Aha-Erlebnis: werden sogenannte Garageweine eben doch (vor allem oder nur) durch den Modebegriff (und den Preis) definiert und viel weniger durch eine neue „Wein-Philosophie“?  Es sind eben: „meist kleiner Weingüter, die nicht auf eine lange weinbauliche Tradition zurückblicken können; modische Bezeichnung, die in den 1990er-Jahren aufkam“ . Dieser Halbe-Garagewein jedenfalls war viel besser als jener (gleiche Wein), den ich vor ein paar Jahren getrunken habe. So können Eindrücke (und damit auch Meinungen) sich ändern.

25. Dezember 2013

 

Château Ausone 1985, Saint Emilion, Bordeaux, Frankreich


Er gehört nicht zu den „grossen“ Ausone – und doch ist es ein grosser Wein. Ausone 1985. Viele meiner Bordeaux-Freunde werden jetzt die Nase rümpfen: einst „nur“ 85 Parker Punkte, später gerade noch 75 (Verkostung 2003), und heute…? Ich weiss es nicht, Parker würde ihn wohl – zehn Jahre nach seiner letzten Notiz – in den Abguss leeren. Für mich ist er dieses Jahr der Weihnachtswein.
Weihnachtswein? Darüber habe ich in meiner Kolumne auf www.wein-plus.eu nachgedacht: „…Ein Weihnachtswein ist jeder Wein, der an Weihnachten Freude, Zufriedenheit, Genuss, Besinnlichkeit bringt. Traubensorte, Herkunftsland, Preis und Stil sind vollkommen egal. In diesem Sinn wünsche ich allen, die Wein mögen, einen echten Weihnachtswein – wie einst in Kindertagen unter dem Baum – oder eben – sachliche Weltlichkeit – auf dem Tisch…“
Und so war es auch gestern mit dem Ausone 1985. Ein toller Wein, vielleicht nicht ganz so toll wie andere Ausone. Mag sein, ist wohl auch so. Irgendwie kann man auch auf hohem (und höchstem Niveau) Beckmesserei betreiben. Der Wein kostet heute immerhin zwischen 300 und 400 CHF. Wer bezahlt schon so viel Geld für eine Flasche Wein, die gemäss gängiger Wertung höchstens als „durchschnittlich“, meist sogar als „schwach“ taxiert wird? Bezahlt man da einfach den Namen, die Relation zu einem „herausragenden“ Ausone? Zum Beispiel zum 2003er (100 Parker Punkte), für den man 1‘100 bis 1‘800 CHF hinblättern müsste?
Solche Überlegungen kommen mir nicht beim Genuss meines Weihnachtsweins. Erst nachher – wenn der Genuss verklungen ist – überlege ich mir (ab und zu), was ist denn davon zu halten, von dem ganzen Preis-Leistungs-Genuss-Qualitäts-System. Und immer wieder – sehr oft sogar – komme ich zum gleichen Schluss: wenig oder gar nichts. Weinfreuden lassen sich nicht in ein Schema pressen. Es sind Preisschilder, die allzu oft in die Irre führen. Sie sind so individuell, wie ein Wein eben sein kann. Nur wenn er fehlerhaft ist (mit Fehltönen, oxidiert, unharmonisch, korkig etc.) verdient er das Prädikat mangelhaft, schwach, unbefriedigend etc. (beim 100-Punktesystem zwischen 50 und 75 Punkten).
Mein Ausone hätte als Weihnachtswein durchaus 100 Punkte verdient. Wohl wissend, dass es durchaus bessere Ausone gibt, dass er sogar - gemäss René Gabriel - als „Premier Grand Cru aus einem so potentiell grossen St. Emilion-Jahr eine herbe Enttäuschung ist“. Der Wein war gestern noch präsent, er war nicht einfach nur im Glas, nein er hat meinen durchaus kritischen sensorischen Eindrücken standgehalten: weich, offen, warm, ja sogar harmonisch und filigran , noch voller Aromen – bewahrt, ja entwickelt in den bald 30 Jahren seiner Existenz – obwohl ihm viele dieser (und anderer) Eigenschaften abgesprochen werden. Was schert mich all dies? Der Wein ist keine Enttäuschen, denn was ich erwartet habe, das ist: ein guter, ein genussbringender, ein sinnlicher Weihnachtswein. Und dies hat er gebracht.

29. Dezember 2013

 

Domenico Clerico: Cabot Mentin Ginestra 1996, Barolo, Monforte d'Alba, Italien

 

Wer schon bei, in oder auf den Hügeln der Langhe war, der weiss diesen Wein zu schätzen. Es ist ein gereiftes Stück Piemont, das hier aus dem Glas strömt. Nein, es ist kein Plätschern, aber auch kein reissender Strom, vielmehr ein leises, vergnügliches Fliessen von Aromen, von schon leicht dumpfer Farbe, von angenehmer Dichte (Fluidität). Auch im Gaumen explodiert nichts (mehr), sondern verlangt nach sinnlicher Ruhe: Frucht (reife) im Hintergrund; auch das Holz hat an Präsenz verloren, die leichten Bitterstoffe harmonieren mit den leise gewordenen Fruchtnote. Ein wunderschöner Wein. Irgendwie steht er – mit seiner Unaufdringlichkeit – ganz im Gegensatz zu der eher pompösen Architektur des Weinguts, das Domenico Clerico vor wenigen Jahren neu erbauen liess, einen technisch perfekten Bau aus Stahl, Beton und Glas, der so gar nicht in die Landschaft der Langhe passen will und eher wie eine Festung wirkt. Tatsächlich sind die Meinungen zu diesem Bau im Piemont noch immer gespalten. Kaum aber die Meinungen zu seinen Weinen. „Der verglaste Verkostungsraum wirkt mit seiner postmodernen Architektur wie eine Bankzentrale in New York“, schreibt ein Kritiker. Ganz unrecht hat er da nicht, wenn man auf das Äussere abstellt. Das Innere – die Weine – haben aber wenig von dem High-Tech aufgesogen, sie – so scheint mir – sind ursprünglich, echt, piemontesisch. Allerdings hat dieser Ciabot Mentin noch nichts von High-Tech mitgekriegt. Er wurde rund zehn Jahre vor dem Neubau in die Flaschen abgefüllt und hat wohl an Rasse und Fülle verloren, dafür umso mehr an Eleganz und Geschmeidigkeit gewonnen. „Rosenduft, Rosinen, Kirschmarmelade und Zedernholz“, die beim jungen Giabot Mentin Ginestra (laut Weinkritik) dominiern, lassen sich so nicht mehr festmachen. Dafür ist etwas anderes entstanden, so etwas wie ein „Gesamtkunstwerk“. Überflüssig zu sagen, dass es mir der Wein so lieber ist, als in jungen Jahren.