Archiv 2013/2 (Getrunken)

01. Juli 2013

 

Château Cos Labory, 1996, Saint Estèphe, Bordeaux

 

Ich weiss nicht, warum Cos Labory einfach nicht in Schwung kommt. Er bleibt ein „Stiefkind“ der Appellation Saint Estèphe, ungeliebt bei den Kritikern, ungeliebt bei vielen Weinhändlern und ungeliebt bei den „wahren“ Bordeaux-Kennern. Dabei stimmt so vieles bei diesem Weingut: Die Lage, unmittelbar gegenüber vom berühmten Cos d‘Estournel (zu dem es einst gehörte), angrenzend an Pauillac – Latour in allernächster Nähe – die Gironde auch nicht weit weg. Der Boden, das Mikroklima durchaus vergleichbar mit dem Terroir der allerbesten Weingütern des Haut-Medoc. Nein – am Potential kann es nicht liegen. Verglichen mit Cos d‘Estournel (64 ha) ist es mit 18 ha ein kleines, fast schon familiäres Weingut. Und der Wein, der hier gemacht wird? Vielleicht auch zu „familiär“, zu persönlich, zu eigenwillig. Ich gebe zu, auch ich habe mich von der stillschweigenden Missachtung des Weinguts im Rahmen der Bordeaux-Beurteilung anstecken lassen. Keiner der namhaften Weinhäuser, welche Subskriptionen anbieten, hat ihn im Programm. Nur der Savour-Club bot ihn in den 90er Jahren an. Da ich ab und zu dort „en primeur“ gekauft habe, kamen zwei Jahrgänge Cos Labory auch in meinen Keller, der 96er und der 98er. Der 96er hätte gar nicht kommen dürfen, denn René Gabriel – damals einer meiner Gewährsmänner (er hat mir das Bordelais erschlossen) – gab dem Wein gerade mal unglaubliche 13 Punkte: „Schlechter Wein!“. Punkt! Basta! Kein Wunder, blieben die Flaschen bis heute in meinem Keller liegen, keine einzige habe ich bisher getrunken. Aber jetzt muss es sein. Ich erwartete also nichts – oder wenig – und erhielt viel. Der Wein hat sich gemacht, ist herangereift zu einem stattlichen Vertreter des nördlichen Haut-Médoc. Eigentlich kann es gar nicht sein, dass ein Wein – in 17 Jahren – so viele Punkte zulegt. Ueber ein zwei, drei Punkte mag man im Extremfall streiten, aber nicht um vier oder fünf Punkte von zwanzig für den gleichen Wein. Nein, dieser Cos Labory 1996, ist durchaus vergleichbar mit einem Marbuzet (des gleichen Jahrgangs), den ich schon so oft getrunken habe. Und dem gibt Gabriel immerhin 17 Punkte. Preislich liegen die beiden Weine auch dicht beieinander. Wenn wir das Punktespiel schon machen, dann würde ich diesem Cos Labory, den ich jetzt im Glas habe, eher 17,5 Gabriel-Punkte geben, als „nur“ 17. Was ist da passiert? Ich weiss es nicht: Wahrscheinlich – und davon bin ich sogar überzeugt – ist dieser Wein wieder einmal seinem zweifelhaften „Ruf“ zum Opfer gefallen. Für mich hat er – so wie er sich jetzt präsentiert - viel Extrakt und Tiefe, die anfänglich beanstandeten harten Tannine sind jetzt geschliffen, feinkörnig, die Säure hält der noch beachtlichen Frucht stand. Kein marmeladiger Wein, wie man einst moniert hat, sondern ein schöner, runder Saint Estèphe aus den guten Neunzigerjahren.

02. Juli 2013

 

Château Giscours, 1990, Margaux, Bordeaux

 

Nach dem Aufsteller (Cos Labory 1996) schon am nächsten Tag die Enttäuschung. Château Giscours – ein zuverlässiges Weingut, ein hervorragendes Jahr, in der Regel ein sehr schöner Wein. Da zu Beginn der Neunzigerjahre (91-94) im Bordelais mittlere bis schwache Jahrgänge zustande kamen und eigentlich erst wieder 2000 ein „Traumjahr“ (zumindest) ausgerufen wurde, habe ich einige 1990er zurückgelegt. Als Liebhaber „reifer Weine“ versprach ich mir zwanzig und mehr Jahre nach der Subskription ein gutes Stück Weingenuss und zwar auch von Weinen, die damals (wie heute) nicht zu den Preisspitzen gehören: also Weine wie Giscours, Gloria, Poujeaux, Cantemerle, Meyney etc. Ab und zu greife ich ins Regal, um den einen oder andern „alten Brocken“ hervorzuholen und einzuschenken. Bisher bin ich nicht enttäuscht worden, in der Regel sind es immer noch schöne Werte, Altweine eben, die nicht von ihrem Namen, sondern von ihrer Qualität leben und überleben. Doch der Griff nach dem Giscours 1990 hat sich nicht gelohnt und es wird auch nicht mehr lohnen: Diesmal hätte ich René Gabriel konsultieren müssen, denn wo er Recht hat, hat er Recht. Zum Beispiel hier: „Animalisches Bouquet, erdige Süssnote, an sich recht fett. Im Gaumen samtig, viel Fülle im Extrakt, leider wenig Süsse und wirkt wie abgestanden, nasse Wolldecke, schade ums Potential. 15/20 trinken – 2010.“ Seine Prognose also: bis 2010 austrinken. Ich habe mindestens drei Jahre zu lange gewartet. Auch wenn solche Prognosen (fast) immer fragwürdig sind – Parker meint bis 2005 – so haben es beide Weinkritiker diesmal gut getroffen. „Dieser fade Wein zeigt zwar ein paar schöne Aromen, aber er zerfällt im Mund und ist ohne Struktur, Tiefe und Intensität“, (frei übersetzt) schreibt Parker. Dem habe ich nichts beizufügen.

06. Juli 2013

 

Iris Rutz-Rudel – Clos des Cèdres, 2002, Lisson (Orlagues)


Der Wein von Iris Rutz-Rudel ist einfach anders, besser – jedenfalls für mich. Was heisst schon „besser“? Besser als was? Wo sind die Maßstäbe? Die professionelle Weinbeurteilung hat zwar Kriterien festgelegt, nach denen Weinkritiker und Laien versuchen, sensorische Eindrücke festzuschreiben. Nach denen wird – mehr oder weniger – Wein gemacht und vermarktet, in einer globalisierten Welt rund um den Erdball. Natürlich gibt es Unterschiede, von Wein zu Wein, von Rebsorte zu Rebsorte, von Weingebiet zu Weingebiet… Doch die Unterschiede werden immer kleiner, bescheidener, unspezifischer, der Coca-Cola-Effekt hat sich längst auch über die Weine gelegt. Der Markt bestimmt (weitgehend) was gerade „in“ ist und dies wird gemacht, bald einmal weltweit.

 

So landen in meinem Glas fast täglich – trotz Vielfalt an Rebsorten, Weingegenden, Produzenten etc. – immer und immer wieder „ähnliche“ Weine. Zwar immer etwas anders, aber doch verdammt gleich, so dass es mir ab und zu schon langweilig wird. Die oft subtilen Unterschiede auszumachen ist oft auch mühsam und aufwändig. Ab und zu möchte ich einfach geniessen und zwar nicht das, was ich schon in hundert Varianten (auch in unterschiedlicher Qualität) genossen oder eben nicht genossen habe. Einfach Wein geniessen; guten Wein; Wein mit Charakter; Wein, der nicht austauschbar ist wie eben Coca-Cola; Wein, der mir den Eindruck vermittelt, gewachsen, geschaffen, gehegt und gepflegt, gekeltert und gereift zu sein, nicht maschinell, individuell, persönlich, so, wie eben ein guter Freund ist (oder zu sein hat, wenn er ein guter Freund sein will).

 

Einer dieser Weine – nicht einfach im Regal der Discounter zu findenden, nicht einmal im gängigen Sortiment der Weinhändlern – ist dieser „Clos des Cèdres“. Unglaublich kompakt, präsent, nachhaltig, persönlich. Ein persönliches Geschenk – voll von Romantik, aber auch Wildheit, voll von Aromen einer noch nicht standardisierten Sensorik, voll von Anspielungen auf eine Landschaft, auf eine Gegend, auf eine Natur, der dieser Wein entflossen ist. Ich fühle mich von diesem Wein verstanden und ich hoffe (im Stillen) er versteht auch, was ich hier sagen möchte: Er gehört zu meinen liebsten Weinen.

07. Juli 2013

 

Cave de Roquebrun - Baron d'Aupenac, 2006, Saint-Chininan-Roquebrun

 

Den Wein hatte ich vor einem halben Jahr bereits im Glas und in «Getrunken» dazu auch etwas geschrieben. Damals war ich an einem wunderschönen Wintertag – ein Traumtag, an dem selbst die Hummeln auf Blütensuche waren – in Roquebrun, dem schönen, verschlafenen Ort mitten im Weingebiet an der Orb, wo auch Orangen, Zitronen wachsen.

Im Keller der Genossenschaft habe ich den Wein verkostet und gekauft, zwei, drei Tage später an einem Abend voller Erinnerungen in unserer kleinen Wohnung am Meer getrunken. Ich meine, der Wein hat mir unglaublich gut gefallen. War er wirklich so gut – oder waren es die Erinnerungen, die Emotionen, die noch sehr präsente Stimmung eines sonnigen Wintertags , welche den Wein damals adelten. Die professionellen WeinkritikerInnen unter meinen Freunden – ich sehe es schon –schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Weinbeurteilung hat nichts mit  Stimmung, möglichst wenig mit Emotionen zu tun, vielmehr mit harten Kriterien  und Fakten. Dies weiss ich wohl – und achte die Leistung, die dahinter steckt –  bin dankbar für die Objektivierung subjektiver Eindrücke, die meinen Weinkonsum  (nicht nur den!) immer begleiten.

Deshalb sind auch meine „Getrunken“ nicht als möglichst „objektive“ Urteile zu verstehen.  Vielmehr als Geschichten – persönlich, subjektiv, spontan – welche beim Trinken, mit dem Wein in mir aufsteigen, sich festsetzen und meist eine Auseinandersetzung mit mir und dem Wein beginnen. Oft vermischen sich all das Wissen um einen Wein, die Erinnerung, die Gespräche und nicht zuletzt der Augenblick des Genusses (oder eben Nicht-Genusses) zu einer Geschichte. Objektivierende Kriterien sind da sicher zugelassen, stehen aber nicht im Mittelpunkt, sind oft eher am Rande angemerkt. Deshalb habe ich so gerne Weine im Glas, die ich in  ganz anderer Stimmung – unter ganz anderen Umständen schon getrunken und darüber geschrieben habe. Wie hat sich der Wein verändert? Wie habe ich mich verändert? Was ist aus einer „Geschichte“ geworden?

"Dieser „Baron d’Aupenac“ ist so ein Wein. Es ist Sommer, heiss, Badezeit. Wir sitzen  nicht mehr in der kleinen Stube, sondern draussen auf dem Balkon. Vor uns der Hafen. Den ganzen Tag waren wir am Strand. Und nun dieser Rotwein aus dem fast schon tropischen Roquebrun. Der Wein ist leichter, fröhlicher, aufgestellter als ich ihn damals wohl empfunden habe. Er hat seine Ernsthaftigkeit und Schwere verloren und hat doch einen würzigen Duft, eine saftige Frucht und viel Biss bis hinein  in den leicht beschwingten Abgang. Jetzt ist es Zeit nachzuschlagen. Was habe ich vor einem halben Jahr – in der besonderen Situation – geschrieben? „Ich meine, er ist im Augenblick – bei
sorgfältiger Präsentation (genügend Luft) durchaus ein Spitzenwein, der sich
mit vielen Top-Shots messen lässt. Was mir vor allem gefällt: es ist kein
„hochgepäppelter“ Wein. Er präsentiert, trotz seiner Feinheit und Tiefe, die
zwar sonnenverwöhnte, aber eher wilde Gegend am Fusse der Schwarzen Berge.“

Voilà! Weinbesprechungen – Weingeschichten – können auch subjektiv sein. Sie versuchen eben zu erzählen und nicht unbedingt zu werten.

08. Juli 2013

 

La Cave de Roquebrun - Seigneur d’Aupenac, 2008, Saint-Chinian Roquebrun AOC, Languedoc


Ein Seigneur war einst – vor der Französischen Revolution – ein Lehensherr, der von der Krone Eigentum und Rechte erhielt und sogar die Gerichtsbarkeit über sein Lehen besass. Baron hingegen ist ein Adelstitel, der vererbbar ist (oder war) und auch in Frankreich einst vergeben wurde, also königliche Insignien.
Wenn nun zwei Weine einer Genossenschaft die beiden Titel als Namen tragen, hat dies wohl eine tiefere Bedeutung. Man möchte vielleicht – so kann ich mir denken – das Gewöhnliche, das Alltägliche, das Kommune abstreifen und diesen Weinen so etwas wie einen Adel-Nimbus verleihen. Dies hat seinen Preis. Ich meine jetzt nicht, dass die Weine extrem teuer sind (17 und 22 Euro), das sind sie nicht. Ich meine vielmehr die Art und der Aufwand in der Vinifikation, der hier betrieben wird. Für einen „Genossenschaftswein“ erstaunlich, auch erfreulich, denn damit wird bewiesen, dass gute, selbstbewusste Genossenschaften in der Languedoc nicht einfach für „Billigweine“ – en vrac – stehen, sondern durchaus mithalten können, wenn es darum geht, individuelle Spitzenweine zu machen.
Doch da zeigt sich – meines Erachtens – das Problem. „Individuell“ sind die beiden Weine nicht, sie sind gut – schon fast zu perfekt – gemacht, aus Rebsorten, die in der Region heimisch sind: Syrah, Mourvèdre und Grenache. Schon im Anteil der Traubensorten liegt wohl der „Adel“ versteckt. Der adligere Baron besteht aus 80% Syrah (und je 10% Mourvèdre und Grenache), während der Seigneur 50% Syrah (und je 25% Mourvèdre und Grenache) enthält. Auch in der Vinifikation und vor allem auch im Ausbau in Barriques gibt es Unterschiede. Der Baron bleibt länger im Fass, kommt auch (zwei Jahre) später auf den Markt und, und…
Zeichen dafür, wie bewusst hier edler Wein gemacht wird. Und das Resultat. Durchaus schöne, kräftige, aromatische Weine mit Biss und einer breiten Palette von Aromen. So breit, das sie sich ineinander verlieren und genau das bewirken, was ich mit unpersönlich und „gemacht“ bezeichne. Ich anerkenne durchaus den Rang der beiden Weine – sogar ihren Rangunterschied – stelle aber fest, dass der Rangniedrigere mir lieber ist, weil er mehr Persönlichkeit zeigt. Wirklich individuell sind die beiden Weine aber nicht – allein schon das kräftige Holz nivelliert – und sie sind – auch in dieser Qualität – durchaus austauschbar, selbst hier in der Languedoc.

10. Juli 2013

 

Domaine de Fenouillet: Grande Réserve, 2009, Faugères, Languedoc

 

Die Firma „Jeanjean en Languedoc“ gehört zu den grossen Wein-Playern im Languedoc. Fünf Generationen der Familie Jeanjean habe das Unternehmen aufgebaut und geleitet - bis vor sieben Jahren Sébastien Narjoud an die Spitze des Unternehmens kam, was schliesslich - durch Zusammenschlüsse - zur Schaffung von Advini führte, einem weltweit tätigen Weinplayer mit Weingütern auch ausserhalb von Frankreich, in Chile zum Beispiel oder in Südafrika.

Jeanjean aber ist vor allem im Languedoc präsent. Hier besitzt es fünf Weingüter, unter ihnen die Domaine Fenouillet (Fenouil = Fenchel) in der Appellation Faugère. Eigentlich wollte ich im kleinen Lebensmittelladen - in der Nähe des Strandes - einen Wein der Region kaufen, den ich noch nicht kenne, keinen aus der Kette Jeanjean. Nicht weil ich mit ihren Weinen schlechte Erfahrungen gemacht hätte, sondern weil mir die Kleinwinzer (die guten) in dieser von Grossplayern und Genossenschaften weitgehend dominierten Region am Herzen liegen.

Im Regal aber standen (fast) ausschliesslich Jeanjean-Weine. So griff ich dann zur Domaine de Fenouilet, im Glauben sie gehöre nicht zur Jeanjean-Gruppe. Irrtum! So habe ich halt wieder einen Jeanjean Wein im Glas. Kein schlechter Kauf, sicher nicht. Doch – man verzeihe mir – wieder einer jener aufgemotzten Weine – dunkellila funkelnd, viel Kraft und Volumen im Mund, Aromen und Frucht die einem buchstäblich anspringen, durchaus auch Noten von Schiefer, die sich aber im Holz verlieren. Ein Wein halt, der sich am gängigen Muster der Kraftprotzen orientiert. So gerne hätte ich zum Beispiel – auch wenn es kein übliches Weinaroma ist – etwas von den kleinen Fencheln gespürt, die dem Weingut den Namen gaben und dadurch etwas mehr Eigenständigkeit vermitteln würden.

11. Juli 2013

 

Saint-Chinian, Languedoc, Frankreich

 

Eigentlich eine mysteriöse Flasche: kein Weingut, kein Jahrgang, kein Name ausser „mis en bouteille par Vincent Racanel. Auch mit Hilfe des Internets habe ich nicht herausgefunden, wer dieser Vincent Racanel ist, wohl ein Händler. Also ein Wein zum vergessen, einer der vielen Namenlosen, die den zweifelhaften Ruf der Region lange geprägt haben. Er kostet knapp vier Euro und ist der teuerste Rote im Regal des Gemüse-, Früchte- und Lebensmittelladens an der Passage zum Strand.

Hier wird für den Tag, den Abend, die Strandverpflegung eingekauft. Das Angebot ist auf die Passanten ausgerichtet auch im Bereich der Weine. Weil ich immer wieder Kunden sah, die nach diesem – oder einem ähnlichen Angebote gegriffen haben – wollte ich mal erleben, wie denn der Wein bei mir ankommt. Die Erwartungen: gleich null.

Und doch muss ich mir Rechenschaft geben, dass diese Art von Weinen weit häufiger getrunken wird, als all die bekannten Namen und viel gerühmten Produkte, die meine Vorstellung der Languedoc prägen. Sozusagen Languedoc-Alltag, nicht der Einheimischen, nein vorwiegend der Badetouristen.

Und nun der Wein. Ja, was soll man von einem nichtssagenden Wein sagen. Am besten nichts. In der Nase alkoholisch, im Gaumen ohne Kraft und Saft, eigentlich dünn, keine Substanz, keine speziellen Aromen, einfach mehr oder weniger sauber und weinig. Mehr nicht.

Was mich viel mehr ärgert: auf der Etikette auf der Rückseite wird Saint-Chinian beschrieben, als Appellation mit seinen Eigenheiten und seinen Vorzügen. Eine andere Welt. Der Wein gibt vor, aus diesem AOC-Gebiet zu kommen, dabei hat er nichts, aber auch gar nichts mit einem AOC-, pardon AOP-Wein, von Saint-Chinian zu tun. Dies nenne ich „unlauteren Wettbewerb“.

12. Juli 2013

 

Domaine Fréderic Alquier, Vin Rouge, 2009, Faugères, Languedoc

 

In der Regel macht man sich wenig Gedanken über die Preisgestaltung der Weine in den Restaurants. Man kennt – zumindest von seinen Lieblingsweinen – ungefähr den Händler- oder Hofpreis und weiss – zumindest in der Schweiz und wohl auch in Deutschland, - dass vor allem mit den Getränken die Unkosten im Restaurant zu decken und Gewinne zu erzielen sind. Dies sagen mir Wirte immer und immer wieder. Der Faktor 3 bei den Weinpreisen ist – in der Schweiz – durchaus die Regel. Dies macht bei einem 10-Franken-Wein (also einem recht „billigen“ Wein) bereits die stattliche Summe von 30 Franken. Mit dem ungefähren Marktpreis im Kopf der Gäste wird das Geschäft mit den Weingetränken immer schwieriger. Kommt dazu, dass in der Regel zum Essen auch andere Getränke - Bier, Wasser, Limonade etc. – und nicht Wein bestellt oder „offene Weine“ ausgeschenkt werden, deren Herkunft und Qualität sehr oft zweifelhaft sind.
In Frankreich – vor allem in den Weingebieten – ist dies ganz anders. Hier gehört zum guten Essen ein guter Wein; man kennt – selbst als Tourist – auch Namen, Preise, oft sogar Hofpreise. Man rechnet im Restaurant damit für 20 bis 25 Euro eine schöne, genussbringende Flasche zu bekommen. Offene Weine gibt es – zuminest in den Esstempeln – kaum, dafür ein Flaschenangebot im Preissegment von 15 bis 30 Euro (und natürlich auch teurere Weine: die besten Namen aus den französischen Weingebiete).
Der Wein der Domaine Fréderic Alquier – nicht zu verwechseln mit dem etwas bekannteren Jean-Michel Alquier – ist zum Beispiel einer dieser ausgezeichneten Restaurantweine. Sehr geschmeidig, nicht allzu schwer, aromatisch – vielleicht sogar gefällig (um durchaus positivsten Sinn), kein Dutzendwein, sondern eigenständig, mit Charakter, unverkennbar ein Faugères-Wein. Ein Genusswein, sogar im heissen Sommer, zu den allermeisten Speisen, für die, welche den einheimischen Roten dem Rosé oder den Weissen vorziehen. Der Wein, den ich jederzeit auch im Keller einlagern würde, kostet beim Händler etwa 15 Euro, im Restaurant habe ich 25 Euro bezahlt. Da offenbart sich eben – auch im sonst teurer gewordenen Touristengebiet - ein gutes Stück Weinkultur. Mit der kann ein Wirt hier auch kalkulieren.

13. Juli 2013

 

Domaine Benazeth: Aragonite, 2008, Minervois, Langedoc

 

Es gibt viele Weine (und es gibt viele gute Weine) im Languedoc. Weine, von denen man im Ausland kaum etwas hört; Weine, die hier mehr oder weniger zuhause sind; Weine, die nur schwer den Export schaffen. Leider! Und wenn – wie in diesem Fall – ein Wein international vermaktet wird, wird er kaum zur Kenntnis genommen. Zwar hat ihn C&D (Weinhandelsgesellschaft GmbH) im Programm und damit ist eine gewisse Verbreitung zumindest in Deutschland wahrscheinlich. Doch da – siehe „talk about wine“ - streitet man sich lieber um Preisschwankungen und Händlergebaren im Bordeaux-Geschäft, wo es um Wein von weit über 100 Euro (pro Flasche) geht, als dass man sich mit einem rund 12 Euro-Wein herumschlägt. Perverse Wein-Welt!

Dieser Wein aus dem relativ kleinen Anbaugebiet Minervois (ca. 5‘000 Hektaren) am Fusse der Schwarzen Berge hätte eine grössere Aufmerksamkeit verdient. Er ist eigenständig, gebietstypisch und doch elegant, ja schon fast „international“. Vielleicht macht er zu viel Anleihe an einen „internationalen Markt“, der den Weinfreunden – wenn es nicht darum geht spekulativ tätig zu sein – immer auch suspekt ist. Es sind viele Weine, die auf mehr als 50 Prozent Syrah basieren, die sich im internationalen Weingeschäft zumindest einen Weg bahnen können.

Aragonite hat 70% Syrah und 30% Grenache und ist damit – würde ich mal sagen – geschmeidiger oder „vertrauter“ als die traditionellen Weine der Gegend aus Syrah, Grenache, Mourvèdre und Carignan (bei den Roten). Der hohe Syrah-Anteil – so meine Erfahrung – macht einen Wein eben vertrauter.

Wie viel das Brimborium – Ausbau in Fässern in einer Tropfsteinhöhle (daher der Name) – zur Eigenständigkeit beitragen kann, weiss ich nicht. Mit diesem relativ jungen Wein (so auch seine Farbe) habe ich jedenfalls etwas im Glas, das zwar Minervois nur ansatzweise dokumentieren kann, dafür aber ein runder, samtiger, fruchtiger Genusswein ist. Und dies durchaus im positivsten Sinn, zu einem Preis, bei dem viele andere Weine erröten müssten.

15. Juli 2013

Saint Daumary: Troisième mi-temps, 2010, Pic Saint Loup, Coteaux du Languedoc, France


Legenden halten sich lange. Julien Chapel war der jüngste Winzer, als er mit 19 Jahren seinen ersten Wein herausbrachte. Inzwischen ist Julien Chape 33 Jahre altl und sein Weingut im Herzen des Pic Saint Loup ist von 4 Hektaren auf 20 gewachsen. Noch immer hält sich aber die Legende vom „jüngsten Winzer des Languedoc“, so quasi wie ein Qualitätsmerkmal seines Weins. Auf Grund solcher längst überholten Mythen – der Jüngste, der Beste, der Schönste zu sein – ragen Weine über andere hinaus, mal zu recht, mal zu unrecht.

Der nicht mehr ganz junge Winzer hat sicher einen beachtlichen Wein geschaffen, dunkel, fast schwarz, aromatisch, aber mit viel mehr als nur einem Hauch von Süsse, schon leicht schokoladig, fett und mastig.
Ich gebe zu, solche Weine habe ich nicht sehr gern. Sie haben zwar das Merkmal von alten Reben, leben vom Körper und von einer ausgereiften Aromatik, heben sich ab, von der Belanglosigkeit so vieler Weine im Languedoc.

Da hat einer – auch wenn er nicht mehr im Legendenalter ist – versucht, etwas zu schaffen, zu erschaffen, das nicht so leicht vergleichbar ist. Tatsächlich – so meine ich – ist der Wein in seiner Art (mit mehr als 60% Syrah und zu gleichen Teilen Grenache und Carignan) typisch für das Traditionelle und das Aussergewöhnliche im Languedoc. Languedoc-Tradition und doch Syrah Dominanz. Doch das was als Herkunft definiert wird, ist – für mich – zum Grösstenteil aufgepfropfte, erzwungene Kraft mit gleichzeitigem Verlust von Feinheit und Eleganz.

16. Juli 2013

 

 

Delas Frères: Ventoux, 2011, AOC Ventoux, Rhône, France

 

Am Mont Ventoux, dem Entscheidungsberg der «Grande Boucle» (Tour de France), wurde am vergangenen Sonntag (gestern war Ruhetag) wohl wieder einmal das grosse Rennen entschieden. Ausgerechnet am Quatorze Juillet, am Nationalfeiertrag der Franzosen, hat ein Brite gewonnen, Chris Froome, der diesjährige Dominator des Rennens. Er ist in 57 Minuten den Berg hinauf geblocht, auf 1900 Meter, schneller als ich je mit meinem Smart hinaufgekrochen bin. Heute lese ich in einem Sportblog: „der Siegespreis gehört dem verantwortlichen (Doping) Arzt“. Bei aller Sportbegeisterung – es bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Nicht so beim Wein, den ich zu Ehren der Radkletterer geöffnet habe. Ein Wein aus der Gegend des berühmten Berges, aus der Appellation Ventoux, die zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten ist. Dabei pochen auch sie auf eine glorreiche Weinvergangenheit, die vor allem auf die Arbeit der Brüder und Mönche in den mittelalterlichen Klöstern beruht.

Mein Ehrenwein stammt vom Handelshaus „Delas“, ist also keine Winzerabfüllung, kein sogenannter Domänen- oder Châteaux-Wein. Doch „Delas“ – verwurzelt in der Weinproduktion im Rhôhnetal – versucht mit Erfolg den Charakter jeder der viele Regionen der Rhône auch in seine Weine zu bringen. Dies wird von den Weinliebhabern meist unterschätzt: „Ach nur ein Händlerwein!“

Mir scheint, der Wein ist ehrlicher als all der Spuk rund um die Tour de France. Er zeigt viel Terroir, ist persönlich und – meine ich – eben ehrlich, sicher nicht gedopt: ein Wein mit Frucht und Mineralik, nicht nur mit Kirschen- und Tabak-Aromen, also nicht plump, sondern mit feinen Anleihen an Cassis, Erdbeeren und Pflaumen, wie er eigentlich im Anbaugebiet rund um den „Géant de Provence“ (Riesen der Provene) dem Boden und dem Klima entspricht. Kein Versuch dem weit höher dotieren Châteauxneuf du Pape nachzueifern. Ich habe meinen Spass gehabt, weit mehr als an der Tour de France.

18. Juli 2013

 

Domaine d’Aupilhac: Les Cocalières 2010, Montpeyroux, Coteaux du Languedoc

 

Ein recht bekanntes Weingut, nördlich von Montpellier, das auf biologischer Grundlage arbeitet und acht rote Weine im Programm hat (dazu zwei Weisse und einen Rosé). Über den „Mont Baudile le Carignan“ (100% Carignan) habe ich kürzlich geschrieben, diesen „Cocalières“ aber hatte ich noch nie im Glas. Weil auf der Etikette nicht das einprägsame Signet prangt, habe ich den Wein – im Laden – nicht einmal erkannt. Ich vertraute meinem Instinkt und dem Namen Sylvain Fadat, der mir irgendwie vertraut vorkam.

Erst als ich das zierliche ganz andere Etikett studierte (und fotografierte), stellte ich die Herkunft fest: Ein Weinberg mitten in den Garigues, wie ein Amphitheater geformt, ist schon fast schon ein magischer Ort, etwa 350 Meter über Meer. Etwas Magisches hat auch der Wein, samtig, fruchtig und – was man so oft behauptet und kaum antrifft – eine Nase wie man sie in der Garique immer wieder, vor allem im Sommer, erlebt: ein Gemisch von Rosmarin, Thymian, Salbei, Anemone… Der Wein ist eher schmeichelhaft und sanft, aber von einer unglaublicher Frische und dezenter Blumigkeit. Es ist – für mich – der beste Aupilhac, den ich je getrunken habe, wenn auch etwa zu jung und noch nicht ganz ausgewogen und ausgereift. 

20. Juli 2013

 

Jean Orleac: Bergerie l’Hortus, Pic Saint Loup, Coteaux du Languedoc, France

 

Ich erinnere mich noch gut – es sind viele Jahre her – da erkundigte ich mich in einer Vinothek in Marseillan nach den besten Weinen vom Pic Saint Loup. Ich kannte da bereits viele ausgezeichnete Weingüter von Faugère bis Corbières, doch der östliche Teil der Languedoc – vor allem das Gebiet um den Pi Saint Loup - war mir (weinmässig) noch wenig vertraut. Die Vinothek war auch ein hervorragendes Restaurant im Hafen des Dorfes, kaum haben wir uns am Tisch niedergelassen, da stand schon eine Flasche L’Hortus da (bis das Essen kam, dauerte es bedeutend länger.

Seither gehört L’Hortus – vor allem die „Grande Cuvée Rouge“ und „Clos du Prieur“ zu meinen Referenzen der Languedoc. Ich habe auch schon öfters über diese Weine geschrieben. Den Bergerie l’Hortus „Classique Rouge“ hingegen hatte ich bisher nur selten im Glas. Irgendwie taucht er unter im Schatten der Grande Cuvées unter. Schade, wie ich jetzt wieder festgestellt habe. Nach den vielen, eher mastigen Spitzenweinen (Hortus ist da gar nicht alleine!) nun ein eher zurückhaltender, feiner, frischer Wein – grosszügig und fruchtig habe ich in der Werbung gelesen – der die Kraft und die Eigenheit der Languedoc mit viel Gefühl in die Flasche gebracht hat. Ein feiner Wein, ein Wein zum Träumen, nein zum Sinnieren. Vor mir taucht die Landschaft auf, die Berge (es sind eher wilde Hügel, die hier gross und mächtig scheinen), das Meer in der Ferne, die Winde vom Meer und den Bergen, die Sonne, das matte oft bräunliche Grün. Dies ist Languedoc, das ist Languedoc im Glas.

Wer auf die Homepage des Weinguts geht, findet folgende Sprache: Français, English und 日本語. Offenbar hat auch der Ferne Osten das Weingut längst entdeckt.

21. Juli 2013

 

Les Caves Richemer: Tempête de Saveur, 2011, Côtes de Thau, Languedoc

 

Caves Coopératives – wenn auch der Begriff Coopérative immer häufiger weggelassen wird – gehören zur Weinkultur im Languedoc. Sie haben hier eine besondere Bedeutung, nicht zuletzt, weil sie einst das Überleben der Winzer in krisenvollen Jahren überhaupt noch möglich gemacht haben. Doch das Genossenschaftswesen ist immer mehr in Misskredit geraten, einerseits wegen ihrer lange Zeit praktizierten Massenproduktion und nicht zuletzt wegen der Schwerfälligkeit genossenschaftlicher Gebilde.

Heute sieht dies weitgehend anders aus. Viele Topwinzer haben die Genossenschaften verlassen und vinifizieren seit Jahren im eigenen Betrieb, die meisten der historischen Genossenschaftskeller sind veraltet und müssen auf moderne Techniken umgerüstet werden und immer mehr Zusammenschlüsse ermöglichen eine rentable Produktion und Vermarktung und qualitative Verbesserung.

Les Caves Richemer vereinigt 450 Winzer und liegt nicht in einem AOC Gebiet, sondern dort, wo bisher „Landwein“, „Vin de Pays“ (heute IGP) gemacht werden durfte. Kein leichtes Erbe.

Tatsächlich hat es – unabhängig der Qualität - Genossenschaftswein in der Regel schwer. Weinkenner und –liebhaber meiden (oft zu Unrecht), die Genossenschaften (mit Ausnahme von ein paar Kultgenossenschaften) und der „Durchschnittskonsument“ (vor allem die vielen Sommergäste) sind meist nicht bereit, einen marktkonformen Preis zu bezahlen. In einem Weingebiet mit einem riesigen Produktionsüberschuss darf doch eine Flasche nicht mehr als 5 Euro kosten. Eine wirklich gute Flasche aber kostet weit mehr.

In dieses Dilemma sind viele Genossenschaften eingepfercht. Durchaus in der Lage, gute, ja sehr gute Weine zu machen, setzen vielmehr Durchschnittsweine ab, zum raschen Verzehr ohne Anspruch auf all die Finessen, welche ein Weinfreund sucht.

Dieser Wein – knapp unter 10 Euro – ist ein hervorragender Alltagswein. Geschmeidig, mit einer wunderschönen Nase, nicht aufregend aber gut, fast schon schmeichlerisch, mit durchaus guten Anklängen an Terroir-Noten, eine gewisse Komplexität, aber kaum Schwere und auch wenig Nachhall.

Hand aufs Herz, wäre ich in Deutschland oder in der Schweiz, ich würde jubeln, diesen Wein zu diesem Preis zu bekommen. Hier – im Land der grossen Weinberge – werden offensichtlich (auch von mir) andere Massstäbe gesetzt.

26. Juli 2013

 

Château Lancyre: Coste d’Aleyrac 2011, Pic Saint Loup, Languedoc

 

Man muss sich langsam gewöhnen an die neue Weinordnung, auch im Languedoc. So heisst die recht heterogene Appellation „Coteaux du Languedoc“ jetzt nur noch „Languedoc“. Ob damit mehr Klarheit für die Konsumenten geschaffen wurde, wage ich zu bezweifeln.

Aveyrac ist ein kleines Dorf (etwa 60 Einwohner) südlich von Montélimar, einst mit einem mittelalterlichen Kloster, das aber schon im 14. Jahrhundert niedergebrannt und später aufgelöst wurde. Es ist also jene Seite vom Pic Saint Loup, die nach Aveyrac ausgerichtet ist, wo die Reben für diesen Wein stehen: Syrah, Grenache, Carignan. Das Weingut Lancyre gehört zu den grössten und bekanntesten der Gegend und hat für seine Grande Cuvée oder für „Madame“ von Parker schon mal gut 90 Punkte erhalten.

„Coste d’Aleyrac“ ist aber eher der einfachere Wein, , fruchtiger und mit Allüren, einem Bordeaux zu gefallen (auch wenn die Rebsorten ganz andere sind). Wir sind da bereits recht nördlich im Languedoc, keine Spur mehr von Schiefer, vielmehr ein idealer tonhaltiger Boden für Syrah. So schmeckt der Wein dann auch recht samtig, etwas bisslos und wohl nur in seiner Jugend (2011!) etwas tanninig und ungestüm, im Hintergrund sind schwarze Oliven zu spüren, Thymian und sogar schwarze Schokolade, Die Frische, durchaus im Säurespiel angelegt, will noch nicht so recht zum Durchbruch kommen.

30. Juli 2013

 

Domaine les Quatre Amours: Pay d’Oc rouge, 2010, Languedoc

 

Während ich daran bin eine neue Kolumne zu schreiben (www.wein-plus.eu), habe ich zufällig diesen Wein im Glas. Ein einfacher, aber wunderschöner „Pay d’Oc“-Wein, gefällig und doch ausdrucksstark, ausgewogen und doch in den Grundzügen speziell. Die Klassifizierung, vin de Pay d’Oc lasst es vermuten: darin ist eine im Languedoc für AOC-Weine nicht zugelassene Rebsorte, in diesem Fall Merlot.

Doch das Weingut ist typisch für die Region. Eine Winzerfamilie, die nicht im Kerngebiet einer Languedoc-Appellation liegt, betreibt das Gut seit vier Generationen. Die Urgrossväter haben ihre Trauben noch an Händler verkauft, später dann (wohl nach der Krise) hat der Grossvater die Ernte in die Genossenschaft gebracht und schliesslich wollte – von der jüngsten Generation – niemand so richtig an den Winzerberuf glauben.

Doch der Sohn Michel ist mit seiner Frau 2005 zurückgekehrt auf den elterlichen Hof. Zuerst haben die beiden die Ernte wieder zur Genossenschaft gebracht und nur zwei Jahre später entschlossen sie sich, die Weine fortan selber auszubauen. Die Domaine Quatre Amours war geboren. Inzwischen wurde 2012 auch ein neues Weingut eingeweiht, ein moderner Cave mit den dazugehörigen Gebäuden. „Die Geburt einer neuen Kellerei ist immer ein hoch symbolisches Ereignis, weil es ein positives Zeichen setzt für die Dynamik des regionalen Weinbaus,“ schrieb damals das Regionalblatt „Midi Libre“ (frei übersetzt).

Inzwischen hat sich das Weingut seinen Platz unter den guten Weingütern der Gegend gesichert. Ein Teil der Rebflächen liegt im AOC-Gebiet Aspiran, der andere im Bereich der „vins de pay“ in der kleinen Gemeinde Bélarga Hérault, zwischen Monpellier und Pézenas.

Diese Geschichte einer Winzerfamilie ist typisch für die heutige Situation im Languedoc. Sie passt so gut in meine Kolumne zu den Genossenschaften und den Anstrengungen einer jungen Winzergeneration. Wenn der Wein dann noch die Klasse (und den Preis) eines hervorragenden Alltagsweins hat, der weit über den Alltag hinaus reicht, dann ist man auch in einem kleinen Dorf – Bélarga hat knapp 500 Einwohner – in Sache Wein gut unterwegs.

01. August 2013

 

Domaine d’Aupilhac: Les Servières, 2012, Pay d’Herault, Languedoc

 

Es ist der letzte Wein aus dem Süden Frankreichs, den ich im Augenblick in meinem „Getrunken“ kommentiere. Die nächsten Geschichten stammen wieder aus andern Weingebieten, vor allem möchte ich mich Österreich und seinen Weinen etwas nähern.

Doch dieser Wein aus der domane d’Aupilhac ist etwas Besonderes: ein reiner Cinsault-Wein, der – ich gebe das zu – nicht jedermanns Sache ist. Meine Frau hat schon zu Beginn, bevor sie registriert hat, um was es sich handelt, die Nase gerümpft. „Nichtsagend“ oder so ähnlich tönte es. Tatsächlich ist der Wein verhalten, aber – ich meine – er ist sehr ehrlich. Ein Stück Natur, ein Stück Süden, ein Stück – es braucht gar nicht so viel Fantasie – ausgeprägte Landschaft. „Un Siècle de Cinsault“ – tätsächlich, es soll sich um alte Reben handeln, die vor gut hundert Jahren gepflanzt wurde.

Obwohl der Wein noch sehr jung ist – zu jung – ist er gar nicht ungestüm. Er verbreitet seine Aromen sanft und – leider – auch etwas im Holz erstickt. Ich könnte mir vorstellen, auf die „kleinen Fässer“ zu verzichten und den Wein noch ehrlicher zu präsentieren. Unverkennbar sei er, der Cinsault, aber nicht ganz einfach zu beschreiben: ein Hauch von Granatäpfel scheint mir zu den typischen Aromen zu gehören. Da sich die Rebsorte gut eignet für die maschinelle Ernte und einen raschen Ausbau, kennen wir (heute) vor allem Billigweine aus Cinsault.

Dies hier ist kein Billigwein (ca. 13 Euro), sondern der Beweis, dass sich mit der Rebsorte durchaus exzellente, anspruchsvolle Weine vinifizieren lassen. Trotz seiner Schlichtheit ist es kein Alltagswein, viel eher etwas für Gourmet, Weingourmet!

03. August 2913

 

Gian Battista von Tscharner: Jeninser Gewürztraminer 2006, Bündner Herrschaft, Schweiz

 

Wer ihn zum ersten Mal trinkt, ist überrascht: „Rosenwasser“, wer ihn schon getrunken hat, der erkennt ihn sofort wieder, den Gewürztraminer. Es ist kein Wein, der Weinfreunde meist begeistert, leicht süss und verdammt nach Parfüm riechend. Frauenwein, das mag ich schon gar nicht mehr hören. Es klingt so, als müsse man eben den Wein (und die Frauen?) nicht ganz ernst nehmen.

Auch bei mir ist er im Keller liegengeblieben, diese kleine Flasche (50cl) Jeninser Gewürztraminer von einem meiner Lieblingswinzer. Vielleicht habe ich das Traubengut sogar damals selber mit geerntet, denn bei von Tscharner stehe ich jedes Jahr während der Lese viele Tage im Weinberg.

Gestern nun kam das „Rosenwasser“ ins Glas – nach einer langen Reise wollte ich mir noch etwas Gutes tun. Im Normalfall greife ich da – bei den Weissen – zu einem Riesling. Diesmal war es der Gewürztraminer und ich habe es nicht bereit. Reif, gefestigt, vertieft, variiert mit sonst eher versteckten Aromen wie orientalische Gewürze, Quitten, Bitterorangen… Ja, es ist mehr dahinter, als die vielzitierten Rosen- und Lychees-Aromen. Vor allem ist der Abgang lang, unendlich lang. Wenn man den Wein mag, dann freut dieser lange „Atmen“. Gestern habe ich gedacht, er begleite mich bis in den Schlaf.

Mag sein, dass einiges daran Mystik ist, Verklärung, wie sie überall angesichts des Besonderen stattfindet. Tatsächlich ist die Traubensorte nicht sehr verbreitet, am meisten im Elsass, dann aber auch in Deutschland (Baden, Pfalz, Rheinhessen) und in Österreich. In der Schweiz wachsen auf keinen 50 Hektaren Gewürztraminer. Zur Familie der Traminer (zu der auch der Gewürztraminer gehört) hat noch ein berühmtes, noch seltenes Kind, den Heida-Wein (Païen) aus dem Wallis.

05. August 2913

 

Château Cos d'Estournel 1997

St-Estèphe, Bordeaux

 

Es war das Jahr des Bordeaux-Sündenfalls. Die Preise kletterten – nach dem guten 1996 – unverhältnismässig in die Höhe – obwohl es ein mittelmässigen bis bescheidenen Jahr war. Parker: „Ein sich schnell entwickelnder Jahrgang, der mit Ausnahme der konzentriertesten Weine 2012 seinen Höhepunkt überschritten haben wird….Die Subskriptionspreise waren absurd hoch, als die Weine auf den Markt kamen…“ „Absurd hoch“, meinte sogar Parker. Château Cos d’Estournel war damals einer der Hauptpreistreiber (1994 = 26 Fr. 1996 = 45 Fr. 1997 = 65 Fr.) für das „neue Preisniveau“ der klassifizierten Bordeaux. Heute mag man darüber lächeln, doch damals wusste man noch nicht, was die Jahre 2000, 2005 und 2009 bringen würden. (Cos d’Estournel Subskription 2000 = 110 Fr. 2005 = 230 Fr. 2009 = 360 Fr) Mit den neuen „marktgerechten Preisen“ stiegen auch die Preise der älteren Jahrgänge, so kostet dieser 97er (Parkerpunkte 87!!) heute ca. 130 Fr. Die Flasche, die vor einigen Jahren noch unter dem Subskriptionspreis (quasi im Discount) angeboten wurde, ist mittlerweile so „wertvoll“, dass man – an einem gewöhnlichen Tag – kaum ins Weingestell greifen mag, um ihn einzuschenken.

Ich habe – soeben zurückgekehrt aus Frankreich – trotzdem hineingegriffen. Und? Der Wein hat sich besser gehalten als gedacht; er ist immer noch ein fast schmeichelhafter, würziger, weicher Bordeaux; wenig Tannin, wenig Säure, wenig Kraft; dafür schöne Aromen, runde Struktur; ein gefälliger Wein ist es geworden, durchaus stattlich und vollmundig, mit einem mittleren Abgang.

Die Rechnung mag ich nicht auftun. Hat es sich gelohnt? Vielleicht, sicher zum damaligen (bereits überrissenen) Subskriptionspreis. Die Hauptsache ist – man nicht immer in Zahlen rechnen – wenn der Wein Spass und Freude macht und einen genussvollen Abend bereitet. Und dies hat er getan

08. August 2013

 

Château Pontet-Canet 1990  Pauillac, Bordeaux

 

«Le château Pontet-Canet est le seul domaine parmi les grands cru classés du Médoc à être certifié agriculture bio et de surcroit agriculture bio-dynamique». Etwas, was man sich vor zwanzig Jahren noch nicht vorstellen konnte: ein klassifiziertes Weingut (5ème Cru) – eines der grössten im Médoc - , das konsequent biodynamisch arbeitet. Château Pontet-Canet ist mittlerweile zum Vorzeigegut der Bio-Bewegung im Bordelais geworden, eigentlich – um es genau zu nehmen – ist er d e r Aufsteiger der letzten Jahre im Médoc. Der „Aufstieg“ begann – noch ganz ohne Biodynamik – schon in den 90er Jahren, als Jean-Michel Comme die „Regie“ auf dem Weingut (1988) übernommen hat. Wer hätte damals gedacht, dass sich 15 Jahre später ein fast revolutionärer Kulturwandel auf dem Weingut (80 ha) anbahnen wird. Doch Jean-Michel Comme konnte Alfred Tesseron – den Besitzer des Weinguts – überzeugen, das Experiment „Bio“ zu wagen, zuerst auf einer kleinen Rebfläche, bis dann 2008 der ganze Betrieb – alle Abläufe und Methoden – umgestellt waren.

Der 90er war ein Wein, der polarisierte. Das Weingut hatte Mühe ihn überhaupt den Courtiers (System Bordeaux) schmackhaft zu machen. René Gabriel gab ihm gerade mal 15/20 Punkte: „Softe Frucht, darunter pferdig, ledrig und stielig“. Es ist herrlich zu sehen, wie die Jahre seit der Fassprobe Veränderungen gebracht haben. Letzter Eintrag von René Gabriel (im Jahr 2008): „Bei einem Diner auf Pontet-Canet. Tief, rauchig, diskret. Im Gaumen mit markanten Tanninen, viel Muskeln, mittlere Fleischproportionen, Foodwein“ (17/20).

 Was auch immer ein Foodwein ist sein kann oder könnte, wir haben ihn zum Nachtessen auf der Terrasse geöffnet. Irgendwie passte er zum aufkommenden Gewitter: aus einem zwar heissen, aber schönen Sommerabend entwickelte sich ein Sturmerlebnis. Auch der Wein vollzog in der Karaffe allmählich eine Wandlung vom braven Wein zum markanten Ereignis. Zwar nicht so stürmisch wie das orkanartige Gewitter, aber erlebnisreich, einmalig, sich langsam öffnend, wie die Rose von Jericho. Plötzlich war der Wein da: zwar ohne Blitz und Donner (dafür ist er viel zu erdverhaftet) aber unheimlich präsent, ein warmer, prägnanter, in seiner Art einmaliger Pauillac. Gabriel zum Trotz: 18 Punkte!

10. August 2013

 

Château Lafleur: Pensées (Zweitwein) 1997   Pomerol, Bordeaux

 

Eine Legende muss nicht unbedingt genussvoll sein, dachte ich mir, als ich den ersten Schluck des Weins genüsslich im Mund drehte. Tatsächlich wirkte er anfänglich etwas banal, etwas verklemmt, etwas allzu alltäglich für eine Legende. Ich habe den Wein nicht dekantiert, weil das Essen bereits auf dem Tisch stand. Ein gewaltiger Fehler.

Nach der ersten enttäuschenden Kostprobe habe ich – was ich sonst immer mache – den Wein in die Karaffe gebracht. Meine Frau meinte: „Hoffentlich überlebt er seinen Höhepunkt“, denn wir begannen zwar langsam, aber immer genüsslicher während des Essens zu Trinken. Ich höre schon den Einwand: dies ist doch kein „Esswein“. Mag sein, doch der Genuss ist immer gefragt, auch beim Essen.

Und siehe da: der Wein hat sich geöffnet, ist erblüht, hat seinem Namen alle Ehre angetan. Lafleur ist eine Legende, auch der sogenannte Zweitwein profitiert davon. Zu Recht, meine ich. Obwohl Jahrgang 1997 – in Bordeaux nicht gerade der beste – hat sich im Glas etwas getan, eine Aromenentwicklung, eine beständige, subtile „Vertiefung“ – oder sagen wir besser: Harmonisierung von Frucht, Säure, Aromen, Tanninen… Etwas Märchenhaftes hatte er schon, dieser Wein, denn er wandelte sich, wie so viele Figuren in den Märchen, seien es Prinzen oder Prinzessinnen.

Noch ein Wort zu den Zweitweinen. Pensées de Lafleur wird seit 1987 abgefüllt – aus meist etwas jüngerem Traubengut, das nicht für den Erstwein verwendet wird. Inzwischen sind Zweitweine nicht nur bei Top-Châteaux üblich, fast jedes klassifizierte Weingut macht heute einen Zweitwein. Bei den kleineren Châteaux sind dies meist „günstige“ Weine, bei den grossen evozieren sie eine Vorstellung, wie der Erstwein sein könnte, denn vinifiziert werden sie gleich wie die Erstweine. Wer also eine „Legende“ trinken möchte, greift wohl öfters zum Zweitwein.

12. August 2013

 

Dreifaltigkeitskellerei: Blauer Zweigelt 2011, Burgenland, Österreich

 

Zum allerersten Mal habe ich einen Wein von Aldi (Suisse) hier im „Getrunken“ aufgenommen. Nicht weil er mich so begeistert hat, sondern weil es einer dieser „Discounterweine“ ist, die in der Regel durch eine passable, aber wenig ausdrucksstarke Weinigkeit zu definieren ist. Die einen sagen: ein Wein für den Alltag, andere ein Wein zum Abgewöhnen. Vieles davon hat in den gesammelten Vorurteilen ihren Ursprung. Ein Wein für fünf Franken, das kann doch kein guter Wein sein!

Dieser Blauer Zweigelt ist ein guter Wein – sicher kein sehr guter, aber ein akzeptabler, sauber vinifiziert, durchaus sortentypisch. Blauer Zweigelt – irgendwo habe ich gelesen, mehr als akzeptable Weine gäbe es aus dieser Rebsorte nicht. Was tun, wenn man den Geschmack, die Noten, den Ausdruck des Blauen Zweigelt gern hat? Nur noch akzeptable Weine trinken oder auf Zweigelt verzichten? Inzwischen ist der Blaue Zweigelt wohl die in Österreich meistangebaute rote Rebsorte. Trinken die Österreicher also vorwiegend nur akzeptablen Weine, mehr nicht? Irgendetwas kann da nicht stimmen!

Es sind vor allem die Vorurteile. Die Vorurteile gegenüber Aldi, die Vorurteile gegenüber Neuzüchtungen, die Vorurteile gegenüber Weinen im unteren Preissegment. Man vermutet, dass der „Billig Zweigelt“ dünn ist, ist er nicht; dass er ausdruckslos ist, ist er nicht; dass er sich im Gaumen rasch verflüchtigt, tut er nicht; dass es eher einem industriell hergestellter Normwein ist, ist er nicht.

Was ist er denn, dieser Aldi-Zweigelt (aus dem Hause Lenz Moser). Es ist unverkennbar ein Zweigelt, leicht fruchtig, mit einem ein kleinen aber angenehmen Bitterton im Abgang, Amarenenkirschen, weiche Tannine. Nur eines ist er nicht: nachhaltig. Keine Spitzen, keine Rätsel, keine besondere Kraft – ein Wein, der wie ein Wässerchen dahinplätschert. Mehr nicht! Mehr will und kann er nicht sein.

23. August 2013

 

Château Angélus 1997, Saint Emilion, Bordeaux

 

Dies also war mein Geburtstagswein - getrunken auf einem Campingplatz in der Auvergne - zu einem köstlichen Essen (Spaghetti mit Girolles) am wackligen Tisch unter freiem Himmel, zubereitet auf einem kleinen Gaskocher. Wer jetzt „unmöglich“ sagt, der hat den Genuss des Augenblicks nicht verstanden. Alles war – man verzeihe mir den Begriff – einfach köstlich, der Wein und das Essen, die Stimmung (einbrechende Nacht) und der Gedanke ins Zelt zu kriechen und auf der entrollten Matratze herrlich zu schlafen (fast im Freien).

Wieder einmal wurde mir bewusst, wie sehr auch die Beurteilung eines Weins, vom Augenblick, von der Stimmung, von den Umständen abhängig ist. Ich weiss, die Kritiker-Gilde wird mich wieder schelten ob der vielen Subjektivität, die hier wieder in mein „getrunken“ einfliesst. Doch Wein ist, allen Objektivierungsbemühungen zum Trotz, letztlich subjektiv, zumindest subjektiv zu geniessen.

Hier also meine ganz und gar subjektive Beurteilung, nein, besser Notiz. In der Nase ein tolles, volles, tiefes Aromenbukett. Man möchte Stunden daran riechen. Wein, den ich nicht als weinig, vielmehr als geheimnisvoll edel wahrnehme. All die schönen Begriffe und Vergleiche der Aromenpalette wirken stümperhaft, ja lächerlich gegenüber dem Aromen-Gesamtkunstwerk, das mich so lange fasziniert.

Die Gefahr, ins Schwärmen zu geraten, ist gross. Ich nehme den ersten Schluck, halte inne, spiele mit der Zunge am Wein, netzt den Gaumen und schlucke wohl allzu hastig den Wein, wartend auf den laaangen Abgang. Und da holt der kritische den geniessenden Trinker ein: Ist es möglich im schwierigen Jahr 1997 einen solch komplexen Wein zu machen? Geht es mit rechten Dingen zu oder wird dem Ruhm des Weingutes (Angélus ist ein Jahr zuvor zum Premier grands cru classé B aufgestiegen) mit technischen Tricks nachgeholfen (vom Konzentrator bis zur Fraktionierung)? Unglaublich tiefgründig, subtil, fast schon unwiderstehlich ist das, was in der Folge geniessen kann.

Ich weiss (der kritisch-analytische Teil in mir), es ist nicht der beste Angélus. Es soll bessere geben (die ich zum Teil auch schon getrunken habe), den 2000 zum Beispiel, oder den 2005er oder den 2006er… Doch ich empfinde dies im Augenblick als „Erbsenzählen“. Es ist unbestreitbar, dieser 97er Angélus hat bezaubernde Fruchtaromen, verbunden mit weichen Tanninen und einem gut strukturierten Gerüst, er ist saftig, würzig, elegant und – wie Gabriel meint – „anschmiegsam“.

Anschmiegsam finde ich einen guten Begriff für ein Weinerlebnis, das nicht zuletzt auch von den Umständen bestimmt wird, unter denen ein Wein getrunken wird, sozusagen von der Genussatmosphäre. Müsste man beim Weintrinken nicht vermehrt auch drauf achten? Es bleibt also doch eine Frage, doch diese richtet sich an uns, an uns Kosumenten, die keine Analysen sondern eben Weine trinken.

31. August 2013

 

Château Gloria 1990, Saint-Julien, Bordeaux

 

 

Zu lange gewartet! Der „jugendlichere“ Gloria 1990 war für mich damals eine Entdeckung. Preislich unter den klassierten Weinen von Saint Julien, qualitativ hingegen bereits in ferner Sichtweite von Gruaud Laros oder den beiden kleineren Léoville (Poyferré und Barton). In der Weinkritik kam er allerdings nicht so gut weg, warum bleibt mir – bis heute – ein Rätsel. Sind es nicht vielleicht doch auch die klingenden Namen und die Preise, die (bewusst oder unterbewusst) auch versierte Degustatoren beeinflussen?

 

Heute ist der Wein zwar nicht schlecht, ober ordentlich müde geworden. Ich habe ihn aufbewahrt (90 war ein hervorragender Jahrgang), weil ich den Wein schätzte und ihm vertraute. Er hat das Vertrauen nicht gerechtfertigt, er ist abgetaucht, hat an Kraft, Brillanz und Tiefe verloren. Er ist zwar noch immer ein ansprechender, differenzierter, breitaromiger Wein. Doch wie gesagt: absteigend, sich verabschiedend, ins Glied der durchschnittlichen Altweine eintretend.

 

Eigentlich finde ich es schade, denn Gloria bleibt ein Wein, der die Kapriolen der Bordeaux-Stile nicht (oder kaum) mitgemacht hat. Das Château hat – entgegen den meisten Weingüter der Umgebung – keine historisch verklärte Vergangenheit. Es wurde erst 1942 von Henri Martin durch Kauf von 6 ha vom Château Beychevelle geschaffen. Heute – seine Tochter und sein Schwiegersohn leiten das Weingut – das inzwischen die stattliche Grösse von 44 ha. aufweist. Zum gleichen Besitz gehört auch Château Saint-Pierre (4ème cru classé)

 

Das Château – so gar nicht parkerlike – hat es kaum auf mehr als 90/100 oder 17/20 Punkten gebracht. Erst in den letzten Jahren – als sich die Konzentrations-Euphorie etwas gelegt hat, wird die Qualität von Château Gloria wieder beachtet: 90 – 93 Punkte seit 2008, schon seit 2005 bis zu 90 Punkten. Gloria wird in Weinkreisen endlich zum Gespräch. NB. 2010 haben ein paar Mitglieder von „Das Weinforum“ eine Gloria-Probe gemacht, die recht aufschlussreich war. Da war – offensichtlich – der 90er noch in weit besserem „Zustand“.

02. September 2013

 

Kümin-Weine: Leutschner Clevner 2011, Spätlese, AOC Zürichsee, Schweiz

 

Lange ist es her, da zählte der Clevner (die geläufige Bezeichnung für einen Blauburgunder am Zürichsee) zu meinen Lieblingsweinen. Damals – ich habe zwar bereits gerne und oft Wein getrunken – schätzte ich die leichte, schon fast beschwingte Art dieser „Landweine“, wie sie hier meist vinifiziert wurden (und werden), mit der etwas spitzen Säure hatte ich überhaupt keine Mühe.

Kam dazu, dass der Wein in unserer Familiengeschichte (Jugenderinnerungen) Bedeutung hatte und damals mit dem Kloster Einsiedeln eng verbunden war. Auch dies ist eine bemerkenswerte Geschichte. Inzwischen macht das Kloster (wieder) seinen eigenen Leutschner und die Jugenderinnerungen sind fast verblasst.

Nun war ich an der Geburtstagsfeier mit meiner Familie in der „Luegete“, einem ausgezeichneten Restaurant hoch über dem Zürichsee. Und da begegnete mir wieder einmal der Leutschner, jener Wein, den ich schon (fast) vergessen hatte. Die „Leutsch“ und die „Luegete“ liegen sehr nahe beieinander und ich habe mir längst zur Gewohnheit gemacht, im Restaurant wenn immer möglich einen Wein aus der Gegend zu bestellen. So kam der Leutschner – natürlich (wie früher) der von Kümin – auf den Tisch.

Ich gebe zu: inzwischen bin ich weit kritischer, was den Wein betrifft. Nostalgie hat nicht mehr die Bedeutung von einst, auch schöne Erinnerungen in Sachen Wein müssen dem standhalten, was ich gerne - nicht ohne nötiges Selbstbewusstsein - als Qualität bezeichne. Und? Konnte er standhalten? Ja und nein! Ja, weil ich mir in dem Augenblick keinen grösseren Genuss vorstellen konnte, als zu dem ausgezeichnetem Essen (Boeuf Stroganoff) diesen lokalen Wein zu trinken. Ich kann fast hinuntersehen, zum Rebberg wo er wächst. Und er strömt viel Lokalkolorit aus, ist trotzdem (oder gerade deshalb) ein Wein, der Genuss bereiten kann. Ein „Landwein“ habe ich lange Zeit etwas verächtlich gesagt. Jetzt bin ich froh, auf dem Land zu sein und hier einen leicht nach Himbeeren und schwarzen Kirschen duftenden Wein zu trinken, der so gar nichts hat, von dem, was dem Wein heute fast immer durch ausgeklügeltes vinifizieren, Fassausbau, Konzentration und weiss nicht was alles dem Wein mitgegeben wird. Nein, in diesem Konzert der Weine kann er nicht bestehen. Dafür wächst er in meinem Glas – eigentlich von niemandem sonst bemerkt – zur Persönlichkeit.

Doch noch ein Rest von Nostalgie? Ganz kann ich dies nicht abstreiten.

04. September 2013

 

Château Rollan de By 1996, Médoc, Bordeaux

 

In den Neunzigerjahren begann das Weingut aufzusteigen, sich aus der Anonymität zu lösen, ein Weinwert für Weinliebhaber zu werden. Ich habe den Wein damals gekauft – 1997 – als er ein echtes Schnäppchen war. Eigentlich ist er es heute noch, denn der 2010er kostet nicht viel mehr als dieser Wein vor 14 Jahren. Dies mag an zwei Dingen liegen: in der Dominanz des Merlots – um 70 Prozent (so ausgeprägt wie nur selten im Médoc) und an der Tatsache, dass Weine ganz aus dem Norden von Médoc von Weinliebhabern – auch von Bordeauxliebhabern – kaum zur Kenntnis genommen werden. So ist eben die Ordnung im Bordelais!

 

Parker hat das Weingut – glaube ich – 1997 zum ersten Mal ins Visier genommen, mit 84 – 85 Punkten. Gabriel war etwas früher, schon 1990 mit 15/20 Punkten. Der 1996er erreichte damals zum ersten Mal die 17/20 Punkte, dann aber kamen die 2003, 2005, 2009 und 2011er sogar mit 18/20 Punkten. Erstaunlich ist, dass der Preis immer so um 25 Euro blieb, all die Kapriolen des Bordelais machte Rollan de By – respektive sein Besitzer Jean Guyon - nicht mit. Er vergrösserte zwar das Weingut (indem er zum Beispiel Haut Condissas dazu erwarb) und bewegt sich immer aber noch immer im Bereich des besten Preis/Leistungs-Verhältnises in Bordeaux.

 

Rollan de By, für mich der Zuverlässige. Selbst als er 2010 eine Parker-Schallgrenze erklommen hat – die 90/100 Punkte – blieb er bescheiden. Ein unauffälliger Bordeaux mit klaren Konturen, Röstnoten, eher weich, genüsslichen Malz- oder Schokotönen, Früchten, Rosinen, alles im feinen Anklang, nicht auf den Tisch (beziehungsweise in den Wein) geschlagen. Das alles finde ich auch in dem gereiften 96er , der – ich verhehle es nicht – nun getrunken werden muss. Er hat seinen Höhepunkt erreicht, er kann nur noch absteigen. Und dies wäre schade, zu schade für einen Wein, der in seinerS Bescheidenheit brilliert.

05. September 2013

 

Domaine de La Croix Arpin: Chanturgue 2012, Côtes d’Auvergne, Frankreich

 

Noch nie wurde ich so oft und fast verschämt gefragt: Wo liegt denn diese Auvergne? Meine Antwort: im Herzen Frankreichs (dies geografisch definiert). Tatsächlich kennt man das Michelin-Männchen weit besser als die Gegend, wo es geboren wurde, nämlich in Clermont-Ferrand, in der Hauptstadt der Auvergne. Weinfreunden aber sage ich: auf dem Weg nach Bordeaux. Gibt es da aber auch Wein? Ich gestehe: auch ich wusste dies nicht (so genau) - obwohl ich den Hachette schon x-mal von-hinten-nach-vorne und von-vorne-nach hinten durchblättert habe. In der neuen Ausgabe zählt er unter dem Stichwort Auvergne immerhin 45 Weine auf, nur zwei mit drei oder gar mehr Sternen. Kein Wunder, reisen Weinliebhaber meist weiter in das Bordelais, zur Loire oder zum nahe gelegenen Burgund. Sie alle haben etwas verpasst! Nicht den ultimativ guten Wein, dafür wohl die schönste Landschaft Frankreichs und – nicht zu vergessen – den besten Käse.

Doch bleiben wir beim Wein. Es ist nicht viel, was in der einst stolzen Weinregion übrig geblieben ist. Die Appellation Saint-Pourçain (mit den wohl besten Weinen der Gegend) und die Côtes d’Auvergne mit fünf Subregionen, ganz in der Nähe von Clermont-Ferrand. Chanturgue ist eine davon, mit nur 6 ha. Rebfläche. Die wachsenden Vororte von Clermont-Ferrand haben die Weinberge längst geschluckt. Und – wie überall – hat die Reblaus das ihre noch dazu beigetragen.

In der Gegend wird bei den roten Rebsorten vor allem Gamay (meist weit über 50%) mit Pinot Noir assambliert. Das gibt einen ganz eigenen, etwas bäuerlichen, etwas ungeschliffenen Wein. Ich hörte den Begriff „Arbeiterwein“. Tatsächlich machen Arbeiter von Michelin noch heute in ihren eigenen kleinen Rebbergen Wein zum Eigenkonsum.

Aber auch dieser professionell gemachte Wein, von einem der bedeutendsten Winzer der Gegend (mit rund 17 ha. Reben in der Auvergne) wird kaum über die Grenzen hinaus kommen. Dazu ist er nicht gemacht, vielmehr zum wohl raschen Konsum. Noch violett in der Farbe, im Säurespiel (noch) nicht ausgeglichen, von Frucht und Mineralik geprägt: Ein Wein, viel Spass macht zu einer auvergnischen Schlemmerei, der nicht von sich reden macht, aber wunderbar frisch, bunt und leicht.

06. September 2013

 

Angelo Gaja: Barbaresco 1994, Langhe, Piemont

 

Gaja ist eine Ikone und als Ikone entzieht sie sich jeder „neutralen“ Beurteilung. Man kann es drehen wie man will, entweder wird an der Patina gekratzt oder sie wird aufpoliert, die Patina. Dies liegt weniger an der Ikone, als an unserem Umgang mit Traumbildern. Es beginnt mit dem Preis – was viel kostet, muss auch viel wert sein. Es taucht die Verfügbarkeit auf: auf das, was rar ist, richtet sich unsere Begehrlichkeit. Schliesslich ist es der Anlass, bei dem eine Ikone aufgestellt, in diesem Fall getrunken wird. Es kann nicht der Alltag sein!

Gestern, wir hatten Freunde zu Gast, kam ein Gaja auf den Tisch, in den Dekanter, ins Glas. Eine Homage an unsere Gäste, denn mit ihnen war ich schon im Piemont, stand ich vor dem abweisenden, Tor im Hügeldorf Barbaresco, wo die Ikone zuhause ist. Nicht einsichtig, nicht nahbar, bestenfalls über eine Gegensprechanlage zu erreichen.

Ich habe mir nicht das Recht erworben, mit der Ikone zu sprechen. In diesem Fall bin ich nicht das, was ich ein Berufsleben lang war, Journalist, Fernsehjournalist. Ich komme nicht vom Fernsehen und auch von keiner Zeitung. Ich komme einfach von mir zuhause und stehe da, weil Traumbilder zu mir – eigentlich zu allen Menschen – nun mal gehören. Beruflich jagt man ihnen oft nach, privat bleibt man einfach kurz stehen, um bald wieder in den Alltag zurückzukehren.

Gestern also war kein Alltag, es war Ikonentag. Und es kam, wie es kommen musste. Der Alltag war stärker. Wir hatten einen guten, bereits leicht abgebauten oder sagen wir zur Zurückhaltung gereiften Barbaresco im Glas. Ausgewogen, sagt man, auch dicht, könnte man noch sagen. Doch die Kraft hat ganz einer Eleganz Platz gemacht, die etwas verwelkt wirkt, zurückhaltend in der so oft zitierten „Barbaresco-Nase“: Waldbeeren, Lakritze, Teer und Rosen. Auch die Rosen sind nicht mehr frisch, haben aber ihre seidige Struktur behalten.

Man sieht, auch mein Umgang mit der Ikone Gaja ist nicht unbeschwert. Habe ich die Patina nun beschädigt oder in ein neues Licht gestellt? Ich überlasse das Urteil anderen, werde nüchtern, sachlich: es war ein gute, gut gereifter, differenzierter, schöner Wein. Mehr nicht. Aber es war ein Gaja.

09. September 2013

 

Château Bécade 1996, Listrac, Médoc, Bordeaux

 

Man vergisst sie gerne, die beiden Appellationen im Médoc, die keinen der 1855 klassifizierten Weine vorweisen können. Listrac und Moulis sind die wenig geliebten Kinder des Médoc, die sich nicht gegen die Krösusse entlang der Gironde durchsetzen können. Clarke – mit dem Haus Rothschild verwandt – vermochte fast als einziges Weingut internationalen Ruf zu erlangen. Doch selbst bei diesem Prestigegut setzt der Erfolg (reputationsmässig) nur zögerlich ein.

Man will nicht wahrhaben, dass es ausserhalb von Margaux, St-Julien, Pauillac und St-Estèphe auch Wein gibt, auch guten. Selbst mit dem Status Cru Bourgeois lässt sich bestenfalls im Genussbereich, nicht aber in der oberen Liga einen Namen machen. La Becade ist ein Cru Bourgeois aus den Rebsorten Cabernet Sauvignon (ca. 60%) und Merlot (40%), also klassisch für das Médoc. Parker hat ihn einmal erwähnt 1994 (mit 74-76 Punkten), Gabriel nimmt ihn nicht zur Kenntnis und Hachette erwähnt nur „Haut de la Bécade“, das bereits in der Appellation Pauillac liegt.

Soll ich nun antreten, um für ihn eine Lanze zu brechen? Nein, sicher nicht, dafür ist der Wein doch nicht gut genug. Es ist – zumindest dieser Jahrgang – ein durchaus akzeptabler „kleiner Bordeaux“, der vieles von dem hat, was den guten Bordeaux auszeichnet; fruchtige Noten, gut eingebundene Tannine, weiche Struktur, am Gaumen etwas Druck und eine akzeptable Länge. Doch aufregend ist er nicht, der Wein. Mir fehlt vor allem die Persönlichkeit. Er tendiert zur Austauschbarkeit, zum schönen Begleiter des Essens.

In Discountern taucht er ab und zu auf, auch die Chinesen haben ihn bereits entdeckt und in den Restaurants kommt er öfters auf den Tisch. Ein Gastrowein? Durchaus, sogar etwas mehr. Ein seriöser Cru Bourgeois, der (leider) ab und zu allzu „dünn“ gerät. Dieser 96er beweist aber, dass er durchaus auch lagerfähig sein kann (wohl bei guten Jahrgängen). Doch über diesen Wein spricht kaum jemand, gerade darum erzähle ich davon.

18. September 2013

 

Château Tertre Rôteboeuf 2005,

Saint Emilion, Bordeaux

 

Jeder und jede WeintrinkerIn hat so seinen oder ihren Lieblingswein. Dies ist meist eine Frage des Geschmacks, der Weinsozialisation oder ganz einfach einer momentanen Stimmung, die nicht selten von den Umständen und dem Ambiente beim Weingenusses abhängig ist. Geglückte Winzerbesucher – wo die Winzerin, der Winzer (oder eine angestellte Person) nicht einfach die üblichen Standartsätze herunterleiert – können viel dazu beitragen, einen Wein wirklich gern zu bekommen. So ist es mir ergangen, bei einem Besuch auf Château Tertre Rôteboeuf, auf einer wunderschönen Terrasse gelegen, mit Blick auf die weiten Rebberge. Eigentlich hatte ich viel gehört, vom eigenwilligen, zielstrebigen, engagierten François Mitjavile und seinen Weinen, die bereits Kultcharakter haben. Mit dem „Kult“ ist es so eine Sache: man lässt sich so gerne – zu leicht – einnebeln von der Magie eines Ortes, einer Person oder gar eines Weins. Obwohl ich mich gern als „kulturellen Menschen“ bezeichne, habe ich meine grossen Vorbehalte gegenüber dem, was rasch und gern einmal zum „Kult“ erhoben wurde. Kommt dazu, dass der charismatische Mitjavile bei dem Besuch auf Tertre-Rôteboeuf (zum ersten Mal seit vielen Jahren, sagte seine Tochter) Urlaub machte. Doch seine Tochter – mit einem Weinhändler verheiratet – hat ihn hervorragend vertreten. Es ging um die Philosophie, die auf diesem Weingut gepflegt wird, um die Natur, um den Respekt und die Sorgfalt, mit der hier gearbeitet wird. Wir standen lange auf der Terrasse und sprachen über den Boden, das Klima, die Reben, die Lage – und noch vieles mehr. Wir verkrochen uns nicht gleich in den Keller oder in ein Degustationslokal, wie das bei den meisten Winzerbesuchen üblich ist. Was ich da gesehen und gehört habe, hat mich überzeugt.

Und dann erst die Weine! Es schien mir, als haben sie die Philosophie des Hauses in sich aufgesogen, als präsentiere sich hier etwas, das keine „technischen Eingriffe“ braucht, sondern aus sich heraus Kraft, Würze, Charakter, Harmonie, Eleganz, sensorische Vielfalt … anzubieten hat. Dabei waren die Weine, die wir verkostet haben, noch sehr jung, noch in der Reifezeit, in der Entwicklung.

Unter meinen vielen Bordeaux hatte ich bis vor drei Jahren noch keinen einzigen Tertre-Rôteboeuf. Er wird auch nicht so oft angeboten, ist recht teuer (um 120 CHF) und die üblichen Werbekampagnen begleiten ihn kaum. Es ist ein Aussenseiter, den man sich vielleicht leistet oder auch nicht. Ich habe mir ihn geleistet und bin froh, ihn jetzt im Keller zu haben. Vor zwei Jahren war der Wein auf Auktionen kaum gefragt – ältere Jahrgänge waren also verhältnismässig noch günstig zu ersteigern. Dies ist vorbei. Tertre-Rôteboeuf ist endgültig Kult. Und Kultweine sind unverhältnismässig teuer.

Jetzt habe ich kurz hintereinander zweimal einen 2005er im Glas. Bisher öffnete ich nur Flaschen aus den Neunzigerjahren. Dieser 2005er ist für das Weingut noch jung, aber kraftvoll, gereift, entwickelt – im besten Alter. Die übliche Frage erübrigt sich: wie lange kann er sich noch entwickeln, wie lange kann man ihn im Keller noch lagern? Eine alberne Frage! Dieser Wein ist auch jetzt schon gut, voll da – vielleicht anders als ältere Jahrgänge – aber ein grosser Genuss. Was will man mehr?

20. September 2013

 

Peter Wegelin: Malanser Weissburgunder 2012, Malans, Schweiz

 

Wann immer ich einen Weisswein im Glas habe, wird mir bewusst, wie sehr wir Weintrinker uns doch auf das sensorische Gedächtnis stützen. Ich bin kein Weissweintrinker, dadurch fehlt mir weitgehend das, was man „inneres Archiv“ nennen kann: Vergleichsmöglichkeiten, Unterschiede, feine Nuancen des Ausdrucks, eigene Normen. Irgendwie bleibt das Urteil – vielleicht sogar der Genuss – im Momentum stecken, etwa so: spricht mich an, gefällt mir, kann ich geniessen – oder eben nicht. Ich bin mir bewusst, dass es weitaus den meisten gelegentlichen Weintrinkern so geht. Was man kennt und einmal für gut befunden hat, ist halt doch letztlich der eigene (meist unbewusste) Massstab. So ergeht es mir beim Weissen.

Die Bündner Herrschaft – dies dürfte auch im Ausland kein Geheimnis mehr sein – ist eine kleine Hochburg des Pinot Noir. Malans ist eine der vier Gemeinden des Bündner Herrschaft, die nördlichste, dort wo die Strasse abzweigt zu den Kurorten Klosters und Davos. In der Bündner Herrschaft werden auch Weissweine ausgebaut, vor allem Chardonnay, Weissburgunder und diverse Rebsorten (aber in kleinen Mengen). Der weitaus grösste Anteil macht aber der Blauburgunder (Pinot Noir) aus, dafür ist die Herrschaft berühmt.

Das Weingut von Peter Wegelin, der Hof heisst Scadenagut, gehört – bis jetzt – nicht zu den klingendsten Namen, seine Weine aber zu den besten. Vor allem die Pinots, die anfänglich eine etwas wilde Note haben, sich aber wunderbar „beruhigen“. Zum ersten Mal habe ich nun Wegelins Weissburgunder im Glas: wunderschöne Noten von Quitten, Haselnuss und Melonen, nicht süss, vielmehr tief aromatisch und – wohl ein Ergebnis der guten Pinot-Lage und dem kalkhaltigen Boden – mit guter frischer Säure.

Nun käme der Vergleich: ist es nun einer der besten Weissburgunder der Herrschaft? Wo steht er – in Bezug auf Qualität – im weltweiten Vergleiche. Kann er sich mit den Elsässern, den Oesterreichen oder gar den Burgundern messen? Ich weiss es nicht (siehe oben). Ist dies aber so wichtig? Ich weiss nur, dass es ein sehr, sehr guter Wein ist. (Preis ca. 22 CHF) Auf der Homepage des Gutes der Vermerk: „leider ausverkauft“, was ich auch gut verstehen kann.

21. September 2013

 

Martha und Daniel Gantenbein:

Pinot blanc 2001, Auslese,

Fläsch, Graubünden, Schweiz

 

Nach dem Weissburgunder von Peter Wegelin nun dieser  süss ausgebaute Pinot blanc von Gantenbein. Elf Jahre älter – fast bin ich versucht zu sagen – und noch kein bisschen müde. Es ist eine Rarität – wie vieles was die Gantenbeins machen – und auf ihrer Website ist er gar nicht aufgeführt. Vielleicht macht der kreative Winzer den Wein so nicht mehr, ich weiss es nicht. Die Flasche, zu der ich durch Freundschaftsbande (nicht direkt mit dem Winzer) gekommen bin, habe ich lange aufbewahrt,  gehütet und jetzt meinen deutschen Weinfreunden vorgesetzt - im Rahmen einer Verkostung von mehr als dreissig Schweizerweinen. Er hat Verwunderung ausgelöst, aber gar nicht eingeschlagen. Ich konnte also den Rest – wohl die halbe Flasche – selber trinken,  in aller Ruhe geniessen. Und ich hab ihn genossen, den Wein. Keine Bonbon-Süsse, keine Botrytisanleihen  , keine flache Eisweinsüsse – ein gradliniger Wein, reintönig kann man vielleicht sagen, Mirabellen, Melonen, Grapefruit, Birnen, Mandarinen… Ich habe unendlich lange – immer und immer wieder – mit der Nase „getrunken“. Auch wenn sich schon ein paar „Alterstöne“ bemerkbar machen, es ist ein wunderschönes Nasenspiel, dem ich gut eine halbe Stunde widme. Nicht genug, da beginnt sie erst, die Beschäftigung mit dem Wein.

Ich bin allein zu Hause, habe Zeit mich einzulassen, ich muss den Wein weder gut finden noch etwas halbwegs Gescheites von mir geben. Ich kann allein in den Wein hineinträumen, so tief wie ich will, so lange wie ich will. Meinen Freunden bin ich unendlich dankbar, dass sie diesen Wein – sagen wir einmal – übersehen haben. So kann ich jetzt sehen, besser sehen.

Und wie immer, wenn man sich mit einem guten Wein länger beschäftigt, gerät man ins Sinnieren, ins Phantasieren (es kann nicht der Alkohol sein, denn der Wein hat nur 9.6%vol). Es muss die Stimmung sein, in die mich der Wein versetzt. Dabei bin ich kein Süssweintrinker, trocken müssen sie sein, auch die Weissen (die Roten ohnehin), möglichst staubtrocken. Doch dieser Wein beflügelt mich, trägt mich weg, mehr als eine Stunde. Wohin? Dieses Wohin ist  wohl das Entscheidende, es kann nicht so einfach beschrieben werden. Es ist kein Produkt des Intellekts. Es ist eine andere Realität, die bei guten Weinen – wenn man sich Zeit lässt und offen ist – ab und zu auftaucht, schemenhaft, vielleicht allzu flüchtig, vielleicht nur einmal. Tut nichts zur Sache, dieses Einmal lohnt sich.

24. September 2013

 

Bron & Rusèval: Sangiovese-Cabernet 2009, Bertinoro- Casticciano, Emilia-Romagna,

 

Wir sassen miteinander auf der Schulbank, in den untersten Klassen, in der Grundschule oder Primarschule, wie man in der Schweiz sagt. Sie heisst Gini und war die Klassenbeste, eine Seconda, ein Kind von Einwanderern aus Italien. Das war für uns spannend, denn sie sprach auch italienisch und redete oft vom Land, aus dem ihre Eltern kamen. Italien, gross, für uns riesig, ein Stiefel, wie wir im Geographieunterricht lernten, geläufiger war für uns aber: es ist das Land, aus dem der Papst kam.

Ich habe Gini später oft wiedergetroffen, denn sie ist im Ort geblieben, wo wir zur Schule gingen. Und sie erzählte immer noch von Italien, immer wieder, von ihrer zweiten Heimat, von den Oliven, für deren Ernte sie nach Italien fährt, von der Landschaft, den Leuten, dem Leben…

Dies alles habe ich zur Kenntnis genommen, den Namen des Dorfes aufgeschnappt, sogar die Region konnte ich einordnen; Modena, Bologna. In Bologna versuchte ich mich sogar im Italienischen – ein paar Wochen lang.

Jetzt aber hat alles, die Erinnerung von einst, das Wissen von heute, eine ganz andere Bedeutung erhalten, eine viel emotionalere, Gini hat einen Wein mitgebracht, aus der Nachbargemeinde ihrer zweiten (oder eben ersten) Heimat. Einen authentischen Wein, wie sie sagt. Es ist ein Beispiel dafür, dass ein Wein nicht einfach Wein ist, sondern eigentlich immer eingebettet ist in eine Geschichte. Bron und Rusèval sind die Spitznamen von zwei Familien, die heute unter dem Namen „Celli“ in Bertinoro einen landwirtschaftlichen Betrieb (mit vielen Reben) und einer Weinkeller führen. 30 Hektaren, dies ist schon ein beachtlicher Betrieb. Dabei stammt auch viel Traubengut aus kleinen Höfen der umliegenden Gemeinden.

Der Wein, den ich ohne Gini wohl nie ins Glas bekommen hätte, ist dunkel, fast schwarz und trotz seiner Farbe und den 14,5 %vol Alkohol sehr fruchtig, beschwingt, warm und wirkt gar nicht schwer. Selbst der modische Cabernet (40%) ordnet sich dem Sangiovese unter. Herkunftstypisch, sagt der deutsche Blogger Dirk Würtz, der Begriff gefällt mir. Nicht ein Wein, der zur Markenidentifikation zurechtgestutzt wird, sondern ein Wein, der in der Gegend verwurzelt ist und – dies bleibt nicht verborgen – beachtliche Qualitäten aufweist.  „For indicazione geogografica tipica“, wie auf der Etikette steht. Ich habe das Gefühl, der Wein hat eben Heimat. Es ist auch die Heimat von Gini, meiner Schulkameradin der frühen Kindheit, ohne die mich dieser Wein wohl nie erreicht hätte. Und dies wäre jammerschade.

 

27. September 2013

 

Cave Gilbert Devayes: Petite Arvine 1995, Flétrie, Leytron en Valais, Schweiz

 

Wer weiss schon was „Flétrie“ ist? Ausser ein paar Weinverrückten und den Wallisern wohl kaum jemand. Wörtlich übersetzt heisst es etwa „Verblichen, Verwelkt“. Im Wallis bezeichnet man eine ganz bestimmte Spätlese als „Flétri“ (weiblich Form: „Flétrie“). Flétriweine werden – wie Beerenauslese oder Sauternes - aus überreifen, rosinenartig getrockneten Trauben hergestellt. Zum Unterschied des Sauternes aber ohne Edelfeule (Botrytis cinerea) und ausschliesslich am Stock getrocknet. Flétriweine werden nur bei günstiger Witterung hergestellt, bei weitem nicht jedes Jahr. Sie haben meist auch recht viel Restsüsse (weit über 45 g/l) und sind ausserordentlich fruchtig und selbst im Alter noch frisch.

Dieser Wein ist aus einer autochthonen Rebsorte gekeltert: Petite Arvine. Im Wallis gibt es nur gerade mal 200 ha davon, fast immer wird er trocken ausgebaut. Der trockene Weisswein hat eine eigene leicht salzige Note, an der man den Petite Arvine leicht erkennen kann. Der süsse Dessertwein ist eher eine Seltenheit, es ist eine Walliser-Spezialität, aber im Alter von doch schon 18 Jahren bereits mit leichten oxydativen Tönen behaftet. Die Altersfähigkeit eines Flétri ist also – so scheint mir – leicht beschränkt, auch wenn der Wein noch immer gut zu geniessen ist.-

28. September 2013

 

Rebverein Hasliberg: Hasliberger 2012, Gamaret, Oberhasli, Schweiz

 

„Wein und Politik“ ist ausgerechnet heute das Thema der monatlich stattfindenden Rallye der Wein- und Genussblogger. Am frühen Morgen habe ich meinen Beitrag ins Netz gestellt und geschrieben „…. es gibt ein System Schweiz auch im Bereich des Weins. Dorfwein oder Stadtwein heisst es und ist nirgends reglementiert, weder im Gesetz noch in Verordnungen. … Es besteht darin, dass fast jede Gemeinde ihren eigenen Wein hat, fast immer privat produziert und (fast) nie mit der poltischen Gemeinde verbandelt. Es sind einfach Reben, die in der Gemeinde wachsen und oft den Namen der Gemeinde tragen. Wird jemand in die Behörde gewählt, sonst wie geehrt, oder hat eine Einwohnerin, ein Einwohner ein biblisches Alter erreicht, ist eine besondere Leistung zu honorieren oder sind Gäste zu empfangen (aus dem Nachbardorf oder gar aus dem Ausland), immer wird ein bestimmter Wein kredenzt, der Gemeinde- oder Stadtwein. Der Name und der Ursprungsort soll glänzen, nicht die Qualität. Typisch System Schweiz.“

Ausgerechnet heute abend – wir sind eingeladen – wird uns ein typischer Gemeindewein serviert, den „Hasliberger“. Niederhasli ist eine Landgemeinde im Kanton Zürich mit knapp 9‘000 Einwohnern und einem eigenen Rebberg auf dem Hasliberg (nicht zu verwechseln mit der Berner Gemeinde Hasliberg bei Interlaken). In Oberhasli (gehört politisch zu Niederhasli) gibt es auch einen „Rebverein“, der (nach eigenen Angaben) als Freizeitvergnügen einen Rebberg bewirtschaftet. „Suchen Sie ein spezielles Geschenk für jemanden der in Oberhasli lebt, gelebt hat oder sonst eine Beziehung zu unserem Dorf oder Reben hat? Dann werden Sie sicher fündig in unserer Rubrik Weinverkauf oder Rebstockpatenschaft.“

Es muss nicht ein „Rebverein“ sein, genauso gut kann es Winzer oder ein grösserer Betrieb sein, der die Weine keltert. Entscheidend ist der Standort der Reben in eine Gemeinde und der damit verbundene Name. „Hinter diesem System verbirgt sich nicht nur Stolz und Selbstbewusstsein, Geschäftssinn und Eigenständigkeit. Mein Fazit: Der Gemeindewein ist auch ein politisches Bekenntnis: „Mischt Euch nicht in fremde Händel“ (Niklaus von Flue, 1417-1487), denn die Weinbranche (nicht nur sie!) wird hier oft als brutaler Kampf um Ansehen, Macht und Marktanteile empfunden. Da bleibt man lieber beim „Gemeindegewächs“, da weiss man wenigstens was man hat. System Schweiz!“

Der Hasliberger ist ein eher leichter Landwein aus einer Rebsorte, die etwa vor 40 Jahren in der Schweiz gezüchtet wurde, weitgehend resistent gegen Rebkrankheiten ist und einen fruchtigen, aromatischen, frischen Wein ergeben kann. Vermarktet wird er – immerhin zu 25 CHF – vor allem in der Gemeinde. Ein Gemeindewein eben, System Schweiz.

05, Oktober 2013

 

Château Poujeaux 1996, Moulis, Bordeaux

 

Ab und zu verspürt man Lust, mit einem einzigen Schlagwort auszukommen und damit viel (oder gar alles) zu sagen oder zumindest zu charakterisieren. Für mich ist der Wein vom Château Poujeaux „Der Zuverlässige“.  Er war es jedenfalls - während mehr als 20 Jahren. Im Jahr 2008 wurde das stattliche Weingut von der Familie Theil verkauft an Matthieu Cuvelier (der bereits Château Fourtet in St-Emilion besitzt). Ob sich dadurch der Stil und die Qualität des Weins wandelt, ob das Weingut vom „Zuverlässigen“ zum „Ausserordentlichen“ (oder so) wird, lässt sich heute noch nicht sagen. Bisher war der Wein – in meiner Wahrnehmung – Jahr für Jahr (fast) von gleicher Qualität. Nicht unbedingt „Spitze“, aber auch nie ein Flopp, nie eine Enttäuschung  – auch in schwächeren Jahren nicht. Man konnte sich auf ihn verlassen. Und dies ist nicht wenig im Bordelais, wo so viel geschoben und gehoben wird, um der aktuellen Geschmacks- Dominanz gerecht zu werden und den alles entscheidenden Punktesegen von den Bordeaux-Gurus zu erlangen. Konstanz ist für mich auch ein Qualitätsmerkmal und erst noch eines der wichtigsten.  Die Qualität liegt eher darin, nicht modisch aufzufallen, sich nicht schreiend anzupreisen, sondern schon fast bescheiden das zu liefern, was man von einem guten Bordeaux erwarten kann: Tiefe, Frucht und Fülle, aber auch Eleganz und eine gewisse Leichtigkeit. Er ist kein Schwerarbeiter, der Poujeaux, kein Muskelprotz: schon eher ein Wein, der sich im Glas und vor allem im Gaumen entfaltet, lange, sehr lange sogar. Auch der Preis zeigt über die Jahre ein gutes Stück Zuverlässigkeit – er schwankt (je nach Jahrgang) zwischen 25 und 40 CHF (2005), für Bordeaux- Verhältnisse eine erstaunliche Konstanz.

08. Oktober 2013

 

Schloss Wackerbarth: Edition Elbflorenz, Rotwein QbA, trocken, Sachsen

 

Meine schon fast sture Gewohnheit an allen Orten, wo ich auf meinen Reisen hinkomme, einheimische Weine zu trinken, stösst oft auf Schwierigkeiten, manchmal in Restaurants sogar auf Unverständnis. Dies passierte mir schon auf meiner Reise durch Saale-Unstrut, jetzt wieder in Sachsen. Dabei logierte ich zu Füssen der Weinberge von Radebeul - mit direkter Sicht auf den wunderschön gelegenen Rebberg. Als Rotweintrinker musste ich mehrmals zum Weissen greifen, wollte ich ein einheimisches Gewächs im Glas haben. Auf meine schon fast empörte Frage nach einem einheimischen Rotwein (auf der Karte waren Beaujolais, Kalifornier, Australier, Italiener aber kein Sachse) erhielt ich zur Antwort: „es sei hier eben ein Weissweingebiet“.
Aber dann gab es – fast zum Schluss des Aufenthalts – doch noch einen trockenen Roten, eben diese Edition Elbflorenz, eine Cuvée aus Dornfelder und Regent vom Schloss Wackerbarth. Es ist wohl nicht gerade das, was ein „anspruchsvoller“ Weintrinker sich zuerst einschenken würde. Doch ich kenne diesbezüglich keine Hemmschwelle, geniesse oft auch gerne, was die „hohe Weinkultur“ – nicht selten zu Unrecht – nicht beachtet oder gar ablehnt, ich habe oft das Gefühl, einzig um zud demonstrieren, dass man ein „echter, ein wahrer“ Weinkenner ist.
„Hier, wo früher Grafen residierten und schon der Hof August des Starken rauschende Feste feierte, begrüßt Sie Europas erstes Erlebnisweingut“, verkündete man mir schon am ersten Tag in der Region von Dresden.  Irgendwie habe ich mich – ich gebe es zu – in den paar Tagen in Radebeul in das Weingebiet von „Elbflorenz – das die Stadt überragt – verliebt, allein schon wegen der schönen Lage. Auch in seine Weine? Für eine gründliche Weintour fehlte leider die Zeit, ich musste bezüglich des Weins mit „Zufallsbegegnungen“ vorlieb nehmen. Zuerst war es ein Goldriesling – eine Rebsorte, die eigentlich nur in Sachsen angebaut wird. Die Bekanntschaft war nicht einfach nur wohlwollend, sondern echt angetan. Eine Spezialität – auch im Geschmacksbild - , die mich rasch erreicht hat, auch beim flüchtigen Genuss.
Doch Sachsen gehört nicht gerade zu den Spitzengebieten in der deutschen Weinszene. Diese Erfahrung habe ich schon vor einigen Jahren auf meiner Sachsentour gemacht. Wohlwollend lese ich in Weinforen etwa: „…da gibt es jetzt ein paar ganz ordentliche Weine…“. Zu viel mehr Kommentar reicht es (leider) nicht. Also sage ich jetzt etwas zu diesem Roten, den ich an einem Bankett vorgesetzt bekam. Ein Bankett-, oder eben ein Gastrowein: fruchtig, nicht aufregend, aber ein guter Begleiter durch den Abend, ein sehr schöner Konsumwein, der nicht aneckt, ist man versucht zu sagen. Auch ein „Konsumwein“ kann aber gut sein, sehr gut sogar; kann Freude bereiten, sehr viel Freude; kann sogar über ein Weingebiet mehr aussagen, als die sogenannten Spitzenweine, die sich an irgend welchen (meist weit wegliegenden) Vorbildern orientieren.
Ich bin dem gastgebenden Veranstalter (keine Weinveranstaltung) dankbar, dass ich den Abend mit dem Wein verbringen durfte: er hatte aller „Gefälligkeit“ zum Trotz ein beachtliches Aromenspektrum, von Kirschen bis zu Mandeln, einen südländischen (mediterranen) Hauch, eine samtene Struktur und viel echte, gut strukturierte „innere“ Wärme, weit weg von der bei Gastroweinen oft festgestellten Langweiligkeit. Ich jedenfalls hatte meinen Spass und kann all jene Restaurants nicht verstehen, die im Bereich des Rotweins rasch und gründlich in die Populärkiste (meist ausländischer Rotweine) greifen. Mit 10 Euro (ab Hof) ist der Wein durchaus auch in gutern Gaststätten konkurrenzfähig.

10. Oktober 2013

 

Château Pichon Comtesse de Lalande 1988, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

Gestern wollte ich mir etwas besonders Gutes gönnen und öffnete eine Flasche, die ich eigentlich für eine Degustation (Vergleich; Comtesse-Baron) weggestellt hatte. Der Vergleich – angeregt von Weinfreund Artur – ist bis heute nicht zustande gekommen. Die Idee entstand nach einem Disput um die Vorzüge der beiden Pichon-Longueville Güter: Wer hat die Nase vorn, der Baron oder die Comtesse? Ich vermute, da wird auch eine Vertikalverkostung keine grundsätzliche Klärung bringen. Es wird vor allem eine Stilfrage sein: was bevorzugt der Bordeaux-Trinker, den eher straffen, prägnanten, konzentrierten Baron oder die eher weichere, etwas differenzierte, aber auch diffusere Comtesse?

Die beiden Weingüter waren bis Mitte 19. Jahrhundert vereint, dann begann – wie so oft: durch Erbteilung  – die friedliche Konkurrenz der beiden Châteaux, die den Rang eines Deuxième grand cru classé haben. Vor bald zwanzig Jahren wurde Pichon Baron an den Versicherungskonzern AXA verkauft, während die „Generalin“ von Pichon Lalande, Eliane de Lencquesaing, ihre Mehrheitsaktien 2007 an das Champagnerhaus Roederer verkauft hat. Baron wurde von AXA mit grossen Investitionen zum eigentlichen Prestige-Gut aufgebaut, während es um die Comtesse eher ruhig geworden ist. Doch die letzten Jahrgänge können sich sehen, beziehungsweise trinken lassen.

Der 1988er entstand aber noch vor der rasanten Entwicklung, welche die Weingüter in den letzten gut zehn Jahren erfasst hat. Es ist ein klassischer Bordeaux, der sich langsam von der Kriese der 70er und beginnenden 80er Jahren erholt. Die Pichon-Weine haben – für das Linke Gironde-Ufer eigentlich untypisch – einen verhältnismässig hohen Merlot-Anteil (meist über 30%) und sind daher – zumindest sie waren es früher – ziemlich abhängig von den Wetterbedingungen. Der Merlot ist frühreif und auch anfällig für Mehltau. Wenn die Witterung nicht stimmt und zum Beispiel den den späteren Cabernet begünstigt, dann hatte Pichon Lalande Mühe. Dies war offensichtlich der Fall im Jahr 1988.

Der grosse Namen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Wein weit unter den Möglichkeiten des Châteaux liegt. Er hat jedenfalls die 25 Lagerjahre nicht gut überstanden. Zwar ist er noch gut trinkbar, etwas dünn und gezerrt in den Tanninen, diffus selbst im kleinen Rest an Frucht, er hat ein offenes aber entleertes Bukett und wenig Würze. Einer der schwächsten Pichon Comtesse, die ich je getrunken habe.

Es wurde also wenig aus dem „Mir-zu-liebe tun“! Da hilft auch nichts, dass Parker den Wein ursprünglich mit 90 Punkten bedachte und auch nicht, dass eine Flasche heute zu rund 100 Euro gehandelt wird. René Gabriel meint da etwas sarkastisch: „Ein Hoch auf die Etikettentrinker“.

10. Oktober 2013

 

Château Beau-Séjour Bécot 1996, Saint Emilion, Bordeaux, Frankreich

 

Endlich wieder einmal habe ich einen Bordeaux im Glas, der so richtig Spass macht. Kein Mäkern, keine Vorbehalte, keine „Ja, aber“, ganz einfach viel Genuss, viel Freude. Es ist das Jahr des Wiederaufstiegs des stolzen Weingutes, das zehn Jahre zuvor deklassiert worden ist. Just in diesem Jahr war ich auf dem Weingut zu Gast. Man spürte die Genugtuung, dass die als ungerecht empfundene Abstufung vom Premier Grand Cru Classé B zum Grand Cru Classé ausgebügelt werden konnte. Es ging ja damals, 1985, nicht um Qualität, sondern um regelwidrige Zukäufe - respektive Integration - von weiterem Rebland mit einer niedrigeren Klassifikation. Bordeaux-Politik! Ich habe den alten Patron Michél Bécot noch erlebt, wie er vorsorglich sein grosses Gut an die Kinder weitergegeben hat, aber so, dass das Château nicht nochmals – wie hundert Jahre zuvor (damals in Château Beau-Séjour Bécot und Beauséjour Duffau-Lagarrosse) – geteilt werden musste und trotzdem alle Kinder gleichmässig bedacht werden konnten. Der Weinkeller war damals neu und Vater Bécot erzählte uns von seinen Anliegen: Bewahrung der Tradition und Verwirklichung neuer Ideen. Ich hatte den Eindruck eines „verschmitzten alten Herrn“, der genau weiss, was er will und „mit allen Wassern gewaschen ist“. Seine Söhne, Gérard und Dominique haben damals bereits die Leitung übernommen. Ich war auch überzeugt von den neuen Jahrgängen, und ich habe seither immer wieder (fast jedes Jahr) Beau-Séjour Bécot subskribiert und eingelagert. Eine emotionale Bindung an das Château, verknüpft mit Anerkennung der Qualität der Weine haben dazu geführt. Ich werde gelegentlich wohl eine Verkostung der Jahrgänge – ich besitze auch noch ein paar ältere – organisieren. Jetzt aber – nachdem der 95er ausgetrunken ist – habe ich erstmals den 96er geöffnet und… ich bin begeistert. Was sich damals als guter, aber sehr konzentrierter, fast bombastischer Wein präsentierte (nicht meine bevorzugte Bordeaux-Art), hat sich toll entwickelt und eine Harmonie gefunden, die mir gefällt und mich überzeugt. Nein, es ist nicht jener „grosse Wein“, den sich die Gebrüder Bécot vielleicht gewünscht (oder angestrebt) hatten, dafür ist es eine kleine, tiefwirkende, wunderschöne Trouvaille. Ein Wein, der nicht Aufsehen erregt, sondern mit seinen gut erhaltenen und integrierten Fruchtaromen punktet, genauso wie mit seiner weichen, fülligen Art. Ich sehr bin zufrieden, dass ich fast 18 Jahre gewartet – und daran geglaubt - habe.

15. Oktober 2013

 

Domaine Plouzeau: Château de la Bonnelière 2009, Chinon, Loire, Frankreich

 

Da war ich doch vor drei Jahren auf dem Bio-Weingut Rive Gauche in Chinon – damals berichtete ich im Magazin und im Forum von Wein-Plus über die Reise – und setzte mich mit den Loire-Weinen etwas eingehender auseinander. Der Vorwurf damals von engagierten Weinfreunden: ich hätte nicht die Spitze der Loire-Winzer besucht, sondern fast willkürlich das eine oder andere Weingut herausgepickt. Dies mag richtig sein, doch mein Anliegen ist es eigentlich immer, möglichst breite Erfahrungen in den verschiedenen Weingebieten zu sammeln und nicht nur die Weine, auch das kulturelle Erbe und die Traditionen kennen zu lernen. Damals nahm ich diese Flasche mit, gekauft -unten - in der Berghöhle, auf der die imposante Ruine des Burg Chinon steht, dort wo einst Jeanne d’Arc den König überzeugt hat, Orléans militärisch zu Hilfe zu kommen.

Zwei Dinge haben mich am Wein und am Weingut fasziniert: der geschichtsträchtige Ort und die konsequente biologische Produktion. Ich weiss, dies sind nicht die Dinge, auf die Weinfreunde in der Regel „abfahren“. Da sind klingende Namen und jeglicher Punktesegen viel wichtiger.

Doch ganz so danebengegriffen habe ich nicht. Die „Revue du Vin de France“ hat genau diesen Wein und diesen Jahrgang besonders ausgezeichnet, auch wenn er nicht mehr als 16/20 Punkten erreicht hat. Es ist ein ausgezeichneter Wein, der jetzt – nach vier Jahren – wunderschön zu trinken ist: noch frisch, fruchtig und elegant, trotz (oder gerade wegen) seines Alters. Für mich klingt darin die Herkunft – die Loire – nicht nur an, sie dominiert das Weinerlebnis. Weit weg von der immer häufigeren (künstlichen) Konzentration und einem gefälligen Tanningerüst.

Irgendwo habe ich gelesen, der Cabernet Franc sei eben nur der kleine Bruder des Cabernet Sauvignon und längst nicht von der gleichen edlen Würde. Welch ein Unsinn! Sie sind zwar tannin- und säureärmer, verfügen dafür über intensive Fruchtaromen: schwarze Johannisbeeren, Erdbeeren und Himbeeren bis hin zu Kaffee-, Schockoladen und Tabaknoten. Dies alles aber viel hintergründiger als beim Cabernet Sauvignon und die Aromen werden auch nicht in einer Assemblage erstickt – oder wie meist gesagt wird: verfeinert.

Nein, dieser Wein steht zu seiner Herkunft, zu seiner Natur. Und er hat sich selbst über vier Jahre gut erhalten, ja verfeinert. Ich meine, ich bin doch im richtigen Keller gelandet. Und es ist eigentlich egal, wie viel von meinen Empfindungen für diesen Wein rein geschmacklicher Natur ist und wie viel auch der Mythos ausmacht, von entstanden zu sein, wo einst Könige residiert haben und Rabelais markige Worte fand um aktiv in die konfessionelle Politik von damals (vor den Religionskriegen) einzugreifen. Kulturgeschichte – auch wenn sie nicht im Zusammenhang mit dem Wein stehen – gehört eben auch ganz wesentlich zum Charakter einer Weinregion und ihrer Weine.

15. Oktober 2013

 

Château Giscours 1967, Margaux, Bordeaus

 

Altweintrinker schrecken vor nichts zurück, schon gar nicht von alten Weinen. Da habe ich einen „alten“ Giscours im Glas, von einem – um es gelinde auszudrücken – eher schwachen Jahrgang, einem Weingut, das zwar gute, aber nicht Spitzenweine macht und erworben vor Jahren in einer Auktion, bei der ich nicht weiss, wie und wo der Wein gelagert wurde. Einzig der Füllstand, top shoulder, lässt hoffen.
Es ist ein Altwein, sicher – Fruchttrinker können da wohl nur Spucken, ich versuche zu trinken. Der erste Eindruck: etwas bissig, im Gehalt etwas flach, sogar ein Anflug an Fischgeschmack kommt auf. Schrecklich werden nun viele sagen, im ersten Augenblick liegt mir dies auch auf der Zunge. Muss ich mir dies antun? Kaum aber ist der Wein ein paar Minuten an der Luft, entwickeln sich Aromen, die nicht einfach nur interessant, sondern durchaus zu geniessen sind. Die stechende Säure tritt in den Hintergrund und macht Kümmelnoten, Hagenbutten und weiss ich nicht wie vielen Küchenkräutern Platz. Sie verbinden sich  zu einer kleinen, zugegeben leisen, Symphonie, die den ganzen Abend hindurch gleichsam im Hintergrund erklingt.
Es ist ein Wein zum sinnieren, nicht unbedingt zum geniessen. Man kann ihn noch trinken und er ist – für einen Altwein sogar gut erhaltenen und erst noch „preiswert“ (ca. 40 €). Ich begreife jeden, der dafür nicht so viel zahlen würde. Altweintrinken ist eben eine Liebhaberei – mitunter sogar eine recht kostspielige und zudem mit grossen Risiken verbunden. Nicht jeder alte Wein – auch aus der Spitzenklasse – hält nämlich das, was er verspricht. Dieser Giscours hat – meine ich – nichts versprochen, aber viel gehalten. Ich glaube sogar, es war eine Flasche aus einem sogenannten Mischlot (einer Zusammenstellung von weniger hochwertigen Weinen), wie sie an Auktionen häufig angeboten werden. Gekauft habe ich den Wein sicher nicht wegen dieser Flasche, erhalten habe ich dafür ein Geschenk. Sicher habe ich den Wein nicht gesucht. Gefunden habe ich aber einen schönen, alten, etwas verblassten und doch recht sinnlichen Altwein, der den Abend zum kleinen Erlebnis machte.

21. Oktober 2013

 

Château Gruaud Larose 1986, Saint Julien, Bordeaux, Frankreich

 

Auf einer Auktion würde es etwa heissen: „Etikett befleckt“, und kein Händler würde mehr zuschlagen. Dafür privat Käufer, die nicht Etiketten sammeln, sondern gern gute Weine trinken. So bin ich wohl vor Jahren zu dieser Flasche gekommen und sie hat mir auch jetzt wieder viel Freude gemacht. Ein reifer, weicher, tiefer, schwer zu ergründender, sogar kräftiger Wein, der allerdings seine Verschlossenheit und seine Kantigkeit längst hinter sich gelassen hat. Robert Parker hat einst gefragt (frei übersetzt): „Angesichts der enormen Struktur, der beeindruckenden Konzentration und den massiven Tannine muss man sich fragen, wann dieser Wein trinkreif sein wird…. für viele ist dies ein Wein, den man für die Kinder in den Keller legt.“ Und das „Genussfenster“ legt er in die Jahre zwischen 2000-2030. Da bin ich aber gar nicht sicher, denn der Wein – meine ich – ist jetzt trinkreif und ich fürchte, er hält nicht das Versprochene nicht bis 2030. Nun – dazu brauche ich mir aber keine Sorgen mehr zu machen. Zumindest diese Flasche ist weg, getrunken, genossen, bewundert… Wenn ich so frühere Beurteilungen durch sehe (auch meine eigenen!) hat sich doch – trotz der guten Prognosen – einiges verändert. Zum Beispiel ist die für das Weingut (und die Appellation) so charakteristische Cabernet Note weitgehend verschwunden, aufgesogen von den Anklängen an Gewürze, Lakritze, Pflaumen, Rauch, Zimt, Trüffel…

Etwas scheint mir wichtig zu sein: Man muss den Wein lange dekantieren, länger, als ich dies getan habe. Er braucht, dies habe ich erst gegen Schluss der Flasche so richtig erkannt, ordentlich Luft – weniger um seine Verschlossenheit aufzubrechen (er ist bereits weich und rund!), sondern um jene Noten aus der Tiefe zu holen, die er allzu gerne bei sich behält und mitnimmt in seine Wohlerzogenheit und Artigkeit, denn auch ohne volle Entfaltung ist es ein grossartiger Wein, wie er nur alle paar Jahre geschaffen wird, zum Beispiel 1982, 1990 und vielleicht noch 2000, bei den jüngeren Jahrgängen (2005, 2009,2010) wage ich noch keine Prognose.

Und noch etwas: es ist kein lauter, eher ein stiller Wein, ein Wein, der zur Stille und Besinnlichkeit anregt, der nach innen wirkt, weniger nach aussen, der – in meinem Fall – zu zarten Schweinsfilets (mit leichter Paprikasauce) passt und mich – im Nachklang – bis ins Bett begleitet hat, bis hinein in den Schlaf, vielleicht sogar in den Traum. Doch dies ist ein anderes Kapitel.

25. Oktober 2013

 

Bürgerspital Würzburg: Würzburger Pfaffenberg, Riesling 2009, Kabinett, feinherb, Franken, Deutschland


Natürlich im Bocksbeutel, verziert mit dem Wagner Festspielhaus von Bayreuth. Ein spezieller Wein, der mir hier eingeschenkt wurde - von einem Wagnerfan. Zum Aperitif etwas mastig, wenn auch elegant, finessenreich süss, mit einem feinen Süsse-Säure Spiel. Es geht da – in diesen Moment – vor allem um Richard Wagner und das Festspielort Beyreuth und weniger um den Wein. Und doch: der Wein kann durchaus mit der Wagnerkultur mithalten. Zwar will die leichte Süsse nicht so recht zu Wagners gefühlten, inhaltsschwangeren Musik passen und eine Götterdämmerung ist er auch nicht. Aber ein Wein, der die Harmonie so sehr betont - und das tut dieser Riesling - passt alleweil zu Wagner. Doch ich wage mich bei der Musik – und schon gar nicht bei der eingeschworenen Wagnergemeinde – nicht auf Äste hinaus. Zudem bin ich kein Liebhaber feinherber Weine, obwohl ich ihre Qualität durchaus anerkenne und schätze. Doch allein schon die herrliche Lage der Weinberge des Bürgerspitals und natürlich die Geschichte des traditionsreichen Weinguts – inklusive der sauberen, perfekten Vinifizierung – wecken immer wieder mein Interesse. Und wenn ich gar auf der Homepage des Weinguts die folgende anekdotische Geschichte lese, bin ich nicht nur versöhnt mit Wagner und dem Wein, ich bin sogar begeistert, dass Wein immer wieder Träger von Geschichten und Kultur sein kann: „Zunächst dienen die Weine zur Versorgung des eigenen Bedarfs. 1598 bekommen die Spitalbewohner, Männer wie Frauen, täglich ein Maß - 1,22 Liter - Wein. Verhalten sich die Bewohner unbotmäßig, mischt ihnen das Spital zur Strafe Wasser in den Wein. Gehen die Ungehörigkeiten gar zu weit, wird die Weinration gestrichen - ein drakonischer Denkzettel. Bald finanziert das Bürgerspital aus den Reberträgen, der Landwirtschaft und der Vermögensverwaltung seine wohltätigen Unternehmungen.“ Doch das heutige Bürgerspital beruhigt uns sogleich: „Obrigkeitliche Strenge gibt´s zum Glück schon längst nicht mehr. Das Bürgerspital ist ein Ort für junge und alte Genießer“. Ich gehöre schon zu den älteren Geniessern, aber durchaus zu den Geniessern. Auch bei diesem Wein. Sein leichter Aprikosen- und Pfirsichhauch, die Typizität (welch Modewort!) eines Rieslings und die unaufdringliche, leichte Süsse vermag ich durchaus zu schätzen und anerkennen. Jedenfalls hat der Wein unsere Gespräche – nicht (nur) über Wagner – wunderbar beflügelt. Was kann man mehr von einem Wein erwarten?

27. Oktober 2013

 

Château Plince 1989, Pomerol, Bordeaux, Frankreich

 

Ein zuverlässiger, aber kein grosser Wein. Ein Pomerol – aus der Bordeaux-Appellation mit den teuersten Weinen – der einfach nicht aufrücken kann, zu den ganz grossen, obwohl in den letzten Jahren tüchtig in das Weingut investiert wurde, in den Anbau der Reben, in den Keller, in die Vinifikation. Die Familie Moreau – welche bis 1997 auch das Château Clos l’église besass – hat viel in das grosse Weingut – es ist mit rund 9 ha eines der grössten in Pomerol – investiert. Dass der Wein in keinen – auch nicht bei den letzten Jahrgängen – es nicht auf 90 (und mehr) Parker-Punkte brachte, erstaunt eigentlich. Parker meint, dass die Lage (der Boden) dies nicht zulasse, dass das Potential ausgeschöpft sei. Es grenzt zwar an ein Sakrileg, wenn man Parker widerspricht. Ich tue es trotzdem: Das Weingut liegt zwar im Süden der Appellation, unweit von Libourne, und hat ziemlich sandigen Boden. Dies sei (sagt man) nicht das Terroir, wo die grossen Weine entstehen. Petrus und Co. liegen weit nord-östlicher, viel näher bei Saint-Emilion. Ist dies der Grund für die eher bescheidene Anerkennung der Weine von Plince, denn an den Anstrengungen (und am Können) auch hier einen Spitzenwein zu machen, kann es nicht liegen?
Der 1989er – ein guter, meist unterschätzter Jahrgang – gehört noch in die „alte“ Ära des Weinguts, bevor die grossen Erneuerungen im Weinberg und Keller kamen. Es ist aber auch die Zeit des Umbruchs in Bordeaux; in den 90er Jahren begann man (fast überall im Bordelais) konsequent mit entscheidenden Massnahmen zur Qualitätssteigerung: Ertragsreduktion, technische Hilfsmittel im Keller (wie zum Beispiel: Konzentrator, computergesteuerte Regulierung der Temperatur etc.), konsequente Bepflanzung in den Rebbergen, sorgfältige Lese etc. Der 89er gehört in diesem Sinn noch zu den „echten“, traditionellen Bordeaux-Jahrgängen, vor allem bei jenen Châteaux, die (noch) nicht zu der Spitze gehören (auch preislich nicht), in denen man erst später mit der Erneuerung begann.
Deshalb ist für mich dieser Plince ein interessanter Wein, der unheimlich viel zu seiner Herkunft zu sagen hat. Er ist recht persönlich und kräftig und auch – nach bald 25 Jahren – noch fruchtig. Man spürt zwar noch die Ecken und Kanten des Wein. Er war wohl nie der eleganteste – aber er hat sich gut erhalten, wie sich ein Bordeaux aus jener Zeit, der nicht auf Langlebigkeit ausgelegt ist – eben erhalten kann: nämlich gut, sehr gut sogar, aber offenbar nicht den heutigen Ansprüchen gemäss, nicht von jener Konzentration, Raffiniertheit und Eleganz, die man heute erwartet. Vielleicht ein einfacher Wein – mag sein – aber immer noch mit Fülle und Präsenz bis in den verführerischen Abgang hinein. Eigentlich eine Überraschung und ein Beweis, dass es nicht am Terroir liegen kann, vielmehr wohl an der Vorstellung, wie ein Bordeaux aus Pomerol sein muss.

28. Oktober 2013

 

Château Talbot 1990, Saint-Julien, Bordeaux, Frankreich

Es war einmal! Was ist davon geblieben? 1990 war ein ausgezeichnetes Bordeaux-Jahr. Es rundete die guten 80er Jahre (1982, 1986, 1989) ab und blieb gut 10 Jahre lang eine Ausnahmeerscheinung. Es folgten dann – eigentlich bis 1995 – eher problematische oder „magere“ Jahre. Erst das Jahr 2000 – begleitet von der Jahrtausendwende – brachte die Kritiker wieder ins Schwärmen.

Es blieb noch etwas: die Freude am damaligen Preis. Die Flasche kostete einst – im Fachgeschäft und nicht beim Discounter – 20 Franken. Dann (ab 1997) ging es erst so richtig los - im Bordelais. Der Talbot 2000 (mit dem 1990er durchaus vergleichbar) kostete bereits das Dreifache. Dabei ist Châteaux Talbot (bis heute) bei einer vertretbaren Preispolitik geblieben. Selbst als 2009 die Bordeaux-Preise explodierten, ist Talbot bei seinen ca. 50 Franken geblieben. Ein stolzer Preis, zugegeben, doch angesichts der Preispolitik im Bordelais (ein Premier Cru kostete in diesem Jahr rasch einmal 1000 Franken und mehr) durchaus vertretbar (marktkonform!). Talbot ist – das muss gesagt sein – kein Premier Cru (ein Quatrième), eher ein populärer Wein (Talbot ist mit mehr als 100 ha ein sehr grosses Weingut), der auch mal im Discounter anzutreffen ist. So weit und so viel – wieder einmal – zur Preispolitik.

Doch was ist sonst noch geblieben? Viel interessanter ist der Wein selber, seine Qualität, seine Präsenz, 23 Jahre später. Es ist geblieben: ein toller Wein. Oder ist er es in den 23 Jahren Lagerdasein erst geworden? Ich weiss es nicht, denn mit dem Jungsporn Talbot (in den ersten fünf Jahren) ist er nicht vergleichbar. Da ist heute etwas ganz anderes in der Flasche. Parker attestierte ihm damals: „Extremely sexy, soft, supple and opulent.“ Nein, das ist er nicht (mehr). Sein Alter kann er nicht verleugnen, seine üppige Frucht ist eher in Dörrobst eingegangen, und seine Geschmeidigkeit in eine tiefe, wohlige Wärme, ja Geborgenheit.

Es sind Geschmackserlebnisse, die nur ein gereifter Bordeaux geben kann. Den massigen Körper hat er abgestreift, dafür ein Strauss von Gewürznoten aufgesogen. Er gibt diese grosszügig her, umgeben von Waldhumus, der Zederndüften und einem markanten Rest von schwarzen Johannisbeeren, nicht zu übersehen die Heidelbeernoten und… Es ist nicht ganz einfach, einen gestandenen, reifen Wein adäquat zu beschreiben. Als „Altweinlieber“ gerät man gerne ins Schwärmen. Vor allem dann, wenn es nicht um einen der üblichen grossen Weine geht, die der Altweintrinker – gelegentlich mal - im Glas hat, vorwiegend in Kleinstmengen bei Degustationen. So quasi als Bestätigung: wie einmalig und schön ist doch das Alter, oder: es hat sich gelohnt, zwanzig, dreissig, ja fünfzig und mehr Jahre zu warten!

Nein, dieser Talbot ist kein Degustationswein. Er will ins Glas kommen. Er will getrunken werden. Auch an einem „gewöhnlichen“ Sonntagabend. Denn er ist das, was man einen reifen, runden, charakteristischen Bordeaux nennen kann. Daran mag ich – angesichts des erlebten Genusses – nichts bemängeln, obwohl man durchaus der Ansicht sein kann, dieser Wein sei „vorbei“ (drastische Bewertung von René Gabriel). Vorbei ist für mich – leider – nur das gestrige Talbot-Erlebnis. Schade.

29. Oktober 2013


Châteaux Pape Clément 1997, Pessac-Léognan, Bordeaux, France

 

Es ist wohl das interessanteste, spannendste Weingut in Bordeaux überhaupt, nicht nur durch seinen geschichtlichen Hintergrund - auch in Bezug auf den heute auf diesem Château gemachten Wein. Es gehört Bernard Magrez, „dem Mann mit 40 Châteaux“, wie „Paris Match“ einmal schrieb. Ob es 40 Weingüter (in aller Welt) sind, weiss ich nicht. Im Bordelais jedenfalls sind es einige mit, auch solche mit stolzen Namen: La Tour Carnet, Fombrauge, Clos Haut-Peyraguey und natürlich Pape Clément, das Prunkstück unter seinen Besitzungen.
Allein schon dieser Multimillionär Magrez, mit einer Tellerwäscher-Karriere und einem unwiderstehlichen Charme, wäre eine Geschichte wert. Ich hatte das Glück, ihn als Tischnachbar an einem Abendessen in Bordeaux kennen zu lernen. Wir sprachen über Kunst und Kultur, über Bordeaux und das Leben. Dann hat er mir ein mehrbändiges Buch empfohlen (längst vergriffen), das mir alles über die Reben und den Wein fundiert und richtig beibringen könne, gleichsam ein Katechismus des Weins. Er gab mir auch noch die Adresse des Antiquariats an, wo ich es erstehen könne. (Ein Wink mit dem Zaumpfahl!). Am andern Tag standen wir im Antiquariat!
Das Weingut selber, das „älteste kontinuierlich bewirtschaftete Weingut der gesamten Gegend von Bordeaux“, gehört zu den schönsten Weingütern im Bordelais. Es lag einst am Rande der Stadt, heute ist es – so der Eindruck bei einem Augenschein – eigentlich schon mitten drin, in der Stadt, eine Oase, umgeben von Häusern, Hochhäusern, städtischem Leben (ähnlich wie die Haut-Brion Güter). Hier wird einer der ganz grossen Weine des Bordelais gemacht.
Was mich aber noch weit mehr als die Lage des Weins, als der Besitzer, ja selbst als der Wein fasziniert, das ist die Historie des Châteaux. Papst Clemens V. – ja, jener von Avignon – erbte als Bertrand de Got, Kind einer alten Winzerfamilie, den Hof. Er selber hat hier nie Wein gemacht, denn er wurde Priester, dann Bischof, Kurienkardinal und schliesslich Papst. Clements V. Er schenkte das Gut dem Bistum Bordeaux, das daraus ein Mustergut machte und ihm den Namen des Donators gab: Châteaux Pape Clément.
Der Papst, der nicht in Rom sondern in Avignon regierte, war ein enger Freund des franzöischen Königs Philipp IV., des Schönen. Er wurde erst nach 11monatigem Konklave zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt und verlegte 1303 seine Residenz nach Avignon, wo fortan sieben Päpste regierten. Kurz nachdem der Papstsitz wieder nach Rom zurückkehrte, wurden sogar zwei Päpste gleichzeitig gewählt, was zum „Abendländischen Schisma“ und fast 40 Jahre dauerte. Auch in dieser Zeit residierte zeitweise ein Papst in Avignon.
Genug der Geschichte – im Detail wäre sie unheimlich spannend – vor allem während des mächtigen Pontifikats von Cléments V. Also zurück zum Wein, der noch heute seinen Namen trägt und (Wortlaut: Magrez) „ein Ausnahmewein ist“. Wie es alle Weine von Magrez sind, andere würden sie eher als Garageweine bezeichnen. Nur das Stammgut, Pape Clément, ist kein Garagewein, schon eher ein Ausnahmewein, einer der feinsten, nuanciertesten Wein, in denen sich Eleganz und Kraft aufs herrlichste verbinden. Diesen 97er – eigentlich habe ich alle 97er längst getrunken – habe ich für eine Verkostung (vertikal oder horizontal) aufbewahrt, nun ihn aber doch eingeschenkt. Noch immer hat er ein würziges Bukett mit unglaublich vielen, sich langsam entwickelnden Aromen: von Pflaumen, über Tabak bis Kirschen. Alles aber sehr dezent – einige würden sagen: filigran, zu filigran. Für mich ist es aber der Hintergrund für ein leises, angenehmes, prägnantes, sinnliche Weinerlebnis. Schade ist dieser 97er nun weg!